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N. LENIN G. SINOWJEW
GEGEN den STROM
Aufsätze aus den Jahren 1914—1916
1921
Verlag der Kommunistischen Internationale
Auslieferungsstelle für Deutschland:
Carl Hoym Nadif. Louis Cahnbley. Hamburg.
?3f
Autorisierte Übersetzung
von Dr. FRIDA RUBINER
INHALTSVERZEICHNIS
(Chronologisch geordnet)
Seite
Vorwort VII
Statt einer Vorrede IX
1. G. SINOWJEW. Gegen den Strom („Sozialdemokrat" Nr 32) 1. XL 1914 . . 1
2. N. LENIN. Lage und Aufgaben der Sozialistischen Internationale („Sozial-
demokrat" Nr. 33) 1. XL 1914 2
3. G. SINOWJEW. Der Krieg und die russische Sozialdemokratische Arbeiter-
fraktion („Sozialdemokrat" Nr. 34) 5. XII. 1914 7
4. Derselbe. Die Parole der revolutionären Sozialdemokratie („Sozialdemokrat"
Nr. 34) 5. XII. 1914 10
5. N. LENIN. Eine deutsche Stimme über den Krieg („Sozialdemokrat" Nr. 34)
5. XII. 1914 15
6. G. SINOWJEW. In Menschikows Spuren („Sozialdemokrat" Nr. 34) 5. XII. 1914 16
7. Derselbe. Ein wichtiges Dokument („Sozialdemokrat" Nr. 34) 5. XII. l n 14 . . 18
8. N. LENIN. Der tote Chauvinismus und der lebende Sozialismus („Sozial-
demokrat" Nr. 35) 12. XII. 1914 20
9. Derselbe. Internationale und Vaterlandsverteidigung („Sozialdemokrat" Nr. 35)
12. XII. 1914 25
10. Derselbe. Ueber den Nationalstolz der G^oßrussen („Sozialdemokrat" Nr. 35)
12. XII. 1914 30
H. Derselbe. Was nun? („Sozialdemokrat" Nr. 86) 12. XII. 1914 83
12. G. SINOWJEW. Nicht-Helden („Sozialdemokrat" Nr. 36) 12. XII. 1914 ... 39
13. Derselbe. 9. Januar 1905—9. Januar 1915 („Sozialdemokrat" Nr. 37) 1. IL 1915 41
14. N. LENIN. Die russischen Südekums („Sozialdemokrat" Nr. 37) 1. IL 1915 . . 42
15. G. SINOWJEW. Der „Fall" Weyl und die deutsche Sozialdemokratie („Sozial-
demokrat" Nr. 37) 1. IL 1915 47
16. Derselbe. Das Studententum auf den Knien („Sozialdemokrat" Nr. 37) 1. IL 1915 48
17. Derselbe. Weiteres zur Wendung Martows („Sozialdemokrat" Nr. 37) 1. IL 1915 49
18. Derselbe. Der Krieg und das Schicksal unserer Befreiung („Sozialdemokrat" Nr 38)
12. IL 1915 51
19. Derselbe. Marodeure („Sozialdemokrat" Nr. 39) 3. III. 1915 57
20. N. LENIN. Wie Polizei und Reaktionäre die Einheit der deutschen Sozialdemo-
kratie beschützen („Sozialdemokrat" Nr. 39) 3. III. 1915 64
21. Derselbe. Ueber die Londoner Konferenz („Sozialdemokrat" Nr. 39) 3. III. 1915 66
22. Derselbe. Was hat das Gericht über die Russische Sozialdemokratische Arbeiter-
fraktion bewiesen? („Sozialdemokrat" Nr. 40) 29. III. 1915 67
23. Derselbe. Anläßlich der Londoner Konferenz („Sozialdemokraf'Nr. 40) 29. III. 1915 72
24. Derselbe. Zur Illustration der Losung des Bürgerkrieges („Sozialdemokrat" Nr. 40)
29. III. 191T. 74
25. G. SINOWJEW. Die Maifeier der Bourgeoisie („Sozialdemokrat" Nr. 41) 1. V. 1915 75
26. N.LENIN. Sophismen der Sozialchauvinisten („Sozialdemokrat" Nr. 41) 1. V. 1915 78
27. Derselbe. Die Frage nach der Vereinigung der Internationalisten („Sozialdemokrat"
Nr. 41) 1. V. 1915 81
28. Derselbe. Bürgerliche Philantropen und die revolutionäre Sozialdemokratie
(„Sozialdemokrat" Nr. 41) 1. V. 1915 84
29. G. SINOWJEW. Ueber die .Amnestie" und ihre Propheten („Sozialdemokrat"
Nr. 42) 21. V. 1915 . . . 86
30. N. LENIN. Zusammenbruch des platonischen Internationalismus („Sozial-
demokrat" Nr. 42) 21. V. 1915 91
31. G. SINOWJEW. Die deutsche Sozialdemokratie und die künftige Internationale
(„Sozialdemokrat" Nr. 42) 21. V. 1915 95
32. N. LENIN. Ueber den Kampf mit dem Sozialchauvinismus (Beilage zum „Sozial-
demokrat" Nr. 42) 1. VI. 1915 101
33. Derselbe. Ueber die Niederlage der eigenen Regierung im imperialistischen Kriege
(„Sozialdemokrat" Nr. 43) 26. VII. 1915 105
34. Derselbe. Ueber die Sachlage in der russischen Sozialdemokratie („Sozialdemokrat"
Nr. 43) 26. VII. 1915 109
35. G. SINOWJEW. Wie Vandervelde mit dem Fürsten Kudaschew die öffentliche
Meinung der russischen Sozialisten bearbeitete („Sozialdemokr. " Nr. 43) 26. VII. 1915 113
Seite
36. Derselbe. Pazifismus oder Marxismus („Sozialdemokrat" Nr. 44) 23. VIII. 1915 115
37. N. LENIN. Ueber die Losung der Vereinigten Staaten Europas („Sozialdemokrat"
Nr. 44) 23. VIII. 1915 123
38. G. SINOWJEW. Seiner Majestät höchsteigene Sozialdemokraten („Sozial-
demokrat" Nr. 44) 23. VIII. 1915 126
39. N. LENIN. Der Zusammenbruch der II. Internationale („Kommunist" Nr. 1/2) 1915 129
40. G. SINOWJEW. Die russische Sozialdemokratie und der russische Sozial-
chauvinismus („Kommunist" Nr. 1/2) 1915 171
41. Postscriptum. Ueber eine Erfindung Plechanows 1915 257
»2. N. LENIN. Die ehrliche Stimme eines französischen Sozialisten („Kommunist"
Nr. 1/2) 1915 258
43. Derselbe. Imperialismus und Sozialismus in Italien („Kommunist" Nr. 1/2) 1915 265
'«4. G. SINOWJEW. Der Krieg und die revolutionäre Krise in Rußland („Sozial-
demokrat" Nr. 45/46) 11. X. 1915 272
45. N. LENIN. Der erste Schritt („Sozialdemokrat" Nr. 45/46) 11. X. 1915 ... 277
46. G. SINOWJEW. Die erste Internationale Konferenz („Sozialdemokrat" Nr. 45/46)
11. X. 1915 .281
• 7. N\ LENIN. Die revolutionären Marxisten auf der Internationalen Soz. Konferenz
am 5.-8. XI. 1915 („Sozialdemokrat" Nr. 45/46) 11. X. 1915 287
48. Derselbe. Einige Thesen („Sozialdemokrat" Nr. 47) 13. X. 1915 291
49. Derselbe. Ueber zwei Richtlinien der Revolution („Sozialdemokrat.- Nr. 48)
20. XI. 1915 293
50. G. SINOWJEW. Unser Sieg. („Sozialdemokrat" Nr. 48) 12. XI. 1915 ... 297
51. N. LENIN. Am letzten Strich („Sozialdemokrat" Nr. 48) 20. XI. 1915 ... 304
51 Derselbe. Bemäntelung der sozialchauvinistischen Politik durch internationa-
listische Phrasen („Sozialdemokrat" Nr. 49) 21. XII. 1915 305
53. G. SINOWJEW. Zu Tode gemartert („Sozialdemokrat" Nr. 49) 21. XII. 1915 311
54. Derselbe. Hineingerutscht in Legalität! („Sozialdemokrat" Nr. 50) 18. II. 1916 312
ob. N. LENIN. Haben die O.-K. und die Fraktion Tschcheidse eine eigene Richtung?
(„Sozialdemokrat" Nr. 50) 19. II. 1916 316
56. G. SINOWJEW. Weiteres über den Bürgerkrieg („Sozialdemokrat" Nr. 51)
29. II. 1916 321
11' !?' LE £ TJN - T Ueber Mieden ohne Annesionen („Sozialdemokrat" Nr. 51) 29. II. 1916 327
■■>ö. Derselbe. Vilhelm Kolb und Georg Plechanow („Sozialdemokrat" Nr. 51) 29. II.
1916 330
fn S e ^ e »^Aw^™^r^ e ^P K « ra ™ , ä" („Sozialdemokrat" Nr.' 52) 25. III.' 1916 331
r, tT SINOWJEW. Nach Zimmerwald („Sozialdemokrat" Nr. 52) 25. III. 1916 337
M. Derselbe. /immerwald-Kienthal („Sozialdemokrat" Nr. 54/55) 10. VI. 1916. . 341
'■' -w 1 ^; ^ cber Separatfrieden („Sozialdemokrat" Nr. 56) 6. XI. 1916 ... 355
^ r KW - Der ..Internationalismus" des „Bundes" („Sozialdemokrat"
Nr. 56) 6. XI. 1916 362
.LENIN. Ganze zehn „sozialistische" Minister (Sozialdemokrat" Nr. 56)
6. XI. 1916 3gg
?l v','. U « '- U • Krieg und frieden („Sozialdemokrat" Nr. 58)' 31. I." 191 7 ! .' 367
V LlJjMN. Eine Wendung in der Weltpolitik („Sozialdemokrat" Nr. 58*31. I. 1917 376
Derselbe. Ergebnisse der Diskussionen über das Selbstbestimmungsrecht (Sammel-
buch des „Sozialdemokrat" Nr. 1) X. 1916 ... .383
yToi« Ueberd,e Junius-Broschüre (Sammelbuch des „Sozialdemokrat" Nr. 1,
X. 1916 41g
69 ' ?emokrar NrM) ^.-Defaitismus" früher und jetzt. (Sammelbuch des , '.Sozial-
70. ^rselbe Wie die Liquidatoren zu' Sozial Chauvinisten wurden (Sammelbuch des
91 •• ho7, f' domokra t Nr. 1) X. 1916 . . l42
urücl?' <*!L U ' it te [ n l ti0n l ,e und das Kriegsproblem. Weisen wir die Erbschaft
-2 \ ? KN'lii n T hU S h ? eS »Sozialdemokrat" Nr. 2) X. 1916 153
kr'at" Nr 2) X nie 6 g der " Abrüs tung" (Sammelbuch des „Sozialdemo-
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LS22ES2- {ftj JttS,^ die KriSe d6S y ° zialismus (Sammelbuch des ^
I. Namen-Register ° 22
II. Verseiehnia der Zeitschriften und Zeitungen '.'.'.'.'' lll
III. Kongresse und Konferenzen
536
Vorwort
Die Mehrzahl der hier gesammelien Aufsätze war im „Sozialdemokrat"
(dem Zentralorgan der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei,
ßolschewiki) veröffentlicht, der von Ende 1914 bis Anfang 1917 in der Schweiz
erschien. Nur ein einziger größerer Aufsatz ist der Zeitschrift „Der Kommu-
nist" entnommen (erschien nur einmal, 1916, in der Schweiz).
Zum richtigen Verständnis des Zusammenhanges zwischen den einzelnen
Artikeln muß die chronologische Reihenfolge ihrer Veröffentlichung im Blatte
berücksichtigt werden.
Die Aufsätze zerfallen in zwei grundlegende Kategorien. Ein Teil ist der
Beurteilung des Krieges und der sich daraus ergebenden Einschätzung der poli-
tischen Aufgaben gewidmet. Der andere Teil behandelt die Verhältnisse inner-
halb der Partei und jenen Kampf der Fraktionen, der Kurzsichtigen lange
als „Chaos" oder als „persönlicher Konflikt" erschien, und der in Wirklichkeit,
wie jetzt jedermann einsieht, zur Abgrenzung der wirklichen Sozialisten von
den Lakaien der Bourgeoisie, den Herren Liber, Dan, Martow und Konsorten
geführt hat.
Natürlich kommt dem einen Teil oder der einen Kategorie der Aufsätze
eine bedeutend größere Bedeutung zu. Ohne Kenntnis dieser Aufsätze wird kein
klassenbewußter Arbeiter auskommen, der die Entwicklung der Ideen der inter-
nationalen sozialistischen Revolution und ihres ersten Sieges am 25. Oktober 1917
begreifen will.
N. Lenin.
vir
Statt einer Vorrede.
Die Aufsätze dieser Sammlung sind von Genossen Lenin und mir während
unserer Emigrantenzeit vom September 1914 bis Februar 1917 verfaßt worden.
Der Ausbruch des Krieges hat uns in Galizien getroffen, wo die Verfasser dieses
Buches damals lebten, um möglichst nah der russischen Grenze zu sein und die
Möglichkeit zu haben, an der damals in Petrograd erscheinenden „Prawda"
zu arbeiten. Nur mit Mühe gelang es uns, die neutrale Schweiz zu erreichen..
wo wir mit der Herausgabe des „Sozialdemokrat" (des damaligen Zentral-
organs unserer Partei) wieder begannen, und darauf eine Nummer der
Zeitschrift „Der Kommunist" und zwei Hefte des „Sammelbuch des Sozial-
demokraten" veröffentlichten.
Wir bringen hier die wichtigsten jener Aufsätze, ohne sie zu ändern. Wir
lassen auch die Polemik gegen den Genossen Trotzki stehen, obwohl diese
Polemik gegenwärtig ihre aktuelle Bedeutung zum großen Teil eingebüßt hat.
„Gegen den Strom l" — so ist unser Sammelband benannt. Wir haben
den Kampf gegen den Sozialchauvinismus als kleine Gruppe begonnen; wir
haben diesen Kampf damals aufgenommen, als die trübe Welle der Vaterlands-
verteidigung über die Arbeiterorganisationen aller Länder zusammenschlug,
als in Deutschland selbst Karl Liebknecht noch nicht offen gegen die Kriegs-
kredite stimmte.
Erst in Zimmerwald gelang es uns, zusammen mit einer kleinen Gruppe
entschlossener Internationalisten aus anderen Ländern den ersten kompakten
Kern der Internationalisten zu schaffen. Die Zimmerwalder Linke stellte damals
numerisch eine geringe Kraft da. Und es sei offen gesagt, daß die Vertretung
des russischen Internationalismus damals als Gruppe gewertet wurde, die
von den Massen gelöst sei, als Zirkel von Emigranten, die einigermaßen größere
Arbeitermassen nicht vertreten. Der weitere Verlauf der Ereignisse hat gezeigt,
daß dem nicht so war, daß wir damals schon unzweifelhaft die wahre Stimmung
der breitesten Kreise des russischen Proletariats ausdrückten, daß wir damals
schon in den Grundzügen jene Linie markierten, die dem besten Teil der klassen-
bewußten Arbeitern Rußlands vorschwebte.
Der Verfasser dieser Zeilen erinnert sich lebhaft an seine Unterredung
mit Viktor Adler zu Beginn des Krieges. Der alte, erprobte, ausgekochte
Opportunist Viktor Adler behandelte uns wie erwachsene Kinder. Man fühlte
aus jedem seiner Worte, daß er von uns dachte: Diese Revolutionäre verstehen
wohl, im Gefängnis zu sitzen und in die Verbannung zu gehen, aber daß ihnen,
diesen „Utopisten" und „Phantasten" große Arbeiterkreise folgen würden, —
das werde ich, alter Knochen, nie und nimmer glauben. — Der Gang der
Ereignisse hat den Skeptizismus des alten Führers des internationalen Oppor-
tunismus widerlegt. Die Ereignisse haben gezeigt, daß gerade wir, „Phantasten",
wir „Utopisten", Blut vom Blute der unterdrückten Klasse unseres Landes
waren und es vermochten, in einer für die ganze Menschheit kritischen Epoche
die Stimmungen und- Hoffnungen von Millionen und Abermillionen Werk-
tätiger unseres Landes zum Ausdruck zu bringen.
IX
Einsam klang unsere Stimme zu Beginn des Krieges. Der Widerhall
aus Rußland drang" nur spärlich in das ferne Exil. In der ersten Zeit hatte die
Idee der Vaterlandsverteidiguns" auch in unserem Lande das Haupt erhoben.
Die Bourgeoisie und selbst die weitblickendsten Anhänger des Zarismus förderten
unsere .Vaterlandsverteidiger" auf jedwede Art. In der Führung der russischen
sozialdemokratischen Arbeiterpartei, unter den Emigranten waren sofort neue
Gruppierungen zu erkennen. Plechanow ging in die Reihen der wütendsten
Patrioten über. Zuerst wollten wir es kaum glauben. Ich erinnere mich, wie
Genosse Lenin und ich extra nach Lausanne reisten, zum ersten \ ortrag
G. W. Plechanows, um uns zu überzeugen, inwiefern das Gerücht wahr sei.
daß Plechanow ein Anhänger der „Vaterlandsverteidignng" in dem von Nikolai
Romanow angezettelten Kriege ist. Wir trauten unseren Ohren nicht,, als wir
Plechanow hörten. Aber nach diesem Vortrag in Lausanne wurde uns klar:
G. W. Plechanow war für den Sozialismus verloren. Und das zeigte uns wieder
und wieder einmal, wie groß die Krise des Sozialismus war, die von diesem
Kriege hervorgerufen wurde. Wenn Plechanow soweit kommen konnte, sagten
wir uns, was "Wunder daß in Deutschland Scheidemann und Konsorten so
tief gesunken sind. #
Dann folgten neue Schläge. Guesde, der alte französische Arbeiterführer
schlug sich zu den Agenten des französischen Imperialismus! Guesde, der so
langegegen den „sozialistischen Mimsterialismus" gekämpft hatte, dieser Guesde
wurde" selbst Minister einer Regierung, die einen imperialistischen räuberischen
Krieg führte.
Auf Guesde folgte Kautsky! Kautsky hatte einige Jahre vor Beginn
des Krieges durch seine ganze literarische Tätigkeit gezeigt, daß er von den
alten Positionen des revolutionären Marxismus abrückte, für den er in den Jahren
der Hochblüte seiner literarischen Tätigkeit so viel geleistet hatte. .,Der Weg
zur Macht", eine Broschüre, die Kantsky, wenn ich nicht irre. 1910 geschrieben
hat, war der S rhwanengesang Kautskys, als Theoretiker des echten revolutionären
Marxismus. Seitdem rutschte Kautsky immer mehr und mehr die schiefe Ebene
hinab. Er büdete die sogenannte Gruppe des ..Zentrums", die bemüht war.
die „mittlere Linie" stoischen dem revolutionären Marxismus und Opportunismus
einzuschlagen. ;7 Zwischen Baden und Luxemburg" — so charakterisierte in
der Presse selbst Kautsky seine Haltung. Baden ist der Mittelpunkt des deutschen
Opportunismus. Marx' Heimat (Trier) liegt zwischen dem Herzogtum Baden
und Luxemburg. Kautsky wollte damit sagen, daß seine Haltung im gleichen
Maße die „Auswüchse" des Opportunismus ablehne, wie auch die ,, Extreme"
des linken Flügels, dessen Vertreterin in Deutschland die Genossin Rosa Luxem-
burg ist. Die Kriegsjahre haben deutlich gezeigt, wie unrichtig, wie grundfalsch
Kautskys Versuche waren. Rosa Luxemburg und ihre Gruppe als „anarcho-
syndikatistische Gruppe" hinzustellen. Die Kriegsjahre haben anschaulich
gezeigt, daß gerade die Gruppe der Genossin Luxemburg die sicherste Stütze
des revolutionären Marxismus in Deutschland ist und bleibt.
Der Leser wird aus dem vorliegenden Sammelband ersehen, daß wir uns
in unserer literarischen Tätigkeit während der Jahre 1914/1917 besonders viel
mit der Bekämpfung des , .Zentrums" und insbesondere mit der literarischer.
Tätigkeit Kautskys befaßten. Das ist auch nicht verwunderlich. Wir glauben.
daß dies sich vollauf aus der Lage des internationalen Sozialismus während
dieser Jahre ergibt. Schon 1912 hat Rosa Luxemburg einmal die Bemerkung
fallen lassen, daß, wenn jetzt ein theoretischer Kampf mit dem Revisionismus
sich verlohne, so nur mit jenem Revisionismus, der sich hinter dem marxistischen
..Buchstaben" verstecke. Und die Kautskysche Auffassung ist ja nichts anderes
X
als Revisionismus unter der HüJle „marxistischer" Phrasen. Der Schaden,
den die Politik des „Zentrums" in jener kritischen Epoche der Arbeiterbewegung
zufügte, war besonders groß. Von allen Seiten rief man uns zu: Was ist es denn
für ein Opportunismus, was ist es für ein Verrat am Sozialismus, wenn Guesde,
Kauisky und Plechanoic jetzt den Prinzipien der Vaterlandsverteidigung fröhnen ?
Die Autorität der alten Vertreter der alten Internationale kam der bürgerlichen
Politik entgegen, die sich die Scheidemänner in Deutschland, die Renaudels
in Frankreich, die Mussolinis in Italien, die Viktor Adler und Renner in Österreich
zu eigen machten. Es galt, die mächtigsten Gegner zu bekämpfen, es galt,
diejenigen zu entlarven, die, auf ihren alten Nimbus gestützt, den Marxismus
auf die schamloseste Art verzerrten und die Arbeiter in das Joch der Vaterlands-
verteidigung zwangen.
Die deutsche Bourgeoisie hat in Gestalt ihrer weitblickendsten Vertreter
sehr bald die unzweifelhafte Wahrheit erfaßt, daß die Zimmerwalder Linke,
die unter unserer tätigen Mitwirkung geschaffen wurde, den ersten Kern der
aufkeimenden dritten Internationale darstellte. Es gelang uns nur wenige
Publikationen in deutscher Sprache zu veröffentlichen. Die Broschüre „Sozialis-
mus und Krieg", von Lenin und mir verfaßt, wurde in Deutschland illegal ver-
breitet. Gemeinsam mit unseren holländischen Freunden (Henriette Roland-
Holst), den polnischen Sozialdemokraten und den schweizerischen Sozialisten-
Internationalisten veröffentlichten wir in Zürich drei Nummern der Zeitschrift
„Vorbote". Außerdem veröffentlichte das Bureau der Zimmerwalder Linken,
an dem die Verfasser dieses Buches aktiv beteiligt waren, einige Agitations- und
Programmblätter in deutscher Sprache. Diesen wenigen literarischen Erzeug-
nissen haben die deutschen nationalliberalen und konservativen Professoren
sehr viel Aufmerksamkeit geschenkt. Nicht nur in den Zeitungen und Zeit-
schriften der deutschen Imperialisten wurde wegen dieser literarischen Er-
zeugnisse viel Aufsehen gemacht, — ihnen wurden ganze Bücher der Presse-
vertreter des deutschen Imperialismus gewidmet. Diese Herren waren sich
scheinbar dessen völlig bewußt, daß der imperialistische Krieg, der unter Be-
teiligung der Imperialisten der anderen Länder begonnen wurde, unvermeidlich
das „rote Gespenst des Kommunismus" heraufbeschwören würde. Sie verfolgten
mit Aufmerksamkeit die Diskussion im Lager des internationalen Sozialismus,
und sobald sie die ersten gefährlichen Symptome wahrnahmen, schlugen sie
Alarm. Es gab keine Lüge, es gab keine Verleumdung, die von der linken deutschen
bürgerlichen und patriotischen Presse nicht über uns und über die Zimmerwalder
Linke verbreitet worden wäre. Die Objektivität fordert jedoch zu sagen, daß
auch die französische bürgerliche und patriotische Presse sich nicht um ein
Jota besser benahm. Sie blies eifrig in das Hörn ihrer deutschen Brüder. Es
sei nur der Name Homo (Grumbach) genannt, der tagein, tagaus auf den Seiten
der Humanit6 (des damaligen Zentralorgans der französischen „Sozialisten"-
Opportunisten) log und die Zimmerwalder Linke verleumdete, mit einem Eifer,
der einer besseren Sache würdig gewesen wäre.
Aber nach und nach wandten sich der Zimmerwalder Linken die Sympathien
der Sozialisten -Internationalisten aller Länder zu. Auf der ersten Konferenz
in Zimmerwald waren solche Führer wie Genosse Rakowski und sogar die Genossin
Roland-Holst gegen uns. Die italienischen Internationalisten, die in Zimmer-
wald durch Genossen Serrati vertreten waren, machten auf dieser ersten Zimmer-
walder Konferenz ebenfalls gewisse Einwände gegen uns. Von den deutschen
Sozialisten-Internationalisten schloß sich uns nur ein Delegierter sofort an,
die anderen kamen uns erst allmählich näher. P. Axelrod, L. Martow und andere
bekannte Menschewiki, die damals im Auslande lebten, nutzten ihre lang-
XI
i ährigen Verbindungen aus, um die Zimmerwalder Linke unter den Sozialisten
der anderen Länder zu diskreditieren. Durch tendenziöse Informationen aus
Rußland brachten sie es zu Wege, daß viele der gemäßigten Sozialisten-Inter-
nationalisten Westeuropas lange Zeit hindurch dem Märchen Glauben schenkten,
in Rußland folge die Mehrzahl der Arbeiter nicht den Internationalisten, sondern
bestenfalls den Politikern des „Zentrums". Erst die Ereignisse 1917/18 haben,
wie wir hoffen, unseren Genossen endgültig gezeigt, wem die russischen Arbeiter
in Wahrheit Gefolgschaft leisteten.
Die Überleitung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg — das
war die Losung, die wir gleich zu Beginn des Krieges aufgestellt hatten.
Die Vertreter des alten Sozialismus wollten von dieser Losung nichts
wissen. Wir erinnern uns noch lebhaft, wie Robert Grimm sich weigerte,
die erste Kriegsdeklaration unseres Zentralkomitees zu veröffentlichen und
darauf pochte, daß jetzt von einer Umwandlung des imperialistischen
Krieges in den Bürgerkrieg reden — „Anarchismus" sei. Es galt gegen
den Strom anzukämpfen, es galt, unter wahrhaft schwierigen Umständen
die erste Furche zu bahnen.
Wir hatten die größte moralische Genugtuung, als während der ersten
Zimmerwalder Konferenz ein Brief von Karl Liebknecht einlief, der mit den
Worten schloß: „Nicht Burgfrieden, Bürgerkrieg ist unsere Parole". Freilich
war Liebknecht in Deutschland dafür als „Anarchist" verschrieen. Aber für
uns war schon damals klar, daß alle ehrlichen und selbstlosen Elemente in der
deutschen Arbeiterklasse Liebknecht folgen würden und nicht denjenigen, die
ihn zum Anarchisten stempelten.
Die Berichte, die wir in den ersten zwei Kriegsjahren aus Rußland er-
hielten, waren sehr spärlich. Die illegalen Zeitungen, die in Petrograd und
Moskau erschienen, konnten wir nur mit größter Mühe beschaffen; die Unter-
redungen mit den Parteigenossen, die damals in Rußland wirkten, wurden
immer mehr erschwert; sogar die einfache Korrespondenz und Drucksachen
brauchten Monate, um aus Rußland zu uns zu gelangen. Für uns stand
natürlich von Anfang an fest, daß der Krieg den Untergang des Zarismus in
Rußland bedeute; aber erst Ende 1915 erreichten uns die ersten Nachrichten
aus Rußland, die zeigten, daß die revolutionäre Krise mit großer Geschwindig-
keit vorwärts schreite. Im Oktober 1915 wurden die Umrisse der nahenden
russischen Revolution zum erstenmal mehr oder weniger deutlich. Der Leser
möge den Aufsatz: „Einige Thesen" auf Seite 291 dieses Buches beachten. Hier
werfen wir zum erstenmal die Frage auf, was unsere Partei tun würde, wenn
sie durch die Revolution noch während des Krieges ans Ruder gelangte. Viele
hielten selbst die Perspektive, daß unsere Partei während des Krieges an die
Macht gelangen könnte, für höchst unwahrscheinlich. In Westeuropa hatten
unsere politischen Gegner für diese Fragestellung nur ein Lächeln übrig, so
unwahrscheinlich erschien ihnen der Sieg der Arbeiterklasse und unserer Partei
im Kriege. Die Ereignisse haben nicht die Skeptiker und Ungläubigen gerecht-
fertigt, die Ereignisse haben uns recht gegeben.
In den genannten Thesen beantworten wir die Frage, was die Partei des
Proletariats tun würde, wenn sie im jetzigen Kriege durch die Revolution ans
Ruder gelangte, folgendermaßen: Wir würden allen Kriegsführenden den Frieden
anbieten, unter der Bedingung der Befreiung der Kolonien und aller unter-
drückten, abhängigen und entrechteten Völker. Weder Deutschland, noch
England oder Frankreich würden bei ihrer jetzigen Regierung diese Bedingungen
annehmen. Dann müßten wir den revolutionären Krieg vorbereiten und führen,
d. h. wir würden nicht nur unser ganzes Programm-Minimum aufs entschiedenste
XII
durchführen, sondern hätten auch systematisch alle von den Großrussen
momentan unterdrückten Völker, alle Kolonien und abhängigen Länder Asiens
(Indien, China, Persien usw.) aufgerüttelt und in erster Linie das sozialistische
Proletariat gegen seine Regierungen und Sozialpatrioten aufgewiegelt. Der
Leser möge besonders die Worte ,,den revolutionären Krieg vorbereiten
und führen" beachten. Ich erinnere mich lebhaft an die Diskussion in unserer
kleinen Redaktion (Redakteure des „Sozialdemokrat" waren damals Lenin
und Sinowjew) wegen dieser Worte. Daß die Perspektive eines revolutionären
Krieges zur Realität würde, war für uns beide unanfechtbar. Aber, sprach ich
damals zu Genossen Lenin, was dann, wenn unsere Partei ans Ruder gelangen
würde in einem Moment, wenn der revolutionäre Krieg über die Kraft der
Arbeiterklasse unseres Landes geht, wenn unsere Regierung ein schlimmes
Erbe vom alten Regime übernehmen muß, wenn die materiellen Kräfte
für eine sofortige Führung des revolutionären Krieges fehlen, wenn die
Armee so zermürbt, wenn die Transportschwierigkeiten und der sonstige Ruin
so groß sein werden, daß von einem sofortigen revolutionären Kriege nicht
die Rede wird sein können ? Und auf Grund dieser Diskussion einigten wir uns,
daß wir nicht einfach sagten: ,,Wir werden den revolutionären Krieg führen",
sondern: „Wir werden den revolutionären Krieg vorbereiten und führen". Und
für uns war natürlich klar, daß diese Vorbereitung eine gewisse Zeit bean-
spruchen würde.
Es kam genau so, wie wir erwartet hatten. Es sind die schlimmsten Er-
wartungen eingetroffen. Das Erbe, das wir vom Zarismus und der achtmonate-
langen Wirtschaft der Bourgeoisie und der Kompromißler übernommen haben,
erwies sich als so furchtbar, daß die Führung eines revolutionären Krieges
unmöglich war. Es mußten die schweren Friedensbedingungen angenommen
werden, die uns der deutsche Imperialismus diktierte. Es mußte dem Umstand
Rechnung getragen werden, daß das Kräfteverhältnis der Welt im gegebenen
Moment zu unseren Ungunsten war. Doch der revolutionäre Krieg kommt
dennoch, die Umrisse der kommenden Periode neuer Kriege und neuer Revo-
lutionen werden immer deutlicher. Zweifelsohne wird unsere Generation der
Sozialisten diese Etappe durchmachen müssen, und ebenso unzweifelhaft ist es,
daß der Sozialismus in diesem Kampf siegen wird. Die Perspektive des revo-
lutionären Krieges war von uns in richtiger Einsicht schon im Oktober 1915
vorausgesehen, und diese Perspektive bleibt auch jetzt noch richtig. Doch
dies bedeutet nicht, daß wir in jedem beliebigen Moment den revolutionären
Krieg beginnen können. Insofern die Wahl des Moments von uns abhängt,
sind wir verpflichtet, im Interesse des Sozialismus den Beginn jenes revolutionären
Krieges hinauszuschieben, der unvermeidlich ist, der kommt und kommen wird.
Wir schreiben diese Zeilen Ende März 1918. Seit einem Monat gehen
wir wieder — gegen den Strom. Es ist ein offenes Geheimnis, daß vor
einem Monat in den Reihen unserer Partei und in den Reihen der Sowjetdemo-
kratie überhaupt fast die Majorität gegen die Unterzeichnung des Brester
Friedensvertrages war. Und wir werden kaum fehlgehen, wenn wir sagen,
daß jetzt, nach Verlauf von einigen Wochen, die überwiegende Majorität unserer
Genossen denjenigen von uns rechtgeben muß, die von Anfang an darauf
beharrten, daß der Kelch bis zur Neige geleert, und daß der Friede
unter den gegenwärtigen Verhältnissen unterzeichnet werde. Wir stehen
jetzt vor einer neuen Gefahr. Es besteht die Gefahr, daß einige Genossen in
das andere Extrem verfallen; es besteht die Gefahr, daß die berühmte
„Atempause" allzu „weitherzig" ausgelegt werden könnte. Wir haben weder
vor uns, noch vor den anderen verheimlicht, daß der revolutionäre Krieg unver-
XIII
meidlich ist. Die Schaffung einer neuen Armee ist unserer Meinung nach in
diesem Moment die wichtigste Aufgabe. Wir werden nicht aufhören, Alarm
zu schlagen ; wir werden nicht müde werden, jeden Anhänger der Sowjetregierung
zu ermahnen, daß neue Kriege in Anmarsch sind, daß neue Kriege unvermeidlich
sind, daß wir unsere Revolution nur retten können, wenn wir in Rußland eine
starke revolutionäre Armee schaffen . . .
Die Lage der Internationale erinnert jetzt, wo wir diese Zeilen nieder-
schreiben, äußerlich schier an die schlimmsten Tage von 1914. Zu Beginn des
Krieges schien es vielen Ungläubigen, daß die Internationale für immer verloren
sei. Momentan ist hie und da das Wiedererwachen solcher trostlosen und nieder-
gedrückten Stimmungen wahrzunehmen. Die Arbeiterklasse Deutschlands
ist uns nicht rechtzeitig zu Hilfe gekommen. Die Arbeiter Frankreichs und
Deutschlands gestatten dem deutschen und französischen Imperialismus wider-
spruchslos, das Gemetzel fortzusetzen. Gerade in dem Moment, in dem wir
diese Zeilen niederschreiben, bringt der Telegraph die Meldung von den unge-
heuerlichen Metzeleien an der deutsch-französischen Front. Wenige Kilometer
von Paris finden wieder harte Kämpfe statt. Die Blüte der Arbeiterklasse geht
zugrunde, Zehntausende französischer und deutscher Arbeiter werden den
räuberischen Plänen der Herren Clemenceau und Hindenburg zum Opfer gebracht.
Die revolutionäre Bewegung in Deutschland scheint unterdrückt zu sein. In
Frankreich herrscht äußerlich Friedhofsruhe. Kein zorniger Protest ist zu
vernehmen, kein Anzeichen des Aufstandes zu erblicken. Die Lage ist derart,
daß die Liquidierung des imperialistischen Krieges, der die Menschheit zermartert
hat, gewissermaßen ganz in den Händen der bürgerlichen Regierungen Deutsch-
lands, Englands und Amerikas liegt. Und viele der Glaubensschwachen meinen,
daß die Arbeiter der entscheidenden Länder bis zuletzt wortlos verharren
werden. Viele der sogenannten „nüchternen" Menschen glauben, daß die Inter-
nationale für viele und viele Jahre zu Ende sei. Wir sind fest vom Gegenteil
überzeugt. Die internationale Revolution des Proletariats kommt und wird
kommen. Die überwiegende Majorität der sogenannten Sozialisten und Vertreter
des alten amtlichen offiziellen Sozialismus hat die Sache der Arbeiterklasse
verraten. Es hat mitunter den Anschein, als ob nur einzelne Personen, wie
Karl Liebknecht, Friedrich Adler, Mac Lean u. a. dem sozialistischen Banner
die Treue bewahrt hätten. Wir sagen : Je finsterer die Nacht, umso heller leuchten
die Sterne. Je schwärzer der Verrat der offiziellen Sozialisten ist, umso heller
leuchten uns die Namen jener Einzelpersonen, die als erste ihre Stimme des
Protestes gegen die unerhörte Erniedrigung des sozialistischen Banners erhoben
haben. Aber wir glauben zugleich auch, daß gerade diesen Einzelpersonen die
Herzen der Millionen Proletarier in Deutschland, in Frankreich, in Italien und
sogar in England und Amerika gehören. „Gegen den Strom' 1 bleibt auch jetzt
unsere Devise. ,, Gegen den Strom" des Opportunismus, der Landesverteidigung
und zugleich gegen den Strom der Verzagtheit und der Skepsis soll in unseren
schweren Tagen gekämpft werden. Wir nehmen jetzt hier in Petrograd eine
der gefährlichsten und verantwortlichsten Positionen ein. Der Hauptsitz der
Russischen Republik ist offiziell nach Moskau übertragen, aber das Petro-
grader Proletariat bleibt dennoch die Avantgarde der internationalen Revolution.
Und wir sind überzeugt, daß die Herzen der ehrlichen Proletarier aller Länder
für die der Petrograder Arbeiter schlagen. Mag sich jetzt die Bourgeoisie
freuen. Mag jetzt auch die sozialpatriotische Strömung die Arbeiterbewegung
aller Länder überschwemmen — wir verkünden, im Glauben an die internationale
Arbeiterklasse: „Freunde, rudert gegen den Strom!" Und wir sind überzeugt :
Kommen wird der Augenblick, da die internationale Revolution zur Tatsache
werden wird.
XIV
Schon hatte unsere Revolution 1905/6 Millionen und Abermillionen Menschen
im Osten geweckt. Man erinnere sich bloß an die Türkei, an Persien, man erinnere
sich an die Bewegung der österreichischen Arbeiter 1905/6. Aber unsere Revo-
lution 1905 war ein Kinderspiel im Vergleich mit der Revolution 1917/18. Es
gibt keine Macht in der Welt, die imstande wäre, die internationalen Folgen
unserer Revolution aufzuheben. Die sozialistische Revolution in Finnland,
die als Widerhall unserer Bewegung aufgeflackert ist, bildet entschieden das
Vorbild dessen, was wir morgen oder übermorgen in den anderen Ländern er-
blicken werden. Sollte es auch dem deutschen Imperialismus morgen gelingen,
das sozialistische Finnland zu erdrosseln, so wird er übermorgen selbst erdrosselt
werden.
Komme, was kommen mag, — auch wir werden noch frohe Tage erleben . . .
28. März 1918
G. Sinowjew.
XV
Gegen den Strom.
In einem unerhört schwierigen Augenblick nehmen wir die Herausgabe
des „Sozialdemokrat" auf. Unsere Partei, die ganze Arbeiter-, die ganze Be-
freiungsbewegung, die ganze Internationale, erlebt eine ungeheuer schwere
Periode. Auf dem Spiel stehen nicht nur die materiellen, sondern auch die
geistigen Errungenschaften des internationalen Proletariats — das Resultat
vieler, vieler Jahrzehnte beharrlichen Kampfes und schwerer Arbeit.
Nicht allein, daß tagtäglich auf den Todesfeldern Hunderte und Tausende
sozialistischer Arbeiter aller Länder physisch vernichtet werden. Nicht allein,
daß dieses höllische Unternehmen von den Vertretern der absterbenden Welt
durch unsere eigenen Hände vollführt wird, indem die Arbeiter des einen Landes
gezwungen werden, ihre Brüder, die in einem anderen Lande geboren sind,
umzubringen. Nein! Sic wollen uns außerdem noch geistig demoralisieren.
Sie sind bestrebt, der größten Bewegung, die je die Weltgeschichte gekannt
hat, die furchtbare Krankheit einzuimpfen, die dem morschen Regime der
Unterdrückung des Menschen durch den Menschen eigen ist.
Der Name dieser Krankheit ist — Chauvinismus.
Und . . . die Bourgeoisie kann siegreich triumphieren. Der Krieg hat
eine ungeheure geistige Zerrüttung in den meisten europäischen sozialdemo-
kratischen Parteien mit sich gebracht. Wenn 110 sozialdemokratische Reichs-
tagsabgeordnete in Deutschland 4 Milliarden Kriegskredite gegen Frankreich
und Belgien bewilligen, wenn der „Vorwärts" gehorsam die Bedingungen des
preußischen Generals hinnimmt, im Arbeiterblatt vom Klassenkampf nicht zu
reden — so ist das für die Bourgeoisie so viel wert, wie manche gewonnene
Schlacht. In den Tagen der allgemeinen Liebedienerei, in den Tagen der wahn-
sinnigsten Exzesse des Chauvinismus, in den Tagen, da der Chauvinismus selbst
unter den Sozialisten allgemein zu werden droht, in den Tagen, da Männer
wie Karl Kautsky „theoretisch" den „sozialistischen" Chauvinismus der Südekum
und Haase rechtfertigen, da Jules Guesde neben Millerand im Ministerium sitzt
und Plechanow die franko-russische Allianz verteidigt und zum Kampf gegen
den deutschen Militarismus an die „Kultur" der russischen Kosaken und
Nikolai Romanows appelliert — in diesen Tagen muß alles, was dem So-
zialismus treu geblieben ist, die Stimme des Protestes erheben.
Wir verhehlen es nicht: Die chauvinistische Strömung ist momentan
sehr stark. Die Seuche hat kolossale Dimensionen angenommen. Doch das
entbindet uns nicht der Verpflichtung, sondern diktiert uns gebieterisch, gegen
den Strom zu rudern. Mögen jetzt alle unsere Organe in Rußland erdrosselt
i l
sein, mag unsere schwache Stimme einsam hallen, mag jeder Tag immer neue
Nachrichten über Sozialisten bringen, die der chauvinistischen Woge zum Opfer
gefallen sind.
Wir sind jetzt wenige. Aber schon die ersten Meldungen aus Rußland
zeigen, daß die klassenbewußten Arbeiter unseres Landes bereit sind, ihre
Pflicht bis ans Ende zu erfüllen. Und im vollen Glauben an die kommende
Befreiung des Sozialismus vom chauvinistischen Bann rufen wir alle diejenigen
auf, einander die Hand zu reichen, die in diesen schweren Tagen dem sozia-
listischen Banner treu geblieben sind.
Die chauvinistische Strömung macht verheerende Eroberungen. Doch
wir —
— wir werden die Gegenströmung erzeugen
gegen den Strom!
1. November 1914. G Sinowiew.
Lage und Aufgaben der sozialistischen Internationale.
Am schlimmsten ist in der jetzigen Krise der Sieg des bürgerlichen Natio-
nalismus und Chauvinismus über die meisten offiziellen Vertreter des europäischen
Sozialismus. Nicht umsonst mokieren sich die bürgerlichen Blätter aller Länder
über uns oder loben uns wohlwollend. Es gibt keine wichtigere Aufgabe für
denjenigen, der Sozialist bleiben will, als die Aufhellung der Ursachen der
sozialistischen Krise und die Analyse der Aufgaben der Internationale.
Es gibt Leute, die sich scheuen, die Wahrheit anzuerkennen, daß die
Krise oder richtiger, daß der Zusammenbruch der II. Internationale ein Zu-
sammenbruch des Opportunismus ist.
Man weist auf die Einmütigkeit z. B. der französischen Sozialisten hin,
auf die angebliche völlige Umgruppierung der alten Fraktionen im Sozialismus
in der Frage der Stellungnahme zum Kriege. Aber diese Hinweise sind unrichtig.
Das Befürworten der Klassen-Aussöhnung, der Verzicht auf die Idee der
sozialistischen Revolution und der revolutionären Kampfesmethoden, die An-
passung an den bürgerlichen Nationalismus, die Aufgabe der historisch ver-
gänglichen Grenzen der Nationalität oder des Vaterlandes, die Erhebung der
bürgerlichen Legalität zum Abgott, der Verzicht auf den Klassenstandpunkt
und den Klassenkampf aus Furcht, die „breiten Massen der Bevölkerung"
(lies: das Kleinbürgertum) abzustoßen — das sind unzweifelhaft die geistigen
Grundlagen des Opportunismus. Namentlich diesem Boden ist auch die jetzige
chauvinistische, patriotische Stimmung der meisten Führer der II. Internationale
entwachsen. Das tatsächliche Überhandnehmen der Opportunisten unter ihnen
ist schon von den verschiedensten Seiten, durch die verschiedensten Beobachter
wahrgenommen worden. Der Krieg hat bloß die Dimensionen dieser Über-
handnähme besonders rasch und scharf aufgedeckt. Daß die ungeheure Schärfe
der Krise eine Reihe von Umgruppierungen in den alten Fraktionen hervor-
gerufen hat, ist nicht verwunderlich. Doch im allgemeinen haben diese Um-
gruppierungen lediglich die Personen gestreift. Die Richtungen innerhalb des
Sozialismus sind dieselben geblieben.
Unter den französischen Sozialisten herrscht keine völlige Einstimmigkeit.
Vaillant selbst, der zusammen mit Guesde, Plechanow, Herve u. a. die chau-
vinistische Linie verfolgt, ist gezwungen anzuerkennen, daß er Briefe von
protestierenden französischen Sozialisten erhalte, die hervorheben, daß der
Krieg ein imperialistischer Krieg sei und die französische Bourgeoisie ebenso
Schuld daran habe wie jede andere. Man darf nicht vergessen, daß solche
Stimmen nicht allein den triumphierenden Opportunismus, sondern auch die
Militärzensur verstummen lassen. Bei den Engländern ist die Gruppe Hyndman
(die englischen Sozialdemokraten, British Soc. Party) zum Chauvinismus herab-
gesunken, ebenso wie die meisten halbliberalen Führer der Trade-Unions. Die
Opposition gegenüber dem Chauvinismus bilden Macdonald und Keir Hardie
aus der opportunistischen „Independant Labour Party". Das ist wirklich eine
Ausnahme von der Regel. Aber einige revolutionäre Sozialdemokraten, die
lange gegen Hyndman gekämpft hatten, sind jetzt aus der Brit. Soc. Party
ausgetreten. In Deutschland ist das Bild klar: Die Opportunisten haben
gesiegt, sie triumphieren, sie sind „obenauf". Das „Zentrum", mit Kautsky
an der Spitze ist zum Opportunismus hinabgerutscht und verficht ihn mit
besonders heuchlerischen, trivialen und selbstzufriedenen Sophismen. Aus der
Mitte der revolutionären Sozialdemokraten ertönen Proteste: Mehrings, Panne-
koeks, Karl Liebknechts und einer Reihe Namenloser in Deutschland und in
der deutschen Schweiz. In Italien haben wir ebenfalls eine klare Gruppierung.
Die extremen Opportunisten Bissolati und Konsorten sind für das „Vaterland",
für Guesde — Vaillant — Plechanow — Herve. Die revolutionären Sozialdemokraten
(die „sozialistische Partei") mit dem „Avanti" an der Spitze kämpft gegen
den Chauvinismus und entlarvt den bürgerlichen und eigennützigen Charakter
des Kriegsappells, so daß sie die Unterstützung der großen Majorität der fort-
schrittlichen Arbeiter genießen. In Rußland haben die extremen Opportunisten
aus dem Lager der Liquidatoren*) in Vorträgen und in der Presse bereits ihre
Stimme erhoben zum Schutz des Chauvinismus. P. Maslow und E. Smirnow
verteidigen den Zarismus unter dem Vorwand der Vaterlandsverteidigung
(Deutschland drohe halt mit „der Macht des Schwertes" „uns" Handelsverträge
aufzudrängen, während der Zarismus ja wahrscheinlich nicht durch die Macht
des Schwertes, der Knute und des Galgens das wirtschaftliche, politische und
nationale Fortkommen von 9 /i„ der Bevölkerung Rußlands erdrosselt und
erdrosselte!) vl-A rechtfertigen den Eintritt von Sozialisten in bürgerliche
•) So nannte man in Rußland jene Sozialisten (Potressow u. a.), die mit dem
Abschluß der Revolution 1905/07 die Aufgabe des Sozialismus in Rußland für erfüllt
erachteten und die Umwandlung der sozialistischen Partei in eine Bildungs- und
Aufklärungsorganisation forderten. Diese ganze Richtung trägt In der russischen
sozialistischen Literatur den Namen ..Liquidatorentum". Anmerkung d. Uebers.
reaktionäre Ministerien, sowie das Bewilligen der Kriegskredite heute und neuer
Rüstungen morgen!! Beim Nationalismus ist Plechanow angelangt, der seinen
russischen Chauvinismus mit Francophilie bemäntelt, ebenso wie Alexinski.
Martow hält sich, wenn man der in Frankreich erscheinenden Zeitung „Golos"
trauen soll, am anständigsten von dieser Gesellschaft, indem er sowohl gegen
den deutschen wie auch gegen den französischen Chauvinismus opponiert und
sowohl gegen den „Vorwärts" wie auch gegen Herrn Hyndman und gegen
Maslow kämpft und sich nicht scheut, entschlossen dem ganzen internatio-
nalen Opportunismus und seinem „einflußreichsten" Zentrum, der deutscheu
Sozialdemokratie, den Krie^ zu erklären. Die Versuche, die Freiwilligen als
Verwirklicher sozialistischer Aufgaben hinzustellen (s. die Erklärung der
Gruppe russischer Freiwilliger in Paris, der Soz.-Dem. und Soz.-Rev. sowie
der polnischen Soc.-Dem. usw.), haben nur Plechanows Schutz genossen.
Die Mehrheit der Pariser Sektion unserer Partei hat diese Versuche mißbilligt.
Zur Geschichte dessen, wie die Formulierung der Anschauungen unse er Partei
entstanden ist, müssen wir — um Mißverständnisse zu vermeiden — folgende
Tatsachen richtigstellen: Eine Gruppe von Mitgliedern unserer Partei hat nach
Überwindung von ungeheuren Schwierigkeiten zur Wiederherstellung der
organisatorischen Verbindungen, die durch den Krieg unterbrochen wurden,
zuerst „Thesen" ausgearbeitet und ließ sie am 6./8. September unter den
Genossen zirkulieren. Darauf wurden sie durch die schweizerische Sozial-
demokratie zwei Mitgliedern der italienisch - schweizerischen Konferenz in
Lugano (27. September) übergeben. Erst Mitte Oktober gelang es, die Ver-
bindung wieder herzustellen und den Standpunkt des Zentralkomitees der
Partei zu formulieren.
Das ist in aller Kürze der Stand der Dinge in der Sozialdemokratie Ruß-
lands und Westeuropas. Der Zusammenbruch der Internationale liegt auf der
Hand. Die Pressepolemik zwischen den französischen und deutschen Sozialisten
hat das endgültig bestätigt. Nicht bloß die linken Soz.-Dem. (Mehring und
die „Bremer Bürgerzeitung"), aber auch die gemäßigten Schweizer Blätter
(„Volksrecht") haben es zugegeben. Kautskys Versuche, diesen Zusammenbruch
zu vertuschen sind eine feige Ausflucht. Und dieser Zusammenbruch ist eben
der Zusammenbruch des Opportunismus, der sich als Gefangener der Bourgeoisie
erwiesen hat.
Die Position der Bourgeoisie ist klar. Ebenso klar ist auch, daß die
Opportunisten einfach blindlings ihre Argumente wiederholen. Es sei hier auf
das frivole Gerede der „Neuen Zeit" hingewiesen, daß der Internationalismus
gerade darin bestehe, daß die Arbeiter des einen Landes im Namen der Vater-
landsverteidigung auf die Arbeiter des anderen Landes schießen!
Die Frage des Vaterlandes — dies sei den Opportunisten angekreidet! —
kann nicht behandelt werden, indem man den konkret historischen Charakter
dieses Krieges ignoriert. Dieser Krieg ist ein imperialistischer Krieg, d. h. ein
Krieg der Epoche des fortgeschrittensten Kapitalismus, der Epoche des Aus-
ganges des Kapitalismus. Die Arbeiterklasse hat sich zuerst im Rahmen der
Nationen „einzurichten", sagt das „Kommunistische Manifest", indem es auf
die Grenzen und Bedingungen unserer Anerkennung der Nationalität und des
Vaterlandes hinweist, als der notwendigen Formen der bürgerlichen Ordnung
and folglich auch des bürgerlichen Vaterlandes. Die Opportunisten verdrehen
diese Wahrheit und übertragen das, was für die Epoche der Entstehung des
Kapitalismus gültig ist, auf die Epoche des Ausganges des Kapitalismus.
Aber von dieser Epoche, von den Aufgaben des Proletariates im Kampfe um
die Zerstörung nicht des Feudalismus, sondern des Kapitalismus spricht Karl
?\iarx klar und deutlich: „Die Arbeiter haben kein Vaterland." Begreiflich,
warum die Opportunisten diese Wahrheit des Sozialismus anzuerkennen fürchten,
ja zumeist fürchten, ihr offen Rechnung zu tragen. Die sozialistische Bewegung
kann in dem alten Rahmen des Vaterlandes nicht siegen. Sie schafft neue,
höhere Formen der menschlichen Gemeinschaft, da die berechtigten Bedürfnisse
und fortschrittlichen Bestrebungen der werktätigen Massen einer jec 1 en Na-
tionalität zum ersten Male befriedigt sein werden in internationaler Einheit,
unter Aufhebung der jetzigen nationalen Schranken. Auf die Versuche der
jetzigen Bourgeoisie, die Arbeiter durch heuchlerische Argumente der „Vater-
landsverteidigung" zu trennen und zu spalten, werden die klassenbewußten
Arbeiter mit neuen und immer wieder neuen und wiederholten Versuchen
antworten, die Einheit der Arbeiter der verschiedenen Nationalitäten wieder
herzustellen im Kampfe um den Sturz der Herrschaft der Bourgeoisie aller
Nationalitäten.
Die Bourgeoisie betört die Massen und bemäntelt den imperialistischen
Raubzug durch die alte Ideologie des „nationalen Krieges". Das Proletariat
entlarvt diesen Betrug und verkündet die Losung: Überleitung des imperia-
listischen Krieges in den Bürgerkrieg. Namentlich diese Losung hatten die
Stuttgarter und Basler Resolutionen gemeint, die nicht den Krieg überhaupt
voraussahen, sondern gerade den jetzigen Krieg; sie sprachen nicht von „Vater-
landsverteidigung", sondern von der „Beschleunigung des Zusammenbruches
des Kapitalismus", von der Ausnutzung der durch den Krieg geschaffenen
Krise, von dem Vorbild der Kommune. Die Kommune bedeutete eine Um-
wandlung des Völkerkrieges in den Bürgerkrieg.
Eine solche Umwandlung ist natürlich nicht leicht und kann nicht „auf
Wunsch" einzelner Parteien vor sich gehen. Aber gerade diese Umwandlung
liegt in den objektiven Bedingungen des Kapitalismus überhaupt und der
Epoche des Ausganges des Kapitalismus insbesondere. Und in dieser Richtung,
lediglich in dieser Richtung haben die Sozialisten zu wirken. Nicht für Kriegs-
kredite stimmen, nicht dem Chauvinismus des „eigenen" Landes (und der
verbündeten Länder) Vorschub leisten, aber in erster Linie gegen den Chau-
vinismus der „eigenen" Bourgeoisie kämpfen, sich nicht auf legale Formen
des Kampfes beschränken, wenn die Krise da ist und die Ecurgeois'e selbst
die von ihr geschaffene Legalität aufgehoben hat, — das ist die Richtung der
Arbeit, die zum Bürgerkrieg führt und in diesem oder jenem Moment des
europäischen Brandes zum Bürgerkrieg fünren wird.
Der Krieg ist keine Zufälligkeit, keine „Sünde", wie die christlichen Pfaffen
(die Patriotismus, Humanität und Frieden genau so predigen wie die Oppor-
tunisten) glauben, sondern eine unvermeidliche Stufe des Kapitalismus, eine
ebenso berechtigte Form des kapitalistischen Daseins wie der Friede. Der Krieg
unserer Tage ist ein Volkskrieg. Aus dieser Wahrheit folgt aber nicht, daß
man mit dem „Volksstrom" des Chauvinismus schwimmen soll, sondern daß
in Kriegszeiten, auch im Kriege und in Kriegsform die Klassengegensätze, von
denen die Völker zerfleischt werden, fortbestehen und in Erscheinung treten
werden. Dienstverweigerung, Militärstreik usw. bedeutet einfach eine Dummheit,
einen kläglichen und feigen Traum vom waffenlosen Kampf gegen die be-
waffnete Bourgeoisie, eine Phantasterei über die Aufhebung des Kapitalismus
ohne den verzweifelten Bürgerkrieg oder eine Reihe von Kriegen. Die Pro-
paganda des Klassenkampfes bleibt auch im Kriege Pflicht der Sozialisten;
die Arbeit, die auf die Überleitung des Völkerkrieges in den Bürgerkrieg ge-
richtet ist, ist im Zeitalter des imperialistischen bewaffneten Zusammenstoßes
der Bourgeoisie aller Nationen die einzige sozialistische Arbeit. Nieder mit
den pfäffisch sentimentalen und törichten Träumereien vom „Frieden um jeden
Preis"! Wir wollen das Banner des Bürgerkrieges erheben. Der Imperialismus
hat das Geschick der europäischen Kultur aufs Spiel gesetzt. Diesem Kriege
werden bald, wenn es nicht eine Reihe erfolgreicher Revolutionen geben wird,
andere Kriege folgen — das Märchen vom „letzten Kriege" ist ein plattes,
schädliches Märchen, eine kleinbürgerliche „Mythologie" (wie sich „Golos"
richtig ausdrückt). Heute oder morgen, wenn nicht während des jetzigen
Krieges, so nach dem Kriege, — in diesem oder im nächsten Kriege wird das
proletarische Banner des Bürgerkrieges nicht nur die Hunderttausende der
klassenbewußten Arbeiter um sich sammeln, sondern auch die Millionen der
jetzt durch den Chauvinismus betörten Halbproletarier und Kleinbürger, die
durch die Schrecken des Krieges nicht nur erschreckt und entsetzt, sondern
auch belehre, aufgeklärt, geweckt, organisiert, gestählt und zum Kriege gegen
die Bourgeoisie sowohl des „eigenen" Landes wie auch der „fremden" Länder
vorbereitet sein werden.
Die II. Internationale ist tot, vom Opportunismus besiegt. Nieder mit
dem Opportunismus, und es lebe die sowohl von den „Überläufern" (wie es
„Golos" wünscht) wie auch vom Opportunismus gesäuberte II. Internationale!
Die II. Internationale hat ihren Teil nützlicher Vorbereitungsarbeit zur
Organisierung der proletarischen Massen während der langen „Friedensperiode"
der härtesten kapitalistischen Versklavung und des raschesten kapitalistischen
Fortschritts im letzten Drittel des 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts
getan. Der III. Internationale steht die Aufgabe bevor, die Kräfte des Pro-
letariats zum revolutionären Ansturm gegen die kapitalistischen Regierungen
zu organisieren: zum Bürgerkrieg gegen die Bourgeoisie aller Länder um die
politische Macht, um den Sieg des Sozialismus!
1. November 1914.
N. Lenin.
Der Krieg und die russische Sozialdemokratische Arbeiterfraktion.
(Auf Kampfesposten.)
Die Regierung Nikolai Romanows beschloß das Verbrechen zu wiederholen,
das sie 1907 gegenüber der S.-D. Fraktion der 2. Duma begangen hat. Aus
Anlaß des „Befreiungskrieges" findet es die Zarenbande für gelegen, die Ver-
treter der Arbeiterklasse in der Duma los zu werden.
Die Petersburger Telegraphenagentur bringt in einer Spezialdepesche
folgende Regierungsmeldung :
„Von Anbeginn des Krieges an half das russische Volk, vereint im Bewußt-
sein, die Würde und die Integrität der Heimat zu verteidigen, einmütig und mit
patriotischem Elan der Staatsgewalt, die ihr durch die militärischen Operationen
aufgelegten Aufgaben zu verwirklichen.
Eine ganz besondere Stellung nahmen in dieser Hinsicht gewisse Mit-
glieder der sozialdemokratischen Gesellschaften ein, die sich zum Ziel stellten,
die kriegerische Macht Rußlands durch eine Antikriegsagitation, durch illegale
Aufrufe und mündliche Propaganda zu erschweren. Im Oktober ging der
Regierung die Nachricht zu, daß von Vertretern der sozialdemokratischen
Organisationen die Einberufung einer Geheimkonferenz geplant sei, zur Beratung
über die Maßnahmen, die auf die Zerstörung des russischen Staatswesens und die
baldmöglichste Verwirklichung aufrührerischer sozialistischer Aufgaben gerichtet
seien .
Am 4. November stellte die Polizei fest, daß die Tagung der erwähnten
Konferenz in einem Hause auf der Wyborger Chaussee, 12 Werst von Petrograd
stattfand. Die eingetroffene Polizei abordnung traf dort 11 Personen, unter
denen, wie es sich später herausstellte, die Mitglieder der Staatsduma Petrowski,
Badajew, Muranow, Samojlow und Schagow waren. Da die staatsfeindliche
Bedeutung der Konferenz außer Zweifel ist, so wurden die Teilnehmer der in
flagranti erwischten Versammlung nach vorgenommener Perlustrierung fest-
genommen, und die Mitglieder der Staatsduma freigelassen.
Anläßlich des Obigen hat Maschkewitsch, der Untersuchungsrichter
am Petrograder Bezirksgericht für besonders wichtige Prozesse, unverzüglich
die Voruntersuchung eingeleitet.
Nach Kenntnisnahme der beschlagnahmten Papiere hat der Untersuchungs-
richter laut § 102 des Strafgesetzbuches ein gerichtliches Verfahren gegen sämt-
liche Teilnehmer eingeleitet und sie in Haft genommen."
Am Abend des 8. November lief in die Staatsduma auf den Namen des
Präsidenten M. W. Rodsjanko die Mitteilung des Justizministers ein, daß ,,die
Mitglieder der Staatsduma Badajew, Samojlow, Muranow, Schagow und
Petrowski laut § 102 des Strafgesetzbuches gerichtlich belangt und nach ihrer
Vernehmung durch Maschkewitsch, den Untersuchungsrichter für besonders
wichtige Prozesse am Petrograder Bezirksgerichte, nach Beschluß des Unter-
suchungsrichters persönlich verhaftet worden."
Wir wissen noch nicht, wieweit die Lügenhaftigkeit der offiziellen Meldung
der Petersburger Agentur geht, von welchen Lockspitzeln die belastenden
Dokumente" unterschoben worden sind usw. Wir wissen auch nicht, mit
welchen „juristischen" Argumenten die Schwarze-Hundert-Regierung die
offensichtliche Verhöhnung ihrer eigenen Gesetze rechtfertigte, die sie beging,
indem sie die Immunität der Abgeordneten brach und unsere Genossen aus der
R. S.-D. Arbeiterfraktion verhaftete. Doch das eine ist klar: die Regierung
schafft , das Milieu" für einen neuen Zuchthausprozeß gegen sozialdemokratische
Abgeordnete, sie bereitet einen neuen Verschwörungsprozeß vor. Das Schwert
ist gegen unsere russische sozialdemokratische Arbeiterfraktion gerichtet.
Zugleich wird auch etwas anderes klar: Die russische sozialdemokratische
Arbeiterfraktion hat den sie ehrenden Haß der Regierung dadurch geerntet,
daß sie wirklich mit der Arbeiteravantgarde marschierte und ihre Pflicht gegen-
über der russischen Arbeiterklasse, dem Sozialismus und der Demokratie tat.
Die ganze Tätigkeit der jungen Fraktion war ein wahrhaft schönes, glänzendes
Blatt in dem Buche der russischen Arbeiterbewegung. Im Verlauf eines knappen
Jahres vermochte die R. S.-D. Arbeiterfraktion, — ungeachtet der ungünstigen
Verhältnisse, — Verbindungen mit den breitesten Arbeitermassen Rußlands
zu schaffen, vermochte die Wortführerin der proletarischen Gedanken und
Wünsche zu werden, vermochte die ständige Unterstützung und die heiße Liebe
von Seiten des besten Teiles des russischen Proletariats zu gewinnen. Und
diese Fraktion verharrte auch in der harten Kriegszeit auf ihrem Kampfposten.
Auch da blieb sie das Fleisch vom Fleische der russischen Arbeiterbewegung.
Auch da hörte sie nicht aut, die Wortführerin dessen zu sein, was in unserer
Bewegung geistig, heldenhaft, licht und opferfroh ist. . . .
Die Verdienste der R. S.-D. Arbeiterfraktion sind umso größer, da sie
unter besonders schwierigen äußeren Verhältnissen zu kämpfen hatte.
Der Zerfall der Internationale, das traurige Benehmen vieler Vertrete-
des internationalen Sozialismus, der Dolchstoß in den Rücken durch einige
„renommierte" russische Sozialisten, die sich plötzlich zu Patrioten gemausert
hatten, all das mußte die Erfüllung der sozialistischen Pflicht ungeheuerlich
erschweren. Es gab eine Zeit, da auch die deutsche Sozialdemokratie den Mut
fand, ungeachtet des Kriegsregimes ihre Pflicht zu tun. Im September 1870
wurden alle Mitglieder des Braunschweiger Zentralpait^ivorstandes der deutschen
soz.-dem. Partei verhaftet wegen des Protestes gegen die Annektion Elsaß-
Lothringens und der Bekundung brüderlicher Gefühle an die französischen
Arbeiter. Es gab eine Zeit, da deutsche sozialdemokratische Abgeordnete —
Liebknecht, Bebel — hinter Schloß und Riegel gesetzt wurden wegen ihres
mutigen Protestes gegen die dynastischen Kriege und der Solidaritätserklärung
mit den unvergeßlichen Helden der Pariser Kommune. Das war 1872, als Bebel
und Liebknecht in Leipzig zu 2 Jahren Festung verurteilt wurden. Diese Zeit
ist leider vorbei. Die deutsche Sozialdemokratie hat eine lange, allzu lange
Etappe durchgemacht vom „Soldaten der Revolution" Wilhelm Liebknecht
bis zum . . Geschäftssozialisten Herrn Südekum. In dieser schweren, allzu
8
schweren Jahreswende wird die Ehre des internationalen Sozialismus von der
jungen, aber von geistigen Kräften erfüllten russischen Arbeiterbewegung
und ihren Helden gerettet werden. . . .
Die R. S.-D. A.-Fr. wird sich mit goldenen Lettern eintragen nicht nur
in die Geschichte der russischen Bewegung sondern in die Geschichte der ganzen
Internationale. Mit Recht waren die Arbeiter Rußlands auf ihre Arbeiter-
delegierten stolz. Und wir sind wahrlich berechtigt, darauf stolz zu sein, daß in
unserem Lande unsere Genossen und Freunde, die aus dem Schöße der Arbeiter-
massen selbst hervorgegangen sind, die ruhmreichsten, edelsten Traditionen
des internationalen Sozialismus fortsetzen.
Der Chauvinismus hat auch in Rußland verheerende Eroberungen gemacht.
Um den blutbefleckten Thron der Romanows haben sich nicht nur der beute-
lüsterne Adel und die Räuber und Strolche der Militärpartei „gierig" geschart,
sondern die ganze Bourgeoisie, die ganze Blüte des russischen Liberalismus.
Sogar viele „Demokraten" haben an die Befreiungsmission der zaristischen
Waffen zu glauben angefangen. „Rußland ist einig", — „Rußland unterstützt
wie ein Mann den Befreiungskrieg" — pfeifen von allen Dächern sowohl die
Leutchen von ganz rechts wie die Liberalen. Ihr lügt, meine Herren, ihr lügt
schamlos, antworten wir ihnen. Nein, Rußland ist nicht einig. Und in diesen
Tagen, da die Felder Polens, Galiziens und Preußens reichlich vom Blute der
Hunderttausende von Söhnen Rußlands, von russischen Arbeitern, von russischen
Ackersleuten getränkt wird; auch in diesen Tagen, da inmitten der chauvinisti-
schen Orgie die Freiheitshenker für die Ukraine, für Galizien und — zu gleicher
Zeit auch — für das russische Volk selbst Ketten schmieden; auch in diesen
Tagen, da alle Welt Ehr und Gewissen vergessen hat, und sich in den Dienst des
Geldsacks und der zügellosen Macht der Soldateska stellt; auch in diesen Tagen,
da in unserem Lande jedes freie Wort endgültig erstickt ist und die Helden des
Tages die Lakaien und Knechte der Presse sind; — auch in diesen Tagen gibt
es ein zweifaches Rußland: ein Rußland der Menschikow, Romanow, Miljukow
und Bobrinski, und — ein Arbeiterrußland, ein proletarisches Rußland, ein
Rußland, das einen Petrowski, Badajew, Muranow, Schagow und Samojlow
geboren hat. Das zaristische Rußland hat durch seine offizielle Regierungs-
nachricht selbst vielsagend bestätigt, daß dem so ist.
Wir wissen nicht, wie das russische Proletariat jetzt auf das Attentat
gegen seine Dumafraktion reagieren wird. Unter anderen Verhältnissen wäre
die Antwort: Streiks von Hunderttausenden, ja Millionen von Arbeitern und
Demonstrationen. . . . Wir wissen nicht, ob es selbst den russischen Staats-
anwälten und Richtern gelingen wird, bei allen Fälschungen und Unterschiebungen
die R. S.-D. A.-Fr. gerichtlich zu belangen, die selbst bei den russischen Gesetzen
oder der russischen Gesetzlosigkeit das unbestrittene Recht besaß, mit Arbeiter-
gruppen zu konferieren. Doch wir wissen bestimmt, daß alle, die dem sozia-
listischen Banner in der ganzen Welt treu geblieben sind, mit ihrem Sinnen und
Trachten bei der russischen sozialdemokratischen Arbeiterfraktion sein werden.
Als eine der ersten ausländischen sozialistischen Zeitungen, die auf das
Attentat gegen die R. S.-D. A.-Fr. reagieren, schreibt eine schweizerische sozial-
demokratische Zeitung:
„Die Beschuldigung, die den russischen Genossen zur Last gelegt wird,
liefert ein glänzendes Zeugnis dafür, daß sie ihre revolutionäre Pflicht tun unter
den schwierigsten Verhältnissen, die man sich nur vorstellen kann. Leider kann
man dasselbe von den sozialistischen Parteien der anderen kriegführenden
Ländern nicht sagen. Die Verfolgungen gegen die russischen Genossen und
die Unterdrückung der revolutionären Bewegung in Rußland rechtfertigen
keineswegs die „Kämpfer gegen das Moskauer Joch". Denn diese „Kämpfer"
würden bei sich zuhause denselben Verfolgungen unterliegen, wenn sie ihre
revolutionäre Pflicht tun und sich gegen den imperialistischen Krieg wenden
wollten, der in jedem Lande gegen die Interessen der Arbeiter gerichtet ist."
5. Dezember 1914. _ •
G. binowjew.
Die Parole der revolutionären Sozialdemokratie.
In der gegenwärtigen Epoche der imperialistischen Kriege kann es keine
andere Parole der revolutionären Sozialdemokratie geben als die Überleitung
des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg.
Wir haben es mit keiner zufälligen Erscheinung zu tun. Der gegenwärtige
Krieg ergab sich unvermeidlich aus allen Verhältnissen jener erlebten Stufe
des Imperialismus, die der Kapitalismus durchmacht. Die Sozialdemokraten
haben diesen Krieg vorausgesehen. Und es ist nicht der letzte Krieg, — im
Gegenteil, er wird eine ganze Aera neuer Kriege eröffnen, wenn das Welt-
proletariat außerstande sein wird, den Bürgerkrieg auf die Tagesordnung zu
setzen, wenn wir in absehbarer Zeit nicht Zeugen von revolutionären Massen-
aktionen sein werden.
Nicht zu reden von jenen Sozialisten, die ihrem Banner untreu geworden
und in das Lager der Chauvinisten übergegangen sind. Diese wollen natürlich
vom Bürgerkrieg, ja, von irgend einem Klassenkampf überhaupt nichts hören.
Sie predigen den Burgfrieden wie die Deutschen, mit Verlaub zu sagen, Sozial-
demokraten oder der bloc national (der nationale Block der Arbeitersozialisten
mit der Bourgeoisie, der Sozialisten mit den Reaktionären, der Schafe mit den
Wölfen), wie ihn unermüdlich die französischen Soziaipatrioten mit Herve,
Vaillant und Seinbat an der Spitze predigen.
Aber auch unter den Sozialisten, die sich nicht zu den Chauvinisten ge-
schlagen haben, die Sozialisten bleiben und ihre Pflicht vor der Demokratie
erfüllen möchten, hat die Parole des Bürgerkrieges lange nicht eine absolute
und einstimmige Anerkennung erlangt. Häufig wird inmitten dieser Sozialisten
eine andere Parole au gegeben. Die Losung der Arbeiter seilte momentan, nach
der Ansicht dieser Genossen, die Forderung des Friedens um jeden Preis sein.
10
Angeblich würden sich die Arbeiter aller Länder auf dieser Losung einigen
können. Diese Losung (d. h. die Losung des Friedens) sei konkret und klar,
mit ihr könne man leicht die Massen mobilisieren. Sie sei außerdem revolutionär,
denn wir werden einen demokratischen Frieden fordern, d. h. einen Frieden ohne
Annexionen und Kontributionen, einen Frieden mit Entwaffnung, einen Friedens-
schluß unter der Kontrolle der Volksvertreter usw. Und endlich sei diese
Losung — sagt man — noch deshalb praktikabel, weil man sie selbst unter den
jetzigen Einschränkungen der Presse und Wortfreiheit legal propagieren könne
und auch deshalb, weil sie die Massen der nichtarbeitenden Bevölkerung, die
ebenfalls die Lasten des Krieges auf ihren Schultern spüren, für sich gewinnen
würde
\Vir halten diese Fragestellung für vollkommen unrichtig.
Wenn es in der Tat wahr ist, daß der jetzige Krieg ein imperialistischer
Krieg ist, daß der Imperialismus eine ganze historische Etappe in dei sich voll-
ziehenden Entwicklung des Kapitalismus bedeutet; wenn es wahr ist, daß der
jetzige Krieg eine ganze Epoche wiederholter imperialistischer Kriege eröffnen
kann; wenn die Epoche der imperialistischen Kriege uns mit un^gbarem Unge-
mach bedroht, mit Meeren von Blut und Millionen von Opfern droht, mit der
Schwächung unserer internationalen Solidarität droht, auch droht, unsere
große Befreiungsbewegung des Proletariats zurückzuschleudern ; wenn all das
so ist, — und es ist entschieden so, — so müssen wir, revolutionäre Sozial-
demokraten, uns doch die Frage stellen: wie soll man gegen das drohende Unheil
ankämpfen, wie sollen wir gegen diese kommende Etappe anfechten, wie den
verderblichen Folgen vorbeugen, die der erste der „großen" imperialistischen
Kriege bereits mit sich gebracht hat.
Wie kämpfen ? Dadurch, daß wir während des Krieges Frieden fordern ?
Und wenn nach einiger Zeit ein neuer imperialistischer Krieg ausbricht, wieder
verkünden : Frieden um jeden Preis ? Und so in die Unendlichkeit ? Jeder Krieg —
darunter auch der imperialistische Krieg — muß natürlich einmal mit
dem Frieden enden. Und wenn die proletarische Rüstkammer nur die eine
Parole „Frieden" aufzuweisen hätte, so hätten wir eine Art Kette ohne Ende.
Die imperialistische Bourgeoisie und die dynastischen Cliquen dieser oder jener
Länder erzeugen den Krieg. Der Krieg verursacht die schlimmsten Verheerungen.
Wir können bloß „Frieden um jeden Preis" fordern. Wenn es im Interesse der
regierenden Klassen liegt, geht der Krieg zu Ende, und dann wird „Frieden"
geschlossen. Nach einiger Zeit entlädt sich über uns ein neuer imperialistischer
Krieg. Die Geschichte geht von vorne an.
Wenn wir jetzt sagen: „Wir fordern Frieden," so haben wir noch nichts
darüber gesagt, wie wir gegen die imperialistischen Kriege kämpfen können
und müssen, die Kriege, durch die unzweifelhaft die ganze nächste Epoche
des sozialpolitischen Lebens gekennzeichnet sein wird. Indes haben wir es
gerade mit dieser Frage zu tun.
Es gibt nui eine Antwort darauf: die Organisierung, Propagierung und
Vorbereitung des Bürgerkrieges in allen Ländern, wo das Proletariat schon
11
eine einigermaßen ernste Kraft darstellt. Wenn du den Frieden willst, so bereite
den Krieg vor", — ist die Weisheit der bürgerlichen Klassen in der Sphäre
ihrer Außenpolitik. Wir, Sozialisten glauben natürlich nicht an den sozialen
Frieden bei der kapitalistischen Produktionsmethode. Wir können nicht sagen,
daß wir „diesen" Frieden anstreben. Aber wir müssen uns sagen: will man
eine Einschränkung der Etappe der imperialistischen Kriege, so bereite man
den Bürgerkrieg vor. Willst Du dich als Klasse wehren, willst Du deinen Klassen-
gegnern erschweren, Dich in Stücke zerreißen zu lassen, willst Du nicht nur
in Worten sondern in der Tat „Krieg dem Kriege" erklären, — dann mußt
Du auch einsehen, daß unsere Generation sich auf eine ganze Epoche imperia-
listischer Kriege einstellen muß; daß das Proletariat alles, was es besitzt in
die historische Wagschale werfen muß; daß die Bedingungen der gesellschaft-
lichen Entwicklung in den wichtigsten Ländern genügend ausgereift sind, damit
wir die Möglichkeit haben, mit unserer Propaganda der Umwandlung des
imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg zu beginnen.
Man betrachte die Losung: „Frieden um jeden Preis" vom Standpunkt
der Mächtegruppierung im jetzigen Kriege. Kann nicht diese Losung morgen
schon eine reaktionäre Losung sein, für die ein Iswolski und Bethmann-
Hollweg eintreten werden ? Liegt denn die Vermutung ganz fern, daß wenn
(und falls) die Armee Nikolai Romanows endgültig Galizien erdrosseln und
die Armee Wilhelms II. endgültig die Schlinge um den Hals Belgiens zuschnüren
wird, die Romanows und die Hohenzollern dann sagen werden: Na, einstweilen
mags genug sein, nun wollen wir Frieden schließen, es lebe der Friede um jeden
Preis? Man darf sich von der Gruppierung der Mädite und Dynastien, die
wir jetzt sehen, nicht hypnotisieren lassen. Umgruppierungen sind möglich, noch
vor der Kriegsbeendigung. Nicht ausgeschlossen ist auch ein baldiger Waffen-
stillstand zwischen dem russischen Zarismus und dem deutschen Junkertum.
Nicht umsonst redet man unter den deutschen einflußreichen Politikern von
Anfang an davon, daß ein Krieg zwischen den Hohenzollern und Romanows
„widernatürlich" sei. Nicht umsonst haben die deutschen Sozialchauvinisten,
die aus purem Mißverständnis sich auch jetzt noch Sozialdemokraten nennen,
den ominösen „Krieg gegen den russischen Zarismus" aufgegeben und mit der
Hetze der deutschen Arbeiter hauptsächlich gegen das „perfide Albion"
begonnen. Nicht umsonst hat „Nowoje Wremja"*) darüber Alarm geschlagen,
daß in einigen einflußreichen Petersburger „Salons" man sich dem Gedanken
zuneige, ein Friedensschluß mit Deutschland sei notwendig. „In der Vor-
stellung dieser Leute", schrieb kürzlich „Nowoje Wremja", „bildet die russische
Macht, ja die Existenz Rußlands als Monarchie gewissermaßen eine Wider-
spiegelung der gewaltigen deutschen Großmacht. Wankt Wilhelm, so fällt
auch bei uns alles auseinander unter dem Anstuim des zottigen Intellek-
tuellen".
•) Das Organ der russischen reaktionären Kriegshetzer und Chauvinisten unter
Führung Suworins. Anm. d. Uebers.
12
In welche Lage würden unsere „praktischen" Sozialisten geraten, die die
Losung des „Friedens um jeden Preis" verfechten, wenn eine solche, keineswegs
unmögliche Sachlage eintreten würde?
Aber, — wird man uns sagen, — wir verfechten doch nicht einfach den
Frieden, wir stellen die Losung eines „demokratischen" Friedens auf; und man
beginnt uns auch ausführlich die Bedingungen dieses „demokratischen" Friedens
aufzuzahlen: 1. Friedensschluß nicht durch geheime diplomatische Verhand-
lungen, sondern vor den Völkern, 2. Verunmöglichung aller Annexionen ohne
den Willen der Bewohner der annektierten Gebiete, 3. Entwaffnung sowohl
der Besiegten wie der Sieger, 4. Schaffung eines interparlamentarischen
Zentrums zur Beratung über die internationalen Konflikte und eine obligato-
rische Arbitrage. Die Leute, die im Ernst über alle diese schönen Dinge reden,
gehen eigentlich, ohne es selber zu merken, vom Glauben an die Legende des
letzten Krieges aus. Sie glauben an das naive Märchen, daß wenn der „preußische
Militarismus" laut Ansicht der einen, oder der „englische Imperialismus" nach
der Auffassung der anderen gebrochen sein wird, es keine Kriege mehr geben
wird, die Großmächte abrüsten werden und Frieden auf Erden eintreten wird
Entweder — oder. Entweder werden im Laufe des jetzigen Krieges
revolutionäre Ereignisse eintreten, und dann werden sich die Arbeiter mit
„Arbitrage" und ähnlichen Maßnahmen nicht zufrieden geben. Oder die
jetzigen imperialistischen Regierungen werden Herren der Situation bleiben,
und dann ist es durchaus . . . naiv, von der „Abrüstung" zu träumen und
vom letzten Krieg. Churchill und Lloyd George beim „Worte fassen", die in
Meetings dem englischen Kleinbürger einen „demokratischen Frieden" ver-
sprechen, oder die Versprechungen Vivianis und Millerands für bare Münze
halten, daß sie, falls Frankreich siegen sollte, auf Entwaffnung bestehen würden, —
ist keineswegs Realpolitik, obwohl die Männer, die ihre Pläne auf diesen Ver-
sprechungen bauen, sich für „Realpolitiker" halten.
So ehrenhaft die subjektiven Wünsche der Verfechter des „demokratischen
Friedens" sind, die den Bürgerkrieg in nebelhafte Ferne rücken, — mit So-
zialismus und den wahren Aufgaben des revolutionären Proletariats hat ihre
Fragestellung sehr wenig gemeinsam. Diese objektiven Wünsche der bürgerlichen
englischen Pazifisten Charles Fox, John Bright, Campbell-Bannerman u. a.,
deren mutiges Verhalten neulich Bernstein in der „Neuen Zeit" erwähnte,
waren ebenfalls jeden Lobes wert. Die Vertreter des englischen Liberalismus
der alten Schule protestierten mutig gegen den Krieg der Jahre 1792/9:5, gegen
die Beteiligung Englands an der Krimcampagne, gegen den Burenkrieg usw.
Sie forderten von Anfang an den „Frieden um jeden Preis". Aber — was
den bürgerlichen Pazifisten recht, ist den Sozialisten nicht billig. Und dennoch
geraten die Genossen Macdonald und Keir Hardie, einige Mitarbeiter des Pariser
„Golos" und andere Genossen gerade auf diesen Pazifismus. Und dadurch
berauben sie sich eines großen Teiles des Wertes, der ihren mitunter ausge-
zeichneten Protesten gegen die Sozialchauvinisten der verschiedenen Länder
zukommt .
13
Es wäre lächerlich zu hoffen, daß mit der Aufstellung der Losung des
„demokratischen Friedens" im Vordergrund und der Zurückstellung der Losung
des Bürgerkrieges wir imstande wären, momentan „irgendwie" die deutschen
und französischen Sozialisten zu vereinigen und dadurch die Wiederherstellung
der Internationale zu fördern. Die französischen und belgischen Sozialisten
(und diejenigen, die mit ihnen sympathisieren) können die Losung des „Friedens"
nicht akzeptieren, solange die Besetzung Belgiens und eines Teils von Frankreich
nicht aufgehoben ist. Sie haben von ihrem Standpunkt aus vollkommen recht.
Man sieht, daß selbst vom Standpunkt des angeblich „Praktischen" diese
Fragestellung keineswegs praktisch ist. Aber die Hauptsache ist etwas ganz
anderes. Die Hauptsache ist, daß dadurch, daß wir die geringste Falschheit,
die kleinsten Schwankungen in der Frage des Bürgerkrieges zulassen, wir unserer
Sache einen ungeheuren Schaden zufügen, wir nicht vorwärts, sondern rückwärts
schreiten.
Indem wir die Parole: „Bürgerkrieg" in den Vordergrund rücken, bieten
wir nichts neues im Vergleich mit dem, was die Internationale bereits gesagt hat.
Die Resolution des Stuttgarter*) und des Basler Kongresses sagten nämlich:
Die Pflicht der Sozialisten ist, den imperialistischen Krieg in den Bürgerkrieg
umzuwandeln und — umgewandelt zu haben!
Die offiziellen sozialistischen Parteien Deutschlands und Frankreichs —
alle diese Südekum, Haase, Herve und Konsorten haben 10 Schritte rückwärts
von dieser Resolution getan. Aber einen Schritt rückwärts tun auch jene
Genossen, die den Chauvinismus tadeln, jedoch die ganze Wichtigkeit der
Losung des Bürgerkrieges vertuschen.
Bürgerkrieg bedeutet durchaus nicht militärischen Zusammenstoß, bedeutet
nicht jenen spezifischen „Antimilitarismus", dem die Gesamtheit der Er-
scheinungen fremd geblieben ist und der sich einbildet, daß es ein Allheilmittel
gegen den Militarismus als solchen außerhalb des allgemeinen Kampfes um
die soziale Revolution gebe. Bürgerkrieg bedeutet nicht, daß wir ihn von heute
auf morgen ins Leben rufen können. Aber wir müssen alle wie ein Mann fest
glauben, daß diese Aufgabe uns als die nächste, dringendste, alltägliche Kampfes-
aufgabe bevorsteht. Wir müssen der Gefahr grade ins Gesicht schauen. Gegen
uns, gegen unsere Generation von Sozialisten rückt eine Epoche ungeheurer
Schwierigkeit heran. Wenn wir Sozialisten bleiben wollen, können wir uns
nicht auf die von den bürgerlichen Idealisten übernommenen Losungen „von
*) Es wird darauf hingewiesen, daß der Stuttgarter Kongreß außerdem empfahl,
im Kriegsfall eine „schnelle Beendigung" des Krieges anzustreben. Das ist richtig.
Aber eine , .schnelle Beendigung" kann man verschieden anstreben: sowohl pazifistisch,
wie auch sozialdemokratisch. Die Stuttgarter Resolution stellte vor allem die Aufgabe:
mit allen Kräften das Volk aufzurütteln und den schleunigen Sturz der Klassenherrschaft
der Bourgeoisie zu fördern. Der richtigste Weg zur „schnellsten Beendigung" der
Etappe der imperialistischen Kriege ist eben die mutige, entschlossene Verkündigung
der Ära dos Bürgerkriegs.
14
Fall zu Fall" beschränken. Wir müssen das Banner des Bürgerkrieges erheben.
Die Internationale, die ihres Namens wirklich würdig wäre, wird entweder
unter dieser Parole wieder auferstehen, oder ist zu einem Vegetieren verurteilt.
Unsere Aufgabe ist: uns bereit machen zu den kommenden Schlachten, uns
selber und die ganze Arbeiterbewegung in dem Gedanken erziehen, daß wir
entweder sterben müssen oder — unter dem Banner des Bürgerkrieges siegen!
5. Dezember 1914. r „.
o-. ömowjew.
Eine deutsche Stimme über den Krieg.
. . . „Über Nacht ist das Weltbild ein anderes geworden. . . Jeder
schiebt die Schuld auf seinen Nachbar. Jedermann behauptet, sich zu ver-
teidigen, aus Notwehr zu handeln. Alle verteidigen, sozusagen, bloß die
heiligsten Güter, den eigenen Herd, die eigene Heimat. . . Nationale Eitelkeit
und Nationaldünkel triumphieren. . . Selbst, die große internationale Arbeiter-
klasse . . . gehorcht dem nationalen Befehl und mordet sich gegenseitig auf
den Schlachtfeldern. . . Unsere Zivilisation ist bankerott. . . Schriftsteller
von europäischem Ruhm schämen sich nicht, als wütend blinde Chauvinisten
hervorzutreten. . . Wir haben allzusehr daran geglaubt, daß der imperialistische
Wahnsinn gezähmt werden könne von der Furcht wirtschaftlichen Ruins.
Wir erleben einen nackten imperialistischen Kampf um die Hegemonie auf
Erden. Nirgends eine Spur davon, daß es sich um große Ideen handele, höchstens
um den Sturz des russischen Minotaurus, des Zaren und seiner Großfürsten,
die die edelsten Männer ihres Landes dem Henker ausgeliefert haben. . . .
Aber sehen wir nicht, wie das edle Frankreich, die Trägerin der Ideale der Freiheit,
zur Verbündeten des Henkerszaren wird? wie das ehrliche Deutschland . . .
wortbrüchig wird und das unglückliche neutrale Belgien erdrosselt? . . . Wie
soll das enden ? Wenn das Elend allzugroß wird, wenn die Verzweiflung überhand
nimmt, wenn der Bruder in der feindlichen Militäruniform seinen Bruder er-
kennen wird, — dann wird vielleicht noch etwas Unerwartetes eintreten;
vielleicht wird die Waffe sich gegen die Kriegshetzer kehren, vielleicht werden
"die Völker, denen der Haß aufgedrängt wurde, nun ihn vergessen und sich
plötzlich vereinigen. Wir wollen uns mit Prophezeiungen nicht abgeben. Wenn
der europäische Krieg uns aber um einen Schritt der sozialen Republik nähern
wird, so wird dieser Krieg nicht so sinnlos gewesen sein, wie er jetzt erscheint."*)
Wessen Stimme ist es ? Vielleicht die eines deutschen Sozialdemokraten ?
Aber sie denken nicht daran! Sie sind jetzt, mit Kautsky an der Spitze,
zu „kläglichen gegenrevolutionären Schwätzern" geworden, wie Marx jene
deutschen »Sozialdemokraten nannte, die gleich nach Veröffentlichung des
•) Üa wir das Zitat im Original nicht bei der Hand haben, so bringen wir eine
Rückübersetzung aus dem Russischen. Anm. d. Übers.
15
Sozialistengesetzes sich „wie heute" benahmen, — ähnlich wie Haase, Kautsky,
Südekum und Konsorten sich in unseren Tagen benehmen. Nein, unser Zitat
ist der Zeitschrift der kleinbürgerlichen christlichen Demokraten entnommen,
die von einer Gesellschaft guter Pfäfflein in Zürich herausgegeben wird („Neue
Wege", Blätter für religiöse Arbeit, 1914, September). So tief sind wir also
gesunken: Die gottgläubigen Philister reden davon, daß es nicht übel wäre,
die Waffen gegen die „Kriegshetzer" zu kehren; angesehene Sozialdemokraten
dagegen wie Kautsky rechtfertigen „wissenschaftlich" den niederträchtigsten
Chauvinismus oder erklären, wie Plechanow, die Propagierung des Bürger-
krieges gegen die Bourgeoisie als schädliche „Utopie"!
Ja, wenn derartige „Sozialdemokraten" die Majorität haben wollen und
eine offizielle „Internationale" (Bund zur internationalen Rechtfertigung des
nationalen Chauvinismus) bilden möchten, wäre es dann nicht besser, auf
den beschmutzten und herabgezerrten Namen „Sozialdemokrat" zu verzichten
und zur alten marxistischen Bezeichnung „Kommunist" zurückzukehren?
Kautsky drohte damit, als die opportunistischen Bernsteinianer scheinbar nah
daran waren, offiziell die deutsche Partei zu erobern. Das, was in ihrem Munde
eine leere Drohung war, wird bei den andern am Ende zur Tat werden.
5. Dezember 1914.
A'. Lenin.
In Mensdiikows Spuren*)
In „Nowoje Wremja" veröffentlicht Judas Menschikow den 6fi. Artikel —
jeder einen halben Kilometer lang — unter dem Sammeltitel: „Wir müssen
siegen." In der quasi-marxistischen Zeitschrift „Sowremenni Mir" druckt
der „Marxist" Jordanski einen Aufsatz unter dem nicht minder „patriotischen"
Titel: „Es werde Sieg."
Laut dem „Marxisten" Jordanski wird „die Beteiligung Rußlands an
diesem Kriege von den Lebensinteressen des Landes diktiert" und keineswegs
von den imperialistischen Gelüsten der herrschenden Schichten. Die Regierung
Nikolai Romanows, heißt es, verficht „die Sache der Zivilisation und des
Fortschritts" (buchstäblich) und keineswegs irgendwelche dynastische Interessen.
„Wir müssen siegen!", weil, wohlgemerkt, „weder die Vernunft noch das
Gefühl" Herrn Jordanski auf die Voraussetzung bringen, „der große Krieg"
könnte für „uns" ein trauriges Ende nehmen.
„Rußland muß siegen im Interesse der Zivilisation und des Fortschritts",
denn „der Sieg Deutschlands über Rußland kann das Werk Peters des Großen
runichte machen" Die Industrie Rußlands kann in Fesseln geraten" usw.
*) Ein bekannter Mitarbeiter des reaktionären „Nowoje Wremja ' unter dem
Zaren. Anm. d übers.
16
Und man rede Herrn Jordanski nicht von irgend einer russischen Gefahr,
davon, daß die Monarchie der Romanow stets die Rolle des internationalen
Gendarmen gespielt hat, daß ein äußerer Sieg der zaristischen Monarchie sich
als härteste Reaktion in ganz Europa bemerkbar machen würde. Man komme
Herrn Jordanski mit derartigen Dingen nicht. Er weiß ja wohl, daß all das
einfache Hirngespinste sind, daß die internationale Politik des Zarismus in
Wirklichkeit reiner sei als der Schnee auf den Alpengipfeln. „Die russische
Gefahr," erklärt Herr Jordanski, „ist einfach eine politische Legende." . . .
„In den letzten 25 Jahren hat Rußland im Bestreben, nach dem Vorbild der
anderen Mächte eine Kolonialpolitik zu entfalten, absolut nicht nach einer
Einmischung in die inneren Angelegenheiten der anderen Staaten gestrebt,
was man von Österreich und um so weniger von Deutschland nicht
behaupten kann."
Absolut nicht gestrebt! Man lüge, aber mit Maßen. . . Selbst Menschikow
könnte etwa leugnen, daß z. B. der nicht unbekannte Überfall auf das persische
Parlament eine unzweideutige „Einmischung" der Zarenbande in die „inneren
Angelegenheiten" Persiens war. . .
Kann man sich dann nach diesen Perlen wundern, wenn derselbe Jordanski
weiter von der Lösung der polnischen Frage spricht, „deren Grundlagen im
Aufruf des Höchtskommandierenden vorgezeichnet sind", und wenn er,
Menschikows Stil übernehmend, die 'zaristische „Kriegerarmee" besingt, die
„festen Schrittes zu ihrem Ziele schreite" ?
Das ist halt der „Marxismus" einiger unserer Intellektuellen. Ein würdiger
Schüler Plechanows — jenes neuen Plechanow, des Plechanow „patriotischer"
Marke, den jetzt fast die ganze chauvinistische Presse Rußlands
beweihraucht !
Schämen Sie sich, Herr Jordanski! Schande jenen Literaten (z. B. A. Finn-
Jenotajewski), die zu dem chauvinistischen Geschreibsel Jordanskis Ja und
Amen sagen! Das, was Ihr Herren predigt, ist nicht Marxismus, sondern
waschechter Nationalliberalismus und rriitunter sogar noch Schlimmeres: die
reinste Philosophie eines Menschikow. . .
Es erübrigt sich noch hinzuzufügen, daß in Westeuropa mit einer Predigt
ä la Menschikow- Jordanski unser beinahe -Herve, Alexinski hervortritt. Zu
gleicher Zeit tritt Alexinski, wie es auch zu erwarten war, als Deuter der
neuesten „patriotischen" Auffassungen des Herrn Plechanow auf. Und
die neue Sozialrevolutionäre Zeitung in Paris (sie heißt „Der Gedanke"
(„Mysl"), sie sollte aber eigentlich „Die goldene Mitte" oder „Leeres
Stroh dreschen" heißen) polemisiert kühn gegen die Auffassung Jordans-
kis, aber verstummt mutig, wenn dieselben nationalliberalen Ansichten
von dem Leader der Partei der Sozialrevolutionäre, dem Herrn Ruba-
nowitsch verzapft werden. . . .
5. Dezember 1914. ~ .
G. Smow/ew.
17
Ein wichtiges Dokument
Uns wird aus Petersburg folgendes außerordentlich wichtige Dokument
zugeschickt, das in gewissen Kreisen zirkuliert als Ausdruck der Ansichten
der leitenden Kreise der Petersburger Liquidatoren. Dieses Schreiben an
Vandervelde ist, wie man uns aus Petersburg mitteilt, tatsächlich ein Ausdruck
der Ansichten der verantwortlichen Vertreter der liquidatorischen Richtung,
die auf wichtigen Reichsposten wirken. Faktisch ist es das Credo der russischen
Liquidatoren als Richtung.
An den Minister Vandervelde, Belgien.
Lieber Genosse! Wir haben Ihr Telegramm erhalten, das von der Militär-
zensur durchgelassen wurde. Wir begrüßen das belgische Proletariat und Sie,
als dessen Vertreter. Wir wissen, daß Sie, wie das ganze internationale Pro-
letariat, energisch gegen den Krieg ankämpften, als er von den herrschenden
Klassen der Großmächte vorbereitet wurde. Doch gegen den Willen des
Proletariats ist der Krieg ausgebrechen. In diesem Kriege ist Ihre Sache die
gerechte Sache des Selbstschutzes gegen jene Gefahren, die den demokratischen
Freiheiten und dem Befreiungskampfe des Proletariats von Seiten der aggressiven
Politik des preußischen Junkertums drohen. Abgesehen von den Zielen, die
sich die kriegsteilnehmenden Großmächte dieses Krieges stellten und stellen,
wird der objektive Gang der Ereignisse die Frage der Existenz der Hochburg
des heutigen Militarismus selbst auf die Tagesordnung stellen, als welche das
preußische Junkertum erscheint, das mit schwerer Faust auch auf dem Be-
freiungskampf des deutschen Proletariats lastet. Wir sind fest davon überzeugt,
daß zu dessen Beseitigung die Sozialisten jener Länder, die an diesem Kriege
teilzunehmen gezwungen sind, sich mit der ruhmreichen Avantgarde des inter-
nationalen Proletariats, d. h. der deutschen Sozialdemokratie verbinden werden.
Leider befindet sich aber das Proletariat Rußlands nicht in der Lage, in der
sich das Proletariat der anderen Länder, die mit dem preußischen Junkertum
kämpfen, befindet. Uns steht eine unvergleichlich schwierigere und wider-
sprechendere Aufgabe bevor, als den westeuropäischen Genossen. Die inter-
nationale Lage wird dadurch kompliziert, daß im jetzigen Kriege gegen das
preußische Junkertum noch eine andere reaktionäre Macht teilnimmt: die
russische Regierung, die, im Prozeß des Kampfes erstarkend, unter gewissen
Umständen zum Brennpunkt der reaktionären Tendenzen der Weltpolitik
werden kann. Diese eventuelle Rolle Rußlands in den internationalen Be-
ziehungen ist eng an den Charakter jenes Regimes geknüpft, das unumschränkt
bei uns herrscht. Und selbst im gegenwärtigen Augenblick ist das Proletariat
Rußlands, im Gegensatz zu seinen westeuropäischen Genossen, jeder Möglichkeit
beraubt, offen seine Kollektivmeinung auszudrücken und seinen Kollektivwillen
zu verwirklichen. Jene wenigen Organisationen, die vor dem Kriege bestanden,
sind aufgehoben. Die Presse ist vernichtet. Die Gefängnisse sind überfüllt.
Das nimmt der Sozialdemokratie Rußlands jede Möglichkeit, im gegenwärtigen
18
Moment jene Position einzunehmen, die von den Sozialisten Belgiens, Frank-
reichs und Englands eingenommen wurde, und durch aktive Teilnahme am
Kriege die Verantwortung für die Handlungen der russischen Regierung zu
übernehmen, sowohl vor dem Lande, wie vor dem internationalen Sozialismus.
Doch ungeachtet dieser Verhältnisse erklären wir Ihnen, indem wir die inter-
nationale Bedeutung des europäischen Konfliktes sowie die aktive Beteiligung
der Sozialisten der vorgeschrittenen Länder berücksichtigen, die dafür Gewähr
leisten, daß der Konflikt im Interesse des internationalen Sozialismus gelöst
werden wird, daß wir in unserer Wirksamkeit in Rußland dem Krieg nicht
entgegenarbeiten. Wir halten es jedoch für notwendig, Sie darauf aufmerksam
zu machen, daß es jetzt schon notw endig sei, einen energischen Kampf gegen
die jetzt schon in Erscheinung tretende Eroberungspolitik der Großmächte
vorzubereiten und bei jeder Annexion eine vorhergehende Befragung des Volkes
zu fordern, das das annektierte Gebiet bewohnt.
Von der Redaktion: Die schlimmsten Befürchtungen haben sich
bewahrheitet. Martows Stimme gegen den Chauvinismus ist unter den Liqui-
datoren einsam geblieben. Die einflußreichen Liquidatoren, die in Rußland
selbst tätig sind, haben sich auf den Boden des banalsten Sozialchauvinismus
gestellt. Sie kauen die in der Schwärzen-Hundert- und bürgerlichen Presse
gangbare Behauptung nach, daß die Sache Englands und Frankreichs (die
faktisch ebenfalls einen „Vorbeugungskrieg" führen), eine „gerechte Sache" sei.
Sie billigen den Eintritt von Sozialisten in die Regierung und erklären naiv,
daß sie selber nicht dasselbe tun aus Gründen, über die sie nicht Herr seien,
nämlich weil das russische Ministerium sie nicht auffordere. Indem sie die
französischen Sozialchauvinisten belobigen, fahren sie zugleich fort — wolil-
gemerkt! — die deutschen Sozialchauvinisten als die „ruhmreiche Avantgarde
des internationalen Proletariats" zu titulieren. Das — nach dem 4. August.
Nach der Bewilligung der Militärkredite, nach der Erklärung Haases, nach dem
„Heldentod" Franks, nach dem Verzicht des „Vorwärts", die Frage des Klassen-
kampfes zu behandeln! . . . Aber im Munde des Verfassers ist dieser Aufruf
vollkommen logisch. Der franzosenfreundliche Sozialchauvinismus gleicht
dem deutschfreundlichen Sozialchauvinismus wie ein Ei dem andern. . .
Und endlich erklären die Liquidatoren mit lobenswerter Offenheit,
daß „wir in unserer Wirksamkeit in Rußland dem Krieg nicht entgegen-
arbeiten".
„Nicht entgegenarbeiten"! Freue sich der „patriotisch" gesinnte Ple-
chanow. Sie haben seine Ratschläge beherzigt. Und sie . . „arbeiten nicht
entgegen".
Merken jedoch die Verfasser des Aufrufes, wem sie durch üire Taktik
Vorschub leisten? Merken sie, daß sie bei dieser Handlungsweise sich durch
nichts von den nationalliberalen Chauvinisten unterscheiden ? Wissen sie, daß
bei der jetzigen Sachlage die Arbeiter, die Sozialisten mehr denn je berechtigt
sind zu sagen: Wer nicht mit uns ist, der ist gegen uns?
2* 19
Vor dem Angesicht dessen, was rings uro. die Russische Sozialdemokratische
Arbeiterfraktion geschieht, fällt das hier abgedruckte Credo der Liquidatoren
als besonders schimpfliche Schmach auf ihre ganze Richtung zurück.
5. Dezember 1914.
G. Sinowjew.
Der tote 'Chauvinismus und der lebende Sozialismus.
(Wie soll die Internationale wieder hergestellt werden?)
Im Verlauf der letzten Jahrzehnte war für die Sozialdemokratie Rußlands
sogar mehr noch als für die Sozialdemokratie der ganzen Welt die deutsche
Sozialdemokratie mustergültig. Es ist daher begreiflich, daß man nicht bewußt,
das heißt kritisch den jetzt vorherrschenden Sozialpatriotismus oder „sozia-
listischen" Chauvinismus behandeln kann, ohne sich über die eigene Stellung-
nahme zu ihm aufs deutlichste klar zu werden. Was war er ? Was ist er ?
Was wird er sein ?
Die Antwort auf die erste Frage können wir in der 1009 erschienenen
und in viele europäische Sprachen übersetzten Broschüre Karl Kautskys:
„Der Weg zur Macht" finden, der vollständigsten und für die deutschen Sozial-
demokraten günstigsten (der vielversprechendsten) Darstellung der Auffassungen
der Aufgaben unserer Epoche aus der Feder des maßgebendsten Schriftstellers
der II. Internationale („Der Weg zur Macht", Berlin 1910). Wir wollen uns
diese Broschüre genauer ins Gedächtnis rufen; das wird um so nützlicher sein,
je öfter nun „die vergessenen Worte" schändlich zum alten Eisen geworfen
werden.
Die Sozialdemokratie ist eine „.revolutionäre Partei" (der erste Satz der
Broschüre), nicht nur in dem Sinne, in dem eine Dampfmaschine revolutionär
ist, sondern auch „noch in anderem Sinne". Sie strebt nach der Eroberung
der politischen Macht durch das Proletariat, der Diktatur des Proletariats.
Kautsky überschüttet mit Hohn die Zweifler an der Revolution und schreibt:
„Sicher müssen wir bei jeder großen Bewegung und Erhebung auch mit der
Möglichkeit ihrer Niederschlagung rechnen. Ein Tor, der sich bei einem be-
vorstehenden Kampf sicher fühlt, den Sieg bereits in der Tasche zu haben." (S. 29.)
„Ein direkter Verrat an unserer Sache" wäre der Verzicht, mit der Möglichkeit des
Sieges zu rechnen. Eine Revolution in Verbindung mit einem Krieg ist möglich so-
wohl während des Krieges wie nach dem Kriege. Wann die Zuspitzung der Klassen-
gegensätze zur Revolution führen würde, läßt sich nicht bestimmen. Aber „ich kann
ganz bestimmt behaupten, daß eine Revolution, die der Krieg mit sich bringt,
entweder während des Krieges oder unmittelbar danach ausbricht." (S. 29.)
Es gibt also nichts Banaleres, als die Vorstellung des „friedlichen Hinein-
wachsens in den Sozialismus". „Nichts verkehrter als die Anschauung, die
Entwicklung der ökonomischen Notwendigkeit bedeute eine Schwächung des
20
Wolleus." (S. 43.) „Der Wille als Kampflust wird bestimmt 1. durch den
Kampf preis, der den Kämpfenden winkt, 2. durch ihr Kraftgefühl, 3. durch
ihre wirkliche Kraft." (S. 44.) Als das berühmte Vorwort Engels zu den
„Klassenkämpfen in Frankreich" erschien, versuchte man (unter anderem im
„Vorwärts") es im Sinne des Opportunismus auszulegen. Aber Engels war
darüber empört und verwahrte sich energisch gegen den Schein, er sei „ein
friedfertiger Anbeter der Gesetzlichkeit um jeden Preis". Wir haben alle Ursache
anzunehmen, wir seien jetzt in eine Periode von Kämpfen um die Staats-
einrichtungen und die Staatsmacht eingetreten, Kämpfen, die sich unter
mannigfachen Wechselfällen durch Jahrzehnte hinziehen können . . . , die
aber höchstwahrscheinlich bereits in absehbarer Zeit erhebliche Maehtver-
schiebungen zugunsten des Proletariats, wenn nicht schon seiner Alleinherrschaft
in Westeuropa herbeiführt." (S. 61.) Die revolutionären Elemente vvachsen:
Im Jahre 1895 waren von den 10 Millionen Wählern Deutschlands 6 Millionen
Proletarier und 3% Millionen am Privateigentum Interessierte. 1907 war die
Zahl der letzteren um 0,03 Mülionen, der ersteren aber um 1,6 Millionen
gewachsen! „Aber das Tempo des Fortschritts wird mit einem Schlage ein
rapides, wenn Zeiten revolutionärer Gärung kommen." (S. 70.) Die Klassen-
gegensätze werden nicht gemildert, sondern verschärft, die Teuerung wächst,
es tobt das imperialistische Wetteifern, der Militarismus. Es naht eine „neue
Ära der Revolution". „Schon längst hätte diese Situation zum Kriege geführt,
als der einzigen Alternative, neben der Revolution aus diesem tollen Zustand
herauszukommen, wenn nicht eben diese Alternative der Revolution hinter
dem Kriege noch näher stände, als hinter dem bewaffneten Frieden". (S. 100.)
„Der Weltkrieg wird nun in bedrohlichste Nähe gerückt. Die Erfahrung der
letzten Jahrzehnte beweist aber, daß der Krieg die Revolution bedeutet." (S. 105.)
Noch 1891 konnte Engels eine vorzeitige Revolution in Deutschland fürchten,
aber seit jener Zeit hat sich die „Situation stark verändert". Das Proletariat
„kann nicht mehr von einer vorzeitigen (gesperrt von Kautsky) Revo-
lution reden". (S. 105.) Das Kleinbürgertum ist sehr unzuverlässig und immer
feindlicher gegenüber dem Proletariat. Aber in diese Epoche der Krisen ist
es imstande, „massenweise zu uns überzugehen". Es handelt sich nur darum,
daß die Sozialdemokratie „unerschütterlich, konsequent, unversöhnlich" bleibe.
Es ist unzweifelhaft, daß wir in eine revolutionäre Epoche getreten sind.
So schrieb Kautsky in längstentschwundenen Zeiten, vor ganzen 5 Jahren.
Das war die deutsche Sozialdemokratie oder richtiger, das versprach sie zu
sein. Eine solche Sozialdemokratie konnte und mußte man respektieren.
Aber man lese, was dieser Kautsky jetzt schreibt. Das sind die wich-
tigsten Stellen aus einem Artikel „Die Sozialdemokratie im Kriege" („Neue Zeit"
vom 2. Oktober 1914, S. 1—7) : „Unsere Partei hat über die Mittel und Methoden
diskutiert, einen drohenden Krieg zu verhindern, dagegen viel seltener die
Frage erörtert, wie sie sich während eines Krieges verhalten solle, den zu ver-
hindern ihre Kraft nicht ausreichte" . . . „Nie ist eine Regierung so stark, nie
die Parteien so schwach, wie beim Ausbruch eines Krieges" . . . „Die Kriegszeit
21
selbst ist am ungeeignetsten zu ruhiger, unbefangener Diskutierung strittiger
Fragen" . . . „Die praktische Frage lautet nicht mehr: Krieg oder Frieden.
Sie heißt: Sieg oder Niederlage des eigenen Randes." Ein Übereinkommen
zwischen den Parteien der kriegführenden Länder über die Aktionen gegen
den Krieg ? „Praktisch ist etwas derartiges noch nie versucht worden. Seine
Möglichkeit wurde von uns stets bestritten" . . . Der Gegensatz zwischen
den deutschen und französischen Sozialisten liegt nicht in der „grundsätzlichen
Auffassung" (die einen sowohl wie die anderen verteidigen ihr Vaterland) . . .
daraus folgt für die Sozialdemokratie aller Nationen das gleiche Recht oder
die gleiche Pflicht, an dieser Verteidigung teilzunehmen, keine darf der anderen
daraus einen Vorwurf machen" . . . „Die Internationale ist zusammengebrochen" ?
Die deutschen Parteizeitungen haben auf die nachdrücklichste Vertretung
der Parteiprinzipien während des Krieges verzichtet"? (Mehrings Worte in
derselben Nummer der „Neuen Zeit", Seite 9). Eine irrige Auffassung . . kein
Grund zu einem solchen Pessimismus . . . keine prinzipielle Meinungsverschie-
denheit ... die Einheit der Prinzipien bleibt bestehen ... ein Nichtunterwerfen
unter die Gesetze der Kriegszeit hätte einfach „das Verbot unserer Presse"
herbeigeführt. Die Unterwerfung unter das Gesetz „bedeutet aber ebensowenig
einen Verzicht auf Vertretung der Parteiprinzipiell, wie die ähnliche Arbeit
unserer Parteipresse unter dem Damoklesschwert des Sozialistengesetzes"
(Kautsky: „Die Internationale und der Burgfrieden", ebenda, S. 18/19).
Wir haben absichtlich die Zitate im Text angeführt, denn man glaubt
kaum, daß derartige Dinge geschrieben werden konnten. Es läßt sich kaum
in der Literatur (höchstens in der „Literatur" der direkten Renegate) eine
so selbstgefällige Banalität, eine so schmähliche . . . Abweichung von der
Wahrheit finden, so unschöne Ausflüchte zur Bemäntelung des offensichtlichsten
Verzichtes sowohl auf den Sozialismus überhaupt, wie auf die genauen ein-
stimmig angenommenen internationalen Beschlüsse (z. B. in Stuttgart und
insbesondere in Basel) gerade in Anbetracht des europäischen Krieges, aus-
gerechnet dieses Charakters! Es würde eine Respektlosigkeit gegenüber dem
Leser bedeuten, wenn wir Kautskys Argumente „ernst nehmen" wollten und
versuchten, sie zu „analysieren", denn wenn der europäische Krieg in vielem
von einem simplen „kleinen" Judenpogrom abweicht, so erinnern die „so-
zialistischen" Argumente zugunsten einer Beteiligung an diesem Kriege
durchaus an die „demokratischen" Argumente zugunsten des Judenpogroms.
Man untersucht die Argumente zugunsten des Pogroms nicht: man nagelt sie
bloß fest, um ihre Urheber vor allen klassenbewußten Arbeitern an den Pranger
zu stellen.
Doch wie konnte es geschehen, wird der Leser fragen, daß die größte
Autorität der II. Internationale, daß ein Verfasser, der die eingangs zitierten
Auffassungen verfocht, noch tiefer gesunken ist, als ein Renegat ? Das ist nur
für den begreiflich, antworten wir, der — vielleicht unbewußt — den Standpunkt
einnimmt, daß eigentlich nichts besonderes vorgefallen sei, daß es nicht schwer
sei, „zu versöhnen und zu vergessen" usw., d. h. für denjenigen, der nämlich
22
einen Renegateustandpunkt einnimmt. Wer aber ernsthaft und aufrichtig
sozialistischen Anschauungen huldigte und die Auffassungen, die eingangs
dieses Artikels niedergelegt sind, vertritt, der wird sich nicht wundern, daß
der „Vorwärts" „tot" ist (wie L. M. im Pariser „Golos" sich ausdrückt) und
Kautsky „tot" ist. Ein Zusammenbruch einzelner Personen ist in Epochen
großer internationaler Umwälzungen kein Wunder. Kautsky gehörte trotz
seiner ungeheuren Verdienste niemals zu denjenigen, die in großen Krisen sofort
eine marxistische Kampfesposition einnahmen (man erinnere sich an seine
Schwankungen in der Frage des Millerandismus).
Und wir erleben namentlich eine solche Epoche. „Schießet zuerst,
Herren Bourgeois!" schrieb 1891 Engels, der eine Ausnutzung der bürgerlichen
Regalität zur Zeit der sogenannten friedlichen konstitutionellen Entwicklung
unsererseits verfocht (und durchaus mit Recht verfocht). Engels' Gedanke
war sonnenklar: Wir, klassenbewußte Arbeiter, werden als „zweite" schießen,
es ist für uns jetzt vorteilhafter, zum Übergang vom Wählen zum „Schießen"
(d. h. zum Bürgerkrieg) den Moment der Übertretung der durch die Bourgeoisie
geschaffenen legalen Basis durch die Bourgeoisie selbst auszunutzen. Und
Kautsky brachte 1909 die unbestrittene Ansicht aller revolutionären Sozial-
demokraten zum Ausdruck, wenn er behauptete, daß eine vorzeitige Revolution
in Europa jetzt nicht eintreten kann und daß Krieg Revolution bedeutet.
Doch die Jahrzehnte der „friedlichen" Epoche sind nicht spurlos ver-
gangen. Sie haben unvermeidlich in allen Ländern ein^n Opportunismus ge-
schaffen und ihm das Übergevdcht unter den parlamentarischen, gewerkschaft-
lichen, journalistischen usw. „Führern" gesichert. Es gibt kein Land in Europa,
in dem nicht in dieser oder jener Form ein langwieriger und beharrlicher Kampf
gegen den Opportunismus vor sich ginge, der von der Bourgeoisie auf tausend
Wegen zur Korrumpierung und Schwächung des revolutionären Proletariats
unterstützt wird. Dieser selbe Kautsky schrieb vor 15 Jahren, zu Beginn der
Bernsteinerei, daß wenn der Opportunismus aus einer Stimmung zu einer
Richtung erstarken würde, die Spaltung auf die Tagesordnung treten müßte.
In Rußland schrieb die alte „Iskra", die Schöpferin der sozialdemokratischen
Partei der Arbeiterklasse in ihrer Nummer 2, Anfang 1901, im Aufsatz: „An
der Schwelle des zwanzigsten Jahrhunderts", daß. die revolutionäre Klasse
des zwanzigsten Jahrhunderts (ebenso wie die revolutionäre Klasse des 18. Jahr-
hunderts, d. h. die Bourgeoisie) ihre Gironde und ihren Berg habe.
Der europäische Krieg bedeutet die größte historische Krise, den Beginn
einer neuen Epoche. Wie jede Krise hat der Krieg die tief verborgenen Gegen-
sätze zugespitzt und sie offenbart, hat alle heuchlerischen Hüllen zerrissen,
alle Konventionen abgestreift und die morschen oder angefaulten Autoritäten
zerstört (darin besteht, nebenbei bemerkt, die wohltuende und fortschrittliche
Wirkung aller Kriege, die nur stumpfsinnigen Anbetern der „friedlichen Ent-
wicklung" nicht einleuchtet). Die II. Internationale, die in den 25 — 45 Jahren
(je nachdem, ob man mit 1870 oder 1889 die Rechnung beginnt) ihres Bestehens
eine außerordentlich wichtige und nützliche Arbeit der Ausdehnung des So-
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zialismus in der Breite und der vorbereitenden, elementaren einfachsten Orga-
nisierung seiner Kräfte zustande gebracht hat, hat ihre historische Rolle aus-
gespielt und ist gestorben, besiegt weniger durch die von Klucks als durch den
Opportunismus. Mögen nun die Toten ihre Toten begraben. Mögen die hohen
Wichtigtuer (oder gar Intriganten und Lakaien der Chauvinisten und Oppor-
tunisten) jetz daran „arbeiten", die Vanderveldes und Sembats mit den Kautskys
und Haases zusammenzubringen, als ob sie es mit jenen zwei Spießern in Gogols
Novelle zu tun hätten, von denen der eine den andern „Gänserich" schimpfte
und darauf einer freundschaftlichen „Annäherung" an den Gegner bedurfte.
Die Internationale besteht nicht darin, daß an demselben Tisch Männer sitzen
und heuchlerische und rabulistische Resolutionen schrieben, Männer, die es für
echten Internationalismus halten, wenn deutsche Sozialisten den Appell der
deutschen Bourgeoisie, auf die französischen Arbeiter zu schießen, rechtfertigen
und die französischen den Appell der französischen Bourgeoisie, „im Namen
der Vaterlandsverteidigung" auf die Deutschen zu schießen, gutheißen!!! Die
Internationale besteht in der Annäherung (zuerst geistigen und dann auch,
wenn die Zeit dazu gekommen ist, organisatorischen Annäherung) von Männern,
die in unseren schweren Tagen imstande wären, für den sozialistischen Inter-
nationalismus durch Taten einzutreten, d. h. ihre Kräfte zu sammeln und als
„zweite" auf die Regierungen und die regierenden Klassen ihrer eigenen Vater-
länder zu schießen. Das ist keine leichte Sache, und sie wird genügend Vor-
bereitung, große Opfer verlangen, und nicht ohne Niederlagen davonkommen.
Aber gerade deshalb, weil das nicht leicht ist, soll man sie nur mit denjenigen
tun, die sie tun wollen, ohne vor dem völligen Brach mit den Chauvinisten und
Anhängern des Sozialchauvinismus zurückzuscheuen.
Am meisten leisten für die aufrichtige und nicht heuchlerische Wieder-
herstellung der sozialistischen, nicht chauvinistischen Internationale solche
Männer wie Pannekoek, der in seinem Artikel : „Der Zusammenbruch der Inter-
nationale" schrieb, daß es keinen Sinn hätte, wenn die Führer zusammen
kommen und versuchen würden, die Gegensätze zu verkleistern.
Wir wollen das offen aussprechen, was ist: der Krieg wird uns ohnehin
morgen oder übermorgen zwingen, dies zu tun. Es gibt drei Strömungen im
internationalen Sozialismus: 1. Chauvinisten, die konsequent eine Politik des
Opportunismus verfolgen; 2. konsequente Feinde des Opportunismus, die sich
schon in allen Ländern bemerkbar machen (die Opportunisten hatten sie
meistenteils aufs Haupt geschlagen, aber „geschlagene" Armeen lernen gut)
und die imstande sind, den revolutionären Kampf in der Richtung des Bürger-
krieges zu führen; 3. haltlos gewordene und schwankende Personen, die jetzt
hinter den Opportunisten hertrotten und dem Proletariat am meisten schaden
durch ihre heuchlerischen Versuche, mit fast wissenschaftlichen und marxistischen
Mitteln (wer lacht da nicht!) den Opportunismus zu rechtfertigen. Ein Teil
derer, die in dieser dritten Richtung zugrunde gehen, können gerettet und
dem Sozialismus wiedergewonnen werden, aber nur durch eine Politik des
entschiedensten Bruches mit der ersten Richtung, mit allen, die imstande sind,
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die Bewilligung der Kriegskredite, die Vaterlandsverteidigung, die Unterwerfung
unter die Kriegsgesetze, das sich-Bescheiden mit Legalität und den Verzicht
auf den Bürgerkrieg rechtfertigen. Nur derjenige, der diese Politik führt, baut
in Wirklichkeit die sozialistische Internationale auf. Wir, die wir Beziehungen
zu dem russischen Zentralkomitee und den führenden Elementen der Petersburger
Arbeiterbewegung angeknüpft, mit ihnen Gedanken ausgetauscht und uns
davon überzeugt haben, daß eine Solidarität im wesentlichen besteht, wir können
als Redaktion des Zentralorgans im Namen unserer Partei erklären, daß nur die
Arbeit in dieser Richtung eine sozialdemokratische und eine Parteiarbeit ist.
Eine Spaltung der deutschen Sozialdemokratie erscheint als Gedanke,
der viele durch seine „Ungeheuerlichkeit" allzusehr erschreckt. Doch die ob-
jektive Lage bürgt dafür, daß diese Ungeheuerlichkeit entweder eintreten wird
(haben doch Adler und Kautsky in der. letzten Sitzung des Internationalen
Sozialistischen Bureaus im Juli 1914 erklärt, daß sie an Wunder nicht glauben!)
oder wir werden zu Zeugen der qualvollen Verwesung all dessen, was einmal
die deutsche Sozialdemokratie war. Diejenigen, die allzusehr an die (ehemalige)
deutsche Sozialdemokratie zu „glauben" gewöhnt sind, wollen wir zum Schluß
nur noch daran erinnern, wie Männer, die durch Jahre hindurch in einer ganzen
Reihe von Fragen unsere Gegner waren, den Gedanken einer solchen Spaltung
an sich herankommen lassen. So schrieb L. M. im „Golos": „Der Vorwärts
ist tot"; „die Sozialdemokratie, die den Verzicht auf den Klassenkampf pro-
klamiert hat, hätte besser getan, wenn sie offen das was ist, anerkannt hätte,
d. h. wenn sie vorläufig ihre Organisation gelöst und ihre Organe geschlossen
hätte." Laut Bericht des „Golos" sagte Plechanow in einem Vortrag: „Ich
bin ein großer Gegner der Spaltung: wenn aber der Einheit der Organisation
die Prinzipien geopfert werden, so ist eine Spaltung besser als eine trügerische
Einheit." Plechanow sagte dieses von den deutschen Radikalen: er sieht den
Splitter im Auge der Deutschen, übersieht aber den Balken in seinem eigenen
Auge. Das ist seine individuelle Eigentümlichkeit, an die wir alle in den letzten
zehn Jahren des Plechanowschen Radikalisinus in Theorie und Opportunismus
in Praxis allzusehr gewöhnt waren. Wenn aber Männer mit solchen individuellen
. . . Eigentümlichkeiten von der Spaltung bei den Deutschen zu reden be-
ginnen, so ist es ein Zeichen der Zeit.
12. Dezember 1914. A r . Lenin.
Internationale und »Vaterlandsverteidigung«.
Es ist nicht wahr, daß die Internationale sich mit der Frage des Krieges
wenig befaßt habe. Fast jeder internationale sozialistische Kongreß beschäftigte
sich mit dieser Frage. Es genügt, an die Tatsachen zu erinnern. Die alte Inter-
nationale hat dieser Frage zwei Resolutionen auf zwei Kongressen gewidmet.
Die II. Internationale befaßte sich mit dieser Frage in acht Resolutionen auf
acht Kongressen. Außerdem wurde diese Frage noch in fünf Resolutionen ge-
streift, die speziell der Kolonialpolitik gewidmet waren.
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Es ist ferner unwahr, daß die Internationale die Arbeiter lehrte, sie hätten
nur festzustellen, ob der betreffende Krieg ein Verteidigungskrieg sei, damit
diese Frage erledigt sei und sie bloß das Gewehr auf die Schulter zu nehmen
hätten, um den „Feind" zu vernichten. Wer sich die Mühe nimmt, die Be-
schlüsse sowohl der I. wie der II. Internationale im Original kennen zu lernen,
der wird sich davon überzeugen, daß eine solche Resolution niemals gefaßt wurde.
Wir wenden uns diesen Beschlüssen zu.
1867 nimmt die alte Internationale auf dem Kongreß in Lausanne die erste
ausführliche Resolution zur Stellungnahme zum Kriege an. Der Gipfelpunkt
dieser Resolution besteht im Hinweis darauf, daß es nicht genügt, zur Unter-
drückung des Krieges die Heere abzuschaffen, sondern eine Änderung der sozialen
Ordnung herbeizuschaffen ist. Als praktischer Schritt ist allein vorgezeichnet :
Eintritt in die bürgerlich-demokratische Friedensliga (in der, nebenbei bemerkt,
bald darauf eine Spaltung eingetreten ist).
1868 empfiehlt die Internationale auf dem Brüsseler Kongreß „den Ar-
beitern insbesondere die Niederlegung der Arbeit für den Fall des Ausbruchs
eines Krieges in ihrem Lande."
In der Londoner Konferenz 1888 wird den sozialdemokratischen Dele-
gierten der Auftrag erteilt, die Schaffung von Schiedsgerichten zur Schlichtung
der Konflikte zwischen den einzelnen Staaten anzustreben.
Der Generalrat der alten Internationale nimmt 18G6 zu Beginn des öster-
reichisch-preußischen Krieges eine Resolution an, in der er dem Proletariat
empfiehlt, diesen Konflikt als Streitigkeit zwischen zwei Despoten zu behandeln
und die geschaffene Lage für die eigene Befreiung auszunützen.
In der Adresse an die Trade Unions (Juli 1868) schrieb dieser selbe General-
rat, der bekanntlich von Karl Marx geleitet wurde, folgendes: „Die Grundlage
der Gesellschaftsordnung muß die Bruderschaft der vom kleinlichen National-
neid befreiten Werktätigen sein. Die Arbeit hat kein Vaterland."*)
Das sind die Beschlüsse der ersten Internationale.
Gleich auf dem 1. Kongreß der neuen Internationale (Paris 1889) wird
eine ausführliche antimilitaristische Resolution angenommen. Die Haupt-
forderung ist: Ersatz der stehenden Armee durch Volksmiliz.
1891 (Brüssel). Angesichts der immer drohender werdenden Lage Europas
und der chauvinistischen Hetzereien der herrschenden Klassen, fordert der
Kongreß die Arbeiter aller Länder auf, gegen alle Kriegsgelüste . . . unab-
läßlich und energisch zu wirken und . . . erklärt, . . . daß die Verant-
wortung . . . einzig und allein den herrschenden Klassen zufällt."
*) Eine Paraphrase des berühmten Ausspruches des Kommunistischen Manifestes:
,,Die Arbeiter haben kein Vaterland", eines Grundsatzes, den heutzutage nicht nur die
Südekums und Bernsteins, sondern auch Plechanow für „veraltet" hält.
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1893 (Zürich) erklärt der Kongreß: „Die internationale revolutionäre
Sozialdemokratie hat in allen Ländern mit Aufgebot aller Kräfte den chauvi-
nistischen Gelüsten der herrschenden Klassen entgegenzutreten . . . Die
Vertreter der Arbeiter im Parlament sind verpflichtet, gegen jedes Kriegsbudget
zu stimmen und für allgemeine Entwaffnung einzutreten."
1896 (I/3ndon) erklärt der Kongreß: „Die arbeitende Klasse aller Länder
hat ... die Aufgabe, dieser Vergewaltigung durch die Kriege genau so entgegen-
zutreten wie jeder anderen Vergewaltigung, die von der besitzenden Klasse
gegen sie verübt wird."
In Paris (1910) beschließt die Internationale kategorisch, „daß die sozia-
listischen Vertreter in allen Parlamenten unbedingt gegen jede Ausgabe des Mili-
tarismus, Marinismus oder der Kolonialexpedition zu stimmen verpflichtet sind."
In Stuttgart (1907) nimmt die Internationale nach einer allseitigen Er-
örterung der Frage eine ausführliche Resolution an, deren Zentralpunkt die
Stelle ist: „Falls der Krieg dennoch ausbrechen sollte, ist es die Pflicht der
Sozialisten, für dessen rasche Beendigung einzutreten und mit allen Kräften
dahin zu streben, die durch den Krieg herbeigeführte wirtschaftliche und politische
Krise zur Aufrüttelung des Volkes auszunutzen und dadurch die Beseitigung der
kapitalistischen Klassenherrschaft zu beschleunigen."
In Kopenhagen (1910) wird die Stuttgarter Resolution bestätigt, und noch
einmal erklärt die Internationale, daß es die unveränderliche Pflicht der Dele-
gierten ist, „die Mittel für die Kriegsrüstungen zu verweigern".
Auf dem Baseler Kongreß (November 1912), der während des Balkan-
krieges einberufen wurde, tritt die Internationale mit direkter Drohung mit
Revolution hervor, falls die verbrecherischen Regierungen es zum europäischen
Kriege kommen lassen sollten. Die „Regierungen mögen nicht vergessen",
erklärt der Baseler Kongreß, „daß der deutsch-französische Krieg den Ausbruch
der Kommune im Gefolge hatte, daß der russisch-japanische Krieg die revolutio-
nären Kräfte der Völker des russischen Reiches in Bewegung gesetzt hat . . .
Die Proletarier empfinden es als Verbrechen, aufeinander zu schießen, zum
Vorteil des Profits der Kapitalisten, des Ehrgeizes der Dynastien oder zur höheren
Ehre diplomatischer Geheimverträge."
Und in Kommentierung der Baseler Resolution erklärte nicht nur Jaures :
„Wir ziehen nicht in den Krieg gegen unsere Brüder! Wir werden nicht auf sie
schießen; wenn es zum Zusammenstoß kommt, dann kommt der Krieg an der
andern Front, dann kommt die Revolution," sondern auch Viktor Adler er-
klärte kategorisch: „Es naht die Stunde, wo das Proletariat die Waffe der Rache
in seiner Hand benutzen wird; das Proletariat wird mit einer Anklageschrift
hervortreten, und die Stunde wird kommen, wo die Arbeiterklasse auch das
Schwert in seiner Hand haben wird, mit Hilfe dessen sie das Urteil vollstrecken
wird." (Wir zitieren nach dem „Basler Vorwärts" Nr. 277.)
Das ist die Sprache, die bis dahin die Internationale sprach. Vergebens
wollte man in ihren Beschlüssen eine Billigung des Krieges, sei es auch nur des
Verteidigungskrieges, suchen. Sie gab Anweisungen, wie gegen den Krieg ge-
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kämpft, wie gehandelt werden soll, wenn der Krieg ausbricht. Sie sagte: Man
muß gegen die Kriegskredite stimmen, muß die Massen zum Kampfe aufrütteln,
den Bürgerkrieg vorbereiten (man erinnere sich an den Hinweis auf die Kommune)
sie sprach davon, daß die Kriege eine Vergewaltigung der Arbeiter durch die
herrschenden Klassen, daß die Kriege eine Ausgeburt der ganzen kapitalistischen
Ordnung sind. Sie rief zum Kampf gegen den jetzigen Krieg auf. In ihren Reso-
lutionen zur Kolonialpolitik sprach sie entgegen den Revisionisten, die eine
„sozialistische" Kolonialpolitik verlangten, wiederholt aus, daß die Kriege der
kapitalistischen Periode ausschließlich Kriege um die Absatzmärkte und Mil-
liarden sind.
Und jetzt, wie ist die Internationale durch die Sozialchauvinisten aller
Länder geschändet!
Die Internationale behauptete niemals, daß die Sozialisten in jedem Ver-
teidigungskriege ihr „Vaterland" verteidigen müssen. Im Zeitalter der imperia-
listischen Kriege wäre das gradezu ein Unsinn. Es gab eine Zeit, als Kautsky
selbst schrieb:
„Andererseits ist in der gegebenen weltpolitischen Situation an einen
Krieg, bei dem ein proletarisches oder demokratisches Interesse zur Verteidigung
oder zum Angriff in Frage kommen könnte, garnicht zu denken. Sicher gebietet
die Demokratie das Eintreten für die Selbständigkeit der Nation und die Inter-
nationalität das Eintreten für die Selbständigkeit jeder Nation. Aber nirgends
ist heute die Selbständigkeit einer jener großen Nationen bedroht, die bei einem
Kriege in Betracht kämen. Die einzige Kriegsgefahr droht heute von der über-
seeischen Weltpolitik, der das Proletariat von vornherein grundsätzlich ab-
lehnend gegenüber stehen muß ... In dieser Situation gilt es nicht, die Re-
gierung zu versichern, daß sie auf die Begeisterung des Proletariats rechnen
könne, wenn sie wegen ihrer Weltpolitik von einem auswärtigen Feind an-
gegriffen werde, sondern jeden Krieg, der sich entspinnen mag, als Verbrechen
an den Interessen des Volkes zu brandmarken." („Neue Zeit" Nr. 52 1906/7,
S. 855/6.)
Im Jahre 1907 war noch Kautsky nicht zur Rolle des „gelehrten Dol-
metschers" und amtlichen „Theoretikers" der Herren Südekum und Haase
hinabgesunken. Damals begriff er, daß der bevorstehende Krieg nur ein im-
perialistischer sein konnte, damals wußte er, daß das deutsche Vaterland von
keiner Gefahr des Verlustes der nationalen Selbständigkeit bedroht war, daß
die Verflechtung des Prinzips der nationalen Selbständigkeit keineswegs hieße,
eine legitime Ehe zwischen der sozialdemokratischen Partei und dem preußischen
Junkertum abzuschließen . . .
In den imperialistischen Kriegen, durch die die ganze jetzige Epoche
charakterisiert wird, kann die angreifende Seite morgen die angegriffene sein,
und umgekehrt. Schon aus diesem Grunde kann die Internationale die Losung
nicht aufstellen: Unterstützet stets und jedenfalls den Verteidigungskrieg und
die angegriffenen Länder. Man darf die einzelnen mißratenen Erklärungen
28
einzelner Führer des Sozialismus mit den Anschauungen der Internationale
nicht verwechseln. Die Internationale ist wiederholt für die nationale Selbst-
bestimmung eingetreten. Das ist richtig. Schon in Kopenhagen (1910) empfahl
sie, „das Selbstbestimmungsrecht der Völker" zu verfechten. Ebensolche Er-
klärungen gab auch die alte Internationale ab. Aber kann sich das auf den
typisch imperialistischen Krieg beziehen, wie es der Krieg von 1914 ist?
Der Unterschied zwischen Angriffs- und Verteidigungskrieg ist überhaupt
in den meisten Fällen sehr zweifelhaft, schrieb 1905 Kautsky selbst. Und 1907
sagte derselbe Kautsky auf dem Essener Parteitag in Erwiderung auf Bebel:
„In Wirklichkeit handelt es sich im Falle eines Krieges für uns nicht um eine
nationale, sondern um eine internationale Frage; denn ein Krieg zwischen Groß-
staaten wird zum Weltkrieg, er berührt ganz Europa, und nicht nur zwei Länder
allein. Die deutsche Regierung könnte aber auch eines Tages den deutschen
Proletariern weismachen, daß sie die angegriffenen seien, die französische Re-
gierung könnte das gleiche den Franzosen weis machen, und wir hätten dann
einen Krieg, in dem deutsche und französische Proletarier mit gleicher Be-
geisterung ihren Regierungen nachgehen und sich gegenseitig morden und die
Hälse abschneiden." (Protokoll des Essener Parteitags.)
Nein, das Kriterium des Verteidigungskrieges, d. h. der „Vaterlands-
verteidigung" ist für Sozialisten nicht zu gebrauchen. Wir sind nicht gegen
jeden Krieg. 1848 propagierte Marx und Engels den Angriffskrieg Deutschlands
gegen Rußland. Die „Neue Rheinische Zeitung" schrieb:
„Nur der Krieg mit Rußland ist ein Krieg des revolutionären Deutsch-
land, ein Krieg, worin es die Sünden der Vergangenheit abwaschen, worin es
sich ermannen, worin es seine eigenen Autokraten besiegen kann." (Aus dem
literarischen Nachlaß, Stuttgart 1920, 3. Band, S. 114.)
Aber wie fern ist das von dem, was jetzt die Südekums und Haases tun,
die in Wirklichkeit ihren „eigenen Autokraten" helfen, die Schlinge am Halse
des deutschen Proletariats fester zuzuschnüren!
Die Internationale hat niemals das gerechtfertigt und propagiert, was die
Sozialchauvinisten in Deutschland, Österreich, Frankreich und Belgien jetzt
getan haben. Eine einfache Zusammenstellung der Resolutionen der Inter-
nationale könnte als beste Anklageschrift gegen die Opportunisten dienen, die
diese Beschlüsse zunichte machten und dadurch die Internationale selbst zum
Zusammenbruch brachten. Die Opportunisten waren in der Internationale
sehr stark. Aber doch nicht so stark, daß in ihrem Namen offen jener „Patriotis-
mus" siegte, dem jetzt die Haase und Vaillant, Herve und Südekum gegen-
einander ausspielen. Als aber der Opportunismus und der Chauvinismus in
den wichtigsten europäischen Parteien gesiegt hatte, hörte die II. Internationale
auf, zu bestehen.
Ihr folgen wird die neue Internationale,
12. Dezember 1914. N Lm{n
29
Ueber den Nationalsiolz der Großrussen.
Wieviel wird doch über Nationalität und Vaterland gesprochen, geredet
und geschrieben! Die liberalen und radikalen Minister Englands, eine Unmenge
„fortschrittlicher" Publizisten Frankreichs (die mit den Publizisten der Reaktion
sich als völlig solidarisch erweisen), eine Unmasse amtlicher, kadettischer und
progressiver Tintenkleckser Rußlands — alle beweihrauchen auf tausenderlei
Art die Freiheit und Unabhängigkeit ihres „Vaterlandes", das hehre Prinzip
der nationalen Selbständigkeit. Es ist nicht zu unterscheiden, wo hier der käuf-
liche Lobsänger des Henkers Nikolai Romanow oder der Neger- und Inder-
schinder endet und wo der Wald- und Wiesenkleinbürger anfängt, der aus Stumpf-
sinn oder Charakterlosigkeit „mit dem Strom" schwimmt. Es hat auch keinen
Wert, da Unterschiede zu machen. Wir haben es mit einer sehr breiten und tiefen
geistigen Strömung zu tun, deren Ursprünge sehr fest mit den Interessen der
Herren Gutsbesitzer und Kapitalisten der Großmächte verknotet sind. Für die
Propaganda der Ideen, die diesen Klassen vorteilhaft sind, werden jährlich
Millionen und Abermillionen ausgegeben; eine gewaltige Mühle, die ihr Wasser
von überall hernimmt, angefangen von dem überzeugten Chauvinisten Menschi-
kow bis zu den Chauvinisten aus Opportunismus oder aus Charakterlosigkeit,
den Plechanow und Maslow, Rubano witsch und Smirnow, Krapotkin und
Burtzew.
Auch wir, großrussische Sozialdemokraten, wollen nun versuchen, unsere
Stellungnahme zu dieser geistigen Strömung zu fixieren. Uns, Repräsentanten
der souveränen Nation im Osten Europas und einem großen Teil Asiens
geziemt es nicht, die ungeheure Bedeutung der nationalen Frage zu vergessen —
besonders in einem Lande, das mit Recht „das Gefängnis der Völker" genannt
wird, zu einer Zeit, da namentlich im fernen Osten Europas und in Asien der
Kapitalismus eine ganze Reihe „neuer", großer und kleiner Nationalitäten zum
Leben und zum Bewußtsein erweckt hat, in einem Moment, da die zaristische
Monarchie Millionen von Großrussen und „Fremdvölkischen" unter Waffen
gestellt hat, um eine ganze Reihe von nationalen Fragen zu „lösen", entsprechend
den Interessen des vereinigten Adels und der Gutschkow und Krestownikow,
Dolgorukow, Kuttler und Roditschew.
Ist uns denn, den großrussischen klassenbewußten Proletariern, das Gefühl
nationalen Stolzes fremd ? Gewiß nicht ! Wir lieben unsere Sprache und unsere
Heimat, wir arbeiten am meisten daran, ihre werktätigen Massen (d. h. 9 / l0
ihrer Bevölkerung) zum klassenbewußten Dasein klassenbewußter Sozia-
listen zu heben. Es schmerzt uns am meisten zu sehen und zu fühlen, welchen
Gewalttaten und welchen Unterdrückungen die zaristischen Henker, Guts-
besitzer und Kapitalisten unsere Heimat unterwerfen. Wir sind stolz darauf,
daß diese Vergewaltigung in unserer Mitte, in der Mitte der Großrussen einen
Widerstand erzeugt hat, daß dieses Milieu Radistschew, die Dekabristen, die
aus dem Mittelstand hervorgegangenen Revolutionäre der 70. Jahre hervor-
gebracht hat, daß die große russische Arbeiterklasse eine mächtige, revolutionäre
30
Massenpartei geschaffen hat, daß der großrussische Bauer zugleich auch an-
gefangen hat, Demokrat zu werden und den Popen und Gutsbesitzer davon-
zujagen.
Wir sind dessen eingedenk, daß vor einem halben Jahrhundert der groß-
russische Demokrat Tschernyschewski, der sein Leben der Sache der Revolution
geopfert hat, sagte: „Eine erbärmliche Nation, eine Nation von Sklaven, von
oben bis unten — überall Sklaven." Die offenherzigen Sklaven unter den Groß-
russen (Sklaven gegenüber der zaristischen Monarchie) lieben es nicht, an diese
Worte erinnert zu werden. Aber unserer Meinung nach waren es Worte wahrer
Liebe zum Vaterlande, einer Liebe, die am Mangel an revolutionärem Geist in
den Massen der großrussischen Bevölkerung krankte. Damals gab es diesen
revolutionären Geist nicht. Jetzt ist er da, wenn auch in ungenügendem Maße.
Wir sind erfüllt vom Gefühl nationalen Stolzes, denn die großrussische Nation
hat ebenfalls eine revolutionäre Klasse geschaffen, hat ebenfalls bewiesen, daß
sie imstande ist, der Menschheit große Vorbilder im Kampfe für Freiheit und
Sozialismus zu liefern, und nicht nur große Pogroms, Galgenreihen, Folter-
kammern, Hungerepidemien und Kriecherei vor den Popen, den Zaren, den
Gutsbesitzern und Kapitalisten zu produzieren.
Wir sind von Nationalstolz erfüllt, und deshalb gerade hassen wir be-
sonders unsere sklavische Vergangenheit (da die Gutsbesitzer und Adligen
die Bauern in den Krieg führten, um Ungarn, Polen, Persien und China zu er-
drosseln) und unsere sklavische Gegenwart, da dieselben Gutsbesitzer, die mit
den Kapitalisten unter einer Decke stecken, uns in den Krieg führen, um Polen
und die Ukraine zu erdrosseln, um die demokratische Bewegung in Persien und
China zu ersticken, um die unsere großrussische Nationalwürde schändende
Bande der Romanows, der Bobrinski und Purischkewitsch zu stärken. Keiner
hat Schuld daran, daß er als Sklave geboren wurde; aber ein Sklave, dem nicht
nur alle Freiheitsbestrebungen fremd sind, der aber auch seine Sklaverei recht-
fertigt und beschönigt (z. B. die Erdrosselung Polens, der Ukraine usw. als
„Vaterlandsverteidigung" der Großrussen bezeichnet) — ein solcher Sklave,
der das berechtigte Gefühl der Empörung, der Verachtung und des Ekels hervor-
ruft, ist ein Lump und eine knechtische Seele.
„Ein Volk, das andere Völker unterdrückt, kann nicht frei sein," — so sprachen
die großen Repräsentanten der konsequenten Demokratie im 19. Jahrhundert,
Marx und Engels, die die Lehrer des revolutionären Proletariats geworden sind.
Und wir, großrussischen Arbeiter, die wir von Nationalstolz erfüllt sind, wollen
durchaus ein freies und unabhängiges, selbständiges, demokratisches, republi-
kanisches und stolzes Großrußland werden, das seine Beziehungen zu den Nach-
barn auf dem menschlichen Prinzip der Gleichheit und nicht auf dem jede große
Nation entwürdigenden Hörigkeitsprinzip der Vorrechte aufbaut. Gerade
deshalb, weil wir das wollen, sagen wir: Man kann im 20. Jahrhundert in Europa,
sei es auch nur im äußersten Winkel Europas, nicht anders „das Vaterland
verteidigen", als indem man mit allen revolutionären Mitteln gegen die Mo-
narchie, die Gutsbesitzer und Kapitalisten des eigenen Vaterlandes, d. h. gegen
31
die schlimmsten Feinde der eigenen Heimat, kämpft. Die Großrussen können
nicht anders ihr „Vaterland" verteidigen, als indem sie die Niederlage des Zarismus
in jedem Kriege herbeiwünschen, als das kleinere Übel für 9 /io der Bevölkerung
Großrußlands, denn der Zarismus unterdrückt nicht allein diese 9 /io der Be-
völkerung wirtschaftlich und politisch, sondern demoralisiert, erniedrigt, entehrt
und prostituiert sie dadurch, daß er sie an die Unterdrückung fremder Völker
gewöhnt und sie lehrt, ihre Schmach mit heuchlerischen und angeblich patrio-
tischen Phrasen zu bemänteln.
Man wird uns vielleicht erwidern, daß außer dem Zarismus und unter
seinen Fittichen noch eine andere historische Macht entstanden und erstarkt
ist nämlich der großrussische Kapitalismus, der fortschrittliche Arbeit leistet,
indem er gewaltige Gebiete wirtschaftlich zentralisiert und zusammenschließt.
Aber ein derartiger Einwand rechtfertigt nichts, sondern klagt noch mehr unsere
chauvinistischen Sozialisten an, die man einfach zaristische Purischkewitsch'sche*)
Sozialisten hätte nennen sollen (wie Marx die Easalleaner „königlich preußische
Sozialisten" nannte). Setzen wir sogar voraus, daß die Geschichte die Frage
zugunsten des großrussischen souveränen Kapitalismus gegen hundert und eine
kleine Nationalität entscheiden würde. Das ist nicht unmöglich, denn die ganze
Geschichte des Kapitals ist eine Geschichte von Vergewaltigungen und Räube-
reien, von Blut und Schmutz. Und wir sind keineswegs unbedingte Anhänger
der kleinen Nationen, wir treten bedingungslos, unter sonst gleichen Bedingungen,
für die Zentralisation und gegen das kleinbürgerliche Ideal der Föderativbezie-
hungen ein. Doch selbst in einem solchen Fall ist es erstens nicht unsere Sache,
sondern Sache der Demokraten (geschweige denn der Sozialisten), Romanow —
Bobrinski-Purischkewitsch zu helfen, die Ukraine zu erwürgen usw. Bismarck
hat auf seine junkerliche Art eine historisch fortschrittliche Tat begangen, aber
der wäre ein schöner „Marxist", der infolgedessen eine sozialistische Unter-
stützung Bismarcks rechtfertigen würde! Dabei förderte Bismarck die wirt-
schaftliche Entwicklung, indem er das zersplitterte Deutschland, das unter dem
Druck fremder Nationen litt, vereinigte. Aber der wirtschaftliche Aufschwung
und die rasche Entwicklung Großrußlands erfordert die Befreiung des Landes
von der Vergewaltigung anderer Nationen durch die Großrussen — dieser Unter-
schied wird von unseren Verehrern der wahrhaft russischen quasi — Bismarcks
vergessen.
Ferner, wenn die Geschichte die Frage zugunsten des großrussischen
souveränen Kapitalismus entscheiden sollte, so folgt daraus, daß die sozia-
listische Rolle des großrussischen Proletariats als der treibenden Kraft der
kommunistischen Revolution, die durch den Kapitalismus erzeugt wird, umso
größer sein wird. Und für die Revolution des Proletariats bedarf es einer langen
Erziehung der Arbeiter im Geiste der absoluten nationalen Gleichheit und Brüder-
lichkeit. Also gerade vom Standpunkte der Interessen des großrussischen Prole-
*) Purischkewitsch ist als Vertreter der „Schwarzen Hundert" und Pogromhetzer
unter dem Zaren bekannt geworden Anra d. Übers.
32
tariats ist eine lange Erziehung der Massen im Geiste der entschlossensten,
konsequentesten, kühnsten und revolutionären Verfechtung der völligen Gleich-
berechtigung und des Selbstbestimmungsrechtes aller von den Großrussen unter-
drückten Nationalitäten erforderlich. Das Interesse (nicht knechtisch verstanden)
des nationalen Stolzes der Großrussen fällt mit dem sozialistischen Interesse der
großrussischen (und aller anderen) Proletarier zusammen. Unser Vorbild wird
Marx bleiben, der, nachdem er Jahrzehnte in England verbracht hatte und
ein halber Engländer wurde, die Freiheit und nationale Unabhängigkeit Irlands
im Interesse der sozialistischen Bewegung der englischen Arbeiter forderte.
Aber unsere hausbackenen sozialistischen Chauvinisten, Plechanow usw.
werden im letzten Fall, den wir vorausgesetzt haben, sich als Verräter entpuppen,
nicht nur ihrer Heimat, dem freien und demokratischen Großrußland gegenüber,
sondern auch als Verräter an der proletarischen Verbrüderung aller Völker
Rußlands, d. h. an der Sache des Sozialismus.
12. Dezember 1914. N. Lenin.
Was nun?
(Über die Aufgaben der Arbeiterparteien gegenüber dem Opportunismus und
dem Sozial Chauvinismus.)
Die durch den Weltkrieg hervorgerufene höchste Krise des europäischen
Sozialismus verursachte anfangs (wie es bei größeren Krisen auch anzunehmen
war) eine ungeheure Kopflosigkeit, dann brachte sie eine ganze Reihe neuer
Umgruppierungen mit sich unter den Repräsentanten der verschiedenen Strö-
mungen, Schattierungen und Ansichten im Sozialismus, zuletzt warf sie mit
besonderer Schärfe und Beharrlichkeit die Frage auf, welche Veränderungen
in den Grundsätzen der sozialistischen Politik aus den Krisen entspringen und
welche von ihr erfordert werden. Diese drei „Stadien" wurden vom August
bis Dezember 1914 besonders anschaulich vcm den Sozialisten Rußlands durch-
gemacht. Wir alle wissen, daß die Kopflosigkeit anfangs ziemlich groß war
und sich durch die Verfolgungen des Zarismus, das Verhalten der „Europäer"
und die Kriegswirrnisse noch verdoppelte. Die Monate September und Oktober
waren die Zeitperiode, da in Paris und in der Schweiz, wo es mehr Emigranten,
mehr Verbindung mit Rußland und mehr Freüieit gab, besonders breit und
voll in den Diskussionen, Referaten und Zeitungen die neue Abgrenzung der
durch den Krieg verursachten Fragen zum Vorschein kam. Man kann mit
Bestimmtheit sagen, daß es keine einzige Schattierung in einer Strömung (und
Fraktion) des Sozialismus (und des quasi- Sozialismus) Rußlands gab, die
nicht ihren Ausdruck und ihre Einschätzung gefunden hätten. Alle haben
das Gefühl, daß die Zeit der genauen positiven Auseinandersetzungen gekommen
sei, die als Grundlage einer systematischen, praktischen Arbeit, Propaganda,
Agitation, Organisation dienen könnte: Die Lage klärte sich, alles sprach sich
aus; so sprechen auch wir uns endlich aus, wer mit wem, und wer wohin gehe.
3 33
Am 23. November, am Tage, nach dem in Petersburg der amtliche Bericht
über die Verhaftung der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterfraktion
publiziert wurde, ereignete sich auf dem Kongreß der Schwedischen Sozialdemo-
kratischen Partei in Stockholm ein Fall, der endgültig und unwiderruflich
die von uns unterstrichenen Fragen auf die Tagesordnung brachte. Die Leser
werden später die Beschreibung dieses Falles finden, nämlich: die vollständige
Übersetzung aus dem offiziellen schwedischen sozialdemokratischen Bericht,
der Reden Bjelenins, (des Vertreters des Zentralkomitees) und Larins (Ver-
treters der Organisation- Kommission)*) wie auch der Debatten über die
von Branting aufgeworfene Frage.
Das erstemal nach Kriegsausbruch kamen auf einem sozialistischen Kon-
greß eines neutralen Landes ein Repräsentant unserer Partei, ihres Zentral-
komitees und ein Vertreter der liquidatorischen Organisations-Kommission
(O. K.) zusammen. Wodurch unterschied sich ihr Auftreten? Bjelenin nahm
in den akuten, schweren, aber auch großen Fragen der jetzigen sozialistischen
Bewegung einen ganz bestimmten Standpunkt ein und, indem er sich auf das
Zentralorgan unserer Partei, den „Sozialdemokrat", berief, trat er mit einer
ganz entschiedenen Kriegserklärung an den Opportunismus auf und brand-
markte das Verhalten der deutschen sozialdemokratischen Führer (und „vieler
anderer") als Verrat. Larin nahm überhaupt keinen Standpunkt ein, den
Kern der Sache überging er stillschweigend und setzte sich mit denselben
schablonenhaften, leeren und faulen Phrasen darüber hinweg, mit denen die
Opportunisten und Sozialchauvinisten aller Länder versorgt sind. Dafür aber
schwieg sich Bjelenin über unser Verhältnis zu anderen sozialdemokratischen
Parteien oder Gruppen in Rußland gänzlich aus: unser Standpunkt ist nämlich
der und der, von den anderen schweigen wir und warten ab, wie sie sich ent-
scheiden. Larin entrollte dagegen die Fahne der Einigkeit, vergoß eine Träne
wegen der „bitteren Früchte der Spaltung in Rußland", zeichnete mit prächtig
grellen Farben „die einigende" Arbeit der Organisations-Kommission, die
sowohl Plechanow wie die Kaukasier, Bundisten und Polen usw. vereinigte.
Davon, was Larin damit beabsichtigte, wird später die Rede seüi. Jetzt
interessiert uns die prinzipielle Frage der Einigkeit.
Zwei Losungen haben wir vor uns. Eine: Krieg den Opportunisten und
Sozialchauvinisten; sie sind Verräter. Die andere: Einigkeit in Rußland, teil-
weise auch mit Plechanow (der, wir bemerken es in Klammern, bei uns sich
so benimmt wie Südekum**) bei den Deutschen, Hyndman bei den Engländern
usw.). Ist denn nicht klar, daß Larin, der es nicht wagte, die Dinge mit dem
rechten Namen zu nennen, in Wirklichkeit für die Opportunisten und Sozial-
chauvinisten auftrat ?
*) Gemeint ist die menschewis tische „Kommission zur Organisierung (Einberufung)
des Kongresses der Russischen Sozialdemokratischen Partei" Anm. d. übers.
**) Wir haben eben eine Broschüre Piechanows „Über den Krieg" (Paris 1914) er-
halten, die besonders anschaulich unsere Behauptungen bestätigt.
34
Aber prüfen wir im allgemeinen die Bedeutung der Losung „Einigkeit"
im Lichte der jetzigen Ereignisse. Die Einigkeit des Proletariats ist seine größte
Kraft in seinem Kampfe um die sozialistische Revolution. Aus dieser unbe-
strittenen Wahrheit ergibt sich aber auch zweifellos, daß im Falle der Anbiederung
einer größeren Zahl kleinbürgerlicher Elemente an die proletarische Partei,
die dem Kampf für die soziale Revolution schaden, die Einheit mit solchen
Elementen schädlich und verhängnisvoll für die Sache des Proletariats ist.
Die gegenwärtigen Geschehnisse haben eben bewiesen, daß einerseits die ob-
jektiven Bedingungen des imperialistischen (d. h. dem höheren, letzten Stadium
des Kapitalismus entsprechenden) Krieges herangereift sind, und andererseits
die Jahrzehnte der sogenannten Friedensepoche in allen Ländern Europas innerhalb
der sozialistischen Parteien eine Unmasse kleinbürgerlichen, opportunistischen
Mistes angesammelt hat. Schon sind 15 Jahre vergangen seit der Zeit der
berühmten „Bernsteinerei" in Deutschland, — und in vielen Ländern war
noch früher die Frage dieses opportunistischen, fremden Elementes in den
proletarischen Parteien auf der Tagesordnung, und es wird sich kaum ein
angesehener Marxist finden, der nicht wiederholt, bei verschiedenen Gelegen-
heiten bekannt hätte, daß die Opportunisten in der Tat ein der sozialen Re-
volution feindliches, unproletarisches Element bilden. Das besonders rasche
Wachstum dieses sozialen Elementes in den letzten Jahren unterliegt keinem
Zweifel- es sind die Beamten der legalen Arbeiterverbände, Parlamentarier
und andere Kopfarbeiter, die sich in der legalen Massenbewegung bequem und
ruhig eingerichtet haben, manche Schichten der bestbezahlten Arbeiter, der
kleinen Beamten usw. usw. Der Krieg hat anschaulich bewiesen, daß im Mo-
mente der Krise (und die Epoche des Imperialismus wird unausbleiblich die
Epoche verschiedener Krisen sein) eine beträchtliche Menge von Opportunisten,
die von der Bourgeoisie unterstützt und teilweise von ihr gelenkt wird (das
ist besonders wichtig) zu ihr hinüberläuft, den Sozialismus preisgibt, der Arbeiter-
sache schadet und sie zugrunde richtet. In jeder Krise wird die Bourgeoisie
die Opportunisten unterstützen, um den revolutionären Teil des Proletariats
zu erwürgen — wird von keinem Mittel Abstand nehmen, mit allen widerrecht-
lichen, grausamen Kriegsmethoden, arbeiten. Die Opportunisten, — das sind
die bürgerlichen Feinde der proletarischen Revolution, die in der Friedenszeit
ihre bürgerliche Arbeit geheim verrichten, indem sie sich innerhalb der Arbeiter-
parteien einnisten; in der Epoche der Krisen zeigen sie sich auf einmal als die
offenen Verbündeten der ganzen vereinigten Bourgeoisie, von den Konservativen
bis zur radikalsten und demokratischen, von der freisinnigen bis zur religiösen und
klerikalen. Wer diese Wahrheit nicht verstanden hat nach den Ereignissen, die wir
durchlebt haben, der betrügt hoffnungslos sich selbst und die Arbeiter. Persönliche
Zerwürfnisse sind dabei unausbleiblich, aber man darf nicht vergessen, daß ihre
Bedeutung durch das Vorhandensein einer Schicht und einer Strömung kleinbürger-
licher Opportunisten entschieden wird. Die Sozialchauvinisten Hyndman,Vander-
velde, Guesde, Plechanow, Kautsky hätten keine Bedeutung, wenn ihre charakter-
losen abgeschmackten Reden zum Schutz des bürgerlichen Patriotismus nicht auf-
o* «jO 1
gefangen worden wären von ganzen Gesellschaftsschichten der Opportunisten
und einer ganzen Menge bürgerlicher Zeitungen und bürgerlicher Politiker.
Der Typus der sozialistischen Parteien der Epoche der II. Internationale
war die Partei, die in ihrer Mitte den Opportunismus duldete, der sich während
der Jahrzehnte der „Friedensperiode" immer mehr ansammelte, aber sich
versteckt hielt und sich den revolutionären Arbeitern anpaßte, von ihnen ihre
marxistische Terminologie übernahm und sich jeder klaren, prinzipiellen Ab-
grenzung entzog. Dieser Typus hat sich überlebt. Wenn der Krieg 1915 enden
sollte, — werden sich dann unter den Sozialisten mit Verstand solche finden,
die im Jahre 1916 wieder anfangen werden, die Arbeiterparteien gemeinsam
mit den Opportunisten aufzubauen, auf Grund der Erfahrung wissend, daß
bei der nächsten Krise irgendwelcher Art sie alle durch die Bank (nebst allen
charakterlosen und kopflosen lauten) auf Seite der Bourgeoisie sein werden,
die sogleich einen Vorwand finden wird, um die Auseinandersetzungen über
Klassenhaß und Klassenkampf zu verbieten?
In Italien war die Partei eine Ausnahme für die Epoche der II. Inter-
nationale: die Opportunisten mit Bissolati an der Spitze wurden aus der Partei
entfernt. Das Resultat während der Krise war ausgezeichnet. Personen ver-
schiedener Richtungen betrogen nicht die Arbeiter, wischten ihnen nicht die
Augen mit prächtigen Redensarten über die „Einigkeit" aus, sondern gingen
jeder seines Weges. Die Opportunisten (und Überläufer von der Arbeiterpartei,
wie z. B. Mussolini) übten sich in Sozialchauvinismus, sangen Iyobeshymnen
(ähnlich wie Plechanow) auf das „heldenhafte Belgien" und deckten dadurch
die Politik des nicht heldenhaften, sondern bürgerlichen Italiens, das die Ukraine
und Galizien . . . ich wollte sagen, Albanien, Tunis usw. usw. ausräubern wollte.
Und die Sozialisten proklamierten gegen sie Krieg dem Krieg und die Vorbe-
reitung zum Bürgerkrieg. Wir idealisieren keineswegs die italienische sozialistische
Partei und garantieren nicht dafür, daß sie sich im Falle der Kriegseinmischung
Italiens ganz fest zeigen wird. Wir sprechen nicht von der Zukunft dieser Partei,
wir sprechen jetzt nur von der Gegenwart. Wir konstatieren die unbestreitbare
Tatsache, daß die Arbeiter der meisten Länder Europas betrogen wurden durch
die fiktive Einigkeit der Opportunisten mit den Revolutionären und daß Italien
ein glücklicher Ausnahmefall ist — ein Land, wo es im gegenwärtigen Zeitpunkte
keinen solchen Betrug gibt. Das, was für die II. Internationale eine glückliche
Ausnahme war, das muß und wird eine Regel für die III. Internationale werden.
Das Proletariat wird sich immer — solange der Kapitalismus besteht — in
Nachbarschaft des Kleinbürgertums befinden. Es ist unklug, manchmal auf
vorübergehende Bündnisse mit ihm zu verzichten, aber die Einigkeit mit ihm,
die Einigkeit mit den Opportunisten kann zur Zeit nur von den Feinden des
Proletariats oder den betörten Routiniers der jetzigen Epoche verteidigt werden.
Die Einigkeit des proletarischen Kampfes für die sozialistische Revolution
verlangt jetzt, nach 1914, die unbedingte Trennung der Arbeiterparteien von
den Parteien der Opportunisten. Was wir nämlich unter Opportunisten ver-
stehen, — das ist klar dargelegt im Manifest unseres Zentralkomitees.
36
Und was sehen wir in Rußland? Ist die Einigkeit zwischen Personen,
die auf diese oder andere Weise, mehr oder weniger konsequent, mit dem Chau-
vinismus — sowohl dem vom Schlage des Purischkewitsch wie auch dem der
Kadetten — kämpfen, Personen, die in diesen Chauvinismus einstimmen,
ähnlich wie Maslow, Plechanow, Smirnow, für die Arbeiterbewegung unseres
Landes nützlich oder schädlich? Zwischen Personen, die gegen den Krieg
arbeiten und solchen, die Erklärungen abgeben, daß sie ihm nicht entgegen-
arbeiten werden, wie die einflußreichen Autoren des „Dokuments". Mit der
Beantwortung dieser Frage können nur Menschen zögern, die die Augen ver-
schließen wollen.
Man wird uns vielleicht einwenden, daß im „Golos" Martow ja gegen
Plechanow polemisierte und mit einer Reihe anderer Freunde und Anhänger
der Organisations-Kommission mit dem , Sozialchauvinismus kämpfte. Wir
leugnen es nicht, und in Nr. 33 des Zentralorgans begrüßten wir Martow geradezu.
Wir wären sehr zufrieden, wenn Martow sich nicht „gewendet" hätte (siehe
die Notiz: „Martows Wendung"), wir hätten sehr gewünscht, daß eine ent-
schieden antichauvinistische Linie die Linie des Organisations-Komitees bilde.
Aber es handelt sich weder um unsere, noch um irgend jemandes Wünsche. Was
sind die objektiven Tatsachen ? Erstens schweigt sich der offizielle Vertreter
der Organisations-Kommission Larin über den „Golos" aus, nennt aber den
Sozialchauvinisten Plechanow, nennt Axelrod, der einen Aufsatz in der „Berner
Tagwacht" geschrieben hat, nur, um kein einziges entscheidendes Wort zu
sagen. Und Larin befindet sich außer seiner offiziellen Lage nicht allein in
geographischer Nähe zu dem einflußreichen Kern der Liquidatoren in Rußland.
Zweitens, nehmen wir die europäische Presse. In Frankreich und in Deutschland
schweigen die Zeitungen über den „Golos", reden aber von Rubanowitsch,
Plechanow und Tscheidse („Hamburger Echo" — eines der am meisten chau-
vinistischen Organe der chauvinistischen „sozialdemokratischen" Presse in
Deutschland — nennt in der Nr. vom 12. Dezember Tscheidse einen Anhänger
Maslows und Plechanows, worauf schon auch einige Zeitungen in Rußland
hindeuteten. Es versteht sich, daß alle zielbewußten Freunde der Südekums
die ideelle Unterstützung, die Plechanow den Südekums erweist, voll einzu-
schätzen wissen). In Rußland haben Millionen Exemplare bürgerlicher Zeitungen
dem „Volke" die Nachricht über Maslow — Plechanow — Smirnow gebracht und
kein Wort über die Richtung des „Golos" verloren. Drittens hat die Erfahrung
der legalen Arbeiterpresse von 1912 — 1914 voll die Tatsache bewiesen, daß
die Quelle der bekannten gesellschaftlichen Stärke und des Einflusses der
liquidatorischen Strömung nicht in der Arbeiterklasse ist, sondern in der Schicht
der bürgerlich-demokratischen Intelligenz, die den Grundstock der legalen
Schriftsteller hervorbrachte. Von der national-chauvinistischen Strömung dieser
Schicht als solchen zeugt die ganze Presse Rußlands in Übereinstimmung mit den
Briefen der Petersburger Arbeiter. Es sind zwar große persönliche Umgruppierungen
innerhalb dieser Schicht sehr möglich, aber es ist vollkommen unwahrscheinlich,
daß sie als Schicht nicht „patriotisch" und opportunistisch sein sollten.
37
Das sind die objektiven Tatsachen. Wenn wir diesen Rechnung tragen
und uns erinnern, daß es für alle bürgerlichen Parteien, die auf die Arbeiter-
schaft Einfluß haben wollen, sehr bequem ist, einen demonstrativen linken
Flügel zu haben (besonders, wenn er offiziell ist), so müssen wir die Idee der
Einigkeit mit der Organisations-Kommission als eine für die Arbeitersache
schädliche Illusion betrachten.
Die Politik der Organisations-Kommission, die im fernen Schweden am
23./XI. mit einer Erklärung über die Einigkeit mit Plechanow auftritt und
mit Reden, die allen sozialchauvinistischen Herzen wohltun, während sie in
Paris und in der Schweiz weder vom 13./IX. (dem Tag des Erscheinens des
„Golos") bis zum 23./XI., noch vom23./XI. bis heute (23./XII.) kein Lebens-
zeichen von sich gibt, — das sieht schon einem schlimmen Politisieren ähnlich.
Und die Hoffnungen auf den offiziellen Parteicharakter der versprochenen
„Nachklänge" in Zürich werden durch die offene Erklärung in der „Berner
Tagwacht" (12./XII.) zu nichte, daß die Zeitung einen solchen Charakter nicht
haben wird. . . (nebenbei: in der Nr. 52 des „Golos" erklärt seine Redaktion
das Fortbestehen der Trennung von den Liquidatoren als ärgsten „Nationa-
lismus"; diese Phrase, ohne jeden grammatikalischen Sinn, hat nur den poli-
tischen Sinn, daß die Redaktion des „Golos" die Einigkeit mit den Sozial-
chauvinisten, der Annäherung an Personen, die gegenüber dem Sozialchauvi-
nismus unversöhnlich sind, vorzieht. Eine schlechte Wahl hat die Redaktion
des „Golos" getroffen).
"Uns bleibt nur, zur Vervollständigung des Bildes, einige Worte über die
Sozialrevolutionäre „Mysl" in Paris zu sagen, die auch von der „Einigkeit"
singt, den Sozialchauvinismus ihres Führers Rubanowitsch beschönigt, die
belgisch-französischen Opportunisten und Ministerialisten verteidigt, die pa-
triotischen Motive der Rede Kerenskis, eines der linksten unter den russischen
Trudowiki*), verschweigt und unglaublich albern kleinbürgerliche Abgeschmackt-
heiten über die Revision des Marxismus im Geiste der Narodniki und Oppor-
tunisten veröffentlicht. Das, was in der Resolution der Sommerkonferenz der
R. S.-D. Arbeiterfraktion 1913 von den Sozialrevolutionären gesagt wurde,
wird durch das Verhalten der „Mysl" vollkommen und doppelt bestätigt.
Manche russische Sozialisten glauben, scheint es, daß der Internationalismus
in der Bereitschaft bestehe, mit offenen Armen die Resolution der internationalen
Rechtfertigung des Sozialnationalismus aller Länder zu empfangen, die Plechanow
mit Südekum, Kautsky mit Herve, Guesde mit Hyndman, Vandervelde mit
Bissolati usw. vorbereiten. Wir erlauben uns die Meinung zu äußern, daß der
Internationalismus nur in der unzweideutigen internationalistischen Politik in
der eigenen Partei besteht. Zusammen mit den Opportunisten und Sozial-
*) Die .Trudowiki"' (Partei der Arbeit) vertraten die Interessen der Bauern und
Kleinbürger Ideologisch waren sie Sozialrevolutionäre, also keine Marxisten, sondern
Sozialreformisten. Anm. d Übers.
39
Chauvinisten kann man in Wirklichkeit keine internationale Politik des Prole-
tariats treiben, kann man keine Gegenaktion gegen den Krieg predigen und
dafür Kräfte sammeln. Schweigen oder einfach hinwegkommen über diese
bittere aber unumgängliche Tatsache ist für die Arbeiterbewegung ebenso
schädlich wie verderblich.
12. Dezember 1914. N. Lenin.
Nicht - Helden.
Der 2. Dezember wird ein ebenso schmachvolles Datum in der Geschichte
der deutschen Sozialdemokratie bleiben, wie der 4. August. An diesem Tage
haben 110 „sozialdemokratische" Reichstagsabgeordnete neue 5 Milliarden
Volksgelder bewilligt zur Vernichtung der französischen, belgischen, englischen
und russischen Arbeiter und Bauern — zur Befriedigung der imperialistischen
Gelüste der Junkerbande.
Das Verhalten der sozialdemokratischen Fraktion hat am 2. Dezember
endgültig die Naivität jener Biedermänner gezeigt, die versicherten, daß die
Abstimmung am 4. August nur ein trauriges Mißverständnis war: die sozial-
demokratischen Abgeordneten wären überrumpelt worden und deshalb hätten
sie geglaubt, daß der Krieg von seilen Deutschlands wirklich ein Krieg gegen
den Zarismus sei . . .
Am 2. Dezember wurden die sozialdemokratischen Abgeordneten nicht
überrumpelt, und Bethmann-Hollweg erklärte in seiner Rede klipp und klar,
daß der Hauptfeind Deutschlands — England, und nicht der russische Zarismus
sei. Und doch . . . und doch haben diese, mit Verlaub zu sagen, — Vertreter des
Proletariats — sklavisch dem Kaiser die Hand geküßt und die weiteren Helden-
taten der Hindenburgs und von Klucks gesegnet.
Von der Mehrheit der sozialdemokratischen Fraktion hat nach dem 4. August
auch niemand etwas anderes erwartet. Die Herren Revisionisten und die Herren
des berühmten, dem Herzen Kautskys so lieben „Zentrums", sind für was anderes,
als die Rolle von Lakaien des Imperialismus nicht zu gebrauchen. Aber es waren
doch unter den 111 Reichstagsabgeordneten nicht weniger als 20 — 25 Links-
radikale. Wo sind denn die hin ? Wo ist ihr sozialistisches Gewissen geblieben ?
Ihre Treue an die Idee der Demokratie ?
Aus den Reihen der linken Sozialdemokraten in Deutschland erhob sich
immerhin ein ehrliches sozialistisches Wort des Protestes gegen die chauvi-
nistischen Orgien, deren Wortführer die Südekums, Haases, Kautskys und
Konsorten waren. Wir haben Stimmen des Protestes vernommen von Seiten
der Arbeiter sowohl in Hamburg, wie in Stuttgart und Berlin. Und die „linken"
Deputierten ? Sie lassen sich von der „Disziplin" gegenüber den Herren von der
Mehrheit leiten, die selbst auf die Beschlüsse der Internationale und diejenigen
ihrer eigenen Partei gepfiffen haben ? Solche „Disziplin" ist dem Verrat ähnlich
wie ein Ei dem andern.
39
Von den 111 „sozialdemokratischen" Abgeordneten erwies sich nur 1
(ein!) ehrlicher Sozialist — Genosse Karl Liebknecht*), Sohn des großen Re-
volutionärs und Sozialisten Wilhelm Liebknecht, der sich entschloß, die elementare
Pflicht zu erfüllen — gegen die Kriegskredite zu stimmen. 1 : 110, das ist das
Verhältnis, in dem sich die Sozialisten in den Reihen der Führer der deutschen
Sozialdemokraten gegenüber den Verrätern und Chauvinisten erwiesen. Weiter
geht es nicht mehr. Man erzählt, daß der frühere Kanzler Graf Bülow in einem
Anfall des Neides gegen das bürgerliche Frankreich einmal ausrief: Ach, wenn
wir doch unter den deutschen Sozialdemokraten wenigstens einen Millerand
hätten (d. h. wenigstens einen Verräter und Renegaten unter den Sozialisten)!
Jetzt können die Herren Bülows zufrieden sein, jetzt braucht das Junker-
Deutschland nun nicht mehr das bürgerliche Frankreich zu beneiden. Wozu
braucht es einen Millerand, wenn es 110 Südekums hat? . . .
Dadurch, daß sie sich der in der deutschen Sozialdemokratie wirtschaften-
den chauvinistischen Klique unterordneten, versündigten sich die „linken" Ab-
geordneten am sozialdemokratischen Banner unverzeihlich. Vor dem Angesicht
der ganzen Welt erklärten sie sich solidarisch mit den Verrätern am Sozialismus,
sie deckten dieses ganze chauvinistische Gesindel, anstatt es rücksichtslos zu
desavouieren.
Anläßlich der Verhaftung von fünf unserer Genossen, Deputierten dei
Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterfraktion, veröffentlichte ein Organ
der linken deutschen Sozialdemokratie (die „Bremer Bürgerzeitung") einen
glühenden Artikel unter dem Titel: „Helden". Helden werden die Genossen
Petrowski, Badajew, Muranow, Schagow, Samojlow für die ehrliche Erfüllung
ihrer Pflicht genannt. Wir können — o leider — dasselbe von den linken deutschen
Sozialdemokraten nicht sagen, wir können ihnen das schmeichelhafte Wort
Helden nicht beilegen. Nein, sie sind — keine Helden!
Wie wenig Heroismus war notwendig, um sich zu entschließen, im Reichs-
tag das Wort: Nein! zu sagen. Aber Euch, Genossen Linke, fehlte es selbst
an dieser minimalen Dose Mut . . .!
Nein, das sind keine Helden. Zur Charakteristik von Personen, die sich
so verhalten, gibt es ein ganz anderes Wort.
12. Dezember 1914.
G. Sinowjew.
*) Jetzt ist auch die Erklärung Liebknechts veröffentlicht worden. Vorzüglich
im ersten Teile, in dem der räuberisch-imperialistische Charakter des Krieges gegeißelt
wird, erschöpft si 1 sich im zweiten Teil in der Proklamierung der Losung: „Frieden". Die
Folgerung widerspricht so sehr den Voraussetzungen, daß sie wie eine Disharmonie klingt.
Wenn das alles richtig ist, was Gen. Liebknecht über das Wesen und die Ursachen des
Krieges gesagt hat (und das ist zweifellos richtig), dann kann die Folgerung für Sozialisten
nur eine einzige sein : die Überleitung des imperialistischen in den
Bürgerkrieg.
40
9. Januar 1905 - 9. Januar 1915.
Freudelos beging das Weltproletariat und in erster Reihe wir, Proletarier
Rußlands, den ersten zehnjährigen Jahrestag des 9. Januar. 10 Jahre — voller
Schicksalswendungen, Siege und Niederlagen, kurzen Triumphes und langer,
qualvoll langer Verfolgungen. Wer hätte 1905 geglaubt, daß noch 10 Jahre ver-
gehen werden, und unser Land noch immer von der jahrhundertelangen Schmach
des Zarismus nicht befreit sein wird, daß der 9. Januar 1915 die gewählten Depu-
tierten der russischen Arbeiterklasse im Gefängnisse unter der Drohung der
Katorga, unsere Partei ausgeblutet und ganz Rußland unter den Füßen Nikolai
Romanows finden werde ? — Und dennoch kam es so . . . Der 9. Januar 1915
vergeht unter den Zeichen des Verfalles nicht nur in Rußland, nein, wir erleben
die Bacchanalien der WWtteaktion, zügelloses Feiern der konterrevolutionären,
der dem Proletariat und der Demokratie feindlichen Kräfte in ganz Europa.
Es besteht ein gewisser Zug der Aehnlichkeit zwischen dem, was das russische
Proletariat am 9. Januar 1905 erlebt hat und dem, was das europäische Prole-
tariat jetzt nach 10 Jahren erlebt. In der Bewegung des 9. Januar 1905 war
potentiell der Grundstein gelegt zu einem Protest von ungeheurer Stärke gegen
das alte Regime, gegen die Zarenherrschaft, gegen unser ganzes System der
Armut und Sklaverei. Aber in dieser Bewegung steckten auch Elemente der
Schwäche, Überbleibsel des Althergebrachten, Vertrauen zum Zaren und den
finstersten Kräften der Geistlichkeit. Wie immer es auch war, die Massen der
Petersburger Arbeiter marschierten am 9. Januar 1905 nicht hinter der roten
Fahne, sondern — mit Heiligenbildern und Zarenportraits, sie gingen zum Zaren,
zu ihrem Herrn, um Gnade zu erflehen.
Hunderttausende Petersburger Arbeiter wurden am 9. Januar 1905 in
gewissem Sinne nicht unter ihrer Flagge mobilisiert, aber unter einer fremden,
uns feindlichen. Gerade so findet der 9. Januar 1915 Millionen europäischer
Arbeiter unter fremden, uns feindlichen Bannern mobilisiert. Der ganze mächtige
Apparat der europäischen Bourgeoisie, der ganze Mechanismus der Staatsgewalt,
ihre hundertstimmige Presse, die Schule, die Kirchenkanzel, alles mögliche ist
in Bewegung gesetzt worden, um die Arbeiter zu betrügen, um sie zu über-
zeugen, daß die Losung: „Vaterlindsverteidigung", in der Epoche des imperia-
listischen Krieges eben unsere proletarische Losung sei . . .
Welch Entsetzen! Welch ungeheurer Rückfall! . . .
Und doch . . . und sie bewegt sich doch! Erinnert Ihr Euch noch an das
donnernde Erwachen der russischen Arbeiterklasse, der ganzen russischen
Demokratie nach dem Aderlaß vom 9. Januar 1905? Solch donnerndes Er-
wachen werden wir nach dem Kriege 1914/1915 erleben, nach jenem Welt-
gemetzel, das die kilometerlangen Felder der gegenwärtigen Kriegsfronten mit
Menschenblut tränkt und Hunderte von Flüssen in Frankreich und Russisch-
Polen, in Serbien und der Türkei rot färbt.
Die Stunde der Vergeltung wird kommen. Die Morgenröte des Bürger-
krieges wird aufgehen. Der Tag des wirklich letzten und entscheidenden Kampfes
41
wird nahen. Und einstweilen möge es finster ringsum sein, möge uns von der
unerwartetsten Seite Feigheit und Verrat auflauern. Wir vertrauen auf
unser altes Banner. Und wir begrüßen heiß die ersten schwachen Kampfes-
schimmer nach entladener Katastrophe. Wir strecken brüderlich unsere Hand
entgegen den ersten edlen Mutigen und Vorkämpfern unserer großen Sache.
Je finsterer die Nacht, desto heller die Sterne . . .
1. Februar 1915.
G. Sinowjew.
Die russischen Südekums.
Das Wort „Südekum" hat die besondere Bedeutung eines Gattungs-
namens erhalten, es ist der Typus eines selbstzufriedenen, gewissenlosen Opportu-
nisten und Sozialchauvinisten. Es ist ein gutes Zeichen, daß alle Welt von den
Südekums mit Verachtung spricht. Es gibt aber nur ein Mittel, dabei selbst
nicht in Chauvinismus zu verfallen. Dieses Mittel ist — mitzuhelfen, nach
Möglichkeit die russischen Südekums zu entlarven.
An ihre Spitze hat sich endgültig Plechanow gestellt mit seiner Broschüre :
„Über den Krieg". Seine Betrachtungen sin4 glattwegs eine Ersetzung der
Dialektik durch Sophistik. Sophistisch wird der deutsche Opportunismus be-
schuldigt, um den französischen und russischen Opportunismus zu bemänteln.
Im Resultat ergibt sich daraus nicht der Kampf gegen den internationalen
Opportunismus, aber seine Unterstützung. Sophistisch wird das Schicksal
Belgiens beweint bei gleichzeitigem Stillschweigen über Galizien. Sophistisch wird
die Epoche des Imperialismus (d. h. die Epoche, da nach der allgemeinen An-
erkennung der Marxisten die objektiven Bedingungen der Zerrüttung des Kapi-
talismus schon reif geworden sind und es schon sozialistische Proletariermassen
gibt) mit der Epoche der bürgerlich demokratisch nationalen Bewegungen
vermengt; die Epoche der schon reif gewordenen Vernichtung der bürgerlichen
Vaterländer durch die internationale Revolution des Proletariats — mit der
Epoche ihrer Entstehung und Zusammen fügung. Sophistisch wird die Bour-
geoisie Deutschlands des Friedensbruchs beschuldigt, während die langen und
beharrlichen Kriegsvorbereitungen seitens der Bourgeoisie der „Triple-Entente"
verschwiegen werden. Sophistisch wird die Baseler Resolution umgangen.
Sophistisch wird Sozialdemokratismus mit Nationalliberalismus vertauscht; der
Wunsch des Sieges des Zarismus wird mit den wirtschaftlichen Interessen Ruß-
lands motiviert, dabei wird mit keinem Worte die Frage der Nationalitäten
Rußlands gestreift oder die Hemmung ihrer wirtschaftlichen Entwicklung
durch den Zarismus oder das unermeßlich raschere und schärfere Wachstum
der Produktivkräfte in Deutschland usw. erwähnt. Die Auseinandersetzung
mit allen Sophismen Plechanows würde eine Reihe von Artikeln in Anspruch
nehmen, und es ist ungewiß, ob es sich lohnt, über seine lächerlichen Gemein-
plätze zu diskutieren. Verweilen wir bei nur einem angeblichen Beweise. Engels
42
schrieb im Jahre 1870 an Marx, Wilhelm Liebknecht hätte irrtümlicherweise
den Antibismarckismus zu seinem einzigen leitenden Prinzip gemacht. Plechanow
war sehr froh, als er dieses Zitat fand: Bei uns sei ja dasselbe mit dem Anti-
zarismus! Aber probieren Sie, die Sophistik (d. h. das Hervorholen der äußeren
Zusammenhänge des Zufalls ohne Zusammenhang mit dem Geschehenen) durch
Dialektik (d. h. das Studium der ganzen konkreten Lage der Ereignisse und
ihrer Entwicklung) zu ersetzen. Die Einigung Deutschlands war notwendig, und
Marx erkannte es vor und nach dem Jahre 1848 stets an. Engels rief noch im
Jahre 1859 das deutsche Volk zum Krieg für die Einigung auf. Als die Einigung
auf revolutionäre Art nicht gelang, vollzog sie Bismarck auf konterrevolutionäre,
junkerische. Der Antibismarckismus als einziges Prinzip wurde eine Albernheit,
da ja die Vollendung der Einigung zur Tatsache wurde.
Und in Rußland ? Hatte denn unser tapferer Plechanow den Mut gehabt,
beizeiten zu verkündigen, daß zur Entwicklung Rußlands Galizien, Kunstanti-
nopel, Armenien, Persien usw. unbedingt erobert werden müssen ? Besitzt er
den Mut, das heute zu sagen? Hat er denn daran gedacht, daß Deutschland
von der Zersplitterung der Deutschen (die von Frankreich und Rußland durch
beide Drittel des 19. Jahrhunderts unterdrückt wurden) zur Vereinigung über-
gehen mußte, während in Rußland die Großrussen eine Reihe anderer Nationen
nicht so sehr vereinigten, aber vielmehr unterdrückten? Plechanow verhüllt,
ohne daran zu denken, seinen Chauvinismus, indem er Zitate aus Engels 1870
verdreht, wie Südekum das Zitat aus dem Jahre 1891 verdreht, wo Engels von
der Notwendigkeit schrieb, für die Deutschen gegen die verbündeten Heere
Frankreichs und Rußlands auf Leben und Tod zu kämpfen.
Mit anderen Worten, bei anderen Verhältnissen verteidigt „Nascha Sarja"
in den Nummern 7, 8, 9 den Chauvinismus. Herr Tscherewanin weissagt und
wünscht eine „Niederlage Deutschlands" herbei, in der Überzeugung, daß
„Europa" (!!) sich gegen Deutschland erhoben habe. Herr A. P. wettert gegen
die deutschen Sozialdemokraten für den „Fehlschlag", der „schlimmer sei, als
jedes Verbrechen" usw., und versichert, daJ3 der deutsche Militarismus seine
„speziellen, über alle Maßen gehenden Sünden" habe, daß „nicht die pansla-
wistischen Träumereien gewisser russischer Kreise eine Bedrohung des euro-
päischen Friedens" waren usw.
Heißt das denn nicht dem Sozialchauvinisten und Purischkewitsch zu-
stimmen, wenn in der legalen Presse über die „grenzenlose" Schuld Deutsch-
lands und die Unumgänglichkeit seiner Niederlage geschrieben wird? Daß der
russische Militarismus hundertmal mehr über alle Maßen gehende Sünden hat,
wird unter dem Drucke der zaristischen Zensur verschwiegen. Konnten denn
wirklich Menschen, die keine Chauvinisten sein wollen, bei solcher Lage der
Dinge wenigstens von der Niederlage Deutschlands und seinen übermäßigen
Sünden reden ?
„Nascha Sarja" schlug nicht nur den Weg des „NichtWiderstandes gegen
den Krieg" ein, sie schüttet Wasser auf die Mühle des großrussischen, zaristisch-
purischkewitschistischen Chauvinismus, predigt mit „sozialdemokratischen"
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Argumenten Deutschlands Niederlage und wäscht die Panslawisten rein. Und
eben die Schriftsteller der „Nascha Sarja" und niemand anderes als sie trieben die
liquidatorische Massenpropaganda unter den Arbeitern in den Jahren 1912 bis 1914.
Zum Schlüsse nehmen wir Axelrod, der ebenso wie die Schriftsteller der
„Nascha Sarja" so ärgerlich und so unglücklich von Martow gedeckt, beschützt
und reingewaschen wird.
Axelrods Ansichten sind mit seinem Einvernehmen in den Nummern 86 — 87
vom „Golos" niedergelegt. Es sind . . . sozialchauvinistische Ansichten. Den
Eintritt der französischen und belgischen Sozialisten in das bürgerliche Mini-
sterium verteidigt Axelrod mit folgenden Argumenten: 1. „Die historische Not-
wendigkeit, auf die sich zu berufen es jetzt beliebt ist, bedeutete für Marx kein
passives Verhalten gegenüber dem konkreten übel in Erwartung des sozialistischen
Umsturzes." Was ist das für ein Wirrwarr ? Wozu das? Alles, was in der Ge-
schichte geschieht, geschieht mit Notwendigkeit. Das ist eine Binsenwahrheit.
Die Gegner des Sozialchauvinismus beriefen sich nicht auf die historische Not-
wendigkeit, sondern auf den imperialistischen Charakter des Krieges. Axelrod
tut so, als ob er das nicht verstanden hätte, die sich daraus ergebende Wertung
des „konkreten Übels" nicht erfaßt hätte, nämlich der bürgerlichen Herrschaft
in allen Ländern und des passenden Augenblicks zum Einleiten revolutionärer
Aktionen, die „zum sozialen Umsturz" führen. „Passiv" sind die Sozialchauvi-
nisten, die das leugnen. 2. Man darf die Frage nicht ignorieren, wer der wirkliche
Kriegsurheber war, weil man „dadurch alle Länder, die dem Kriegsüberfall
ausgesetzt sind, vor die Notwendigkeit der Verteidigung ihrer Selbständigkeit
stellt." Und auf derselben Seite das Bekenntnis, daß „die französischen Im-
perialisten freilich einen Krieg 2 — 3 Jahre später zu provozieren suchten!" Aber
in dieser Zeit hätte sich, wohlgemerkt, das Proletariat gestärkt und — auch die
Friedenschancen !
Wir wissen aber, daß in dieser Zeit sich der dem Herzen Axelrods so liebe
Opportunismus verstärkt hätte, und die Aussichten auf noch gemeineren Verrat
am Sozialismus seinerseits. Wir wissen, daß durch Jahrzehnte drei Räuber (die
Bourgeoisie und die Regierungen Englands, Rußlands, Frankreichs) zur Be-
raubung Deutschlands rüsteten. Wundert es jemanden, daß zwei Räuber den
Überfall früher machten, bevor die drei noch die von ihnen bestellten Messer
erhielten ? Ist es denn kein Sophismus, wenn man mit Phrasen von „Anstiftern",
die durch alle Sozialisten ohne Diskussion „einstimmig" in Basel anerkannte
gleiche „Schuld" der Bourgeoisie aller Länder vertuscht? 3. „Den belgischen
Sozialisten die Verteidigung ihres Landes vorzuwerfen," ist „kein Marxismus,
sondern Zynismus". So wurde nämlich von Marx Proudhons Stellungnahme
gegenüber den polnischen Aufstand (1863) genannt. Von der historischen Fort-
schrittlichkeit des Aufstandes Polens gegen den Zarismus sprach Marx immer,
seit 1848. Niemand wagte es zu bestreiten. Die konkreten Bedingungen be-
standen in der Unlösbarkeit des nationalen Problems im östlichen Europa, d. h.
im bürgerlich-demokratischen, nicht imperialistischen Charakter des Krieges
gegen den Zarismus. Das ist eine Binsenwahrheit.
44
Dem belgischen „Lande" kann man im gegenwärtigen Kriege, wenn man
sich so ablehnend oder zynisch oder nachlässig (wie sich die Axelrods verhalten)
zum sozialistischen Umsturz verhält, nicht anders helfen, als daß man dem
Zarismus hilft, die Ukraine zu erdrosseln. Das ist eine Tatsache. Diese seitens
des russischen Sozialismus zu umgehen, ist Zynismus. Über Belgien zetern und
über Galizien schweigen ist Zynismus.
Was sollten dann die belgischen Sozialisten machen ? Wenn sie den sozialen
Umsturz zusammen mit den Franzosen u. a. nicht verwirklichen konnten, mußten
sie sich der Mehrheit der Nation unterordnen und in den Krieg gehen, wenn sie
sich aber dem Willen der Sklavenbeherrscherklasse unterordneten, sollten sie
auf diese die Verantwortung abwälzen, für die Kredite nicht stimmen, Vander-
velde nicht einen Ministerbesuch bei den Ausbeutern machen lassen, sondern
bei den Organisatoren (nebst den revolutionären Sozialdemokraten aller Länder)
der illegalen revolutionären Propaganda „der sozialistischen Umwälzang und
des Bürgerkrieges", man sollte auch in der Armee diese Arbeit betreiben (die
Erfahrung zeigte, daß eine „Verbrüderung" der Arbeiter- Soldaten auch in den
Schützengräben der kämpfenden Armeen möglich ist). Von Dialektik und
Marxismus schwätzen und die notwendige (wenn es momentan notwendig ist)
Unterordnung unter die Majorität mit revolutionärer Arbeit vereinigen können,
ist unter allen Umständen eine Verunglimpfung der Arbeiter und eine Ver-
höhnung des Sozialismus. „Bürger Belgiens! Unser Land ist von einem großen
Unglück betroffen worden; es wurde durch die Bourgeoisie aller Länder und auch
die Belgiens hervorgerufen. Wollt ihr diese Bourgeoisie nicht abschütteln, glaubt
ihr nicht an einen Appell an die Sozialisten Deutschlands? Wir sind in der
Minderheit, ich unterordne mich Euch und ziehe in den Krieg, aber ich werde
auch im Kriege den Bürgerkrieg der Proletarier aller Länder verkünden und vor-
bereiten, denn ohne ihn gibt es keine Rettung für die Arbeiter und Bauern Belgiens
und anderer Länder!" Für eine solche Rede würde ein Deputierter Belgiens
oder Frankreichs usw. im Gefängnisse sitzen und nicht im Ministerfauteuil, aber
er wäre ein Sozialist und kein Verräter; von ihm würden jetzt in den Schützen-
gräben sowohl die französischen wie die deutschen Arbeiter-Soldaten sprechen
wie von ihrem Führer und nicht wie von einem Verräter an der Arbeitersache.
4. „Solange Vaterländer bestehen, solange das Leben und die Bewegung des
Proletariats in solchem Maße wie bisher in die Rahmen solcher Vaterländer
hineingezwängt sein werden, und das Proletariat außerhalb ihrer nicht einen
anderen besonderen internationalen Boden fühlen wird, solange wird das Problem
des Patriotismus und der Selbstverteidigung für das Proletariat existieren."
Die bürgerlichen Vaterländer werden bestehen bis sie durch die internationale
Revolution des Proletariats aufgehoben werden. Der Boden dafür ist schon da,
wie es selbst Kautsky im Jahre 1909 anerkannt, wie es auch einstimmig in Basel
anerkannt worden ist und wie das gegenwärtig die Tatsache der tiefen
Sympathie der Arbeiter aller Länder mit denjenigen beweist, die gegen die
Kredite stimmten und weder vor Gefängnis noch vor anderen Opfern zurück-
schreckten, die kraft „historischer Notwendigkeit" mit jeder Revolution ver-
45
knüpft sind. Axelrods Worte sind nur eine Absage an die revolutionäre Tätigkeit
und nur eine Wiederholung der Argumente der chauvinistischen Bourgeoisie.
5. Genau denselben Sinn haben seine Worte, daß das Verhalten der Deutschen
kein Verrat war, daß „die Ursache ihres Verhaltens" das lebendige Gefühl, das
Bewußtsein des organischen Zusammenhanges sei mit dem Stück Boden, dem
Vaterlande, auf welchem das deutsche Proletariat lebt und arbeitet. In Wirk-
lichkeit ist das Verhalten der Deutschen, wie das der Guesde usw. ein zweifel-
loser Verrat; es ist unwürdig, es zu bemänteln und zu verteidigen. In Wirklich-
keit vernichten, verstümmeln, brechen und entstellen gerade die bürgerlichen
Vaterländer das lebendige Band des deutschen Arbeiters mit dem deutschen
Boden und erzeugen nur das „Band" zwischen Sklaven und Sklavenhaltern.
In Wirklichkeit kann nur die Vernichtung der bürgerlichen Vaterländer den
Arbeitern aller Länder „die Zugehörigkeit zum Boden", die Freiheit der Mutter-
sprache, ein Stück Brot und die Segnungen der Kultur geben. Axelrod ist einfach
ein Lobredner der Bourgeoisie. 6. Den Arbeitern „Vorsicht in der Beschuldigung
des Opportunismus," solcher „erprobter Marxisten wie Guesde" usw. predigen,
heißt, den Arbeitern Knechtschaft im Verhältnis zu ihren Führern predigen.
Lernet am Beispiel des ganzen Lebens eines Guesde — werden wir den Arbeitern
sagen — außer seines offenen Verrates am Sozialismus im Jahre 1914. Möglich,
daß sich persönliche oder andere Umstände finden werden, die seine Schuld
abschwächen, aber es handelt sich nicht um die Schuld von Personen, sondern
um die sozialistische Bedeutung der Ereignisse. 7. Der Hinweis auf die „for-
melle" Zulässigkeit des Eintrittes ins Ministerium, weil nämlich der Punkt der
Revolution in den ausnahmsweise wichtigen Fällen einer sehr ehrlosen advc-
katischen Haarspalterei gleichkommt, weil der Sinn dieses Punktes offensichtlich
das Fördern der internationalen Revolution des Proletariats ist und nicht ein
Gegenarbeiten gegen sie. 8. Die Erklärung Axelrods: „Eine Niederlage Ruß-
lands, die die organische Entwicklung des Landes nicht berührte, könnte die
Liquidation des alten Regimes beschleunigen", ist an und für sich richtig, aber
in Verbindung mit der Rechtfertigung der deutschen Chauvinisten ist sie nichts
anderes als der Versuch, sich bei den Südekums einzuschmeicheln. Die Vorzüge
einer Niederlage Rußlands anerkennen und die deutschen und österreichischen
Sozialdemokraten nicht offen des Verrates beschuldigen, heißt in Wirklichkeit,
ihnen helfen sich zu rechtfertigen, sich aus der Affaire zu ziehen und die Arbeiter
zu betrügen. Axelrods Artikel ist eine doppelte Verbeugung: eine vor den
deutschen, die andere vor den französischen Sozialchauvinisten. Zusammen-
genommen sind die beiden Verbeugungen ein Beispiel des „russisch-bundistischen"
Sozialchauvinismus.
Mag nun der Leser die Folgerichtigkeit der Redaktion des „Golos" be-
urteilen, die die empörenden Auseinandersetzungen Axelrods drucken, aber
nichts über ihre Nichtübereinstimmung „mit manchen seinen Thesen" besagt und
dann im Leitartikel Nr. 96 „scharfe Trennung von Elementen des aktiven krassen
Sozialpatriotismus" predigt. Ist wirklich die Redaktion des „Golos" so naiv
oder so unaufmerksam, daß sie die Wahrheit übersieht? Nicht sieht, daß die
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Ausführungen Axelrods durchwegs „Elemente des aktiven (denn nur die Aktivität
eines Schriftstellers ist sein Schreiben), Sozialpatriotismus" sind? Und die
Schriftsteller der „Nascha Sarja", die Herren Tscherewanin, A. P. W. und Kon-
sorten — sind sie nicht Elemente des aktiven Sozialpatriotismus ?
1. Februar 1915. N. Lenin.
Der »Fall« Weyl und die deutsche Sozialdemokratie.
Weyl ist ein gewesener Abgeordnete des deutschen Reichstags, in dem
er Elsaß vertrat, und Mitglied der sozialdemokratischen Parlamentsfraktion.
Gleich nach Kriegsausbruch trat Weyl als Freiwilliger in die französische Armee
ein und erklärte, daß er, wie der größte Teil der Bevölkerung von Elsaß sich
als Franzose fühle, weshalb er seine Vollmachten als deutscher Abgeordneter
niederlege und unter französischer Fahne kämpfen würde.
Die ganze Motivierung Weyls ist von demselben Geiste des „patrotischen"
Sozialismus getragen, der in gleichem Maße die Haltung Vaillants und Sembats,
Franks und Haases, Plechanows und Krapotkins kennzeichnet. „Ich bin Russe
und trete deshalb für den Sieg Rußlands (in Wirklichkeit des russischen Zarismus)
ein", „ich bin Deutscher und bin daher für den Sieg Wilhelms", „ich bin
Franzose und stehe deswegen für den Sieg der französischen Bourgeoisie", —
das war die ganze Philosophie dieser Sozialpatrioten. Doch jedenfalls sollten
sie doch, man sollte glauben, einander die gleichen Rechte einräumen. Wenn
Frank aus dem Grunde, weil er „Deutscher" ist, das Recht hat, das Gewehr
über die Schulter zu nehmen, um die französischen Proletarier auszurotten,
so hat genau dasselbe „Recht" auch Weyl: Wenn er sich als „Franzose" fühlt,
so kann er das Gewehr über die Schulter nehmen und gegen die Deutschen
ins Feld ziehen.
Noch mehr. Weyl ist Elsässer und seiner Abstammung nach Franzose.
Er ist Vertreter der Provinz, die vor 54 Jahren von Bismarck gewaltsam —
entgegen den Protesten der deutschen Sozialisten — an Deutschland ange-
schlossen wurde. Er ist Vertreter derjenigen Provinz, wo im Laufe dieser ganzen
Zeit die preußischen Junker das Nationalgefühl der annektierten Bevölkerung
mit Füßen traten, wo große Schichten der Bevölkerung bisher sich noch mit
der deutschen Herrschaft nicht abfinden können. Er ist der Vertreter von
Elsaß, dem die deutschen Sozialdemokraten, solange sie noch nicht Chauvinisten
waren, die volle Autonomie wiedergeben und die Bevölkerung selbst
darüber entscheiden lassen wollten, mit wem sie weiterleben möchte. All das
verpflichtete die deutschen Sozialdemokraten wenigstens zur Vorsicht, zu
einer gewissen, sei es auch nur demokratischen Anständigkeit in der Beurteilung
des „Falles" Weyl.
Aber nichts von alledem. Als Weyls Austritt in Deutschland bekannt
wurde, erhob die ganze bürgerliche Presse gegen ihn eine widerwärtige Hetze.
Und was sehen wir? Die deutsche Sozialdemokratie schließt sich dieser Hetz-
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jagd an. Die Parteileitung und die sozialdemokratische Fraktion schließen
feierlich" Weyl aus, obwohl er selbst erklärt hat, daß er mit der deutschen
Sozialdemokratie breche. Noch mehr. Wochenlang werden dem ausgetretenen
Weyl Kotklumpen und Kübel des unanständigsten Geschimpfes nachge-
schleudert. Fast die ganze, mit Verlaub zu sagen, sozialdemokratische Presse
Deutschlands zetert mit Geifer am Munde, daß Weyl ein Verräter sei, daß er
das deutsche Vaterland verraten habe, daß er nicht in den Reihen der deutschen
vSozialdemokraten hätte arbeiten dürfen, wenn er sich als Franzose fühlte usw. usw.
Die sozialdemokratischen Zeitungen Deutschlands sind aus Leibeskräften bemüht,
sich wegen dieses „unerhörten Skandals" vor ihrer Bourgeoisie zu „rechtfertigen".
Es werden die banalsten Klatschereien aus den bürgerlichen Revolverblättchen
aufgetischt; und selbst Ledebour schnüffelt im „Vorwärts" auf Grund dieser
„Quellen" öffentlich im Innern seines ehemaligen Fraktionskollegen herum. . .
Weyl ist nicht unseres Romanes Held. Er ist extremer Revisionist. In
der deutschen Sozialdemokratie stand er auf dem äußersten rechten Flügel und
verteidigte, wie es jetzt bekannt ist, — während des „Falles" des sozial-
demokratischen Abgeordneten Landsberg sogar monarchistische Kundgebungen.
Aber er ist keineswegs schlimmer als die Noske, Haase und Frank. Und wenn
man in der deutschen sozialdemokratischen Presse all diese schamlosen An-
griffe und ungeheuerlich unanständigen Beschuldigungen gegen Weyl liest,
so kann man sich dem Gedanken nicht verschließen : Herrgott, welch Augiasstall
ist doch die jetzige deutsche Sozialdemokratie, welch ein Abgrund von bürger-
lichen Gedankengängen, welch ein Mangel an elementarer demokratischer
Anständigkeit, welch eine Unmasse von geradezu politischer Pöbelhaftigkeit
und Ignoranz steckt in jeder ihrer Zeitungen, in jeder Kundgebung ihrer an-
erkannten Führer!
Werden wir es noch je erleben, daß auch bei uns in Rußland die Sozial-
demokraten, die zur herrschenden Nation gehören, einen finnländischen oder
sagen wir polnischen Sozialisten so behandeln werden, wenn es ihm einfallen
sollte, so zu handeln, wie Weyl gehandelt hat ? . . .
1. Februar 1915. G. Sinowjew.
Das Sludententum auf den Knien.
Der politische Taumel der „Väter" hat sich auch auf die „Söhne" über-
tragen. Ein Teil des russischen Studententums kniete in einer Aufwallung
von „Patriotismus" vor dem Throne Nikolai Romanows nieder. Auf den Ruf
zu den Waffen (zur Auffüllung des Offizierstabs) hat ein Teil des Studententums
in fast allen Universitätsstädten mit Manifestationen geantwortet. Man schrie
„Hurra", man hörte die patriotischen Reden der Stadthäupter an, man sandte
an den Zaren und die Höchstkommandierenden Begrüßungstelegramme, man
ging mit Zarenporträts durch die Straßen, man sang auf den Knien: „Gott
hüte den Zaren". . .
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Dieser „patriotische" Teil des Studententums hat die äußerliche Stimmung
der ganzen russischen Bourgeoisie, des ganzen russischen Liberalismus wider-
gespiegelt. Wenn der ganze russische Liberalismus nicht morsch wäre, wenn
in ihm nur wenig Befreiungsbestrebungen lebendig wären, hätte, er die Ge-
legenheit ausgenutzt, daß eine große Anzahl von Vertretern der freien Berufe
zum erstenmal die Möglichkeit erhält, als Offiziere in die uralte Feste des
erzreaktionären Adels, d. h. in die Armee einzudringen. Doch die Liberalen
sind in ihrer jetzigen Verfassung nur fähig, ihren Söhnchen die Schwarze-Hundert-
Hymne beizubringen und sie zu lehren, patriotische Bücklinge vor den Staats-
oberhäuptern zu machen.
Das ehrliche Studenten tum, die fortgeschrittenen Arbeiter, die ganze
Demokratie wird den Sprößlingen Menschikows und Miljukows*) Verachtung
zollen, die auf den Knien Nikolai dem Blutigen ihre Gefühle darbieten. Die
denkende Jugend aller Schattierungen und Richtungen wird mit Empörung
den Chauvinisten aller Richtungen und Schattierungen antworten — auch
in dem Fall, wenn der Chauvinismus von sozialistischen „Autoritäten" gedeckt
sein wird. Und solche Fälle kamen vor. Der Kadett Professor Grimm von
der Petersburger („Petrograder") Universität rief die Studenten auf, Galizien
zu zerschmettern, und verwies darauf, daß der „Patriotismus" jetzt auch von
solchen Männern wie Guesde und Vandervelde, Burtzew und Krapotkin ver-
fochten werde. (Den Herrn Plechanow hat der Herr Kadett nicht erwähnt.
Wahrscheinlich aus purer Vergeßlichkeit.) Den Schwarzen Hundert, den Na-
tionalliberalen in die Hände arbeitet die Autorität Plechanows, Krapotkins
und anderer Sozialpatrioten. . .
Das Studententum auf den Knien. . . Wenn die Arbeiterklasse wieder
Rückgrat bekommt, wenn sie das Bauerntum weckt, wenn in unserem Lande
von neuem der belebende Sturm sich erhebt, — wird dieser frische Wind auch
jenen ganzen Teil des bürgerlichen Studententums aufrütteln, der noch zu
irgend etwas anderem nütze ist, als zu patriotischem Radaumachen.
1. Februar 1915. %
G. Sinowjew.
Weiteres zur Wendung Martows.
Von Martows Wendung um 90 Grad zeugt auch sein Artikel : „Über meine
angebliche Vereinsamung" in Nr. 87 des „Golos". Martow hat recht. Er ist
wirklich unter den Liquidatoren nicht mehr einsam. Denn — er hat sich dem
Chorus der Maslow, Smirnow, Lewitzki und Potressow angeschlossen. Wenn
der Berg nicht zu Mohamed kommt, so kommt Mohamed zum Berge. . .
Unsere Kritik des schändlichen Manifestes der Liquidatoren nennt Martow
ein „Musterbild kleinlicher Nörgelei", und die Richtung dieses Manifestes —
*) Bekannter Kadettenführer, unter Kerenski Minister des Äußeren. Anm. d. Übers.
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„schart antizaristisch" . (Kursiv von Martow). Um die Liquidatoren heraus-
zustreichen, will ]\Iartow schwarz zu weiß machen. Die Richtung des Liqui-
datoren-Manifestes ist nicht antizaristisch, sondern durch und durch zaristische
Die Männer, die erklären, daß „wir in unserer Wirksamkeit in Rußland gegen
den Krieg nicht ankämpfen" (vergl. das „Dokument") — solche Männer haben-
aufgehört, Sozialdemokraten zu sein und sind Lakaien des Zarismus geworden.
Das hat, wie es scheint, selbst die liebe Redaktion des „Golos" kapiert.
Was heißt: der Zarenbande „nicht entgegenarbeiten" und den Krieg"
gegen den „äußeren Feind" führen ? Ist es denn nicht klar, daß es zugleich
auch so viel bedeutet, daß gegen die Bekämpfung auch des „inneren Feindes"
nicht entgegengearbeitet werden soll. Das eine schließt ja das andere ein. Kann
nicht die Zarenbande, sich selbst überlassen, die Arbeiterdelegierten ins Ge-
fängnis stecken und Moskauer Arbeiter allein wegen der Zugehörigkeit zu
unserer Partei zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilen ? Die Liquidatoren
waschen wie Pontius Pilatus ihre Hände in Unschuld („wir arbeiten nicht
entgegen") und nehmen angeblich eine „neutrale" Stellung ein, in Wirklichkeit
aber verraten sie die Arbeiter und schlagen sich zu den zaristischen Nationalisten.
Und das nennt Martow eine „scharf antizaristische" Haltung. . . . Was
Wunder, daß Martow auch die Reden Axelrods, die den „patriotischen" Reden
Plechanows verdammt ähnlich schauen (aber nur feiger sind) als Einwände
„gegen den Chauvinismus" erklärt.
Ja, verzeihe uns L. Martow unsere Vermutung, daß er in der Tat fähig:
sei, allein gegen den Chauvinismus im Lager der Liquidatoren aufzutreten.
Nein, Sie sind nicht mehr einsam! Ihr „Verstand und Gewissen" haben Ihnen
gesagt, daß Sie unbedingt ins Gefolge derjenigen gehören, die heutzutage der
Bande Nikolai Romanows „nicht entgegenarbeiten". . .
Und die weise Redaktion des „Golos" — wird sie darauf kommen, wer
in Wirklichkeit die schlimmere Fraktionspolitik treibt: diejenigen, die den
Sozialchauvinismus brandmarken, wo er auch in Erscheinung treten mag,
oder diejenigen, die zum Schutz von Personen ihres Zirkels etwas Zaristisches
für Antizaristisches ausgeben. . .
Martow begeht eine weitere formale Unterstellimg. Das Manifest rühre
bloß von einigen Literaten her und hätte keinerlei „offizielle Sanktion" erhalten.
Wir wiederholen: Jenes Manifest ist der Ausdruck für die Auffassungen der
Liquidatoren, die eine Richtung in Rußland geschaffen haben und die die ganzen
Jahre hindurch die liquidatorische Massenarbeit in Rußland geleitet haben.
Die Geschichte wiederholt sich. 1910 hat die Gruppe „Nascha Sarja", die-
ebenfalls keinerlei „offizielle Sanktion" besaß, faktisch ihre Politik gegen die
Partei durchgeführt. Am Anfang war Martow ebenfalls nicht ganz damit einver-
standen. Gute Leute „hegten die Hoffnung" usw. . . Und welches Ende das
genommen hat — daran braucht man wohl nicht erinnert zu werden.
1. Februar 1915.
G. Sinowjew.
50
Der Krieg und das Schicksal unserer Befreiung.
„. . . Jeder Russe, der zum Chauvinisten
wurde, wird sich früher oder später vor dem
Zarismus verbeugen . . ." Fr. Engels*).
Im Jahre 1891 beklagte sich Fr. Engels darüber, daß auch unter den
russischen Revolutionären mitunter eine große Unkenntnis jener Seite der
russischen Geschichte herrsche, die die Außenpolitik des Zarismus heißt. Engels
fand dafür die psychologische Erklärung darin, daß uns russischen Revolutionären
die zaristische Regierung derart verhaßt sei und wir sie so verachten, daß
wir sie für vollkommen unfähig halten, etwas vernünftiges zu tun, und
glauben, daß sie darin ebenso durch ihre Beschränktheit wie Korrumpiertheit
gehindert werden würde.
Man könnte sich nichts fataleres für unsere Bewegung vorstellen, als
wenn wir auch jetzt einen solchen Vorwurf verdienten.
Die Außenpolitik, meinte derselbe Engels, ist unzweifelhaft jener Punkt,
in dem der Zarismus sehr stark ist. Die russische Diplomatie (. . . „eine ebenso
gewissenlose wie talentierte Bande") ist etwas in der Art eines modernen Jesuiten-
ordens. Und dieser Orden ist stark genug, um im Notfall über die Launen des
Zaren zu siegen und mit der Zersetzung innerhalb des eigenen Landes fertig zu
werden.
Jetzt sehen wir wieder anschaulich diese „starke, sehr starke Seite" des
Zarismus — seine Außenpolitik, deren Erfolge Engels durch die ausnehmend
günstige geographische Lage, die ethnographischen Eigentümlichkeiten der
russischen Grenzgebiete, die natürlichen Reichtümer usw. erklärte. Man darf
sich nicht täuschen. In der Vorbereitung des jetzigen Krieges in der für den
Zarismus günstigen Mächtegruppierung, die entstanden ist, gehört ein guter
Teil der „Verdienste", dem Jesuitenorden, der russische Diplomatie heißt. Der
Zarismus hat viel aufs Spiel gesetzt und — wehe unserem Lande, wenn er ver-
spielen wird. Es unterliegt keinem Zweifel- daß, wenn etwas den Untergang
des russischen Zarismus hinausschieben kann, es nur der jetzige Krieg ist.
Wie die Innenpolitik Abdul Hamids in der Türkei zu einer völligen Ohn-
macht in der Außenpolitik geführt hat, so daß die Türkei engros und en detail an
die ausländischen Großmächte ausverkauft werden mußte, so kann in Rußland
ein großer äußerer Erfolg des „Jesuitenordens" dazu führen, daß die Innen-
politik Nikolai Romanows, die unsere Heimat zerfleischt hat, noch für lange
Jahre sich beiestigen wird.
Das durch einen einfachen Sieg gekrönte Regime des 3. Juni wird in seinem
Kampf gegen die russische Demokratie noch hundertmal mächtiger werden.
Das Gefährliche, das mau sich für das Geschick der inneren Entwicklung irgend
*) Dieses und das folgende Zitat sind dem Aufsatz von Engels: „Die auswärtige
Politik des russischen Zarentums" entnommen, der in der russischen Revue „Socialdemokrat"
erschienen war. (London 1890, S 176 ff.) Anm. d. Uebers
4» 51
eines Volkes vorstellen kann, ist ein großer äußerer Sieg der reaktionären Re-
gierung, die das Volk in Unterdrückung hält. Ein neuer Blutzustrom zum ab-
sterbenden Organismus wird der schon erstarrenden Hand des Zarismus neue
Kraft zuführen, damit sie mit noch größerer Wut die Gurgel Rußlands, das
ohnehin in dem Umklammern der Romanowschen Monarchie erstickt, zu-
schnüren kann.
Noch niemals war der Zusammenhang der Außenpolitik Rußlands mit
dem Los seiner Innenpolitik, mit dem Schicksal seinar Befreiung, seiner Auf-
erstehung zu neuem Leben so evident, wie im jetzigen Kriege. Die fünf Jahre,
von 1903 bis 1908, angefangen von der Epoche der unmittelbaren Vorbereitung
zum Krieg gegen Japan bis zur Annexion von Bosnien und Herzegowina sind
die Dämmerung der Außenpolitik des Zarismus, Jahre der Erniedrigung und
der Niederlage für den russischen „Jesuitenorden". In diesen Jahren gewöhnten
wir uns wieder zu sehr an den Glauben, daß der russische Zarismus auch auf dem
Gebiete der Außenpolitik zu nichts fähig sei; wir überschätzten seine äußeren
Niederlagen, obwohl wir mit eigenen Augen sahen, wie der Zarismus in den
Jahren 1905/6 trotz alledem immer noch auf der äußeren Arena Trümpfe fand
zur Unterdrückung der Revolution (französische Anleihen, Unterstützung von
vSeiten Deutschlands usw.). Doch jetzt ist es schon vollkommen klar, daß in den
fünf Jahren, 1909 bis 1914, der Zarismus sich die ganze Zeit hindurch zur Re-
vanche in der Außenpolitik vorbereitete und daß im gegenwärtigen Moment
schon der direkte Kampf um die Verwirklichung der Resultate dieser Vorberei-
tungsarbeit vor sich geht.
Der chauvinistische Wind, der so verheerende Folgen für die ganze Inter-
nationale hatte, hat auch uns russische Sozialisten nicht verschont. Wir zahlten
ihm einen hohen Tribut schon in Gestalt Plechanows allein. Wir mußten es
erleben, daß russische Sozialisten dem Zarismus einen Waffenstillstand anboten,
daß man uns sagte: Wir sind bereit, noch einige Jahre Zarenherrschaft zu dulden,
wenn nur „unsere" Armee jetzt den „preußischen Militarismus" zerschmettert.
Und das geschieht zu einer Zeit, da unsere Arbeiterdelegierten ins Gefängnis
geworfen und unsere Genossen, Moskauer Proletarier, allein wegen Zugehörigkeit
zu unserer Partei zu sechs Jahren Katorga verurteilt werden!
„Wir sind Russen und treten daher für den Sieg Rußlands ein!", sagt
man uns, als ob ein Sieg des russischen „Jesuitenordens" ein Sieg Rußlands,
d. h. ein Sieg der russischen Arbeiter, Bauern, des russischen Volkes sei. Als
ob das russische Volk in der Tat eine Unterjochung Galiziens, die Eroberung
von Konstantinopel und der Meerengen, die Angliedeiung Persiens usw. brauchte.
Wir haben es erlebt, daß man, wenn man vom Sieg Rußlands spricht, vergißt,
daß ein solcher Sieg in Wirklichkeit in erster Linie ein Sieg des russischen Zaris-
mus wäre.
Wir sind Russen und deshalb treten wir für die Niederlage des russischen
Zarismus ein, — diese Formel steht uns, russischen Sozialisten, viel mehr zu
Gesicht, wenn schon einmal argumentiert werden muß, daß „wir Russen" sind.
52
„Aber ein Sieg Rußlands" wird uns eine gesteigerte Entwicklung des
Kapitalismus und damit auch ein gesteigertes Wachstum der Arbeiterbewegung
bringen. Daraus folgt, daß „wir als Marxisten" . . . usw. Banalisiert doch die
große Lehre des Marxismus nicht, Ihr Herren! Ihr rechtfertigt die schlimmste
Karrikatur auf den Marxismus, die von den Gegnern des Marxismus je ent-
worfen wurde. Da eine Entfaltung des Kapitalismus fortschrittlich sei, so wollen
wir Kneipen eröffnen, den Kapitalismus anpflanzen! Wir wollen zum Kapital
in die Lehre gehen, unterstützet den „durchlauchtigsten Höchstkommandieren-
den", der dem vaterländischen Kapitalismus den Weg bahnt. — Stellt man sich
auf den Standpunkt, daß man beim Kapital in die Lehre gehen und im Fabriks-
kessel ausgekocht werden muß, dann hat Südekum jedenfalls ebenso recht wie
Ihr. Denn sein „deutscher" Kapitalismus ist keineswegs schlechter, aber in
vieler Hinsicht besser, mächtiger und fortschrittlicher als der russische. Es ist
Sache der Sozialdemokratie, die Arbeiterklasse, die sich auf Grund des Kapi-
talismus entwickelt, zu organisieren im Kampfe gegen das kapitalistische Regime.
Haben wir denn so gründlich alles vergessen und nichts hinzugelernt, daß man
beweisen muß, daß Sozialismus und Internationalismus nicht dasselbe sei ? . . .
Mag sein. Aber eine Niederlage der russischen Armee wird auf das russische
Volk zurückfallen. Die eventuelle Kontribution werden die Arbeiter und Bauern
zahlen müssen. Ruiniert werden ja unsere Armeen werden. Die Hundert-
tausende gefallener Soldaten sind ja Arbeiter und Bauern . . . Richtig, ant-
worten wir. Aber wird denn der Sieg „Rußlands", d. h. des russischen Zarismus
nicht auch von denselben Armeen bezahlt werden müssen ? Werden nicht
Hunderttausende von Söhnen Rußlands auch in diesem Falle auf den Todes-
feldern ihr Leben lassen? Und wir, als internationale Sozialdemokraten sollen
wünschen, daß nicht wir, sondern, sagen wir, der österreichische oder deutsche
Arbeiter und Bauer von diesem „Rußland" ruiniert werde? Opfer, ungeheure,
unzählige Opfer werden in jedem Fall und von allen Seiten da sein. Der Unter-
schied ist nur der, daß im Fall eines Sieges „Rußlands" die innere Lage des
wirklichen Rußlands noch trostloser, noch xhärter werden wird.
Ja, aber dann solidarisieren sie sich einfach mit den preußischen Junkern
und der österreichischen Monarchie, dann führen sie Krieg gegen den russischen
Zarismus in demselben Geiste wie Südekum u. Comp., dann greifen sie im Kampfe
gegen den Zarismus zu Parolen, die den Klassenstandpunkt vertuschen! Nein,
das ist nicht so. Das wäre so, wenn wir uns auf den Standpunkt Kautskys oder
Plechanows stellten, wonach die ganze Frage dadurch erschöpft wird, daß jeder
Arbeiter „sein Vaterland verteidigen" und dieses Recht auch den anderen zu-
gestehen muß. Das wäre so, wenn wir nicht als Verrat am Sozialismus jene
Politik des angeblichen „Kampfes gegen den Zarismus" brandmarken würden,
die heuchlerisch von den österreichischen und deutschen Sozialdemokraten
verkündet wurde. Das wäre so, wenn wir nicht von allen sozialistischen Parteien
den Kampf gegen die Regierung ihres eigenen Landes fordern würden, wenn
wir nicht die Losung : „Überleitung des imperialistischen Krieges in den Bürger-
krieg" für alle Länder mit einer einigermaßen entwickelten Arbeiterbewegung
53
proklamiert hätten. Wenn unser . . . eifriger Parvus verkündet : „Für uns kann
es nur (!) eine Losung geben — Kampf gegen den Zarismus] — das bezieht sich
nicht nur auf die sozialistischen Parteien Deutschlands und Österreich-
Ungarns, die ihr Vaterland (!) gegen die Zarenarmee verteidigen müssen, das
bezieht sich auch auf die sozialistischen Parteien der ganzen Welt." (Vergl.
sein Flugblatt „Kampf gegen den Zarismus", Konstantinopel, Oktober 1914.)
— Darauf antworten wir:
„Nein, unsere Losung kann nicht „nur" gegen den Zarismus gerichtet sein!
Und Eure Phrase von der Vaterlandsverteidigung ist ebenso verlogen wie die Phrasen
Südekums. Jawohl, gegen den Zarismus] aber — nicht nur gegen den Zarismus,
sondern auch gegen den Kaiserismus, noch weiter gefaßt: gegen den Imperialis-
mus sowohl den deutschen wie den englischen, den französischen und den bel-
gischen. Wir erleben einen typisch imperialistischen Krieg, den Krieg des Anfangs
vom Ende des Kapitalismus. Wir werden kämpfen um den Sturz des die Mensch-
heit entehrenden Zarismus. Aber Euch, deutsche, englische und französische
Genossen, Arbeiter, rufen wir auf, zusammen mit uns gegen Euren Imperialismus
zu kämpfen, der Millionen von Proletariern vor die Kanonenläufe gestellt hat.
Gegen den Zarismus und gegen den bürgerlichen Imperialismus — das ist unsere
Losung. Kommt, wir wollen die Umwandlung der imperialistischen Kriege in
den Bürgerkrieg vorbereiten! Und mag die deutsche (und französische) Sozial-
demokratie momentan für unseren Appell taub sein, wir können unserem Banner
nicht untreu werden, weil ihm Haase und Noske oder sogar Jules Guesde und
Plechanow untreu geworden sind. Wir sind fest überzeugt, daß unser Appell
früher oder später einen glühenden Widerhall in den Herzen der Arbeiter aller
Länder finden wird. Und wir kämpfen gegen zwei Fronten: sowohl gegen
Plechanow und Guesde, wie auch gegen Parvus und Südekum.
— Gut, aber Ihr irrt Euch einfach in der Berechnung. Sollte „Rußland"
auch unterliegen, so wird Deutschland dennoch die Revolution nicht zulassen,
Deutschland wird dem Zarismus zu Hilfe kommen. — Wohl möglich, antworten
wir darauf. Ein baldiger Bund „Deutschlands" mit „Rußland" ist eine Per-
spektive, die in beiden Fällen viel Wahrscheinlichkeit für sich hat. Wir glauben
keineswegs, daß der Zarismus nach einer militärischen Niederlage von außen
auf keinerlei Hilfe gegen die Revolution rechnen könnte. Eine russische demo-
kratische Revolution bedroht zu sehr die Interessen der allmächtigen euro-
päischen Plutokratie, als daß sie nicht dem Zarismus im schlimmen Moment zu
Hilfe eilte. Aber bei sonst gleichen Verhältnissen ist unsere Lage, die Lage des
wirklichen Rußland, die Aussicht der Revolution viel größer nach einem mili-
tärischen Debacle des Zarismus, als nach dessen Sieg. Und jedenfalls wollen wir
nicht vergessen, daß ein Sieg „Rußlands" momentan eine unmittelbare und
absolute Verschlechterung der Lage für einige Millionen Galizier bedeutet, daß
ein solcher Sieg „Rußlands" eine Lösung der nationalen Fragen in Rußland im
Geiste des Purischkewitsch, also im Geiste der Knute und des Galgens anbahnt,
der nationalen Frage, die sich auf viele Millionen der ukrainischen, polnischen,
jüdischen und anderen Bevölkerung bezieht.
54
In Berücksichtigung der Lage, die wir jetzt sehen, kann man drei Per-
spektiven entwerfen.
Die erste: „Rußland" siegt. Der Zarismus bekommt Galizien und in dieser
oder jener Form auch Konstantinopel mit den Meerengen. Frankreich gerät in
•eine noch viel größere Abhängigkeit vom Zarismus. Der Stern des russischen
„Jesuitenordens" gewinnt einen noch nie dagewesenen Glanz. Der russische
Militarismus nimmt Dimensionen an, von denen nicht einmal Deutschland
träumte. Viele Millionen Arbeiter und Bauern kann das zaristische „Rußland",
•das über schier 200 Millionen Einwohner verfügt, als Kanonenfutter verwenden.
Vom Goldregen der Kontributionen wird ein gut Teil auch der Bourgeoisie
zufallen, die dadurch endgültig an den Wagen des Zarismus gekettet wird.
Die Ukraine ist erdrosselt. Das verschobene Todesurteil über Finnland ist voll-
streckt. Die „Lösung" der Agrarfrage im Geiste Stolypins wird erleichtert
durch die Verdünnung der Bauernbevölkerung: eine Million oder gar zwei der
jüngsten und tatkräftigsten Bauern sind zum Ruhme „Rußlands" erschlagen.
Der russische „Jesuitenorden" erhält auf internationaler Arena die Diktatur.
Alles beugt sich vor ihm. Der russische Zarismus braucht es nur zu wollen, und
jede Befreiungsbewegung in einem beliebigen Lande ist erstickt. Die europäische
Reaktion schleudert die Arbeiterbewegung der Welt und vor allem die Arbeiter-
bewegung Rußlands auf Jahrzehnte zurück. Für den Sozialismus entstehen
neue ungeheure Schwierigkeiten.
Die zweite: „Rußland" trägt keinen entscheidenden Sieg davon, kann aber
rechtzeitig einen Frieden mit Deutschland abschließen. Z. B. nach einer even-
tuellen Einnahme von Warschau durch die Preußen — einem Moment, der der
deutschen Diplomatie zum Abschluß eines Separatfriedens mit „Rußland"
besonders günstig erscheint. Es ist möglich, daß das Zarenrußland, den „ruhm-
reichen Geboten der Ahnen" folgend, auf diese oder jene Weise Serbien im Stich
lassen und es gegen Galizien eintauschen wird. Es ist möglich, daß Rußland
nach einem Friedensschluß mit Deutschland es allein den Kampf gegen England
„ausfechten" lassen wird, um die beiden zu schwächen und selber gegen Kon-
stantinopel vorzurücken. Die Folge ist vorübergehend eine russisch-preußische
„heilige Allianz". „Rußland" erhält einen neuen Aufschub zur Erfüllung der
von den Ahnen ererbten historischen Aufgaben, d. h. der Eroberung von Kon-
stantinopel. Derselbe Aufschub erstreckt sich auch auf die Innenpolitik „Ruß-
lands" gegen Rußland. „Die inneren Türken" bleiben Herren der Situation.
Die dritte: Der russische Zarismus hat militärisch Schiffbruch erlitten.
Und welche internationalen Kombinationen auch entstanden sein mögen, inner-
halb des Landes wird der Brand des Volksaufruhrs entfacht. Rußland stürzt
den Zarismus. Dadurch ist auch die Herrschaft des „Jesuitenordens" gebrochen.
Das demokratische Rußland nimmt auch das Geschick seiner Außenpolitik in
-die eigene Hand. Es verschwindet jeder Boden für eine franco-russische Allianz
in ihrer jetzigen reaktionär-chauvinistischen Gestalt. An Stelle des Bundes
„Frankreichs" mit „Rußland" tritt der Bund der französischen und russischen
Demokratie. Die Initiative des Kampfes geht in gewissem Sinne zum russischen
55
Proletariat über, ähnlich, wie wir es 1905 gesehen haben. Die demokratische
Revolution springt von Rußland auf die anderen Länder über und wird zum
Präludium der sozialen Revolution in Westeuropa. Wie die französische Re-
volution einen Weltkrieg gegen die Könige zu führen suchte, so erklären wir dem
Kapital den Weltkrieg. Dem europäischen Proletariat schließt sich das ameri-
kanische an. Die Stunde hat für unsere Unterdrücker geschlagen . . .
In allen drei Fällen gehen Millionen und Abermillionen unserer Brüder
zugrunde, sind die Opfer von Seiten der Arbeiter ungeheuerlich, fließen Meere
von Blut und Tränen. Aber nur in diesem dritten Fall sind diese Opfer nicht
umsonst gewesen. Welcher russische Revolutionär, Sozialist, Demokrat kann
in der Wahl schwanken ?
Für uns, revolutionäre Sozialdemokraten, dominiert über diesen drei
Möglichkeiten natürlich eine andere, für uns allerwichtigste Alternative: Wird
es dem internationalen Räubergesindel, nach dem was es angezettelt hat r
glimpflich ergehen, oder wird es den Proletariern in diesem oder jenem Lande
schon jetzt, unabhängig von dem Gang und dem Ausgang der militärischen
Operationen gelingen, die Aera des Bürgerkrieges zu eröffnen, wird der Protest
auch in andere Länder überspringen, werden wir nicht jetzt schon Zeugen von
proletarischen Bewegungen werden, die mit einem Schlag alle Pläne der Im-
perialisten der verschiedenen Länder zu nichte machen werden ? Unsere wich-
tigste Perspektive, unsere Hauptaufgabe ist: Ohne zu ruhen, jetzt schon daran
zu arbeiten, daß dem genau so werde. Daß schon der erste imperialistische
Weltkrieg gleich durch den Anfang des Bürgerkrieges gekennzeichnet werde..
Aber wir dürfen nicht ignorieren, daß dieser oder jener Ausgang der
kriegerischen Operationen unseren Befreiungskampf, sei es auch nur in Rußland,
selber erleichtern oder erschweren würde. Und so sagen wir:
„Ja, wir sind für eine Niederlage „Rußlands", denn sie würde den Sieg
Rußlands, seine Entsklavung, seine Befreiung von den Fesseln des Zarismus
fördern. Wo sind die Fälle in der neuesten Geschichte Europas, wo der äußere
Sieg einer reaktionären Regierung zur demokratischen Freiheit innerhalb des
Landes geführt hätte? Das Gegenteil ist die Regel. Erinnern wir uns an den
Krieg 1870/71, wo der äußere Sieg Preußens zu einer elfjährigen Epoche des
Sozialistengesetzes geführt hat.
Hatte nicht Wilhelm Liebknecht recht, der während des deutsch-fran-
zösischen Krieges schrieb: „Hat man denn je gehört, daß eine despotische Re-
gierung nach einem erfochtenen Sieg liberal geworden wäre ? Mit besiegten
Regierungen geschah das mitunter für kurze Zeit. Beispiel: Preußen 1806 oder
Österreich 1866."
Vorboten dessen, wie der Zarismus innerhalb seines Landes seinen Sieg
ausnutzen würde, sehen wir jetzt schon, da er nur Galizien besetzt hält. Die
Verhaftung der Arbeiterdelegierten ist nur eine kleine Andeutung der Folgen,
die sich aus einem eventuellen Sieg des Zarismus in der Außenpolitik ergeben
würden. „Nowoje Wremja" spricht jetzt schon offen davon, daß ein äußerer
Sieg allein imstande wäre, „ein für allemal der Revolution ein Ende zu machen.""
56
Wenn man sagt, daß es jetzt nicht an der Zeit wäre, gegen den Zarismus
zu kämpfen, denn der äußere Feind stehe vor der Tür, so müssen wir an jenen
Bojaren *) aus der Zeit Iwan des Grausamen zurückdenken, der ebensolche
Einwände mit den einfachen und schönen Worten beantwortete;
„Was heißt Tatare, Pol' und Deutscher
Im Vergleich mit ihm ?
Was heißet Seuch' und Hunger,
Wenn der Zar selbst ein reißend Tier ? . . ."
Die „reißenden Tiere" der Romano wschen Dynastie zerfleischen schon seit
mehr als drei Jahrhunderten das russische Volk. Wir habens ihnen zu ver-
danken, wenn Männer unseres Landes erklären mußten, sie schämten sich, Russen
zu sein. Und in dem Moment, da das „reißend Tier" zum Sprung ausholt, um
seine Zähne nicht nur in das eigene Volk, sondern auch in das lebende Fleisch
einer ganzen Reihe anderer Völker einzugraben, da sollen wir, russische Revolutio-
näre, wir, die uralten Feinde dieses Tieres, die Generationen lang im Kampf
gegen dieses Tier zugrunde gingen, da sollen wir uns sagen: Wir wollen die
reißende Bestie nicht anrühren, denn sie ist unser, ist russisch! . . .
Die russischen Sozialisten, die dem Chauvinismus verfallen sind, haben
dem Zarismus erst einen Finger gereicht. Aber — er möge nicht ihre ganze Hand
haben wollen! Wir wünschen ihnen das eine: daß an ihnen sich nicht die Prophe-
zeiung unseres großen Lehrmeisters Friedrich Engels bewahrheite, wonach
„jeder Russe, der zum Chauvinisten wurde, sich früher oder später vor dem
Zarismus verbeugen wird, wie wir es am Beispiel des LeoTichomirow**) sahen."
Krieg dem russischen Zarismus, unerbittlicher Krieg, Krieg ohne jeglichen
Waffenstillstand, Krieg auf Leben und Tod! Es ist nicht nur unser Recht,
sondern es ist unsere Pflicht, uns die äußeren Schwierigkeiten des russischen
Zarismus zu nutze zu machen — denn auch der Zarismus würde seinen äußeren
Sieg dazu benutzen, um ganz Rußland endgültig in einen Kerker zu verwandeln.
12. Februar 1915.
G. Sinowjew.
Marodeure.
Wir sprechen nicht von jenen Leichenschändern, die, sobald der Kanonen-
donner verstummt, das leichenbedeckte Schlachtfeld absuchen, um den er-
schlagenen Soldaten die Stiefel auszuziehen. Wir sprechen von einer anderen
Sorte, von den Marodeuren der Literatur.
*) Gemeint ist Fürst Kurbski, der zu Iwan IV. in Opposition stand und nach
Litauen flüchtete. Anm. d. Übers.
**) Ehemaliger Narodnik aus den 90er Jahren, der später einer der ärgsten Erz-
reaktionäre wurde, Verfasser einer Schmähschrift: „Warum hörte ich auf, Revolutionär
zu sein.'* Anm. d. Übers.
57
In letzter Zeit sind viele Räuber der Feder aufgetaucht, die geneigt sind,
die Sache so darzustellen, als ob der jetzige Zusammenbruch des deutschen
Opportunismus eigentlich nichts anderes sei als der Zusammenbruch der Ideen
von Marx und Engels selber, ein Zusammenbruch des ganzen wissenschaftlichen
»Sozialismus. Dazu müssen die genannten Herren ,, beweisen", daß sowohl Marx
wie Engels . . . Chauvinisten waren.
So „beweist" Herr Peter Struve im Organ des Petrograder National-
liberalismus, in den „Birschewija Wjedomosti", daß Marx stets ein Slawophobe
war, und daß die jetzigen Südekums nur das geistige Vermächtnis von Marx
erfüllen. So sinkt das Blättchen der Sozialrevolutionäre, „Mysl", zum Niveau
der „Birschewija Wjedomosti" herab, indem es eine Reihe von Aufsätzen des
Herrn J. Gardenin bringt, der gewissenlos die Karten vertauscht (und dabei
noch nicht einmal sehr kunstreich), um dieselbe These zu ,, beweisen", daß der
geistige Vater Südekums . . . Karl Marx sei.
Diese Version kommt den deutschen Sozialchauvinisten selber höchst
gelegen, die den Arbeitern vormachen möchten, daß sie „nach Marx" arbeiten.
Und sogar die Auguren der „großen" europäischen Presse (vergl. die Artikel
in der „Frankfurter Zeitung") halten es nicht für unvorteilhaft, im Publikum
diese Auffassung über Marx und Engels zirkulieren zu lassen, um den jetzigen
vSüdekums und Scheidemännern zu Hilfe zu kommen.
Unter diesen Umständen ist es nicht überflüssig, die Argumente dieser
literarischen Marodeure zu untersuchen. Um die russische Abart dieser ehr-
würdigen Spezies herauszugreifen, wollen wir bei den erwähnten Artikeln des
Herrn J. Gardenin in der „Mysl" verweilen (s. Nr. 13, 16 und 50).
Es handelt sich um die Haltung von Marx und Engels während des Krieges
von 1870/71. Herr Gardenin formuliert seine Anschuldigungen gegen die
Schöpfer des wissenschaftlichen Sozialismus in sechs Punkten. Wir zitieren
sie ganz: „1. Entgegen dem wahren Sachverhalt beharrten sie (Marx und Engels)
darauf, daß Frankreich und nicht Deutschland die Schuld am Kriege trage
und angegriffen hätte; 2. wünschten sie ganz bestimmt den Sieg Deutschlands
herbei; 3. daß ein solcher Sieg erwünscht sei, begründeten sie theoretisch gerne
„unter dem Gesichtswinkel des Proletariats"; 4. beim weiteren Zusammenstoß
stellten sie sich am wenigsten auf die Seite der französischen Republik, die
sie gar nicht ernst nahmen und en canaille behandelten; 5. ihre Opposition
gegen die Abtrennung von Elsaß-Lothringen war* im hohen Grade platonisch
und gemäßigt und keineswegs „erbittert", und schließlich, 6. zu den Projekten
der Proklamierung der Pariser Kommune und ähnlichen revolutionären Kampfes-
methoden verhielten sie sich höchst negativ, solange sie nicht im Leben ver-
wirklicht wurden." Und daraus zieht Herr Gardenin den Schluß: „Der Sünden-
fall ist nicht bei ihnen (den Südekums) zu suchen, sondern bei ihren geistigen
Almen" (d. h. bei Marx und Engels).
Marx betrachtete den Krieg 1870/71 als einen der letzten (oder den letzten)
der großen Nationa /kriege in Europa. „Dieser Krieg", schreibt er an Engels im
58
Brief vom 8. August 1870, „hat schließlich zur Verwirklichung der ^nationalen'
Aufgaben von 1848 (Ungarn, Italien, Deutschland) geführt". Es fragt sich:
Ist diese Auffassung Marx' zutreffend oder nicht ?
Jeder Sozialist wird natürlich zugeben, daß diese Auffassung richtig war,
daß der Krieg von 1870/71 in der Tat die Ära der nationalen Konsolidierung
der großen europäischen Staaten abgeschlossen hat, daß er Deutschland
vereint und dadurch eine große geschichtliche fortschrittliche Aufgabe erfüllt hat.
Dadurch unterschied sich der Krieg von 1870/71 grundsätzlich von dem typisch
imperialistischen Kriege 1914/15. Der Krieg von 1870/71 hat das erste Stadium
der kapitalistischen Entwicklung in Europa abgeschlossen. Der Krieg von
1914/15 eröffnet den Abschluß seines letzten Stadiums. 1870/71 hatten wir
das Ende vom Anfang, 1914/15 erleben wir den Anfang vom Ende. Denn der
Imperialismus ist in seinen jetzigen Dimensionen das letzte Stadium des
Kapitalismus, da er sich im nationalen Rahmen beengt fühlt und die letzten
Anstrengungen macht, um sich der Entwicklung der Produktivkräfte anzu-
passen, die zur sozialistischen Revolution führt.
Das ist der „geringe" Unterschied zwischen dem Krieg von 1870/71 und
dem von 1914/15. Es ist klar, daß die Haltung der Sozialisten in diesen beiden
Kriegen nicht die gleiche sein kann. Die Sozialisten sind nur in gleichem Maße
verpflichtet, jetzt Sozialisten zu bleiben wie sie es vor 44 Jahren geblieben
waren.
Marx und Engels beurteilten die ganze konkrete Lage vom Standpunkt
des internationalen Proletariats und sagten: Für uns, Arbeiter aller Länder, ist
eine Niederlage Frankreichs im Kriege 1870/71 vorteilhaft. Warum? Aus zwei
Gründen: 1. dann wird das Kaiserreich Louis Napoleons fallen, das Frankreich
würgte und zugleich als Stützpunkt der schwärzesten Reaktion in ganz Europa
diente; 2. dann wird, selbst falls in Deutschland die Revolution nicht stattfinden
und eine Vereinigung Deutschlands von unten nicht eintreten wird, jedenfalls
eine Vereinigung Deutschlands wenigstens von oben, sei es auch nur auf
Bismarcksche Art, sich vollziehen und das wird für die deutsche Arbeiter-
bewegung eine neue Basis schaffen, das wird dem Wachstum des Sozialismus
in der ganzen Welt einen Ruck geben.
Es fragt sich: war diese Auffassung richtig oder falsch? War die Ein-
schätzung der Lage durch Marx und Engels richtig oder nicht?
Natürlich richtig!
Man konnte damals mit Marx und Engels dem Wesen nach streiten, man
konnte finden, daß ihre ganze Beurteilung der Mächtegruppierungen unrichtig
war, daß die Lage ganz anders aussah, als sie glaubten u. a. m. Aber konnte
man ihnen Chauvinismus bloß deshalb vorwerfen, weil sie eine Niederlage Frank-
reichs wünschten? Mit nichten! Während des russisch-japanischen Krieges
wünschte die ganze Internationale eine Niederlage Rußlands, denn sie glaubte,
dies liege im Interesse des ganzen internationalen Proletariats. Nun, machten
sich denn die Sozialisten aller Länder damals des antirussischen Chauvinismus
schuldig ?
59
Aber Marx und Engels sollen Frankreich für den Angreifer gehalten haben.
Herr Gardenin, der diese „Anschuldigung" aufstellt, zeigt dadurch nur den
ganzen Abgrund seines „subjektivistischen" Stumpfsinns.
Was will er Marx und Engels vorwerfen ? Daß sie im Moment der Er-
eignisse übersahen, daß vom Standpunkt der diplomatischen Geschichte des
Krieges die angreifende Seite nicht Frankreich, sondern Preußen war, obwohl
bekanntlich auch Bonaparte nicht wenig provozierte ? Ja, Bismarck gelang
es, nicht nur alle bürgerlichen Politiker, sondern selbst die Sozialisten (teilweise
sogar Bebel und Liebknecht) zu täuschen. Ja, auch Marx und Engels selbst
hielten in jenem Moment Bonaparte für den Angreifer. Aber interessiert sich
denn Herr Gardenin für die diplomatische Seite der Frage ? Oder für etwas
wichtigeres ?
Jaures schrieb seine Geschichte des deutsch-französischen Krieges drei
Jahrzehnte nach den Ereignissen, und selbst er konnte nicht mit Bestimmtheit
sagen, wer mehr den Krieg provoziert hatte, wer im letzten Moment mehr
„herausforderte". Nach dem preußischen Sieg über die Österreicher (1866),
als Napoleon III. von Bismarck ohne die versprochenen Kompensationen ge-
lassen wurde, maßte der französische Bonapartismus den Krieg suchen als
„Revanche für Sadowa". Nach dem Konflikt von Luxemburg, 1867, als Louis
Napoleon wieder nichts bekam, mußte dieses Bestreben noch zunehmen.
Napoleon III. konnte sich in Frankreich nur durch eine erfolgreiche Außen-
politik halten. In den Jahren 1868/69 beginnt auf dem Boden der Mißerfolge
in der Außenpolitik ein Zerfall im bonapartistischen Lager selbst. Der Bona-
partismus sieht sich gezwungen, alles aufs Spiel zu setzen — sonst konnte er
sich im Lande nicht halten. Er verliert immer mehr den Boden unter den
Füßen, wird nervös. Und — gerät in die Falle Bismarcks: treibt den zufälligen
Konflikt wegen des spanischen Thronfolgers auf die Spitze und erklärt zuerst
Preußen den Krieg.
In seiner unvollendeten Arbeit: „Gewalt und Ökonomie" (in der „Neuen
Zeit" 1895/96) beschreibt Engels jene Ereignisse und erkennt an, daß es Bismarck
gelungen war, Bonaparte eine Falle zu stellen und daß vom Standpunkt der
diplomatischen Geschichte dadurch auch der Irrtum bei der Bestimmung des
unmittelbaren Angreifers erklärt wird. Engels sieht die Erklärung dafür darin,
daß auch Napoleon aus der ganzen Sachlage heraus den Krieg wünschen mußte.
Unter anderem auch deshalb, weil er damals auf die Unterstützung Österreichs
(Revanche wegen 1866), Dänemarks (Revanche für Schleswig-Holstein) und
sogar Italiens hoffte. Aber für Marx und Engels waren, wie für alle materia-
listischen Sozialisten keineswegs die diplomatischen Details, die dem Kriege
vorangingen, ausschlaggebend.
Der objektive historische Prozeß der langen, seit Beginn des 19. Jahr-
hunderts währenden Befreiung Deutschlands von der mittelalterlichen Zer-
splitterung, Stagnation und Unterdrückung durch die französischen Könige
und Kaiser bis zu Napoleon III., — das war es, was in den Augen von Marx
60
und Engels die dominierende Bedeutung hatte. Dieser Prozeß existiert nicht
für die soziologischen Hanswurste unter den Narodniki.*)
Statt des objektiven Kriteriums — Krieg als Ausfluß der fortschrittlichen
bürgerlich-demokratischen Bewegung des deutschen X^olkes — nehmen die
Hanswurste das subjektive Kriterium: wer den andern überlistet habe, wer
dem anderen zuvorgekommen sei.
Napoleon III. hielt lange Zeit nicht nur Frankreich, sondern auch ganz
Europa in Unterdrückung, er hinderte die Vereinigung Deutschlands. Dieser
Unterdrückung ein Ende zu machen, sei es auch durch einen Krieg, war eine
notwendige, wichtige, historisch fortschrittliche Sache. Das verstehen Sie nicht,
Herr Gardenin? Wie alle Kleinbürger, meinen Sie, daß jeder Krieg schlimm,
schädlich, reaktionär sei, daß z. B. ein Überfall des heutigen Indiens oder Chinas
auf Rußland oder England nicht historisch fortschrittlich wäre, nicht die Ver-
teidigung der nationalen Unabhängigkeit von 700 Millionen Menschen gegen
das Joch der Räuberbanden Nikolaus II., Georg V. u. Co. bedeuten würde ?
Marx und Engels konnten 1870 nicht wissen, wie geschickt Bismarck die
harmlosen Diplomaten hinters Licht führte. Aber man kann darauf wetten,
daß, wenn sie es gewußt hätten, sie dem Wesen nach ihre Beurteilung des
Krieges 1870/71 keineswegs geändert hätten und auch in diesem Fall bedingungs-
los für eine Niederlage Frankreichs wären.
Denn, wie gesagt, nicht die Frage, wer im letzten Moment angegriffen hat
und wer sich ,, wehrte", war für sie ausschlaggebend, sondern etwas viel we-
sentlicheres. .
Marx und Engels hielten mit Recht den Krieg von 1870/71 für einen
nationalen Krieg. Und dennoch — zogen sie daraus irgendwelche chauvinistische
Schlüsse ? Keineswegs.
Am 23. Juli 1870 erscheint gleich, nach Kriegserklärung, die von Marx
verfaßte Adresse des Generalrats der Internationale. Wen geißelt Marx darin ? —
Den preußischen Despotismus! Wozu ruft er die Arbeiter Deutschlands auf? —
Zur brüderlichen Solidarität mit den französischen Proletariern.
Am 9. September 1870, gleich nach Sedan, erscheint die Adresse, die
ebenfalls von Marx verfaßt wurde. Womit beschäftigt sie sich ? Mit einer
leidenschaftlichen Agitation gegen die Annexion von Elsaß-Lothringen, einer
Predigt der Solidarität mit der französischen Republik, einer scharfen Kritik
der preußischen Monarchie und dem Appell an die Arbeiter aller Länder, im
internationalen Geiste zu wirken.
In Deutschland gab es damals Sozialchauvinisten. Das war J. B. Schweitzer
und seine Gruppe, die zuerst für die Kriegskredite stimmte usw. Nun, erklären
sich Marx und Engels mit ihnen solidarisch? Mit nichten! Im Brief vom
28. Juli 1870 (Briefwechsel, Band IV, Seite 301) schreibt Marx an Engels:
*\ Anhänger der Partei „Narodnaja Wolja", Vorläufer der Sozialdemokratie in der
Befreiungsbewegung Rußlands. Ihrer Ideologie nach waren die Narodniki kleinbürgerliche
Reformisten. Anm. d. Übers.
61
„Glücklicherweise geht diese ganze Demonstration von der Mittelklasse aus.
Die Arbeiterklasse, mit Ausnahme der direkten Anhänger Schweitzers, nimmt
keinen Teil daran. Glücklicherweise ist der war of classes in beiden Ländern,
Frankreich und Deutschland, so weit entwickelt, daß kein Krieg abroad das
Rad der Geschichte ernsthaft rück wälzen kann."
Ist das die Sprache eines Südekum, Herr Gardenin ?
Als die englische Oligarchie eine Agitation für den Eintritt in den Krieg
Englands zur Unterstützung Preußens beginnt, wendet sich Marx scharf dagegen
(siehe seinen Brief vom 1. August) und droht der englischen Bourgeoisie mit
einem Aufstand des englischen Volkes.
Ist das die Handlungsweise der heutigen Südekums?
Marx und Engels betrachteten mit Recht den Krieg von 1870/71 als
einen nationalen Krieg. Aber bedeutet denn das, daß sie den deutschen So-
zialisten empfahlen, Bismarck zu unterstützen und z. B. für die Kriegskreclite
zu votieren ? Aber keinesfalls, sie billigen die Haltung Bebeis und Liebknechts,
die von Anfang an für diese Kredite nicht gestimmt hatten. Sie beschwören
die Mitglieder des Braunschweiger Komitees (ehemalige Lassalleaner, die
schwankten) ebenso zu handeln. ,,Marx stellte sich auf unsere Seite", schreibt
Bebel in einem Brief 1870 (siehe Hochverratsprozeß S. 240). „Marx Brief hat
mich endgültig überzeugt", erkennt auch die andere Seite an, d. h. Bracke,
der Hauptvertreter der Braunschweiger (ebenda S. 406).
Marx und insbesondere Engels wandten sich gegen W. Liebknecht, der
mitunter in seiner Agitation darauf kam, als alleinige Losung den „Anti-
bismarckismus" zu erklären.*) Darin hatten sie völlig recht, und unrecht hatte
Liebknecht, als er die Tatsache nicht berücksichtigen wollte, daß der Krieg 1866
die Frage gegen Österreich entschied, als er nach wie vor in Austrophilie und
in ein sentimentales Sympathisieren mit den deutschen Kleinstaaten in seiner
Opposition gegen Bismarck verfiel. Freilich, während des Krieges 1870/71
versündigte sich Liebknecht darin viel weniger, als in den Jahren vor dem
Kriege. Nicht umsonst verteidigte ihn Marx während dieser Zeit mitunter
gegen Engels. Aber jedenfalls wurde diese Diskussion keineswegs auf der Linie
des Nationalismus und Internationalismus geführt.
Marx und Engels seien „platonisch" gegen die Abtrennung Elsaß-
Lothringens gewesen! Welch schamlose Lüge! In den vielen Briefen des
Jahres 1870 nennen sowohl Marx wie Engels diese Annexion „das größte Unglück
für ganz Europa und insbesondere für Deutschland". Marx prophezeit von
Anfang an, daß dies unsagbares Unglück bringen würde. In den beiden Adressen
der Internationale wird die Annexion mit geradezu feurigen Worten gebrand-
*) Plechanow. dieser neugebackene russische Schweizer hat vergessen dali der
Antibismarckismus nur in dem Fall dem Antizarismus gleichgekommen wäre, wenn der
Zarismus dem Bismarckismus und Rußland — Deutschland und die Jahre 1914/15 den
Jahren 1870/71 gleich zu setzen wären.
62
markt. In den folgenden Aufsätzen Engels', (1888, 1890, 1891) findet er nicht
Ausdrücke genug, die stark genug wären, um seine Empörung über diese Ver-
gewaltigung auszudrücken.
Marx und Engels hätten sich zu den Projekten der Proklamierung der
Kommune und ähnlichen revolutionären Aktionen der französischen Arbiter
negativ verhalten! Herr Gardenin hat nicht darüber nachgedacht, was er sagte.
Südekum, ja gar von Kluck selbst wären jetzt Einzelaktionen der französischen
Arbeiter mit großer Sympathie begegnet. Nach dem Sturz des Kaiserreichs
(4. September 1870) war Marx verpflichtet, die französischen Arbeiter vor un-
vorsichtigen Schritten zu warnen. Marx war verpflichtet, dies zu tun, besonders
nach dem mißlungenen Versuch im Oktober 1870, als Blanqui, Flourence und
andere Arbeiterführer verhaftet wurden. Marx tat es nur aus Angst, dem
preußischen Absolutismus die junge Republik erdrosseln zu helfen. Mit anderen
Worten, er tat es aus Motiven, die dem Chauvinismus gerade entgegengesetzt sind.
Und als die Kommune entstand, war es kein anderer als Marx, der sie
mit seinem „Bürgerkrieg" mit goldenen Lettern im unsterblichen Buche der
internationalen proletarischen Bewegung verewigte.
Die von edlem Mut und wahrem Internationalismus erfüllte Haltung von
Marx und Engels während des Krieges 1870/71 hat sich in das Herz aller
französischen Sozialisten eingegraben. Selbst der jetzige Vaillant ist, ungeachtet
der chauvinistischen Rage, die er durchmacht, kürzlich (vergl. L/Humanite
vom 14. Dezember 1914) als Teilnehmer der Ereignisse von 1870/71 mit dieser
Erklärung hervorgetreten: Es ist Lüge, daß Marx und Engels am Chauvinismus
Schuld hatten, nein, sie wirkten als echte Internationalisten und zeigten nicht
die geringste Animosität gegen Frankreich. Vaillant wäre bereit, allem, was
deutsch ist und allen „Deutschen" den Garaus zu machen. Nur für zweien
„Deutschen ' hat er ein Fleckchen in seinem Herzen aufgehoben. Diese Deutschen
sind: Marx und Engels. . .
„Diese Behauptungen werden — ich Weiß — auf den ersten Blick voll-
kommen unwahrscheinlich erscheinen. Es hätte mich nicht einmal gewundert,
wenn man sie als böswillige Verleumdung gegen die Begründer des ^wissenschaftlichen
Sozialismus 1 erklärt hätte", schrieb Herr Gardenin in seinem Artikel: „Eine
unerwartete Entdeckung". Welch ein Prophetenherz hat Herr Gardenin! . . .
Übrigens, braucht man denn Prophet zu sein, um vorauszusagen, daß Gardenin
Gardenin und ein Verleumder Verleumder genannt werden wird ?
Fahret in diesem Geiste fort, Ihr Herren Narodniki! Benutzt den
Wirrwarr, um literarische Leichenfledderei zu betreiben und den Marxismus
als Toten zu verleumden. Doch bitte, verschont uns dabei wenigstens mit dem
Tartüff-Pathos und dem honigsüßen Appell zur Vereinigung mit Euch. . .
Und bildet Euch nicht ein, daß Ihr zumindest in Eurer Verleumdung
von Marx und Engels originell seid. Schon lange vor den Herren Struve und
Gardenin, noch zu Zeiten der I. Internationale, haben die Gedankenärmsten
63
unter den Anarchisten mit ebensoviel Glanz „bewiesen", daß Marx eigentlich
ein verkappter Bisrnarckianer sei und die ganze Internationale den Interessen
Preußens dienstbar machen wolle. Struve und Gardenin werden ebensoviel
Lorbeeren ernten, wie dieser Auswurf des Anarchismus.
3. März 1915.
G. Sinowjew.
Wie Polizei und Reaktionäre die Einheit der deutschen
Sozialdemokratie beschützen.
Das sozialdemokratische Blatt in Gotha, „Das Gothaer Volksblatt",
brachte in der Nummer vom 9. Januar einen Aufsatz unter dem Titel: „Die
Politik der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion unter dem Schutz
der Polizei." Die Zeitung, die unter dieses angenehme Kuratel der Militär-
verwaltung gestellt wurde, schreibt:
Die ersten zwei Tage der Ausübung der Vorzensur zeigen klipp und klar,
daß die Zentralbehörde sich besonders darum kümmert, daß den unbequemen
Kritikern der Politik der sozialdemokratischen Fraktion innerhalb miserer
Reihen der Mund gestopft werden. Die Bestrebungen der Zensur gehen dahin,
den „Parteifrieden" in der sozialdemokratischen Partei, oder mit anderen Worten
die „Einheit", „Geschlossenheit" und Macht der deutschen Sozialdemo-
kratie zu wahren. Die Sozialdemokratie unter den Fittichen der Regierung,
das ist das wichtigste Ereignis in der Innenpolitik unserer „großen" Zeit.
Es sind schon mehrere Wochen verflossen, seitdem die Politiker, die in
unserer sozialdemokratischen Fraktion sitzen, eine energische Agitation für
ihre Anschauungen entfaltet haben. In einigen sehr großen Parteizentren haben
sie eine starke Opposition erfahren. Ihre Propaganda erzeugte bei den Arbeitern
eine Stimmung nicht für die Bewilliger der Militärkredite, sondern grade gegen
sie. Und daher hat sich die Heeresleitung bemüht, ihnen zu Hilfe zu kommen,
indem sie bald Zensurverbote erließ, bald die Versammlungsfreiheit abschaffte.
In Gotha kommt der sozialdemokratischen Fraktion (die Militärzensur in Ham-
burg) ein gewisses Versammlungsverbot zu Hilfe . . .
Die schweizerische sozialdemokratische Zeitimg in Bern, die diese Worte
zitiert, weist darauf hin, daß eine ganze Reihe sozialdemokratischer Blätter in
Deutschland der Militärzensur unterliegt, und fügt ihrerseits hinzu: „Der Ein-
mütigkeit der deutschen Presse wird also bald nichts mehr im Wege stehen.
Sollte irgendwo versucht werden, sie zu stören, so wird die Militärdiktatur dem
rasch und entschlossen ein Ende machen auf direkte und indirekte Denunziation
hin der „Sozialdemokraten", dieser Anhänger des Parteifriedens".
Die radikalen Blätter werden tatsäclüich direkt oder indirekt von den.
opportunistischen sozialdemokratischen Zeitungen denunziert.
64
Die Tatsachen beweisen also, daß wir völlig recht hatten, als wir in Nr. 36
des „Sozialdemokraten" schrieben: „Die Opportunisten sind die bürgerlichen
Feinde der proletarischen Revolution ... Zu Zeiten der Krisis entpuppen sie sich
mit einem Schlag als offene Verbündete der gesamten vereinigten Bourgeoisie."
Die Einheit bedeutet in unseren Tagen als Losung der sozialdemokratischen
Partei die Einheit mit den Opportunisten und die Unterwerfung unter sie (oder
ihren Block mit der Bourgeoisie). Das ist eine Losung, die in Wirklichkeit der
Polizei und den Reaktionären zu Hilfe kommt und für die Arbeiterbewegung
verderblich ist.
A propos. Es sei hier auf die soeben erschienene ausgezeichnete Broschüre
von Borchardt hingewiesen: „Vor und nach dem 4. August 1914", die die Frage
behandelt, ob die deutsche Sozialdemokratie sich selber untreu geworden ist.
Ja, sie ist sich untreu geworden, antwortet der Verfasser, indem er die krassen
Widersprüche zwischen den Erklärungen der Partei vor dem 4. August und der
Politik des 4. August aufdeckt. Wir wollen vor keinen Opfern im Kriege gegen
den Krieg Halt machen, sprachen die Sozialdemokraten Deutschlands (und
anderer Länder) vor dem 4. August 1914. Aber am 28. September 1914 wies
Otto Braun, Mitglied des Parteivorstandes auf die 20 Millionen Kapital in den
legalen Zeitungen und auf die 11000 Angestellten hin. Zehntausende durch die
Legalität korrumpierte Führer; Funktionäre, Beamte und privilegierte Arbeiter
haben die Millionenarmee des sozialdemokratischen Proletariats desorganisiert.
Daraus ergibt sich sehr klar die Lehre: Entschlossener Bruch mit dem
Chauvinismus und Opportunismus. Indes verzichten die flachen sozialdemo-
kratischen Schwätzer ( J. Gardenin und Konsorten) in der flachen Pariser Zeitung
,,Mysl" auf den Marxismus zugunsten der kleinbürgerlichen Ideen! Das ABC der
politischen Ökonomie ist vergessen, ebenso die Weltentwicklung des Kapi-
talismus, der nur eine revolutionäre Klasse — das Proletariat — erzeugt. Ver-
gessen sind: Chartismus, der Juli 1848, die Pariser Kommune, Oktober und
Dezember 1905. Die Arbeiter gelangen zu ihrer Weltrevolution nicht anders
als durch eine Reihe von Niederlagen und Fehltritten, Mißerfolgen und Schwächen,
aber sie gehen ihr entgegen. Man muß blind sein, um den bürgerlichen und klein-
bürgerlichen Einfluß auf das Proletariat zu übersehen als die grundsätzlich
und wichtigste Ursache der Schmach und des Zusammenbruches der Internatio-
nale von 1914. Aber die Schönredner Gardenin und Konsorten wollen den
Sozialismus kurieren und den völligen Verzicht auf seine gesellschaftlich-histo-
rische Grundlage, den Klassenkampf des Proletariats und die endgültige Ver-
wässern ng des Marxismus durch das phüisterhafte Wässerchen der intellektuellen
Narodniki. Nicht beharrliche Arbeit zum völligen Bruch der proletarischen
revolutionären Bewegung mit dem Opportunismus, sondern Vermengung dieser
Bewegung mit den Opportunisten vom Schlage der Ropschin *) und Tschernow,
*) Ropschin, eigentlich Sawinkow — Sozialrevolutionär und Terrorist, war unter
Kerenski Minister. Unter dem Pseudonym Ropschin veröffentlichte er mehrere Romane. —
Tschernow — bekannter Führer der Sozialrevolutionare — war ebenfalls Minister unter
Kerenski Anm. d Übers.
65
die vorgestern Liberale mit der Bombe in der Hand waren, gestern als Liberale
umsattelten und heute in süßlichen bürgerlichen Phrasen über das „Arbeits' '-
Prinzip schwelgen!! Die Gardenins sind nicht besser als die Südekums, die
Sozialrevolutionäre nicht besser als die Liquidatoren: nicht umsonst haben
sich die einen und die andern so liebevoll in der Zeitschrift „Sowremennik" um-
schlungen, die speziell das Programm der Verschmelzung der Sozialdemokratie
mit den Sozialrevolutionären durchführte.
3. März 1905. „ ' .
N. Lenin.
Ueber die Londoner Konferenz.
Wir bringen hier im Auszug einen Brief des Vertreters der Russischen
Sozialdemokratischen Arbeiterpartei.
„London, den 14. Febniar 1915. Gestern abend erhielt ich vom Sekretär
der Britischen Sektion der Internationale die Adresse der Konferenz, in Be-
antwortung meines Schreibens, in dem ich meine Adresse mitteilte, ohne eine
Einladung zu erbitten. Ich beschloß hinzugehen und zu versuchen, eine Er-
klärung vorzulesen. Ich traf von den Sozialrevolutionären Rubanowitsch,
(von den Sozialchauvinisten) Tschernow und Bobrow von der „Mysl", von
der Org.-Kom. M. — ski, der zugleich mit Martow delegiert war; der letzte
ist nicht erschienen, weil er kein Visum bekam. Es gab 11 Delegierte von England
(Keir Hardie als Vorsitzender, Macdonald u. a.), 16 von Frankreich (Sembat,
Vaillant u. a.), 3 von Belgien (Vandervelde u. a.).
Der Vorsitzende eröffnete die Konferenz mit der Mitteilung, ihr Ziel sei
ein Meinungsaustausch und nicht die Annahme von Resolutionen. Einer der
Franzosen schlägt einen Zusatz vor: man könnte die Auffassung der Majorität
durch eine Resolution befestigen. Schweigend angenommen.
Auf der Tagesordnung: 1. Die Rechte der Nationen — Belgien, Polen;
2. Die Kolonien; 3. Friedensgarantien. Es wird eine Mandatsprüfungskommission
gewählt (Rubanowitsch und andere). Man beschließt, daß je ein Vertreter
von jedem Lande einen kurzen Bericht über die Stellungsnahme zum Kriege
erstatte. Ich ergreife das Wort und protestiere dagegen, daß der offizielle Ver-
treter unserer Partei im Internationalen Sozialistischen Bureau nicht eingeladen
wurde. Der Vorsitzende unterbricht mich und behauptet, daß alle, „deren
Namen bekannt waren", eingeladen worden seien. Ich protestiere zum zweiten
Mal gegen die Nichtben achrichtigung der tatsächlichen Vertreter. Darauf verweise
ich auf unser Manifest, das unsere Stellungnahme zum Kriege ausdrückt und
an das Internationale Sozialistische Bureau gesandt wurde. Bevor wir von den
Friedensbedingungen sprechen, sollten wir feststellen, mit welchen Mitteln wir
sie anstreben werden, und dazu gilt es festzustellen, ob eine allgemeine revo-
lutionäre sozialdemokratische Basis vorhanden ist, ob wir als Chauvinisten,
Pazifisten oder als Sozialdemokraten konferieren. Ich verlese unsere Deklaration,
66
aber der Vorsitzende läßt mich nicht ausreden und erklärt, daß noch nicht
klargelegt sei (!),ob ich als Delegierter auftrete, und daß sie zusammengekommen
wären, „nicht, um die verschiedenen Parteien zu kritisieren" (!). Ich erkläre,
daß ich nach der Berichterstattung der Mandatkommission meine Rede fort-
setzen werde.
Kurze Erklärungen über die allgemeine Lage werden von Vaillant, Van-
dervelde, Macdonald und Rubanowitsch abgegeben. Darauf wird nach dem
Bericht der Mandatprüfungskommission M — n selber angeboten, zu entscheiden,
ob er allein die „Org.-Kom." vertreten könne, und es wird mir „gestattet",
teilzunehmen. Ich danke der Konferenz für die „Freundlichkeit" und will die
Deklaration fortsetzen, um festzustellen, ob ich bleiben kann. Der Vorsitzende
unterbricht mich und erlaubt mir nicht, „Bedingungen" an die Konferenz zu
stellen. Dann bitte ich um die Erlaubnis, mitteilen zu dürfen, aus welchen
Gründen ich an der Konferenz nicht teilnehmen werde. Abgelehnt. So gestatten
Sie mir doch, zu erklären, daß die Russische Sozialdemokratische Arbeiterpartei
an der Konferenz nicht teilnimmt; wegen der Gründe lasse ich eine schriftliche
Erklärung bei dem Vorsitzenden. Ich suche meine Papiere zusammen und
gehe. . .
Es wird dem Vorsitzenden die Erklärung des Vorsitzenden des Partei-
vorstandes der lettischen Sozialdemokratie (B — n) überreicht, daß er sich
unserer Deklaration vollkommen anschließe.
Es ist den Delegierten der Konferenz verboten, irgendwelche Mitteilung
der Presse zu machen. Aber das bezieht sich natürlich nicht auf den Fortgang
des Gen. Maximowitsch, und das Organ, an dem Keir Hardie mitarbeitet,
„Labour Leader", berichtete über den Fortgang Masimowitschs und skizzierte
seinen Standpunkt.
Die russische Vertretung hat folgendes Bild: das Zentralkomitee und
die lettische Sozialdemokratie sind klar und entschieden gegen den Sozial-
chauvinismus: die Liquidatoren sind befangen und verworren. Von den Sozial-
revolutionären ist die „Partei" (Rubanowitsch) für den Sozialchauvinismus,
„Mysl" (Bobrow und Tschernow) verharren in Opposition, die wir erst dann
beurteilen werden können, wenn wir erfahren, was sie erklärt haben.
3. März 1915. ST , .
I\. Lenin.
Was hat das Gericht über die Russische Sozialdemokratische
Arbeiterfraktion bewiesen.
Das zaristische Gericht über die fünf Mitglieder der Russischen Sozialdemo-
kratischen Arbeiterfraktion und sechs andere Sozialdemokraten, die am 4. No-
vember 1914 bei einer Konferenz in der Nähe von Petersburg ertappt wurden,
ist zu Ende. Sämtliche Angeklagte sind zur Verbannung verurteüt. Die legalen
Blätter brachten die Prozeßberichte, und die Zensur merzte alle Stellen aus, die
67
den Patrioten und dem Zarismus unangenehm sein könnten. Den „inneren
Feinden" wurde kurzer Prozeß gemacht, und an der Oberfläche des öffentlichen
Lebens ist wieder nichts anderes zu sehen und zu hören, als das wahnwitzige
Geheul der bürgerlichen Chauvinisten und das Mitmachen eines Häufleins von
Sozialchau vinisten .
Was hat denn das Gericht über die russische sozialdemokratische Arbeiter-
fraktion bewiesen ?
Erstens hat es die mangelnde Festigkeit der Vorhut der revolutionären
Sozialdemokratie Rußlands vor dem Gericht erbracht. Die Angeklagten wollten
den Staatsanwalt verhindern, zu erfahren, wer Mitglied des Zentralkomitees in
Rußland und Vertreter der Partei in ihren Beziehungen zu den Arbeiterorgani-
sationen war. Dieses Ziel ist erreicht worden. Zu diesem Ziel sollte man noch
künftighin vor dem Gericht das längst und offiziell von der Partei empfohlene
Manöver: Verweigerung der Aussage, anwenden. Aber Solidarität mit dem
Sozialpatrioten Herrn Jordanski bekunden, wie es Genosse Rosenfeld tat, oder
die Meinungsverschiedenheiten mit dem Zentralkomitee entwickeln ist eine
Methode, die ebenso unrichtig wie vom Standpunkt der revolutionären Sozial-
demokratie verwerflich ist.
Laut Bericht des „Djen" — ein offizieller und vollständiger Prozeßbericht
liegt nicht vor — hat Genosse Petrowski erklärt : „In derselben Zeit (im November)
empfing ich die Resolution des Zentralkomitees . . . und außerdem wurden mir
Resolutionen von Arbeitern über die Stellungnahme der Arbeiter zum Kriege
vorgelegt, die mit der Stellungnahme des Zentralkomitees übereinstimmten."
Diese Erklärung macht Petrowski alle Ehre. Der Chauvinismus war
ringsum sehr stark. Nicht umsonst ist in Petrowskis Tagebuch der Satz ent-
halten, daß sogar der radikal gesinnte Tscheidse mit Begeisterung vom „Be-
freiungskrieg" spreche. Gegen diesen Chauvinismus opponierten die Dele-
gierten der russischen sozialdemokratischen Arbeiterfraktion, als sie in Freiheit
waren. Aber sie hätten auch vor Gericht sich von ihm absondern sollen.
Die Kadettenzeitung „Rjetsch" „dankt" knechtisch dem zaristischen
Gericht dafür, daß es „die Legende zerstört" habe, die sozialdemokratischen
Delegierten hätten eine Niederlage der zaristischen Armee gewünscht. Die
Kadetten machen sich zu nutze, daß die Sozialdemokraten in Rußland an Händen
und Füßen gebunden sind, und tun so, als würden sie den angeblichen „Konflikt"
zwischen der Partei und der Fraktion ernst nehmen, indem sie beteuern, daß
die Angeklagten ihre Aussagen nicht aus Angst vor der Strafe gemacht hätten.
Welch unschuldige Säuglinge. Sie wissen scheinbar nicht, daß man während
des ersten Stadiums des Prozesses den Delegierten mit Militärgericht und Todes-
urteil drohte.
Die Genossen hätten in der Frage der illegalen Organisation jede Auslage
verweigern und in Erfassung des welthistorischen Augenblickes die Öffentlichkeit
des Gerichtes benutzen sollen, um zum Fenster hinaus die sozialdemokratischen
Ansichten zu verkünden, die nicht nur dem Zarismus überhaupt, sondern auch
dem Sozialchauvinismus aller Schattierungen feindlich gegenüberstehen.
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Mag die Regierungs- und bürgerliche Presse gegen die Russische Sozial-
demokratische Arbeiterfraktion wie toll hetzen, mögen Sozialrevolutionäre,
Liquidatoren und Sozialchauvinisten schadenfroh unsere Schwächen oder an-
gebliche „Meinungsverschiedenheit mit dem Zentralkomitee" festnageln. (Sie
müssen ja prinzipiell kämpfen!) Die Partei des revolutionären Proletariats ist
stark genug, um offen an sich selbst Kritik zu üben, um unumwunden einen
Fehltritt als Fehltritt und eine Schwäche als Schwäche zu bezeichnen. Die
klassenbewußten Arbeiter Rußlands haben eine Partei g-schaffen und eine
Avantgarde gebildet, die während des Weltkrieges und des internationalen Zu-
sammenbruchs des internationalen Opportunismus am meisten die Fähigkeit
gezeigt haben, ihre Pflicht als internationale revolutionäre Sozialdemokraten
zu tun. Der Weg, den wir gegangen sind, ist durch die größte Krise erprobt
und hat sich — wieder und wieder einmal — als der einzig richtige Weg gezeigt.
So wollen wir noch entschlossener, noch fester ihn gehen, wollen einen neuen
Vortrupp voranschicken, wollen es soweit bringen, daß er nicht nur diese Arbeit
tut, sondern sie auch auf richtigere Art zu Ende führt.
Zweitens hat das Gericht ein im internationalen Sozialismus noch nie
dagewesenes Bild entrollt, wie der Parlamentarismus durch die revolutionäre
Sozialdemokratie ausgenützt werden kann. Das Vorbild dieser Ausnutzung wird
mehr als alle Reden an den Verstand und das Herz der proletarischen Massen
appellieren, wird überzeugender als alle Argumente die legalen Opportunisten
und Phraseure des Anarchismus widerlegen. Muranows Bericht über die illegale
Tätigkeit und Petrowskis Aufzeichnungen werden lange Zeit für jene Arbeit
der Delegierten mustergültig bleiben, die wir stets verheimlichen mußten und
deren Bedeutung jetzt immer mehr und mehr allen klassenbewußten Arbeitern
Rußlands aufgehen wird. Zu einer Zeit, als beinahe alle „sozialistischen" (man
nehme mir die Entweihung dieses Wortes nicht übel!) Delegierten Europas sich
als Chauvinisten und Chauvinistenknechte entpuppt haben, als der ominöse
„Europäismus", der unsere Liberalen und Liquidatoren verlockte, sich als
stumpfsinnige Gewohnheit der knechtischen Legalität erwies, — da fand sich in
Rußland eine Arbeiterpartei, deren Delegierte nicht durch Schönschwätzerei,
nicht durch Verbindungen mit bürgerlichen und gebildeten Salons glänzten,
nicht durch die geschäftliche Tüchtigkeit des „europäischen" Rechtsanwalts und
Parlamentariers, sondern mit der Verbindung mit den Arbeitermassen, mit
selbstloser Arbeit unter diesen Massen, mit der Erfüllung bescheidener, unschein-
barer, schwerer, undankbarer und besonders gefährlicher Funktionen des illegalen
Propagandisten und Organisators. Höher steigen: hinauf zum Ruf des „ange-
sehenen" Deputierten oder Ministers — das war in Wirklichkeit der Sinn des
„europäischen" (lies: lakaienhaften) „sozialistischen" Parlamentarismus. Tiefer
hinab steigen : die Ausgebeuteten und Unterdrückten aufklären helfen und ver-
einigen — das ist die Losung, die von dem Vorbild eines Muranow und Petrowski
aufgestellt worden ist.
Und diese Losung wird zur welthistorischen Bedeutung gelangen. Kein
einziger denkender Arbeiter in irgend einem Lande der Welt wird sich mit der
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alten Befriedigung des bürgerlichen Parlamentarismus durch Legalität be-
gnügen — nachdem diese Legalität in allen vorgeschrittenen Ländern mit einem
Federstrich aufgehoben wurde und bloß zu einem faktischen engeren Bündnis
zwischen den Opportunisten und der Bourgeoisie geführt hat. Wer von der
„Einheit" der revolutionären sozialdemokratischen Arbeiter mit den „euro-
päischen" legal arbeitenden Sozialdemokraten gestrigen — und heutigen Schlages
träumt, der hat nichts hinzugelernt und alles vergessen; der ist in Wirklichkeit
ein Verbündeter der Bourgeoisie und ein Feind des Proletariats. Wer bis jetzt
nicht verstanden hat, warum und wozu die R. S.-D. Arbeiterfraktion sich von
der sozialdemokratischen Fraktion getrennt hat, die sich mit Legalität und
Opportunismus begnügte, der mag jetzt aus dem Prozeßbericht über die Tätigkeit
Muranows und Petrowskis lernen. Diese Tätigkeit wurde nicht allein von diesen
zwei Delegierten ausgeübt, und bloß hoffnungslos naive Menschen können von
der Vereinbarkeit einer derartigen Tätigkeit mit einer freundschaftlich toleranten
Stellungnahme zu Blättern wie „Nascha Sarja" oder „Sewernaja Rabotschaja
Gaseta" oder „Sowremennik" oder der Org.-Kom. oder dem Bund träumen.
Die Regierung hofft die Arbeiter einzuschüchtern, indem sie die Mitglieder
der R. S.-D. Arbeiterfraktion nach Sibirien verschickt ? Sie ist auf dem Holz-
wege. Die Arbeiter werden sich nicht einschüchtern lassen und werden nur noch
besser ihre Aufgaben erfassen, die Aufgaben der Arbeiterpartei im Unterschied
zu den Liquidatoren und Sozialchauvinisten. Die Arbeiter werden lernen,
in die Duma nur solche Männer wie die Mitglieder der R. S.-D. Arbeiterfraktion
zu entsenden. Zwecks einer ebensolchen, aber nur noch breiteren, doch zugleich
noch geheimeren Arbeit unter den Massen. Die Regierung gedenkt den „illegalen
Parlamentarismus" in Rußland umzubringen ? Sie wird nur den Zusammenhang
des Proletariats ausschließlich mit diesem Parlamentarismus befestigen.
Drittens — und das ist die Hauptsache — hat das Gericht über die Russische
Sozialdemokratische Arbeiterfraktion ein offenes, in Millionen Exemplaren
in Rußland verbreitetes, objektives Material geliefert zur wichtigsten, grund-
legendsten, wesentlichsten Frage der Stellungnahme der verschiedenen Klassen
der russischen Gesellschaft zum Kriege. Hat man denn schon nicht genug von
dem überdrüssig gewordenen intellektuellen Geschwätz von der Vereinbarkeit
der „Vaterlandsverteidigung" mit dem „prinzipiellen" (lies: phrasenhaften oder
heuchlerischen) Internationalismus? Wäre es nicht an der Zeit, sich die Tat-
sachen anzusehen, die sich auf die Klassen beziehen, d. h. auf Millionen
Menschen, die im Leben stehen, und nicht auf ein Dutzend Helden der
Phrase ?
Mehr als ein halbes Jahr ist seit Kriegsbeginn verstrichen. Die legale und
Ülegale Presse aller Richtungen hat sich geäußert. Alle Parteigruppen der Duma
haben sich herauskristallisiert — ein sehr mangelnder aber einzig objektiver
Wegweiser für unsere Klassengruppierungen. Das Gericht über die R. S.-D.
Arbeiterfraktion und die Pressestimmen haben dieses Material resümiert. Der
Prozeß hat gezeigt, daß die Vorhut des Proletariats in Rußland nicht nur dem
Chauvinismus überhaupt feindlich ist, sondern speziell auch die Haltung unseres
70
Zentralkomitees teilt. Die Delegierten wurden am 4. November 1914 verhaftet.
Über zwei Monate hatten sie also gearbeitet. Mit wem und wie haben sie ge-
arbeitet? Welche Strömungen in der Arbeiterklasse spiegelten sie wieder und
drückten sie aus? Die Antwort darauf wird durch die Tatsache gegeben, daß
als Material für die Konferenz unsere „Thesen" und unser Blatt: „Der Sozial-
demokrat" dienten und daß das Petersburger Komitee unserer Partei wiederholt
mit Blättern desselben Inhalts hervortrat. Ein anderes Material gab es auf
der Konferenz nicht. Die Delegierten hatten nicht vor, über andere Strömungen
in der Arbeiterklasse der Konferenz zu berichten, denn andere Strömungen gab
es nicht.
Vielleicht drückten die Mitglieder der R. S.-D. Arbeiterfraktion lediglich
die Ansicht der Minorität der Arbeiter aus? Wir sind nicht berechtigt, diese
Vermutung zu machen, denn in den zweieinhalb Jahren, seit dem Frühling 1912 bis
zum Herbst 1914, sammelten sich 4 / B der klassenbewußten Arbeiter Pußlands
um die „Prawda" mit der ganzen geistigen Solidarität, mit der diese Delegierten
wirkten. Das ist Tatsache. Gäbe es irgend einen wahrnehmbaren Protest unter
den Arbeitern gegen die Haltung des Zentralkomitees, so hätte dieser Protest
in den Entwürfen der Resolution zum Ausdruck kommen müssen. Nichts der-
artiges hat der Prozeß erbracht, obwohl er sozusagen vieles von der Tätigkeit
der R. S.-D. Arbeiterfraktion „ans Tageslicht gefördert hat". Die Korrekturen
von Petrowskis Hand zeigen nicht einmal eine Spur von Abweichung.
Die Tatsachen besagen, daß schon in den ersten Monaten nach Kriegs-
ausbruch die klassenbewußte Avantgarde der Arbeiter Rußlands in der Tat
sich um das Zentralkomitee und das Zentralorgan unserer Partei geschart hat.
So unangenehm diesen oder jenen „Fraktionen" diese Tatsache sein mag, —
sie ist unleugbar. Die in der Anklageschrift zitierten Worte: „Es gilt, die Waffe
nicht gegen die eigenen Brüder, die Lohnsklaven der anderen Länder zu kehren,
sondern gegen die 'Reaktion der bürgerlichen Regierungen und Parteien aller
Länder," — diese Worte werden, dank dem Prozesse, über ganz Rußland den
Appell an den proletarischen Internationalismus und an die proletarische Re-
volution tragen, und haben ihn bereits getragen. Die Klassenlosung der Avant-
garde der Arbeiterklasse Rußlands hat nun — dank dem Gerichte — die breitesten
Massen erreicht.
Der epidemische Chauvinismus der Bourgeoisie und eines Teiles des Klein-
bürgertums, die Schwankungen des anderen Teiles und dieser Appell der Arbeiter-
klasse: das ist das tatsächliche, objektive Bild unserer politischen Schichtungen.
Man hat seine „Aussichten", Hoffnungen und Losungen diesem tatsächlichen
Bilde anzupassen und nicht den frommen Wünschen der Intellektuellen und
Gründern von Grüpplein.
Die Prawda-Zeitungen und die Arbeit „Muranow'schen Schlages" haben
die Einheit der 4 / 5 der klassenbewußten Arbeiter Rußlands geschaffen. Zirka
40 000 Arbeiter kauften die „Prawda," noch mehr lasen sie. Mag sogar fünf-
oder zehnmal soviel durch Krieg, Gefängnis, Sibirien und Zuchthaus zerschlagen
werden, vernichten kann man diese Schicht nicht. Sie lebt. Sie ist von revolutio-
71
närem Geist und Antichauviuismus durchdrungen. Sie allein steht unter den
Volksmassen und ganz in ihrer Tiefe als Verkünderin des Internationalismus der
Werktätigen, Ausgebeuteten und Unterdrückten. Sie allein hat im allgemeinen
Zerfall Stand gehalten. Sie allein führt die halbproletarischen Schichten fort
vom Sozialchauvinismus, von den Kadetten, den Trudowiki und Plechauow. Ihre
Existenz, ihre Ideen, ihre Arbeit, ihr Appell an die „Brüderlichkeit" der Lohn-
sklaven der anderen Eänder sind durch das Gericht über die R. S.-D. Arbeiter-
fraktion vor ganz Rußland gezeigt worden.
Es gilt, mit dieser Schicht zu arbeiten, ihre Einheit zu verteidigen gegen-
über den Sozialchauvinisten. Allein auf diesem Wege kann die Arbeiterbewegung
Rußlands sich entwickeln in der Richtung zur sozialen Revolution und nicht
zum nationalliberalen „europäischen" Typus.
29. März 1915. A7 r
iv. Lenin.
Anläßlich der Londoner Konferenz.
Die von uns veröffentlichte Erklärung des Genossen Maximo witsch ,
des Vertreters des Zentralkomitees der R. S.-D. Arbeiterfraktion, bringt die
Anschauungen der Partei über diese Konferenz voll zum Ausdruck. Die bürger-
liche französische Presse hat diese Bedeutung als Werkzeug oder Manöver
von seiten der französischen Bourgeoisie ausgezeichnet erfaßt. Die Rollen
waren folgendermaßen verteilt: „Ee Temps" und „I/Echo de Paris" griffen
die französischen Sozialisten wegen ihrer augeblich allzugroßen Zugeständnisse
an ihren Internationalismus an. Diese Angriffe waren nur ein Manöver, um
das patriotisch-annexionistische Auftreten des Premier-Minister Viviani im
Parlament vorzubereiten. Andererseits deckte „Journal" die Karten direkt auf
und erklärte: es handelte sich darum, daß die englischen Sozialisten, mit
Keir Hardie an der Spitze, die bis dahin gegen den Krieg und gegen die Werbung
waren, für den Krieg bis zum Sieg über Deutschland stimmten. Das ist erreicht.
Das ist von Wichtigkeit. Das bedeutet politisch die Heranziehung sowohl der
englischen wie der französischen Sozialisten auf die Seite der anglo-französischen
Bourgeoisie. Aber die Phrasen über Internationalismus, Sozialismus, Referendum
usw. — all das ist bloß Phrase und leeres Gerede, das gar keine Bedeutung hat!
Die klugen Reaktionäre der französischen Bourgeoisie haben unzweifelhaft
aus der Schule geplaudert. Der Krieg wird zum Zweck der Ausräuberung und
Ausplünderung Deutschlands, Österreichs und der Türkei von der anglo-fran-
zösischen plus russischen Bourgeoisie geführt. Sie braucht Werber, sie braucht
die Zustimmung der Sozialisten zur Kriegsführung bis zum Siege über Deutsch-
land. Und alles übrige ist ein leeres und würdeloses Geschwätz, eine Prosti-
tuierung der großen Worte Sozialismus, Internationalismus usw. In Wirklichkeit:
12
der Bourgeoisie folgen und ihr helfen, die fremden Iyänder auszuräubern, in
Worten aber die Massen mit der heuchlerischen Anerkennung des „Sozialismus
und Internationalismus" traktieren — darin besteht eben die Hauptsünde des
Opportunismus, die Hauptursache des Zusammenbruchs der II. Internationale.
Daher war die Aufgabe der Gegner der Sozialchauvinisten auf der Londoner
Konferenz klar : sie mußten im Namen der klaren antichauvinistischen Prinzipien
diese Konferenz verlassen, ohne in Germanophilie zu verfallen. Denn gerade
aus chauvinistischen und nicht anderen Gründen sind die Germauophile ent-
schiedene Gegner der londoner Konferenz. Gen. Maximowitsch hat seine
Aufgabe erfüllt, indem er klar vom Verrat der deutschen Sozialisten ge-
sprochen hat.
Die Bundisten und Anhänger der Org.-Kom. können diese einfache und
klare Sache nicht begreifen. Die ersteren sind Germauophile in der Art von
Kossowski, der das Bewilligen der Militärkredite durch die deutschen Sozial-
demokraten direkt rechtfertigt (siehe: „Informationsblatt des Bund", Nr. 7, Januar
1915, S. 7). Die Redaktion dieses Blattes hat kein Wort der Mißbilligung
Kossowskis gebracht (während sie ihren entgegengesetzten Standpunkt gegen-
über dem Verfechter des russischen Patriotismus Borissow speziell hervorhob).
Im Manifest des Zentralkomitees des Bund (ebenda, S. 3) finden wir kein
Sterbenswörtchen gegen den Sozialchauvinismus! Die Anhänger der Org.-Kom.
treten für eine Versöhnung des deutschfreundlichen Chauvinismus mit dem
französischfreundlichen ein. Das ist aus den Erklärungen Axelrods (in Nr. 86
und 87 des „Golos") und aus der Nr. 1 der „Iswestja" des ausländischen Sekre-
tariats der Org.-Kom. (22, Februar 1915) ersichtlich. Als die Redaktion von
„Nasche Slowo" uns eine gemeinsame Aktion gegen den „offiziellen Sozial-
chauvinismus" vorschlug, antworteten wir direkt, indem wir unseren Entwurf
einer Erklärung beilegten und auf die entscheidende Stimme des Genossen
Maximowitsch verwiesen, daß die Org.-Kom. und der Bund selber auf seiten
des offiziellen Sozialpatriotismus ständen.
Wozu betrügt „Nasche Slowo" sich und die anderen, indem es dieses im
Leitartikel von Nr. 32 verschweigt ? Warum verschweigt es, daß unser Entwurf
einer Erklärung auch Worte über den Verrat der deutschen Sozialdemokratie
enthielt. Die Erklärung des „Nasche Slowo" hat diesen wichtigsten, „grund-
legenden" Punkt ausgelassen; weder wir noch Gen. Maximowitsch haben diese
Deklaration angenommen und annehmen können. Deshalb ist keine gemeinsame
Aktion von uns mit der Org.-Kom. zustande gekommen ? Warum täuscht
„Nasche Slowo" sich und die anderen und beteuert, daß eine Basis für gemeinsame
Aktionen vorhanden sei ?
Der „offizielle Sozialpatriotismus" — das ist das schlimmste Übel des
heutigen Sozialismus. Zur Bekämpfung dieses Übels (und nicht zur Aussöhnung
mit ihm, nicht zur gegenseitigen internationalen „Amnestierung" in diesem
Punkte) müssen alle Kräfte vorbereitet und gesammelt werden. Kautsky und
die anderen haben ein ganz bestimmtes Programm der „Amnestie" und der
73
Versöhnung mit dem Sozialchauvinismus gegeben. Wir waren bemüht, ein
bestimmtes Programm der Bekämpfung seiner zu liefern. Es erübrigt sich,
dem Wunsch Ausdruck zu verleihen, daß „Nasche Slowo" von den Schwan-
kungen zwischen der „platonischen Sympathie mit dem Internationalismus"
und der Aussöhnung mit dem Sozialchauvinismus zu irgend etwas bestimmteren
übergehe.
29. März 1915. N. Lenin.
Zur Illustration der Losung des Burgerkrieges.
Am 8. Januar wurde den schweizerischen Zeitungen aus Berlin berichtet:
„In der letzten Zeit brachten die Zeitungen wiederholt Meldungen über Ver-
suche friedlicher Annäherung zwischen den Schützengräben der Deutschen und
der Franzosen. Wie die „Tägliche Rundschau" vom 29. Dezember mitteilt,
verbietet ein Armeebefehl vom 29. Dezember die Verbrüderung und überhaupt
jede Annäherung an den P'eind in den Schützengräben; das Übertreten dieses
Befehles wird als Hochverrat bestraft werden."
Die Verbrüderung und die Versuche der Annäherung sind also eine Tat-
sache. Die Heeresverwaltung Deutschlands fühlt sich durch sie beunruhigt:
folglich legt sie ihnen eine ernsthafte Bedeutung bei. Die englische Arbeiter-
zeitung „Labour Leader" vom 7. Januar 1915 bringt eine ganze Reihe von
Zitaten aus bürgerlichen englischen Zeitungen, die Fälle von Verbrüderung
zwischen englischen und deutschen Soldaten bestätigen, wo die Soldaten „einen
Waffenstillstand von 48 Stunden" (zu Weihnachten) abschlössen, sich freund-
schaftlich auf dem halben Wege zwischen den Schützengräben begegneten usw.
Die englische Heeresverwaltung hat durch einen Sonderbefehl die Verbrüderung
verboten. Und die sozialistischen Opportunisten und ihre Verteidiger (oder
Diener ? in der Art Kautskys) versicherten die Arbeiter in der Presse mit höchst
selbstzufriedener Miene und im ruhigen Bewußtsein, daß die Militärzensur sie
vor Widerlegungen bewahre, — versicherten, daß ein Zusammengehen der
Sozialisten der kriegführenden Länder in den Aktionen gegen den Krieg unmöglich
sei. (Buchstäblicher Ausdruck Kautskys in der „Neuen Zeit"!)
Man stelle sich vor, daß Hyndman, Guesde, Vandervelde, Plechanow,
Kautsky usw. anstelle der Hilfeleistung für die Bourgeoisie, mit der sie soeben
beschäftigt sind, ein Internationales Komitee gebildet hätten zur Agitation
für die „Verbrüderung und Annäherungsversuche" zwischen den Sozialisten
der kriegführenden Länder, sowohl in den „Schützengräben" wie im Kriege
überhaupt. Was für Resultate hätte man da in wenigen Monaten erlangt, wenn
jetzt, sechs Monate nach Kriegsbeginn, entgegen allen Verrätern am Sozialismus
den Führern, Köpfen und Sternen erster Größe überall die Opposition gegen
die Bewilliger der Kriegskredite und gegen die Ministerialisten wächst und
die Heeresleitung für „Verbrüderung" mit Todesstrafe droht!
74
„Es gibt nur eine praktische Frage: Sieg oder Niederlage des eigenen
Landes", schrieb der Diener der Opportunisten, Kautsky, in Übereinstimmung
mit Guesde, Plechanow und Konsorten. Ja, sieht man vom Sozialismus und
Klassenkampf ab, so stimmt es. Aber wenn man vom Sozialismus nicht absieht,
so stimmt es nicht; es gibt eine andere praktische Frage. Ob im Kriege unter
Sklavenbesitzern untergehen und ein blinder und hilfloser Sklave bleiben,
oder aber für „Versuche der Verbrüderung" zwischen den Sklaven zum Sturz
der Sklaverei zugrunde zu gehen ?
Das ist in Wirklichkeit die „praktische" Frage,
29. März 1915. N. Lenin.
Die Maifeier der Bourgeoisie.
Im Jahre 1914 beging das Weltproletariat zum 25. Mal die internationale
Feier des 1. Mai. 1915 verwandelte sich die Maifeier der Arbeiter in eine Mai-
feier der Bourgeoisie. Es ist schwer, es ist bitter, dies auszusprechen. Aber man
muß es eingestehen, damit wir im vollen Bewußtsein des Ernstes der Lage einen
Ausweg finden.
Vor uns liegt das Zentralorgan der deutschen Sozialdemokratie, und wir
lesen darin eine kleine offizielle Notiz:
Der erste Mai.
„Die bevollmächtigten Zentralinstanzen empfehlen den Organisationen,
in diesem Jahr in Anbetracht der besonderen Umstände auf die Arbeitsein-
stellung am 1. Mai zu verzichten. In Anbetracht dessen werden die Zeitungen
am 1. Mai erscheinen. Die Maibeiträge werden nicht erhoben werden.
Wo man Versammlungssäle finden kann, empfiehlt es sich, abends Mitglieder-
versammlungen abzuhalten. Eine besondere Mainummer wird in diesem Jahre
nicht erscheinen."
Diese kleine, trockene Notiz wird dem künftigen Geschichtsschreiber
unserer Tage von der Lage des Sozialismus, von der Lage der Internationale
während des Krieges viel mehr sagen, als Dutzende „beruhigender" Artikel und
Broschüren Kautskys.
Die deutschen Patrioten übernehmen wieder die wenig ehrenvolle Ini-
tiative zum Verrat des internationalen Banners der Arbeiter. Doch man braucht
kein Prophet zu sein, um vorauszusagen, daß sie — leider Gottes! — nicht die
einzigen bleiben, daß ihnen die sozialpatriotischen Franzosen, Engländer usw.
folgen werden. Und die Maifeier der Arbeit, die Feier der sozialistischen Hoff-
nungen, die Feier des Kampfes gegen das Regime kapitalistischer Versklavung,
gegen Verelendung und menschenfeindlichen Chauvinismus — wird in diesem
Jahre ins Wasser fallen.
Dadurch allein verwandelt sich die Maifeier dieses Jahres in ein Fest der
Bourgeoisie. Einmal äußerte der bürgerliche Demokrat Jakoby, daß die Bildung
eines beliebigen Arbeitervereins wichtiger sei und mehr für die menschliche
75
Kultur bedeute, als die Schlacht bei Sadowa. Jetzt findet die Millionenpartei
des deutschen Proletariats, daß das Gemetzel zwischen Mosel und Maas oder
das „erfolgreiche" Blutvergießen in den Beskiden wichtiger sei, als das Abhalten
des proletarischen sozialistischen Feiertages von Millionen Arbeitern.
Acht Monate lang währt der Krieg. Die Bourgeoisie hat in dieser Zeit
keinen ihrer Feiertage aufgehoben. Die religiösen Feiertage, die Feiertage der
Vorurteile und Unwissenheit werden aufs eifrigste geehrt. Die religiöse Propa-
ganda ist im Zusammenhang mit dem Krieg außerordentlich erstarkt. Der
kriegerische Klerikalismus hat sein Haupt erhoben. Bourgeoisie und Reaktionäre
tragen reichlich Hoffnung in die Reihen der Soldaten, sowie in die Reihen der
unter den Lasten des Krieges zusammenbrechenden, verzweifelnden „fried-
lichen" Bevölkerung. Aber die sozialistischen Arbeiter sollen in dieser Zeit
freiwillig auf ihre Maifeier verzichten!
Der Grad, mit dem die Arbeiter auf die Idee der Feier des 1. Mai reagierten,
diente stets als Barometer für ihr sozialistisches Bewußtsein, für ihren Inter-
nationalismus, ihre Bereitwilligkeit, Opfer zu bringen und gegen den Kapitalis-
mus zu kämpfen. In diesem Jahr steht dieser Barometer, insofern es sich um
die Spitzen der revolutionären Sozialdemokratie handelt, unter Null. Die Sozia-
listen sind zu Sozialchauvinisten geworden.
Das traurige Bild, das wir am 1. Mai 1915 wahrnehmen, wird als die beste
Illustration zur Beantwortung der Frage dienen, wem dieser Krieg nütze. Es
unterliegt keinem Zweifel, daß zu den objektiven Aufgaben dieses Krieges —
vom Standpunkt der Bourgeoisie — auch gehört : die lawinenartig anwachsende
Arbeiterbewegung aufs Haupt zu schlagen, die sozialistische Organisation der
Arbeiterklasse zurückzuwerfen und die „rote Gefahr" zu schwächen, die überall
gegen die Bourgeoisie der „fortgeschrittenen" Länder anrückte. Aber der 1. Mai
1915 wird der Bourgeoisie die frohe Botschaft bringen, daß es ihr bis zu einem
gewissen Grade — zumindest jetzt, zumindest für eine Zeitlang — gelungen ist,
diese Aufgabe zu erfüllen.
Die Vertreter der Bourgeoisie waren von Unruhe, ja von physischer Angst
erfüllt, als sie die erste Maifeier des Proletariats 1890 erwarteten. Ebenso waren
die besten Vertreter der Arbeiterklasse von Freude erfüllt, erfüllt von der kühnen
Gewißheit des Erfolges. Fr. Engels wartete voller Spannung auf diese erste
Schau der Arbeiterkräfte; er schrieb 1890 an seinen Freund Sorge, daß für das
englische Proletariat die Beteiligung an der Feier des 1. Mai eine ganze geistige
Revolution bedeute. Und jetzt, nach 25 Jahren fordert die stärkste sozial-
demokratische Partei im Namen der bürgerlichen Idee des Burgfriedens die
Arbeiter auf, auf die Feier des 1. Mai zu verzichten! Das ist ein Symbol. Das
ist eine viel größere Sünde als die Beschießung der Reimser Kathedrale. Das
ist der Gipfelpunkt der Lästerung des sozialistischen Banners von Seiten der
Sozial Chauvinisten. Der Kelch der Schande wird bis aur Neige geleert werden.
Ist das nicht ein Fest für die Bourgeoisie ?
Ein reaktionärer Schriftsteller hat neulich die Lage der offiziellen inter-
nationalen Sozialdemokratie in diesem Kriege mit der Lage der . . . katholischen
76
Kirche verglichen. Die letztere ist ebenfalls eine internationale Organisation.
Aber der Krieg hat ihre internationalen Verbindungen zerrissen und die guten
Katholiken Frankreichs gezwungen, gegen die ebenso guten Katholiken Öster-
reichs usw. zu schießen, genau so wie er die deutschen Sozialisten gezwungen
hat, mit der Waffe in der Hand die französischen Sozialisten auszurotten, und
umgekehrt. Diese Parallele entbehrt im Munde eines Reaktionärs nicht einer
gewissen giftigen Wahrheit. Aber die Sozialchauvinisten sind bemüht, die
Arbeiterbewegung noch mehr zu degradieren. Immerhin hat die katholische
Geistlichkeit nicht gefordert, daß ihre Festtage aufgehoben werden, und in den
Weihnachtstagen 1914/15 kamen die Soldaten auf beiden Seiten von selbst
überein, einen vorläufigen Waffenstillstand abzuschließen.
Nach dem 4. August 1914 behaupteten einige Abgeordnete des deutschen
sozialdemokratischen „Zentrums", die für die Kriegskredite gestimmt hatten,
daß sie „die Hölle im Herzen hatten", als sie bei der Abstimmung die Hand
erhoben. Aber wird nicht eine wahre Hölle in den Herzen der Proletarier brennen,
die am Tage des 1. Mai auf den Kriegsschauplätzen die Waffe gegen ihre Brüder,
die Arbeiter der anderen Länder kehren werden müssen ? Kann man sich denn
etwas qualvolleres, etwas tragischeres vorsteilen ?
Am 1. Mai 1915 rächt sich die Bourgeoisie aller Länder an der internatio-
nalen Arbeiterbewegung. Der Verzicht der offiziellen Sozialdemokratie auf die
Maifeier ist der Bourgeoisie eben soviel wert, wie manche gewonnene Schlacht.
Es bedeutet den Sieg des bürgerlichen Prinzips und daher — den Festtag der
Bourgeoisie aller Länder, ausnahmslos. Aber immerhin: wer zuletzt lacht, lacht
am besten. Kann man sich denn vorstellen, daß die Vorhut der Arbeiter noch
lange das Joch des Sozialchauvinismus dulden und schweigend alle Erniedri-
gungen ertragen wird, die der Arbeiterbewegung von den Opportunisten im
Bund mit der Bourgeoisie bereitet werden ? Ist es denn anders möglich, daß bei
der Lektüre des Rundschreibens über die Aufhebung der Maifeier unter dem
besten Teil der Arbeiter ein Murren der Empörung laut wird, die Fäuste sich
ballen und Flüche über jene erschallen, die die II. Internationale in dies* 3
Schmach versetzt haben ?
Heute ist Euer Feiertag, Ihr Herren Bourgeois! Aber unser Festtag wird
noch kommen. Durch die Lehren des Krieges werden Millionen und Aber-
millionen von Arbeitern lernen. Euer ganzes niederträchtiges Regime der Gewalt,
der Verkäuflichkeit, der Sklaverei und des Blutes zu hassen; sie werden be-
greifen, daß, wenn sie schon ihr Leben lassen, sie es für unsere Sache, für die
Sache des Sozialismus, im Bürgerkrieg gegen die Bourgeoisie und die Regierungen,
lassen müssen; sie werden begreifen, daß sie nur in der revolutionären Sozial-
demokratie eine zuverlässige Wortführerin ihrer Interessen haben. Und wer weiß,
ob die Herren Bourgeois mit derselben gutmütigen Seelenruhe den 1. Mai, sei
es auch nur im nächsten Jahre, 1916, begehen werden?
1. Mai 1915.
G. Sinowjew.
77
Sophismen der Sozialchauvinisten
„Nasche Djelo'' (1915 Nr. 1), das Blatt der Petrograder Liquidatoren,
veröffentlicht die Übersetzung der Broschüre Kautskys: „Internationalität und
Krieg." Herr A. P — w erklärt dabei, daß er mit Kautsky nicht übereinstimme,
der seiner Meinung nach bald als „Anwalt" (d. h. Verfechter des deutschen
Sozialchauvinismus, der die Berechtigung der franko-russischen Modalität
dieser Richtung nicht anerkennt), bald als „Richter" auftritt (d. h. als Marxist,
der objektiv Marx' Methode anzuwenden sucht).
In Wirklichkeit geben Herr A. P — w und Kautsky den Marxismus grund-
sätzlich preis, indem sie durch offensichtliche Sophismen die nationalliberale
Arbeiterpolitik verteidigen. Herr A. P — w lenkt die Aufmerksamkeit der I/eser
vom Wesentlichen ab und diskutiert mit Kautsky über Einzelheiten. Laut
Ansicht des Herrn A. P — w ist die „Entscheidung" der Frage nach der Stellung-
nahme zum Kriege durch die anglo-französische „Demokratie" (der Verfasser
meint die Arbeiterdemokratie) im allgemeinen eine „richtige Lösung"; „sie
(diese Demokratie) handelte richtig", obwohl ihr Beschluß weniger bewußt, als
„kraft" eines glücklichen Zufalls . . mit dem nationalen Beschluß zu-
sammenfällt".
Der Sinn der Worte ist klar: Herr A. P — w verteidigt unter dem Deck-
mantel der Engländer und Franzosen den russischen Chauvinismus der Triple-
Alliance. Herr A. P — w diskutiert mit Kautsky nicht wie ein Marxist mit
einem Chauvinisten, sondern wie ein russischer Chauvinist mit einem deutschen
Chauvinisten. Das ist eine bis zum Erbrechen abgedroschene Methode. Es
sei nur darauf lüngewiesen, daß Herr A. P — w den klaren und einfachen Sinn
seiner Reden auf jedwede Art verhüllt und verwirrt.
Am wesentlichsten ist das, worin sowohl Herr A. P — w wie Kautsky
übereinstimmen. Sie stimmen zum Beispiel darin überein, daß der Inter-
nationalismus des modernen Proletariats mit der Vaterlandsverteidigung
vereinbar sei. Herr A. P — w spricht von einer besonderen Lage des Staates,
„der angegriffen worden ist". Kautsky schreibt: „Das Volk fürchtet nichts
so sehr wie die feindliche Invasion. Wenn die Bevölkerung die Ursache des
Krieges nicht in der eigenen Regierung sieht, sondern in der Böswilligkeit des
Nachbarstaates — und welche Regierung versucht nicht, mit Hilfe der Presse usw.
der Masse der Bevölkerung diese Auffassung einzuflößen! — dann . . . wird
in der ganzen Bevölkerung auch das einmütige Bestreben wach werden, die
Grenzen gegen den Feind zu verteidigen. Die wütende Menge würde selber
jene töten, die versucht hätten, die Absendung des Müitärs an die Grenze zu
verhindern."
Das ist eine angeblich marxistische Rechtfertigung der Grundidee aller
Sozialchauvinisten.
Kautsk}' hat schon 1911 selbst ausgezeichnet gesehen, daß Regierung
und Bourgeoisie „das Volk, die Bevölkerung, die Menge" betrügen und die
Schuld auf die ,, Böswilligkeit" des anderen Landes schieben werden. Es fragt
78
sich, ob die Unterstützung dieses Betruges mit Interuationalität und Sozialismus
vereinbar ist — einerlei, ob durch Bewilligung von Kriegskrediten, durch Reden,
Artikel usw. — oder, ob diese Unterstützung einer nationalliberalen Arbeiter-
politik gleichkommt. Kautsky verfährt wie der schamloseste „Anwalt", wie
der letzte Sophist, indem er anstelle dieser Frage die andere Frage setzt, ob
es für „Einzelne" Sinn habe, das Militäraufgebot entgegen dem Willen der
von ihrer Regierung betrogenen Majorität der Bevölkerung zu hintertreiben.
Der Streit geht nicht darum. Die betörten Kleinbürger müssen überzeugt,
aufgeklärt werden; mitunter muß man, indem man ihnen in den Krieg folgt,
mit der Bearbeitung ihrer Köpfe durch die Erfahrung des Krieges warten können.
Es handelt sich nicht darum, sondern, ob es für Sozialisten erlaubt sei,
am Betrug des „Volkes" durch die Bourgeoisie teilzunehmen. Kautsky und
A. P — w rechtfertigen diesen Betrug. Denn sie wissen wohl, daß am imperia-
listischen Kriege 1914 in gleichem Maße die „Böswilligkeit" der Regierungen
wie der Bourgeoisien aller Großmächte, sowohl Englands wie Frankreichs,
Deutschlands und Rußlands Schuld habe. Davon spricht z. B. klar die Basler
Resolution vom Jahre 1912.
Daß das „Volk", d. h. die Masse des Kleinbürgertums und ein Teil der
betörten Arbeiter an das bürgerliche Märchen von der „Böswilligkeit" des
Feindes glaubt, ist unzweifelhaft. Aber die Sozialdemokratie hat zur Aufgabe,
gegen diesen Betrug zu kämpfen, ihn nicht zu unterstützen. Alle Sozialdemo-
kraten haben lange vor dem Kriege in allen Ländern davon gesprochen und
in Basel bestätigt, daß jede Großmacht in Wirklichkeit zur Befestigung und
Erweiterung ihrer Herrschaft über die Kolonien die Unterdrückung der kleinen
Nationalitäten usw. anstrebt. Der Krieg geht um die Teilung der Kolonien
und die Ausplünderung der fremden Territorien; die Diebe prügeln sich, —
und es ist eine schamlose bürgerliche Lüge, wenn die Interessen der Diebe
hingestellt werden als Interessen des Volkes oder des Vaterlandes, falls im
gegebenen Moment dieser oder jener Dieb eine Niederlage erleidet. Dem „Volke",
das unter dem Kriege leidet, soll die Wahrheit gesagt werden, die darin besteht,
daß ein Schutz gegen das Ungemach des Krieges unmöglich ist, ohne den Sturz
der Regierungen und der Bourgeoisie eines jeden kriegführenden Landes.
Belgien verteidigen mit Hilfe der Erdrosselung Galiziens oder Ungarns ist keine
„Vaterlandsverteidigung".
Aber Marx selbst, der z. B. die Kriege von 1854 und 1876 verurteüte, stellte
sich auf die Seite einer der kriegführenden Mächte, als der Krieg entgegen
dem Willen der Sozialisten zur Tatsache wurde. Das ist der Hauptinhalt und
„Trumpf" der Broschüre Kautskys. Das ist auch die Position des Herrn A. P — w,
der unter „Internationalität" die Feststellung versteht, wessen Erfolg im Kriege
am wünschenswertesten oder am wenigsten schädlich sei vom Standpunkte
der Interessen nicht des nationalen, sondern des ganzen Weltproletariats.
Regierungen und Bourgeoisie führen Krieg; das Proletariat hat zu bestimmen,
der Sieg welcher Regierung für die Arbeiter der ganzen Welt am wenigsten
schädlich sei.
79
Der Sophismus dieser Betrachtungen besteht darin, daß eine Unterstellung
begangen wird, indem eine frühere, längst vergangene historische Epoche an
Stelle der gegenwärtigen gesetzt wird. Der Grundzug der früheren Kriege,
auf die sich Kautsky bezieht, war: 1. Die früheren Kriege entschieden über
Fragen der bürgerlich-demokratischen Reformen und des Sturzes des Absolu-
tismus oder des fremden Joches; 2. damals waren die objektiven Bedingungen
für eine sozialistische Revolution noch nicht reif und kein Sozialist
konnte vor dem Kriege von einer Ausnutzung des Krieges für eine Beschleunigung
des Zusammenbruchs des Kapitalismus sprechen, wie es in der Stuttgarter (1907)
und der Basler (1912) Resolution hieß; 3. damals gab es keine einigermaßen
starke kampferprobte sozialistische Massenparteien in den Ländern der beiden
kriegführenden Parteien.
Kurzum: was Wunder, daß Marx und die Marxisten sich auf die Fest-
stellung beschränkten, der Sieg welcher Bourgeoisie schädlicher (oder nützlicher)
für das Weltproletariat sei, da von einer allgemeinen proletarischen Bewegung
gegen die Regierungen und die Bourgeoisie in allen kriegführenden Ländern
noch nicht die Rede sein konnte.
Zum ersten Mal in der Weltgeschichte versammeln sich lange vor dem
Kriege die Sozialisten aller kriegführenden Länder und erklären: Wir werden
den Krieg zur Beschleunigung des Zusammenbruches des Kapitalismus ausnutzen
(1907, Stuttgarter Resolution). Folglich erkennen sie die objektiven Bedingungen
Für eine solche „Beschleunigung des Zusammenbruches", d. h. für die sozialistische
Revolution als ausgereift an. Folglich drohen sie den Regierungen mit Revolution.
In Basel (1912) wurde es noch deutlicher gesagt durch den Hinweis auf die
Kommune und die Monate Oktober/Dezember 1905, d. h. auf den Bürgerkrieg.
Als der Krieg ausgebrochen ist, beginnen die Sozialisten, die den Re-
gierungen mit Revolution drohten und das Proletariat zur Revolution aufriefen,
sich damit herauszureden, daß all dies vor einem halben Jahrhundert war,
und sie rechtfertigen die Unterstützung der Regierungen und der Bourgeoisie
durch die Sozialisten! Tausendmal recht hat der Marxist Gorter, wenn er in
seiner Broschüre: „Imperialismus, Weltkrieg und Sozialdemokratie" die „Ra-
dikalen" vom Schlage Kautskys mit den 1848er Liberalen vergleicht, die tapfer
waren in Worten, aber Verräter in Taten.
Jahrzehntelang wuchs der Gegensatz zwischen den revolutionären sozial-
demokratischen und opportunistischen Elementen innerhalb des europäischen
Sozialismus. Die Krise ist reif. Der Krieg hat das Geschwür aufgestochen.
Die meisten offiziellen Parteien sind von den nationalliberalen Arbeiter-Politikern
besiegt, die die Vorrechte ihrer eigenen „vaterländischen" Bourgeoisie ver-
teidigen, ihr Vorrecht auf Kolonialbesitz, Unterdrückung der kleinen Nationa-
litäten usw. Sowohl Kautsky wie A. P— w bemänteln, rechtfertigen und ver-
teidigen die nationalliberale Arbeiterpolitik, anstatt sie vor dem Proletariat
zu entlarven. Darin besteht der Sophismus der Sozialchauvinisten.
A. P — w hat es unvorsichtigerweise ausgeplaudert, als er die „prinzipielle
Unzulänglichkeit der Stuttgartei Formel" betonte. Nun! Offene Renegaten
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sind dem Proletariat nützlicher als versteckte. Fahren Sie fort, A. P — w, sagen
Sie sich noch ehrlicher von Stuttgart und Basel los!
Der Diplomat Kautsky verfährt geschickter als A. P — w. Er sagt sich
von Stuttgart und Basel nicht los, er zitiert bloß . . . „bloß"! . . . das Basler
Manifest und läßt alle Stellen über die Revolution fort!! Die Zensur ist gewiß
sowohl A. P — w wie Kautsky in die Quere gekommen ? A. P — w und Kautsky
sind wahrscheinlich bereit, von Revolution zu sprechen, wenn es die Zensur
erlaubt. . .
Wir wollen hoffen, daß A. P — w, Kautsky oder ihre Anhänger vorschlagen
werden, an Stelle der Stuttgarter und der Basler Resolution beispielsweise eine
andere zu setzen, etwa wie: „Falls der Krieg trotz unserer Bemühungen dennoch
ausbrechen sollte, so müssen wir vom Standpunkt des Weltproletariats be-
stimmen, was vorteilhafter sei: ob Indien von England oder von Frankreich
ausgeplündert werde, ob die Neger in Afrika von den Franzosen oder den
Deutschen unter Alkohol gesetzt und ausgepowert werden, ob die Türkei von
den Deutschen und Österreichern oder von den Engländern, Franzosen und
Russen gewürgt werde, ob Belgien von den Deutschen oder Galizien von den
Russen erdrosselt werde, ob China von den Japanern oder Amerikanern auf-
geteilt werde" usw.
1. Mai 1915. N. Lenin,
Die Frage nach der Vereinigung der Internationalisten,
Der Krieg hat eine tiefe Krise im internationalen Sozialismus hervor-
gerufen. Wie auch jede Krise hat die gegenwärtige Krise des Sozialismus tiefer
und deutlicher seine inneren Gegensätze aufgedeckt, hat viele konventionelle
und falsche Hüllen abgerissen, hat in der krassesten und deutlichsten Form
gezeigt, was im Sozialismus morsch und erledigt war und worin das Unter-
pfand seiner weiteren Entwicklung und Bewegung zum Sieg liegt.
Fast alle Sozialdemokraten Rußlands empfinden, daß die alten Ein-
teilungen und Gruppierungen — wir möchten nicht sagen — veraltet sind, aber
sich ändern. In den Vordergrund tritt die Gruppierung nach der grundlegenden
Frage, die vom Kriege aufgeworfen worden ist, nämlich: die Teilung in
„Internationalisten" und „Sozialpatrioten". Diese Bezeichnungen entnehmen
wir dem Leitartikel der Nr. 42 von „Nasche Slowo" und lassen einstweilen
dahingestellt sein, ob sie nicht durch eine Gegenüberstellung der revolutio-
nären Sozialdemokraten mit den nationalliberalen Arbeiterpolitikern ergänzt
werden sollte.
Es handelt sich natürlich nicht um die Bezeichnung. Das Wesentliche der
grundlegenden jetzigen Gruppierung ist von „Nasche Slowo" richtig erkannt
worden. Die Internationalisten, schreibt es, „sind mit der negativen Stellung-
nahme zum Sozialpatriotismus, wie er von Plechanow vertreten wird, einver-
* 81
standen . . ." Und die Redaktion appelliert an die , jetzt zersplitterten Gruppen",,
„sich einig zu werden und sich zusammenzuschließen, sei es auch nur für die
eine Aktion: die Kundgebung der russischen Sozialdemokratie für ihre Stellung-
nahme zum jetzigen Kriege und zum russischen Sozialpatriotismus."
Ohne sich auf eine literarische Kontroverse zu beschränken, hat sich die
Redaktion von „Nasche Slowo" schriftlich an uns und au die O.K. gewandt
mit dem Vorschlag, in dieser Frage — unter ihrer Beteiligung eine Konferenz
abzuhalten. Wir haben mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit geantwortet
„einige Vorfragen aufzuklären, um zu erfahren, ob in den Grundfragen eine
Solidarität zwischen uns besteht". Wir haben hauptsächlich zwei Hauptfragen
hervorgehoben: 1. Keine Deklaration kann zur Enthüllung der „Sozialpatrioten"
beitragen (die Redaktion nannte Plechanow, Alexinski und eine gewisse Gruppe
der Petersburger Liquidatoren unter den Literaten, dazu Anhänger der Zeit-
schrift X. Y. Z.), die „den Willen der proletarischen Vorhut Rußlands fälschen".
(Nach dem Ausdruck der Redaktion von „Nasche Slowo".) Es ist ein lang-
wieriger Kampf erforderlich. 2. Was veranlaßt uns, dieO. K. zu den „Internationa-
listen" zu zählen ?
Ferner hat uns das ausländische Sekretariat der O. K. eine Kopie ihrer
Antwort an „Nasche Slowo" übersandt. Diese Antwort lief darauf hinaus, daß
„vorläufig" eine Auswahl der einen Gruppe und ein „Ausschluß der anderen"
unzulässig sei und daß „zur Konferenz auch diejenigen ausländischen Ver-
tretungen der Parteien und Gruppen geladen werden müssen, die ... an der
Konferenz des Internationalen Sozialistischen Bureau in Brüssel vor dem Kriege
teilnahmen" (Brief vom 25. III. 1912).
Die O. K. lehnt also prinzipiell eine Konferenz der Internationalisten ab
und möchte auch mit den Sozialpatrioten konferieren (bekanntlich waren die
Richtungen Plechanow und Alexinski in Brüssel vertreten). Ganz in demselben
Sinne äußerte sich die Resolution der Sozialdemokraten in Nervi (Nr. 53 von
„Nasche Slowo"), die nach dem Vortrag Jonows angenommen wurde (und die
Auffassungen dieses Vertreters der am meisten links stehenden oder internatio-
nalistischen Elemente des Bundes zum Ausdruck bringt).
In dieser Resolution, die für die Kennzeichnung der im Auslande von
vielen gesuchten „mittleren Linie" überhaupt im höchsten Grade charakte-
ristisch und wertvoll ist, wird die Sympathie den „Prinzipien" des „Nasche
Slowo" ausgedrückt, aber zugleich auch die abweichende Haltung gegenüber
der Position des „Nasche Slowo" kundgetan, „die in einer organisatorischen
Abgrenzung, der ausschließlichen Vereinigung der Sozialisten-Internationalisten
und der Rechtfertigung der Spaltungen in den historisch entstandenen sozia-
listischen proletarischen Parteien besteht". Die Versammlung hält also sozu-
sagen „die einseitige Auslegung" dieser Fragen durch die Zeitung „Nasche
Slowo" für „äußerst schädlich für die Klärung der Aufgaben, die mit der Wieder-
herstellung der Internatinnale verknüpft sind".
Wir haben bereits darauf hingewiesen, daß die Ansichten Axelrods, des
offiziellen Vertreters der O. K. sozialchauvinistisch sind. „Nasche Slowo" hat
82
weder in der Presse noch in der Korrespondenz darauf geantwortet. Wir wiesen
darauf hin, daß die Haltung des Bundes ebenso ist, nur mit der vSchattierung, daß
da der deutschfreundliche Chauvinismus überwiegend ist. Die Nervi-Resolution
hat, wenn auch eine indirekte, so doch eine äußerst wichtige faktische Bestätigung
geliefert: eine Vereinigung der Internationalisten allein wird als schädlich und
ketzerisch erklärt; die Frage wird mit einer Deutlichkeit aufgestellt, die aller
Anerkennung wert ist.
Noch deutlicher ist die Antwort der O. K., die eine direkte und formale
Stellungnahme zur Sache ausdrückt: man soll nicht ohne die Sozialpatrioten,
sondern mit ihnen konferieren.
Wir sind der O. K. zu Dank verpflichtet, daß „Nasche Slowo" die
Richtigkeit unserer Auffassungen über die O. K. bestätigt hat.
Bedeutet das, daß die ganze Idee des „Nasche Slowo*' zur Vereinigung
der Internationalisten Schiffbruch erlitten hat? Nein, keinerlei Mißerfolge
irgend welcher Konferenzen werden die Vereinigung der Internationalisten auf-
halten, insofern eine geistige Solidarität und der aufrichtige Wunsch zur Be-
kämpfung des Sozialpatriotismus vorhanden sind. Die Redaktion von „Nasche
Slowo" verfügt über das große Werkzeug einer Tageszeitung. Sie kann etwas
viel Sachlicheres und Ernsthafteres zustande bringen als Konferenzen und
Deklarationen : nämlich, sie kann sämtliche Gruppen auffordern und selbst un-
verzüglich anfangen: 1. vollständige, genaue, unzweideutige, absolut klare
Antworten auf die Fragen über den Inhalt des Internationalismus auszuarbeiten
(sonst nennen sich ja auch die Vanclervelde, Kautsky, Plechanow, I^ensch und
Haenisch Internationalisten!), ferner über den Opportunismus, über den Zu-
sammenbruch der II. Internationale, über die Aufgaben und Mittel des Kampfes
mit dem Sozialpatriotismus usw. ; 2. die Kräfte sammeln zum ernsthaften Kampfe
um die und die Prinzipien, und zwar nicht nur im Auslande, sondern haupt-
sächlich auch in Rußland.
In der Tat, würde jemand die Stirn haben, zu leugnen, daß ein anderer
Weg für den Sieg des Internationalismus über den Sozialpatriotismus nicht
vorhanden ist und nicht sein kann ? Hat nicht die Geschichte eines halben
Jahrhundert Emigrantentum in Rußland (und die 30 Jahre sozialdemokrati-
scftm Emigrantentums) bewiesen, wie machtlos, unernsthaft und illusorisch alle
Deklarationen und Konferenzen usw. im Auslande sind, wenn sie nicht von der
anhaltenden Bewegung einer gesellschaftlichen Schicht in Rußland unterstützt
werden? I v ehrt uns nicht auch der jetzige Krieg, daß alles Morsche oder An-
gefaulte, alles Konventionelle oder Diplomatische beim ersten Anstoß in Staub
zerfällt ?
In den acht Monaten des Krieges haben alle sozialdemokratischen Zentren,
Gruppen, Richtungen und Meinungsschattierungen bereits genügend beraten,
mit wem sie nur konnten und mochten, haben bereits genügend „deklariert",
d. h. in aller "Öffentlichkeit ihre Meinung kundgetan. Jetzt ist die Aufgabe
anderer Art, sachlicher. Mehr Mißtrauen zu den Paradedeklarationen und Kon-
ferenzen! Mehr Energie verwenden auf genaue Antworten und Ratschläge an
6» 83
Schriftsteller, Propagandisten, Agitatoren und alle denkenden Arbeiter, damit
diese Ratschläge nicht mißverständlich seien! Mehr Klarheit und Bestimmtheit
bei der Sammlung der Kräfte für die langwierige Arbeit der Verwirklichung
dieser Kräfte.
Wie gesagt, die Redaktion des „Nasche Slowo" hat viele Möglichkeiten —
eine Tageszeitung! — und man kann von ihr viel verlangen, wenn sie nicht
einmal dieses „Programm-Minimum" erfüllen wird . .
Eine Bemerkung sei hinzugefügt: genau vor fünf Jahren, im Mai 1910,
haben wir in der ausländischen Presse auf eine höchst wichtige politische Tat-
sache hingewiesen, die „stärker" war, als viele Konferenzen und Deklarationen
vieler der sehr „starken" sozialdemokratischen Zentren, namentlich: auf den
Zusammenschluß (in Rußland) einer Gruppe legaler Schriftsteller jener selben
Zeitschrift X. Y. Z. Was haben die Tatsachen in diesen fünf Jahren gezeigt,
die ziemlich reich waren an Ereignissen in der Geschichte der Arbeiterbewegung
Rußlands und der ganzen Welt ? Haben denn die Tatsachen nicht gezeigt, daß
wir einen bestimmten sozialen Kern zum Zusammenschluß der Elemente der
nationalliberalen Arbeiterpartei („europäischen" Schlages!) in Rußland haben?
Zu welchen Schlußfolgerungen verpflichtet alle Sozialdemokraten der Umstand,
daß wir jetzt in Rußland einen offenen Aufmarsch nur dieser Richtung, des
„Nasche Djelo", der Maslow, Plechanow usw. sehen?
Noch einmal: Mehr Mißtrauen zu den Paradekundgebungen, mehr Mut,
den ernsten politischen Realitäten gerade ins Gesicht zu schauen!
1. Mai 1915.
N. Lenin.
Bürgerliche Philantropen und die revolutionäre Sozialdemokratie.
Das Blatt der englischen Millionäre „The Economist" verfolgt in bezug
auf den Krieg eine Linie, die sehr lehrreich ist. Die Repräsentanten des fort-
schrittlichen Kapitals des ältesten und reichsten kapitalistischen Landes weinen
bitterlich über den Krieg und drücken unaufhörlich ihre Friedenswünsche aus.
Jene Sozialdemokraten, die mit den Opportunisten und Kautsky glauben, das
sozialistische Programm bestehe in der Predigt des Friedens, können sich aus
der Lektüre des englischen „Economist" anschaulich von ihrem Irrtum über-
zeugen. Ihr Programm ist nicht sozialistisch, sondern bürgerlich pazifistisch.
Friedensträumereien ohne Propagierung von revolutionären Aktionen drücken
die Angst vor dem Kriege aus und haben mit Sozialismus nichts gemeinsam.
Noch mehr. „The Economist" tritt gerade deshalb für den Frieden ein,
weil er die Revolution fürchtet. Z. B. in der Nr. vom 13. II. 1915 lesen wir:
„Die Philantropen verleihen der Hoffnung Ausdruck, daß der Friede
eine internationale Einschränkung der Rüstungen mit sich bringen wird. . .
Doch diejenigen, denen bekannt ist, welche Kräfte faktisch die europäische
84
Diplomatie lenken, geben sich keinerlei "Utopien hin. Die Perspektive, die vom
Krieg eröffnet wird, ist die Perspektive blutiger Revolutionen und erbitterter
Kriege zwischen der Arbeit und dem Kapital oder den Volksmassen und den
herrschenden Klassen des Kontinents."
Und in der Nummer vom 27. III. 1915 lesen wir wieder den Wunsch nach
einem Frieden, der die von Edward Grey versprochene Freiheit der Nationali-
täten usw. sichern würde. Sollte sich diese Hoffnung nicht verwirklichen, so
wird . . . „der Krieg zum revolutionären Chaos führen. Niemand kann sagen,
wo dieses Chaos anfangen und womit es enden wird.'* . . .
Die englischen pazifistischen Millionäre erfassen viel richtiger die heutige
Politik als die Opportunisten und Anhänger Kautskys und ähnlicher sozia-
listischer Friedensschwärmer. Die Herren Bourgeois wissen erstens, daß die
Phrasen vom demokratischen Frieden eine leere und törichte Utopie sind,
solange die früheren ,, Kräfte faktisch die Diplomatie lenken", d. h. solange
die Klasse der Kapitalisten nicht expropriiert ist. Zweitens, beurteilen die Herren
Bourgeois nüchtern die Perspektive der „blutigen Revolutionen" und des
„revolutionären Chaos". Der sozialistische Umsturz stellt sich der Bourgeoisie
immer als „revolutionäres Chaos" dar.
Wir nehmen in der Realpolitik der kapitalistischen Länder drei Arten
von Friedenssympathien wahr.
1. Die zielbewußten Millionäre möchten den Frieden beschleunigen aus
Angst vor der Revolution. Den „demokratischen" Frieden (ohne Annexionen,
bei Einschränkung der Rüstungen usw.) erklären sie nüchtern und aufrichtig
als Utopie unter dem Kapitalismus.
Diese kleinbürgerliche Utopie predigen die Opportunisten, Kautskyaner usw.
2. Die weniger bewußten Volksmassen (die Kleinbürger, Halbproletarier,
ein Teil der Arbeiter usw. drücken durch ihren Friedenswunsch in verschwommener
Form den wachsenden Protest gegen den Krieg aus, die wachsende unklare
revolutionäre Stimmung.
3. Die klassenbewußten fortgeschrittenen Proletarier, die revolutionären
Sozialdemokraten verfolgen aufmerksam die Stimmung der Massen und werden
ihren wachsenden Friedensdrang nicht zur Unterstützung der banalen Utopien
des „demokratischen" Friedens unter dem Kapitalismus ausnutzen, nicht zur
Förderung der Hoffnungen auf die Philantropen, auf die Behörde und die
Bourgeoisie, sondern um die unklare revolutionäre Stimmung klar zum Vor-
schein zu bringen; — um systematisch, beharrlich, beständig auf die Erfahrung
der Massen und ihre Stimmung gestützt, sie durch tausend Tatsachen der
Vorkriegspolitik aufklärend, —
— die Notwendigkeit der revolutionären Massenaktionen gegen die Bour-
geoisie und die Regierungen zu beweisen, als den einzigen Weg zur Demokratie
und zum Sozialismus.
1. Mai 191». ' , _ .
N. Lenin.
85
lieber die »Amnestie« und ihre Propheten
„. . . Von verschiedenen Seiten, sogar von einzelnen Parteigenossen
wird behauptet, die Sozialdemokratie habe in dem jetzigen Kriege eine schwere
Niederlage erlitten." Welche Übertreibung! In der Tat hat ja gar kein Zu-
sammenbruch der II. Internationale stattgefunden. Alles ist aufs beste bestellt.
„Es ist in der Tat nicht recht einzusehen, warum unsere Partei einer Neuorien-
tierung bedürfen sollte." So schreibt Karl Kautsky in seiner Broschüre: ,,Die
Internationale und der Krieg", Berlin 1915, S. 6.
Alles ist in bester Ordnung . . . Freilich, die Sozialdemokratie konnte
dem europäischen Krieg nicht vorbeugen. Aber, ist denn das ihre Schuld ?
Ihre Kraft reichte einfach dazu nicht aus. Vor dem Kriege tat sie alles mögliche,
um dem Krieg vorzubeugen. Dies ist nicht gelungen. Nun — nichts zu machen!
Die Internationale ist überhaupt nur ein „Friedensinstrument" (ebenda, S. 38).
Ist der Krieg einmal ausgebrochen, so bleibt uns nur das eine übrig: ,, Kampf
für den Frieden, Klassenkampf im Frieden" (S. 40).
In dieser Losung Kautskys ist die ganze Philosophie des Sozialchauvinismus
enthalten. Der Klassenkampf ist nur in der P'riedenszeit möglich. Im Kriege
aber ist der Burgfrieden notwendig, der Bürgerfriede, der Pakt der Arbeiter mit
der Bourgeoisie, den Gutsbesitzern und Pfaffen. Ist 1914 einmal der imperia-
listische Krieg entfacht, so haben die Arbeiter den Klassenkampf aufzugeben
und anstatt dessen nach Frieden zu lechzen. Wird 1925 ein neuer imperia-
listischer Krieg ausbrechen, so werden die Arbeiter wieder nur an Frieden denken.
Die Bourgeoisie aller Länder kann vollkommen ruhig sein. Die Arbeiter werden
sie niemals hindern, Kriege zu führen. „Wir arbeiten dem Kriege nicht entgegen",
nach der Formel der russischen Anhänger Kautskys aus „NaschaSarja" . . .Den
Klassenkampf wollen „wir" auf „später", auf die Friedenszeit verschieben.
„Klassenkampf im Frieden!" . . .
Es ist kein Wort darüber zu verlieren, daß die Arbeiter, die sich eine solche
Theorie aneignen wollten, sich dadurch der Bourgeoisie und der Militärkamarilla
auf Gnade und Ungnade ausliefern würden.
Diese Theorie anerkennen, hieße der Bourgeoisie und den Regierungen
gewährleisten, daß sie die Arbeiterpartei stets in der Hand hat, daß sie die
Arbeiterklasse aus der Rechnung streichen kann, daß die Arbeiterklasse
keine selbständige Politik haben darf, daß die Bourgeoisie, sobald sie es will,
blutige Kriege vom Zaun brechen kann, ohne Gefahr zu laufen, auf „Kompli-
kationen" bei sich zu Hause zu stoßen. Die Bourgeoisie und die Regierungen
haben dann ein sicheres Mittel, um die Aufmerksamkeit der Arbeiter von jeder
beliebigen, allzu zugespitzten inneren Krise abzulenken. Die internationalen
Provokateure brauchen nur einen Krieg vom Zaun zu brechen, die Hinden-
burge brauchen nur den ersten Schuß zu tun, und die Arbeiter verwandeln sich
in Spielbälle der Imperialisten. Die Arbeiter des einen Landes beginnen ihre
Brüder, die Arbeiter des anderen Landes, zu vernichten, der Klassenkampf wird
86
aufgehoben, die Arbeiter aller Länder parierender rein bürgerlichen Devise:
Right or wrong, my countnj — ob recht oder unrecht, es ist mein Land, und ich
stehe jedenfalls dafür.
Vom Standpunkt einer solchen Auffassung von den Aufgaben des Sozialis-
mus ist in der Internationale nichts besonderes vorgefallen. Von irgend einem
Zusammenbruch der Internationale kann ja nicht die Rede sein. Nichts ist
leichter, als die Rückkehr zur jüngsten Vergangenheit, zu der Vorkriegszeit.
Wird der Friede kommen, so werden wir uns auf einem Kongreß versammeln,
die Leidenschaften werden sich legen, jeder von uns wird einsehen, daß „die
subjektiven Wünsche" (von denen Kautsky besonders ausführlich redet) der
Sozialisten der feindlichen Länder ebenso gut waren wie unsere eigenen, wir
werden eine neue Resolution abfassen und — alles wird erledigt sein. Zu einem
glücklichen Ausgang bedarf es nur des einen, daß die Sozialisten eines jeden
kriegführenden Landes die gleichen „Rechte" auch den andern Sozialisten ein-
räumen. Die deutschen Sozialchauvinisten zetern: Wir haben das Recht, für
•das Kriegsbudget zu stimmen, denn unser „Vaterland" befindet sich im Ver-
teidigungszustand, wir müssen den englischen Imperialismus zerschmettern;
aber die Franzosen haben dieses Recht nicht. Die französischen Sozialchauvi-
nisten zetern: Nein, wir haben das Recht, für das Budget zu stimmen, denn
unser „Vaterland" wurde überfallen, und wir müssen dem preußischen Mili-
tarismus den Garaus machen. Kautsky lehnt das Kriterium des Angriffs- und
des Verteidigungskrieges ab. Aber nur, um den deutschen Chauvinismus mit
dem französischen zu versöhnen. Ihr habt alle beide recht, — sagt ihnen Kautsky.
Sowohl die einen, wie die andern müssen das „Vaterland" verteidigen; die einen
-wie die andern haben das Recht, für das Budget zu stimmen, sich mit ihrer
Bourgeoisie auszusöhnen und ihre Arbeiter zur Niedermetzelung ihrer Brüder
zu schicken. Erkennt dieses Recht einander zu. Ihr habt das Recht, „gute
Deutsche" zu sein und sie „gute Franzosen". Und wenn einer ein wenig zu weit
geht, es im Patriotismus zu weit treibt, so wollen wir „tolerant" sein (das Lieb-
lingswort Kautskys), wollen niemandem nachtragen, wollen von vornherein
«inander amnestieren. Ist es denn schlimm, wenn in der Verteidigung einer
guten Sache einer ein bißchen zu weit gegangen ist ? Man muß nachsichtig sein.
Wir wollen uns gegenseitig amnestieren, und somit basta !
Ein anderer Priester der „Amnestie", Viktor Adler, drückt sich noch
direkter aus („Wiener Arbeiterzeitung", Nr. 44) : „Wenn wir diese Zeit der Un-
geheuerlichkeiten überstanden haben werden, wird es erst Pflicht sein, einander
nicht beim Wort zu nehmen", d. h. einander die Sünden erlassen, vergessen, daß
„wir" Sozialisten im Kriege — nur während der Kriegszeit — zu Nationalisten
wurden, daß wir den Imperialisten unseres Landes „ein bißchen" halfen, die
Arbeiter des feindlichen Landes abzuschlachten und mit Feuer und Schwert
zu vernichten. Offener kann man sich nicht ausdrücken.
Die Amnestie-Theorie hat bei den Sozialchauvinisten aller Länder großen
Erfolg. Und je näher das Ende des Krieges heranrücken wird, umso mehr werden
sich die Sozialchauvinisten dieser „Theorie" anschließen. Die einflußreichsten
87
unter den früheren Führern der II. Internationale verfechten sie auch jetzt
schon aufs eifrigste. Man nehme den Vorsitzenden des Internationalen Sozia-
listischen Büros und Kaiserlichen Minister Emile Vandervelde. Der Haupt-
prophet der „Amnestie", Karl Kautsky, nennt in seiner Broschüre seine Stellung-
nahme „höchst korrekt" und betont, daß seine Verdienste umso größer seien,
da Belgien unter der feindlichen Invasion am meisten gelitten habe. Und wirklich.
Vandervelde erklärte wiederholt, daß er die deutschen Sozialdemokraten „ver-
stehe", daß ihre Situation sehr schwierig gewesen sei, daß er niemanden verdamme,
kurz und gut, daß er ebenfalls auf dem Boden der „Amnestie" stehe.
Das Hauptargument aller deutschen Sozialchauvinisten läuft immer auf
das folgende hinaus: man wirft uns Verrat am Sozialismus vor — aber haben
die Franzosen nicht ebenso gehandelt ? Und die Engländer mit Hyndman an
der Spitze ? Und bei den Russen — Plechanow ? (Der letztere wird nicht nur
von Bernstein, Legien und Südekum, sondern auch von „Nowoje Wremja" usw.
gehätschelt.) Warum sollen wir denn schlimmer dran sein, als die anderen ?
„Die Haltung der Deutschen und selbstverständlich auch der österreichi-
schen Sozialdemokratie ist von den französischen Sozialisten als Verrat an der
Internationale erklärt worden. Die Franzosen haben kein Verständnis dafür,
daß wir genau dasselbe getan haben, was auch sie tun mußten!" So schreibt der
gescheiteste unter den Opportunisten und heutigen Sozialchauvinisten, Viktor
Adler. Die Linie der Verteidigung ist vorgezeichnet. Sowohl wir wie sie mußten
dasselbe tun, d. h. zu Dienern der Bourgeoisie werden. Was hat es denn für
einen Sinn, einander zu beschuldigen ? Und wenn wir so tun wollen, als würden
wir die Internationale wiederherstellen, kann uns denn eine andere Plattform
vereinigen, als die Plattform der gegenseitigen „Amnestie" ?
Man nehme einen x-beliebigen Durchschnittsrenegaten unter den Deutschen.
Man betrachte sich das Geschreibsel irgend eines Lensch, Haenisch, Scheide-
mann oder Pernerstorf er. Vor allem werden Sie von ihnen hören: Schön, wir
sind Verräter, — aber sind die Franzosen besser? Wir sagen ja nicht, daß wir
ohne Sünde seien. Aber die Engländer und Franzosen sind ebenfalls keine
Heiligen. Hunde sind wir ja alle — das ist die Ps3 T chologie dieser Leute.
Der eine von ihnen, Herr Heilmann, Redakteur der „Chemnitzer Volks-
zeitung", schrieb neulich (in der Nummer vom 27. März) direkt, wir wären
Dummköpfe in der Internationale, wenn wir vor der Tür um Verzeihung flehen
wollten! Die französischen Sozialisten sind ja nicht um ein Haar besser als wir.
Internationaler Sozialist sein, heißt Deutscher sein, denn die Franzosen meinen
ja auch, daß internationaler Sozialist Franzose sein heiße.
„Ihr Herz gehört Frankreich ... ich respektiere Ihr Gefühl", schrieb
neulich im „März" der Führer der österreichischen Sozialchauvinisten
Pernerstorfer in Beantwortung des offenen Schreibens einer Französin
aus der französischen Schweiz, die ihm Chauvinismus vorwarf. „Ich würde
einen Franzosen nicht verstehen können, der in diesen Tagen der nationalen
Krise nicht auf Seiten seiner Kation stünde. Aber ebenso wie Sie eine gute
Französin sind, halte ich mich für einen guten Deutschen, und daher ..." usw.
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Die typische Betrachtung eines guten, wohlerzogenen Bourgeois! Aber
was hat das mit Sozialismus und Internationalismus zu tun?
Der Revisionist und Monarchist Heine argumentiert ebenfalls ganz nach
Kautsky. „Es ist überhaupt ganz gleich, aus welchen Tendenzen dieser Krieg
entstanden ist," schreibt dieser Herr (in seiner Broschüre „Gegen die Quer-
treiber", S. 20). „Weder wir Deutsche noch die Genossen der anderen Länder
haben durch die Unterstützung der Landesverteidigung . . . eine Pflicht der
internationalen Sozialdemokratie verletzt . . . Weshalb aber will man uns Deut-
schen nicht dasselbe Recht in unserem Vaterlande einräumen ?" (Ebenda, S. 14.)
Allen diesen Leuten kommt es auch nicht in den Sinn, daß man mit dieser
Logik das „Recht" auf Streikbrecherei begründen kann, sobald die andern zu
Streikbrechern werden . . . Ich werde doch kein Gelber werden, auch wenn
meine Genossen zu den Gelben gegangen sind . .. .
Natürlicherweise muß bei solchen Personen die Theorie der Amncstierung
einen Erfolg haben, und nur auf Grund der Amnestierung denken sie sich die
Wiederherstellung der Internationale. Kautskys „Theorie" ist geradezu eine
Fundgrube für diese Individuen. Kautsky ist geradezu ihr Mann.
Faktisch haben sich die deutschen Sozialdemokraten auf den Boden des
reinsten Monarchismus gestellt. Der Abgeordnete Heine predigt unter Applaus
der offiziellen deutschen Sozialdemokratie den Arbeitern das Vertrauen zum
Kaiser, Derselbe Heine erklärt in den „Sozialistischen Monatsheften": „Ich
sage es offen, wenn die Deutsche Regierung in der Tat an allem Schuld hätte,
wenn es in Wirklichkeit wahr wäre, daß sie den Krieg angefangen hat, um sich
Europa zu unterwerfen, auch dann hätten wir nicht anders handeln können,
wie wir gehandelt haben. Denn, steht einmal das Haus in Flammen, so muß
man es retten, unabhängig davon, von wem es in Brand gesteckt wurde".
Die französischen Sozialisten haben faktisch den Standpunkt der fran-
zösischen Bourgeoisie angenommen. Sogar Guesde wiederholt die Worte vom
brennenden Hause und gebärdet sich ganz im Geiste Heines.
Und da eilt Kautsky herbei und erklärt „tolerant": „Bis jetzt wurden
von keiner Seite Stimmen ernsthafter Sozialisten laut, die das Schicksal der
Internationale usw. gefährden würden." (Broschüre, S. 36.)
Gewiß, diese verlogenen „beschwichtigenden"- Erklärungen Kautskys
sind sowohl für die französischen, wie auch für die deutschen Sozialchauvinisten
vorteilhaft. Die Amnestierung wird ja unbedingt gegenseitig sein. Aber was hat
das mit Sozialismus und den Arbeiterinteressen zu tun, wo bleibt hier die ein-
fache politische Ehrlichkeit ? Die Chauvinisten fühlen sich durch das Benehmen
der russischen und serbischen Sozialisten einigermaßen irritiert, die gegen die
Kredite stimmten. Auch da eilt Kautsky zur Hilfe herbei mit seinem unversieg-
baren Vorrat an „Beschwichtigungsphrasen". Er hat immer die nötige „Theorie"
parat. Gewiß, das Verhalten der russischen und serbischen Genossen verdient
„allgemeine Anerkennung". Es war ein Akt der Tapferkeit. Aber . . . aber die
Sache läßt sich einfach durch die Jugend, durch die Schwäche dieser Partei
89
erklären. „Je stärker eine Partei wird, desto mehr mischen sich in den Be-
gründungen ihrer Beschlüsse die propagandistischen Rücksichten mit Erwägungen
der praktischen Folgen, desto schwieriger wird es, den Motiven beider Art in
gleichem Maße gerecht zu werden." (S. 30.)
Die jungen sozialistischen Parteien, die ihre Pflicht tun, sind für „uns"
nicht maßgebend. Ganz anders die Parteien, die altersschwach sind! Ihr Be-
nehmen ist mustergültig . . .
(Die Gerechtigkeit erfordert hinzuzufügen, daß diese Theorie, wonach die
sozialistische Prinzipientreue bloß eine Jugendsünde ist, nicht von Kautsky
allein erfunden wurde. Sie wird ebenso wie die Wissenschaf t von der „Amnestie"
auch eifrig von Bernstein bearbeitet.)
Die bisherigen schwachen Versuche zur Wiederherstellung der internatio-
nalen Verbindungen bewegten sich gerade auf diesem gefährlichen Wege der
„Amnestierung". Gleich die erste Konferenz in Lugano stellte sich auf den
Boden, daß niemand zu ,, verdammen" sei. Als ob man gegen den unerhörten,
ungeheuerlichen Verrat kämpfen könnte, ohne ihn zu verdammen, ohne den
Verrat als Verrat zu brandmarken. Die Kopenhagener Konferenz verwandelte
sich schon direkt in eine Komödie, weil sie sich fürchtete, irgend ein bestimmtes
Wort auszusprechen. Die Londoner Konferenz hat das getan, was die englische
und französische Bourgeoisie brauchte, aber ließ sich den Weg zur gegenseitigen
Amnestierung offen. Die internationale Frauenkonferenz in Bern vertrat den-
selben philisterhaften Standpunkt, daß man vor allem niemanden „verdammen"
dürfe. Ihre Resolutionen sind ganz im Geiste der Amnestie abgefaßt.
Dabei kann es nichts verderblicheres für den internationalen Sozialismus
geben, als die „Lösung" der jetzigen Krise durch gegenseitige Amnestierung.
Was heißt: die Amnestie anerkennen? Das heißt: das, was geschehen ist,
als mehr oder minder gesetzmäßige und übliche Erscheinung anerkennen. Das
heißt, anerkennen, daß man für Kriegskredite stimmen kann, daß man die Arbeiter
des einen Landes auf die Arbeiter eines andern Landes hetzen darf, daß Sozia-
listen zu Dienern der Imperialisten werden, in Ministerien eintreten und Soldaten
für die Königliche Armee anwerben dürfen. Das heißt, die Internationale zu
einer Organisation degradieren, über die sich die Bourgeoisie aller Länder mit
Recht lustig machen könnte; das heißt wortlos die Pille der Südekumerei
schlucken; das heißt den Sozialismus zum Niveau einer bürgerlichen Richtung
herabwürdigen, die sich nur mit sozialistischen Paradephrasen bemäntelt; das
heißt den bürgerlichen Richtungen selbst in den nationalen sozialistischen Parteien
Hilfe leisten, das heißt den Sozialismus um einen ganzen Kopf verkleinern.
Wenn das eintreten wird, wenn es zu einer gegenseitigen Amnestie kommen
wird, so wird die Verwesung der Internationale unvermeidlich beginnen, und
sie wird immer mehr zur Internationale der beschränkten Trade-Unionisten
und der bürgerlichen Sozialreformisten werden. Alles, was in der Arbeiter-
bewegung lebendig ist, wird sich von ihr abwenden. Die Arbeiter werden ge-
zwungen sein, diese, mit Verlaub zu sagen, Internationale zu spalten und eine
echte ehrliche internationale Arbeiterassoziation zu schaffen.
90
Die ausgebrochene Krise kann auch ihre gute Seite haben: sie kann zum
Ausgangspunkt der Erneuerung werden, — wenn wir die uns von den Lakaien
des Chauvinismus zugeflüsterte Theorie der Amnestie von uns weisen werden.
Die Fragen stehen hart und unerbittlich da. Die Arbeiter aller Länder haben
eine Lektion in gewaltigen, im Weltmaßstab erhalten. Unerbittlicher Kampf
gegen die „Amnestie", organisatorischer Bruch mit den Opportunisten und
Sozialchauvinisten — das ist das einzige, was die Internationale retten kann.
Wenn Ihr als Antwort auf den Vorschlag, den Opportunisten einen ent-
scheidenden Kampf anzusagen und sich von den Sozialchauvinisten organi-
satorisch zu trennen, rufen hört: „Hilfe, Hilfe, Skandal ! Spaltung!" — so
wisset: Ihr habt es mit Leuten zu tun, die sich selbst nicht als Sozialchauvinisten
fühlen und die Schlußrechnung nicht gezogen haben. Ihr werdet eine ganze
Reihe wohlklingender Argumente vernehmen. Man wird Euch mit Binsen-
wahrheiten vom Schaden der Sektiererei traktieren. Man wird Euch beweisen,
daß es besser sei, zehn Millionen organisierte Arbeiter zu haben, als bloß zehn-
tausend. (Man vergißt dabei, daß zehntausend Sozialisten besser sind, als eine
Million Sozialchauvinisten.) Aber Genosse Leser, fordern Sie dennoch eine
direkte Antwort auf die Frage der „Amnestie" . . .
Wir sind jetzt wenige. Doch der Krieg 1914/15 belehrt die Arbeiter und
belehrt die Soldaten. In den rückständigsten Schichten des Proletariats wird
der Gedanke aufdämmern, daß die imperialistischen Kriege nicht unsere Kriege
sind, sondern Kriege, die auf unsere Unterdrückung gerichtet sind.
In einem französischen sozialistischen Soldatenliedchen heißt es schon längst :
Une guerre plus legitime
C'est la guerre ä qui nous opprime —
La seule que nous ne faisons pas.
(Ein berechtigter Krieg ist der Krieg gegen unsere Unterdrücker — der einzige
Krieg, den wir nicht führen.)
Die Ungeheuerlichkeit der jetzigen Lage, wo wir zu Gunsten unserer Unter-
drücker Krieg führen, aber den einzig berechtigten Krieg gegen unsere Feinde,
gegen die Kapitalisten und Regierungen, nicht führen, springt jedem einiger-
maßen bewußten Arbeiter ins Auge. Aus dem Kriege werden die Arbeiter lernen,
diesen einzig berechtigten Krieg vorzubereiten und zu verwirklichen, d. h. den
Bürgerkrieg.
21. Mai 1905. G. Sinowjew.
Zusammenbrach des platonischen Internationalismus.
Wir sprachen schon davon, daß „Nasche Slowo" mindestens mit einer
genauen Darstellung seiner Plattform hervortreten müßte, wenn es seinen
Internationalismus ernst genommen sehen wollte. In Nr. 85 von „Nasche Slowo"
ist gleichsam uns zur Antwort die Resolution abgedruckt, die von der Redaktion
unter dem Kollegium der Pariser Mitarbeiter von „N. Sl." angenommen wurde;
91
dabei haben zwei Redaktionsmitglieder, „mit dem Inhalt der Resolution ein-
verstanden, eine Erklärung abgegeben, daß sie über die organisatorischen
Methoden der Parteipolitik in Rußland anderer Meinung seien". Diese Re-
solution stellt ein höchst bemerkenswertes Dokument politischer Kopf- und
Haltlosigkeit dar.
Viele, viele Male wird das Wort Internationalismus wiederholt, es wird
„die völlige geistige Trennung von allen Abarten des sozialistischen Nationalismus"
proklamiert, es wird die Stuttgarter und Basler Resolution zitiert. Gute
Absichten, ohne Zweifel. Nur . . . nur riecht es nach Phrase. Denn eine
wirklich „völlige" Trennung mit wirklich „allen" Abarten des Sozialchauvinismus
kann und muß man nicht bringen, wie man nicht alle Abarten der kapitalistischen
Ausbeutung voll aufzählen kann und muß, um zum Feinde des Kapitalismus
zu werden. Aber man kann und muß sich unzweideutig von den wichtigsten
„Abarten" trennen, wie z. B. der Plechanowschen, der Potressowschen („Nasche
Djelo"), der Bundistischen, der Axelrodschen oder der Kautskyschen. Die
Resolution verspricht zu viel, hält aber nichts; sie droht mit einem völligen
Bruch mit allen Abarten, aber fürchtet, sogar die wichtigsten von ihnen zu
nennen.
,, . . . Im englischen Parlament gilt es als unhöflich, jemanden beim
Namen zu nennen, man spricht bloß von den „edlen Lords" und den „verehrten
Abgeordneten" dieses oder jenes Bezirkes." Welch ausgezeichnete Anglomanen,
welch raffiniert feine Diplomaten sind doch diese Männer aus „Nasche Slowo".
Sie umgehen so elegant das Wesen der Sache, sie speisen so höflich die Leser
mit Formeln ab, die zur Verhüllung ihrer Gedanken dienen. Sie proklamieren
„freundschaftliche Beziehungen" (Guizot, der reinste Guizot! — wie ein Held
bei Turgenjew sagt) zu allen Organisationen, — „insofern diese Prinzipien des
revolutionären Internationalismus verfolgen" . . . und sie behalten „freund-
schaftliche Beziehungen" ausgerechnet zu jenen, die diese Prinzipien nicht
verfolgen.
Die „geistige Absonderung", die von den „Nasche Slowo"-Leuten so
feierlich verkündet wird, je weniger sie sie halten wollen und können, besteht
in der Erörterung dessen, woher der Sozialnationalismus entstanden sei, woher
er die Kraft habe, wie er bekämpft werden solle. Die Sozialnationalisten nennen
sich nicht Sozialnationalisten und wollen es nicht sein. Sie richten alle Be-
mühungen darauf (und müssen es tun), um sich hinter einem Pseudonym zu
verstecken, um den Arbeitermassen die Augen auszuwischen, um die Spuren
ihrer Verbindungen mit dem Opportunismus auszulöschen, um ihren Verrat,
d. h. ihren tatsächlichen Übergang zur Bourgeoisie und ihren Pakt mit den
Regierungen und Generalstäben zu bemänteln. Gestützt auf diesen Pakt, mit
allen Trümpfen in der Hand, zetern die Nationalsozialisten jetzt am meisten
von der „Einheit" der sozialdemokratischen Parteien und klagen die Feinde
des Opportunismus der Ketzerei an. (Man vergleiche das letzte offizielle Rund-
schreiben des Vorstandes der deutschen sozialdemokratischen Partei gegen die
wirklich internationalistischen Zeitschriften: „Lichtstrahlen" und „Die Inter-
92
nationale". Diese Zeitschriften hatten es nicht nötig, „freundschaftliche Be-
ziehungen" zu den Revolutionären oder den „völligen geistigen Bruch mit allen
Abarten des sozialen Nationalismus" zu verkünden; sie begannen direkt mit
dieser Absonderung und taten es so, daß „alle Abarten" der Opportunisten in
Wirklichkeit ein wahnwitziges Geheul erhoben und damit zeigten, wie gut
die Pfeile zielten).
Und „Nasche Slowo" ?
Es hebt gegen den Nationalsozialismus einen Aufstand auf den Knien an,
denn die gefährlichsten Anhänger dieser bürgerlichen Richtung (in der Art
Kautskys) werden von „Nasche Slowo" nicht entlarvt; es sagt dem Oppor-
tunismus nicht den Krieg an, sondern übergeht ihn im Gegenteil mit Schweigen,
unternimmt und zeigt keinerlei reale Schritte zur Befreiung des Sozialismus
aus der schmählichen patriotischen Gefangenschaft. „Nasche Slowo" sagt:
Einheit ist nicht unumgänglich notwendig, aber auch Spaltung von denen,
die zur Bourgeoisie übergegangen sind, ist nicht notwendig, — und liefert sich
dadurch faktisch den Opportunisten aus; dabei macht es jedoch eine hübsche
Geste, die in derff Sinne verstanden werden kann, daß es den Opportunisten
zornig droht, und auch so, daß es ihnen freundschaftlich zuwinkt. Am wahr-
scheinlichsten ist, daß die wirklich gewandten Opportunisten, die eine Ver-
bindung von radikal klingenden Phrasen mit gemäßigter Praxis zu schätzen
wissen, auf die Resolution von „Nasche Slowo" ungefähr so geantwortet hätten
(falls sie zu antworten gezwungen wären), wie jene zwei Redaktionsmitglieder
geantwortet haben: mit dem „allgemeinen Inhalt" sind wir halt einverstanden
(denn wir sind ja gar keine Sozialnationalisten, keine Spur!), aber was die
„organisatorischen Methoden der Parteipolitik" betrifft, so werden wir zur
rechten Zeit unsere „besondere Meinung" kundtun. So kommt niemand zu
Schaden, und alle sind zufrieden.
Die subtile Diplomatie von „Nasche Slowo" ist flöten gegangen, als man
von Rußland zu reden anfangen mußte.
„Eine Parteivereinigung erwies sich in Rußland unter den Verhältnissen
der vorhergehenden Epoche als unmöglich," erklärt die Resolution. Lies:
Eine Vereinigung der Arbeiterpartei mit der Gruppe der Legalisten-Liquidatoren
erwies sich als unmöglich. — Das ist eine indirekte Anerkennung des Zusammen-
bruchs des Brüsseler Blocks zur Rettung der Liquidatoren. Warum fürchtet
„Nasche Slowo", diesen Zusammenbruch offen anzuerkennen? Warum fürchtet
es, offen vor den Arbeitern die Ursachen dieses Zusammenbruches zu zeigen ?
Nicht deshalb etwa, weil der Zusammenbruch dieses Blocks faktisch die falsche
Politik aller Teilnehmer dieses Blocks erwiesen hat ? Nicht deshalb, weil „Nasche
Slowo" „freundschaftliche Beziehungen" zu zwei (nicht weniger als zu zwei)
„Abarten" des sozialen Nationalismus beibehalten möchte, nämlich zu den
Bundisten und der Organisationskommission (Axelrod), die in der Presse Er-
klärungen abgaben im Sinne einer Wiederauferstehung des Brüsseler Blocks ?
„Die neuen Umstände entziehen den alten Fraktionen den Boden unter
den Füßen. . ."
93
Ist es nicht umgekehrt ? Die neuen Verhältnisse haben das Liquidatorentum
keineswegs beseitigt, es nicht einmal erschüttert, ungeachtet aller persönlichen
Schwankungen und Umschichtungen seines Grundkerns („Nascha Sarja"),
sie haben die Abweichung von ihm nur noch vertieft und verschärft, denn
außerdem, daß er liquidatorisch war, wurde er sozialnationalistisch! „Nasche
Slowo" winkt der unangenehmen Frage des Liquidatorentums ab, denn das
Alte sei ja durch das Neue untergraben, und verschweigt den neuen sozial-
nationalistischen Boden unter den Füßen des alten . . . Liquidatorentums!
Eine kuriose Zungenfertigkeit. Von „Nascha Sarja" wollen wir schweigen,
weil sie nicht mehr vorhanden ist, und von „Nasche Djelo" wohl deshalb, weil
Potressow, Tscherewanin, Maslow und Konsorten als politische Säuglinge
betrachtet werden können. . . *
Aber nicht nur die Potressow und Konsorten, sondern auch sich selber
möchten die Redakteure von „Nasche Slowo" als Säuglinge betrachten. Man höre :
„Angesichts der Tatsache, daß die in der vorigen Epoche geschaffenen
fraktionellen und intrafraktionellen Gruppierungen auch im gegenwärtigen
Ubergangsmoment als die einzigen (wohlgemerkt!) Punkte, sei es auch nur
eines höchst unvollkommenen organisatorischen Zusammenschlusses der vor-
geschrittenen Arbeiter dienen, meint „Nasche Slowo", daß die Interessen seiner
grundlegenden Arbeit zum Zusammenschluß der Internationalisten ebenso das
organisatorische, direkte oder indirekte Unterwerfen des Blattes unter eine
der alten Parteigruppierungen ebenso ausschließt, wie den künstlichen Zu-
sammenschluß seiner Gesinnungsgenossen zu einer besonderen Fraktion, die
politisch den alten Gruppierungen gegenüberstünde."
Was ? Wie ? Da die neuen Verhältnisse die alten Gruppierungen unter-
graben, so erkennen wir diese letzteren als einzig reale an! Weil die neuen
Verhältnisse eine neue Gruppierung erfordern, nicht in der Frage des Liqui-
datorentums, sondern des Internationalismus, deshalb verzichten wir auf den
Zusammenschluß der Internationalisten als „künstlichen" ! Die wahre Apotheose
politischer Impotenz.
Nach zweihundert Tagen Propagierung des Internationalismus hat „Nasche
Slowo" seinen völligen politischen Bankrott unterschrieben: sich nicht „unter-
werfen" (wozu dieses erschreckliche Wort? Warum sich nicht „anschließen",
nicht „unterstützen", sich nicht „solidarisieren" ?) unter die alten, keine neuen
schaffen. Wir wollen leben nach wie vor, in liquidatorischen Gruppierungen
und uns ihnen „unterwerfen", und „Nasche Slowo" wird eine Art markt-
schreierisches Schild bleiben oder ein Festausflug in den Gärten des inter-
nationalistischen Schrifttmns. Die Schreiber des „Nasche Slowo" werden
schreiben, die Leser lesen. . .
Zweihundert Tage lang redeten wir vom Zusammenschluß der Inter-
nationalisten und gelangten zum Schluß, daß wir absolut niemanden, sogar
uns selber, Redakteuren und Mitarbeitern von „Nasche Slowo", zusammen-
schließen können und einen solchen Zusammenschluß als „künstlich" erklären.
W T elch ein Triumph für Potressow, für die Bundisten, für Axelrod! Und welch
94
geschickte Irreführung der Arbeiter : von vorne — effektvolle internationalistische
Phrasen des „Nasche Slowo", befreit von den überlebten alten Gruppierungen-
von hinten — die „einzigen" Punkte des Zusammenschlusses, also die alten
Gruppierungen. . .
Das geistig-politische Fiasko, das „Nasche Slowo" jetzt dokumentiert hat,
ist keine Zufälligkeit, sondern das unvermeidliche Ergebnis der Versuche, über
das reale Kräfteverhältnis hinwegzugehen. Diese Verhältnisse in der Arbeiter-
bewegung Rußlands gehen hinaus auf den Kampf der Richtung der Liquidatoren
und Sozialpatrioten („Nache Djelo") mit jener marxistischen, sozialdemo-
kratischen Arbeiterpartei, die von der Januarkonferenz 1912 wieder hergestellt,
durch die Wahlen in der Arbeiterkurie der vierten Duma befestigt wurde, durch
die Prawda-Zeitungen der Jahre 1912/14 konsolidiert wurde und durch die
russische sozialdemokratische Arbeitern aktion vertreten wird. Diese Partei
hat ihren Kampf mit der bürgerlichen Richtung des Liquidatorentums fortgesetzt
im Kampfe mit der ebenso bürgerlichen Richtung des Sozialpatriotismus. Die
Richtigkeit der Handlungsweise dieser Partei, unserer Partei, ist bestätigt
worden durch die gewaltigen historischen Welterfahrungen des europäischen
Krieges und die winzige, verschwindend kleine Erfahrung des neuen, des tausend
und ersten Vereinigungsversuches von „Nasche Slowo". Dieser Versuch hat
Schiffbruch erlitten, indem er die Resolution der Berner Konferenz über die
„platonischen" Internationalisten bestätigt hat.
Die echten Internationalisten werden weder in den alten liquidatorischen
Gruppierungen verbleiben, noch außerhalb aller Gruppierungen stehen wollen.
Sie werden zu unserer Partei kommen.
21. Mai 1915. ni T .
iv. Lenin.
Die deutsche Sozialdemokratie und die künftige Internationale
Innerhalb der jetzigen offiziellen einheitlichen deutschen Sozialdemokratie
kämpfen im Grunde genommen zwei Parteien, zwei Klassenideologien, zwei
Programme: der nationalliberalen Arbeiterpolitik und der proletarischen sozial-
demokratischen Arbeiterpolitik.
Die deutsche Bourgeoisie und überhaupt alle regierenden Kreise Deutsch-
lands verstehen wohl, welch ungeheure politische Bedeutung dieser Kampf
iunerhalb der deutschen Sozialdemokratie hat. Und wie! Die Sozialdemokratie
Deutschlands steht an erster Stelle nach der Zahl ihrer Wähler, sie ist die
zahlreichste deutsche politische Partei. Laut Berechnung der deutschen Sozial-
demokraten betragen die Partei- und Gewerkschaftsmitglieder in der jetzigen
deutschen Armee nicht mehr und nicht weniger als ganze vierzig Armeekorps.
Die deutsche Sozialdemokratie hat Wilhelm anderthalb Millionen Soldaten
geliefert. Diese anderthalb Millionen werden vielleicht für den Ausgang des
95
ganzen Feldzuges entscheidend sein. Es ist klar, daß es für das regierende Deutsch-
land keine wichtigere Frage gibt, als die Frage der Gesinnung dieser vierzig
sozialdemokratischen Korps, als die Frage, wie weit der bürgerliche Einfluß
der Opportunisten auf sie geht, wie weit die offizielle Sozialdemokratie auf dem
Wege des Nationalliberalismus fortgeschritten ist. Sie endgültig in das Schlepp-
tau nehmen, es soweit bringen, daß sie unwiderruflich bei der „nationalen"
Ideologie festsitzt — heißt, für die Bourgeoisie eine politische Frage von un-
geheurer Wichtigkeit lösen.
Und so sehen wir, daß der weitblickendste Teil des Junkertums sich der
Wichtigkeit des Problems bewußt ist und sich alle Mühe gibt, damit der Ausgang
des Kampfes für sie wünschenswert wird.
In dieser Hinsicht ist der bemerkenswerte Artikel „Die Sozialdemokratie
und der Weltkrieg" in der Aprilnummer der Zeitschrift „Preußische Jahrbücher"
von großer politischer Bedeutung. Diese Zeitschrift ist das Organ der gebildetsten
konservativen Kreise. In ihm schreiben Minister und gewesene Minister. Sie
ist mit vielen Fäden an das deutsche Außenministerium geknüpft. Sie wird von
dem bekannten konservativen Professor Delbrück geleitet, und unter ihren
Mitarbeitern befinden sich viele der einflußreichsten imperialistischen „Welt-
politiker". Und nun wirft diese einflußreiche Zeitschrift *) die Frage auf, was
eigentlich jetzt in der deutschen Sozialdemokratie vorgehe und wie das Programm
des regierenden Deutschlands ihr gegenüber gestaltet sein müsse.
In der deutschen Sozialdemokratie kämpften drei Richtungen. Das „Zen-
trum" behandelt die konservative Zeitschrift offen verächtlich. In den „Preußi-
schen Jahrbüchern" sitzen nüchterne Politiker, die nur mit tatsächlichen Kräften
rechnen. „Ein nennenswerter praktischer Einfluß kann der „Neuen Zeit" (Organ
des Zentrums) nicht zugesprochen werden, weshalb bei ihr im Grunde genommen
nicht viel bedeutet, wie sie sich zum Weltkrieg und den dadurch aufgeworfenen
nationalen und internationalen Problemen stellt. Die „Neue Zeit" hat nach
Kriegsausbruch eine große Anzahl Artikel über den Krieg gebracht, in denen
eine offene Stellungnahme gegen die Reichstagsfraktion vermieden wurde.
Das entspricht der Auffassung des Leiters der „Neuen Zeit", Karl Kautskys, der
weder für, noch gegen die Kriegskredite war. Das „Hamburger Echo" (Kampf-
organ der chauvinistischen Majorität) hat sich über diese Anschauung weidlich
lustig gemacht. Ein Bekenntnis zu ihr ist auch in keiner anderen sozialdemo-
kratischen Zeitung erfolgt" (S. 139).
*) Der Artikel ist mit dem Pseudonym „Monitor"' gezeichnet. Der Herausgeber
Delbrück schreibt in einem Artikel in derselben Nummer: „Sicher ist, daß wir einer ein-
greifenden Umgestaltung, sagen wir Umgruppierung . . . der Parteien entgegenzusehen
haben. Als Zeichen dessen mag es auch gelten, daß die „Preußischen Jahrbücher" einen
Beitrag aus der Feder eines Sozialdemokraten haben bringen können. ' („Preuß Jahrbücher",
Band 160, 1915, S. 177). Der betreffende Aufsatz wird von der konservativen Zeitschrift
natürlich deswegen gelobt, weil er eigentlich von den Politikern der Bourgeoisie diktiert
ist, weil er ein Programm entwickelt, das den Opportunisten und der Bourgeoisie ge-
meinsam ist.
96
Das „Zentrum" , das nun versucht, sich zwischen zwei Stühle zu setzen,
hat diese prächtige Verachtung von Seiten der gescheitesten Politiker der Bourgeo-
sie durchaus verdient. — Ihr wißt selbst nicht, Ihr Herren, was Ihr wollt. Uns
seid Ihr nicht gefährlich, da Ihr nicht wagt, gegen Südekum und Scheidemann
zu kämpfen, aber vor ihnen katzbuckelt, — sagt die deutsche Bourgeoisie zu
Kautsky und seinen Freunden. Und sie hat vollkommen recht. Wir wollen hoffen,
daß auch die andere Seite, die klassenbewußten internationalistischen Arbeiter,
der Stellungnahme des „Zentrums" dieselbe wohlverdiente Verachtung zollen
wir<1 , . .
Es gibt zwei ernst zu nehmende Kräfte in der deutschen Sozialdemokratie :
die offizielle Majorität und die linke Opposition — das ist die richtige Aufr
fassung der konservativen Zeitschrift. Die ganze Aufgabe der Regierung sehen
die klugen Konservativen darin, der ersteren zum Sieg zu verhelfen und die
zweite „ unschädlich" zu machen.
Der Pakt der deutschen Sozialchauvinisten mit der nationalliberaleu
Bourgeoisie und dem Junkertum ist so weit gegangen, daß jedwede Diplomatie
als überflüssiger Luxus fallen gelassen wurde. — Ihr seid zu uns gekommen,
ihr seid eine wahrhaft nationale Partei geworden, nun besteht die ganze Frage
darin, daß wir mit vereinten Kräften diese „entnationalisierten Subjekte", die
die Politik der sozialdemokratischen Fraktion seit dem 4. August 1914 an-
greifen, schwächen oder womöglich vernichten. Die Politik der sozialdemo
kratischen Fraktion seit dem 4, August ist unsere Politik, die Politik der Bour
geoisie und der Opportunisten. Deshalb haben wir auch einen gemeinsamen
Feind. Das ist die offene Stellungnahme der konservativen Seite.
Das Blatt spart nicht mit Lobhudeleien gegenüber der sozialchauvi-
nistischen Majorität. Die Haltung des Herrn Scheidemann nennt das Blatt
„prächtig" (S. 45). Die verantwortlichen Parteiinstanzen werden gegen ihre
Opposition, gegen die „Quertreiber" in Stuttgart in den Himmel gehoben, sowie
wegen der energischen Maßnahmen gegen den „unterirdischen Krieg, den . . .
verschiedene dunkle Anonyme . . . gegen die Politik der sozialdemokratischen
Reichstagsmajorität führen" (S. 36, 40, 45). Mit Begeisterung zitiert die konser-
vative Zeitschrift die lobende Erwähnung der „Deutschen Arbeitgeberzeitung",
die ebenfalls anzuerkennen geruht, daß die offizielle Sozialdemokratie und ihre
Gewerkschaften nun sich gebessert und die „großen Aufgaben der Zeit" erfaßt
habe. Kurz und gut — ,,das in vaterländischem Sinne einwandsfrsie Verhalten
der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion bei Ausbruch des Krieges." (S. 31) *)
*) Es sei bemerkt, daß schon frühei der Sekretär des ehemaligen Vereins zur Be-
kämpfung der Sozialdemokratie (,, Reichslügenverbandes"), der als überflüssig aufgelöst
wurde in Anbetracht dessen, daß die Sozialdemokratie den ,, falschen" Weg verlassen
habe, Herr Erwin Bulger bereits den Sozialchauvinisten solche Auszeichnungen verliehen
hat. In seiner Broschüre: „Die Sozialdemokratie nach dem Kriege'* erklärt dieser Herr
feierlich, daß die Haltung der offiziellen Sozialdemokratie seit dem 4. August „tadellos
und ehrenhaft" sei (S. 8 der Broschüre).
7 97
Die sachlichen Politiker der Bourgeoisie und de* Junkertums müssen nur
noch eine Frage aufklären; „Wohl aber erhebt, sich die Frage, ob die Sozial-
demokratie die Kraft in sich fühlen wird, zukünftig auch bei der Friedensarbeit
die politischen Konsequenzen aus ihrer Haltung beim Kriegsausbruch zu ziehen"
(S. 32). Diese Frage beunruhigt natürlicherweise die konservativen Herren aus
den „Preußischen Jahrbüchern" sehr. Sie sagen sich: bis zu einem gewissen
Grade wird das auch von uns abhängen. „Wir" dürfen nicht zu viel von der
offiziellen Sozialdemokratie verlangen. Natürlich, auf große und ernsthafte
Zugeständnisse können „wir" uns nicht einlassen. „Selbstverständlich haben
unsere sozialdemokratischen Mitbürger durch die Erfüllung vaterländischer
Pflichten keinen Anspruch auf besondere Entschädigung erworben" (S. 48).
Sie haben ja vollkommen selbstlos, aus purer Vaterlandsliebe gehandelt. „Jedes
Wort von Belohnung wäre eine Entweihung" (S. 49). Aber — auf kleine und
äußerliche Zugeständnisse kann man eingehen. Nur keine kleinliche Nörgelei ! Man
darf z. B. das Koalitionsrecht nicht schmälern. Denn — die jetzige Sozialdemo-
kratie ist nicht mehr gefährlich. Niemand braucht bange zu sein, es unterliegt
jetzt keinem Zweifel, daß „wir" die offizielle Sozialdemokratie „zu einem Verzicht
auf ihre prinzipielle Opposition zu den Forderungen des Militarismus" bringen
werden. Von ihren republikanischen Stimmungen bleibt auch nicht mehr viel
übrig. „Die Erfahrungen des Krieges haben gewiß antimonarchistische Stimmun-
gen in der Sozialdemokratie nicht gefördert. Wer sich viel unter Sozialdemo-
kraten bewegte, wird . . . aber das Gegenteil feststellen können" (S. 50).
Alles geht für „uns" ausgezeichnet. Nur . . . nur wollen wir in Gottes
Namen nicht allzu anspruchsvoll sein. Wir wollen nicht vergessen, daß eine
linke Opposition existiert, wir wollen nicht vergessen, daß unsere Freunde:
Scheidemann, Südekum, Regien, Heine und andere es mit Arbeitern zu tun
haben. Der „Umwandlungsprozeß" vollzieht sich in der offiziellen Partei mit
Volldampf. Aber man muß sich darüber Rechenschaft ablegen, was man von
ihnen verlangen kann und was nicht. „Zum parlamentarischen, gouvernemen-
talen Musterknaben wird man freilich die Sozialdemokratie nicht erziehen
können. Ihr Charakter als Arbeiterpartei mit sozialistischen Idealen muß von
ihr behütet werden, denn an dem Tage, an dem sie diese aufgeben würde, entstände
eine neue Partei, die das verleugnete Programm in radikalerer Fassung zu dem
ihren machen würde" (S. 50 — 51).
Das sind bemerkenswerte, geradezu historische Worte. Hier wird mit
fester und geschickter Hand das ganze Programm vorgezeichnet, das der offiziellen
Sozialdemokratie von der Bourgeoisie diktiert und von den Sozialchauvinisten
jetzt ganz und gar verwirklicht wird.
Ausgemachte Reaktionäre, Ideologen des Großgrundbesitzes und des
Kapitals, die schlimmsten Feinde des Sozialismus, I^eute, die mit Geifer am
Munde von sozialistischen Idealen reden, wenn es ernst mit ihnen wird, — diese
Iyeute erklären offen: für uns, die Bourgeoisie, wäre es unvorteilhaft, wenn die
jetzige offizielle Sozialdemokratie auf das sozialdemokratische Programm offen
verzichten würde; wir, Bourgeoisie, habens nötig, daß die offizielle Sozial-
98
demokratie, die in Walirheit nationalliberal wurde, immerhin ein Lippenbekennt-
nis für die „sozialistischen Ideale" ablege. Das braucht man, damit nicht
eine andere, radikalere, wahrhaft sozialistisch£ Partei entstehe. Man braucht dies
als Anhängeschild, als Köder für die Arbeiter. Man braucht dies, damit die Scheide-
männer unter der Flagge der Sozialdemokratie umso erfolgreicher den Einfluß der
Bourgeoisie auf die Massen wallen lassen können. Man braucht dies zu einer umso
erfolgreicheren Irreführung der Arbeiter.
Dieses Programm wird in Wirklichkeit von allen Opportunisten verwirk-
licht. Alle Phrasen über „Sozialismus" und „sozialistische Ideale" behalten sie
bei. Oh, sie sind nach wie vor Sozialisten. Sie fordern nicht einmal eine Programm-
revision. Welcher „Realpolitiker" kümmert sich um „Programme"! Sie sind
für ihn dasselbe, was der Neutralitätsvertrag Belgiens für Bethmann war: ein
Fetzen Papier. Sie sind Sozialisten im selben Sinne des Wortes, in dem in Frank-
reich (besonders vor den Wahlen) sich fast jeder Bourgeois Sozialist nennt,
angefangen von den „unabhängigen Sozialisten". . . Briand und Millerand bis zu
den geschickten Geschäftemachern und Börsenjobbern aus der Partei der „radikalen
Sozialisien". Die Herren Heine und Scheidemann haben ihnen nichts vorzuwerfen.
Es fragt sich : wie lange wird diese grandiose Irreführung der Arbeiter dauern ?
So lange, bis die linke, oppositionelle, einzig sozialdemokratische Richtung
der deutschen Sozialdemokratie sich zusammenschließen, mit den Opportunisten
brechen und diese ungeheure Irreführung schonungslos entlarven wird.
Dem linken Flügel der deutschen Partei ist viel gegeben, es wird aber
auch viel von ihm verlangt werden. Wir sehen klar, daß, wenn das regierende
Deutschland jemanden fürchtet, so ist es diese Richtung allein. Das regierende
Deutschland fürchtet sich auf den Tod, daß diese linken Sozialdemokraten ihre
eigene wahrhaftige Arbeiterpartei bilden, denn sie weiß wohl, daß die Sozial-
chauvinisten dann entlarvt sein würden, und die Arbeitermassen dieser Partei
und nicht den Sozialimperialisten folgen würden. Gerade deswegen rät die
Bourgeoisie den Scheidemännern, auf die „sozialistischen Ideale" nicht zu ver-
zichten. Die Bourgeoisie wird durchaus dafür eintreten, daß die Scheidemänner
nach dem Kriege sich ein wenig „links wenden", damit die Partei ein paar pseudo-
marxistische Resolutionen im Geiste Kautskys annehme. Daß die Arbeitermassen
sich nur nicht in den strittigen Fragen auskennen, daß sich vor den Massen selber
nur nicht die Frage kraß aufrolle: Sozialismus oder Nationalismus. Im
gegenwärtigen Moment, im Kriege, beschützt die Bourgeoisie die „Einheit" der
deutschen Sozialdemokratie mit Polizeimaßnahmen. Jedermann, der die sozial-
demokratische Reichstagsfraktion oder den württembergischen Landesvorstand
oder Südekum und Scheidemann verdammt, läuft Gefahr, gemaßregelt zu
werden. In Zukunft wird die Bourgeoisie solche Extramaßuahmen nicht nötig
haben, aber ihre Politik wird im Grunde genommen dieselbe bleiben, sie wird mit
aller Kraft die jetzigen Sozialdemokraten unterstützen, wird die Bildung einer
wahren sozialdemokratischen Partei hintertreiben, wird die Arbeiter irreleiten
und ihnen versichern, daß die Sozialimperialisten keineswegs auf die „sozia-
listischen Ideale" verzichtet hätten.
7* • 99
Die linke Richtung in Deutschland ist die einzige Hoffnung der inter-
nationalistischen Elemente in allen Ländern. In welcher Lage befindet sich
momentan die Formierung dieser Richtung ?
Es unterliegt keinem Zweifel, daß die linken Elemente in Deutschland
numerisch wachsen und jetzt schon eine bedeutende Macht darstellen. So sehr
der Artikelschreiber der „Preußischen Jahrbücher" diese linken Elemente haßt
und ihnen die Zähne zeigt, ist er dennoch gezwungen, anzuerkennen, daß nicht
weniger als zehn Tageszeitungen im großen und ganzen die Haltung der Linken
vertreten. Zehn Tageszeitungen — das ist eine Größe! Außerdem wissen wir,
daß auch in anderen Orten die Arbeiter das Banner des Protestes gegen die
offiziellen sozialchauvinistischen Zeitungen erheben: in Stuttgart haben sich
die sozialdemokratischen Arbeiter direkt von der offiziellen Organisation ab-
gespalten, in Hamburg ist die Opposition im Wachsen, in Berlin hat sie offen-
kundig die Majorität, in Leipzig, Düsseldorf und Frankfurt hat sich eine über-
wiegende Majorität gegen die Politik des 4. August ausgesprochen.
Aber ideell und politisch haben sich die Linken in Deutschland noch nicht
zusammengeschlossen. Die Linke befindet sich noch im Gärungsprozeß, sie ist
noch im Werden. Das Erscheinen des Kampforgans der Linken: „Die Inter-
nationale" (herausgegeben von Rosa Luxemburg und Franz Mehring), das die
Heuchelei Kautskys und Konsorten brandmarkt, ist ein bedeutender Schritt
vorwärts. Aber die „Internationale" hebt in einem ihrer Artikel selbst die Tat-
sache hervor, daß der Zusammenschluß der Linken erst im Beginnen ist. Und
betrachtet man diese Linke genauer, so kann man in ihr selbst zwei Richtungen
wahrnehmen. Die eine entschließt sich scheinbar zu einem völligen Bruch mit
den Sozialchauvinisten, die andere will unbedingt im Rahmen der Einheits-
partei verbleiben, d. h. in mehr oder minder „loyaler" Opposition verharren. Diese
Teilung findet ihren äußeren Ausdruck darin, daß von den siebzehn Abge-
ordneten, die es für verbrecherisch hielten, die Kriegskredite zu bewilligen, im
Reichstag nur zwei gegen und vierzehn für stimmten, um Disziplin zu wahren
gegenüber der Chauvinistenbande, die schon längst mit der Sozialdemokratie
gebrochen hatte. Die Schwankungen der Linken fanden ihren äußeren Ausdruck
auch in den kürzlich stattgefundenen internationalen Konferenzen der Frauen
und der Jugendlichen in Bern, wo die deutschen Linken faktisch die Rolle des
„Zentrums" spielten und einen Kompromiß mit den Opportunisten im Namen
der „Einheit" eingingen.
Die sogenannte „loyale" Opposition schreckt die Sozialchauvinisteu
keineswegs. Selbst Herr Heine, der von der Revolution und vom Sozialismus
genau in denselben Ausdrücken spricht, wie Struve oder Isgojew, selbst er ist
bereit, eine Opposition zu seiner Majestät zu dulden. Den Quertreibern stellt
er die ,,Lo5'alen" als Muster vor: „Die sogenannten Radikalen und die so-
genannten Gemäßigten haben sich in der Bewilligung der Kriegskredite ge-
einigt, und auch Andersdenkende haben sich dem Beschluß der Majorität unter-
worfen. Mit einer geringen Ausnahme." („Zwei Reden", 8. 40.) Unter der
geringen Ausnahme wird Liebknecht gemeint.
:oo
Es gibt Situationen, in denen Quertreiberei, organisierter Bruch mit den
ehemaligen Genossen, die sich vom alten Banner losgesagt haben, zur vor-
nehmsten Pflicht des Revolutionärs wird. Wenn eine solche Situation je vor-
handen war, so ist es gerade die jetzige Situation der revolutionären Sozial-
demokraten in Deutschland. Bebel hat einmal gesagt, wenn die revisionistischen
Tendenzen zur Vertuschung des Klassenkampfes auf dem Parteitag die Ober-
hand gewonnen hätten, würde er sich als erster gegen diese Partei wenden. Jetzt
ist etwas viel schlimmeres eingetreten. An die Spitze der einstmals ruhmreichen
deutschen Sozialdemokratie haben sich typische vollendete Bourgeois gestellt,
wie der Anarchist Herr Heine, gegen den die offizielle Sozialdemokratie kein
Wort zu sagen wagt. Die offizielle Sozialdemokratie ist nationalliberal geworden.
Und dagegen soll man sich nicht wenden!
Auf die deutschen linken Sozialdemokraten fällt die Pflicht, bei der Er-
füllung dieser ehrenhaften und verantwortlichen Aufgabe den ersten Platz einzu-
nehmen. In jedem Lande haben natürlich die linken Elemente selbst su ent-
scheiden, welches Tempo im Kampf mit dem Sozialchauvinismus eingeschlagen,
wann und in welcher Form der Bruch mit ihnen vollzogen werden soll. Aber die
Aufgabe bleibt im Grunde genommen überall dieselbe. Die nächste Zukunft
der neuen Internationale hängt am meisten vom Kampf der deutschen linken
Richtung ab, davon, inwieweit sie sich zusammenschließen, wie entschlossen sie
das Tischtuch zwischen sich und den Sozialchauvinisten zerschneiden wird.
Die Frage steht so : Entweder wir erfüllen die Hoffnungen der internationalen
Bourgeoisie und lassen die Sozialchauvinisten aller Länder eine nationalliberale
Internationale herstellen, mit einem Lippenbekenntnis zu „sozialistischen
Idealen" nach dem Programm der Opportunisten, Kautskys und der Bour-
geoisie; oder wir erfüllen die Hoffnungen der internationalistischen Arbeiter und
schreiten entschlossenen Schrittes zur Schaflung einer sozialistischen Inter-
nationale auf Grund des Bruches mit den Opportunisten. .
Entweder das gelobte „sozialistische Ideal" der Bourgeoisie, oder das sozia-
listische Ideal des Proletariats.
21. Mai 1915. G. Sinowjew.
{Jeher den Kampf mit dem Sozialchauvinismus.
Das interessanteste und neueste Material in dieser aktuellen Frage ist
von der kürzlich stattgefundenen internationalen sozialistischen Frauenkonferenz
in Bern geliefert worden. Wir wollen hier bei einer Seite der Frage verweilen.
Vertreterinnen der Frauenorganisationen der russischen Organisations-
Kommission, Holländerinnen aus der Partei Troelstras, Schweizerinnen aus
Organisationen, die die „Berner Tagwacht" wegen ihrer angeblich allzu linken
Haltung scharf angreifen, eine französische Vertreterin, die in keiner einiger-
maßen wichtigen Frage mit der offiziellen Partei (die bekanntlich auf sozial-
chauvinistischem Boden steht) auseinandergehen wollte, Engländerinnen, die
101
sich dein Gedanken einer klaren Trennung des Pazifismus von der revolutionären
proletarischen Taktik gegenüber feindlich verhalten, — sie alle einigten sich
mit den „linken" deutschen Sozialdemokraten auf eine Resolution. Die Ver-
treterinnen der Frauenorganisationen vom Zentralkomitee unserer Partei
trennten sich von ihnen und zogen es vor, einstweilen einsam zu bleiben, als
an einem solchen Block teilzunehmen.
Worin besteht der Sinn der Meinungsverschiedenheit ? Welch prinzipielle
und allgemein politische Bedeutung hat diese Meinungsverschiedenheit?
Auf den ersten Blick erscheint die „mittlere" Resolution, die die Oppor-
tunisten und einen Teil der lenken vereinigt, sehr passend und richtig. Der
Krieg wird als imperialistischer erkannt, der Gedanke der Vaterlandsverteidigung
verworfen, die Arbeiter zu Massendemonstrationen usw. usw. aufgerufen. Man
könnte glauben, der Unterschied zu unserer Resolution bestünde lediglich in
einigen schärferen Ausdrücken, etwa wie: „Verrat", „Opportunismus", „Austritt
aus den bürgerlichen Ministerien" usw.
Unzweifelhaft werden namentlich von diesem Standpunkt aus diejenigen
ausgehen, die die Trennung der Delegierten der Frauenorganisationen vom
Zentralkomitee unserer Partei kritisieren werden.
Man braucht nur die Sache aufmerksamer zu betrachten und sich nicht,
auf die „formale" Anerkennung dieser oder jener Wahrheit zu beschränken,
um die völlige Haltlosigkeit einer solchen Kritik einzusehen.
Auf der Konferenz stießen zwei Weltanschauungen, zwei Beurteilungen
des Krieges und der Aufgaben der Internationale, zwei Taktiken der prole-
tarischen Parteien zusammen. Die eine Auffassung: es hat kein Zusammenbruch
der Internationale stattgefunden, es liegen keine tiefen und ernsthaften Hin-
dernisse zur Rückkehr vom Chauvinismus zum Sozialismus vor, es gibt keinen
starken „inneren" Feind in Gestalt des Opportunismus, er hat keinen direkten,
unz weif eil laften offensichtlichen Verrat am Sozialismus begangen. Daraus
die Schlußfolgerung : wir wollen niemanden verdammen, wir wollen den
Leugnern der Stuttgarter und Basler Resolutionen Amnestie gewähren,
wir wollen uns auf den Rat beschränken, nach links zu steuern und die Massen
zu Demonstrationen aufzurufen.
Die andere Auffassung aller hier erwähnten Fragen ist gerade entgegen-
gesetzt. Es gibt nichts schädlicheres und verderblicheres für die proletarische
Sache als die Fortsetzung der Vaitoidiplomatie gegenüber den Opportunisten
und Sozialchauvinisten. Die Resolution der Majorität war deshalb für die
Opportunistinnen und Anhängerinnen der jetzigen offiziellen Parteien an-
nehmbar, weil sie durch und durch vom Geiste der Diplomatie durchdrungen ist.
Den Arbeitermassen, die jetzt namentlich von den offiziellen Sozialpatrioten
geleitet werden, werden mit dieser Diplomatie die Augen ausgewischt. Den
Arbeitermassen wird der unzweifelhaft irrtümliche und schädliche Gedanke
eingeflößt, daß die jetzigen sozialdemokratischen Parteien mit den jetzigen
Regierungen jähig seien, ihren Kurs zu ändern und an Stelle des falschen einen
richtigen zu nehmen.
102
Dem ist nicht so. Das ist ein tiefer und höchst verderblicher Irrtum. Die
jetzigen sozialdemokratischen Parteien und ihre Regierungen sind unfähig,
ernsthaft ihren Kurs zu ändern. In der Tat wird alles beim alten bleiben, und
die in der Resolution der Majorität zum Ausdruck gebrachten „linken" Wünsche
werden fromme Wünsche bleiben — das haben die Anhängerinnen der Partei
Troelstras oder der jetzigen französischen Parteileitung mit ihrem richtigen
Dolitischen Instinkt erkannt, indem sie für diese Resolution stimmten. Der
Aufruf der Massen zu Demonstrationen kann nur bei der aktivsten Unterstützung
der jetzigen sozialdemokratischen Parteileitungen eine praktische, tatsächliche,
ernsthafte Bedeutung erhalten.
Kann man eine derartige Unterstützung erwarten? Offensichtlich, nein.
Bekanntlich wird ein solcher Appell von Seiten der Regierungen einer erbitterten
(und meistenteils verhüllten) Entgegen Wirkung und keineswegs einer Unter-
stützung begegnen.
Würde man das den Arbeitern direkt sagen, dann wüßten die Arbeiter
die Walirheit. Sie wüßten, daß zur Verwirklichung der „linken" Wünsche eine
grundsätzliche Kursänderung der sozialdemokratischen Parteien erforderlich ist,
ein hartnäckiger Kampf mit den Opportunisten und ihren Zentrumsfreunden
nötig ist. Aber jetzt werden die Arbeiter mit linken Wünschen eingelullt, indem
man es verschmäht, klar und deutlich das Übel zu nennen, ohne Bekämpfung
dessen diese Wünsche unerfüllbar bleiben.
Die diplomatischen Führer, die Urheber der Chauvin istischen Politik in
der jetzigen sozialdemokratischen Partei werden ausgezeichnet die Seh wache,
Unentschlossenheit und mangelnde Bestimmtheit der Resolution der Majorität
auszunutzen wissen. Als geschickte Parlamentarier werden sie untereinander die
Rollen verteilen; die einen werden sagen: Kautskys & Cie., „ernsthafte" Argu-
mente sind nicht berücksichtigt, nicht untersucht worden, — wir wollen nun die
Diskussion auf eine breitere Basis stellen. Die anderen werden sagen: schaut,
hatten wir nicht recht, als wir sagten, daß keine tiefen Meinungsverschiedenheiten
bestehen, wenn die Anhängerinnen der Partei Troelstra und der Partei Guesde-
Sembat mit den linken Deutschen übereinkommen?
Eine Frauenkonferenz hätte nicht Scheidemann, Haase, Kautsky, Vander-
velde, Hyndman, Guesde und Sembat, Plechanow usw. helfen sollen, die
Arbeitermassen einzulullen, sondern hätte sie im Gegenteü wecken, einen ent-
scheidenden Krieg dem Opportunismus ansagen sollen. Nur dann wäre das
praktische Resultat — nicht die Hoffnung auf die „Besserung" der oben-
genannten „ Führer", sondern die Kräftesammlung für den schweren und harten
Kampf.
Man nehme die Frage der Übertretung der Stuttgarter und Baseler Re-
solutionen durch die Opportunisten und „Zentristen": darin steckt ja gerade
der Haken ! Man stelle sich klipp und klar ohne Diplomatie vor, wie die Sache war.
Den Krieg vorausahnend, versammelt sich die Internationale und be-
schließt einstimmig, im Falle des Kriegsausbruches an der „Beschleunigung des
Zusammenbruches des Kapitalismus" zu arbeiten, im Sinne der Kommune, des
103
Oktober und Dezember 1905 (genauer Ausdruck der Basler Resolution!!!) zu
wirken, in dem Geiste zu wirken, daß das Schießen der Arbeiter eines Landes
auf die Arbeiter eines anderen Landes als „Verbrechen 11 gebrandmarkt werde.
Die Richtlinie der Arbeit im internationalen proletarischen revolutionären
Geiste ist hier ganz deutlich vorgezeichnet, so deutlich, daß man bei Wahrung
der Legalität nicht deutlicher werden kann.
Da kommt der Krieg, genau der Krieg, genau in derselben Linie, wie er
in Basel vorausgesehen wurde. Die offiziellen Parteien handeln gerade im ent-
gegengesetzten Sinne: nicht als Internationalisten, sondern als Nationalisten;
bürgerlich und nicht proletarisch; nicht revolutionär, sondern erz-opportunistisch.
Wenn wir zu den Arbeitern sagen: es ist ein direkter Verrat an der Sache des
Sozialismus begangen worden, so lehnen wir mit diesen Worten mit einem
Schlag alle Ausflüchte und Ausreden, alle Sophismen ä la Kautsky und Axelrod
ab. Wir weisen deutlich die ganze Tiefe und Stärke des Übels auf, wir rufen
klar zum Kampfe auf, und nicht zur Abfindung mit dem Übel.
Und die Resolution der Majorität ? Kein Laut der Verdammung gegen-
über den Verrätern, kein Sterbenswörtchen über den Opportunismus, eine
einfache Wiederholung der Gedanken der Basler Resolution!!! Als ob nichts
ernsthaftes vorgefallen sei, — es war ja nur ein zufälliges kleines Irrtümchen,
es genügt ja, den alten Beschluß zu wiederholen, es ist eine unprinzipielle, untiefe
Meinungsverschiedenheit entstanden, es genügt, sie zu verkleistern / / /
Ja, das ist ja eine direkte Verhöhnung der Beschlüsse der Internationale,
eine Verhöhnung der Arbeiter. Die Sozialchauvinisten wollen ja eigentlich
nichts anderes, als eine einfache Wiederholung der alten Beschlüsse, damit in
Wirklichkeit ja nichts verändert werde. Das ist ja im Grunde genommen eine
stillschweigend und heuchlerisch verhüllte Amnestierung der sozialchauvinistischen
Anhänger der Majorität der jetzigen Parteien. Wir wissen, es gibt eine Unmenge
„Liebhaber", die gerade diesen Weg einschlagen und sich auf ein paar radikale
Phrasen beschränken möchten. Diese Leute haben bei uns nichts zu suchen.
Wir gingen einen ande r en Weg und werden einen anderen Weg gehen, wir wollen
die Arbeiterbewegung und den Ausbau der Arbeiterpartei durch die Tai fördern,
im Geiste der Unversöhnlichkeit gegenüber dem Opportunismus und Sozial-
chauvinismus.
Ein Teil der deutschen delegierten Frauen ist offenbar vor einer deutlich
ausgesprochenen Resolution zurückgeschreckt aus Rücksichten, die sich aus-
schließlich auf das Entwicklungstempo des Kampfes mit dem Chauvinismus
innerhalb einer einzigen, nämlich ihrer eigenen Partei beziehen. Aber solche
Argumente waren offensichtlich unangebracht und irrtümlich. Denn die inter-
nationale Resolution berührte überhaupt weder das Tempo noch die konkreten
Kampfbedingungen gegen den Sozialchauvinismus in den einzelnen Ländern;
auf. diesem Gebiete ist die Autonomie der einzelnen Parteien unanfechtbar.
Es galt, von der internationalen Tribüne den unwiderruflichen Bruch mit dem
Sozialchauvinismus in der ganzen Richtung, im ganzen Charakter der sozial-
104
demokratischen Arbeit zu verkünden; aber statt dessen hat die Resolution
der Majorität noch einmal den alten Fehler, den Fehler der II. Internationale
wiederholt, die den Opportunismus und die Divergenz zwischen Wort und Tat
diplomatisch bemäntelte. Wie gesagt: diesen Weg werden wir nicht einschlagen.
*■ ,uni 1915 - n. um».
[Jeher die Niederlage der eigenen Regierung
im imperialistischen Kriege.
In einem reaktionären Kriege kann die revolutionäre Klasse nicht umhin,
die Niederlage ihrer eigenen Regierung herbeizuwünschen.
Das ist ein Axiom. Und es wird nur von den bewußten Anhängern oder
hilflosen Helfershelfern der Sozialchauvinisten bestritten. Zu den ersteren
gehört z. B. Semkowski von der Organisations-Kommission. Zu den letzteren
Trotzki und Bukwojed in Rußland, oder Kautsky in Deutschland. Der Wunsch
nach einer Niederlage Rußlands, schreibt Trotzki, ist „ein durch nichts hervor-
gerufenes und durch nichts gerechtfertigtes Zugeständnis an die politische
Methodologie des Sozialpatriotismus, der an Stelle des revolutionären Kampfes
gegen den Krieg und die ihn erzeugten Verhältnisse eine unter den gegebenen
Verhältnissen höchst willkürliche Orientierung in der Richtimg des kleinsten
Übels setzt" (Nr. 105 von „Nasche Slowo").
Das ist ein Muster der aufgeblasenen Phrasen, mit denen Trotzki den
Opportunismus stets rechtfertigt. „Der revolutionäre Kampf gegen den Krieg"
ist eine leere und inhaltlose Exklamation, auf die sich die Helden der II. Inter-
nationale so meisterhaft verstehen, wenn man darunter nicht die revolutionären
Aktionen gegen die eigene Regierung und während des Krieges versteht. Es
genügt, ein Weilchen nachzudenken, um das einzusehen. Und revolutionäre
Aktionen während des Krieges gegen die eigene Regierung bedeuten sicherlich
und unzweifelhaft nicht nur den Wunsch nach ihrer Niederlage, sondern auch
eine tatsächliche Förderung einer solchen Niederlage (für den „scharfsinnigen"
Leser: das bedeutet keineswegs, daß man „Brücken sprengen", mißlungene
militärische Streiks inszenieren und überhaupt den Revolutionären helfen soll,
der Regierung eine Niederlage beizubringen).
Trotzki beschränkt sich auf Phrasen, aber veiheddert sich dabei furchtbar.
Er glaubt, eine Niederlage Rußlands wünschen, heißt, einen Sieg Deutschlands
wünschen (Bukwojed und Semkowski drücken diesen „Gedanken" oder richtiger:
die Gedankenlosigkeit, die sie mit Trotzki gemeinsam haben, direkter aus).
Und dann erblickt Trotzki die „Methodologie des Sozialpatriotismus" ! Um
Leuten entgegenzukommen, die nicht denken können, hat die Berner Resolution
erklärt: „In allen imperialistischen Ländern muß das Proletariat eine Niederlage
ihrer Regierung wünschen. 4 ' Bukwojed und Trotzki haben es vorgezogen, diese
Wahrheit zu übergehen, und Semkowski (ein Opportunist, der der Arbeiter-
105
Idasse am meisten dient durch eine offenherzig naive Wiederholung der bürger-
lichen Weisheit), Semkowski sagte „lieblich": „Das ist ein Unsinn, siegen
kann entweder Deutschland odei Rußland".
Nehmen sie z. B. die Kommune. Deutschland hat Frankreich besiegt,
und Bismarck besiegte mit Thiers die Arbeiter! Wenn Bukwojed und Trotzki
nachgedacht hätten, so hätten sie gesehen, daß sie auf dem Standpunkt des
Krieges der Regierungen und der Bourgeoisie stehen, d. h. daß sie vor der „poli-
tischen Methodologie des Sozialpatriotismus" kriechen, — um mit Trotzkis
gewählter Sprache zu sprechen.
Die Revolution während des Krieges ist Bürgerkrieg, und die Überleitung
des Krieges der Regierungen in den Bürgerkrieg wird einerseits durch die
militärischen Mißerfolge („die Niederlage") der Regierungen erleichtert; anderer-
seits ist es unmöglich, in der Tat eine solche Überleitung anzustreben, ohne
damit die Niederlage zu fördern.
Die Chauvinisten (mit der Organisations-Kommission und der Fraktion
Tschcheidse) wollen deshalb von der „Losung" der Niederlage nichts wissen,
weil diese Losung allein einen konsequenten Appell zu revolutionären Aktionen
gegen die eigene Regierung während des Krieges bedeutet. Und solche Aktionen
sind Millionen der allerrevolutionärsten Phrasen über den Krieg dem Kriege
usw. keinen Heller wert.
Wer ernsthaft die „Losung" der Niederlage der eigenen Regierung im
imperialistischen Kriege ablehnen wollte, der müßte eine der drei Sachen be-
weisen: entweder 1. daß der Krieg 1914 nicht reaktionär sei; oder 2. daß die
Revolution im Zusammenhang mit dem Krieg unmöglich sei; oder 3. daß ein
Korrespondieren und Zusammenwirken der revolutionären Bewegung in allen
kriegführenden Ländern unmöglich sei. Das letztere Argument ist für Rußland
besonders wichtig, denn Rußland ist das rückständigste Land, wo die sozialistische
Revolution unmittelbar unmöglich ist. Gerade deshalb mußten die russischen
Sozialdemokraten als erste in der Theorie und Praxis mit der „Losung" der Nieder-
lage hervortreten. Und die zaristische Regierung hatte vollkommen recht,
daß die Agitation der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei das einzige
Vorbild in der Internationale, nicht allein für parlamentarische Opposition, sondern
für eine wirklich revolutionäre Massenaktion gegen die eigene Regierung war, daß
diese Agitation die militärische Stärke Rußlands schwächte und seine Niederlage
förderte. Das ist eine Tatsache. Es wäre unklug, sich davor zu verschließen.
Die Gegner der Losung der Niederlage fürchten sich einfach vor sich selber
und wollen nicht die offensichtliche Tatsache des unzweifelhaften Zusammen-
hanges zwischen der revolutionären Agitation gegen die Regierung mit dem
Herbeirufen der Niederlage einsehen.
Ist ein Korrespondieren und Zusammenwirken der bürgerlich-demokra-
tischen Bewegung in Rußland und der sozialistischen in Westeuropa möglich ?
Daran hat im letzten Jahrzehnt kein einziger Sozialist gezweifelt, der sich
öffentlich geäußert hat; die Bewegung im österreichischen Proletariat nach
dem 17. Oktober 1905 hat iahtisch diese Möglichkeit bewiesen.
106
Man frage einen beliebigen Sozialdemokraten, der sich Sozialist nennt,
ob er mit einem Übereinkommen der Sozialdemokraten der verschiedenen
kriegsführenden Länder über gemeinsame revolutionäre Aktionen gegen alle
kriegsführenden Regierungen sympathisiere. Viele werden antworten, daß dies
unmöglich sei, wie es Kautsky geantwortet hat (in der „Neuen Zeit" vom
2. Oktober 1914), wodurch er seinen Sozialchauvinismus durchaus bewiesen hat.
Denn einerseits ist das eine ausgemachte krasse Unwahrheit, die allbekannten
Tatsachen und dem Basler Manifest ins Gesicht schlägt. Und andererseits:
wäre das wahr, so hätten die Opportunisten in vielem recht!
Viele werden antworten, daß sie damit sympathisieren. Und dann werden,
wir sagen: wenn dieses Sympathisieren aufrichtig ist, so wäre es lächerlich
zu glauben, daß im Kriege und für den Krieg ein Übereinstimmen „der Form
nach" erforderlich sei, wie die Wahl von Vertretern, Rendezvous, Unterzeichnung
eines Vertrages, Festsetzung von Tag und Stunde! Nur die Semkowskis sind
imstande, so zu denken. Das Übereinkommen über revolutionäre Aktionen
selbst in einem Lande, ganz zu schweigen von einer Reihe von Ländern, ist
nur zu verwirklichen durch die Kraft des Beispiels ernsthafter revolutionärer
Aktionen, ihrer Inangriffnahme und ihrer Fortentwicklung. Und eine solche
Inangriffnahme ist wiederum unmöglich ohne den Wunsch der Niederlage
und ohne Förderung der Niederlage. Die Umwandlung des imperialistischen
Krieges in den Bürgerkrieg kann nicht „gemacht" werden, wie man nicht
Revolutionen „machen" kann, — sie erwächst aus einer ganzen Reihe viel-
gestaltiger Erscheinungen, Seiten, Zügen, Eigentümlichkeiten und Folgen des
imperialistischen Krieges. Und dieses Erwachsen ist unmöglich ohne eine Reihe
militärischer Mißerfolge und Niederlagen derjenigen Regierungen, denen ihre
eigenen unterdrückten Klassen »Schläge versetzen.
Auf die Losung der Niederlage verzichten, heißt, den revolutionären Geist
in eine leere Phrase oder bloße Heuchelei ausarten lassen.
Was wird uns an Stelle der „Losung" der Niederlage vorgeschlagen?
Eine Losung: „Weder Sieg noch Niederlage" (Semkowski in Nr.2 der „Iswestja".
Ebenso die ganze Organisations-Kommission in Nr. 1). Aber das ist ja nichts
anderes, als eine Paraphrase der Losung der Vaterlandsverteidigung! Das ist
ja eine Übertragung der Frage auf die Ebene des Krieges zwischen den Re-
gierungen (die nach dem Inhalt der Losung in der alten Lage verbleiben, „ihre
Positionen beibehalten" sollen), aber nicht des Kampfes der unterdrückten
Klassen gegen ihre Regierungen! Das ist eine Rechtfertigung des Chauvinismus
aller imperialistischen Nationen, deren Bourgeoisien stets bereit sind, zu be-
haupten — und es auch dem Volke sagen — , daß sie „bloß" „gegen die Niederlage"
kämpfen. „Der Sinn unserer Abstimmung vom 4. August ist: Nicht für den
Krieg, sondern gegen die Niederlage", schreibt der Führer der deutschen Oppor-
tunisten, Eduard David, in seinem Buch. Die russischen Anhänger der „Orga-
nisations-Kommission" zusammen mit Bukwojed und Trotzki stellen sich
durchaus auf den Boden Davids, indem sie die Losung verfechten: „Weder
Sieg noch Niederlage!"
107
Bei näherer Betrachtung bedeutet diese Losung den „Burgfrieden" und
den Verzicht auf den Klassenkampf der unterdrückten Klasse in allen krieg-
führenden Ländern, denn der Klassenkampf ist unmöglich ohne Verletzung
der eigenen Bourgeoisie und der eigenen Regierung, und eine Verletzung der
eigenen Bourgeoisie im Kriege ist Hochverrat, ist Förderung der Niederlage
des eigenen Landes. Wer die Losung: „Weder Sieg noch Niederlage" anerkennt,
der kann nur heuchlerisch für den Klassenkampf, den „Bruch des Burgfriedens"
eintreten, der verzichtet in der Tat auf eine selbständige proletarische Politik
und unterwarft das Proletariat aller kriegführenden Länder einer durchaus
bürgerlichen Aufgabe, nämlich: die betreffenden imperialistischen Regierungen
vor Niederlagen zu bewahren. Die einzige Politik eines wirklichen, nicht phrasen-
haften Bruches des „Burgfriedens" und der Anerkennung des Klassenkampfes
ist die Politik der Ausnutzung der Schwierigkeiten der Regierung und der Bour-
geoisie durch das Proletariat zum Zweck deren Sturzes. Und das kann nicht
erreicht werden, das kann nicht angestrebt werden, wenn man die Niederlage
der eigenen Regierung nicht wünscht und diese Niederlage nicht fördert.
Als die italienischen Sozialdemokraten vor dem Kriege die Frage des
Massenstreikes aufwarfen, hat die Bourgeoisie ihnen — absolut richtig von
ihrem Standpunkt aus — geantwortet: das wird Hochverrat sein, und man
wird Euch als Verräter behandeln. Richtig. Wie es auch richtig ist, daß die
Verbrüderung in den Schützengräben Hochverrat ist. Wer wie Bukwojed gegen
den „Hochverrat" und wie Semkowski gegen den „Zerfall Rußlands" schreibt,
der nimmt einen bürgerlichen, aber keinen proletarischen Standpunkt ein.
Der Proletarier kann weder seiner Regierung einen Schlag versetzen, noch seinem
Bruder, dem Proletarier des „fremden" Landes, das mit „uns" Krieg führt,
die Hand entgegenstrecken, ohne „Hochverrat" zu begehen, ohne die Niederlage
zu fördern, ohne den Zerfall der eigenen imperialistischen Großmacht zu
beschleunigen.
Wer für die Losung: „Weder Sieg noch Niederlage*' eintritt, der ist, bewußt
oder unbewußt, ein Chauvinist, der ist bestenfalls ein versöhnlicher Kleinbürger,
aber doch ein Feind der proletarischen Politik, ein Anhänger der jetzigen Re-
gierungen und der jetzigen herrschenden Klassen.
Betrachten wir die Frage noch von einer anderen Seite. Der Krieg kann
nicht umhin, in den Massen die stürmischsten Gefühle auszulösen, die den
üblichen Zustand der dusligen Gesinnung durchbrechen. Und ohne Anpassung
an diese neuen stürmischen Gefühle ist keine revolutionäre Taktik möglich.
Was sind die Hauptströme dieser stürmischen Gefühle ? 1. Verzweiflung
und Schrecken. Daher — Stärkung der Kirche. Die Kirchen beginnen sich
von neuem zu füllen, frohlocken — die Reaktionäre. „Wo Leiden, da Religion",
meint der Erzreaktionär Barres. Und er hat recht. 2. Der Haß gegen den
„Feind" ist ein Gefühl, das von der Bourgeoisie und weniger von den Pfaffen
speziell entfacht wird und nur ihr wirtschaftlich und politisch nützlich ist.
3. Der Haß gegen die eigene Regierung und die eigene Bourgeoisie ist das Gefühl
aller klassenbewußten Arbeiter, die einersei i einsehen, daß der Krieg eine
108;
Fortsetzung der Politik des Imperialismus ist, und darauf mit einer „Fortsetzung"
ihres Hasses gegen üiren Klassenfeind antworten, aber andererseits verstehen,
daß ,,der Krieg dem Krieg" ohne Revolution gegen die eigene Regierung eine
banale Phrase ist. Man kann nicht den Haß gegen die eigene Regierung und
die eigene Bourgeoisie erzeugen, ohne ihnen eine Niederlage zu wünschen, —
und man kann nicht etwas anderes als heuchlerischer Gegner des Burgfriedens
sein, wenn man den Haß zu der eigenen Regierung und der eigenen Bourgeoisie
nicht erzeugt!!!
Die Anhänger der Losung: „Weder Sieg noch Niederlage" stehen faktisch
auf Seiten der Bourgeoisie und der Opportunisten, „glauben nicht" an die
Möglichkeit internationaler revolutionärer Aktionen der Arbeiterklasse gegen
ihre Regierungen und wünschen solche Aktionen nicht: eine unzweifelhaft
schwierige Aufgabe, aber die einzige sozialistische Aufgabe, die des Proletariats
würdig ist. Gerade das Proletariat der rückständigsten unter den krieg-
führenden Großmächten mußte, besonders angesichts des schmählichen
Verrates der deutschen und französischen Sozialdemokratie in Gestalt seiner
Partei, mit einer revolutionären Taktik hervortreten, die ohne „Förderung der
Niederlage" der eigenen Regierung absolut unmöglich ist, die allein aber zur
europäischen Revolution führt, zum sicheren Frieden des Sozialismus und zur
Erlösung der Menschheit von den jetzt herrschenden Greueln, dem Ungemach,
der Verwilderung und der Vertierung.
26. Juli 1915. N. Lenin.
Ober die Sachlage in der russischen Sozialdemokratie.
Die Nr. 2 der „Iswestija" der Organisationskommission und des „Nasche
Djelo'* hellen die Lage mit aller Eindringlichkeit und Anschaulichkeit auf. Beide
Editionen, jede auf ihre Art, entsprechend ihrem Erscheinungsorte und ihrer
politischen Bestimmung, gehen festen Schrittes auf dem Wege der Festigung
des Sozialchauvinismus vorwärts.
„Nasche Djelo" weiß nicht nur von keinerlei Meinungsverschiedenheiten
oder Schattierungen innerhalb der Redaktion etwas mitzuteilen, nicht nur, daß
sie kein Wort gegen die Potressows zu sagen hat, aber sie solidarisiert sich im
Gegenteil in einer besonderen Erklärung der Redaktion mit den Potressows
und meint, daß der „Internationalismus" gerade eine „Orientierung" im Sinne
der Entscheidung erfordere, der Erfolg einer welchen Bourgeoisie im jetzigen Kriege
für das Proletariat wünschenswert sei. Das bedeutet soviel, daß im Wesentlichen
und Wichtigsten die ganze Redaktion sozialchauvinistisch ist. Die Redaktion,
die mit Kautsky nur in den Schattierungen des Sozialchauvinismus auseinander-
geht, preist außerdem die Broschüre Kautskys, die ganz seiner internationalen
Rechtfertigung gewidmet ist, als „glänzend", „erschöpfend" und „theoretisch
wertvoll". Wer die Augen nicht schließen will, der muß sehen, daß die Redaktion
109
von „Nasche Djelo" auf diese Weise, erstens, den russischen Chauvinismus sanktio-
niert und zweitens sich bereit erklärt, den internationalen Sozialchauvinismus
zu „amnestieren" und sich mit ihm auszusöhnen.
In der Rubrik: ,,Durch Rußland und das Ausland'* werden Plechanows
und Axelrods Ansichten auseinandergesetzt, zwischen denen die Redaktion
(mit vollem Recht) keinen Unterschied macht. In einer besonderen Anmerkung,
wiederum im Namen der Redaktion, (S. 103), wird erklärt, daß die Auffassung
Plechanows „in vieler Hinsicht" mit der Auffassung von „Nasche Djelo" über-
einstimme.
Das Bild ist sonnenklar. Jene Richtung der Legalisten, die in „Nasche
Djelo" verkörpert ist und die dank ihrer tausend Verbindungen mit der liberalen
Bourgeoisie als einzige vom ganzen „Brüsseler Block" in den Jahren 1910 — 15
in Rußland eine Realität darstellte, hat ihre opportunistische Entwicklung
durchaus befestigt und vollendet, indem sie das Liquidatorentum durch den
Sozialchauvinismus ergänzte. Das tatsächliche Programm jener Gruppe, die
im Januar 1912 aus unserer Partei ausgeschlossen wurde, hat sich durch noch
einen außerordentlich wichtigen Punkt bereichert: die Propagierung von Ideen,
die auf die Notwendigkeit hinauslaufen, die souveränen Verrechte und die
Privilegien der Gutsbesitzer und der Bourgeoisie zu schützen und zu festigen,
sei es auch zum Preise eines Krieges.
Diese politische Realität mit „linken" Phrasen und augeblich sozialdemo-
kratischer Ideologie bemänteln — das ist der wirkliche politische Sinn der legalen
Tätigkeit der Fraktion Tschcheidse und der illegalen der Organisationskonimission.
In geistiger Hinsicht — Losung: „Weder Sieg noch Niederlage", in praktischer
— Kampf mit den Quertreibern, ein Kampf, der absolut alle Artikel in Nr. 2 der
„Iswestija" ausfüllt, besonders die von Martow, Jonow und Maschinadse — das
ist das sachliche und (vom Standpunkt der Opportunisten) durchaus richtige
Programm des „Friedens" mit „Nasche Djelo" und Plechanow. Man lese den
Brief des „gewesenen Revolutionärs" Alexiuski in Nr. 143 der „Rjetsch" (vom
27. Mai 1915) über Landesverteidigung als Pflicht der Demokratie, und man
wird sehen, daß dieser wackere Schildknapp des jetzigen Chauvinisten Plechanow
sich durchaus mit der Losung „Weder Sieg noch Niederlage" abfinden wird.
Das ist eben die gemeinsame Losung von Plechanow, „Nasche Djelo", Axelrod
und Kossowski, Martow und Sernkowski, zwischen denen „berechtigte Schattie-
rungen" und „einzelne Meinungsverschiedenheiten" gewiß (o, gewiß!) bestehen
bleiben werden. Diese ganze Gesellschaft ist im Wichtigsten ideell zufrieden-
gestellt, indem sie den gemeinsamen Boden: „Weder Siege noch Niederlagen"
findet (nebenbei bemerkt: Wessen? Klar: der jetzigen Regierungen, der jetzigen
herrschenden Klassen!) Praktisch-politisch begnügen sie sich mit der Losung
der „Einheit". Das bedeutet die Einheit mit „Nasche Djelo", d. h. in Wirklich-
keit ein vollkommenes Abfinden damit, daß „Nasche Djelo" in Rußland mit
Hilfe der Tschcheidse-Fraktion nach wie vor eine ernsthafte Politik und ernst-
hafte (bürgerlich-„ernsthafte") Agitation in den Massen betreiben wird, während
im Auslande und illegal die Organisation?kommission u. Co. sich erlauben
110
wird, „linke" Ausreden zu machen, quasi-revolutionäre Phrasen zu dreschen usw.
Wir wollen uns keine Illusionen machen. Der Brüsseler Block, der gleich aus-
einander gefallen ist und dadurch bewiesen hat, daß er nichts enthielt, als Heuche-
lei, ist zur Bemäntelung einer faulen politischen Situation gerade deshalb so
brauchbar. Im Juli 1914 diente er zur Bemäntelung von „Nascha Sarja" und
„Sewernaja Rabotschaja Gaseta" mit Hilfe fast-linker Resolutionen, die
zu nichts verpflichteten. Im Juli 1915 ist das „Rendezvous der Freunde" und
das „Protokoll" noch nicht vorhanden, aber es besteht schon die prinzipielle
Übereinstimmung der Haupt-,, Akteure" in der gemeinschaftlichen Bemäntelung
des Sozialchauvinismus von „Nasche Djelo", Plechanow und Axelrod durch
diese oder jene fast „linke" Phrase. Ein Jahr ist vergangen — ein großes und
hartes Jahr in der Geschichte Buropas. Es hat sich herausgestellt, daß die
Eiterbeule der national-liberalen Arbeiterpolitik die meisten sozialdemokra-
tischen Parteien Europas erstickt hat, daß dieses Geschwür auch im Liquidatoren-
tum herangereift ist — aber die Teilnehmer haben — wie die Musikanten in der
Krylowschen Fabel — die Plätze gewechselt und im Chorus, mit falschen
Stimmen die Melodie eingestimmt: Einheit, Einheit . . . (mit „Nasche Djelo")!
Das Vorbild des Pariser „Nasche Slowo" ist für die aufrichtigen Anhänger
der Einheit besonders lehrreich. Die Nr. 2 der „Iswestija" der Organisations-
kommission hat „Nasche Slowo" einen tödlichen Schlag versetzt, und jetzt ist
sein Tod (einerlei, ob politischer oder „physischer" Tod!) nur noch eine Frage
der Zeit. Nr. 2 der „Iswestija" hat „Nasche Slowo" durch die einfache Meldung
getötet, daß Martow (es stellte sich heraus, daß er im Sekretariat der Organi-
sationskommission saß — er wurde offenbar „einstimmig" durch Semkowski
und Axelrod kooptiert, wahrscheinlich nachdem er eingewilligt hatte, keine
unbesonnenen Reden mehr über den Tod des „Vorwärts" im Munde zu führen),
Martow und reichlich die Hälfte der Mitarbeiter von „Nasche Slowo", die sich
organisatorisch der O.K. anschließen, ihren Irrtum einsehen, daß sie bloß aus
Naivität (Martow in der Rolle des ingenu — nicht übel!), „Nasche Slowo" für
das „gemeinsame Organ" der russischen Internationalisten hielten, in Wirk-
lichkeit aber entpuppte sich „Nasche Slowo" als „ketzerisch" und „fraktionell"
(Semkowski fügt von sich selbst hinzu: „anarcho-syndikalistisch") und „sich
rechtfertigend" vor dem Leninschen „Sozialdemokrat".
Vors Publikum sind drei Teile des „Nasche Slowo" getreten, die erfolglos
sieben oder acht Monate lang sich vereinigten : 1. zwei linke Redaktionsmitglieder,
die aufrichtig mit dem Internationalismus sympathisieren und zu dem „Sozial-
demokrat" tendieren. 2. Martow und die Leute von der O. K. (reichlich die
Hälfte). 3. Trotzki, der wie immer prinzipiell in nichts mit den Sozialchauvi-
nisten übereinstimmt, in der Praxis aber in allem mit ihnen übereinstimmt
(nebenbei bemerkt, dank „der glücklichen Vermittlung" — heißt das nicht so
in der Sprache der Diplomaten? — der Fraktion Tschcheidse) .
Vor den aufrechten Verfechtern der Einheit erhebt sich die Frage : Warum
hat „Nasche Slowo" Bankrott gemacht und hat sich gespalten ? Gewöhnlich erklärt
man die Spaltungen durch die verruchte Spaltungstendenz der bösen „Leninisten"
111
Semkowskis Artikel in Nr. 2 der „Iswestija", Axelrod in „Nasche Slowo" usw.).
Aber diese bösen Leute haben ja an „Nasche Slowo" nicht mitgearbeitet und
konnten aus diesem einfachen Grunde sich weder abspalten, noch fortgehen.
Woran liegt die Sache ? An einem Zufall ? Oder darin, daß die Einheit der
sozialdemokratischen Arbeiter mit den Vollstreckern des bürgerlichen Ein-
flusses (faktisch also: Agenten der liberalen und chauvinistischen Bourgeoisie 1 )
aus „Nasche Djelo" unmöglich ist?
Darüber mögen die Anhänger der „Einheit" nachdenken.
In der westeuropäischen Sozialdemokratie sprachen sich jetzt für die
„Einheit" in etwas anderem Milieu und anderer Form Kautsky und Haase
mit Bernstein selber aus. Da diese „Autoritäten" fühlen, daß die Massen nach
links abschwenken, so bieten sie den linken Sozialdemokraten Frieden an unter
der stillschweigenden Bedingung eines Friedens mit den Südekums. Man wiH
sich in Worten von der Politik des 4. August lossagen, den Riß in der national-
liberalen und sozialdemokratischen Arbeiterpolitik verkleistern mit Phrasen,
die zu nichts verpflichten (und in gewisser Hinsicht für Hindenburg und Joffre
nicht so unvorteilhaft sind), mit Phrasen über den „Frieden" (die Friedens-
parole paßt dazu ausgezeichnet), mit einer platonischen Ablehnung der Annexio-
nen usw. Das ist ungefähr das Programm Kautskys und Bernsteins, dem auch,
wie es aus gewissen Notizen der Humanite hervorgeht, die französischen Sozial-
chauvinisten nicht abhold sind. Die Engländer aus der Independant Labour
Party werden natürlich Feuer und Flamme sein für eine Amnestierung des
Sozialchauvinismus, verhüllt durch eine Reihe von Bücklingen nach links.
Den Leuten aus der O. K. und Trotzki hat natürlich Gott selber geboten, sich
an die Rockschöße Kautskys und Bernsteins zu klammern.
Wir halten diese Linksschwenkung des Führers der Opportunisten und
des Führers der heuchlerischen Chauvinisten aus den „radikalen" Lagern für
eine Komödie, deren Bedeutung darin besteht, daß alles Morsche in der Sozial-
demokratie durch Verbeugungen nach links gerettet werden soll, daß faktisch
die nationalliberale Arbeiterpolitik mit Hilfe geringfügiger Zugeständnisse an
die „linken" (in Worten) befestigt werden soll.
Die objektive Lage Europas ist derart, daß in den Massen die Enttäuschung
die Unzufriedenheit, der Protest, die Empörung und die revolutionäre Stimmung
wachsen, die auf einer gewissen Entwicklungsstufe ungeheuerlich rasch in Aktion
übergehen kann. In Wirklichkeit steht jetzt die Frage so und nur so: soll man
das Wachstum und die Entfaltung der revolutionären Aktionen gegen die eigene
Bourgeoisie und die eigene Regierung fördern oder die revolutionäre Stimmung
hemmen, dämmen, beruhigen. Zur Erreichung des zweiten Zieles werden die
liberalen Bourgeois und Opportunisten auf alle beliebigen „linken" Worte ein-
gehen (und vom Standpunkt ihrer Interessen müssen sie es tun), auf alle Ver-
sprechungen der Entwaffnung, des Friedens, des Verzichtes auf Annexionen,
auf Versprechungen von allerlei Reformen und allem, was man nur will, damit
nur die Massen mit ihren opportunistischen Führern nicht brechen und nicht
zu immer ernster werdenden revolutionären Aktionen greifen.
113
Glaubt an keine wohlklingenden Programme, werden wir den Massen
■sagen. Verlaßt Euch nur auf Eure eigenen revolutionären Massenaktionen gegen
Eure Regierung und Eure Bourgeoisie, strebt nach der Entfaltung dieser Ak-
tionen; außerhalb des Bürgerkrieges und den Sozialismus gibt es keine Rettung
vor der Verwilderung, gibt es keine Möglichkeit des Fortschrittes in Europa.
P. S. Dieser Aufsatz war bereits gesetzt, als wir das Sammelbuch „Krieg"
von dem „ehemaligen Revolutionär" Plechanow, G. Alexinski und Konsorten
erhielten. Welche Kollektion von Sophismen und Lügen von Sozialchauvinisten,
die den räuberischen und reaktionären Krieg des Zarismus für einen „gerechten"
„Verteidigungskrieg" usw. ausgeben! Wir empfehlen dieses schändliche Bukett
der Liebedienerei vor dem Zarismus der Aufmerksamkeit derjenigen, die sich
ernsthaft über die Ursachen des Zusammenbruches der II. Internationale Rechen-
schaft ablegen möchten. Es ist nebenbei interessant, daß diese offenherzigen
Sozialchauvinisten durchaus zufrieden sind, sowohl mit Tschcheidse wie mit
seiner ganzen Fraktion. Mit dieser Fraktion zufrieden sind auch die O. K.,
Trotzki wie auch Plechanow, Alexinski und Konsorten — eine ganz natürliche
Sache, denn die Fraktion Tschcheidse hat durch Jahre hindurch ihre Fähigkeit
bewiesen, die Opportunisten zu decken und ihnen zu dienen.
Über die R. S.-D. Arbeiterfraktion, die nach Sibirien wanderte, lügen die
Herren Plechanow und Alexinski schamlos. Nun ist hoffentlich die Zeit schon
nahe, da man diese Lügner durch Dokumente wird bloßstellen können.
26. Juli 1915.
N. Lenin.
Wie Vandervelde mit dem Fürsten Kudaschew die öffentliche
Meinung der russischen Sozialisten bearbeitete.
In den „Moskowskija Wjedomosti" ist laut Bericht des russischen Ge-
sandten in Belgien, Fürsten Kudaschew, die Geschichte des bekannten Briefes
von Vandervelde dargestellt. Wir drucken hier diese unzweifelhaft wahrheits-
gemäß dargestellte Geschichte aus der Zeitung „Djen" (Nr. 134) ab.
„Der Sozialisten! uhrer Vandervelde," erzählt Fürst Kudaschew, „erhielt
■das Amt eines Ministers ohne Portefeuille. Noch am selben Tage kam zu mir
der Kriegsminister und sagte, daß sie wegen ihrer eigenen Sozialisten schon
beruhigt seien, doch beuniuhige sie die Frage, wie sich unsere russischen So-
zialisten benehmen würden. Vandervelde ist dabei, Ihren Sozialisten aus der
Duma ein Telegramm zu senden; würden Sie nicht die Güte haben, dafür zu
sorgen, daß Ihre Zensur das Telegramm durchlasse ?
Ich antwortete darauf, daß ich ohne den Text des Telegramms zu kennen,
keine Schritte unternehmen könne. Es wurde beschlossen, daß der Kabinettschef
■des Knegsministers mich in seinem Kabinett mit Vandervelde bekannt machen
würde, und daß wir den Text des Telegramms besprechen sollten. Am Tage
s 113
darauf machte ich die Bekanntschaft Vanderveldes ohne Hilfe dieses Herrn,
in seinem Empfangszimmer, wo wir beide ein paar Minuten warten mußten,
solange der Chef beschäftigt war. Das Gespräch kam auf das Telegramm,
und Vandervelde las mir den ursprünglichen Text vor. Er begann so: „Wir
kämpfen gegen den Militarismus und Imperialismus" ....
— Ich muß Ihnen zu meinem größten Bedauern sagen, daß ein solches
Telegramm nicht durchgelassen wird. Sie rufen die Untertanen des russischen
Reiches auf, gegen den Imperialismus zu kämpfen. . . .
— Ja, aber doch nicht gegen den russischen, — unterbrach er mich rasch, —
sondern den deutschen, den kriegerischen Imperialismus, der alle bedroht. . .
— Warum sollte man also nicht sagen: gegen das preußische Junkertum?
— Ach, ein ausgezeichneter Gedanke! natürlich, gegen das Junkertum!
So wurde das Telegramm abgefaßt, während der Kabinettschef des
Kriegsministers kam, um uns miteinander bekannt zu machen. Dieses Tele-
gramm wurde abgesandt und traf bekanntlich in Petrograd ein.
Dieses Telegramm wurde bekanntlich in der Tat dem Abgeordneten
Tschcheidse durch das russische Außenministerium ausgehändigt. . ."
Diese Erzählung bedarf keines ausführlichen Kommentars. Im Vor-
zimmer des Kriegsministers des „heroischen" Belgiens kamen zusammen der
Vorsitzende der II. Internationale und der zaristische Botschafter, und begannen
gemeinsam die öffentliche Meinung der russischen Sozialisten zu „bearbeiten". . .
Das ist ein Symbol! . . .
Bis zu diesem Niveau ist der Sozialchauvinismus in der Gestalt seiner
bedeutenden Vertreter gesunken.
Durch Vandervelde haben die Bourgeoisie der Tripelallianz und die Di-
plomatie des russischen Zaren den harmlosen Tölpeln eine Angel: „Kampf
gegen das preußische Junkertum" ausgeworfen. Vielleicht beißt jemand an.
Und denkt Euch — man hat angebissen! Man erinnere sich nur an die Antwort
des einflußreichen russischen Zentrums der Liquidatoren.
— Bitte zu uns, Herren Sozialisten, „gegen das preußische Junkertum
zu kämpfen".
— Zu Befehl, durchlauchtigster Fürst Kudaschew, wir „arbeiten dem
Kriege nicht entgegen", wir gedenken der „unmäßigen Sünden des preußischen
Militarismus", — so antwortete das russische Zentrum der Liquidatoren auf
den Brief Kudaschew-Vandervelde. Zu Befehl! stimmten im Chorus Plechanow,
Alexinski, Rubanowitsch und Konsorten ein. Doch die Fraktion Tschcheidse —
o, sie sind fürchterliche Internationalisten, diese würdigen Abgeordneten aus
der Fraktion Tschcheidse! man frage ja Trotzki selber, — sie schwieg diplo-
matisch, ... als wäre sie taubstumm. Und die Organisations-Kommission
schrieb an den ehrwürdigen Vandervelde, dem Mitarbeiter Kudaschews, eine
noch ehrwürdigere Denunziation über die „Quertreiber" aus dem „Sozialdemo-
krat", die sich mit den Sozialchauvinisten nicht versöhnen wollen.
114
Es ist eine historische Tatsache, daß Vandervelde öffentlich nur von
unserer Partei in Gestalt ihres Z.-K. eine Abfuhr bekommen hat. Diese Antwort
glüht jetzt noch auf den Wangen aller franko-russischen Chauvinisten.
Marionetten des Zarismus, Drahtpuppen der Sasonows und der Kuda-
schews, — das sind unsere National-Liquidatoren und ihre Verteidiger aus
der Fraktion Tschcheidse und der O.-K. Mit jedem Tag wird dies deutlicher
werden. Wir werden noch ganz anderer Enttäuschungen Zeugen sein. . . .
26 ' ^ 1915 - G. Smowje».
Pazifismus oder Marxismus.
(Böse Folgen einer Losung.)
Die Frage der Friedenslosung hat für revolutionäre Marxisten eine viel
größere Bedeutung, als es mitunter scheint. Die Frage geht in Wirklichkeit
auf den Kampf gegen die bürgerliche Beeinflussung der Arbeiterbewegung
innerhalb des Sozialismus hinaus.
Die „Losung" des Friedens wird in der sozialistischen Literatur von zweierlei
Gesichtspunkten verfochten. Die einen billigen prinzipiell den Pazifismus nicht,
aber wollen in der Friedenslosung nur eine passende Tagesparole sehen, die die
Massen jetzt, sofort aufrütteln sollte, einen Appell, der eine Rolle spielen sollte
nur im Verlauf der Monate, die noch bis zum Friedensschluß geblieben sind. Die
anderen sehen in dieser Losung mehr: ein ganzes System der Außenpolitik des
Sozialismus auch nach dem Kriege, namentlich die Politik des angeblich sozia-
listischen Pazifismus.
De facto helfen die ersteren den letzteren. Und das kann auch nicht anders sein.
Eine ernsthafte Richtung, die eine eigene Vergangenheit, eine eigene
Theorie und eine ideelle Begründung hat, ist nur die letztere. Die Philosophie
dieser zweiten Richtung ist die folgende: der Sozialismus ist bisher nicht genügend
pazifistisch gewesen, er propagierte nicht genügend die Friedensidee, er kon-
zentrierte nicht seine Kräfte darauf, daß das Weltproletariat sich den Pazifismus
aneigne als ganzes System der Außenpolitik der Internationale. Daraus soll
sich auch die Hilflosigkeit des sozialistischen Proletariats im jetzigen Kriege
ergeben, daher die Ohnmacht der Internationale angesichts des ausgebrochenen
Kriegsunwetters.
Sehr plastisch kommt dieser Standpunkt in der neulich erschienenen
Broschüre von Max Adler: „Prinzip oder Romantik" (Nürnberg 1915) zum
Ausdruck.
In Worten ist Max Adler natürlich ein Gegner des bürgerlichen Pazifismus,
von dem er nichts wissen will. Er ist nicht einmal ein Pazifist jenen Schlages,
wie wir ihn in der englischen Independant Labour Party sehen. Er ist „Zen-
trumsmarxist", Kautskyaner. Und er stellt als Lehre des Krieges 1914/15
folgende Plattform auf:
«* 115
„Die äußere Politik des Marxismus kann nur eine pazifistische sein, pazi-
fistisch aber weder im Sinne der bürgerlichen Friedensbewegung . . . noch im
Sinne der bisherigen sozialistischen Anerkennung der Friedensidee, die . . . immer
nur mehr als Nebenziel im Emanzipationskampf des Froletariats angesehen
wurde . . . Hier ist jetzt vielmehr die Mahnung am Platz: Aller Internationalis-
mus der Sozialdemokratie wird und muß Utopie bleiben, wenn sie nicht die Friedens-
idee zum Mittelpunkt Vires Programms der äußeren und inneren Politik macht . . .
Der Sozialismus nach dem Kriege wird organisierter internationaler Pazifismus
sein oder er wird nicht sein." (S. 61/62.)
Das ist entschieden ein ganzes Programm. Aber nicht ein Programm des
Marxismus, sondern ein Programm des kleinbürgerlichen Opportunismus. Von
diesem „internationalen Pazifismus" ist ein Schritt zum internationalen Sozial-
chauvinismus. Die Logik des Überganges von einem zum andern ist sehr einfach:
wir sind Pazifisten, die Friedensidee ist der Mittelpunkt unseres Programms; da
aber der Pazifismus noch nicht tief genug in den Massen wurzelt, da die Friedens-
idee noch schwach ist, was bleibt da jedem anderes übrig, als sein Vaterland zu
verteidigen ? ! Natürlich, diesen Beschluß kann man nur vorübergehend fassen,
nur ,, schweren Herzens", gewiß, nach dem Frieden wird man die Propaganda
der Friedensidee zum „Mittelpunkt" machen müssen, aber — jetzt gilt es, das
Vaterland zu verteidigen. Einen anderen Ausweg gibt es nicht.
Für Sozialisten, die eine andere Perspektive, die revolutionäre Perspektive
der Umleitung der imperialistischen Kriege in den Bürgerkrieg nicht sehen —
für sie gibt es tatsächlich keinen anderen Ausweg. Vom Pazifismus zum Sozial-
chauvinismus und vom Sozialchauvinismus zur neuen Predigt des Pazifismus —
das ist der Zirkelkreis, in dem wie in einer Mäusefalle die Gedankengänge der
Opportunisten und der Zentrums-Marxisten hilflos zappeln.
„Die Friedens\dee zum Mittelpunkt!", das wird jetzt gesagt, nachdem
der erste alleuropäische imperialistische Krieg ausgebrochen ist! Das habt Ihr
aus den Ereignissen gelernt!
Nicht Friedensidee, sondern Bürgerkriegsidee, möchte man diesem großen
Utopisten zurufen, der sich mit einer so kleinen Utopie herrmtiägt. Bürger
Adler, nicht Friedensidee, sondern Bürgerkricgsidee\ — das muß zum Mittelpunkt
unseres Programms werden.
Es ist nicht schlimm, daß wir die Friedensidee vor dem Kriege wenig
propagiert haben, aber schlimm ist es, daß wir die Idee des Klassenkampfes,
des Bürgerkrieges, allzu wenig und nicht genug ernsthaft propagierten, denn
während des Krieges ist die Billigung des Klassenkampfes ohne Billigung des
Bürgerkrieges eine einfache Phrase, eine Lüge, eine Irreführung der Arbeiter.
Schon im Jahre 1900, als die deutsche Sozialdemokratie aus Anlaß der
Besetzung von Kiau-Tschau auf einem Parteitag die Maßnahmen zur Bekämp-
fung der imperialistischen Kriege besprach, hat Rosa Luxemburg auf dem
Parteitag in Mainz ausgezeichnet gesagt:
„In der Friedenszeit wettern wir täglich gegen die Außenpolitik der Re-
gierung, wir verdammen den Militarismus im Frieden. Aber wenn es zu einem
116
wirklichen Kriege kommt, vergessen wir, die praktische Schlußfolgerung daraus
zu ziehen und zu zeigen, daß unsere langjährige Agitation irgend welche
Früchte gezeitigt hat." (Bericht, S. 165.)
Es ist nicht schlimm, daß wir im Frieden den Frieden wenig propagierten.
Schlimm ist, daß, wenn der Krieg ausgebrochen ist, wir als Gefangene der Oppor-
tunisten dastehen, die den Frieden mit der Bourgeoisie auch zu Friedenszeiten
und ganz besonders während des Krieges erstreben. Es ist schlimm, daß wir,
die wir einen so mächtigen Feind vor uns haben, wie den internationalen Im-
perialismus, nicht imstande waren, das Proletariat vor den bürgerlichen Über-
läufern innerhalb unsrer eigenen Reihen zu bewahren, nämlich vor dem Oppor-
tunismus, der jetzt zum Sozialchauvinismus ausgeartet ist.
Ihr sagt, der Sozialismus wird entweder zum organisierten internationalen
Pazifismus werden oder er wird überhaupt nicht sein. Darauf antworten wir:
So begreift doch, daß Ihr durch die Predigt des Pazifismus nicht um einen
Schritt weiter kommt, daß Ihr Euch im Zirkel dreht, vom Sozialpazifismus zum
Sozialchauvinismus und vom Sozialchauvinismus zum Sozialpazifismus. Wir
sagen Euch: der Sozialismus wird entweder zum organisierten internationalen
Bürgerkrieg werden oder er wird garnichl sein . . .
Max Adler steht nicht vereinzelt da. Wir wählten gerade ihn als durch-
schnittlichen Wortführer einer ganzen ideell-politischen Richtung. Haben denn
nicht der ganze Jaure.-ismus und Jauies selbst in der Internationale diesen
Sozialpazifismus verteidigt ? Und zweifelt denn jemand daran, daß, wenn
dieser französische Volkstribun nicht von Mörderhand hinweggerafft worden
wäre, er jetzt in der Regierung säße und zusammen mit seiner französischen
Partei den Sozialchauvinismus verteidigte ? Konnte er denn, wenn er dem
Jauie^ismus treu bleiben wollte, eine andere Schlußfolgerung ziehen, als die des
„organisierten internationalen Pazifismus" ?
Das ist eben das Unglück, darin liegt die Ohnmacht der II. Internationale,
daß in ihrem Schöße die ganze Zeit hindurch jene Richtung fortbestand und —
wucherte, die auf ihr Banner nicht den kriegerischen Sozialismus, nicht die
Taktik des Bürgerkrieges schreibt, sondern den internationalen Pazifismus, der
unvermeidlich zur Taktik des Burgfriedens führt . . .
Wir alle applaudieren jetzt der Indep. Labour Party dafür, daß sie nicht
zu den Füßen der englischen Regierung gefallen ist, dafür, daß sie die Ehrlichkeit
und den Mut hatte, nicht ins Lager der Imperialisten umzusiedeln, sich nicht
dem Sozialchauvinismus zu verkaufen. Aber man darf sich keine Illusionen
machen. Die Indep. Labour Party war, ist und wird sein eine Anhängerin nicht
des kriegerischen Marxismus, sondern des „internationalen organisierten Pazi-
fismus". Die Indep. Labour Party ist uns vorübergehend ein Weggelahrte,
aber ein sicherer Verbündeter ist sie uns nicht. Sie hat Anstand und Mut, aber
sie hat kein konsequentes sozialistisches Programm. Wir wollen nicht ver-
gessen, daß sie sich jetzt schon den ominösen Resolutionen der Londoner
Konferenz angeschlossen hat, in der sich skrupellose Sozialchauvinisten
breit machten.
117
In der englischen Arbeiterbewegung gibt es drei Strömungen: 1. eine
sozialchauvinistische, der folgen die Labour Party, die meisten Trade-Unions,
die Hälfte der British Sozialist Party (Hyndman), die Kleinbürger unter den
Fabianern usw., 2. eine sozialpazifistische, die von der Indep. Labour Party
vertreten wird, und 3. eine revolutionär-marxisitische, die von der bedeutenden
Minorität (fast der Hälfte) der British Soz. Party vertreten wird.
Mutatis mutandis sehen wir dieselbe Einteilung auch in der deutschen
Sozialdemokratie. Das ominöse kautskyanische Zentrum tritt jetzt ebenfalls
entsclüossen für den Frieden ein. Kautsky verficht die Entwaffnung und Schieds-
gerichte, redet den Imperialisten zu, auf Extreme zu verzichten und einen ge-
wissen friedlichen Imperialismus auszuüben, Kautsky nähert sich schon längst
diesen Sozialpazifisten. Und ebenso wie jene ist er tatsächlich in jeder ernsten
Frage ein Bundesgenosse der Opportunisten im Frieden und ein Bundesgenosse
der Sozialchauvinisten im Kriege.
In Worten will der Sozialpazifist vom kleinbürgerlichen „humanitären"
Pazifismus nichts wissen. In der Tat aber ist er sein leiblicher Bruder. Und die
andere Seite sieht es ausgezeichnet ein. Das internationale Pazifistenorgan
„Die Menschheit" hat erst vor kurzem mit vollem Rechte geschrieben:
„Beachtenswert sind die Beschlüsse der Osterkonferenz der englischen
Unabhängigen Arbeiterpartei. Man könnte glauben, daß sie Wort für Wort
unseren (d. h. pazifistischen) Schriften entnommen seien . . . Kautsky ver-
öffentlicht eine Broschüre unter dem Titel: „Nationalstaat, imperialistischer
Staat und Staatenbund". Schon allein der Titel zeigt, wie sehr Kautsky sich
im Bannkreis der pazifistischen Ideen befindet."
Ein so angesehener Vertreter des kleinbürgerlichen humanitären Pazi-
fismus wie Prof. A. Forel, erklärt direkt, daß er seit Jahrzehnten „Sozialist"
sei. Und wenn man seine Projekte der Organisation eines „supranationalen
Aeropags" (vergl. seine interessante Broschüre: „Die Vereinigten Staaten der
Welt", 1915, S. 99, 106 u. a.) zur Schlichtung der internationalen Konflikte liest,
wenn man liest, wie er die Imperialisten beschwichtigt, eine „kulturelle" Kolonial-
politik zu führen, so geht einem der Gedanke nicht aus dem Kopf: unsere Sozial-
pazifisten stehen doch ihrer ganzen Gesinnung nach, nach ihrer ganzen skep-
tischen Einstellung zu den Perspektiven des revolutionären Massenkampfes
vielmehr zu den guten Kleinbürgern, als zu den revolutionären Proletariern.
„Der prinzipielle Pazifismus war der Sozialdemokratie, insofern sie sich
auf den orthodoxen Marxismus stützte, stets fremd," so schrieb neulich vor-
wurfsvoll den Marxisten gegenüber der Flerr Struve, der begeistert die fran-
zösischen Sozialchauvinisten (und Plechanow) begrüßt, weil sie durch ihr jetziges
Benehmen die Tradition des „großen Redner und Pazifisten Jean Jaures fort-
setzen". Struve hat recht. Ja, dem orthodoxen Marxismus war stets der prinzi-
pielle Pazifismus fremd. In den Jahren 1848/49 rief Marx direkt das revolutio-
näre Deutschland auf, nach dem Siege über den vaterländischen Absolutismus
gemeinsam mit dem revolutionärem Polen den revolutionären Angriffskrieg
gegen den Zarismus, diesem internationalen Gendarm und dieser Stütze der inter-
118
nationalen Reaktion, zu führen. Diese Haltung von Marx hat natürlich mit dem
prinzipiellen Pazifismus nichts gemeinsam. Im Jahre 1885 begrüßte Jules
Guesde den damals drohenden Krieg zwischen Rußland und England in der
Hoffnung, daß aus dieser Katastrophe der Beginn der sozialen Revolution er-
wachsen würde. Als Guesde so handelte, als er das Proletariat aufrief, den Krieg
zweier Großmächte zur Beschleunigung der proletarischen Revolution auszu-
nutzen, war er viel mehr Marxist als jetzt, da er zusammen mit Sembat die Tradi-
tion des „großen Redner und Pazifisten Jean Jaures" fortsetzt. Im Jahre 1882
schrieb Friedrich Engels (siehe seinen Brief an Kautsky vom 12. September 1882
zur Frage des Kampfes gegen die Kolonialpolitik in Kautskys Broschüre: „Sozia-
lismus und Kolonialpolitik", S. 79) folgendes: „Das siegreiche Proletariat kann
nicht darnach streben, ein anderes Volk gewaltsam zu beglücken, ohne dadurch
seinen eigenen Sieg zu untergraben. Aber dadurch werden natürlich Verteidigungs-
kriege nicht ausgeschlossen," d. h. Kriege des in diesem oder jenem Lande
siegreichen Proletariats gegen die Länder, die für Beibehaltung des Kapitalismus
kämpfen. Als Engels so sprach, trat er als Gegner des prinzipiellen Pazifismus
und als revolutionärer Marxist auf.
Ja, wir sind garnicht prinzipielle Pazifisten, wir sind garnicht gegen alle
Kriege. Wir sind gegen ihre Kriege, gegen die Kriege der Unterdrücker, gegen
die imperialistischen Kriege, gegen Kriege, die gerichtet sind auf Verknechtung
von Millionen und Absrmillionen der werktätigen Massen. Doch „die Sozial-
demokraten können die positive Bedeutung der revolutionären Kriege nicht
leugnen, d. h. nicht der imperialistischen Kriege, sondern solcher, die z. B.
geführt wurden von 1789 bis 1871 zur Befreiung vom fremden Joche und zur
Schaffung von kapitalistischen Nationalstaaten aus den feudal zersplitterten
Staaten, oder solcher, die zum Schutz der Errungenschaften des siegreichen
Proletariats im Kampfe mit der Bourgeoisie zulässig sind." (Siehe unsere Re-
solution über Pazifismus in Nr. 40 des „Sozialdemokrat".)
Aber hat denn all das irgendwie Bezug auf unsere russischen Streitig-
keiten, auf jene Meinungsverschiedenheiten, die in der Frage der Friedens-
losung unter uns und, sagen wir dem Blatt des russischen „Zentrums" — „Nasche
Slowo" bestehen ?
Entschieden ja. Wir sehen nicht in „Nasche Slowo" eine konsequente
Verfechtung des prinzipiellen Pazifismus im Geiste Adlers — gewiß, aber die
Theorie des „demokratischen Friedens" wird von dieser Zeitung durchaus ver-
treten, und sie lehnt unsere Fragestellung ab, die behauptet, daß „die Zulassung
der Möglichkeit eines sogenannten demokratischen Friedens ohne eine Reihe
von Revolutionen grundfalsch ist" (siehe unsere Resolutionen in Nr. 40 des
„Soz. dem."). Und sicherlich zieht das Blatt keinen scharfen Strich zwischen
den zwei Weltauffassungen, den zwei Taktiken des organisierten internationalen
Pazifismus und der organisierten internationalen Vorbereitung des Bürger-
krieges . . .
119
Vor allem wollen wir einen angeblichen Streitpunkt hervorheben. Der
„Sozialdemokrat" behauptet, „Nasche Slowo" begehe einen groben politischen
Feliler, indem er die Massenbewegung, die unter der Losung des Friedens verläuft,,
ignoriert, wie z. B. die Demonstration der deutschen Sozialistinnen vor dem
Reichstag und anderes mehr („Nasche Slowo", Nr. 100). Das ist natürlich un-
richtig. Die Demonstration vor dem Reichstag ist eine außerordentlich wichtige
und sympatische Erscheinung. Diese Demonstration wurde zum politischen Ereig-
nis, weil sie sich auf die Losung des Friedens nicht beschränkte, weil die Demon-
stranten direkt gegen den Sozialchauvinismus protestierten und Scheidemann aus-
pfiffen. Es fragt sich: warum soll vom Standpunkt der revolutionären Marxisten
die Losung dieser Demonstration einfach , .Frieden" sein? Warum nicht: „Brot
und Arbeit" ? Warum nicht: „Nieder mit dem Kaiser" ? Warum nicht: „Deutsche
Republik" ? Warum nicht: „Es lebe die Kommune in Berlin, Paris und London" t
Man wird sagen: die Friedensparole ist für die Massen verständlicher;
das Massengemetzel bedrückt sie, die Entbehrungen infolge des Krieges sind un-
geheuerlich, die Leiden übermäßig; genug des Blutes, unsere Söhne und Männer
seilen heimkehren — diese einfache Parole wird von den Massen am leichtesten
zu eigen gemacht. Mag sein. Aber seit wann bemächtigt sich die revolutionäre
Sozialdemokratie der „leichtesten Parolen" ?
Die Sozialdemokratie darf natürlich die heranreifende Bewegung zur
Kriegsbeendigung nicht ignorieren, sie hat den steigenden Abscheu gegen das
imperialistische Gemetzel von 1914/15 auszunützen und die Massen aufzuklären,
sie selber muß diesen Abscheu gegen das Gemetzel erzeugen, muß Haß gegen
dessen Urheber ausstreuen. Aber bedeutete sie, daß ihre Losung, ihre politische
Schlußfolgerung aus der gewaltigen blutigen Lektion der Jahre 1914/15, ihr
Wahlspruch lediglich nur: „Friede" sein soll?
Nein und tausendmal nein! Die Sozialdemokraten werden auch an der
Friedensdemonstration teilnehmen. Aber sie werden dort das ihrige zu sagen
haben. Sie werden von der einfachen Friedensstimmung zum revolutionären
Kampfe übergehen. Sie werden jene Kleinbürger des Pazifismus entlarven —
sowohl aus dem Lager des Bourgeoisie, wie auch dem der Pseudo-Sozialisten, —
die die Massen mit Versprechungen eines „demokratischen" Friedens ohne
revolutionäre Aktionen einlullen.
In der „Friedenslosung" allein ist noch absolut nichts revolutionäres
enthalten, sie wird nur in dem Moment revolutionär, wenn sie zu einem Teil
unserer Argumentierung für die Taktik des revolutionären Kampfes wird, erst
im Augenblick, wo sie vom revolutionären Appell, vom revolutionären Protest
gegen die Regierung des eigenen Landes, gegen die Imperialisten des eigenen
Vaterlandes begleitet wird. Trotzki wirft uns vor, daß wir die „Friedenslosung"
einzig und allein dem sentimentalen Pazifisten und Pfaffen überlassen. („Nasche
Slowo".) Was heißt das? Wir haben bloß die unbestrittene unzweifelhafte
Tatsache konstatiert: für die nackte „Losung" Frieden treten sowohl die Pfaffen
(man denke an die zahlreichen Enzyklika des Papstes), wie auch sentimentale
Pazifisten ein. Das bedeutet keineswegs, daß wir gegen die „Friedenspaiole""
sind. Das Motiv der raschesten Beendigung des Gemetzels soll die entsprechende
Rolle in unserer Agitation spielen und tut es auch. Aber das bedeutet, daß unsere
Paiole der revolutionäre Kampf ist, daß die Agitation für den Frieden nur in dem
Moment sozialdemokratisch wird, wo sie von revolutionärem Protest begleitet ist.
Man frage einfach nach der Tatsache : wer stellt jetzt die Losung des Friedens
als solche auf ? Versuchen wir objektiv diese gesellschaftlichen und politischen
Gruppen aufzuzählen. Für den Frieden treten ein: die englischen bürgerlichen
und Sozialpazifisten, Kautsky, Haase und Bernstein, der deutsche Partei-
vorstand, ferner die holländische und andere Friedensligen, dann das Oberhaupt
der katholischen Kirche, ein Teil der englischen Bourgeoisie (die jüngsten Ent-
hüllungen über englische Friedensschritte), ein Teil der fortgeschrittenen russi-
schen Kaufmannschaft, die ganze Hefpartei in Rußland usw. Natürlich hat
jede dieser Gruppen und Parteien andere Friedensmotive und eine andere Frage-
stellung. Aber das bedeutet ja auch, daß die einfache Friedensparole in diesem
Moment nicht die Parole der revolutionären Sozialdemokratie sein kann.
Unzweifelhaft ist noch etwas anderes: um die Friedenslosung geht das
Spiel der entsprechenden Generalstäbe und Regierungen, je nach ihren strate-
gischen und politischen Einstellungen. Das war so nicht nur in Kriegszeiten,
sondern auch im Frieden. Der Führer der deutschen Opportunisten, Herr Eduard
David, hat neulich in seiner Bibel des Sozialchauvinismus folgende wichtige
Enthüllungen gemacht. Es hat sich herausgestellt, daß die Berner Friedens-
konferenz vom Jahre 1914 nicht ohne die Beteiligung der . . . deutschen Re-
gierung verlief.
,,Es ist nachträglich bekannt geworden," schreibt David, ,,daß die intra-
parlamentarischen Bestrebungen nach einem Abkommen zwischen Frankreich
und Deutschland von Bethmann-Hollweg unterstützt worden waren. Wie der
Abgeordnete Gothein mitgeteilt hat, wurde die Beteiligung der bürgerlichen
Parteien an der Basler Konferenz vom Jahre 1914 vom Außenministerium gradezu
empfohlen." („Die Sozialdemokratie im Weltkrieg", S. 81.)
So handeln die bürgerlichen Regierungenim Interesse ihres diplomatischen
Spieles. Sie beuten in zynischer Weise die FYiedensbestrebungen der Sozialisten
aus, um sie zu Marionetten in ihren Händen zu machen. Wer könnte zum Bei-
spiel mit Bestimmtheit sagen, wer die jüngsten Aufrufe des deutscheu Partei-
vorstandes eher veranlaßt hat: der Druck von Seiten der Arbeiter und der sozial-
demokratischen Opposition oder gewisse Einf ü terungen von Seiten der Beth-
mann-Hollweg nahestehenden „Sphären" ? Das sagt garnichts gegen die Ge-
waltmaßnahmen gegen die Sozialdemokratie wegen der Veröffentlichung des
Aufrufes. Das ganze Spiel der Bethmann-H lLveg besteht ja gerade darin, zu
sagen: Wir sind nach wie vor, auch nach Lemberg, für das Durchhalten, wir
haben Reserven in Hülle und Fülle, aber das „Volk" ist bereits genügend
siegesberauscht, es will jetzt einen „ehrlichen Frieden" haben.
Bemerkenswert, daß die offiziellen Vertreter der „Friedensparole" mitunter
nicht einmal verhehlen, daß sie sich von der strategischen Lage ihres „Vater-
landes" leiten lassen. Die offiziellen Organe der deutschen Partei veröffentlichen
121
den Friedensaufruf des Parteivorstandes und erklären dabei: Wir sind bevoll-
mächtigt, die Erklärung abzugeben, daß unser Parteivorstand bereits am 7. Mai
diesen Aufruf einstimmig gebilligt hat . . . Aber die Veröffentlichung winde
aufgehalten durch den Eintritt Italiens in den Kiieg. Nach den großen mili-
tärischen Erfolgen in Galizien hat der Vorstand beschlossen, ihn zu veröffent-
lichen. („Hamburger Echo" Nr. 147.) Dieselben offiziellen Organe der deutschen
Sozialdemokratie haben ohne ein Wort der Kritik das Kommentar zu der Kund-
gebung des Vorstandes nachgedruckt, das von der offiziösen „Norddeutschen
Allgemeinen Zeitung" herrührt. „Die sozialdemokratische Parteileitung,"
schreibt das Organ der deutschen Regierung, „ist ebenso wie die anderen Or-
ganisationen mit ihrer Kundgebung hervorgetreten, gestützt auf unsre volle
Sieges« ewißheit" .. .
Das ist die offene Logik des Sozialchauvinismus. Unser Hindenburg
oder unser Mackensen hat einen militärischen Sieg erfochten, —
deshalb vertreten wir jetzt die Losung des Friedens. Aber „unser" Joffre oder
unser Kitchener hat keinen Sieg erfochten, — daher sind wir für den Krieg
„jusq'au bout". . .
Andererseits kann auch eine große Niederlage diejenigen, die es wissen
sollen, veranlassen, den „Sozialisten" zuzuwinken: Jetzt, Brüder, drauf los,
zur Friedensparole! Das war während der Wiener Konferenz der Fall, als die
Armeen des russischen Zaren über die Karpathen zogen und Krakau bedroht war.
Das allein sollte die revolutionären Internationalisten davon abhalten,
die nackte Friedensparole zu der ihren zu machen. . .
Der Friedensparole ist ein großes Pech widerfahren — sei es auch nur
in „Nasche Slowo". Dort wurde sie zuerst mit rein pazifistischen Argumenten
verfochten, indem man für einen Frieden mit „Bedingungen", d. h. für einen
demokratischen Frieden eintrat. Jetzt wird sie bedingungslos verfochten als
blanke Friedensparole, denn es leuchtet ja nur zu sehr ein, daß „Entwaffnung",
„Schiedsgericht" usw. zu der revolutionären Fragestellung schlecht passen.
Aber eine nackte „Friedensparole" ist vom Standpunkt der Sozialdemokratie
schon geradezu sinnlos. Für den Frieden „überhaupt" ist sowohl Nikolaus II.
wie Wilhelm II. — sie brauchen gar nicht den Krieg um des Krieges willen. . .
Die Friedensparole verfocht von Anfang an auch Kautsky. („Kampf für
den Frieden, Klassenkampf im Frieden".) Als Internationalisten und Pazifisten
geben sich sowolü V. Adler, wie Sembat, Scheidemann und alle Sozialchau-
vinisten überhaupt aus. Je näher es zum Kriegsende kommen wird, um so mehr
wird sich das schwindelhafte diplomatische Kulissenspiel der bürgerlichen
Cliquen offenbaren, um so weniger wird die nackte Friedenslosung die der
Sozialisten und Internationalisten sein können.
Besonders viel Schaden stiftete der durchaus falsche Gedanke, daß Inter-
nationalisten sich nach dem Merkmal zu orientieren haben: Wer ist für die
Friedensparole, wer ist dagegen ? Wenn es darum gehen sollte, daß die Inter-
nationalisten der verschiedenen Länder sich nicht einigen, sich nicht unter
einem bestimmten programmatischen Banner zusammenschließen, wenn es
122
darum ginge, die Grenze zwischen ihnen und dem „Zentrum" zu verwischen, —
dann müßte man die Friedensparole wählen.
Die italienischen Sozialisten haben in der Presse erklärt, daß sie eine Kon-
ferenz oder einen Kongreß der Internationalisten einberufen wollen. Dieses
Unternehmen verdient die energischste Unterstützung. Aber es wird 9 / l0 seiner
Bedeutung einbüßen, wenn es sich darauf beschränken wird, was die inter-
nationale Frauen- und Jugendkonferenz getan haben. Es handelt sich nicht
darum, daß eine „einstimmige" Zustimmung zu der Friedensparole abgefaßt
werde und man sich zu einem einmütigen „Aktionsprogramm" gratuliere, —
einem Programm der angeblichen Tat und der tatsächlichen Tatenlosigkeit.
Es geht darum, daß man sich in der vorhandenen schrecklichen Krise des
Sozialismus orientiere, daß die Reste der unversehrt gebliebenen marxistischen
Armee gesammelt werden, daß man sich von den offenkundigen Verrätern
und den schwankenden Elementen, die ihnen Hilfe leisten, trenne, daß die
Richtlinie des Kampfes gegen die unsere sozialistische Generation bedrohende
imperialistische Epoche vorgezeichnet und ein marxistischer internationaler
Kern geschaffen werde.
Es gibt jetzt schon eine Menge Leute, die die Friedensparole gerne im
Munde führen. Es werden ihrer immer mehr und mehr werden. Die Aufgabe
der revolutionären Internationalisten ist eine ganz andere. Wir können das
Banner des Sozialismus nur dann retten, die großen Massen der Arbeiter unter
dieses Banner sammeln und den Grundstein für die künftige, wahrhaft sozia-
listische Internationale legen, wenn wir sofort das volle marxistische Programm
verkünden und klipp und klar in unserem Sinne die Frage beantworten, wie
das sozialistische Proletariat im Zeitalter des Imperialismus zu kämpfen hat.
Wir haben es mit einer viel schwierigeren Frage zu tun, als mit der Frage wie
viel Monate bis zur Beendigung des ersten imperialistischen Krieges übrig ge-
blieben sind. Wir haben es mit der Frage einer ganzen Epoche der imperialistischen
Kriege zu tun.
Nicht die Idee des internationalen Pazifismus, sondern der Gedanke des
internationalen Bürgerkrieges — wird im Zeichen des Sieges stehen.
23. August 1915. „ „.
G. Smowjew
Über die Losung der Vereinigten Staaten Europas.
In Nummer 40 des „Sozialdemokrat" haben wir den Beschluß der aus-
ländischen Sektionen unserer Partei mitgeteilt, die Besprechung der Losung:
„Vereinigte Staaten Europas" zu verschieben bis die wirtschaftliche Seite der
Frage in der Presse eine Klärung gefunden haben würde.
Die Diskussion über dieses Thema hat auf unserer Konferenz einen ein-
seitig politischen Charakter angenommen. Das wurde vielleicht zum Teil da-
durch hervorgerufen, daß im Manifest des Z.-K. diese Losung direkt als politische
123
Losung formuliert wurde („von der nächsten politischen Losung ..." ist dort
die Rede) ; dabei werden nicht allein die republikanischen Vereinigten .Staaten
von Europa hervorgehoben, sondern es wird auch betont, daß „ohne den revo-
lutionären Sturz der deutschen, österreichischen und russischen Monarchie''
die Losung sinnlos und falsch sei.
Es wäre vollkommen verfehlt, gegen eine solche Fragestellung im Rahmen
der politischen Bewertung dieser Losung zu polemisieren, — zum Beispiel von
dem Standpunkt aus, daß sie die Losung der sozialistischen Revolution ver-
dränge oder schwäche u. a. m. Politische Reformen in wirklich demokratischem
Geiste und um so eher politische Revolutionen können unter keinen Umständen,
niemals, unter keinen Bedingungen die Losung der sozialistischen Revolution
verdrängen oder abschwächen. Im Gegenteil, sie bringen sie näher, erweitern
die Basis für sie und ziehen neue Schichten des Kleinbürgertums und der halb-
proletarischen Elemente in den Kampf hinein. Aber andererseits sind politische
Revolutionen unvermeidlich im Werdegang der sozialistischen Revolution,
die man nicht als einen einzigen Akt zu betrachten hat, sondern als Epoche
stürmischer politischer und wirtschaftlicher Erschütterungen, des schärfsten
Klassenkampfes, des Bürgerkrieges, der Revolutionen und Gegenrevolutionen.
Aber wenn die Parole: Vereinigte Staaten von Europa, in Zusammenhang
gebracht mit der revolutionären Umwälzung in den drei reaktionärsten Mo-
narchien Europas, mit der russischen an der Spitze, als politische Losung un-
antastbar ist, so bleibt noch die sehr wichtige Frage nach dem wirtschaftlichen
Inhalt und nach der Bedeutung dieser Parole übrig. Vom Standpunkt der
wirtschaftlichen Bedingungen des Imperialismus, d. h. des Kapitalexportes
und der Aufteilung der Welt unter den „fortschrittlichen" und „zivilisierten"
Kolonialstaaten sind die Vereinigten Staaten von Europa unter dem Kapitalismus
entweder unmöglich oder reaktionär.
Das Kapital ist international und monopolistisch geworden. Die Welt
ist unter einem Häuflein Großmächte verteilt, d. h. solcher Staaten, die in
der großen Ausräuberung und Unterdrückung der Nationen den größten Erfolg
zu verzeichnen haben. Die vier Großmächte Europas: England, Frankreich,
Rußland und Deutschland (mit einer Bevölkerung von 250 — 300 Millionen und
einer Gesamtfläche von ca. 7 Millionen Quadratkilometer) verfügen über
Kolonien mit einer Bevölkerung von fast einer halben Milliarde (49,45 Mill.)
und einer Fläche von G4,6 Millionen Quadratkilometer, d. h. fast über die halbe
Erdkugel (133 Millionen Quadratkilometer ohne die Polarzone). Fügen Sie
dazu die drei asiatischen Staaten: China, die Türkei und Persien hinzu, die
jetzt in Stücke gerissen werden von den Räubern, die jetzt den „Befreiungs-
krieg" führen, nämlich: Japan, Rußland, England und Frankreich. Diese
drei asiatische Staaten, die man als Halbkolonien bezeichnen kann (in Wirk-
lichkeit sind sie zu 9 /, Kolonien), haben 360 Millionen Bewohner und eine
Gesamtfläche von 14,5 Quadratmeilen (d. h. eineinhalbmal soviel als die
Gesamtfläche von ganz Europa).
124
Ferner: England, Frankreich und Deutschland haben im Auslände min-
destens 70 Milliarden Rubel Kapital untergebracht. Um eine „rechtmäßige"
Einnahme von dieser netten Summe zu liefern (eine Jahreseinnahme von über
3 Milliarden Rubel), dienen die nationalen Ausschüsse der Millionäre, die man
Regierungen nennt, die über eine Armee und eine Flotte verfügen, und die in
den Kolonien und Halbkolonien die Söhnlein und Brüder des „Herren Kapital"
„unterbringen": als Konsule und Vizekonsule, Botschafter, allerhand Beamte,
Priester und andere Blutsauger.
So ist im Zeitalter des höchst entwickelten Kapitalismus die Ausräuberung
von fast einer Milliarde Erdbewohner durch ein Häuflein Großmächte organisiert.
Aber unter dem Kapitalismus wäre jede andere Organisation unmöglich. Auf
die Kolonien, auf die Einflußsphären, auf den Kapitalexport verzichten ? Daran
denken würde heißen, zum Niveau des Pfäffleins herabsinken, das jeden Sonntag
die Erhabenheit des Christentums predigt und rat, den Armen zu schenken . . .
wenn nicht ein paar Milliarden, so doch wenigstens ein paar hundert Rubel
im Jahr.
Die Vereinigten Staaten Europas sind unter dem Kapitalismus gleich-
bedeutend mit einer Aufteilung der Kolonien. Aber im Kapitalismus ist jedes
andere Prinzip, jede andere Grundlage der Teilung als die Macht unmöglich.
Der Milliardär kann die „nationalen Einnahmen" des kapitalistischen Landes
nicht anders mit einem anderen teilen, als nach dem Verhältnis des Kapitals
(dazu noch mit dem Zusatz, daß das größte Kapital mehr bekommt, als ihm
gehört). Kapitalismus bedeutet Privateigentum an den Produktionsmitteln
und Anarchie der Produktion. Auf dieser Grundlage eine „gerechte" Teilung
der Einnahmen predigen, ist Proudhonismus, kleinbürgerlicher und philiströser
Stumpfsinn. Man kann nicht anders teilen, als entsprechend der Macht. Und
die Machtverhältnisse ändern sich mit dem Gang der wirtschaftlichen Ent-
wicklung. Nach 1871 verstärkte sich Deutschland 3 — 4 mal rascher als England
und Frankreich. Japan — 10 mal rascher als Rußland. Um die tatsächliche
Macht eines kapitalistischen Landes zu prüfen, gibt es kein anderes Mittel, als
Krieg, und kann es auch nicht geben. Der Krieg ist kein Widerspruch gegen
die Grundlagen des Privateigentums, sondern eine direkte und unvermeidliche
Folge dieser Grundlagen. Unter dem Kapitalismus ist ein gleichmäßiges
Wachstum der wirtschaftlichen Entwicklung der einzelnen Wirtschaften und
der einzelnen Staaten unmöglich. Unter dem Kapitalismus gibt es keine anderen
Mittel zur Wiederherstellung der von Zeit zu Zeit gestörten Gleichgewichte,
als Krisen in der Industrie und Kriege in der Politik.
Freilich, vorübergehende Abkommen zwischen den Kapitalisten und den
Mächten sind durchaus möglich. In diesem Sinne sind auch die Vereinigten
Staaten von Europa möglich, als Abkommen der Kapitalisten Europas . . . über
was ? Darüber, daß mit vereinten Kräften der Sozialismus in Europa unterdrückt
werde und die geraubten Kolonien gegen Japan und Amerika verteidigt werden,
al-o die Länder, die bei der jetzigen Aufteilung der Kolonien umgangen wurden
und die im letzten halben Jahrhundert bedeutend stärker geworden sind als das
125
rückständige monarchische und schon altersschwache Europa. Im Vergleich
mit den Vereinigten Staaten Amerikas bedeutet Europa im großen und ganzen
Stagnation. Auf der heutigen ökonomischen Basis, d. h. unter dem Kapitalismus
würden die Vereinigten Staaten von Europa eine Reaktion zur Hemmung der
raschesten Entwicklung Amerikas bedeuten. Jene Zeiten, da die Sache der
Demokratie und des Sozialismus allein an Europa geknüpft waren, sind un-
widerruflich vorbei.
Die Vereinigten Staaten der Welt (und nicht allein Europas) sind jene
Staatsform des Zusammenschlusses und der Freiheit der Nationen, die wir mit
dem Sozialismus verknüpfen, — solange bis der volle Sieg des Kommunismus
zur endgültigen Vernichtung eines jeden, sei es auch demokratischen Staates
führen wird. Als selbständige Losung wäre jedoch die Losung: Verein gte
Staaten der Welt kaum richtig, denn 1. verschmilzt sie mit dem Sozialismus,
und 2. deshalb, weil sie eine irrtümliche Auffassung über die Unmöglichkeit
des Sieges des Sozialismus in einem Lande und über das Verhältnis eines solchen
Landes zu den übrigen Ländern hervorrufen würde.
Die Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung
ist ein unleugbares Gesetz des Kapitalismus. Daraus folgt, daß ein Sieg des
Sozialismus zuerst in wenigen oder sogar in einem einzigen Lande möglich ist.
Das siegreiche Proletariat dieses Landes würde, nachdem es die Kapitalisten
expropriiert und seine sozialistische Produktion organisiert hätte, sich gegen
die übrige kapitalistische Welt erheben und nötigenfalls sogar mit Kriegsgewalt
gegen die ausbeuterischen Klassen und ihre Staaten vorgehen. Die politische
Form der Gesellschaft, in der das Proletariat siegt, wird die demokratische
Republik sein, die immer mehr die Kräfte des Proletariats der betreffenden
Nation oder der betreffenden Nationen zentralisiert im Kampfe gegen die
Staaten, die zum Sozialismus noch nicht vorgedrungen sind. Ohne Diktatur
der unterdrückten Klasse, des Proletariats, ist eine Aufhebung der Klassen
unmöglich. Eine freie Vereinigung der Nationen im Sozialismus ist unmöglich
ohne einen mehr oder weniger langwierigen, hartnäckigen Kampf der sozia-
listischen Republiken mit den übrigen Staaten.
Das sind die Argumente, warum die Redaktion des Zentraiorgans unserer
Partei nach allseitiger Besprechung der Frage in der Konferenz der ausländischen
Sektionen der R. S.-D. Arbeiterpartei zum Schluß gelangt ist, daß die Losung:
Vereinigte Staaten von Europa unrichtig ist.
23. August 1915. N. Lenin.
Seiner Majestät »höchsteigene« Sozialdemokraten.
Der Krieg hat uns auch diese Sorte „Sozialdemokraten" beschert. Und
an die Spitze dieser Herren hat sich niemand anderer gestellt, als Plechanow.
Ein Verdienst haben die Verfasser und Herausgeber des kürzlich erschienenen
Plechanow-Sammelbuches: „Der Krieg": sie konnten sich nicht entschließen,
126
den Namen unserer Partei in den Titel ihres Werkes zu setzen. Sie fühlten
selbst, daß die Worte: „Proletarier aller Länder vereinigt euch" doch gar zu
sehr profaniert wären, wenn sie im Titel dieser Sammlung stünden, die den
Geist der schwarzen Hundert atmet. Sie erkannten, daß diesem Sammelbuche die
ehrwürdige Devise: Selbstherrschaft, Rechtgläubigkeit, Volkstum, weit an-
gemessener wäre.
Der Hauptartikel der Sammlung ist Plechanows Essay: „Weiteres über
den Krieg". Als Spaßmacher produziert sich der „gewesene Revolutionär"
Alexinski. Einige halbgebildete „Mitarbeiter" bilden das würdige „Milieu"
der Plechanow und Alexinski von heute.
Plechanow tritt geradezu als Agent des russischen Ministeriums des Äußeren
auf. Die Mission, die Miljukow im Lager der liberalen „Gesellschaft" erfüllt,
ÜDernimmt Plechanow freiwillig im Lager der Arbeiter. Er besorgt die Mohren-
wäsche der auswärtigen Politik des Zarismus ohne alle Scham und Scheu. Zu
den entehrten Federn des Menschikow und Struve kam nun die Feder des „Sozial-
demokraten Seiner Majestät" Plechanow hinzu.
An alles mußten sich die sozialistischen Arbeiter in der gegenwärtigen
erbärmlichen Zeit gewöhnen, aber den Rekord im Renegatentum hat, wie es
scheint, doch Plechanow geschlagen.
Der russische Zarismus führt nach Plechanow einen „gerechten Krieg".
Der Ausbeuter unterdrückt, folglich greift er an. Der Ausgebeutete trachtet,
sich vom Drucke zu befreien, folglich verteidigt er sich . . . Wir sind moralisch
verpflichtet, unser Vaterland zu verteidigen, wenn es Angriffen ausgesetzt ist,
oder mit andern Worten, wenn es einen notwendigen und gerechten Krieg führt.
„Das, was Rußland für Serbien verlangte, deckte sich fast vollständig mit den
Forderungen der sozialdemokratischen Internationale. — Nichts kanu wahrer
sein als dies." (Sammelbuch, S. 19, 25, 32.)
Bedenke, Leser, was Plechanow sagt. Der russische Zar führe einen „not-
wendigen, gerechten" Krieg, der russische Zar sei „ausgebeutet, er trachte, sich
vom Drucke zu befreien, folglich verteidige er sich" . . .
Hören sie, hochverehrter Herr Sozialdemokrat Seiner Majestät, auch im
Renegatentum muß man ein gewisses Gefühl für Maß behalten! Der russische
Zarismus, der das Nationalgefühl von Millionen und Abermillionen „Fremd-
stämmiger" innerhalb unseres Landes mit Füßen tritt, der seit mehr als einem
halben Jahrhundert die Rolle eines internationalen Gendarmen spielt, der
Finnland würgt, Persien zerfleischt, die Türkei ausraubt und alle fünf Jahre
nach Asien eine „Expedition" schickt, um neue Millionen und Abermillionen
Menschen sich zu unterwerfen, der Armenierschlächtereien veranstaltet, der
durch seine blutige Politik den Balkanvölkern auch nicht einen Tag Ruhe läßt —
der russische Zarismus, dieser größte und niederträchtigste Ausbeuter fremder
Völker, hat sich unter Plechanows Feder in ein unschuldiges Lamm verwandelt,
in einen „Ausgebeuteten", der bestrebt sei, sich vom Drucke zu befreien, folglich,
sich verteidige. Man sagt, daß Renegaten . . . wollte sagen, Neubekehrte immer
maßlos sind in der Anbetung des Gegenstandes ihres neuen Glaubens, aber wir
127
raten doch den neuen Verteidigern des Zarismus: Lügt, aber haltet doch Maß,
Ihr Herren! . . . Glaubt Ihr denn wirklich, daß Ihr in unserem Lande auch nur
einen zurechnungsfähigen Arbeiter finden werdet, der Kuch glauben wird, daß
der russische Zar kein Ausbeuter, sondern ein Ausgebeuteter sei?
Der russische Zarismus führe einen „gerechten", ja noch mehr, einen
„notwendigen" Krieg. Es lebe der russische Zarismus! — fast hätte es Plechanow
ausgesprochen, denn eine bessere Rechtfertigung des russischen Zarismus, als
die, daß er im Weltkrieg die Gerechtigkeit und die geschichtliche Notwendigkeit
verteidige, läßt sich kaum denken. Zar Nikolaus II. in der Gloriole eines „ge-
rechten" Zaren, der einen „notwendigen" Krieg führt — dies aus dem Munde
eines Sozialdemokraten zu hören, hat sich wahrhaftig Nikolaus niemals träumen
lassen . . . Russische Arbeiter, russische Bürger! Hört Ihr ? Als die Zarenbande
Euch unter Drohung des Erschießens hinausschickte, Galizien zu plündern
und zu sengen, Bücher in kleinrussischer Sprache zu verbrennen, Juden-
pogrome zu veranstalten und die Türken abzuschlachten, als sie die Söhne Ruß-
lands zu Millionen zugrunde richtete, um einem Häuflein Kapitalisten die Herr-
schaft über Konstantinopel zu verschaffen — war dies „notwendig", und vollzog
sie damit das Gebot der „Gerechtigkeit" ? Es lebe Hindenburg, das unbewußte
Werkzeug der sozialen Revolution! — schreien die „Sozialdemokraten" Seiner
Majestät Wilhelms II., um die deutschen Arbeiter irre zu führen. Es lebe Nikolai
Nikola je witsch, das unbewußte Werkzeug der Idee der Gerechtigkeit! — ruien
die „Sozialdemokraten" Seiner Majestät Nikolaus IL, um die russischen Arbeiter
irre zu jähren. Das Eine ist des Andern wert.
Das, was der russische Zarismus für Serbien forderte, „fiel fast vollständig
mit den Forderungen der Sozialdemokratischen Internationale zusammen."
Das hat, bedenkt doch, Bernstein „selbst" anerkannt, und Plechanow findet,
daß „nichts wahrer sein kann, als dies". Erbärmlicher Komödiant! Er will die
russischen Arbeiter glauben machen, daß die Betrüger, Jesuiten und Räuber,
die die russische Diplomatie führen, sich leiten lassen „von den einfachen Normen
des Rechtes und der Gerechtigkeit", wie sie die Sozialdemokratische Inter-
nationale versteht. „Nun, da hat unser Plechanow ein bißchen übertrieben,"
wird man (davon sind wir überzeugt), im Ressort Sasonows sagen, wenn man
dort die angeführten, schon nicht mehr apologetischen, sondern einfach lakaien-
haften Worte lesen wird. Ihr Plechanow! Ja, sie haben Recht. Er ist jetzt
bereit, ihnen zu dienen, nicht nur seinem Gewissen gehorchend, sondern auch
wider jedes Gewissen. Dies wird sie wohl ein wenig trösten über ihre Nieder-
lage auf den Schlachtfeldern Polens und Galiziens. Wir fürchten nur, daß dieser
Trost sehr schwach sein wird. Der Übertritt Plechanows auf die Seite des „ge-
rechten" Zaren, wird dem Zaren gegen eine neue Revolution ebensoviel helfen,
wie ihm gegen die preußische Artillerie der Wechsel des Oberprokuiators des
„heiligsten" Sjmod und die wiederholte Anordnung von Massenandachten
helfen.
Doch Plechanow preist nicht nur den „gerechten" Zaren. Er hat auch an
die Wiederherstellung der Arbeiterinternationale gedacht.
128
Pleclianow hat für die deutschen Sozialchauvinisten nichts übrig, aber
nicht deswegen, weil sie Chauvinisten und Verräter an der Arbeitersache sind (dies
billigt er vollständig: „im Verteidigungskrieg" schreibt Plechanow, „ist der
tätige Anteil Pflicht bewußter Proletarier. Darin hat sie — die deutsche Sozial-
demokratie — vollkommen recht"), sondern deswegen, weil sie deutsche Chauvinisten
sind. „Deswegen, weil er ein Deutscher ist . . ."
Aber eine Amnestie ist dennoch nötig. Plechanow amnestiert Südekum,
damit Südekum Plechanow amnestiere, und dann werden sie beide gemeinsam
„die Internationale wiederherstellen".
„Es wird unangenehm sein, Hände zu drücken, an denen der Geruch des
Blutes unschuldig Gemordeter haftet . . . Aber da wird es durchaus am Platze
sein, das Herz der Vernunft zu unterordnen. Um ihrer großen Sache willen
wird die Internationale sogar verspätete Reue berücksichtigen müssen." (S. 44.)
Was die Reinheit der Hände betrifft, befindet Ihr Euch, meine Herren
russische Zaristen, in einer nicht um ein Härchen besseren Lage. Seht doch
Eure eigenen Hände an! Sind an ihnen keine Blutspuren? Habt Ihr denn die
„gerechte" und „notwendige" Schlächterei nicht gepriesen, die die Zarenbande
vollführt ?
Aber mit der „Amnestie" habt ihr recht. Ihr braucht die Amnestie. Die
Plechanows und Vanderveldes werden die Südekums und Scheidemänner prächtig
„ergänzen". Plechanow wird gern „im Namen" der russischen Arbeiter seinen
deutschen „befreundeten Feinden" Amnestie gewähren. Was aber wird die
russische Arbeiterschaft selbst sagen? Wird sie den Plechanow amnestieren,
der gegenwärtig verübergehend auf Urlaub im Dienste des russischen Zarismus
ist ? Oder wird sie zu ihm sagen : Wenn du auch den Namen Plechanow trägst,
bist du jetzt doch für uns dasselbe wie Struve und Menschikow?
Je eifriger Plechanow Artikel im Stile des „Nowoje Wremja" schreiben
wird, nach Art des hier besprochenen, desto wahrscheinlicher wird die zweite
Perspektive.
23. August 1915. „ „.
Cr. Smowjew.
Der Zusammenbruch der II. Internationale.
Unter dem Zusammenbruch der IL Internationale versteht man mitunter
nur die formelle Seite der Sache, die Unterbrechung der internationalen Ver-
bindung zwischen den sozialistischen Parteien der kriegführenden Länder, die
Unmöglichkeit, sei es eine internationale Konferenz, sei es das internationale
sozialistische Bureau einzuberufen. Auf diesem Standpunkte stehen einige
Sozialisten kleiner neutraler Staaten, wahrscheinlich sogar die Mehrheit der
offiziellen Parteien in diesen, dann die Opportunisten und ihre Verteidiger. In
der russischen Presse ist mit anerkennenswerter Aufrichtigkeit Herr Wl. Kos-
sowski in Nr. 8 des „Informationsblattes" des Bund zur Verteidigung dieses
q 129
Standpunktes hervorgetreten, wobei die Redaktion des Blattes mit keinem
Worte darauf hingewiesen hat, daß sie mit dem Autor nicht übereinstimme.
Es ist zu hoffen, daß die Verteidigung des Nationalismus durch Herrn Kossowski,
der sich bis zur Rechtfertigung der deutschen Sozialdemokratie verstiegen hat,
die für die Kriegskredite stimmten, vielen Arbeitern helfen wird, sich end-
gültig von dem bürgeilich nationalistischen Charakter des Bund zu überzeugen.
Für klassenbewußte Arbeiter ist der Sozialismus eine ernste Ueberzeugung
undnichteinebequemeDeckungkleinbürgerlicher,pazifistischerundnationalistisch
oppositioneller Bestrebungen. Unter dem Zusammenbruch der Internationale
verstehen sie den himmelschreienden Verrat der Mehrheit der sozialdemo-
kratischen Parteien an ihren Überzeugungen und den feierlichsten Erklärungen
in den Reden auf dem Stuttgarter und Basler internationalen Kongresse, in den
Resolutionen dieser Kongresse usw. Nur der kann diesen Verrat nicht sehen,
der ihn nicht sehen will, für den es nicht erwünscht ist, ihn zu sehen. Wenn
wir die Sache wissenschaftlich, d. h. vom Standpunkte der Beziehungen
zwischen den Klassen der gegenwärtigen Gesellschaft formulieren, so müssen
wir sagen, daß die Mehrheit der sozialdemokratischen Parteien und an ihrer
Spitze in erster Linie die größte und einflußreichste Partei der II. Internationale,
die deutsche Sozialdemokratie, sich auf die Seite ihres Generalstabes, ihrer
Regierung und ihrer Bourgeoisie gegen das Proletariat gestellt hat. Dies ist ein
Ereignis von weltgeschichtlicher Bedeutung, und man muß sich mit seiner
möglichst allseitigen Analyse beschäftigen. Es ist längst anerkannt, daß Kriege
bei all den Schrecken und Nöten, die sie mit sich ziehen, einen mehr oder weniger
großen Nutzen bringen durch die schonungslose Aufdeckung, Enthüllung und
Zerstörung von manch Faulem, Überlebtem und Abgestorbenem in den mensch-
lichen Einrichtungen. Von unzweifelhaftem Nutzen wurde auch der europäische
Krieg der Jahre 1914/15 für die Menschheit dadurch, daß er der vorgeschrittenen
Klasse der zivilisierten Länder zeigte, daß in ihren Parteien eine abscheuliche
Eiterbeule gereift ist, von der sich ein unerträglicher Leichengeruch verbreitet.
Ist nicht der Verrat der wichtigsten sozialistischen Parteien Europas an
allen ihren Überzeugungen und Aufgaben offensichtlich? Davon reden selbst-
verständlich weder die Verräter selber gern, noch diejenigen, die genau wissen
oder dunkel ahnen, daß sie mit ihnen Frieden und Freundschaft halten müssen.
Aber so unangenehm dies auch den verschiedenen „Autoritäten" der II. Inter-
nationale oder ihren Fraktionsfreunden unter den russischen Sozialdemokraten
sein möge, wir müssen den Dingen gerade ins Gesicht sehen, sie beim richtigen
Namen nennen, den Leuten die Wahrheit sagen.
Gibt es tatsächlich Anhaltspunkte zur Beurteilung der Frage, wie vor dem
gegenwärtigen Kriege und in seiner Voraussicht die sozialistischen Parteien
ihre Aufgaben und ihre Taktik beurteüt haben? Unzweifelhaft gibt es solche.
Ein solcher ist die Resolution des Baseler Internationalen Sozialistischen Kon-
130
gresses vom Jahre 1912, die zusammen mit der Resolution des deutschen sozial-
demokratischen Parteitages in Chemnitz im selben Jahre als „vergessene Worte"
des Sozialismus gelten können. Diese Resolution, die die Summe der un-
geheuren Propaganda- und Agitationsliteratur aller Länder gegen den Krieg
bildet, stellt die genaueste, vollständigste, feierlichste und formalste Aus-
einandersetzung der sozialistischen Ansichten über den Krieg und die Taktik
gegenüber dem Kriege dar. Man kann schon nicht anders als Verrat allein die
Tatsache bezeichnen, daß keine der Autoritäten der gestrigen Internationale und
der heutigen Sozialchauvinisten — weder Hyndman, noch Guesde, noch Kautsky,
noch Plechanow ^— sich entschließen können, ihre Leser an diese Resolution
zu erinnern, sondern sie entweder völlig verschweigen oder (wie Kautsky) minder-
wichtige Stellen daraus zitieren, und alles Wesentliche übergehen. Äußerst
„linke", erzrevolutionäre Resolutionen und das schamloseste Vergessen ihrer
oder Lossagung von ihnen — das ist eins der deutlichsten Kennzeichen des
Zusammenbruchs der Internationale, gleichzeitig aber auch einer der deut-
lichsten Beweise, daß an eine „Besserung" des Sozialismus, eine „Aufrichtung
seiner Linie" durch Resolutionen allein jetzt nur noch Leute glauben können,
deren beispiellose Naivität an den schlauen Wunsch grenzt, die alte Heuchelei
zu verewigen.
Hyndman wurde noch sozusagen gestern, als er, vor dem Kriege, den Im-
perialismus zu verteidigen begann, von allen „anständigen" Sozialisten für
einen abgeschmackten Sonderling gehalten, und niemand sprach von ihm anders
als im Tone der Geringschätzung. Jetzt aber sind die angesehensten sozial-
demokratischen Führer aller Länder ganz auf den Standpunkt Hyndmans
heruntergekommen und unterscheiden sich untereinander nur in der Nuance
und dem Temperament. Und wir sind durchaus nicht imstande, mit einem
einigermaßen parlamentarischen Ausdruck die Bürgertugend solcher Leute zu
würdigen und zu charakterisieren, die, wie z. B. die Mitarbeiter des „Nasche
Slowo" von „Herrn" Hyndman im Tone der Verachtung schreiben, vom „Ge-
nossen" Kautsky aber mit zur Schau getragener Verehrung (oder Kriecherei ?)
sprechen — oder schweigen. Kann man denn eine derartige Haltung mit der
Achtung vor dem Sozialismus und seinen Überzeugungen überhaupt in Einklang
bringen ? Wenn man von der Verlogenheit und Verderbtheit des Chauvinismus
eines Hyndman überzeugt ist, muß man dann nicht Kritik und Angriff gegen
den einflußreicheren und gefährlicheren Vertreter derartiger Ansichten, nämlich
gegen Kautsky richten?
Die Ansichten Guesdes brachte in der letzten Zeit wohl am genauesten
der Guesdeist Charles Dumas in seinem Schriftchen : „Welchen Frieden wünschen
wir" zum Ausdruck. Dieser „Kabinetchef Jules Guesdes", der sich als solcher
auf dem Titelblatt der Broschüre unterzeichnet, „zitiert" selbstverständlich
frühere Erklärungen von Sozialisten in patriotischem Sinne (wie auch der deutsche
Sozialchauvinist David derartige Erklärungen in seiner letzten Broschüre über
die Vaterlandsverteidigung zitiert), aber das Baseler Manifest zitiert er nicht.
Über dieses Manifest schweigt auch Plechanow, der mit ungewöhnlicher Selbst-
9*
131
Zufriedenheit chauvinistische Gemeinplätze vorträgt. Kautsky gleicht Plechanow :
er zitiert das Baseler Manifest, läßt aber alle revolutionären Stellen darin aus
(d. h. seinen ganzen wesentlichen Inhalt!), wahrscheinlich unter dem Vorwande
des Zensurverbotes . . . Polizei- und Militärbehörden sind mit ihrem Zensur-
verbot, von Klassenkampf und Revolution zu reden, den Verrätern des Sozialis-
mus „gelegen" zu Hilfe gekommen.
Aber vielleicht stellt das Basler Manifest irgend einen nichtssagenden
Aufruf dar, in dem kein genauer Inhalt — weder geschichtlicher noch taktischer —
steckt, kein Inhalt, der unbedingt zum gegenwärtigen konkreten Krieg eine
Beziehung hätte.
Gerade im Gegenteil. In der Basler Resolution ist weniger leere Dekla-
mation und mehr konkreter Inhalt als in anderen enthalten. Die Baseler Reso-
lution spricht gerade von demselben Krieg, der tatsächlich gekommen ist, gerade
eben von den imperialistischen Konflikten, die in den Jahren 1914/15 ausbrachen.
Der Konflikt Österreichs und Serbiens um den Balkan, Österreichs und Italiens
um Albanien usw., Englands und Deutschlands wegen der Absatzmärkte im
allgemeinen, Rußlands mit der Türkei wegen Rumänien und Konstantinopel —
das ist es, worüber die Basler Resolution spricht in Voraussicht eben des gegen-
wärtigen Krieges. Gerade inbezug auf den gegenwärtigen Krieg zwischen „den
europäischen Großmächten" sagt die Basler Resolution, daß dieser Krieg
„nicht durch den geringsten Vorwand irgendwelcher Volksini 'fressen gerechtfertigt
werden kann"!
Und wenn jetzt Plechanow und Kautsky — nehmen wir die zwei typischsten
und uns näcliststehenden Autoritäten, von denen der eine russisch schreibt, der
andere von den Liquidatoren ins Russische übersetzt wurde — verschiedene
volkstümliche (oder richtiger, auf das einfältige Volk berechnete, aus der bürger-
lichen Boulevardpresse übernommene) „Rechtfertigungen" für den Krieg
suchen (mit Hilfe Axelrods), wenn sie mit gelehrter Miene und einer Menge
falscher marxistischer Zitate und Beispiele auf die Kriege der Jahre 1813 und 70
hinweisen (Plechanow) oder 1854 und 71, 1876/77, 1879 (Kautsky) — dann
können wirklich nur Leute ohne die Spur einer sozialistischen Überzeugung und
ohne einen Funken sozialistischen Gewissens solche Vorwände „ernst" nehmen
und sie nicht unerhörten Jesuitismus, Heuchelei und Prostituierung des Sozialis-
mus nennen! Mag der deutsche Parteivorstand die neue Zeitschrift von Mehring
und Rosa Luxemburg, „Die Internationale", verdammen wegen ihrer richtigen
Würdigung Kautskys, mögen Vandervelde, Plechanow, Hyndman und Konsorten
mit Hilfe der Polizei der „Tripleentente" ihre Gegner ebenso behandeln — wir
werden mit dem einfachen Abdruck des Basler Manifestes erwidern, das einen
Umschwung der Führer aufdeckt, für den es kein anderes Wort gibt, als —
Verrat.
Die Basler Resolution spricht nicht vom nationalen und nicht vom Volks-
krieg, für die es Beispiele in Europa gab, die sogar für die Epoche der Jahre
1789 — 1871 typisch sind, nicht vom Revolutionskrieg, den die Sozialdemo-
kraten nie abgelehnt haben, sondern vom zrzrnwärtigen Kriege auf Grund „des
132
kapital istischen Imperialismus" und „dynastischen Interesses", auf Grund
„der Eroberungspolitik" beider Gruppen der kriegführ enden Mächte, sowohl
der österreichisch-deutschen, wie auch der anglo-franko-russischen. Plechanow,
Kautsky und Konsorten betrügen geradezu die Arbeiter, indem sie die eigen-
nützige Lüge der Bourgeoisie aller Länder wiederholen, die sich aus allen Kräften
bemühen, diesen imperialistischen, kolonialen, räuberischen Krieg als Volks-
und Verteidigungskrieg (für wen es auch sei) darzustellen, und indem sie Recht-
fertigungen für ihn aus dem Gebiete historischerBeispiele nicht-imperialistischer
Kriege suchen.
Die Frage des imperialistischen, räuberischen, antiproletariscben Charakters
dieses Krieges ist aus dem Stadium einer rein theoretischen Frage längst heraus-
getreten. Nicht nur theoretisch ist der Imperialismus in allen seinen Haupt-
zügen schon gewürdigt als Kampf der mitergehenden, altersschwachen und
verfaulten Bourgeoisie um die Teilung der Welt und die Versklavung der „kleinen"
Nationen; nicht nur wurden diese Argumente in der ganzen unübersehbaren
Zeitungsliteratur der Sozialisten aller Länder Tausende Male wiederholt, nicht
nur hat z. B. der Vertreter einer uns „verbündeten" Nation, der Franzose Delecy
in seiner Broschüre über den kommenden Krieg (im Jahre 1911) den räuberischen
Charakter des gegenwärtigen Krieges auch von Seiten der französischen Bour-
geoisie populär dargestellt. Mehr als dies. Die Vertreter der proletarischen
Parteien aller Länder haben in Basel einstimmig und formell in Thesen ihre
unerschütterliche Überzeugung ausgesprochen, daß der kommende Krieg gerade
imperialistischen Charakters sein wird, und haben daraus taktische Schluß-
folgerungen gezogen. Darum müssen unter anderem von vornherein als so-
phistisch alle Argumente abgelehnt werden, daß der Unterschied zwischen
nationaler und internationaler Taktik nicht genügend erörtert worden wäre
(siehe das letzte Interview Axelrods in Nr. 87 und 90 des „Nasche Slowo") usw.
Dies ist ein Sophismus, denn die allseitige wissenschaftliche Untersuchung des
Imperialismus ist eine Sache für sich : eine derartige Untersuchung beginnt eben
erst und ist ihrem Wesen nach endlos, wie die Wissenschaft überhaupt endlos
ist. Eine andere Sache aber sind die Grundlagen der sozialistischen Taktik gegen
den kapitalistischen Imperialismus, dargelegt in Millionen Exemplaren sozial-
demokratischer Zeitungen und den Beschlüssen der Internationale. Sozialistische
Parteien sind keine Diskussionsklubs, sondern Organisationen des kämpfenden
Proletariats, und wenn eine Anzahl Bataillone zum Feinde übergegangen ist,
muß man sie als Verräter bezeichnen und brandmarken, ohne sich „fangen"
zu lassen durch heuchlerische Reden darüber, daß „nicht alle gleich" den Im-
perialismus auffassen, daß ja der Chauvinist Kautsky und der Chauvinist Cunow
Bände darüber schreiben könnten, daß die Frage „ungenügend erörtert" worden
sei. Der Kapitalismus wird in allen Erscheinungen seiner Räuberei und allen
kleinsten Verzweigungen seiner historischen Entwicklung und seiner nationalen
Besonderheit niemals zu Ende erforscht werden; über die Details werden die
Gelehrten (und besonders die Pedanten) nie aufhören zu streiten. Es wäre
lächerlich, „aus diesem Grunde" auf den sozialistischen Kampf mit dem Kapi-
133
talismus zu verzichten und nicht diejenigen anzugreifen, die diesen Kampf
verraten haben. Was sonst aber schlagen unsere Kautsky, Cunow, Axelrod usw.
vor ? Niemand hat auch nur den Versuch gemacht, jetzt nach Kriegsausbruch
die Basler Resolution zu analysieren und ihre Unrichtigkeit zu beweisen I
II.
Aber vielleicht sind die aufrichtigen Sozialisten für die Basler Resolution
eingetreten, in Voraussicht dessen, daß der Krieg eine revolutionäre Situation
schaffen würde, die Ereignisse jedoch haben sie widerlegt, und die Revolution
erwies sich als unmöglich?
Mit diesem Sophismus nämlich versucht Cunow (in seiner Broschüre:
„Zusammenbruch der Partei?" und in einer Reihe von Artikeln) seinen Übertritt
ins Lager der Bourgeoisie zu rechtfertigen; und andeutungsweise begegnen wir
einem ähnlichen „Argumente" fast bei allen Sozialchauvinisten mit Kautsky
an der Spitze. Die Hoffnung auf eine Revolution erwies sich als Illusion, und
Illusionen zu verteidigen ist nicht die Sache eines Marxisten, argumentiert Cunow,
wobei dieser Struveianer *) kein Wort über die „Illusion" aller Unterzeichner des
Basler Manifestes verliert, sondern als ausnehmend wohlerzogener Mensch
darnach trachtet, die Schuld auf die äußerste Linke ä la Pannekoek und Radek
zu schieben.
Prüfen wir dem Wesen nach das Argument, die Verfasser des Basier
Manifestes hätten das Kommen der Revolution vorausgesetzt, die Ereignisse
hätten sie aber widerlegt. Das Basler Manifest sagt 1. daß der Krieg eine ökono-
mische und politische Krise schaffen würde; 2. daß die Arbeiter ihre Teilnahme
am Kriege als Verbrechen empfinden würden; (es sei „ein Verbrechen, aufeinander
zu schießen, zum Vorteile des Profits der Kapitalisten, des Ehrgeizes der Dynastie
oder zu höherer Ehre diplomatischer Geheimverträge") daß der Krieg unter den
Arbeitern „Empörung" hervorrufen würde; 3. daß die Sozialisten verpflichtet
sind, diese Krise und diesen Seelenzustand der Arbeiter zu benützen „zur Auf-
rüttelung des Volkes und zur Beschleunigung des Zusammenbruchs des Kapi-
talismus"; 4. daß die „Regierungen" — alle, ohne Ausnahme — einen Krieg
nicht wagen können, „ohne Gefahren für sich selbst"; 5. daß die Regierungen
„die proletarische Revolution fürchten"; 6. daß die Regierungen sich erinnern
mögen an die Pariser Kommune (d. h. den Bürgerkrieg), an die Revolution des
Jahres 1905 in Rußland usw. All dies sind vollkommen klare Gedanken; in
ihnen liegt keine Gewähr, daß die Revolution kommen wird; der Nachdruck
in ihnen liegt auf der genauen Charakteristik der Tatsachen und Tendenzen.
Wer auf Grund solcher Gedanken und Urteile meint, daß das erwartete Ein-
treffen der Revolution sich als Illusion erwiesen hat, der zeigt keine marxistische,
sondern eine struvistische und polizeilich renegatenhafte Haltung gegenüber
der Revolution.
*) Peter Struvc mauserte sich vom Sozialdemokraten-Revisionisten zum bürgerlichen
Demokraten (Kadetten). Anm. d. Übers.
134
Für den Marxisten unterliegt es keinem Zweifel, daß eine Revolution un-
möglich ist ohne revolutionäre Situation, wobei aber nicht jede revolutionäre
Situation zur Revolution führt. Welches sind allgemein gesprochen die Zeichen
einer revolutionären Situation? Wir gehen sicherlich nicht fehl, wenn wir auf
folgende drei Hauptzeichen hinweisen: 1. die Unmöglichkeit für die herrschende
Klasse, ihre Herrschaft in unveränderter Form zu behaupten; diese oder jene
Krise der „Spitzen", eine Krise der Politik der herrschenden Klasse, die einen
Riß schafft, durch den die Unzufriedenheit und Empörung der unterdrückten
Klassen durchbricht. Für den Ausbruch der Revolution ist es gewöhnlich nicht
genügend, daß die „Unterschichten nicht wollten", sondern auch erforderlich,
daß die „Spitzen nicht konnten" in der alten Weise weiterleben; 2. eine außer-
gewöhnliche Verschärfung der Not und des Elends der unterdrückten Klassen;
3. eine bedeutende Erhöhung (kraft der angeführten Gründe) der Aktivität der
Massen, die sich in einer „friedlichen" Epoche ruhig ausrauben lassen, in stür-
mischen Zeiten aber sowohl durch die ganze Krisenlage, wie auch durch die
„Spitzen" selbst zu selbständigem historischem Vorgehen gewonnen werden.
Ohne diese objektiven Veränderungen, die unabhängig sind vom Willen
nicht nur einzelner Gruppen und Parteien, sondern auch einzelner Klassen, ist
eine Revolution — nach der allgemeinen Regel — unmöglich. Die Gesamtheit
dieser objektiven Veränderungen wird auch als revolutionäre Situation bezeich-
net. Eine solche revolutionäre Situation war im Jahre 1905 in Rußland und in
allen Epochen der Revolutionen in Westeuropa. Sie war aber auch in den 60 er
Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Deutschland, 1859 — 61 und 1878 — 80
in Rußland, obwohl es zu Revolutionen in diesen Fällen nicht gekommen ist.
Warum? Weil nicht aus jeder revolutionären Situation eine Revolution ent-
steht, sondern nur aus einer solchen Situation, wo zu den oben aufgezählten
objektiven Bedingungen eine subjektive hinzutritt, nämlich die Fähigkeit
der revolutionären Klasse zu revolutionären Massenaktionen, die von
genügender Stärke sind, um die alte Regierung zu brechen (oder zu erschüttern),
die niemals, auch in der Krisenepoche nicht, „stürzt", wenn mau sie nicht „wirft".
Dies sind die marxistischen Ansichten über die Revolution, die wiederholt
entwickelt und von allen Marxisten als unstreitig anerkannt wurden und die
von uns Russen besonders deutlich bestätigt worden sind durch die Erfahrungen
des Jahres 1905. Es fragt sich: was wurde in dieser Beziehung im Basler Mani-
fest im Jahre 1912 vorausgesetzt, und was ist in den Jahren 1914/15 gekommen ?
Vorausgesetzt wurde eine revolutionäre Situation, die kurz umschrieben
wird durch den Ausdruck „ökonomische und politische Krise". Ist sie gekommen ?
Ohne Zweifel ja. Der Sozialchauvinist Lensch (der grader, aufrichtiger, ehr-
licher den Chauvinismus verteidigt, als die Heuchler Cunow, Kautsky, Plechanow
und Co.), hat sich sogar dahin geäußert, daß „wir eine eigentümliche Revolution
erleben". (Seite 6 seiner Broschüre: „Die deutsche Sozialdemokratie und der
Krieg", Berlin 1915.) Die politische Krise ist evident: keine der Regierungen
traut dem morgigen Tage, keine ist frei von der Gefahr eines Finanzkrachs, des
Verlustes von Territorien, der Vertreibung aus ihrem Lande (wie man die Re-
13"
gierung aus Belgien verjagt hat). Alle Regierungen leben auf einem Vulkan, alle
appellieren selbst an die Selbstaktivität und den Heroismus der Massen. Das
politische Regime Europas ist ganz erschüttert, sicherlich wird niemand leugnen,
daß wir in eine Epoche der größten politischen Erschütterungen eingetreten
sind (und immer tiefer eintreten — ich schreibe dies am Tage der Kriegserklärung
Italiens). Wenn Kautsky zwei Monate nach der Kriegserklärung geschrieben
hat (am 2. Oktober 1914, „Neue Zeit), daß „niemals die Regierungen so stark,
und niemals die Parteien so schwach sind, wie zu Beginn des Krieges," so ist
dies ein Muster Kautsk3'scher Geschichtsfälschung zugunsten Südekums und
der anderen Opportunisten. Niemals bedarf die Regierung so sehr der Zustimmung
aller Parteien der herrschenden Klassen und der „friedlichen" Unterwerfung der
unterdrückten Klassen unter diese Herrschaft, wie im Kriege. Dies ist das eine.
Zweitens aber, wenn bei Beginn des Krieges, besonders in einem Lande, das
einen raschen Sieg erwartet, die Regierung allmächtig zu sein scheint, so hat
niemals irgend jemand irgendwo in der Welt die Erwartung einer revolutionären
Situation ausschließlich an den Moment des „Kriegsbeginnes" geknüpft, noch
weniger aber das „scheinbare" mit dem wirklichen indentifiziert.
Daß der europäische Krieg unvergleichlich schwerer sein wird als alle
anderen, das haben alle gewußt, gesehen und anerkannt. Die Kriegserfahrung
bestätigt dies immer mehr. Der Krieg breitet sich aus. Die politischen Grund-
festen Europas schwanken immer mehr und mehr. Die Leiden der Massen sind
entsetzlich, und die Anstrengungen der Regierungen, der Bourgeoisie und der
Opportunisten, diese Leiden zu verschweigen, scheitern immer öfter. Die Kriegs-
profite gewisser kapitalistischer Gruppen sind unerhört, skandalös groß. Die
Verschärfung der Gegensätze ist ungeheuer. Die dumpfe Empörung der Massen,
der unklare Wunsch rückständiger und unaufgeklärter Kreise nach einem güt-
lichen („demokratischen") Frieden, das beginnende Murren der „Unterschichten"
— alles dies liegt zu Tage. Je mehr sich aber der Krieg in die Länge zieht und
verschärft, desto stärker entwickeln die Regierungen selbst die Aktivität der
Massen und müssen sie auch entwickeln, indem sie an eine übernormale An-
spannung der Kräfte und Selbstaufopferung appellieren. Die Erfahrungen
des Krieges wie die Erfahrungen jeder Krise in der Geschichte, jedes großen
Leides und jedes Umschwunges im Leben des Menschen, stumpfen die einen ab
und erschüttern sie, klären aber dafür die anderen auf, wobei im großen und ganzen
in der Geschichte der ganzen Welt Zahl und Kraft dieser letzteren sich, mit
Ausnahme besonderer Fälle des Verfalles und Unterganges dieses oder jenen
Staates, größer erwies, als die der ersteren.
Der Friedensschluß kann nicht nur nicht „mit einem Schlage" alle diese
Leiden und alle diese Verschärfungen der Widersprüche beenden, sondern wird im
Gegenteil in vieler Hinsicht diese Leiden noch empfindlicher und für die rück-
ständigen Massen der Bevölkerung besonders deutlich machen.
Mit einem Worte, die revolutionäre Situation ist in den meisten vor-
geschrittenen Ländern und Großmächten Europas da. In dieser Beziehung
hat sich die Voraussicht des Basler Manifestes vollständig erfüllt. Diese Wahrheit
136
direkt oder indirekt leugnen oder verschweigen, wie es Cunow, Kautsky, Plecha-
now und Konsorten tun, heißt, die größte Unwahrheit sprechen, die Arbeiter-
klasse betrügen und die Bourgeoisie bedienen. Im „Sozialdemokrat" (Nr. 34
40 und 41) wurden Nachrichten gebracht, die beweisen, daß Leute, die die Re-
volution fürchten, wie christliche Pfaffen, Bürger, Generalstäbler und die Zei-
tungen der Milliardäre, gezwungen sind, Anzeichen einer revolutionären Situation
in Kuropa zu konstatieren.
Wird diese Situation lange anhalten, und wie weit wird sie sich zuspitzen ?
Wird sie zur Revolution führen ? Das wissen wir nicht und niemand kann das
wissen. Das wird nur die Erfahrung der Entwicklung der revolutionären Stim-
mung und des Überganges zur revolutionären Aktion der vorgeschrittenen
Klassen des Proletariats zeigen. Da kann weder von irgend welchen „Illusionen"
im allgemeinen, noch von ihrer Widerlegung die Rede sein, denn nie hat irgend
ein Sozialist irgendwo die Garantie dafür übernommen, daß die Revolution gerade
von dem angehenden (und nicht erst dem folgenden) Kriege, gerade von der
gegenwärtigen (und nicht von der morgigen) revolutionären Situation erzeugt
werden wird: hier handelt es sich um die unzweifelhafteste und grundlegendste
Verpflichtung aller Sozialisten, die Verpflichtung, vor den Massen das Vor-
handensein der revolutionären Situation zu enthüllen, ihre Breite und Tiefe
zu untersuchen, das revolutionäre Bewußtsein und die revolutionäre Entschlossen-
heit des Proletariats anzuregen, ihm zum Übergang zu revolutionären Aktionon
zu verhelfen und der revolutionären Situation entsprechende Organisationen
zu schaffen für die Weiterarbeit in dieser Richtung.
Niemals durfte irgend ein einflußreicher und verantwortlicher Sozialist
daran zweifeln, daß eben dies die Pflicht der sozialistischen Parteien ist, und
das Basler Manifest, das nicht die geringste „Illusion" verbreitet und hegt,
spricht eben von dieser Pflicht der Sozialisten, das Volk anzustacheln, „aufzu-
rütteln" (und es nicht mit Chauvinismus einzuschläfern, wie diesPlechanow, Axel-
rod, Kautsky tun), die Krise „auszunutzen" „zur Beschleunigmig" des Zusammen-
bruchs des Kapitalismus und sich leiten zu lassen von dem Beispiele der Kom-
mune und dem Oktober und Dezember des Jahres 1905. Die Nichterfüllung dieser
ihrer Pflicht durch die Parteien der Gegenwart ist eben ihr Verrat, ihr politischer
Tod, ihr Verzicht auf ihre Rolle, ihr Übergang auf die Seite der Bourgeoisie.
III.
Doch wie konnte es kommen, daß die angesehensten Repräsentanten und
Fühler der II. Internationale den Sozialismus verraten haben? Diese Frage
werden wir näher untersuchen, nachdem wir zuerst die Versuche betrachtet
haben werden, die darauf hinausgingen, „theoretisch" diesen Verrat zu recht-
fertigen. Wir wollen versuchen, die Haupttheorien des Sozialchauvinismus
zu charakterisieren, als dessen Vertreter man Plechanow (er wiederholt haupt-
sächlich die Argumente der englischen und französischen Chauvinisten, Hyndmans
und seiner neuen Anhänger) und Kautsky (er führt „feinere" Argumente an,
die theoretisch unvergleichbar solider anmuten) betrachten kann.
137
Schier am primitivsten ist die Theorie des Kriegs-„Urhebers". Wir wurden
überfallen, wir verteidigen uns; die Interessen des Proletariats erfordern, daß
die Friedensstörer zurückgewiesen werden. Das ist die alte Leier der Erklärungen
aller Regierungen und der Deklamationen der ganzen bürgerlichen und gelben
Presse der ganzen Welt. Plechanow beschönigt sogar eine solche abgedroschene
Banalität mit der diesem Schriftsteller eigentümlichen jesuitischen „Dialektik"
wie: in Anbetracht der konkreten Situation muß man vor allem den Kriegs-
urheber feststellen und ihn abfertigen und alle übrigen Fragen auf eine andere
Gelegenheit verschieben (Plechanows Broschüre: „über den Krieg", Paris 1914,
und die Wiederholung seiner Argumente durch Axelrod im „Golos", Nr. 86
und 87). Im edlen Geschäft der Vertauschung der Dialektik durch Sophistik
hat Plechanow den Rekord geschlagen. Der Sophist greift einen „Beweis"
heraus, und schon Hegel sagte mit Recht, daß man „Beweise" absolut für alles
in der Welt finden könne. Die Dialektik erfordert eine allseitige Untersuchung
der betreffenden gesellschaftlichen Erscheinung in ihrer Entwicklung, sowie
eine Zurückführung der äußerlichen und scheinbaren Momente auf die grund-
sätzlichen bewegenden Kräfte, die Entfaltung der Produktivkräfte und den
Klassenkampf. Plechanow greift aus der deutschen sozialdemokratischen Presse
ein Zitat heraus, wonach die Deutschen selber vor dem Kriege Österreich und
Deutschland als Urheber betrachteten — und somit basta! Darüber, daß die
russischen Sozialisten wiederholt die Eroberungspläne des Zarismus in bezug
auf Galizien usw. enthüllt haben, schweigt sich Plechanow aus. Er versucht
nicht im entferntesten, die ökonomische und diplomatische Geschichte, sei es
auch nur die der letzten drei Jahrzehnte anzutasten, und doch beweist gerade
diese Geschichte unwiderlegbar, daß gerade die Aneignung von Kolonien, die
Ausplünderung fremder Länder, die Verdrängung und Erledigung des erfolg-
reicheren Konkurrenten der Haupthebel in der Politik der beiden Kräftegruppen
waren, die jetzt miteinander im Kriege liegen.*)
*) Höchst lehrreich ist das Buch dts englischen Pazifisten Brailsford, der ebenfalls
den Sozialisten spielt: „The war of steel and gold" (London 1914; das Buch trägt das
Datum: März 19141). Der Verfasser erkennt vollkommen klar an, daß die nationalen
Fragen im allgemeinen bereits gelöst seien (S. 35), daß es jetzt nicht darum gehe, daß
„die typischen Fragen der jetzigen Diplomatie", die Bagdadbahn, die Schienenlieferungen
für diese Bahn,. die Bergwerke in Marokko usw. sind. Als einen der „lehrreichsten Inzen-
dente der neuesten Geschichte der europäischen Diplomatie" betrachtet der Verfasser
mit Recht den Kampf der französischen Patrioten und englischen Imperialisten gegen
die Versuche Caillaux's (in den Jahren 1911 und 1913), mit Deutschland Frieden zu schließen
auf Grund eines Abkommens über die Verteilung der Kolonialinteressen und Zulassung
der deutschen Papiere zur Pariser Börse. Die englische und französische Bourgeoisie hat
dieses Abkommen hintertrieben. Das Ziel des Imperialismus ist: Export des Kapitals
nach den schwächeren Ländern. Die Gewinne dieses Kapitals in England betrugen 1899
über 90—100 Millionen Pfund (Giffen) und 1909 — 140 Millionen (Paish), Lloyd George
schätzte sie in einer Rede auf 200 Millionen Pfund. — Die schmutzigsten Machinationen
und Bestechungen des türkischen Adels, die Pöstchen für die eigenen Söhne in Indien
und Ägypten — darum handelt es sich (S. 85/87). An den Rüstungen und am Kriege ver-
dient eine verschwindende Minderheit, aber dahinter stehen die Finanziers und die Ge-
138
In Anwendung auf die Kriege besteht das von Pleclianow zugunsten dei
Bourgeoisie so schamlos verdrehte Grundgesetz der Dialektik darin, daß „der
Krieg einfach eine Fortsetzung der Politik mit arideren (namentlich gewaltsamen)
Mitteln" ist. Das ist die Formulierung von Clausewitz'*), eines der größten
Schriftsteller in Fragen der Kriegsgeschichte, dessen Gedanken durch Hegel
befruchtet wurden. Und das war namentlich auch stets die Auffassmig von
Marx und Engels, die jeden Krieg ansahen als eine Fortsetzung der Politik der
betreffenden interessierten Großmächte — und der verschiedenen Klassen in
ihnen — im betreffenden Zeitabschnitt.
Der grobe Chauvinismus Plechanows nimmt theoretisch dieselbe Stellung
ein wie der subtile, versöhnlich süßliche Chauvinismus Kautskys, wenn dieser
den Übertritt der Sozialisten aller Länder auf Seiten „ihrer" Kapitalisten mit
Betrachtungen sanktioniert, wie:
„Alle haben das Recht und die Pflicht, ihr Vaterland zu verteidigen;
der wahre Internationalismus besteht in der Einräumung dieses Rechtes den
Sozialisten aller Nationen, darunter auch denen, die mit meiner Nation Krieg
führen" (vergl. „Neue Zeit" vom 2. Oktober 1914 und andere Werke desselben
Autors) .
Diese einzig dastehende Betrachtung ist eine so unendlich vulgäre Ver-
höhnung des Sozialismus, daß man am besten darauf antworten würde durch
Bestellung einer Medaille mit den Porträts Wilhelm II. und Nikolaus II. auf
der einen, und Plechanows und Kautskys auf der anderen Seite. Der wahre
Internationalismus bestehe halt in der Rechtfertigung dessen, daß die deutschen
Arbeiter auf die französischen schießen und die französischen auf die deutschen,
— im Namen der „Vaterlandsverteidigung" 1
Seilschaft, hinter den Friedensanhängern dagegen nur die zersplitterte Bevölkerung (S. 93)-
Der Pazifist, der heute von Frieden und Abrüstung spricht, wird morgen Mitglied einer
Partei, die von den Kriegslieferanten abhängt, Wird die Triple-Entente sich mächtiger
fühlen, so wird sie Marokko nehmen und Persien aufteilen, Tripolis nehmen, sich in Bosnien
festsetzen und sich die Türkei unterwerfen (S. 167). London und Paris haben im März 1906
Rußland Milliarden gegeben und dem Zarismus geholfen, die Befreiungsbewegung zu unter-
drücken (S. 255/8). England hilft jetzt Rußland, Persien zu erdrosseln (S. 229). Rußland
hat den Balkankrieg entfacht (S. 230). — All das ist nicht neu, nicht wahr? All das ist
allbekannt und wurde tausendmal in den sozialdemokratischen Zeitungen der ganzen
Welt gesagt? Am Vorabend des Krieges sieht es ein englischer Bourgeois sonnenklar.
Aber zu welch unanständigem Unsinn, zu welch unerträglicher Heuchelei, zu welch süßlicher
Lüge werden doch angesichts dieser einfachen und allbekannten Tatsachen die Theorien
eines Plechanow und Potressow über die Schuldfragen Deutschlands oder Kautskys über
die „Aussichten" der Entwaffnung und des Dauerfriedens unter dem Kapitalismus!
*) Carl von Clausewitz: „Vom Kriege" hinterlassene Werke, Berlin 1834, Band 3,
Seite 139/140: „Man weiß freilich, daß der Krieg nur durch den politischen Verkehr der
Regierungen und der Völker hervorgerufen wird; aber gewöhnlich denkt man sich die
Sache so, daß mit ihm jener Verkehr aufhöre und ein ganz anderer Zustand eintrete, welcher
nur seinen eigenen Gesetzen unterworfen sei. Wir behaupten dagegen: der Krieg ist
nichts als eine Fortsetzung des politischen Verkehrs mit Einmischung anderer Mittel."
139
Aber wenn wir die theoretischen Voraussetzungen der Betrachtungen
Kautskys näher untersuchen, so gelangen wir just zu der Auffassung, die vor
etwa 80 Jahren von Clausewitz verhöhnt worden ist: mit Kriegsausbruch hören
die historisch vorbereiteten politischen Beziehungen zwischen den Völkern und
Klassen auf und es trete eine gänzlich neue Situation ein — „einfach" An-
greifende und sich Verteidigende, eine „einfache" Abwehr der „Feinde des
Vaterlandes". Die Unterdrückung einer ganzen Reihe von Nationen, die mehr
als die halbe Bevölkerung der Erdkugel ausmachen, durch die imperialistischen
Großmächte, die Konkurrenz unter der Bourgeoisie dieser Länder wegen Auf-
teilung der Beute, das Bestreben des Kapitals, die Arbeiterbewegung zu spalten
und zu unterdrücken, — all das ist auf einmal aus dem Gesichtsfeld Plechanows
und Kautskys verschwunden, obwohl gerade diese „Politik" von ihnen jahr-
zehntelang vor dem Kriege geschildeit wurde.
Abgedroschene Argumente aus Marx und Engels sind dabei die „Trümpfe"
dieser beiden Führer des Sozialchauvinismus: Plechanow erinnert an den
Nationalkrieg Preußens im Jahre 1813 und Deutschlands im Jahre 1870;
Kautsky be v/eist mit hochgelehrter Miene, Marx hätte die Frage davon ab-
hängig gemacht, der Erfolg welcher Seite (d. h. welcher Bourgeoisie) wünschens-
werter gewesen sei in den Kriegen 1854/55, 1859, 1870/71, und ebenso wären
die Marxisten in den Kriegen der Jahre 1876/77, 1897 verfahren. Es ist die
beliebte Methode aller Sophisten aller Zeiten: Beispiele zu wählen, die sich auf
prinzipiell ganz verschiedene Fälle beziehen. Die früheren Kriege, auf die hin-
gewiesen wird, waren eine „Fortsetzung der Politik" jahrelanger nationaler
Bewegungen der Bourgeoisie, der Bewegung gegen das fremde Joch und den
Absolutismus (den türkischen und russischen). Eine andere Frage als die, ob
der Erfolg dieser oder jener Bourgeoisie von größerem Vorteil sein würde, konnte
damals gar nicht bestehen: zu Kriegen dieser Art durften Marxisten von
vorneherein die Völker aufrufen und den Nationalhaß schüren, wie Marx 1848
und auch später zum Krieg gegen Rußland aufrief, wie Engels 1859 den National-
haß der Deutschen gegen ihre Unterdrücker, Napoleon III. und den russischen
Zarismus, schürte.*)
„Die Fortsetzimg der Politik" des Kampfes gegen den Feudalismus und
Absolutismus, der Politik der sich freimachenden Bourgeoisie mit der „Fort-
*) Nebenbei, Herr Gardenin bezeichnet es in der Zeitschrift „Schisn" als „revo-
lutionären Chauvinismus", — aber immerhin als Chauvinismus — von Seiten Marx', dai3
er 1848 für den revolutionären Krieg gegen jene Völker Europas eintrat, die sich als wahr-
haft konterrevolutionär zeigten, nämlich die Slawen und insbesondere die Russen. Ein
solcher Vorwurf Marx gegenüber beweist nur noch einmal den Opportunismus (oder —
aber richtiger auch den absoluten Unernst) dieses „linken" Sozialrevolutionärs. Wir
Marxisten traten stets für den revolutionären Krieg gegen konterrevolutionäre Völker ein
und treten auch jetzt dafür ein. Wenn z. B. der Sozialismus in Amerika oder in Europa
im Jahre 1920 siegen sollte, und Japan und China dann gegen uns — zuerst sei es auch
nur auf diplomatischem Wege — ihre Bismarcks mobilisieren würden, dann würden wir
für einen revolutionären Angriffskrieg mit ihnen sein. Das erscheint Ihnen sonderbar,
Herr Gardenin ? Sie sind eben ein Revolutionär von der Art des H<rrn Ropschin.
140
Setzung der Politik" der altersschwachen Bourgeoisie vergleichen, das heißt
der imperialistischen Bourgeoisie, das heißt der Bourgeoisie, die die ganze Welt
ausgeplündert hat, reaktionär ist und im Bund mit dem Adel das Proletariat
niederhält, — einen solchen Vergleich ziehen, heißt Pfund und Elle mit einander
messen. Das ist, als wollte man solche „Vertreter der Bourgeoisie", wie Robes-
pierre, Garibaldi und Schelbjabow mit „Vertretern der Bourgeoisie", wie Millerand,
Salandra und Gutschkow vergleichen. Man kann kern Marxist sein ohne
den tiefsten Respekt vor den großen bürgerlichen Revolutionären, die das
welthistorische Recht hatten, im Namen der bürgerlichen „Vaterländer" zu
reden, die Millionen Zugehöriger einer neuen Nation für ein zivilisiertes Dasein
im Kampfe gegen den Feudalismus aufrüttelten. Und ebenso wenig kann man
Marxist sein, ohne die Sophistik eines Plechanow oder Kautsky zu verachten,
die von „Vaterlandsverteidigung" reden angesichts der Erdrosselung Belgiens
durch die deutschen Imperialisten oder angesichts der Abmachungen Englands,
Frankreichs, Rußlands und Italiens, um Österreich und die Türkei auszuplündern.
Es gibt noch eine „marxistische" Theorie des Sozialchauvinismus: der
Sozialismus basiere auf der raschen Entwicklung des Kapitalismus; der Sieg
meines Landes würde die Entwicklung des Kapitalismus darin beschleunigen
und folglich auch die Verwirklichung des Sozialismus; die Niederlage meines
Randes würde seine wirtschaftliche Entwicklung und folglich auch die Ver-
wirklichung des Sozialismus aufhalten. Eine solche Theorie ä la Struve ent-
wickeln in Rußland Plechanow, in Deutschland Lensch und andere. Kautsky
polemisiert gegen diese plumpe Theorie: sowohl gegen Lensch, der sie offen
verficht, wie gegen Cunow, der sie in verhüllter Form vertritt, aber Kautsky
polemisiert gegen sie nur, um eine Versöhnung der Sozialchauvinisten aller
Länder auf Grund einer viel feineren, jesuitischeren chauvinistischen Theorie
zu erzielen. Wir brauchen uns nicht lange bei der Betrachtung dieser groben
Theorie aufzuhalten. Die „Kritischen Notizen" Struves sind im Jahre 1894
erschienen, und in diesen 20 Jahren haben die russischen Sozialdemokraten
zur Genüge diese „Manier" der gebildeten russischen Bourgeois kennen gelernt,
ihre Auffassungen und Wünsche unter dem Deckmantel des vom revolutionären
Geist gesäuberten „Marxismus" auszubreiten. Der Struvismus ist nicht nur
eine russische, sondern, wie es die jüngsten Ereignisse besonders anschaulich
zeigen, eine internationale Erscheinung, es ist das Bestreben der Theoretiker der
Bourgeoisie, den Marxismus „durch Milde" umzubringen, ihn in der Umarmung
zu ersticken, durch angebliche Anerkennung „aller" „wahrhaft wissenschaft-
lichen" Seiten und Elemente des Marxismus, außer seiner „agitatorischen",
„demagogischen", „blanquistisch-utopischen" Seite. Mit anderen Worten:
man nimmt aus dem Marxismus alles, was für die liberale Bourgeoisie annehmbar
ist, bis zum Kampf um Reformen, bis zum Klassenkampf (ohne Diktatur des
Proletariats), bis zur „allgemeinen" Anerkennung der „sozialistischen Ideale"
und Ablösung des Kapitalismus durch ein „neues Regime", und wirft „nur"
die lebendige Seele des Marxismus, „nur" seinen revolutionären Geist über
den Haufen.
141
Marxismus ist die Theorie der Befreiungsbewegung des Proletariats.
Daher begreiflich, daß die klassenbewußten Arbeiter scharf darüber wachen
müssen, daß der Marxismus nicht durch einen Struvismus ersetzt werde. —
Die bewegenden Kräfte dieses Prozesses sind zahlreich und mannigfaltig. Wir
wollen nur drei davon hervorheben: 1. Die Fortschritte der Wissenschaft liefern
immer mehr Material, das die Richtigkeit des Marxismus beweist. Deshalb
beginnt man gegen ihn zu kämpfen, heuchlerisch, ohne gegen die Grundlagen
des Marxismus offen vorzugehen, indem man ihn angeblich anerkennt, durch
Sophismen seinen Inhalt auslaugt und den Marxismus zu einem für die Bour-
geoisie unschädlichen Popanz macht. 2. Die Entwicklung des Opportunismus
in den sozialdemokratischen Parteien unterstützt eine derartige „Um-
arbeitung" des Marxismus und macht ihn für allerlei Zugeständnisse au den
Opportunismus reif. 3. Die Periode des Imperialismus ist die Aufteilung der
Welt zwischen den „großen" privüegierten Nationen, von denen alle übrigen
unterdrückt werden. Happen der Beute von diesen PrivÜegien und dieser
Unterdrückung fallen entschieden auch gewissen Schichten des Kleinbürgertums
und der Aristokratie ebenso wie der Bureaukratie der Arbeiterklasse zu. Diese
Schichten, die die verschwindende Minderheit des Proletariats und der werk-
tätigen Massen bilden, neigen zum „Struvismus", denn dieser liefert ihnen die
Rechtfertigung für ihren Pakt mit „ihrer" nationalen Bourgeoisie gegen die
unterdrückten Massen aller Nationen. Davon werden wir noch zu reden Gele-
genheit haben im Zusammenhang mit der Frage nach den Ursachen des Zu-
sammenbruches der Internationale.
IV.
Die raffinierteste Theorie des sozialen Chauvinismus, die am geschicktesten
Wissenschaftlichkeit und Internationalität imitiert, ist die von Kautsky auf-
gestellte Theorie des „Ultraimperialismus". Da ist die deutlichste, genaueste
und neueste Darstellung dieser Theorie durch ihren Verfasser:
„Der Rückgang der schutzzöllnerischen Bewegung in England, die Herab-
setzung der Zölle in Amerika, die Bestrebungen nach Abrüstung, der rasche
Rückgang des Kapitalexports aus Frankreich und Deutschland in den letzten
Jahren vor dem Kriege, endlich die zunehmende internationale Verfilzung der
verschiedenen Klüngel des Finanzkapitals veranlaßten mich, zu erwägen, ob
es nicht möglich sei, daß die jetzige imperialistische Politik durch eine neue,
ultraimperialistische verdrängt werde, die an Stelle des Kampfes der nationalen
Finanzkapitale untereinander die gemeinsame Ausbeutung der Welt durch das
international verbündete Finanzkapital setzte. Eine solche neue Phase des
Kapitalismus ist jedenfalls denkbar. Ob auch realisierbar, das zu entscheiden
fehlen noch die genügenden Voraussetzungen." („Neue Zeit", Nr. 5, 30. IV. 1915,
S. 144.)
. . . „Entscheidend kann dafür Verlauf und Ausgang des jetzigen Krieges
werden. Er kann die schwachen Teile des Ultraimperialismus völlig zertreten,
indem er den nationalen Haß auch der Finanzkapitalisten aufs Höchste steigert,
142
das Wettrüsten weitertreibt, einen zweiten Weltkrieg unvermeidlich macht.
Dann wird die Prognose, die ich in meinem „Weg zur Macht" formulierte, sich
in furchtbarem Maße verwirklichen, wird die Verschärfung der Klassengegen-
sätze, aber auch die moralische Abwirtschaftung des Kapitalismus rapid zu-
nehmen." . . . (Es sei bemerkt, daß unter dem Worte „Abwirtschaftung" Kautsky
einfach den „Haß" gegen den Kapitalismus versteht von seiten der „Zwischen-
schichten zwischen dem Proletariat und dem Finanzkapital", nämlich der
Intellektuellen, der Kleinbürger, ja sogar der Kleinkapitalisten.) . . . Aber
der Krieg kann noch anders enden. Er kann in einer Weise ausgehen, die die
schwachen Keime des Ultraimperialismus erstarken läßt. „Seine Lehren" (wohl-
gemerkt!) „können eine Entwicklung beschleunigen, die im Frieden lange hätte
warten lassen. Kommt es dahin, zu einer Verständigung der Nationen, zur
Abrüstung, zu dauerndem Frieden, dann können die schlimmsten Ursachen,
die vor dem Krieg in steigendem Maße zur moralischen Abwirtschaftung des
Kapitalismus führten, verschwinden. Natürlich würde die neue Phase des
Kapitalismus bald neue Mißstände mit sich bringen, vielleicht noch schlimmere,
als die überwundenen, . . . aber vorübergehend könnte . . . der Imperialismus
eine Ära neuer Hoffnungen und Erwartungen innerhalb des Kapitalismus
bringen" (Ebenda, S. 145).
Auf welche Weise folgert aus dieser „Theorie" eine Rechtfertigung des
Sozialchauvinismus ?
Auf eine — für einen Theoretiker recht sonderbare Weise, nämlich:
Die linken Sozialdemokraten in Deutschland behaupten, der Imperialismus
und die sich daraus ergebenden Kriege seien keine Zufälligkeit, sondern das
notwendige Produkt des Kapitalismus, der zur Herrschaft des Finanzkapitals
geführt hat. Daher sei auch der Übergang zum revolutionären Massenkampf
notwendig, denn die Epoche der verhältnismäßig friedlichen Entwicklung sei
vorbei. Die rechtsstehenden Sozialdemokraten erklären brutal: Ist der Im-
perialismus einmal „notwendig", so müssen auch wir Imperialisten sein. Kautsky,
in seiner Rolle des „Zentrums", versöhnt die beiden:
„Die äußerste Linke", schreibt er in seiner Broschüre „Nationalstaat,
imperialistischer Staat und Staatenbund" (Nürnberg, 1915), „wollen dem
Imperialismus den Sozialismus entgegensetzen, d. h. nicht bloß eine Propa-
gierung, die wir seit einem halben Jahrhundert der kapitalistischen Herrschaft
entgegensetzen, sondern seine sofortige Durchführung. Das sieht sehr radikal
aus, ist aber nur geeignet, jeden, der nicht an die sofortige praktische Durch-
setzung des Sozialismus glaubt, in das Lager des Imperialismus zu treiben."
(S. 17, Kursiv von uns.)
Kautsky spricht von der sofortigen Verwirklichung des Sozialismus,
„verwirklicht" aber ein Zerrbild, indem er sich zunutze macht, daß in Deutsch-
land, besonders unter der Militärzensur, von revolutionären Aktionen nicht
geredet werden darf. Kautsky weiß wohl, daß die Linken die sofortige Propa-
gierung und Vorbereitung von revolutionären Aktionen von der Partei fordern,
aber keinesfalls die „sofortige praktische Verwirklichung des Sozialismus".
143
Aus der Notwendigkeit des Imperialismus folgern die Linken die Not-
wendigkeit von revolutionären Aktionen. Die „Theorie" des Ultra-Imperiali. -
mus dient Kautsky zur Rechtfertigung der Opportunisten, um die Sache so dar-
zustellen, als ob sie sich keineswegs zur Bourgeoisie geschlagen hätten und nur
einfach an den baldigen Sozialismus „nicht glaubten" und erwarten, daß uns
„vielleicht" eine neue „Aera" der Entwaffnung und des Dauerfriedens bevor-
stände. Die „Theorie" läuft darauf und nur darauf hinaus, daß Kautsky durch
die Hoffnung auf eine neue friedliche Aera des Kapitalismus das Zusammen-
gehen der Opportunisten und offiziellen sozialdemokratischen Parteien mit der
Bourgeoisie und ihren Verzicht auf revolutionäre (d. h. proletarische) Taktik
während der wirklich stürmischen Zeit rechtfertigt, ungeachtet aller feierlichen
Erklärungen der Baseler Resolution!
Zu bemerken sei, daß Kautsky dabei nicht nur nicht sagt: die neue Phase
entspringt und muß entstehen aus diesen und diesen Verhältnissen und Be-
dingungen, sondern erklärt im Gegenteil direkt: ich kann noch nicht einmal
die Frage nach der „Realisierbarheit" der neuen Phase entscheiden. In der Tat,
man betrachte die „Tendenzen" in der neuen Aera, auf die Kautsky hinweist.
Es ist erstaunlich, daß zu den wirtschaftlichen Tatsachen unser Autor das Be-
streben nach „Abrüstung" zählt! Das bedeutet, sich vor den unleugbaren Tat-
sachen, die sich keineswegs mit der Theorie der Abstumpfung der Gegensätze
reimen, unter die Fittiche des harmlosen kleinbürgerlichen Geredes und Phanta-
sierens verbergen. Der „Ultraimperialismus" Kautskys — dieses Wort drückt,
nebenbei bemerkt, garnicht das aus, was der Verfasser sagen will — bedeutet
eine ungeheure Abstumpfung der Gegensätze des Kapitalismus. „Rückgang
der schutzzöllnerischen Bewegung in England und Amerika" — sagt man uns.
Wo bleibt denn hier auch nur die geringste Tendenz zu einer neuen Aera ? Die
aufs äußerste getriebene Schutzzollpolitik Amerikas ist zurückgegangen, aber
die Schutzzollpolitik ist geblieben, wie auch die Privilegien und die Vorzugstarife
der englischen Kolonien zugunsten Englands geblieben sind. Erinnern wir uns,
worauf die Ablösung der vorhergehenden „friedlichen" Epoche des Kapitalismus
durch die moderne imperialistische Epoche beruht: darauf, daß an Stelle der
freien Konkurrenz monopolistische Vereinigungen von Kapitalisten getreten
sind, und darauf, daß die ganze Erdkugel aufgeteilt ist. Es ist klar, daß diese
beiden Tatsachen (und Faktoren) eine wirkliche Weltbedeutung haben: der
Freihandel und die friedliche Konkurrenz waren möglich und notwendig, solange
das Kapital unbehindert seine Kolonien ausdehnen und in Afrika usw. neue
Territorien besetzen konnte; dabei war die Konzentration des Kapitals noch
schwach und monopolistische Unternehmen, d. h. so große Unternehmen, daß
sie das ganze Gebiet des betreffenden Produktionszweiges beherrschten, gab es
noch nicht. Die Entstehung und das Wachstum solcher monopolistischen Unter-
nehmen (dieser Prozeß ist wohl kaum in England oder in Amerika zum Still-
stande gekommen ? Kautsky selber wird wohl kaum leugnen, daß der Krieg
diesen Prozeß beschleunigt und zugespitzt hat) verun möglicht die frühere
freie Konkurrenz, entzieht ihr den Boden unter den Füßen, und die Aufteilung
144
des Erdballes zwingt, von der friedlichen Expansion zum bewaffneten Kampf
um die JSeuteilung der Kolonien und Einflußsphären überzugehen. Es wäre
lächerlich, auch nur zu denken, daß der Rückgang der Schutzzollbewegung in
zwei Ländern da irgend etwas ändern könne.
Ferner, der Rückgang des Kapitalexports in zwei Ländern während einiger
Jahre. Diese zwei Länder, Frankreich und Deutschland, hatten, laut der Statistik
z. B. von Hanns, im Jahre 1912 je ca. 35 Milliarden Mark im Auslande und
England allein zweimal so viel*). Die Zunahme des Kapitalexports war unter
dem Kapitalismus niemals gleichmäßig und konnte es auch nicht sein. Daß
die Akkumulation des Kapitals abgenommen hatte oder daß die Kapazität des
inneren Marktes eine wesentliche Veränderung erlitten hätte, z. B. durch eine
bedeutende Verbesserung der Lage der Massen, davon kann Kautsky kein Wort
sagen. Unter diesen Umständen ist es unmöglich, aus der Abnahme der Kapital-
ausfuhr zweier Länder in einigen Jahren den Anfang einer neuen Aera abzuleiten.
„Die zunehmende internationale Verfilzung der verschiedenen Klüngel
des Finanzkapitals." Das ist die einzige, wirklich allgemeine und unzweifel-
hafte Tendenz nicht weniger Jahre und zweier Länder, sondern der ganzen Welt,
des ganzen Kapitalismus. Aber warum muß daraus das Bestreben nach Ab-
rüstung folgen und nicht nach Bewaffnung, wie es bisher der Fall war ? Nehmen
wir eine beliebige der großen Munitionsfirmen, wie etwa Armstrong. Neulich
schrieb die englische Zeitschrift „The Economist" (vom 1. 5. 1915),
daß die Gewinne dieser Firma von 606 Tausend Pfund Sterling im Jahre 1905/6
auf 856 im Jahre 1913 und 940 im Jahre 1914 gestiegen sind. Die Verfilzung der
Klüngel des Finanzkapitals ist hier sehr groß und wächst immer mehr : deutsche
Kapitalisten sind an den Geschäften der englischen Firmen beteiligt; englische
Firmen bauen Unterseeboote für Österreich usw. Das international verfilzte
Kapital macht mit den Rüstungen und Kriegen ausgezeichnete Geschäfte. Aus
der Verflechtung und Verquickung der verschiedenen nationalen Kapitalien
zu einem einheitlichen internationalen Ganzen die wirtschaftliche Tendenz nach
Abrüstung zu folgern, heißt, an Stelle der tatsädhlichen Zuspitzung der Klassen-
gegensätze läppische, kleinbürgerliche Wünsche nach deren Abstumpfung setzen.
V.
Kautsky spricht von den „Lehren" des Krieges in ganz philisterhaftem
Sinne und stellt diese Lehren dar als ein moralisches Entsetzen vor den
Greueln des Krieges. So z. B. seine Betrachtung in der Broschüre: „National-
staat, Imperialistischer Staat und Staatenbund".
„Daß solche Schichten bestehen, die das dringendste Interesse am Welt-
frieden und an der Abrüstung haben, ist nicht zu bezweifeln und bedarf keines
*) Vergl. Bernhard Harms: „Probleme der Weltwirtschaft", Jena 1912. — Georges
Paish: „Great Britains Capital Investments in Colonies" etc. in: „Journal of the Royal
Statist. Soc." vol. LXXV, 1910/11, Seite 167. — Lloyd Georges schätzt in einer Rede
anfangs 1915 die englische Kapitalanlage im Auslande auf 4 Milliarden Pfund Sterling,
d. h. ca. 80 Milliarden Mark.
10 145
Beweises. Kleinbürger und Kleinbauern, ja selbst viele Kapitalisten und In-
tellektuelle haben kein Interesse am Imperialismus, das stärker wäre, als die
Schädigungen, die sie durch Krieg und Wettrüsten erleiden." (S. 21.)
Das wurde im Februar 1915 geschrieben! Die Tatsachen sprechen von
einem epidemischen Zulauf aller besitzenden Klassen, einschließlich der Klein-
bürger und der „Intellektuellen" zu den Imperialisten; aber Kautsky will, wie
jener Mann im Futteral mit ungewöhnlich selbstzufriedener Miene von den
Tatsachen nichts wissen und übergeht sie mit süßlichen Worten. Er beurteilt
die Interessen des Kleinbürgertums nicht nach ihrem Verhalten, sondern nach
den Äußerungen einiger Kleinbürger, obwohl diese Äußerungen auf Schritt und
Tritt durch ihre Taten widerlegt werden. Das ist genau dasselbe, als ob wir die
„Interessen" der Bourgeoisie überhaupt nicht nach ihren Taten beurteilen
wollten, sondern nach den liebevollen Reden der bürgerlichen Pfaffen, die hoch
und heilig schwören, daß das jetzige Regime von christlichen Idealen durch-
drungen sei. Kautsky wendet den Marxismus so an, daß jeder Inhalt aus ihm
ausgelüftet wird und nur noch das Wörtchen „Interesse" in irgend einem über-
natürlichen, spiritualistischen Sinne übrig bleibt, denn gemeint wird nicht
die reale Ökonomik, sondern ein harmloser frommer Wunsch.
Der Marxismus beurteilt die „Interessen" auf Grund der Klassengegen-
sätze und des Klassenkampfes, die sich in Millionen von Tatsachen des Alltags-
lebens äußern. Das Kleinbürgertum träumt und schwätzt von einer Abstumpfung
der Gegensätze und führt „Beweise" ins Feld, daß die Zuspitzung „schädliche
Folgen" nach sich ziehe. Der Imperialismus bedeutet die Unterwerfung aller
Schichten der besitzenden Klassen unter das Finanzkapital und die Aufteilung
der Welt unter 5 bis 6 „Großmächte", von denen die meisten jetzt am Kriege
teilnehmen. Die Aufteilung der Welt durch die Großmächte bedeutet, daß alle
ihre besitzenden Schichten am Kolonialbesitz interessiert sind: an den Einfluß-
sphären, an der Unterdrückung der fremden Nationalitäten, an den mehr oder
minder einträglichen Posten und Privilegien, die an die Zugehörigkeit zu der
„Großmacht" und die unterdrückende Nation geknüpft sind.*) Es läßt sich
nicht auf die alte Weise weiter leben, im verhältnismäßig ruhigen, friedlichen
Kulturniveau des gleichmäßig fortschreitenden und sich nach und nach über
*) E. Schultze sagt, daß 1915 die Summe der Wertpapiere in der ganzen Welt auf
782 Milliarden Francs geschätzt wurde, einschließlich der Staats- und Kommunalanleihen,
der Aktien der Handels- und Industriegesellschaften usw. Von dieser Summe entfielen
auf England 130 Milliarden Francs, auf die Vereinigten Staaten von Amerika 115, auf
Frankreich 100 und auf Deutschland 75, also auf diese vier Großmachte zusammen
420 Milliarden Francs, das heißt mehr als die Hälfte der Gesamtsumme. . . . Daraus kann
man schließen, wie groß die Vorrechte und Privilegien der fortschrittlichen Nationen der
Großmächte sind, die die anderen Nationen eingeholt haben, sie unterdrücken und aus-
plündern. Dr. Emil Schultze: „Das französische Kapital in Rußland" im Finanz- Archiv,
Berl. 1915, Jahrg. 32, S. 127. Die „Vaterlandsverteidigung" der Großmächte ist die Ver-
teidigung des Rechtes auf die Beute von der Ausplünderung fremder Nationen In Rußland
ist bekanntlich der kapitalistische Imperialismus schwächer, aber um so stärker der
militärisch-feudale.
146
neue Länder erstreckenden Kapitalismus, denn es ist eine neue Epoche an-
gebrochen. Das Finanzkapital verdrängt das betreffende Land aus der Reihe
der Großmächte, wird es verdrängen, wird ihm seine Kolonien und Einflußsphären
nehmen (wie es Deutschland, das mit England Krieg angefangen hat, zu tun
droht), wird dem Kleinbürgertum seine „Großmächte-Privilegien, Vorrechte
und Nebeneinnahmen nehmen. Das ist eine Tatsache, die durch den Krieg be-
stätigt wird. Dazu führte in Wirklichkeit jene Zuspitzung der Gegensätze,
die von allen längst anerkannt ist, darunter auch von Kautsky selber in seiner
Schrift: „Der Weg zur Macht".
Und nun, da der bewaffnete Kampf um die Großmachtvorrechte zur Tat-
sache geworden ist, beginnt Kautsky den Kapitalisten und dem Kleinbürgertum
gut zuzureden, der Krieg sei ein entsetzlich Ding, aber die Entwaffnung eine
gute Sache, genau so und genau mit demselben Erfolg, wie der christliche Pfaffe
von der Kanzel herab den Kapitalisten gut zuredet, die Menschenliebe sei ein
Gebot Gottes, ein Drang der Seele und ein moralisches Gesetz der Zivilisation . . .
Das, was Kautsky ökonomische Tendenzen zum „Ultraimperialismus" nennt,
ist in Wirklichkeit das kleinbürgerliche Zureden den Finanzleuten nichts Böses
zu tun.
Kapitalexport? Aber das Kapital wird nach den selbständigen Ländern,
z. B. nach den Vereinigten Staaten Amerikas mehr exportiert, als nach den
Kolonien. Besetzung der Kolonien ? Aber sie sind bereits alle besetzt, und fast
alle streben nach Befreiung. „Indien kann aufhören, englischer Besitz zu sein.
Es wird nie als geschlossenes Reich einer anderen Fremdherrschaft zufallen."
(S. 49.) „Jedes Streben eines kapitalistischen Industriestaates, ein Kolonial-
reich zu erwerben, das ausreichte, ihn für den Bezug seiner Rohstoffe vom Aus-
lande unabhängig zu machen, müßte alle anderen kapitalistischen Staaten gegen
ihn vereinen, müßte ihn in endlose, erschöpfende Kriege verwickeln, ohne ihn
seinem Ziel näher zu bringen. Diese Politik wäre der sicherste Weg, das ganze
wirtschaftliche Leben des Staates zum Bankrott zu bringen." (S. 72 — 73.)
Heißt denn das nicht, den Finanzleuten philiströs zureden, auf den Im-
perialismus zu verzichten ? Den Kapitalisten den Bankrott an die Wand malen,
ist genau dasselbe, wie den Börsianern raten, nicht an der Börse zu spielen, weil
viele dabei ihr Vermögen verlieren. Vom Bankrott des konkurrierenden Kapita-
listen und der konkurrierenden Nation gewinnt das Kapital und konzentriert
sich noch mehr; je schärfer und „enger" die wirtschaftliche Konkurrenz, d. h.
das wirtschaftliche Treiben zum Bankrott ist, umso stärker ist das Bestreben
der Kapitalisten, dazu noch das militärische Treiben zum Bankrott hinzuzufügen.
Je weniger Länder übrig geblieben sind, nach denen man das Kapital ebenso
vorteilhaft ausführen kann, wie nach den Kolonien und den abhängigen Ländern,
wie nach der Türkei — denn in diesen Fällen heimst der Finanzmann den drei-
fachen Gewinn ein, im Vergleich mit dem Kapitalexport nach einem freien,
selbständigen und zivilisierten Lande, wie nach den Vereinigten Staaten von
Amerika — umso erbitterter wird der Kampf um die Unterwerfung und Auf-
teilung der Türkei, Chinas usw. So viel sagt die Wirtschaftstheorie über das
KV
147
Zeitalter des Finanzkapitals und des Imperialismus. So viel sagen die Tatsachen.
Aber Kautsky verwandelt alles in eine banale kleinbürgerliche Moral: es lohne
sich halt nicht, sich zu ereifern oder gar zu kämpfen wegen der Auf-
teilung der Türkei oder der Besitzergreifung von Indien, denn sowieso — „für
wie lange!" — außerdem wäre es denn nicht besser, den Kapitalismus friedlich
zu entfalten! . . . Natürlich, es wäre noch besser, den Kapitalismus zu entfalten
und die Märkte zu erweitern durch Erhöhung des Arbeitslohnes : das wäre durch-
aus „denkbar", und in diesem Sinne den Geldleuten gut zureden, wäre das
passendste Thema für die Predigt eines Pfaffen . . . Der gute Kautsky hat die
deutschen Finanzmänner beinahe ganz davon überzeugt, daß es sich nicht
lohne, wegen der Kolonien mit England Krieg zu führen, denn diese Kolonien
würden sich sowieso bald befreien! . . .
Englands Ein- und Ausfuhr nach und aus Ägypten wuchs von 1872 bis
1912 langsamer als Englands gesamter Ex- und Import. Daraus die Moral des
„Marxisten" Kautsky; „Wir haben keine Ursache, anzunehmen, daß er ohne die
militärische Besetzung Ägyptens durch das bloße Gewicht der ökonomischen
Faktoren weniger gewachsen wäre" (S. 72). „Die Ausdehnungsbestrebungen
des Kapitals . . . können am besten nicht durch die gewalttätigen Methoden des
Imperialismus, sondern durch die friedliche Demokratie gefördert werden." (S. 70.)
Welch merkwürdig ernsthafte, wissenschaftliche, „marxistische" Analyse!
Kautsky hat diese unvernünftige Geschichte glänzend „verbessert" und hat „be-
wiesen", daß dieEngländer es garnicht nötig hatten, den Franzosen Ägypten weg-
zunehmen, und daß es sich den deutschen Finanziers absolut nicht lohnte, Kriege
anzufangen und unter anderem eine türkische Campagne zu inszenieren, um die
Engländer aus Ägypten zu vertreiben! All das ist ein Mißverständnis, nicht
mehr, — die Engländer sind nur noch nicht darauf gekommen, daß man „am
besten" auf die Vergewaltigung Ägyptens verzichtet und (im Interesse der Er-
weiterung des Kapitalexports, nach Kautsky \) zur „friedlichen Demokratie"
übergeht . . .
„Natürlich war es eine Illusion der bürgerlichen Freihändler, wenn sie
glaubten, der Freihandel räume die ökonomischen Gegensätze aus der Welt,
die der Kapitalismus hervorbringt. Das vermag er ebensowenig wie die Demo-
kratie. Aber wir haben alle ein Interesse daran, daß diese Gegensätze in Formen
ausgefochten werden, die den arbeitenden Massen die geringsten Opfer und
Leiden auferlegen" ... (S. 73.)
Gott erbarme ! Gott helfe uns ! Was ist ein Philister ? fragte Lassalle und
antwortete: der Philister ist ein leerer Darm voller Angst und Hoffnung, daß
sich Gott erbarmen möge.
Kautsky brachte den Marxismus zur unerhörten Prostituierung und ver-
wandelte sich in einen wahren Pfaffen. Der Pfaffe will die Kapitalisten über-
reden, zur friedlichen Demokratie überzugehen und nennt es Dialektik: wenn
zuerst Freihandel bestand und dann Monopol und Imperialismus — warum sollte
dann nicht „Ultraimperialismus" und wieder Freihandel möglich sein! Der
Pfaffe tröstet die unterdrückten Massen und malt ihnen die Wohltaten dieses
148
„Ultrainiperialismus" aus. Trotzdem dieser Pfaffe nicht einmal sagen kann,
ob ein solcher „realisierbar" sei! Mit Recht hat Feuerbach diejenigen, die die
Religion durch das Argument verteidigen, daß sie den Menschen Trost spende,
auf die reaktionäre Bedeutung der Tröstung hingewiesen: wer den Sklaven
tröstet, anstatt ihn gegen dieVersklavung aufzurütteln, der stützt die Sklavenhalter.
Alle unterdrückenden Klassen bedürfen zum Schutze ihrer Herrschaft
zweier sozialer Funktionen: der Funktion des Henkers und der Funktion des
Pfaffen. Der Henker soll den Protest und die Empörung der Unterdrückten
niederhalten, der Pfaffe soll ihnen Perspektiven (das ist umso bequemer zu tun,
wenn man für die „Realisierbarkeit" dieser Perspektiven keine Gewähr leistet . . .)
der Milderung der Nöte und Opfer unter Beibehaltung der Klassenherrschaft
ausmalen und soll sie „mit dieser Herrschaft" aussöhnen, sie von revolutionären
Aktionen ablenken, ihre revolutionäre Stimmung dämmen und ihre revolutio-
näre Entschlossenheit zerstören. Kautsky machte den Marxismus zu einer
widerwärtigen und stumpfsinnigen gegenrevolutionären Theorie, zum schmutzig-
sten Pfaffentum.
Im Jahre 1919 erkennt er in seiner Broschüre: „Der Weg zur Macht"
die — von niemanden widerlegte und unwiderlegbare — Zuspitzung der Gegen-
sätze des Kapitalismus, das Nahen einer Epoche von Kriegen und Revolutionen,
einer neuen „revolutionären Periode". Es kann keine „verfrühte" Revolution
geben, erklärt er und brandmarkt als „direkten Verrat an unserer Sache" den Ver-
zicht darauf, bei einem Aufstand mit der Möglichkeit des Sieges zu rechnen, wemi
auch vor dem Kampfe eine eventuelle Niederlage nicht ausgeschlossen werden darf.
Der Krieg kam. Noch mehr spitzten sich die Gegensätze zu. Die Not der
Massen hat ungeheure Dimensionen angenommen. Der Krieg zieht sich in die
Länge, und sein Schauplatz dehnt sich immer mehr aus. Kautsky schreibt eine
Broschüre nach der anderen, gehorcht willig den Anweisungen des Zensors,
bringt keine Daten über den Länderraub und die Kriegesgreuel, über die skanda-
lösen Gewinne der Kriegslieferanten, über die Teuerung, über die militärische
Versklavung der mobilisierten Arbeiter, dafür aber tröstet er und tröstet immer
wieder das Proletariat — tröstet mit Beispielen jener Kriege — da die Bourgeoisie
revolutionär oder fortschrittlich war, da „Marx selber" den Sieg dieser oder
jener Bourgeoisie herbeiwünschte, tröstet mit Reihen und Kolonnen von Ziffern,
die „die Möglichkeit" eines Kapitalismus ohne Kolonien und ohne Ausräuberung,
ohne Kriege und Rüstungen, die die Vorzüge der „friedlichen Demokratie" be-
weisen sollen. Ohne daß er es wagte, die Verschlechterung der Lage der Massen
und den tatsächlichen Anbruch einer revolutionären Situation zu leugnen,
(Nicht davon reden! Die Zensur erlaubt es nicht . . .), spielt Kautsky den Lakaien
der Bourgeoisie und den Opportunisten, indem er die „Perspektive" (für die
„Realisierbarkeit" garantiert er nicht) solcher Kampfesformen in der neuen
Phase ausmalt, wo es „weniger Opfer und Leiden" geben würde . . . Vollkommen
recht haben Franz Mehring und Rosa Luxemburg, wenn sie Kautsky ein Mädchen
für Alle nennen.
*
149
Im August 1905 war die Situation in Rußland evident revolutionär. Der
Zar hatte die Bulyginsche Duma in Aussicht gestellt, um die aufgeregten Massen
zu beschwichtigen. Das Bulyginsche gesetzberatende Regime hätte man „Ultra-
absolutismus" nennen können, wenn man als „Ultraimperialismus" den Verzicht
der Finanzleute auf Rüstungen und ihr Abkommen über einen Dauerfrieden
bezeichnen kann. Nun wollen wir einen Moment lang zugeben, daß hundert der
größten Finanziers der Welt, die in hundert Riesenunteriiehmungen miteinander
„verfilzt" sind, morgen den Völkern versprechen werden, für die Abrüstung nach
dem Kriege einzutreten (wir wollen für einen Moment lang einen solchen Fall
zulassen, um die politischen Schlußfolgerungen aus der naiven Theorie Kautskys
zu betrachten). Selbst dann wäre es ein direkter Verrat am Proletariat, wenn
man ihm von revolutionären Aktionen abraten wollte, ohne die alle Versprechun-
gen und alle gute Aussichten ein Hirngespinst sind.
Der Krieg hat der Klasse der Kapitalisten nicht allein gewaltige Profite
und glänzende Aussichten auf neue Räubereien (Türkei, China usw.), neue
Milliarden-Bestellungen und neue Anleihen mit erhöhten Zinsen gebracht.
Noch mehr. Er brachte der Klasse der Kapitalisten noch größere politische
Vorteile, indem er das Proletariat gespalten und korrumpiert hat. Kautsky
fördert diese Korruption und sanktioniert diese internationale Spaltung der
kämpfenden Porletarier im Namen der Einheitlichkeit mit den Opportunisten
der eigenen Nation, mit den Südekums! Und es finden sich Menschen, die nicht
einsehen, daß die Losung der Einheit der alten Parteien soviel bedeutet, wie die
Gemeinschaft des Proletariats mit der Bourgeoisie ihrer Nation und die Spaltung
des Proletariats der verschiedenen Nationen . . .
VI.
Die vorigen Zeilen waren bereits geschrieben, als die Nr. 9 der „Neuen
Zeit" (vom 28. Mai) mit der Schlußbetrachtung Kautskys über den Zusammen-
bruch der Sozialdemokratie (Punkt 7 seiner Erwiderung an Cunow) erschienen
ist. Kautsky rekapitulierte da alle alten Sophismen und einen neuen zum Schutz
des Sozialchauvinismus und zog aus ihnen folgenden Schluß:
„Es ist einfach nicht wahr, daß der Krieg ein rein imperialistischer ist,
daß die Alternative bei seinem Ausbruch die war: Imperialismus oder Sozialis-
mus, und daß die sozialistischen Parteien und proletarischen Massen Deutsch-
lands, Frankreichs, vielfach auch Englands sich ohne Besinnen auf bloßes Geheiß
einer Handvoll Parlamentarier dem Imperialismus in die Arme gestürzt, den
Sozialismus verraten und so den beispiellosesten Zusammenbruch aller Zeiten
herbeigeführt hätten." (S. 274.)
Ein neuer Sophismus und eine neue Täuschung der Arbeiter: der Krieg
sei ja garnicht ein „rein" imperialistischer Krieg!
In der Frage nach dem Charakter und Sinn des jetzigen Krieges schwankt
Kautsky auffallend; dabei umgeht dieser Parteiführer die exakten und formalen
Erklärungen des Basler Kongresses und des Chemnitzer Parteitages ebenso
vorsichtig, wie der Dieb den Platz seiner letzten Missetat meidet. In der Bro-
150
schüre: „Nationalstaat" usw., geschrieben im Februar 1915, behauptete Kautsky,
daß der Krieg „letzten Endes" ein imperialistischer Krieg sei (S. 64). Jetzt
wird eine neue Einschränkung gemacht. Kein rein imperialistischer — welcher
sonst noch?
Es stellt sich heraus, noch ein nationaler! Kautsky ist auf diese himmel-
schreiende Sache durch folgende „Plechanowsche" Auch-Dialektik gekommen.
„Der jetzige Krieg ist ein Kind nicht bloß des Imperialismus, sondern
auch der russischen Revolution." Er, Kautsky, habe schon im Jahre 1904
vorausgesehen, daß die russische Revolution den Panslavismus in neuer Form
wieder erstehen lassen würde, daß „ein demokratisches Rußland muß den Drang
der Slaven Österreichs und der Türkei nach Erlangung der nationalen Un-
abhängigkeit aufflammen lassen. Da wird auch die polnische Frage wieder akut
werden . . . Österreich wird dann gesprengt, denn mit dem Zusammenbruch des
Zarismus zerfällt der eiserne Reifen, der heute noch die auseinanderstrebenden
Elemente zusammenhält". (Kautsky selbst führt dieses Zitat aus einem seiner
Aufsätze des Jahres 1914 an . . .) „Die russische Revolution . . . verlieh den
nationalen Bestrebungen des Orients einen mächtigen Anstoß und . . . fügte
zu den europäischen Problemen asiatische hinzu. Sie alle melden sich während
dieses Krieges ungestüm zu Wort, und sie werden vielfach entscheidend für die
Stimmung der Volksmassen auch der proletarischen, während in den herrschenden
Klassen die imperialistischen Tendenzen überwiegen." (S. 273; Kursiv von
uns.)
Da haben wir ein Musterbild der Prostituierung des Marxismus 1 Weil
ein „demokratisches" Rußland den Freiheitsdrang der Völker im Osten Europas
geschürt hätte (das ist unzweifelhaft), deshalb ist der jetzige Krieg, der keine
Nation befreit, aber bei jedem Ausgang des Krieges viele Nationen versklavt,
kein „rein" imperialistischer Krieg. Weil ein Zusammenbruch des Zarismus
einen Zerfall Österreichs infolge seines undemokratischen Nationalaufbaues
bedeuten würde, deshalb hat der vorübergehend erstarkte konterrevolutionäre
Zarismus durch die Ausräuberung Österreichs und die noch größere Unter-
drückung der Nationen Österreichs dem „jetzigen Kriege" einen nicht rein
imperialistischen, sondern im gewissen Sinne nationalen Charakter verliehen.
Weil die „herrschenden Klassen" die blöden Bürger und knechtischen Bäuerlein
mit Märchen von nationalen Zielen des imperialistischen Krieges anlügen,
deshalb hat ein Mann der Wissenschaft, eine Autorität des Marxismus, ein
Repräsentant der II. Internationale, das Recht, die Massen mit diesem Lügen-
gewebe einzuwickeln durch die „Formel": die herrschenden Klassen haben
imperialistische Tendenzen, aber das „Volk" und die proletarischen Massen
weisen „nationale" Bestrebungen auf.
Die Dialektik verwandelt sich in die gemeinste, niederträchtigste Sophistik !
Das nationale Element im jetzigen Kriege wird nur durch den Krieg
Serbiens gegen Österreich repräsentiert (das wurde unter anderem durch die
Resolution der Berner Konferenz unserer Partei hervorgehoben). Nur in
Serbien, unter den Serben haben wir eine jahrelange und Millionen „nationaler
151
Massen" umfassende nationale Befreiungsbewegung, deren „Fortsetzung" der
Krieg Serbiens gegen Österreich ist. Wäre dieser Krieg isoliert, d. h. nicht an
den euroäpischen Krieg, an die eigennützigen und räuberischen Ziele Englands,
Rußlands usw. geknüpft, dann wären alle Sozialisten verpflichtet, der serbischen
Bourgeoisie Erfolg zu wünschen. Das ist die allein richtige und absolut not-
wendige Schlußfolgerung aus dem nationalen Moment im jetzigen Kriege.
Aber der Sophist Kautsky, der sich jetzt im Dienste der österreichischen Bour-
geois, Klerikalen und Generäle befindet, zieht gerade diese Schlußfolgerung nicht !
Ferner. Die Marxsche Dialektik, als letztes Wort der wissenschaftlich
evolutionistischen Methode, verbietet gerade eine isolierte, d. h. einseitige und
verzerrte Betrachtung des Gegenstandes. Das nationale Moment des serbisch-
österreichischen Krieges hat im europäischen Kriege keine ernsthafte Bedeutung
und kann keine haben. Sollte Deutschland siegen, so würde es Belgien, noch
einen Teil Polens, vielleicht einen Teil Frankreichs usw. erdrosseln. Siegt
Rußland, so erwürgt es Galizien, einen weiteren Teil Polens, Armenien usw.
Endet der Krieg mit „remis", so bleibt die alte nationale Unterdrückung. Für
Serbien, d. h. für etwa ein Hundertstel der Beteiligten am jetzigen Kriege ist
der Krieg eine „Fortsetzung der Politik" der bürgerlichen Befreiungsbewegung.
Für 99/100 ist der Krieg eine Fortsetzung der imperialistischen Politik, d. h. der
Politik der alternden Bourgeoisie, die wohl zur Verwesung neigt, aber nicht
zur Befreiung der Nationen. Der Dreibund verkauft durch die „Befreiung"
Serbiens die Interessen der serbischen Freiheit an den italienischen Imperialismus
für die Hilfe bei der Ausplünderung Österreichs.
All das ist allbekannt, und all das ist schamlos von Kautsky verdreht
zur Rechtfertigung der Opportunisten. „Reine" Erscheinungen gibt es weder
in der Natur noch in der Gesellschaft, und kann es auch nicht geben, — das
lehrt gerade die marxistische Dialektik, die uns zeigt, daß der Begriff der
Reinheit selber eine gewisse Beschränktheit, eine Einseitigkeit der menschlichen
Erkenntnis ist, die den Gegenstand in seiner ganzen Kompliziertheit nicht bis
ans Ende erfaßt. In der Welt gibt es und kann es keinen „reinen" Kapitalismus
geben, stets sind Beimischungen bald vom Feudalismus bald vom Klein-
bürgertum oder von sonst etwas vorhanden. Daran erinnern, daß der Krieg
nicht „rein" imperialistischer Natur ist, wenn die Rede ist vom himmel-
schreienden Betrug der „Volksmassen" durch die Imperialisten, die bewußt
die Ziele der nackten Plünderung durch eine „nationale" Phraseologie be-
mänteln, das tun, heißt, ein unendlich stumpfsinniger Pedant oder Rabulist
und Betrüger sein. Es handelt sich ja gerade darum, daß Kautsky den Betrug
des Volkes durch die Imperialisten unterstützt, wenn er sagt, daß für „die
Volksmassen, darunter auch die proletarischen Massen ausschlaggebend die
nationalen Probleme" waren, für die herrschenden Klassen dagegen die „im-
perialistischen Tendenzen" (S. 273), und wenn er dies „bekräftigt" durch den
angeblich dialektischen Hinweis auf die „unendlich mannigfaltige Wirklichkeit"
(S. 274). Wahrhaftig, die Wirklichkeit ist unendlich mannigfaltig, das ist
totsicher! Aber ebenso sicher ist, daß diese unendliche Mannigfaltigkeit zwei
152
hauptsächliche und grundsetzliche Strömungen aufweist: der objektive Inhalt
des Krieges ist eine „Fortsetzung der Politik" des Imperialismus, d. h. der
Ausplünderung der fremden Nationen durch die altersschwache Bourgeoisie
der „Großmächte" (und ihre Regierungen) ; die vorwiegende subjektive Ideologie
aber besteht in den „nationalen" Phrasen, die verbreitet werden zur Betörung
der Massen.
Der alte Sophismus Kautskys, der von ihm neu aufgewärmt wird, wonach
die „Linken" die Sache so darstellten, als ob bei Kriegsausbruch die Alter-
native hieß: Imperialismus oder Sozialismus, — dieser Sophismus wurde von
uns bereits untersucht. Er ist eine schamlose Unterstellung, denn Kautsky
weiß wohl, daß die Linken eine andere Alternative aufstellten: Anschluß der
Partei an den imperialistischen Raubzug und Betrug, oder Propagierung und
Vorbereitung revolutionärer Aktionen. Kautsky weiß ebenfalls, daß allein
die Zensur ihn davor schützt, daß das alberne Märchen, das er aus Liebedienerei
vor den Südekums verbreitet, durch die „Linken" Deutschlands entlarvt wird.
Was aber das Verhältnis zwischen den „proletarischen Massen" und
einer „Handvoll Parlamentarier" betrifft, so führt hier Kautsky einen der
abgeschmacktesten Einwände ins Feld:
„Sehen wir von den Deutschen ab, um nicht pro domo zu plädieren, aber
wer könnte im Ernst behaupten wollen, Männer wie Vaillant, Guesde, Hyndman
und Plechanow seien über Nacht zu Imperialisten geworden und hätten den
Sozialismus preisgegeben? Und wollen wir absehen von den Parlamentariern
und Instanzen" . . . (Kautsky meint damit offenbar die Zeitschrift von Rosa
Luxemburg und Franz Mehring „Die Internationale", die mit verdienter Ver-
achtung straft die Politik der Instanzen, d. h. der offiziellen Spitzen der deutschen
Sozialdemokratie, ihres Vorstandes, ihrer Reichstagsfraktion usw.) . . . „aber
wer darf behaupten, daß für die 4 Mülionen klassenbewußter deutscher Pro-
letarier einzig das Kommando einer Handvoll Parlamentarier genügt, daß sie
binnen 24 Stunden rechtsschwenken Und Front gegen ihre bisherigen Ziele
machen ? Wäre das richtig, dann zeigte das allerdings einen furchtbaren Zu-
sammenbruch, aber nicht bloß unserer Partei, sondern auch der Masse
(Kursiv von Kautsky). Wäre die eine so charakterlose Hammelherde, dann
könnten wir uns begraben lassen." (S. 274.)
Der politisch und wissenschaftlich maßgebende Karl Kautsky hat sich
bereits begraben lassen durch sein Verhalten und seine erbärmlichen Ausflüchte.
Wer das nicht versteht oder mindestens nicht fühlt, dem ist in bezug auf den
Sozialismus nicht zu helfen, und deshalb ist der Ton, den Mehring, Rosa Luxem-
burg und ihre Anhänger in der „Internationale" Kautsky und Konsorten gegen-
über angeschlagen haben, der einzig richtige, wenn sie als erbärmliche Individuen
behandelt werden.
Man bedenke bloß: über die Stellungnahme zum Kriege konnte sich
einigermaßen frei nur eine „Handvoll Parlamentarier" äußern (d. h. ohne sofort
gepackt und in die Kaserne geschleppt zu werden, ohne von unmittelbarer
Erschießung bedroht zu sein), ausschließlich eine Handvoll Parlamentarier
153
(sie stimmten frei, rechtsgemäß, sie konnten noch dagegen stimmen — dafür
wurde man nicht einmal in Rußland geschlagen oder mißhandelt, ja nicht einmal
verhaftet), dann ein Häuflein Beamte, Journalisten usw. Jetzt wälzt Kautsky
edelmütig den Verrat und die Charakterlosigkeit dieser Gesellschaft&scAic/rt
auf die Massen ab, nämlich jener Schicht, über deren Zusammenhang mit der
Taktik und Ideologie des Opportunismus derselbe Kautsky jahrelang Dutzende
von Malen schrieb : Die allererste und grundlegende Regel einer wissenschaftlichen
Forschung überhaupt und der marxistischen Dialektik insbesonders erfordert
vom Schriftsteller eine Betrachtung des Zusammenhanges des jetzigen Kampfes
der Richtungen im Sozialismus — jener Richtung, die sich über den Verrat
aufhält und Alarm schlägt, sowie jene Richtung, die den Verrat nicht
sieht, — mit dem Kampfe, der jahrzehntelang vor dem Kriege vor sich
ging. Kautsky verliert kein Wort darüber, er will nicht einmal die Frage nach
den Richtungen und Strömungen auf werfen. Bisher waren Strömungen da,
jetzt sind sie nicht mehr da ! Jetzt gibt es nur noch klingende Namen von „Autori-
täten", mit denen Lakaienseelen stets aufzutrumpfen wissen. Es ist besonders
bequem, sich dabei auf andere zu beziehen und seine eigenen Sünden zu be-
mänteln nach der Regel: die eine Hand wäscht die andere. „Nun, was soll
das für ein Opportunismus sein", rief L. Martow in seinem Vortrag in Bern,
„wenn . . . Guesde, Plechanow, Kautsky!" . . . „Man sollte mit dem Vor-
wurf des Opportunismus gegenüber solchen Männern wie Guesde vorsichtiger
sein," schrieb Axelrod („Golos" Nr. 86/87). „Ich will mich nicht verteidigen,"
echot in Berlin Kautsky, „aber . . . Vaillant, Guesde, Hyndman und Plechanow" !
Gleich und gleich gesellt sich gerne.
Kautsky geht in seinem Lakaieneifer so weit, daß er selbst für Hyndman
einen Handkuß übrig hat, indem er ihn so darstellt, als ob er sich erst gestern
zu den Imperialisten geschlagen hätte. Aber in derselben „Neuen Zeit" und
in Dutzenden sozialdemokratischer Zeitungen der ganzen Welt wurde über
den Imperialismus Hyndmans schon viele Jahre hindurch geschrieben! Hätte
sich Kautsky für die politische Biograplüe der von ihm genannten Personen
aufrichtig interessiert, so hätte er sich erinnern müssen, ob diese Biographie
nicht Züge und Geschehnisse auf wies, die nicht „24 Stunden", sondern jahrelang
ihren Übertritt zum Imperialismus vorbereiteten, ob nicht Vaillant ein Ge-
fangener der Jaures — isten und Plechanow ein Gefangener der Menschewiki
und Liquidatoren war? Starb nicht vor aller Augen Guesdes Richtung in der
musterhaft-leblosen, talentlosen, zu jeder selbständigen Stellungnahme in jeder
wichtigen Frage unfähigen Guesdestischen Zeitschrift „Socialisme" ? Zeigte
sich nicht Kautsky (das sei für diejenigen hinzugefügt, die auch ihn — voll-
kommen mit Recht — in einem Atemzug mit Hyndman und Plechanow nennen)
charakterlos in der Frage des Millerandismus, zu Beginn des Kampfes gegen
die Bernsteinerei usw. ?
Doch wir nehmen nicht das geringste Interesse für eine wissen-
schaftliche Untersuchung der Biographie der genannten Helden wahr. Es
fehlt der geringste Versuch, zu untersuchen, ob diese Führer sich durch
154
ihre eigenen Argumente rechtfertigen oder durch Wiederholung der Argumente
der Opportunisten und Bourgeois. Haben die Handlungen dieser Führer eine
ernsthafte politische Bedeutung erlangt infolge ihres besonderen Einflusses
oder infolgedessen, daß sie sich an einer fremden, tatsächlich „einflußreichen'''
und von der Militärorganisation gestützten, nämlich bürgerlichen Richtung
angeschlossen hatten? Kautsky nimmt nicht einmal den Anlauf, diese Frage
zu untersuchen; er ist nur bemüht, den Massen die Augen auszuwischen, sie
mit dem Klang autoritärer Namen zu betäuben, sie zu verhindern, die strittige
Frage klar aufzustellen und sie allseitig zu untersuchen.*)
. . . „Die 4 Mülionenmasse hat auf Kommando einer Handvoll Parlamen-
tarier rechts geschwenkt" . . .
Jedes Wort ist erlogen. Die deutsche Parteiorganisation hatte nicht
vier Mülionen, sondern eine Million Mitglieder, dabei drückte den einheitlichen
WÜlen dieser Organisation (wie auch jeder Organisation) einzig und allein Un-
politisches Zentrum, jene „Handvoll" aus, die den Sozialismus verraten hat.
Diese Handvoll wurde befragt, wurde aufgefordert, abzustimmen, sie durfte
stimmen, durfte Artikel schreiben usw. Die Massen jedoch wurden nicht befragt.
Sie durften nicht nur nicht stimmen, aber sie wurden auseinandergejagt und
getrennt „auf Kommando" , aber nicht einer Handvoll Parlamentarier, sondern
auf Kommando der Militärbehörden. Die Militärorganisation war da, darin
war kein Verrat der Führer, sie rief die „Masse" einzeln auf und stellte das
Ultimatum: einrücken (nach dem Rat der Führer) oder erschossen werden.
Die Masse konnte nicht organisiert handeln, denn ihre früher geschaffene Organi-
sation, die in einer „Handvoll" Legiens, Kautskys und Scheidemanns verkörpert
war, hatte die Masse verraten, und zur Schaffung einer neuen Organisation
bedurfte es einer gewissen Zeit, bedurfte es der Entschlossenheit, die alte,
morsche, faule Organisation über Bord zu werfen.
Kautsky versucht, seine Gegner von links zu schlagen, indem er ihnen
den Unsinn in die Schuhe schiebt, sie hätteni nämlich die Frage so gestellt:
die „Massen" hätten als Antwort auf den Krieg „in 24 Stunden" Revolution
machen und gegen den Imperialismus den „Sozialismus" einführen sollen,
sonst würden die „Massen" „Charakterlosigkeit und Verrat" offenbaren. —
Aber das ist ja ein blanker Unsinn, mit dem bisher Verfasser von ungebildeten
bürgerlichen und Polizeischriftchen gegen die Revolutionäre aufzogen, und mit
*) Kautskys Hinweis auf Vaillant und Guesde, Hyndman und Plechanow ist noch
in einer Hinsicht charakteristisch. Die offenen Imperialisten wie Lensch und Haenisch
(geschweige denn die Opportunisten) berufen sich gerade auf Hyndman und Plechanow
zur Rechtfertigung ihrer Politik. Und sie haben auch recht, sich auf sie zu beziehen, sie
haben recht in der Hinsicht, daß es in der Tat ein und dieselbe Politik ist. Aber Kautsky
spricht mit Geringschätzung von Lensch und Haenisch, diesen gewesenen Radikalen,
die zum Imperialismus umgekehrt sind. Kautsky dankt Gott, daß er diesen Missetatern
nicht gleiche, daß er mit ihnen nicht einverstanden sei, daß er revolutionär geblieben sei. —
Scherz beiseite 1 Aber in Wirklichkeit ist Kautskys Stellungnahme genau dieselbe. Der
heuchlerische Chauvinist Kautsky mit seinen süßlichen Phrasen ist viel widerwärtigeT.
als die naiven Chauvinisten David und Heine, Lensch und Haenisch.
155
dem jetzt Kautsky stolziert. Kautskys Gegner von links wissen wohl, daß die
Revolution nicht „gemacht" werden kann, daß die Revolutionen den objektiv
(unabhängig vom Willen der Parteien und Klassen) reif gewordenen Krisen
und Umwälzungen der Geschichte erwachsen, daß die Massen ohne Organisation
des einheitlichen Willens beraubt sind, daß der Kampf gegen die mächtige,
terroristische Militärorganisation der zentralisierten Staaten eine schwere und
langwierige Sache ist. Die Massen konnten beim Verrat ihrer Führer im kritischen
Augenblick nichts tun; aber die Handvoll dieser Führer konnte und sollte durch-
aus gegen die Kriegskredite stimmen, sich gegen den Burgfrieden mid gegen
die Rechtfertigung des Krieges wenden, für eine Niederlage ihrer Regierungen
eintreten, einen internationalen Apparat zur Propagierung der Verbrüderung
in den Schützengräben instand setzen, illegale Literatur*) ins Leben rufen,
die die Notwendigkeit revolutionärer Aktionen predigte, usw.
Kautsky weiß wohl, daß die Linken Deutschlands gerade solche oder
richtiger ähnliche Aktionen meinen, und daß sie außerstande sind, bei der
Militärzensur offen und direkt davon zu sprechen. Der Wunsch, die Oppor-
tunisten um jeden Preis zu rechtfertigen, führt Kautsky bis zur beispiellosen
Gemeinheit, so daß er sich hinter den Rücken der Militärzensur verschanzt und
der Linken einen offenkundigen Humbug zuschreibt, weil er gewiß ist, durch
den Zensor vor Entlarvung geschützt zu sein.
VII.
Die ernsthafte wissenschaftliche und politische Frage, die Kautsky bewußt
durch allerlei Tricks umgeht und dadurch den Opportunisten eine ungeheure
Freude verschafft, besteht darin, wie die angesehensten Repräsentanten der
II. Internationale den Sozialismus verraten konnten.
Diese Frage müssen wir natürlich stellen nicht im Sinne der persönlichen
Biographie dieser oder jener Autoritäten. Ihre künftigen Biographen werden
die Frage von dieser Seite aus zu betrachten haben. Aber das Interesse der
sozialistischen Bewegung ist momentan nicht darauf gerichtet, sondern auf die
Untersuchung des historischen Ursprungs, der Bedingungen, der Bedeutung
und der Macht der sozialchauvinistischen Strömung. 1. Woher kam der Sozial-
chauvinismus ? 2. Was hat ihm die Kraft verliehen ? 3. Wie soll er bekämpft
werden? Nur eine solche Fragestellung ist ernsthaft, aber die Abwälzung der
*) Nebenbei, dazu brauchte man gar nicht alle sozialdemokratischen Zeitungen zu
schließen als Antwort auf das Verbot, über Klassenhaß und Klassenkampf zu schreiben.
Die Bedingung, davon nicht zu schreiben, anzunehmen, wie es der „Vorwärts" getan hat,
war eine Gemeinheit und Feigheit. Nachdem der „Vorwärts" das getan hat, ist er politisch
tot. L. Martow hatte recht, als er das sagte. Aber man hätte die legalen Zeitungen bei-
behalten können und erklären, daß sie keine Parteiblätter und keine sozialdemokratischen
Blätter seien, sondern bloß solche, die den technischen Bedürfnissen eines Teiles der
Arbeiter dienen, d. h. unpolitische Blätter. Eine illegale sozialdemokratische Literatur
zur Beurteilung des Krieges, und eine legale Arbeiterliteratur ohne diese Beurteilung,
eine Literatur, die keine Unwahrheit sagt, aber die Wahrheit verschweigt, — warum
hätte das unmöglich sein sollen?
156
Frage auf Personen bedeutet in Wirklichkeit eine einfache Ausflucht, ist das
Manöver eines Sophisten.
Zur Beantwortung der ersten Frage muß untersucht werden: 1. ob der
ideal-politische Inhalt des Sozialchauvinismus nicht mit irgend einer früheren
Richtung im Zusammenhang stehe; 2. in welchem Verhältnis sich, vom
Standpunkt der tatsächlichen politischen Schichtungen, die jetzige Teilung
der Sozialisten in Gegner und Anhänger des Sozialchauvinismus zu den früheren,
historisch vorhergegangenen Teilungen befindet?*)
Unter Sozialchauvinismus verstehen wir die Anerkennung des Gedankens
der Vaterlandsverteidigung im jetzigen imperialistischen Kriege, die Recht-
fertigung des Paktes der Sozialisten mit der Bourgeoisie und den Regierungen
„ihrer" Länder in diesem Kriege, den Verzicht auf die Propagierung und Unter-
stützung proletarisch-revolutionärer Aktionen gegen die eigene Bourgeoisie usw.
Es ist absolut klar, daß der grundlegende, ideal politische Inhalt des Sozial-
chauvinismus ganz und gar mit den Grundlagen des Opportunismus zusammen-
fällt. Das ist eine und dieselbe Richtung. Der Opportunismus im Milieu des
Krieges 1914/1915 ergibt den Sozialchauvinismus. Das wesentliche am Opportu-
nismus ist der Gedanke der Zusammenarbeit der Klassen. Der Krieg führt
diesen Gedanken zu Ende und fügt zu den üblichen Faktoren und Beweggründen
eine ganze Reihe außerordentlicher Faktoren hinzu, indem er die zersplitterten
Massen durch besondere Drohungen und Vergewaltigungen zur Zusammen-
arbeit mit der Bourgeoisie zwingt. Dieser Umstand vermehrt natürlicher-
weise den Kreis der Anhänger des Opportunismus und erklärt den Übergang
vieler Radikalen von gestern in dieses Lager vollkommen.
Der Opportunismus bedeutet die Opferung der grundsätzlichen Inter-
essen der Massen zugunsten der vorübergehenden Interessen einer geringen
Anzahl von Arbeitern, oder mit anderen Worten, das Bündnis eines Teiles der
Arbeiter mit der Bourgeoisie gegen die Masse des Proletariats. Der Krieg macht
ein solches Bündnis besonders anschaulich und zwingend. Der Opportunismus
wurde im Lauf von Jahrzehnten durch die Besonderheiten jener Epoche in der
Entwicklung des Kapitalismus erzeugt, als das verhältnismäßig friedliche und
*) Einige Beispiele dafür, wie hoch die Imperialisten und Bourgeois die Bedeutung
der „souveränen" und nationalen Privilegien zur Spaltung der Arbeiter und ihre Ablenkung
vom Sozialismus schätzen. Der englische Imperialist Lucas leugnet in seinem Werke
„Great Rome and Great Britain" (Oxford 1912) die Gleichberechtigung der Rothäuter
im jetzigen Großbritannien und sagt: „Wenn in unserem Reiche weiße Arbeiter neben
Rothäutern arbeiten, so tun sie es nicht als Kameraden, sondern der weiße Arbeiter ist
eher der Aufseher des Rothäuters" (S. 98). — Erwin Beiger, der frühere Sekretär des
Reichsverbandes zur Bekämpfung der Sozialdemokratie, lobt in seiner Schrift „Die Sozial-
demokratie nach dem Kriege" (1915) das Verhalten der Sozialdemokraten und meint,
sie müßten eine „reine Arbeiterpartei" (S. 43), eine internationale", eine „deutsche Arbeiter-
partei" werden (S. 45) ohne „internationalistische, utopische, revolutionäre" Gedanken-
gänge (S. 44). — Der deutsche Imperialist Sartorius von Waltershausen tadelt in seinem
Werke über die Kapitalsanlage im Auslande (1907) die deutschen Sozialdemokraten wegen
ihrer Vernachlässigung des „nationalen Interesses", das in einer Eroberung von Kolonien
157
kulturelle Bestehen einer Schicht bevorzugter Arbeiter sie verbürgerlichte,
ihnen Brocken von den Profiten des nationalen Kapitals abwarf und sie von den
Nöten, Leiden und revolutionären Stimmungen der ausgebeuteten und ver-
elendeten Massen trennte. Der imperialistische Krieg ist die direkte Fortsetzung
und Vollendung dieser Sachlage, denn er ist der Krieg um die Privilegien der
Großmächte, um die Aufteilung der Kolonien unter ihnen, um ihre Herrschaft
über die anderen Nationen. Ihre privilegierte Lage einer „Oberschicht" der
Kleinbürger oder der Aristokratie (und Bürokratie) der Arbeiterklasse ver-
teidigen und festigen — das ist die natürliche Fortsetzung der kleinbürgerlich-
opportunistischen Bestrebungen und der entsprechenden Taktik im Kriege,
das ist die ökonomische Grundlage des Sozialimperialismus unserer Tage.
Und natürlich, die Macht der Gewohnheit, die Routine der verhältnismäßig
„friedlichen" Entwicklung, die nationalen Vorurteile, die Furcht vor krassen
Umwälzungen und der Unglaube an sie — all das spielte die Rolle von Neben-
faktoren, die sowohl den Opportunismus, wie die heuchlerische und feige Aus-
söhnung mit ihm, angeblich nur für die Dauer des Krieges, angeblich nur aus
besonderen Gründen und Rücksichten — stärkten. Der Krieg hat den durch
Jahrzehnte gezüchteten Opportunismus modifiziert, ihn auf eine höhere Stufe
gehoben, die Zahl und die Mannigfaltigkeit seiner Schattierungen gesteigert,
die Reihen seiner Anhänger vermehrt und ihre Argumente durch einen Haufen
neuer Sophismen, Bächlein und Strömungen bereichert, aber der Grundstrom
ist nicht verschwunden. Im Gegenteil, mit dem Grundstrom des Opportunismus
hat der Krieg sozusagen viele neue verschmolzen.
Sozialchauvinismus ist Opportunismus, der soweit herangereift ist, daß
das Weiterbestehen dieser bürgerlichen Eiterbeule innerhalb der sozialistischen
Parteien unmöglich geworden ist.
Diejenigen, die den engen und unzertrennlichen Zusammenhang des Sozial-
chauvinismus mit dem Opportunismus nicht sehen wollen, fangen einzelne
Fälle und Vorfälle auf : der und der Opportunist sei Internationalist geworden,
und der und der Radikale — Chauvinist. Aber das ist ja kein ernsthaftes Argu-
ment in der Frage der Entwicklung von Richtungen. 1. ist die ökonomische
Grundlage des Chauvinismus und Opportunismus in der Arbeiterbewegung
bestehe, und lobt die englischen Arbeiter wegen ihres „Realismus", z. B. ihres Kampfes
gegen die Einwanderung. — Der deutsche Diplomat Rüdorffer hebt in seinem Buch über
die Grundlagen der Weltpolitik die allgemein bekannte Tatsache hervor, daß die Inter-
nationalisierung des Kapitals den verschärften Kampf der nationalen Kapitalien um die
Macht keineswegs ausschalte, und betont, daß dieser verschärfte Kampf auch die Arbeiter
mit hineinziehe. Das Buch ist Mitte Oktober 1913 datiert, aber der Verfasser spricht mit
aller Deutlichkeit von den „Interessen des Kapitals" als der Ursache der heutigen Kriege,
davon, daß die Frage der „nationalen Tendenz" zum Kernpunkt des Sozialismus wird,
daß die Regierungensich vor den internationalistischen Kundgebungen der Sozialdemokratie
nicht zu fürchten hätten, die ja immer nationalistischer werde. Der internationale So-
zialismus wird siegen, wenn er die Arbeiter den nationalen Einflüssen entreißen wird, denn
durch Vergewaltigung allein ist nichts zu machen, aber er wird unterliegen, wenn das
nationale Gefühl die Oberhand gewinnen wird (S. 173/4).
158
eine und dieselbe : das Bündnis der wenigen Oberschichten des Proletariats und
des Kleinbürgertums, die die Brocken von den Vorrechten „ihres" nationalen
Kapitals genießen, gegen die Masse der Proletarier, gegen die Masse der Werk-
tätigen und Unterdrückten überhaupt. 2. ist der geistige und politische Inhalt
der beiden Strömungen ein und derselbe. 3. entspricht im großen und ganzen die
dem Zeitalter der II. Internationale (1889 — 1914) eigentümliche Gliederung der
Sozialisten in einen opportunistischen und revolutionären Flügel der neuen
Teilung in Chauvinisten und Internationalisten.
Um sich von der Richtigkeit dieses letzten Satzes zu überzeugen, sei an
die Regel erinnert, daß die Sozialwissenschaft, wie die Wissenschaft überhaupt,
es mit -ß/asse/ierscheinungen und nicht mit Einzelfällen zu tun hat. Man nehme
die 10 europäischen Länder: Deutschland, England, Rußland, Italien, Holland,
Schweden, Bulgarien, die Schweiz, Frankreich und Belgien. In den acht ersten
Ländern entspricht die neue Teilung der Sozialisten (nach dem Internationalis-
mus) der alten (nach dem Opportunismus) : in Deutschland ist die Hochburg
des Opportunismus, die Zeitschrift: „Sozialistische Monatshefte", zur Hochburg
des Chauvinismus geworden. Die Idee des Internationalismus wird von den
extrem Linken unterstützt. In England sind 8 /4 der Brit. Soc. Party Inter-
nationalisten (laut letzter Berechnung waren 66 Stimmen für die internationale
Resolution und 87 gegen), und im Block der Opportunisten (Labour Party -J-
Fabier -f- Indep. Labour Party) ist weniger als 1 / 1 Internationalisten. *) In Rußland
ist der Grundkern der Opportunisten, das Liquidatorenblatt „Nascha Sarja"
zum Stützpunkt der Chauvinisten geworden. Plechanow und Alexinski machen
mehr Lärm, aber wir wissen aus Erfahrung, sei es auch nur der fünf Jahre 1910
bis 1914, daß sie unfähig sind, eine systematische Propaganda unter den Massen
in Rußland zu betreiben. Der Grundkern der Internationalisten Rußlands sind
die „Prawda"-Blätter und die Russische Sozialdemokratische Arbeiterfraktion,
als Vertreter der vorgeschrittenen Arbeiter, von denen die Partei im Januar
1912 wieder hergestellt wurde. ,
In Italien ist die rein opportunistische Partei von Bissolati u. Co. chauvi-
nistisch geworden. Der Internationalismus wird durch die Arbeiterpartei ver-
treten. Die Massen der Arbeiter stehen hinter dieser Partei; die Opportunisten,
Parlamentarier und Kleinbürger hinter dem Chauvinismus. In Italien hatte
man monatelang Zeit, die Wahl zu treffen, und die Wahl wurde nicht zufällig
getroffen, sondern entsprechend dem Unterschied zwischen der Klassenlage des
durchschnittlichen Proletariers und der der kleinbürgerlichen Schichten.
In Holland findet sich die opportunistische Partei Troelstra mit dem Chauvi-
nismus überhaupt ab (man darf sich nicht dadurch irreführen lassen, daß in
*) Man vergleicht gewöhnlich die Indep. Lab. Party allein mit der Brit. Soc. Party.
Das ist falsch. Man soll nicht die organisatorischen Formen, sondern das Wesen der Frage
betrachten. Man nehme die Tageszeitungen: es waren ihrer zwei — die eine (Daily Herald)
von der Brit. Soc. Party, die andere (Daily Citizen) vom Block der Opportunisten. Die
Tageszeitungen sind ein Ausdruck für die tatsächliche Arbeit der Propaganda, Agitation
und Organisation.
159
Holland das Klein- sowohl wie das Großbürgertum Deutschland, das imstande
ist, sie zu „verschlingen", besonders haßt). Konsequente, aufrichtige, begeisterte
und überzeugte Internationalisten hat die marxistische Partei mit Gorter und
Pannekoek an der Spitze geliefert. In Schweden ist der opportunistische Führer
Branting empört, daß man die deutschen Sozialisten des Verrates bezichtigt,
und der Führer der linken, Höglund, erklärt, daß unter seinen Anhängern Per-
sonen vorhanden sind, die die Frage genau so auffassen. In Bulgarien werfen
die Gegner des Opportunismus, die „Engherzigen" in ihrem Blatt „Nowoje
Wremja" den deutschen Sozialdemokraten Niedertracht vor. In der Schweiz
sind die Anhänger des Opportunisten Greulich geneigt, die deutschen Sozial-
demokraten zu rechtfertigen (so ihr Organ, das Züricher „Volksrecht"), während
die Anhänger des viel radikaleren R. Grimm aus der „Berner Tagwacht" das
Organ der deutschen Linken gemacht haben. Eine Ausnahme büden nur zwei
Länder aus den zehn: Frankreich und Belgien; aber auch hier nehmen wir
eigentlich nicht das Ausbleiben von Internationalisten wahr, sondern (zum
Teil aus durchaus begreiflichen Gründen) ihre Schwäche und Niedergedrückt-
heit. Wir wollen nicht vergessen, daß Vaillant selber in der Humanite anerkannte,
daß er von seinen Lesern Briefe internationalistischer Richtung erhielt, von
denen kein einziger ganz abgedruckt wurde!
Wenn man die Richtungen und Strömungen betrachtet, kann man im
großen und ganzen nicht umhin anzuerkennen, daß namentlich der opportu-
nistische Flügel des europäischen Sozialismus den Sozialismus preisgegeben und
sich zum Chauvinismus geschlagen hat. Woher kam seine Kraft, seine schein-
bare Allmacht in den offiziellen Parteien ? Kautsky, der es sehr gut versteht,
historische Fragen zu stellen, besonders wenn es sich um das alte Rom oder
ähnliche Fragen handelt, die dem lebendigen Leben nicht allzu nahe kommen —
tut jetzt, da es sich um ihn selbst handelt, heuchlerisch so, als ob er all das nicht
verstünde. Aber die Sache ist sonnenklar. Die ungeheure Kraft der Opportu-
nisten und Chauvinisten kommt aus ihrem Pakt mit der Bourgeoisie, den Re-
gierungen und Generalstäben. In Rußland vergißt man das sehr oft und glaubt,
die Opportunisten seien ein Teil der sozialistischen Parteien, es hätte stets zwei
äußerste Flügel in diesen Parteien gegeben und wird auch geben, es handele
sich bloß darum, die „Extreme" zu vermeiden usw., wie man es in allen philiströsen
Schreibereien finden kann.
In Wirklichkeit aber schließt die formale Zugehörigkeit der Opportunisten
zu den Arbeiterparteien keineswegs aus, daß sie — objektiv — die politischen
Bataillone der Bourgeoisie, die Verfechter ihres Einflusses und ihre Agenten
in der Arbeiterbewegung sind. Als der herostratisch berühmte Opportunist
Südekum diese soziale Klassenwahrheit anschaulich vordemonstriert hatte,
waren viele gute Leute paff. Die französischen Sozialisten und Plechanow fingen
an, auf Südekum mit dem Finger zu zeigen, obwohl ein Vandervelde, Sembat
oder Plechanow bloß in den Spiegel zu schauen brauchten, um just einen Süde-
kum mit etwas veränderter nationaler Physiognomie zu erblicken. Der deutsche
Parteivorstand, der Kautsky lobt und von Kautsky gelobt wird, beeilte sich,
160
vorsichtig, bescheiden und höflich zu erklären (ohne Südekum zu nennen), daß
er mit der Linie Südekums „nicht einverstanden" sei.
Das ist lächerlich, denn in Wirklichkeit war es Südekum allein, der in der
praktischen Politik der deutschen sozialdemokratischen Partei sich im ent-
scheidenden Moment stärker als hundert Haases und Kautskys erwiesen hatte
(wie die russische „Nascha Sarja" stärker ist, als alle Pachtungen des Brüssler
Blocks, die eine Spaltung fürchten).
Warum das ? Ja, darum, weil hinter Südekum die Bourgeoisie, die Re-
gierung und der Generalstab einer Großmacht stellen. Südekums Politik wird
von ihnen mit tausend Methoden unterstützt, während die Politik seiner Gegner
mit allen Mitteln, einschließlich Gefängnis und Erschießung durchkreuzt wird.
Südekums Stimme wird durch die bürgerliche Presse in Millionen von Zeitungs-
exemplaren (ebenso wie die Stimme Vanderveldes, Sembats und Plechanows)
verbreitet, während man die Stimmen seiner Gegner in der legalen Presse nicht
vernehmen kann, weil eine Militärzensur in der Welt besteht.
Jedermann wird zugeben, daß der Opportunismus nicht eine Zufälligkeit,
eine Sünde, eine Nachlässigkeit, ein Verrat einzelner Personen ist, sondern das
soziale Produkt einer ganzen historischen Epoche. Dennoch macht sich nicht
jedermann über den Sinn dieser Wahrheit Gedanken. Der Opportunismus
wurde durch den Legalismus gezüchtet. Die Arbeiterparteien des Zeitabschnitts
von 1889 — 1914 mußten die bürgerliche Legalität ausnützen. Als die Krise
kam, seilte man zur Ül egalen Arbeit übergehen (und ein solcher Übergang ist
unmöglich ohne den größten Aufwand an Energie und Entschlossenheit, die
an eine ganze Reihe von Kriegslisten geknüpft sind). Um diesen Übergang zu
verhindern, genügt ein Südekum allein, denn hinter ihm steht die ganze „alte
Welt", historisch philosophisch gesprochen, denn er, Südekum, hat der Bour-
geoisie stets alle Kriegspläne ihres Klassenfeindes verraten und wird sie auch
stets verraten, praktisch politisch gesprochen.
Tatsache ist, daß die ganze deutsche sozialdemokratische Partei (und
dasselbe ist auch für die Franzosen usw. gültig) n\ur das tut, was Südekum genehm
ist oder von Südekum geduldet werden kann. Nichts anderes darf legal getan
werden. Alles, was in der deutschen sozialdemokratischen Partei an ehrlicher,
wirklich sozialistischer Arbeit getan wird, geschieht gegen ihre Führer, im Gegen-
satz zu ihrem Parteivorstand und ihrem Zentralorgan, geschieht gegen die Or-
ganisationsdisziplin, geschieht fraktionell, im Namen anonymer neuer Zentren
einer neuen Partei, wie z. B. der Aufruf der deutschen „Linken" in der „Berner
Tagwacht" vom 31. Mai 1915 anonym ist. Faktisch wächst, erstarkt und organi-
siert sich eine neue Partei, eine wirkliche Arbeiterpartei, eine wirkliche revolutio-
näre sozialdemokratische Partei und nicht die alte, morsche nationalliberale
Partei der Legien, Südekum, Kautsky, Haase, Scheidemann und Konsorten.*)
*) Es ist außerordentlich charakteristisch, was vor der historischen Abstimmung
am 4. August geschah. Die offizielle Partei verbarg es unter der Hölle amtlicher Heuchelei.
Die Majorität hätte beschlossen, und alle hätten gestimmt wie ein Mann für. Aber Ströbel
"ntlarvte in der ..Internationale" die Heuchelei und erzählte die Wahrheit. In der sozial-
11 161
Der Opportunist Monitor hat also in der konservativen Zeitschrift „Preu-
ßische Jahrbücher" unabsichtlich eine tiefe historische Wahrheit ausgeplaudert,
als er sagte, für die Opportunisten (lies: für die Bourgeoisie) wäre es unvorteil-
haft, wenn die jetzige Sozialdemokratie eine Rechtsorientierung erlitte, denn dann
würden sich die Massen von ihr abwenden. Die Opportunisten (und die Bourgeoi-
sie) brauchen gerade die jetzige Partei, die den rechten und linken Flügel ver-
einigt und offiziell durch Kautsky repräsentiert wird, der alles in der Welt mit
glatten und „ganz marxistischen" Phrasen versöhnen kann. In Worten: Sozialis-
mus und revolutionärer Geist — für das Volk, für die Masse, für die Arbeiter;
in der Tat: Südekumerei, d. h. Anschluß an die Bourgeoisie im Moment jeder
ernsthaften Krise. Wir sagen: jeder Krise, denn nicht allein im Fall des Krieges,
sondern auch bei jedem einigermaßen ernsthaften politischen Streik wird das
„feudale" Deutschland genau so wie das „freiparlamentarische" England oder
Frankreich, sofort unter diesem oder jenem Vorwand den Kriegszustand ein-
führen. Daran kann kein Mensch zweifeln, der einen gesunden Menschenverstand
besitzt und bei Sinnen ist.
Daraus folgt die Antwort auf die oben gestellte Frage: Wie soll man mit
dem Sozialchauvinismus kämpfen ? Der Sozialchauvinismus ist der Opportunis-
mus, der in der langen Periode des verhältnismäßig „friedlichen" Kapitalismus
so reif geworden, so erstarkt und schamlos geworden ist, so bestimmte ideal-
politische Formen bekommen und sich so eng mit der Bourgeoisie und den
Regierungen vereinigt hat, daß man sich mit dem Vorhandensein einer solchen
Richtung innerhalb der sozialdemokratischen Arbeiterpartei nicht abfinden darf.
Kann man sich noch mit dünnen und ausgetretenen Sohlen abfinden, wenn
man einen Gang durch die Straßen einer kleinen Provinzstadt zu machen hat,
so kann man beim Besteigen eines Berges ohne feste genagelte Schuhe nicht
auskommen. Der Sozialismus hat in Europa das verhältnismäßig friedliche
und von nationalen Schranken begrenzte Stadium verlassen. Durch den Krieg
1914/1915 ist er in das Stadium der revolutionären Aktionen getreten, und der
völlige Bruch mit dem Opportunismus, seine Verbannung aus den Arbeiter-
parteien ist entschieden an der Zeit.
Natürlich ergibt sich aus dieser Feststellung der Aufgaben, die dem Sozialis-
mus die neue Periode seiner Weltentwicklung auferlegt, noch nicht unmittelbar,
namentlich mit welcher Geschwindigkeit und in welchen Formen der Prozeß
der Trennung der revolutionären sozialdemokratischen Arbeiterparteien von
den kleinbürgerlich opportunistischen in den verschiedenen Ländern vor sich
gehen wird. Aber daraus ergibt sich die Notwendigkeit, klar einzusehen, daß
demokratischen Fraktion waren zwei Gruppen, die mit einem fertigen Ultimatum, also
mit einem fraktionellen, d. h. ketzerischen Entschluß gekommen waren. Die eine Gruppe,
der Opportunisten, zirka 30 Mann, beschloß jedenfalls für zu stimmen; die andere, Linke,
zirka 15 Mann, beschloß — etwas weniger entschieden — gegen zu stimmen. Als da?
„Zentrum" oder der „Sumpf", der keine bestimmte Position hatte, mit den Opportunisten
stimmte, da sahen sich die Linken aufs Haupt geschlagen . . . und fügten sichl Die „Einheit"
der deutschen Sozialdemokratie ist eine Heuchelei, die faktisch die unvermeidliche Unter-
werfung an die Opportunisten bemäntelt.
162
eine solche Trennung unvermeidlich, ist, daß unter diesem Gesichtswinkel die
ganze Politik der Arbeiterparteien geführt werden muß. Der Krieg 1914/15
bedeutet einen so großen Umschwung in der Geschichte, daß die Stellungnahme
zum Opportunismus nicht die alte bleiben kann. Das, was geschehen ist, kann
nicht migeschehen gemacht werden; man kann weder aus dem Bewußtsein der
Arbeiter, noch aus der Erfahrung der Bourgeoisie, noch aus den politischen
Errungenschaften unserer Epoche überhaupt die Tatsache streichen, daß die
Opportunisten im Moment der Krise den Kern jener Elemente innerhalb der
Arbeiterparteien bildeten, die sich zur Bourgeoisie geschlagen hatten. Der
Opportunismus stand vor dem Kriege — wenn im Maßstabe von ganz Europa
geredet werden soll — sozusagen im jugendlichen Alter. Seit dem Kriege ist
er mannbar geworden, und man kann ihn nicht wieder „unschuldig" und jugend-
lich machen. Es ist eine ganze Gesellschaftsschicht von Parlamentariern, Journa-
listen, Beamten der Arbeiterbewegung, privilegierten Angestellten und Mit-
läufern des Proletariats herangereift, die mit der Bourgeoisie ihres I^andes ver-
wachsen ist und von dieser Bourgeoisie richtig bewertet und „untergebracht"
wird. Man kann weder umkehren, noch das Rad der Geschichte festhalten —
man muß und soll furchtlos vorwärtsschreiten, von den vorbereitenden, legalen,
im Opportunismus befangenen Organisationen der Arbeiterklasse zu den re-
volutionären Organisationen des Proletariats, die sich auf Regalität nicht be-
schränken und sich vor dem opportunistischen Verrat zu sichern wissen, zu den
Organisationen des Proletariats, das den „Kampf um die Macht", den Kampf
um den Sturz der Bourgeoisie beginnt.
Daraus wird unter anderem ersichtlich, wie unrichtig diejenigen die Sache
auffassen, die ihr eigenes Bewußtsein und das der Arbeiter mit der Frage be-
täuben, wie man sich solchen angesehenen Autoritäten der II. Internationale
wie Guesde, Plechanow, Kautsky usw. gegenüber zu verhalten habe. In Wirklich-
keit ist das gar keine Frage: wenn diese Personen den neuen Aufgaben nicht
gewachsen sind, so müssen sie abtreten oder. Gefangene der Opportunisten
bleiben, wie sie es zurzeit sind. Wenn sich diese Personen von der „Gefangen-
schaft" befreien, so werden ihnen kaum politische Hindernisse zu ihrer Rückkehr
in das I^ager der Revolutionäre in den Weg gelegt werden. Es ist jedenfalls
sinnlos, die Frage nach dem Kampf der Richtungen und der Aufeinanderfolge
der Etappen der Arbeiterbewegung durch die Frage nach der Rolle von Einzel-
personen ersetzen zu wollen.
VIII.
Die legalen Massenorganisationen der Arbeiterklasse sind schier das wich-
tigste Merkmal der sozialistischen Parteien aus der Zeit der II. Internationale.
In der deutschen Partei waren sie am stärksten, und hier hat der Krieg 1914/15
eine umso schärfere Krise erzeugt und die Frage umso kategorischer aufgeworfen.
Es ist klar, daß der Übergang zu revolutionären Aktionen soviel bedeutete, wie
die Auflösung der legalen Organisationen durch die Polizei, und die alte Partei,
von Regien bis Kautsky einschließlich, opferte die revolutionären Ziele des
11* 163
Proletariats der Beibehaltung der jetzigen legalen Organisationen. Soviel mau
auch diese Tatsache leugnen mag, sie bleibt bestehen. Für das Linsengericht
der polizeilich genehmigten Organisationen wurde das proletarische Recht auf
Revolution verkauft.
Man nehme die Schrift Karl Legiens, eines Führers der deutschen Ge-
werkschaften: „Warum müssen sich die Gewerkschaftsbeamten am inneren
Leben der Partei mehr beteiligen ?" (Berlin, 1915.) Das ist der Bericht, den
der Verfasser am 27. Januar 1915 in der Versammlung der Gewerkschafts-
funktionäre erstattet hat. Legien brachte in seiner Broschüre ein hübsches
und interessantes Dokument, das sonst von der Militärzensur nicht durch-
gelassen worden wäre. Dieses Dokument, das sogenannte „Material für
Referenten für den Bezirk Niederbarnim", ist die Darlegung der Auffassung der
linken deutschen Sozialdemokraten, ihr Protest gegen die Partei. Die revolutio-
nären Sozialdemokraten, heißt es in diesem Dokument, haben einen Faktor
nicht voraussehen können, nämlich:
Daß die ganze organisierte Kraft der deutschen sozialdemokratischen
Partei und der Gewerkschaften sich zu der kriegführenden Regierung schlagen
würde, daß diese ganze Kraft zwecks Niederhaltung der revolutionären Energie
der Massen verwandt werden würde. (S. 34.)
Das ist unzweifelhaft wahr. Wahr ist auch die folgende Behauptung dieses
selben Schriftstückes:
„Die Abstimmung der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion vom
4. August bedeutete, daß jede andere Auffassung, selbst wenn sie tief in den
Massen wurzelte, sich nur den Weg bahnen könnte nicht unter Leitung der er-
probten Partei, sondern gegen den Willen der Parteiinstanzen, nur unter der
Bedingung, daß der Widerstand der Partei und der Gewerkschaften gebrochen
würde." Das ist absolut richtig.
„Hätte die sozialdemokratische Reichstagsfraktion am 4. August ihre
Pflicht getan, dann wäre wahrscheinlich die äußere Form der Organisation ver-
nichtet worden, aber der Geist wäre geblieben, jener Geist, der die Partei während
des Ausnahmegesetzes beseelte und ihr half, alle Schwierigkeiten zu überwinden."
In Legiens Broschüre heißt es, daß die Schaar von „Führern", die er
zur Berichterstattung versammelt hatte und die sich Führer, Gewerkschafts-
beamte usw. nennen, sich vor Lachen nicht halten konnte, als sie das hörte.
Für sie war der Gedanke lächerlich, daß man im Moment der Krise (wie unter
dem Ausnahmegesetz) illegale revolutionäre Organisationen hätte schaffen
können und sollen. Legien als treuer Kettenhund der Bourgeoisie schlug sich
auf die Brust und rief:
„Es ist ein offensichtlich anarchischer Gedanke: die Organisationen
sprengen, um eine Lösung der Frage durch die Massen zu provozieren. Für midi
unterliegt es keinem Zweifel, daß dies ein anarchischer Gedanke ist."
„Richtig!" riefen im Chor die Lakaien der Bourgeoisie, die sich J ührer
der sozialdemokratischen Organisationen der Arbeiterklasse nennen.
164
Ein lehrreiches Bild. Die Menschen sind durch die bürgerliche Legalität
dermaßen korrumpiert und verblödet, daß sie nicht einmal den Gedanken der
Notwendigkeit anderer Organisationen, illegaler Organisationen zur Leitung
des revolutionären Kampfes Jossen können. Die Leute sind soweit gesunken,
daß sie sich einbilden, die legalen, von Polizeignaden bestehenden Verbände
bildeten eine Grenze, die nicht überschritten werden dürfe, die Beibehaltung
solcher Verbände in der Zeit der Krise als leitende Verbände sei überhaupt denk-
bar! Da habt Ihr die lebendige Dialektik des Opportunismus: das einfache
Anwachsen der legalen Verbindungen, die simple Gewohnheit engstirniger,
aber gewissenhafter Spießbürger, sich auf ihre Buchführung zu beschränken,
hat dazu geführt, daß im Moment der Krise diese gewissenhaften Kleinbürger
sich als Verräter uud Würger der revolutionären Energie der Massen erwiesen
haben. Und das ist kein Zufall. Zur revolutionären Organisation überzugehen
ist notwendig, das erfordert die veränderte historische Situation, das "erlangt
die Epoche der revolutionären Aktionen des Proletariats, aber dieser Übergang
ist nur möglich über die Köpfe der alten Führer und Würger der revolutionären
Energie hinweg, über den Kopf der alten Partei hinweg, auf dem Weg der Zer-
störung.
Doch die konterrevolutionären Kleinbürger zetern natürlich: „Anarchis-
mus!" wie der Opportunist Ed. David gezetert hat, als er Karl Liebknecht
des Anarchismus bezichtigte. Ehrliche Sozialisten sind in Deutschland offenbar
nur jene Führer geblieben, denen die Opportunisten anarchistische Tendenzen
vorwerfen . . .
Nehmen wir die moderne Armee. Sie ist eine mustergültige Organisation.
Und diese Organisation ist nur deshalb gut, weil sie elastisch ist und zugleich
Millionen von Menschen einen einheitlichen Willen verleihen kann. Heute sitzen
diese Millionen bei sich zuhause an verschiedenen Ecken und Enden des Landes.
Morgen kommt ein Mobilmachungsbefehl, und .schon sind sie an bestimmten
Punkten versammelt. Heute liegen sie in den Schützengräben, liegen mitunter
monatelang da. Morgen gehen sie zum Sturm vor. Heute vollziehen sie Wunder,
indem sie sich vor dem Kugelregen und d3n Schrapnells verstecken. Morgen zeigen
sie Wunder im offenen Kampfe. Heute legen ihre Vortrupps Flatterminen,
Morgen rücken sie Kilometer weit in der Luft vor. Das heißt eben Organisation,
wenn im Namen eines Zieles Millionen von Menschen, beseelt von einem und
demselben Willen, die Form ihrer Gemeinschaft und ihrer Aktion wechselnd,
den Ort und die Methoden der Aktion wechseln, die Waffen und die Werkzeuge
entsprechend den veränderten Verhältnissen und den Eifordernissen des Kampfes
wechseln.
Dasselbe hat auch für den Kampf der Arbeiterklasse gegen die Bourgeoisie
Gültigkeit. Heute fehlt die revolutionäre Situation, es fehlen die Bedingungen
zur Aufrüttelung der Massen und zur Steigerung ihrer Aktivität, heute wird dir
ein Wahlzettel in die Hand gedrückt — so nimm ihn und verstehe dich so zu
organisieren, daß dj mit dem Wahlzettel deine Feinde schlägst, aber nicht um
im Parlament Leuten, die sich aus Furcht vor dem Gefängnis am Sessel fest-
165
halten, zu guten Plätzen zu verhelfen. Morgen wird dir der Wahlzettel genommen,
dir ward eine Flinte und ein ausgezeichnetes, nach den letzten Errungenschaften
der Maschinentechnik konstruiertes Maschinengewehr in die Hand gedrückt,
so nimm diese Mordwerkzeuge, höre nicht auf die sentimentalen Heulfritzen,
die sich vor dem Kriege fürchten; in der Welt ist noch vieles übrig geblieben,
was zur Befreiung der Arbeiterklasse mit Feuer und Eisen ausgerottet werden
muß, und wenn in den Massen die Erbitterung und die Verzweiflung wächst,
wenn eine revolutionäre Situation vorliegt, so mach dich bereit, neue Organi-
sationen zu schaffen und die so nützlichen Mordwerkzeuge gegen deine Regierung
und deine Bourgeoisie in Belegung zu setzen.
Gewiß, das ist nicht leicht. Das wird schwierige vorbereitende Aktionen
erfordern. Das wird schwere Opfer erfordern. Das ist eine neue Form der Or-
ganisation des Kampfes, die ebenfalls gelernt werden muß, und die Wissenschaft
geht nicht ohne Irrtümer und Niederlagen ab. Diese Art des Klassenkampfes
verhält sich zu der Beteiligung an den Wahlen, wie das Stürmen sich zu den
Manövern, Märschen oder dem Liegen in den Schützengräben verhält. Diese
Art des Kampfes wird in der Geschichte höchst selten aktuell, dafür aber erstrecken
sich seine Folgen und seine Bedeutung auf Jahrzehnte. Jene Tage, da iran
solche Kampfmethoden auf die Tagesordnung stellen kann und darf, kommen
zwanzig Jahren anderer historischer Epochen gleich.
. . . Man stelle K. Legien K. Kautsky gegenüber.
„Solange die Partei klein war," schreibt er, „wirkte jeder Protest gegen
den Krieg propagandistisch als mutige Tat. . . . Als solche hat die bewun-
derungswürdige Haltung der . . . russischen und serbischen Genossen all-
gemeine Anerkennung gefunden. Je stärker eine Partei wird, desto mehr
mischen sich in den Begründungen ihrer Beschlüsse die propagandistischen
Rücksichten mit Erwägung der praktischen Folgen, desto schwieriger wird es,
den Motiven beider Art in gleichem Maße gerecht zu werden, und doch dürfen
die einen ebensowenig vernachlässigt werden, wie die anderen. Darum treten,
je stärker wir sind, desto leichter Differenzen unter uns bei jeder neuen und
komplizierten Situation auf." („Die Internationalität und der Krieg", S. 30.)
Von den Legienschen Betrachtungen unterscheiden sich die Betrachtungen
Kautskys nur durch ihre Heuchelei und Feigheit. Eigentlich unterstützt und
rechtfertigt Kautsky den niederträchtigen Verzicht der Legiene auf die revolutio-
näre Tätigkeit, aber er tut es hinterrücks, olme sich bestimmt zu äußern, an-
deutungsweise, indem er sich mit Bücklingen sowohl in der Richtung Legiens,
wie auch in der Richtung des revolutionären Verhaltens der Russen begnügt.
Eine solche Stellungnahme zu den Revolutionären haben wir Russen nur bei
den Liberalen angetroffen: die Liberalen waren stets bereit, die „Kühnheit"
der Revolutionäre anzuerkennen, aber zugleich bei ihrer erzopportunistischen
Taktik zu verharren. Revolutionäre, die etwas auf sich geben, werden auf die
„Anerkennung" Kautskys verzichten und mit Empörung eine derartige Frage-
stellung ablehnen. Wenn keine revolutionäre Situation vorlag, wenn es nicht
166
nötig war, revolutionäre Aktionen zu propagiern, dann war das Verhalten
der Russen und Serben unrichtig, dann war ihre Taktik falsch. Mögen doch
Ritter wie Legien und Kautsky den Mut ihrer Überzeugung besitzen, mögen
sie es offen sagen.
Wenn die Taktik der russischen und serbischen Sozialisten aber „An-
erkennung" verdient, dann ist es unverzeihlich, verbrecherisch, die entgegen-
gesetzte Taktik der „starken" Parteien, der deutschen, französischen usw. zu
rechtfertigen. Durch den absichtlich unklaren Ausdruck „praktische Folgen"
hat Kautsky die einfache Wahrheit verschleiert, daß die großen und mächtigen,
starken Parteien vor der Auflösung ihrer Organisationen, der Beschlagnahme
ihrer Kassen und der Verhaftung ihrer Führer durch die Regierung zurück-
geschreckt sind. Das bedeutet, daß Kautsky den Verrat am Sozialismus durch
Berücksichtigung der unangenehmen „praktischen Folgen" des revolutionären
Kampfes rechtfertigt. Ist das nicht eine Prostituierung des Marxismus ?
„Man hätte uns verhaftet," soll in einer Arbeiterversammlung in
Berlin einer der Reichstagsabgeordneten gesagt haben, die am 4. August
für die Kriegskredite stimmten. Darauf riefen ihm die Arbeiter zu: „Na,
und wenn schon!"
Wenn es kein anderes Mittel gibt, um den Arbeitermassen in Deutschland
und Frankreich die revolutionäre Stimmung und die Gedanken der Notwendig-
keit revolutionärer Aktionen zu übermitteln, so könnte die Verhaftung eines
Abgeordneten wegen einer mutigen Rede nützlich sein, als Appell zur Vereini-
gung der Proletarier verschiedener Länder im revolutionären Kampfe. Eine
solche Vereinigung ist nicht leicht: umsomehr waren die Abgeordneten, die an
der Spitze standen und die ganze Politik übersahen, verpflichtet, die Initiative
dazu zu ergreifen.
Nicht nur im Krieg, aber ausnahmslos bei ieder Zuspitzung der politischen
Lage, geschweige denn bei irgend welchen revolutionären Massenaktionen, wird
die Regierung — sei es auch des freiesten bürgerlichen Landes — mit einer Auf-
lösung der legalen Organisationen, der Verhaftung der Führer, der Beschlag-
nahme der Kassen und anderen ähnlichen „praktischen Folgen" drohen. Was
soll man also tun ? Aus diesem Grunde die Opportunisten rechtfertigen, wie es
Kautsky tut? Aber das heißt, die Umwandlung der sozialdemokratischen
Partei in nationalliberale Arbeiterparteien sanktionieren.
Für den Sozialisten kann es nur eine Schlußfolgerung geben: der reine
Legalismus. Der Nur-Legalismus der westeuropäischen Parteien hat sich
überlebt und ist infolge der Entwicklung des Kapitalismus zum imperialistischen
Stadium zur Grundlage der bürgerlichen Arbeiterpolitik geworden. Er muß
ergänzt werden durch Schaffung einer illegalen Basis, einer illegalen Organi-
sation, einer illegalen sozialdemokratischen Arbeit, ohne daß dabei irgend eine
legale Position aufgegeben werde. Wie das gemacht werden soll, wird die Er-
fahrung ergeben. Man soll nur die Lust zeigen, diesen Weg zu betreten und sich
seiner Notwendigkeit bewußt werden. Die revolutionären Sozialdemokraten
167
Rußland haben in den Jahren 1912 — 14 gezeigt, daß diese Aufgabe lösbar ist.
Der Arbeiterdelegierte Muranow, der sich vor Gericht am besten gehalten hat
und vom Zarismus nach Sibirien verbannt worden ist, hat anschaulich gezeigt,
daß außer dem ministerialen Parlamentarismus (von Henderson, Sembat und
Vandervelde bis auf Südekum und Scheidemann, die ebenfalls ministerfähig
sind, — man läßt sie nur nicht weiter als ins Vorzimmer!) noch ein ande:er.
illegaler und revolutionärer Parlamentarismus vorhanden ist. Mögen die Kos-
sowski und Potressow vom „europäischen" Parlamentarismus der Lakaien
entzückt sein oder sich mit ihm aussöhnen, wir werden nicht erlahmen, den
Arbeitern zu beweisen, daß eine solche Legalität, eine solche Sozialdemokratie der
Legien, Kautsky und Scheidemann nur Verachtung verdient.
IX.
Wir ziehen das Fazit.
Der Zusammenbruch der II. Internationale drückte sich am prägnantesten
in dem himmelschreienden Verrat der meisten offiziellen sozialdemokratischen
Parteien Europas an ihren Überzeugungen und ihren feierlichen Resolutionen
von Stuttgart und Basel aus. Doch dieser Zusammenbruch, der den völligen
Sieg des Opportunismus und die Umwandlung der sozialdemokratischen Par-
teien in nationalliberale Arbeiterparteien bedeutet, ist bloß das Ergebnis der
ganzen geschichtlichen Epoche der II. Internationale, vom Ausgang des neun-
zehnten und Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Die objektiven Verhältnisse
dieser Epoche — als Ubergangsepoche von der Überwindung der bürgerlichen
und nationalen Revolutionen in Westcur pa zum Anbruch der soz'aL.-tLchen
Rev lut'onen — haben den Opportunismus erzeugt und genährt. In
den einen Ländern Europas nehmen wir in dieser Zeit eine Spaltung in der
sozialistischen Arbeiterbewegung wahr, die sich im großen und ganzen namentlich
in der Richtung des Opportunismus bewegt (England, Italien, H Hand, Bulgarien,
Rußland) ; in den anderen — einen langwierigen und beharrlichen Kampf der
Richtungen in derselben Linie (Deutschland, Frankreich, Belgien, Schweden,
Schweiz). Die vom großen Kriege erzeugte Krise hat alle Masken herunter-
gerissen, die Konventionalitäten hinweggefegt, das längst reif gewordene Geschv\ ür
aufgestochen und den Opportunismus in seiner wahren Rolle des Verbündeten
der Bourgeoisie gezeigt. Es wurJ.e eine absolute organisatorische Trennung
dieses Elementes von den Arbeiterparteien notwendig. Die imperialistische
Epoche verträgt sich nicht mit dem gleichzeitigen Bestehen (in einer und der-
selben Partei) von vorgeschrittenen revolutionäien Proletariern und halb-klein-
bürgerlicher Aristokratie der Arbeiterklasse, der Nutznießerin der Vorrechte
der „souveränen" Lage „ihrer" Kation. Die alte Theorie des Opportunismus
als „berecntigte Schattierung" der einheitlichen Partei, der jegliche „Extreme"
fremd sein sollten, wurde nun zur schlimmsten Irreführung der Arbeiter und
dem größten Hindernis für die Arbeiterbewegung. Der offene Opportunismus,
der die Arbeitermassen direkt von sich stößt, ist lange nicht so schrecklich
168
und schädlich, wie diese Theorie der goldenen Mitte, die die opportunistische
Praxis mit marxistischen Worten beschönigt und mit allerlei Sophismen die
Unzeitmäßigkeit revolutionärer Aktionen usw. beweist. Der angesehendste
Vertreter dieser Theorie und zugleich auch die anerkannteste Autorität der
II. Internationale, Kautsky, hat sich als erstklassiger Heuchler und Virtuose
in der Sache der Prostituierung des Marxismus gezeigt. In der deutschen
Millionenpartei gibt es keine einigermaßen ehrlichen, klassenbewußten und revo-
lutionären Sozialdemokraten, die dieser „Autorität", die von den Südekums und
Scheidemännern glühend verteidigt wird, nicht empört den Rücken kehren
würden.
Die proletarischen Massen, von denen wohl 9 / 10 des alten Führerstandes
sich zur Bourgeoisie geschlagen haben, erwiesen sich als zersplittert und hilflos
gegenüber den Exzessen des Chauvinismus, gegenüber dem Druck des Kriegs-
zustandes und der Militärzensur. Aber die objektive revolutionäre Situation,
die vom Kriege erzeugt wird und sich immer mehr ausbreitet und mehr vertieft,
erzeugt unvermeidlich revolutionäre Stimmungen, stählt die besten und klassen-
bewußtesten Proletarier und klärt sie auf. In der Stimmung der Massen wird
möglich, ja immer mehr wahrscheinlich ein rascher Umschwung, in der Art
jenes, der Anfang 1905 in Rußland mit der „Gaponade"*) verknüpft war, als
aus den rückständigen proletarischen Schichten in wenigen Monaten, ja Wochen
eine Millionenarmee entstanden war, die der revolutionären Avantgarde des
Proletariats folgte. Man kann nicht wissen, ob sich die mächtige revolutionäre
Bewegung bald nach diesem Kriege oder während dieses Krieges entfalten wird,
doch jedenfalls verdient nur die Arbeit in dieser Richtung sozialdemokratisch
genannt zu werden. Die Losung, die diese Arbeit verallgemeinerte und lenkte,
die den Zusammenschluß und dieVereinigung jener förderte, die den revolutionären
Kampf des Proletariats gegen seine Regierung und gegen seine Bourgeoisie
mitkämpfen wollen, — diese Losung ist die Losung des Bürgerkrieges.
In Rußland ist die völlige Trennung der revolutionär-sozialdemokratischen
proletarischen Elemente von den kleinbürgerlich-opportunistischen durch die
ganze Geschichte der Arbeiterbewegung vorbereitet. Den ärgsten Dienst er-
weisen ihr diejenigen, die von dieser Geschichte nichts wissen wollen, über den
„fraktionellen" Geist zetern und sich die Möglichkeit nehmen, den wirklichen
Entstehungsprozeß einer proletarischen Partei in Rußland zu begreifen, die
im jahrelangen Kampfe gegen die verschiedenen Arten des Opportunismus
entsteht. Von allen „Großmächten", die an diesem Kriege teilnehmen, hat
Rußland allein in letzter Zeit eine Revolution durchgemacht: ihr bürgerlicher
Inhalt mußte, bei der entscheidenden Rolle des Proletariats, eine Trennung
zwischen den bürgerlichen und proletarischen Richtungen in der Arbeiter-
bewegung erzeugen. Im Verlauf der ganzen, etwa zwanzigjährigen (1894 — 1914)
*\ Der Priester Gapon führte am Sonntag, den 9./'22. Januar 1905 eine Petersburger
Arbeiterd^in.nsltMlion mit Heiligenbildern und Zarenportraits vor das Winterpalais
Nikolaus 11. Anm. d. übers.
169
Periode, während der die russische Sozialdemokratie als eine mit der Massen-
bewegung verknüpfte Organisation bestand (und nicht nur als geistige Strömung,
wie in den Jahren 1883 — 1894), ging der Kampf der proletarisch-revolutionären
und der kleinbürgerlich-opportunistischen Strömungen vor sich. Der russische
„ Ökonomismus" der Jahre 1894 — 1902 war entschieden eine Strömung letzter
Art. Eine ganze Reihe von Argumenten und Zügen seiner Ideologie — die
Struvistische Verzerrung des Marxismus, der Hinweis auf die „Masse" zur
Rechtfertigung des Opportunismus usw. — erinnern auffallend an den jetzigen
vulgarisierten Marxismus der Kautsky, Cunow, Plechanow usw. Es wäre eine
dankbare Aufgabe, die jetzige Generation der Sozialdemokraten an die alten
Blätter „Rabotschaja Mysl" und „Rabotscheje Djelo" parallel dem jetzigen
Kautsky zu erinnern.
Der „Menschewismus" der darauf folgenden Periode (1903 — 1908) war
der unmittelbare, nicht nur der geistige, sondern auch organisatorische Nachfolger
des „Ökonomismus". In der russischen Revolution verfocht er eine Taktik,
die oe die Erlangung des Protektorats über
die ganze Halbinsel und, als Krönung des Ganzen, die Unterwerfung Konstanti-
nopels mit den Meerengen erstrebt. Zweitens, die Politik in Süd- und Mittel-
asien, die auf die Eroberung der kleinasiatischen Besitzungen der Türkei, die
Unterwerfung Persiens, die Eroberung des persischen Golfs und die Abhängig-
machung Turkestans, Afghanistans, Tibets usw., hinausläuft, um sich von dort
den Weg nach Indien zu bahnen. Drittens, die Politik in Ostasien, die darauf
gerichtet ist, durch Tibet, die Mongolei, die Mandschurei und durch die Eroberung
Koreas die Herrschaft über die chinesischen Meere zu erlangen.
Auf jedem dieser drei ungeheuren Gebiete, die das Objekt der äußeren
Politik „Rußlands" bÜden, hat der Zarismus schon Meere von Blut vergossen.
Vor keinem Betrug, vor keinem Verbrechen hat die Zarendiplomatie auf jedem
dieser Gebiete Halt gemacht.
Eine besonders ansehnliche Rolle in der Außenpolitik des Zarismus spielte
und spielt seine Balkanpolitik. Diese Politik hat man besonders eifrig mit der
Ideologie des „Befreiungs"krieges verhüllt, des heiligen Krieges des Kreuzes
gegen den Halbmond, des Krieges um die Befreiung der slavischen Brüder vom
*] Das sogenannte Testament Peters des Großen ist wahrscheinlich ein gefälschtes
Dokument, das lange nach dem Tode Peters fabriziert wurde. Das Dokument ist aber
dennoch charakteristisch für die Pläne und Hoffnungen der offiziellen Träger der russischen
Außenpolitik.
175
Joch usw. Und in Wirklichkeit war die Politik des Zarismus nirgends so ehrlos,
so heuchlerisch-verräterisch, wie gerade auf dem Balkan. Die ganze Politik
„Rußlands", d. i. des russischen Zarismus, gegenüber Bulgarien, seit dem Ber-
liner Kongreß (1878) ist eine ununterbrochene Kette von Heuchelei, Betrug und
Gewalt. Seitdem Bulgarien sich rasch zu entwickeln begann, fürchtete das
zaristische Rußland, Bulgarien könnte so erstarken, daß es selbst Prätendent
auf die Balkanhegemonie werden würde, deretwegen die russische Diplomatie
durch Jahrzehnte das Blut des Volkes in Strömen vergießt. Daher — die Er-
mordung Stambulows durch russische Agenten, daher — die plumpe Einmischung
der Zarenbande in die inneren Angelegenheiten Bulgariens, daher — das ganze
komplizierte Ränke- und Intriguenspiel bis zum Verhalten der russischen
Diplomatie während des Balkankrieges, das mit dem gegen Bulgarien gerichteten
Bukarester Frieden geendet hat.
So hat die russische Diplomatie Bulgarien verraten. Und wer garantiert,
daß morgen, wenn der Gang der militärischen Ereignisse es erheischt, der Zaris-
mus nicht auch die serbischen „Brüder" verraten wird ? Serbien war Rußland
als Vorposten gegen Österreich nötig. Es unterliegt aber keinem Zweifel, daß
der russische Zarismus, wenn das Kriegsglück endgültig die Zarenarmee im
Stiche läßt, keine Minute zögern wird, auf Kosten Serbiens dem Sieger
heimzuzahlen.*) Die russischen Diplomaten werden ebenso wenig davor zurück-
schrecken, wie sie davor zurückschraken, Rumänien für seine Hilfe im russisch-
türkischen Kriege damit zu belohnen . . . daß ihm Beßarabien weggenommen
wurde.
In seiner Asien-Politik hatte der russische Zarismus seit dem russisch-
japanischen Kriege gewaltige Erfolge zu verzeichnen. Die Niederlage in diesem
Kriege fügte der äußeren Politik des Zarismus bedeutenden Schaden zu, untergrub
sie aber nicht ganz. Es zeigte sich, daß dieser Krieg für den russischen Zarismus
ein kostspieliges und erfolgloses Abenteuer war, weiter nichts. Mit dem Sieg der
Konterrevolution im Innern erholte sich die auswärtige Politik des Zarismus
rasch. Der Zarismus war in der Lage, „Einflußsphären" mit dem imperia-
listischen England in Persien und mit Japan im fernen Osten zu teilen, der Zaris-
mus legte seine Hand als Gewalthaber auf Armenien, die Mongolei und Afghanistar .
*) Es ist nicht bekannt, ob das zaristische Rußland nicht jetzt schon Serbien ver-
raten hat. Wer weiß, um welchen Preis der Anschluß Italiens an die Verbündeten erkauft
ist? Die Offiziösen des italienischen Imperialismus erklären oflen, daß Italien kämpfen
wird, um beide Ufer der Adria zu seiner vollen Verfügung zu erhalten und daß die Besitz-
ergreifung von Valona durch Italien nur der Beginn der Eroberung der ganzen Ostküste ist.
Nicht umsonst ist in Serbien solche Beunruhigung entstanden, nicht umsonst trachten
die serbischen Trippen, ins Herz Albaniens einzudringen, nicht umsonst ist von einer
Offensive der Montenegriner gegen Skutari die Rede. Der Wiener Korrespondent der
„Münchener Po c" meldet, daß im Zusammenhange mit alldem eine baldige Annäherung
zwischen Serbien und Österreich möglich ist. Serbien ist gezwungen, Verbündete gegen
Italien zu suchen, das es vom Meere abschneiden will. In Österreich aber beginnt man.
den Mord in Sarajewo zu vergessen, und jetzt wäre Österreich bereit, Serbien irgend einen
Adriahafcn zu sichern.
176
Gewaltig war der Einsatz des Zarismus im Kriege der Jahre 1914/15, in
vielen Beziehungen größer als der aller übrigen Mächte der deutschfeindlichen
Koalition. Im Falle des Sieges dieser Koalition eröffnete sich dem russischen
Zarismus ein unübersehbares Territorium für Eroberungen — Persien, die
Mongolei, die asiatische Türkei, Konstantinopel, Galizien sollten endgültig dem
Zarismus zum Opfer fallen. Was dann geschehen wird, was nach einigen Jahr-
zehnten sich ereignen wird, daran denkt der Zarismus nicht. Nach uns die Sint-
flut! Für die nächste Zeit aber bedeutet der Gewinn des auswärtigen Krieges
für den Zarismus auch einen Gewinn in seinem inneren Kriege gegen die russische
Demokratie, die Befestigung des Zarismus im Iulande und die Entscheidung
der polnischen, ukrainischen, finnischen, armenischen und anderer nationalen
Fragen im Geiste des Zarismus. Der Zarismus nahm immer zu äußeren Kriegen
Zuflucht, wenn er fühlte, daß im Lande eine innere Krise heranreifte.
Gegen die revolutionäre Gefahr, die den Zarenthron stürzen könnte, sucLte die
Monarchie der Romanow einen Blitzableiter in der äußeren Politik. Beschleunigte
nicht der Zarismus nach dem Aufstande der Dekabristen im Jahre 1825 den
russisch-türkischen Krieg von 1828/29? Spielten nicht ebensolche Motive mit,
als der Zarismus den Krimkrieg und den Krieg von 1877/78 beschleunigte?
Im russisch-japanischen Kriege aber unterliegt das Vorhandensein solcher
Motive selbstverständlich keinem Zweifel. Für die Regierungen der „fort-
geschrittenen" europäischen Länder ist. der Krieg von 1914/15 natürlich auch
wichtig, unter anderem deswegen, weil er nach ihren Berechnungen der wachsen-
den internationalen Arbeiterbewegung einen tödlichen Schlag versetzen sollte.
Für den Zarismus aber ist die Frage, ob Sieg oder Niederlage — das kann man
mit einer bedeutenden Dosis Wahrscheinlichkeit behaupten — geradezu die
Frage von Sein oder Nichtsein.
Aus diesem Grunde wird der Zarismus vor keiner Erschöpfung der Volks-
kraft Halt machen, um „durchzuhalten". Aus diesem Grunde ist die Außen-
politik des Zarismus besonders gefährlich geworden für das Volks-Rußland,
für die ganze Demokratie, für das Geschick der ganzen Weltentwicklung.
Die Außenpolitik des Zarismus ist seine starke Seite, sagt Engels in den
neunziger Jahren. Sie ist seine einzige starke Seite, könnten wir jetzt hinzu-
fügen, und wir dürfen uns nicht verhehlen: was die diplomatische Vorbereitung
des Krieges 1914/15 betrifft, hat die Außenpolitik des Zarismus wieder einmal
große Geschicldichkeit und Geschmeidigkeit bewiesen. Die russische Diplo-
matie, schrieb einmal Engels, versteht es, beide große Parteien der europäischen
Bourgeoisie zu prellen. Sie allein versteht es, in einem Atemzug legitimistisch,
revolutionär, konservativ und liberal, als Anhängerin der orthodoxen Kirche
und als Anhängerin der Gewissensfreiheit zu erscheinen. Es ist begreiflich, fährt
Engels fort, warum die russische Diplomatie den „gebildeten" Westen verächt-
lich von oben herab ansieht . . . Und wir fürchten sehr, daß die russische Diplo-
matie auch diesmal verstehen wird, sich herauszuwinden, — sogar in dem Falle,
wenn der deutsch-feindlichen Koalition kein militärischer Erfolg beschieden
sein sollte.
12 177
Eines unterliegt keinem Zweifel: ein Sieg der Außenpolitik des Zarismus
wird die Versklavung von Millionen und Abermillionen Menschen bedeuten.
Auf Haufen von Leichen und Bergen von Gebeinen hat die Außenpolitik des
Zarismus immer ihre „ Größe" gebaut. In der ganzen neueren Geschichte der
Menschheit kann sich keine Regierung mit dem russischen Zarismus vergleichen
in bezug auf barbarische Knechtung von Völkern, kosakische Eroberungen
und Erstickung des Freiheitsgeistes.
Den Sozialchauvinismus in Rußland verteidigen, heißt, diese knebelnde,
räuberische, jesuitische, verräterische Politik des Zarentums verteidigen. Ins
Lager der Sozialchauvinisten in Rußland übergehen, bedeutet ins Lager der
Unterdrücker der Türkei und Persiens, in die Reihen der Unterjocher der „sla-
wischen Brüder", in die Reihen der Hetzer gegen die Freiheit übergehen . . .
Um die ganze Tiefe des Sturzes Plechanows und seiner Gesinnungsgenossen zu
ermessen, die die russische Diplomatie verteidigen und behaupten, der Zarismus
führe einen „Verteidigungs-" oder „Befreiungs-" oder „gerechten" Krieg, genügt
es, sei es auch nur in wenigen Worten, an die Außenpolitik des Zarismus zu
erinnern.
3. Vom Liberalismus zum Nationalliberalismus.
Die Evolution des Liquidatorentunis zum Sozialchauvinismus ist engstens
verknüpft mit der Evolution des russischen Liberalismus zum Nationalliberäiis-
mus. Wir betrachteten stets die Liquidatorenbewegung als Produkt des bürger-
lichen Einflusses auf gewisse Kreise der Intelligenz, die mit dem Proletariat
in Berührung stehen, und auf eine dünne Arbeiterschicht, die für die Ideen der
Bourgeoisie empfänglich ist.
Die Quelle aller Grundgedanken des russischen Sozialchauvinismus sind die
Ideen des Nationalliberalismus der russischen Bourgeoisie. Das ist die wahre
Quelle der „patriotischen" Begeisterung der Liquidatoren, aus ihr haben die
Sozialchauvinisten ihre politischen Ansichten über den Krieg geschöpft. Die
Sozialchauvinisten passen nur die Ansichten des Nationalliberalismus dem
Arbeiterauditorium an, indem sie sie sozialistisch maskieren. Man kann die
Evolution der Liquidiererbewegung zum Sozialchauvinismus nicht verstehen,,
ohne in die Evolution des Liberalismus zum Nationalliberalismus eingedrungen
zu sein. Darum müssen wir uns mit dem russischen Nationalliberalismus ein-
gehender beschäftigen.
In keiner Sphäre des politischen Lebens ist das konterrevolutionäre Wesen
des russischen Liberalismus so klar hervorgetreten, wie in der Sphäre der inter-
nationalen Politik. Die Opposition unserer Liberalen gegen die auswärtige
Politik des Zarismus zeichnete sich sogar in den besten Tagen des Liberalismus
durch außerordentliche Zaghaftigkeit aus. Aber noch öfter gab es über-
haupt keine Opposition. Im großen und ganzen unterstützte der russische
Liberalismus die Außenpolitik des Zarismus und nannte sich mit Stolz:
„patriotische" Richtung.
178
Zu Beginn des russisch-japanischen Krieges erlebte der russische Liberalis-
mus den Honigmond seines „unversöhnlichen" Kampfes gegen das Zarentum.
Die Liberalen schickten Peter Struve in das Exil und gründeten im Auslande
die illegale Zeitschrift „Oswoboschdenje" („Befreiung"). Aber sogar in dieser
Zeitschrift fanden zu Beginn des japanischen Krieges die Liberalen nichts besseres
zu tun, als in die Losung „Es lebe die Armee!" einzustimmen. Und erst später,
nachMukden undZussima, als die Unzufriedenheit im Lande über die Grenzen
schwoll, verlor ein Teil der Liberalen die patriotische Glut und freute sich sogar
offen über die Niederlage der zaristischen Truppen. Aber das war knapp vor
der Revolution, das war das Aufwallen der nationalen Empörung, die ganz
Rußland bis auf den Grund aufwühlte. Aber die revolutionäre Flut brauchte
nur etwas in die Ufer zurückzuweichen, der Zarismus nur etwas sich zu erholen
und die ersten Schritte zur Organisation der Konterrevolution zu unternehmen
— und der „Patriotismus" erfaßte die Liberalen von neuem.
An der Wende der Jahre 1905/6 und dann in der Duma-Epoche saß
der Liberalismus mit Gottes Hilfe fest im patriotischen Sattel. Als die
Realisierung der für die Zarenregierung entscheidenden französischen iVnleihe
davon abhiug, was die Kadettenpartei sagen würde, protestierte diese nicht
nur nicht dagegen, sondern half faktisch dem Zarismus bei der Durch-
führung dieser Anleihe.
Betrachten wir die Haltung der Liberalen in allen vier Reichsdumas.
Wie heftig auch ihre Opposition gegen die Innenpolitik des Zarismus war, nicht
einen einzigen militärischen Kredit haben ihm die Liberalen je verweigert. Ja,
noch mehr — in dieser Beziehung — konkurrieren sie in „Patriotismus" mit
den Oktobristen und sogar direkt mit dem schwarzen Hundert.
In dieser Beziehung hat sich unser junger Liberalismus „TJieorie und
Praxis" des altersschwachen europäischen Liberalismus zu eigen gemacht.
Im Westen gab es eine Zeit, da die Bourgeoisie im Kampfe mit dem Feudalis-
mus sich gegen stehende Armeen aussprach, sich weigerte, Militärkredite zu
bewilligen, ja sogar für das Milizsystem eintrat. Doch ach! — diese Zeit ist
vorüber. Die Meinungsverschiedenheiten zwischen der Bourgeoisie und den
Feudalen sind in den Hintergrund getreten gegenüber ihrem gemeinsamen
Kampfe gegen ihren gemeinsamen Feind — das Proletariat. Militarismus und
Marinismus wurden zum Heiligtum für die ganze westeuropäische Bourgeoisie;
und unser russische Liberalismus startete direkt von diesem Punkte. Der
Militarismus erwies sich für ihn sofort als unantastbares Allerheiligstes. Der
russische Liberalismus war von der Jugend auf verdorben.
Je stärker die Konterrevolution in Rußland wurde, je offener sich der Sieg
des russischen Zarismus über die Demokratie zeigte, desto kühner erhob die
Zarendiplomatie ihr Haupt in den auswärtigen Angelegenheiten und desto
schneller ging die Evolution des russischen Liberalismus zum Nation a/iiberalismus
vor sich. Zu Beginn der dritten Duma und besonders im Jahre 1908 offenbart
sich diese Evolution in ihren Grundzügen vollkommen. Die revolutionäre
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russische Sozialdemokratie gibt sich klar Rechenschaft über dieses wichtige
politische Ereignis und zieht daraus die entsprechenden Folgerungen.*)
In der dritten Duma dominieren die Oktobristen und die Schwarzen Hundert.
Die Kadetten werden mißachtet. Sie bildeten die Opposition, aber eine Frage
gab es, in der sie schon damals die Regierung unterstützten, das war die Frage
der auswärtigen Politik des Zarismus. Der Außenminister Iswolski wurde von
Miljukow und Co. absolut unterstützt — und zwar nicht aus Furcht, sondern
aus Überzeugung. Er war ihr Abgott, ihn und später Sasonow trugen sie auf
den Händen. Miljukow galt — und zeigte sich auch faktisch — als Agent des
auswärtigen Amtes. Die Kundgebungen des Ministers des Äußeren wurden in
der liberalen Presse zu Nationalfesten erklärt. Eine Kritik dieser Kundgebungen
erschien den Liberalen geradezu als Gotteslästerung.
Und dann kam die berühmte Reise der liberalen zusammen mit den
Oktobristen und anderen Agenten Iswolskis nach London, die ominösen Worte
Miljukows in London, daß die Kadetten die „Opposition Sr. Majestät*' seien,
daß es in Rußland „Gottlob eine Verfassung gibt" usw. Alles, was nötig war, um
der Zarendiplomatie die Durchführung der englisch-russischen Annäherung zu
erleichtern oder diese oder jene Wendung der Dinge im franco-russischen Bünd-
nisse zu erwirken, taten die Kadetten mit Bereitwilligkeit, ohne Widerrede und
sogar mit Enthusiasmus, als ihre große nationale Pflicht.
Nach der I/mdoner Reise sehen wir die Teilnahme der Liberalen am
Empfange der französischen und englischen „Gäste". Noch früher die Reise
der angesehensten Vertreter des Liberalismus (Roditschew, Maklakow, Stacho-
witsch u. a.) nach Prag zum panslawistischen Kongreß. Dann die Reise von
Kramarsch und Konsorten nach Rußland. Dann das Auftauchen der Gruppe
der sogenannten „Nationaldemokraten" Dann das Buch „Grenzscheide"
(Wjechi)**) Dann die sehr ansehnliche Rolle der Ideologen des Liberalismus im
sogenannten Neoslavismus.
Der Panslavismus ist eine der ältesten Richtungen im russischen öffent-
lichen Leben. Panslavistische Ideen werden nicht nur Peter dem Großen zu-
geschrieben, nach der Meinung einiger Altertumsforscher geht der Panslavismus
sogar bis auf den Chronisten Nestor zurück. Aber der Panslavismus als ernster
politischer Faktor, der eine so große Rolle in der Außenpolitik des Zarismus
gespielt hat und systematisch viel Betrug unter den russischen Bürgern
*) Schon im Jahre 1908 z. B. bringt der Verfasser dieser Zeilen im Genfer „Proletarier*
einen Artikel unter dem Titel: „Der Nationalliberalismus auf russischem Boden", wo
diese Erscheinung unter dem dargelegten Gesichtspunkte behandelt wird. Gleichzeitig
wird diese Frage auch in den Petersburger bolschewistischen Sammelwerken des Jahres 1908
berührt. Jetzt kann man den Zusammenhang der Haltung der Kadetten während des
Krieges, den Streit der Bolschewiki mit dem alten Menschewismus über die Rolle des
Liberalismus in Rußland scheinbar als endgültig entschieden betrachten, und zwar
selbstverständlich nicht zugunsten des Menschewismus. Jeder ehrliche Menschewik gibt
das zu.
**) Dies Werk, an dem auch verschiedene ehemalige Sozialdemokraten teilnahmen,
erregte viel Aufsehen. Anm. d. Übers.
180
gesät hat, besteht erst seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Im Mai
des Jahres 1848 kam es hauptsächlich durch die Bemühungen der Tschechen in
Prag zum ersten panslavistischen Kongreß. Im Mai 1867 fand in Moskau der
zweite panslavistische Kongreß statt (zu dem auch der Tscheche Palacki kam).
Im Jahre 1858 organisierte ein Kreis von Slawophilen mit M. Pogodin an der
vSpitze die „Slawische Wohltätigkeitsgesellschaft". Sie spielt eine bedeutende
Rolle in den Ereignissen der 70 er Jahre und trägt zur Schaffung der Stimmung
in den Jahren 1877/78 bei, jener Stimmung, die während des russisch-türkischen
Krieges sogar einzelne Gruppen russischer Revolutionäre unter die Freiwilligen
trieb. In den ersten 25 Jahren ihres Bestehens sammelte diese Gesellschaft
2% Millionen Rubel. Besonders berühmt machte sich der Präsident dieser
Gesellschaft (von 1888/90), Graf Ignatjew, der bekannte russische Diplomat und
Vertreter Rußlands in Konstantinopel, derselbe, der die Ermordung Stambulows
segnete und einmal russischer Kandidat für den bulgarischen Thron war.
Schon zu Ende der Herrschaft Alexander III. sehen wir den Panslavismus
nur noch vegetieren. Und je mehr seit der Thronbesteigung Nikolaus II. der
Schwerpunkt der äußeren Politik des Zarismus sich vom nahen Osten nach Mittel-
asien und dem fernen Osten verlegte, desto mehr verblühte der Panslavismus.
Der Panslavismus war eine ausgesprochen großrussische nationalistische Strö-
mung. Er basierte ganz und gar auf der trügerischen These, daß die Politik
Rußlands auf dem Balkan und alle Kriege Rußlands mit der Türkei von Motiven
des nationalen Idealismus bestimmt würden, durch das Streben Rußlands, die
ihm national verwandten Slaven zu befreien. Aber diese ganze Ideologie war
durchaus unanwendbar auf die räuberischen Streifzüge des Zarismus gegen
Mittelasien und den fernen Osten. Das Slaventum hatte damit offenbar garnichts
zu tun. Welche verwandten Nationen könnte die russische Selbstherrschaft
hier „befreien" ? Wilhelm II., der am meisten dazu beitrug, daß Rußland sein
Augenmerk auf die Politik im fernen Osten konzentrierte, versetzte damit auch
dem alten Panslavismus den Todesstoß.
Aber nun kam der russisch-japanische Krieg. Der Zarismus erlitt eine
Niederlage im fernen Osten. Die Zarendiplomatie holte sich mit ihrer Politik
im fernen Osten eine tüchtige Schlappe. In den führenden Kreisen der russischen
„Gesellschaft" tritt unvermeidlich eine Abkühlung gegenüber der Politik des
Zarismus im fernen Osten ein. Es vergeht einige Zeit. Der Zarismus erholt
sich von den erhaltenen Schlägen und beginnt wieder an Eroberungspläne zu
denken. Die „öffentliche" Meinung wendet sich neuerdings dem Balkan zu.
Wieder und immer wieder kehren die Gedankengänge der führenden Kreise
zum nahen Osten zurück. Wieder und immer wieder fühlt man sich hingezogen
zur traditionellen Politik des Zarismus, die auf die Eroberung Konstantinopels
und der Meerenge gerichtet ist. Neuerdings taucht der Mythus von der provi-
dentiellen Befreiermission Rußlands gegenüber den Balkanslaven auf.
Diesem Boden erwächst der sogenannte Neoslavismus. Alle diese
Gesellschaften der „slavischen Wohltätigkeit", „slavischen Gegenseitigkeit",
„slavischen wissenschaftlichen Vereinigung" usw. bekommen neues Leben.
181
Innerhalb dieser Organisationen finden wir einen eigenartigen Block von schwar-
zen Hundert, Oktobristen und Kadetten, manchmal auch von Elementen „links
von den Kadetten". Der Panslavismus hat sich verbürgerlicht. Die alte rein
adlig-bürokratische Ideologie ist ersetzt durch eine Ideologie, in der die bürger-
lich oktobristische Note überwiegt.
Die russischen Liberalen werden die führenden Ideologen des Neosiavismus.
Die Gruppe, die hauptsächlich die geistige Trägerin des russischen Neosiavismus
ist — die Struve-Gruppe mit der Zeitschrift „Russkaja Mysl" (Russischer Ge-
danke), mit ihren Mitarbeitern Trubetzkoj, Bulgakow, Maklakow, Berdjajew
und Konsorten — predigt auf dem Gebiete der Außenpolitik eine Art Synthese
zwischen der Politik des nahen und des fernen Ostens. Freilich müsse Rußland
die Slaven „befreien" und sich zu diesem Zwecke Konstantinopel unterwerfen.
Man dürfe aber gleichzeitig die russischen Interessen in Persien, der Mongolei usw.
nicht aus dem Auge verlieren. Diese „Synthese" erwirbt umso größere Populari-
tät bei der ganzen Bourgeoisie (wie auch bei den adligen Grundbesitzerelementen),
als in der imperialistischen Epoche, die der ganzen Politik im Westen die Färbung
gibt, die Fragen der Außenpolitik sich immer enger untereinander verflechten.
In der gegenwärtigen Zeit kann man z. B., wie auch der Krieg bewiesen hat,
nicht an die serbische Frage rühren, ohne daß diese im fernen Osten Asiens in
den Beziehungen Japans und Chinas ein Echo fände — und umgekehrt.
Neosiavismus und Nationalliberalismus kamen einander raschen Schrittes
entgegen, begegneten einander bald und reichten sich im wesentlichen die Hände.
Der Nationalliberalismus leistet im Lande der Außenpolitik des Zarismus ge-
waltige Dienste. Bekanntlich ist eines der Elemente der Vorbereitung zum
Kriege für jede „Groß"macht die „Vorbereitung" und Bearbeitung der öffent-
lichen Meinung im eigenen Lande. Auch die räuberische Eroberungspolitik
des Zarismus bedarf einer gewissen ideologischen Verbrämung. Man kann dem
Volke nicht sagen: wir werden Krieg führen, weil wir rauben wollen. Es ist eine
geeignete Ideologie des Krieges nötig, ganz ebenso wie geeignete Feldherrn,
Kanonen, Anleihen usw. für den Krieg nötig sind. Und der russische National-
liberalismus schafft nun diese Ideologie. Und da kann er die jämmerlichen
Abfälle des Neosiavismus, die „Prinzipien" des bürgerlichen Patriotismus
überhaupt und die Brosamen der rechtgläubigen Philosophie eines Berdjajews
und Bulgakows*) gut brauchen.
Die Theorie eines „Großen Rußland", die Sehnsucht nach einem „russischen
Bismarck", die Predigt der starken Macht und des „gesunden Egoismus", die
Theorie der „persönlichen Ertüchtigung" und der „Offenbarung des nationalen
Gesichtes", alle diese kadettischen „Patriotica" ergeben uns in ihrer Summe die
vollendete Ideologie des Nationalliberalismus.
Man kann die nationalliberalen Erzeugnisse kadettischer Schriftsteller zum
Rulime des gegenwärtigen Krieges nicht ohne ein Gefühl des Ekels lesen.
*) Frühere Marxisten, die dann in Mystisch-Nationale umgeschlagen sind.
Anm. d Übers.
182
^Gleichzeitig aber kann man ein Gefühl der Bitterkeit nicht unterdrücken, wenn
mau bedenkt, daß in der Hauptsache in den Reden der russischen Sozialchauvi-
nisten kein einziges wesentliches Argument enthalten ist, das nicht die Schreibe-
reien dieser Nationalliberalen wiederholen würde. Das patriotische Pathos dieses
Kadetteugeschreibsels ist durch und durch affektiert und durch und durch ver-
logen. Man fühlt, daß die Leute selbst nicht ein Wort von dem glauben, was sie
„für das Volk" schreiben. Wir bringen nur ein paar Beispiele aus den Schriften
der „ehrlichsten" Liberalen aus der Struve- Schule.
Da ist Fürst Eugen Trubetzkoj, der die Frage „über den Krieg und die
Aufgaben Rußlands in der Welt" erörtert. „Wir kämpfen für die Rechte der
Nationalitäten im allgemeinen, für die nationalen Prinzipien in der Politik
selbst in ihrem ganzen Umfange. Die Verteidigung der schwachen und die
Wiedergeburt der kleinen Nationen, die von den stärkeren verschlungen werden,
das ist die historische Aufgabe, die durch Schicksälswillen Rußland zugefallen
ist . . . Die Erhaltung Serbiens und die Wiedergeburt Polens — das sind die
Aufgaben des Krieges." — „Die Aufgabe der allgemeinen Befreiung der Völker
kann nur durch unseren Sieg verwirklicht werden, durch einen solchen Sieg, der
uns (d. h. dem russischen Zaren!) die Welthegemonie in die Hand gibt . . . Das
ist eine ihrem Wesen nach übernationale, universelle Aufgabe, die Aufgabe der
allgemeinen politischen Wiedergeburt aller versklavten Nationalitäten. In
dieser Übereinstimmung des nationalen Interesses mit dem Ideal eines gerechten
christlichen Verhältnisses zu den anderen Nationalitäten besteht das große
Glück Rußlands. Seine wichtigste internationale Aufgabe sei gleichzeitig auch
eine erhabene moralische und religiöse Aufgabe, denn sie ist — die Aufgabe der
christlichen (!) Lösung der nationalen Frage." („Russkaja Mysl" XII, 14,
S. 89—92).
Weiter kann man im Zynismus offenbar nicht gehen. Galizien erwürgen,
die Türken abschlachten, heißt die nationale Frage „christlich" (!) lösen! Durch
die Hand des „erhabensten Oberkommandierenden" Nikolai Nikolajewitsch
erfüllt die Weltgeschichte sichtbar eine moralische und religiöse Aufgabe . . .
Dies erinnert ganz an jenen preußischen Junker, der in der Zeitschrift „Preu-
ßische Jahrbücher" kürzlich erklärte, daß der „Weltgeist" und „unser guter
alter Gott" auf Seiten Deutschlands stehe, denn dieses verteidige eine gott-
gefällige Sache. Dem Allerhöchsten, müßt ihr wissen, war es längst schon er-
wünscht, daß unter den europäischen Großmächten Gleichgewicht, nicht nur zu
Lande, sondern auch zur See, bestehe. Das perfide Albion mag aber das
Gleichgewicht zur See nicht. Es will die Übermacht zur See behaupten. Ist
es demnach nicht klar, daß England ein gottloses Werk tut, Wilhelm von Hohen-
zollern und Admiral von Tirpitz aber die Stellvertreter Gottes auf Erden
sind ? . . .
Da ist Herr S. Frank, der vor der „qualvoll schwierigen Aufgabe der
ideellen Rechtfertigung (Kursiv Franks) des Krieges und der Auffindung seines
moralischen Sinnes" steht, und seinen gelehrigen Lesern beweist, daß „der Krieg
nicht zwischen dem Osten und dem Westen geführt wird, sondern zwischen den
183
Verteidigern des Rechtes und den Verteidigern der Gewalt, zwischen den Hütern
der Heiligtümer des Geistes der ganzen Menschheit und seinen Lästerern und
Zerstörern". (Ebenda, 126—132.)
Wem aber wäre nicht bekannt, daß die „Hüter der Heiligtümer des Geistes
der ganzen Menschheit" ihren Wohnsitz in Zarskoje Selo haben ? . . .
Da haben wir schließlich Struve selbst. Man höre! „Außer dem Großen
Rußland gibt es ein heiliges Rußland (Kursiv Struves). W r enn im Großen
Rußland für uns die Tatsache und die Idee der russischen Kraft zum Ausdruck
kommt, so erblicken wir im Heiligen Rußland die Tatsache und die Idee der
russischen Wahrheit . . . Nach der Erfüllung der Rolle der direkten Befreierin
der christlichen Völker vom türkischen Joch ist Rußland jetzt berufen, die
Mission eines mächtigen Friedensstifters und Schiedsrichters zwischen den
christlichen Völkern als Erbe des Osmanenstaates zu erfüllen . . . Unsere
mächtige Armee verkörpert in sich nicht nur die große Macht des Großen Ruß-
lands, sondern auch die seelische Kraft des Heiligen Rußlands, die Kraft der
Heldentaten, die Kraft des Leidens und die Kraft der Demut. Dort, auf den
Sclüacht- und Todesfeldern, in den endlosen Taten unzähliger namenloser Helden
der grauen Bauernarmee vollzieht sich das religiöse Wunder (!) der Verschmel-
zung von Gewalt und Recht, werden die größten Rätsel der Geschichte gelöst."
(Ebenda, S. 17—980.)
Es ist schade, daß uns Herr Struve nicht genauer sagt, in welchem Augen-
blicke der militärischen Operationen denn sich das „religiöse Wunder" der
„Verschmelzung von Gewalt und Recht" vollzogen hat, ob damals, als die
Zarengeneräle in den masurischen Sümpfen eine ganze Armee von Bauernsöhnen
und Arbeitern ertränkten oder damals, als auf Anstiftung der adligen Söhnchen
im Offiziersrock unwissende russische Soldaten die Juden in Polen und Galizien
ausraubten und erschlugen ? . .
Da ist Herr S. Kotljarewski, der versichert, daß der Krieg in Verbindung
stehe „mit der Auffassung der Rechtgläubigkeit, die diese aus dem Rahmen
eines nationalen Glaubensbekenntnisses herausführt und ihr universellen Cha-
rakter verleiht", und der schon fühlt „den Atem des neuen Lebens, wo sich die
Fülle der materiellen und geistigen Kräfte des russischen Volkes entfalten
wird und wo diese Kräfte nicht nur der nationalen Selbstbehauptung dienen
werden, sondern auch der Durchführung allgemein menschlicher Prinzipien."
(Russkaja Mysl, XI, S. 155—157.)
Allgemein menschlich und allgemein bürgerlich sind für den Kadetteu-
philosophen gleichbedeutende Begriffe. Gott ist immer auf Seiten der vater-
ländischen Bourgeoisie. Nur bei den Deutschen wird eine „Gottlosigkeit in
der Politik" (Struve) konstatiert, bei der Tripleentente tun weder Giey noch
Saso.iow, noch Millerand, geschweige denn Salandra einen Schritt, ohne sich
vorher des göttlichen Willens vergewissert zu haben . . .
Das sind die hochtrabenden, heuchlerisch pfäffischen, nationalliberalen
Reden, die den „Geist" der Masse „heben" und den Strom patriotischer I,ava
zu entfesseln haben, der die Armeen Hindenburgs wegschwemmen soll. Da<^
184
ist das frömmelnde „befreierisch" rechtgläubige Antlitz der Liberalchauvinisten,
daß sie dem „Volke" zeigen (unseren Sozialchauvinisten fehlt nur die Recht-
gläubigkeit). Aber der zweiköpfige Janus des Nationalliberalismus hat noch
ein anderes Antlitz, das er den Geschäftspolitikern der Bourgeoisie
zuwendet. Da kommt man mit dem „religiösen Wunder" nicht weit
und dringt mit „universellen Prinzipien" nicht durch. Da muß man mit
trockenen geschäftlichen Argumenten beweisen, welche materiellen Vorteile
sich aus dem Kriege für den Geldsack ergeben. Und nun höre man, in was sich
in den Unterredungen mit dem Herrn Kapital dies „Oroß-Rußland" und dies
„Heilige Rußland" verwandelt. „Was ist das Große Rußland ? Was ist Inhalt
und Sinn dieser Idee ?" Diese Frage stellt sich derselbe Theoretiker des russischen
Nationalliberalismus, Herr Struve. Und er antwortet:
Das „Große Rußland" ist die staatliche Formel Rußlands als des natio-
nalen Reiches. Für den begriffstutzigen Geldsackbesitzer erklärt Herr Struve
populärer: das „Große Rußland" ist ,,die geistige Erneuerung des russischen
Nationalimperialismus" („R. Mysl", XII, 176, Kursiv von uns) die dazu beiträgt,
daß unter den Großrussen „die Fälligkeit und der Wille zur Erweiterung"
sich befestigen (177).
Das ist doch klar?
Wenn wir aber noch genauer das imperialistische Programm der russischen
Nationalliberalen kennen lernen wollen, so hören wir weiter,
„Der Krieg der Jahre 1914/15 ist berufen, die äußere Erweiterung des
russischen Reiches zu Ende zu führen, durch Erfüllung seiner Reichsauf gaben
und seiner slavischen Mission.
Vor allem soll Rußland alle Teile des russischen Volkes untereinander
und mit dem Reiche vereinigen, daraus ergibt sich die historische Notwendigkeit
der Vereinigung von Russisch -Galizien mit dem Reiche. Diese Vereinigung ist
nötig . . . auch für die innere Gesundung Rußlands, denn das Leben des Klein-
russenstammes in Österreich schuf und nährte bei uns die heikle sogenannte
„ukrainische" Frage. Zweitens ist Rußland berufen, in dieser oder jener Form
Polen zur Wiedergeburt zu verhelfen . . . Diese Aufgabe ist jetzt der russischen
Regierung (!) und der russischen Gesellschaft gleich klar . . . Schließlich soll
Rußland seiner „Kontrolle" oder mit anderen Worten, seinem Einflüsse und
seiner Macht die Meerengen, d. h. den Ausgang aus dem Schwarzen ins Mittel-
ländische Meer unterwerfen. Das ist für Rußland selbst eine ökonomische und
politische Notwendigkeit . . . Die Beherrschung der Meerengen braucht Rußland
für sich selbst, aber auch für seine friedenstiftende Rolle im Osten" (!) (S. 178/79).
Das ist das genaue und klare Programm (und die Rechtfertigung) der äußeren
Politik des Zarismus: 1. Galizien muß man erdrosseln, denn „das Sein des Klein-
russenstammes in Österreich" erzeuge die ukrainische Frage in Rußland, mit
anderen Worten, wenn man dieses ukrainische Piemont nicht erdrosselt, wird
es für unsere großrussischen Nationalisten, Grundbesitzer, Beamten und Bour-
geois äußerst schwierig sein, die nationale Frage Rußlands im Stolypinschen
Geiste, d. h. im Geiste der unbarmherzigen Unterdrückung und Knechtung
185
aller Nicht-Großrussen, zu lösen. 2. Dasselbe gilt auch für die polnische Frage.
Polen ,, wiederherstellen"', heißt in der Sprache der Zarenbande, der russischen
Nationalliberalen und russischen Sozialchauvinisten, es unter dem Zepter ces
russischen Zaren „wiederherstellen", d. h. dem Zaren Krakau, das polnische
Piemont, unterwerfen und Polen ein für allemal erwürgen. 3. Die Türkei muß
man teilen, denn das erfordern die ökonomischen Interessen der Handvoll
russischer Großbourgeoisie.
Wenn man eine noch genauere Formulierung der tatsächlichen Motive
haben will, von denen sich die Nationalliberalen in ihrer patriotischen Ver-
teidigung des Krieges leiten lassen, so lese man den Artikel de? Herrn
S. Bulgakow: „Russische Sorgen".
„Nach seiner unmittelbaren Ursache ist der jetzige Krieg vor allem eine
Frucht des nationalökonomischen Wetteiferns, eine Ausgeburt des Kampfes
tun Macht und Reichtum und um die Welthegemonie, die sich die politische
und wirtschaftliche Versklavung orbis terrarum*) zum Ziel macht. Der in den
Panzer der nationalen Staatlichkeit eingeschnürte Kapitalismus führt zum
Wettkampf der Völker, worunter der erste Platz entschieden dem uralten Streit
zwischen Deutschland und England gehört. Das Bedürfnis nach expansiver
Ausdehnung, das sich in der Jagd nach neuen Territorien, Absatzmärkten und
Einflußsphären äußert, mußte mit innerer historischer Notwendigkeit früher
oder später zu einer Weltkatastrophe führen, ähnlich wie die zunehmende
Dampftension schließlich den Kessel sprengt" („Ruskaja Mysl", XII,
S. 109).
Das ist schon ganz nüchtern und klingt bei n ahe „marxistisch". Mit dem
winzigen Unterschied, daß die Marxisten daraus eine Anklage gegen den ganzen
Kapitalismus überhaupt machen, während die Nationalliberalen und Sozial-
chauvinisten daraus eine Rechtfertigung der Ansprüche ihres einheimischen
Kapitalismus, des Kapitalismus ihres „Vaterlandes" ableiten.
Das Programm des russischen Nationalliberalismus ist sonnenklar. Das
Hauptziel ist: Konstantinopel und die Meerengen. Zuerst könnte man zum
Beispiel eine Neutralisierung der Meerengen verfechten, ähnlich wie der Suez-
kanal „neutralisiert worden ist". — Darauf geht „Ruskaja Mysl" großmütig
ein. Sie ist ebenso großmütig, wie der Sozialchauvinist Herr Alexinsky, der
diese „Neutralisierung" verficht. Denn „Ruskaja Mysl" weiß, daß zu einer
solchen „Neutralisierung" der Türke besiegt und die Türkei umgebracht werden
muß. Na, und wenn das einmal geschehen ist, dann kann man noch weiter
gehen.
Konstantinopel und die Meerengen — in erster Linie! Und „nebenbei"
könnte man auch die ukrainische und polnische nationale Frage im Geiste
Stolypins lösen. Das ist das Programm des russischen Nationalliberalismus
im jetzigen Kriege.
*) Des Erdballs.
186
Erst kürzlich hat derselbe wackere Herr Struve, das Geschwätz vom
„religiösen Wunder" und „der panslavistischen Mission der Befreiung" beiseite
lassend, mit lobenswerter Offenheit zugestanden, daß es sich in diesem Kriege
ganz einfach um die Aufteilung Österreichs und der Türkei handele, und daß
der Kampf einfach um die Teilung der zu erwartenden Beute geführt w r erde.
Die liberalen Dumaabgeordneten, die liberale Presse und die liberalen
Professoren haben zusammen mit den Plechanow, Maslow und Potressow
über ganz Rußland ein Geschrei von dem „befreienden" Charakter dieses
Krieges erhoben. Die liberale und sozialchauvinistische Journaille hat sich
alle Mühe gegeben, die ganze „ Befreiungsideologie" für diesen Krieg zu
schaffen. Sämtliche Philosophen der nationalliberalen Zeitschrift „Ruskaja Mysl"
(Frank, Bulgakow, Berdjajew 7 und Struve), sämtliche Dichter der Bourgeoisie
(Brjussow, Balmont, Block), sämtliche Politiker und Publizisten des Chau-
vinismus, angefangen mit Meuschikow über Miljukow bis zu Plechanow, wurden
zu Propheten der „Befreiungsmission" des Zarismus.
Und nun? Jetzt erklärt Struve selbst, der wichtigste literarische Ver-
treter der nationalliberalen intellektuellen Kreise in Rußand, erklärt nach
10 Monaten Krieg offen:
„Dieser Krieg ist seinem eigentlichen Sinne nacli ein Krieg um das öster-
reichische und türkische Erbe, d. h. um das Erbe der mit Deutschland verbündeten
Länder" („Birschewija Wjed." vom 3. Mai 1915).
— Aber, wird man sagen, gibt es denn im russischen Liberalismus nicht
auch eine andere Richtung? Opponiert denn der höchst einflußreiche und
verantwortliche Vertreter der Kadettenpartei, Herr Miljukow, nicht gegen
Herrn Struve ?
Wirklich, Herr Miljukow „opponiert". Aber — nur, um dieselbe Politik
des Nationalliberalismus um so vorsichtiger und geschickter zu betreiben.
Miljukows Einwände gegen Struve und Konsorten in der „Rjetsch" liefen
stets bloß darauf hinaus, daß man „so etwas" tue, aber nicht „davon" spreche,
daß man in der Unterstützung der Großmachtpolitik des Zarismus nicht allzu
offen hervortreten dürfe, daß man der Demokratie eüigedenk sein müsse und
nicht „allzu weit" gehen dürfe usw\ In Wirklichkeit aber besteht kein Unter-
schied zwischen Miljukow und Struve. Die Miljukows sind die Praktiker und
Politiker, die Struve und Konsorten sind die Theoretiker des Nationalliberalismus.
Wer bisher daran gezweifelt hat, der mag auf die Stellungnahme Miljukows
(und des ganzen Kadettenzentrums) zum Kriege verwiesen sein. Man nehme
das programmatische Sammelbuch der Nationalliberalen: „Was erwartet Ruß-
land vom Krieg?" Man lerne den Hauptartikel dieses Sammelbuches, den
Aufsatz P. Miljukows: „Die territorialen Eroberungen Rußlands" kennen.
Sie werden dort nichts vom „religiösen Wunder", vom „Weltprinzip" und
ähnlichem „poetischem" Geschwätz finden. Herr Miljukow ist noch weniger
Poet als Herr Struve. Freilich, auch Miljukow wiederholt gefühlvoll
die Worte des Schwarzen Hundert-Höchstkommandierenden, der in seinem
187
„historischen" Appell proklamiert*) : „Das Vermächtnis Wladimir des Heiligen,
das Land Jaroslaw Osmomysl und der Fürsten Daniil und Roman mag das
Joch abstreifen und möge das einheitliche, mächtige, große, ungeteilte Rußland
errichten!" Aber die Würze dieses Artikels besteht nicht darin, sondern in
dem sachlichen Annexionsprogramm, das im Namen der russischen Bourgeoisie
von Miljukow aufgestellt wird.
Dieses Programm enthält 8 Punkte und ist außerordentlich ausführlich
ausgearbeitet. Es werden sogar konkret die Bezirke angegeben, die besetzt
werden sollen, sorgfältig die entsprechenden Landkarten beigefügt usw. Es
fehlt nur eine Kleinigkeit: daß „unsere" Armee in der Tat die „Teutonen"
aufs Haupt schlage und sie zwinge, Nikolai Nikolajewitsch Romanow und
Pawel Nikolajewitsch Miljukow samt Georg Valentino witsch Plechanow um
Gnade zu bitten.
Die 8 Miljukowschen Punkte laufen auf folgendes hinaus:
1. Besetzung Ostgaliziens und Karpatho-Rußlands (eines Teiles der klein-
russischen Bevölkerung, die sich hinter den Karpathen innerhalb Ungarns
erhalten hat). Im hochtrabenden Stil wird diese Besetzung „Wiedervereinigung
der russischen Völkerschaften" und „Vollendung des Werkes des Großfürsten
Ivan Kaiita" genannt.
2. Besetzung Westgaliziens und Posens, d. h. „Wiederherstellung" Polens.
„Mögen sich die Grenzlinien, die das polnische Volk in Stücke geschnitten
haben, verwischen. Möge es sich vereinigen unter dem Zepter des Russischen
Zaren", heißt es diesbezüglich im Dokument des obersten Schwarze Hundert-
Helden. Herr Miljukow setzt hinzu: „Die Festsetzung der Ostgrenze Polens
und die Erhaltung Polens unter dem Zepter des russischen Zaren ist bis zu
einem gewissen Grade eine innere (!) Angelegenheit von uns. . . . Bei einem
autonomen Regime Polens können territoriale Gewinne zu seinen Gunsten
natürlich (oh, natürlich!) als unmittelbare Eroberungen Rußlands gelten."
(S. 56—57.)
3. Besetzung der deutschen Enklave im nördlichen Teil Ostpreußens mit
Königsberg, mit einer Bevölkerung von zirka anderthalb Millionen. „Diese
Oase darf im deutschen Besitz nicht bleiben, Rußland wird daraus ein neues
Ostsee-Gouvernement schaffen müssen (!)", meint Herr Miljukow.
4. Die volle Besitzergreifung von dem Bosporus und den Dardanellen durch
Rußland, sowie von Konstantinopel und einem ausreichenden Teile der an-
grenzenden Küste, um einen Schutz der Meerengen zu eichern.
*) Um diesen ominösen Appell spielt sich bis auf den heutigen Tag ein wahres
Bacchanal ab. Die zynisch-abenteuerliche Kundgebung der Zarenbande, die zum offen-
kundigen Zweck ausgegeben wurde, die nationalen Gefühle der Polen im Interesse der
Eroberungspläne der Kamarilla auszubeuten, wird als eine Charte der Freiheit, als
goldenes Buch der nationalen Freiheiten gepriesen. Und am bemerkenswertesten ist dabei,
daß die Nationalliberalen und Sozialchauvinisten, die diesen Tanz um den „historischen"
Appell vollführen, selber im Inneren ihrer Seele nicht einen Augenblick daran zweifeln,
daß die Verfasser des Appells ihn nicht ernst nehmen und auch keinen Augenblick zögern
würden, zum 1001. Mal ihre feierlichen Versprechungen zu brechen.
188
5. Besetzung von Adrianopel (Erklärung Adrianopels zum Bestandteil
des Konstantinopelschen Hinterlandes) für den Fall, daß Bulgarien sich „uns"
in den Weg stellen sollte.
6. Besetzung der Marmaraküste (die Festlegung, ob es genüge, sich mit
Streifen des Territoriums zu begnügen, das den Meerengen angrenzt, oder ob
es nötig sei, auch die Marmaraküste zu annektieren, wird den Militärfachleuten
überlassen) .
7. Besetzungen in Transkaukasien von Siwin bis Bajaset.
8. Annexion von Türkisch-Armenien. In Zusammenhang damit steht die
Frage der asiatischen Länder der Türkei überhaupt. Einige amerikanische
Politiker, erzählt Miljukow, hielten einen Ausgang des Krieges für möglich,
bei dem die Türkei nicht nur ihre Lage als unabhängiger Staat, sondern auch
ihr asiatisches Territorium beibehalten würde. Dieser Möglichkeit stellt Miljukow
behutsam eine andere gegenüber: „die völlige Aberkennung der Rechte der
Türkei auf die asiatischen Provinzen und Proklamierung der Souveränität Ruß-
lands über Armenien. Im letzteren Fall würde die Befreiung Armeniens von
türkischer Herrschaft dessen Einverleibung dem russischen Kaiserreiche nach
sich führen, ohne daß natürlich die rechtlichen Formen dieser Abhängigkeit
im voraus bestimmt würden." Wie sanft sich doch Herr Miljukow ausdrückt!
Nicht Annexion, Eroberung oder Besetzung, sondern nur — Einverleibung
ohne vorhergehende Bestimmung der rechtlichen Formen. . . . Herr Miljukow
versteht es, weich zu betten. . . .
Aber genug über das Programm des Herrn Müjukow. Es ist doch ganz
klar, daß der anerkannte politische Führer des russischen Liberalismus sich
im jetzigen Kriege benimmt wie ein Lakai Sasonows, wie ein Sklave der
Baumwollpatrioten und Verfechter der räuberischen Annexionen des zaristischen
Klüngels.
Wir nehmen jetzt in Rußland einen Prozeß wahr, der sehr an das er-
innert, was in den 1870er Jahren in Deutschland vor sich ging, als der alte
,, freidenkerische" Liberalismus in Zersetzung geriet und den Grundkern des
chauvinistischen Nationalliberalismus aussonderte.
Das Benehmen des ganzen russischen Liberalismus überhaupt und der
Kadettenpartei insbesondere im jetzigen Kriege hat die Tatsache außer Zweifel
gestellt, daß der russische Liberalismus sich zum Nationalliberalismus gewandert
hat. Nicht nur, daß die Kadetten nicht den geringsten Widerstand der ver-
brecherischen Politik des Zarismus entgegensetzten, aber sie stellten sich ge-
radezu an die Spitze des kriegerischen, echt russischen Chauvinismus. Das
Zentralorgan der Kadetten „Rjetsch" ist faktisch die zweite offiziöse Zeitung
(nach dem „Nowoje Wremja") des russischen auswärtigen Amtes. Miljukow
schreibt, genau so wie Menschikow, von Sasonow bestellte Artikel im Namen
der „russischen Gesellschaft" — droht heute Italien, wenn es mit der Ein-
mischung zögern sollte, lockt Rumänien mit der Versprechung von Kompen-
sationen im Namen „Rußlands", feuert Frankreich an, schüchtert Bulgarien
ein usw.
189
Und am auffallendsten ist, daß sich niemand in Rußland über dieses
Verhalten der Kadettenpartei wundert. Niemand — weder die Regierung,
noch die Öffentlichkeit, noch die Staatsduma, weder die Rechten noch die
Linken. Das zeugt davon, daß die fiational-libeTale chauvinistische Position
des russischen Liberalismus bereits zur unabänderlichen Tatsache geworden ist,
an der niemand zweifelt. Es gab eine Zeit, da zwischen den zwei Flügeln der
russischen Sozialdemokratie in der Frage der Beurteilung des russischen Libe-
ralismus ein erbitterter Streit vor sich ging. Die wichtigste prinzipielle Grundlage
des Streites zwischen dem Menschewismus und dem Bolschewismus bestand
in der verschiedenen Wertung der Rolle der bürgerlichen Bauerndemokratie
und der liberalen Bourgeoisie im Befreiungskampfe. Den Ausgangspunkt des
Menschewismus bildete die Auffassung, daß die liberale Bourgeoisie in Rußland,
infolge der Besonderheiten unserer Lage, eine bewegende Kraft der bürgerlichen
Revolution noch sein kann. Der Menschewismus behauptete, daß unser Bauern-
tum infolge seiner Rückständigkeit viel konservativer sei als die Bourgeoisie,
die dem Banner des Liberalismus folgt. Der Menschewismus behauptete, daß
der russische Liberalismus, im Unterschied zum westeuropäischen, noch vom
Demokratismus durchdrungen sei. Heute ist der Streit durch das Schicksal
entschieden. Der Krieg 1914/1915 hat das Fazit gezogen. Mit der Verwandlung
des Liberalismus in den iVatw;iö/liberalismus ist die grundsätzliche These des
Menschewismus endgültig gescheitert. Jetzt dagegen polemisieren, heißt gegen
Augenscheinlichkeiten polemisieren. . .
Und der russische Nationalliberalismus hat, ebenso wie der westeuropäische,
die Haltung der Sozialpatrioten, die sich Sozialdemokraten nennen, durchaus
gebilligt.
Man höre, was die „Fachleute" unter den Kadetten in Fragen des Sozialis-
mus sagen:
Herr Isgojew schreibt:
„Die wahren geschichtlichen Kräfte traten ins Spiel und da stellte es
sich heraus, daß eine internationale Sozialdemokratie, die sich der „bürger-
lichen" Welt entgegensetzte, garnicht existiert. Es existieren bloß nationale
Arbeiterparteien, deren Führer sich Sozialdemokraten nennen." („Russkaja
Mysl", August/September 1914.)
Internationale, revolutionäre Sozialdemokratie — Hallali!
Aber „nationale Arbeiterparteien" — warum denn nicht! Eine „nationale"
Arbeiterpartei, d. h. eine nationalliberale Partei wird jeder vernünftige Bourgeois
billigen.
Noch offenherziger schreibt ein anderer Kadettenfachmann, der Herr
Peter Ryss:
„Vom Standpunkt der national-ökonomischen Interessen Deutschlands
sind R. Luxemburg und ilire wenigen Gesinnungsgenossen Menschen, die kein
Pflichtgefühl ihrer Heimat gegenüber haben. Wenn man der Wahrheit ins Gesicht
schaut und sich nicht hinter heuchlerischen Phrasen verbirgt, so muß man
sagen, daß das Verhalten der deutschen Sozialdemokratie gerechtfertigt und ver-
190
nänftig ist, wie gerechtfertigt und vernünftig das Verhalten der Sozialdemokratie
Frankreichs, Belgiens und Großbritanniens ist. Im Gegenteil: R. Luxemburg und
K. Liebknecht begehen objektiv einen großen Fehler und zeigen einen Mangel an
Vorstellung von Raum und Zeit." (Russkaja Mysl", 1915, IV, S. 12.)
Soweit ist es also gekommen.
Das sind geradezu bemerkenswerte Worte.
In ihrer Eigenschaft als „Patrioten" freuen sich die russischen Liberalen,
ebenso wie die russischen (und französischen) Sozialchauvinisten, wenn die
deutsche sozialdemokratische Linke einen Kampf gegen Kaiser Wilhelm führt und
dadurch den „preußischen Militarismus" innerhalb Deutschlands schwächt.
Aber die reine Freude dieser Bourgeois wird dadurch vergällt, daß das Ver-
halten der deutschen Linken soviel bedeutet, daß, sei es auch nur ein Teil der
Sozialdemokratie, dem alten revolutionären Banner treu geblieben ist. Und vom
Standpunkt der „höheren" Interessen der Bourgeoisie ist das letzte Motiv aus-
schlaggebend. Scheidemann und Südekum sind momentan, vorübergehend
meine Gegner, sagt sich der gebildete russische Bourgeois, aber Liebknecht
und Luxemburg sind meine wahren und ständigen Feinde; sie kämpfen einzig
und allein um die Vernichtung des kapitalistischen Regimes und sie werden
entschieden auch in meinem „Vaterlande" Freunde finden. Deshalb . . . usw.
Und ebenso argumentieren die deutschen Bourgeois in bezug auf die russischen
Sozialpatrioten und die russischen revolutionären Sozialdemokraten.
Der Nationalliberalismus und der Sozialchauvinismus sind Bundesgenossen
und leibliche Brüder. Das wird mit jedem Tage deutlicher werden.
4. Die Narodniki als Gefangene des Chauvinismus.
Aber wie steht es mit der Narodniki? Welche Positionen haben sie im
Kriege eingenommen ? Haben sie die Prüfung bestanden ?
Die Narodniki haben sich im großen und ganzen auf den Weg des Chauvi-
nismus begeben. Einzelne Vertreter — man könnte sie an den Fingern abzählen —
möchten wohl gegen den Chauvinismus kämpfen, aber diese Ausnahmen be-
stätigen bloß die Regel. Die Narodniki einschließlich ihres linken Flügels —
der Partei der Sozialrevolutionäre — stehen jetzt mit beiden Füßen auf dem
Boden des franco-russischen Chauvinismus. Wie der russische Liberalismus
in Nationalliberalismus ausgeartet ist, so hat sich auch die Demokratie der
Narodniki in eine nationale Demokratie verwandelt.
Etwas anderes hätte man wohl auch kaum erwarten können. In einem
Moment, da selbst die Majorität der offiziellen sozialdemokratischen Parteien
zum Sozialchauvinismus hinabgerutscht ist, wäre es ein wahres Wunder, wenn
auch die bürgerliche Demokratie nicht einen Tribut der Zeit gezahlt hätte.
Überall in Europa sehen wir die bürgerliche Demokratie hinter dem Sieges-
wageu der Militärpartei hinterher trotten. Nirgends vernehmen wir aus ihrer
Mitte einen ernsthaften Protest gegen den Krieg. Einzelne Stimmen der Em-
191
pörung werden hie und da in England laut. Solche Stimmen kann man auch in
Rußland wahrnehmen. Aber das sind eben die Schwalben, die den Frühling
nicht machen.
Außer den allgemeinen Beweggründen, die die westeuropäische bürger-
liche Demokratie zu einer Kapitulation vor der Soldateska geführt haben, lag
in Rußland noch ein besonderer Umstand vor: die russischen Narodniki stellen
in ihrem ideell-leitenden Teile durch und durch eine intellektuelle Richtung dar.
Ihr Verbundensein mit den breiten Volksmassen ist minimal. Die Vorherrschaft
der Intellektuellen spielte unter den Narodniki wie unter den Liquidatoren stets
eine hervorragende Rolle. Aber die Intellektuellen als Gesellschaftsschicht sind
in Rußland ganz dem Chauvinismus verfallen, ebenso wie mehr als die Hälfte
der „sozialdemokratischen" Intelligenz. Die Intelligenz ist die wichtigste soziale
Schicht, auf die sich in Rußland der Sozialchauvinismus der Narodniki, sowohl
wie der der „Marxisten" stützt.
Wir können an dieser Stelle nicht die Entwicklung der Narodniki im Zu-
sammenhang mit dem Kriege ausführlich verfolgen und wollen uns darauf be-
schränken, daß wir bloß in Grundzügen an das Auftreten der Narodniki auf
verschiedenen Gebieten des öffentlichen und politischen Lebens erinnern.
Staatsduma. Allen ist jene „patriotische" Rede erinnerlich, die im Namen
der ganzen Trudowikigruppe*) von dem linken Narodnik, dem fast Sozial-
revolutionär, Herrn Kerenski, gehalten wurde. — „Wu sind fest überzeugt,
daß die große russische Demokratie, im Bund mit allen übrigen Mächten des
Landes dem Feinde, der uns überfallen hat, einen beharrlichen Widerstand
entgegensetzen wird", sagte diese Deklaration der Trudowiki**). Als Herr Kerenski
diese Worte vorlas, antwortete laut Stenogramm die ganze Duma mit rau-
schendem Beifall. Und ob! Mit diesen Worten stellte Kerenski der Narod-
niki-Demokratie ein Armutszeugnis aus. Mit diesen Worten verkündete er
feierlich ihren Anschluß an die „übrigen Mächte des Landes", d. h. an Miljukow,
Purischkewitsch und den Oberbefehlshaber Nikolaj Nikolajewitsch.
Die Gruppe der Trudowiki enthielt sich der Abstimmung für die Militär-
kredite. Und auf Grund dessen vergleichen manche guten Leute ihr Verhalten
mit dem Verhalten der Arbeiterdelegierten in der Duma, d. h. mit dem Ver-
halten der Russ. Sozialdemokratischen Arbeiterfraktion. Welch ein Unsinn!
Die Erklärung, daß die „russische Demokratie" im Bunde „mit den übrigen
Mächten des Landes'' marschiere, ist für die zaristische Bande von viel größerer
Bedeutung als das Bewilligen der Militärkredite, die ohnehin gesichert waren.
Die Reaktionäre sind keine Schwätzer, sondern sachliche Leute. Wichtig für
sie ist nicht der Ritus. Sie werden Kerenski gerne die schamhafte Stimment-
haltung verzeihen, wenn nur diese Herren im Namen der russischen Demo-
i
*) Trudowiki (Arbeitspartei) — eine Gruppe des rechten Flügels der Sozial-
revolutionäre. Anm. d. übers.
**) Zitiert nach: „Laguerre 1914''. Documentsursesorgines, Geneve, 1914. S. 107/109.
192
kratie von der Tribüne aus verkünden, daß alle „lebendigen Kräfte" des Landes
verpflichtet seien, sich den zaristischen Imperialisten anzuschließen und den
„Deutschen" zu schlagen.
Presse. Weder in der legalen noch in der illegalen Presse der Narodniki
kennen wir eine geschlossene Gruppe, die entschieden und konsequent gegen
den Chauvinismus gekämpft hätte. Von den legalen Schriftstellern der Narod-
niki, die sich gegen den Sozialchauvinismus gewandt haben, kann man einen
Namen nennen. Es ist Herr N. Suchanow aus dem „Sowremennik". Seine
Verdienste heben wir umso lieber hervor, da wir vor dem Kriege gegen diesen
Schriftsteller, der die Theorie des kleinbürgerlichen Sozialismus verficht, eine
scharfe Polemik führen mußten. In ,, Russkoje Bogatstwo" trifft man Männer,
die ein demokratisches Gewissen bewahrt haben. Aber neben ihnen produzieren
sich Herreu, wie S. Jelpatjewski, der predigt, daß der jetzige Krieg ein „er-
habenes Schauspiel" darstelle, oder Herr Dioneo, der sich mit der trivialsten
Deutschenfresserei beschäftigt. Im großen und ganzen versteht es diese älteste
Naroduiki-Zeitschrift hie und da anständig zu schweigen. Aber sie ist absolut
nicht imstande, eine antichauvinistische Linie zu verfolgen. In der ausländischen
Sozialrevolutionären Presse steht die Sache nicht besser oder gar schlimmer.
Mit einer offen chauvinistischen Plattform ist die Gruppe „Hinter dem Grenz-
strich" („Sa rubeschom") hervorgetreten, in deren Reihen so einflußreiche
Sozialrevolutionäre stehen, wie Awksentjew, Bunakow, Jewgenjew, Bach, Bilit,
Lasarew, Argunow, Sawinkow, Netschetny, Woronow, Moisseenko u. a. Später
trat diese Gruppe zusammen mit anderen Sozialchauvinisten mit dem vulgär
chauvinistischen Tagesblättchen „Nowosti" hervor. Im Programmartikel dieses
Blattes (Nr. 201) erklärt die Redaktion: „Wir wünschen eine Niederlage des
reaktionären militaristischen Deutschlands herbei", „Wir können in diesem
Moment unmittelbare revolutionäre Aktionen gegen das bestehende Regime
nicht für zweckmäßig halten, weil sie die militärische Kraft des Landes schwächen
würden." Und dann beantwortet die Redaktion die Frage: „Wer sind wir?"
mit: „Wir sind Sozialisten, Internationalisten" (anstatt zu sagen : wir sind Sozial-
chauvinisten, ä la „Nowoje Wremja"). Über solche naive Scherze kann man
natürlich nur lächeln.
Eine „mittlere" (Herr Tschernow würde sagen: integre) Position nimmt
die andere Tageszeitung der Pariser Sozialrevolutionäre „Schisn" (früher „Mysl")
ein. Sie wendet sich gegen die Extreme des Sozialchauvinismus.
Doch die Sozialrevolutionären Sozialpatrioten — selbst des wahnwitzigsten
Schlages — hält sie für eine „berechtigte Schattierung", tituliert sie Genossen
und duldet sie in ihren Editionen usw. „Schisn" ist wohl imstande, ihre Freunde,
die unmäßigen Sozialpatrioten herunterzuputzen, aber sie ist nicht imstande,
gegen sie zu kämpfen. Denn sie selber schwankt, verwirrt sich, kommt aus dem
Konnex und beschreibt jede Woche eine neue Kurve ihrer eigenen Schwankungen.
Ihre Hauptaufgabe sieht die Sozialrevolutionäre „Schisn" in der prinzipienlosen,
kleinlichen „Ausnutzung" der jetzigen Krise gegen den Marxismus. Unter der Feder
< ies Herrn Gardenin verwandelt sich die j etzige Krise in eine Krise der marxistischen
13 193
Lehre selber. Das ganzeUnglück bestände nur darin, daß die Sozialdemokratie einen
„Industrie-Sozialismus"*) progagiere, ihren Kampf auf dem Proletariat allein
baue. (Als ob die Arbeiterklasse, ungeachtet der jetzigen ungeheuren Krise,
nicht nach wie vor die einzige Hoffnung der Internationalisten wäre. In welcher
anderen Klasse wird Herr Gardenin denn Kämpfer gegen den Chauvinismus
suchen ? Welche andere Klasse sonst ist imstande, trotz alledem mit der sozial-
chauvinistischen Seuche fertig zu werden ?)
Unter der Feder des Herrn Gardenin erweisen sich Marx und Engels selber
als geistige Anreger Südekums, d. h. als Chauvinisten**). Mit Hilfe der skrupel-
losesten Methoden wird die wahre Stellungnahme des revolutionären Marxismus
entstellt und der alte Kram der Narodniki wieder aufgewärmt.
Im großen und ganzen herrscht in der Narodniki-Presse ein Bild der völligen
Vorherrschaft des Chauvinismus, neben ohnmächtigen Versuchen des Protestes
von seiten weniger Einzelpersonen und dem „integren", hohlen Gerede der
„mittleren" Gruppe der Sozialrevolutionäre.
Sowohl auf dem Forum der Staatsduma, wie auf dem der Presse haben
die Narodniki ein trauriges Bild gezeigt. Nicht besser verhält es sich auch in
anderer Hinsicht. Der offizielle Vertreter der Partei der Sozialrevolutionäre
im Internationalen Sozialistischen Büro, Herr Rubanowitsch, erwies sich als
der vulgärste Sozialchauvinist, aber die Partei rief ihn nicht nur nicht ab (das
Zentralkomitee der Partei schweigt sich überhaupt aus), sondern nicht einmal
die „integren" Sozialrevolutionäre aus der „Schisn" entschließen sich, sich
vom schmählichen Benehmen des Herrn Rubanowitsch loszusagen. Auf der
Londoner Konferenz der „Sozialisten" der Tripelallianz hat sich reichlich die
Hälfte der offiziellen Delegation der Sozialrevolutionären Partei der schmählichen
Resolution des belgischen königlichen Ministers Vandervelde angeschlossen,
ilte andere integre Hälfte schwankte und enthielt sich der Abstimmung. Die
frühere terroristische Gruppe der Sozialrevolutionäre ist in Person Sawinkows
und seiner Kollegen bis zum direkten Renegatentum — fast Tichomirowschen
Schlages gesunken. Unter den führenden Kreisen der Sozialrevolutionären
*) Herr Gardenin ist scheinbar davon überzeugt, daß er in seinen Angriffen gegen
den „Industrie-Sozialismus" originell sei. Mitnichten! Dieses Amerika wurde schon lange
vor ihm vom bekannten deutschen Opportunisten Hildebrandt in seinem Buche: „Die
Erschütterung der Industrieherrschaft und des Industriesozialismus" entdeckt. Dieser
Herr findet ebenfalls, der Sozialismus dürfe nicht ein „Industnesozialismus" sein, er müsse
mit einem agrar-bäuerlich-kleinbürgerlichen „Sozialismus" verwässert werden. Nebenbei
schlagt Herr Hildebrandt der Sozialdemokratie vor, die Kolonialpolitik als notwendig
und „gerecht" anzuerkennen. Wie Herr Gardenin sieht, gibt es nichts Neues unter dem
Monde. Wegen seines Buches über den Zusammenbruch des „Industriesozialismus" wurde
Herr Hildebrandt 1912 aus der deutschen sozialdemokratischen Partei ausgeschlossen.
Damais war diese Partei noch nicht nationailiberal, und Herr Scheidemann selber bestand
damals energisch darauf, daß Hildebrandt ausgeschlossen werde.
**) über die Kunststücke, die nach den Herren Struve, Guillaume, David und
Konsorten der „integre" Herr Gardenin mit den Namen Marx und Engels anstellt —
vergl. meinen Aufsatz: „Marodeure" in diesem Buch.
194
Emigranten herrscht entweder Chauvinismus oder bestenfalls eine völlige Kopf-
losigkeit vor. Die Geschichte hat einen bösen Streich gespielt diesen „Revo-
lutionären aus bürgerlichem Milieu", die keine Verbindung mit den Massen
haben. Burzew, Krapotkin, Ropschin, Rubanowitsch — sind typische Vertreter
dieser „revolutionären" bürgerlichen Intellektuellen, die auch in Friedenszeiten
mit dem Sozialismus sehr wenig gemeinsam hatten, aber im Moment des Kriegs-
unwetters imstande sind, eine Schwenkung um 90 Grad zu vollziehen und
plötzlich in die Arme Menschikows zu geraten, ohne selber zu wissen, wie „das''
geschehen war. . . .
Die Narodniki-Richtung erwies sich mitsamt ihrem linken Flügel (Kern
der Partei der Sozialrevolutionäre) mit wenigen persönlichen Ausnahmen als
Gefangene der chauvinistischen Ideen und chauvinistischen Stimmungen.
Diese historische Tatsache bestätigt wieder einmal die Richtigkeit des Marxismus,
der die Narodniki stets als bürgerliche Demokraten wertete. Vor dem Kriege
waren einige rechtsstehende Sozialdemokraten — Plechanow, die Mitarbeiter
von „Nascha Sarja" — für die Vereinigung der Sozialdemokratie mit den
Narodniki. Die Ereignisse haben gezeigt, daß Gleich und Gleich sich gern gesellt.
Gerade die Verfechter der Verschmelzung mit den Narodniki erwiesen sich
selbst als genau solche Sozialchauvinisten, wie die Herreu Narodniki. Nun:
jetzt steht nichts mehr im Wege zu einer Vereinigung dieser „Sozialdemokraten"
mit den Narodniki. Glückliche Reise, — wird unsere Partei diesen auch-Sozial-
demokraten nachrufen. Denn mehr denn je ist jetzt klar, daß die sozialdemo-
kratischen Arbeiter jetzt zur Vereinigung mit den Narodniki aufrufen, soviel
heißt, wie die Arbeitersache zugunsten der bürgerlichen Demokratie verraten
und auf das Banner des Sozialismus verzichten, im Namen des Banners der
Bourgeoisie.
5. Der Krieg und die Russische Sozialdemokratie.
Die russische Sozialdemokratie hat — jetzt unterliegt es keinem Zweifel
mehr — mit Ehren die Prüfung überstanden. Das Banner des Internationalismus
schwankte nicht in ihren Händen. Der Kern der Partei erwies sich als immu-
nisiert gegenüber dem Sozialchauvinismus. Wie ist das geschehen ? Wodurch
ist der Umstand zu erklären, daß unsere Partei sich treu geblieben ist, während
die meistens viel stärkerens westeuropäischen sozialdemokratischen Parteien
offensichtlich das Banner der Internationale preisgegeben haben ?
Es versteht sich von selbst, daß die Erklärung nicht in. irgendwelchen
besonderen nationalen Eigentümlichkeiten der Russen oder den guten sub-
jektiven Eigenschaften unserer Führer gesucht werden darf. Es müssen offenbar
gewisse ernsthafte, objektive Ursachen vorhanden sein, die dazu geführt haben,
daß unsere Partei diese Position und keine andere eingenommen hat. Welche
sind diese Ursachen ?
Die Theoretiker des deutschen Sozialchauvinismus und Vertreter des
„Zentrums" der deutschen Sozialdemokratie haben ebenfalls diese Frage wieder-
•** 195
holt aufgeworfen. Das Verhalten der russischen Sozialdemokraten (ebenso
wie das Verhalten der Serben und Italiener) ist jedem „überzeugten" Sozial-
chauvinisten ein Dorn im Auge. In der Tat, besteht einmal der wahre Sozialismus
in der „Vaterlandsverteidigung" und Unterstützung des Imperialismus des
eigenen Landes, — so ist denn das Verhalten der russischen, italienischen und
serbischen Sozialdemokraten nicht ein Verrat am Sozialismus ? Wenn das
Bewilligen der Kriegskredite, die Unterstützung der eigenen Regierung, des
Burgfriedens usw. während des imperialistischen Krieges als Regel gelten soll, —
wie soll man dann den Arbeitern die häßliche Ausnahme begreiflich machen,
die die Sozialisten der genannten drei Länder gebildet haben ?
Ob aus diesem Grunde oder weil das Verhalten der genannten drei Parteien
als stumme Lektion vor dem unruhigen Gewissen der Herren dasteht, die sich
zum Chauvinismus geschlagen haben, — aber die Tatsache bleibt bestehen:
die Theoretiker des Sozialchauvinismus wollen dieses Verhalten unbedingt
irgendwie erklären. Und besonders eifrig bemühen sie sich um die Haltung
der russischen Sozialdemokratie. Da sind sowohl Kautsky wie Bernstein, David
und viele, viele andere dabei.
Jeder dieser Schriftsteller hält es für seine Pflicht, zuerst vor der russischen
Sozialdemokratie eine Verbeugung zu machen. Ihr Verhalten sei gewiß sehr
mutig, verdiene jegliche Anerkennung usw., aber . . . aber andere Parteien dürfen
ihrem Beispiel keinesfalls folgen. Und insbesondere sei ein derartiges Verhalten
— Gott bewahre — für die deutsche Partei unannehmbar.
Warum denn eigentlich ?
Man höre. Wir wenden uns zuerst an die tiefgründige Erklärung des
maßgebenden Kautsky:
„Je stärker eine Partei wird, desto mehr mischen sich in den Begründungen
ihrer Beschlüsse die propagandistischen Rücksichten mit Erwägungen prak-
tischer Folgen, desto schwieriger wird es, den Motiven beider Art in gleichem
Maße gerecht zu werden, und doch dürfen die einen ebensowenig vernachlässigt
werden, wie die anderen." (,,Die Internationalität und der Krieg", Berlin
1915, S. 30.)
Die russische Partei konnte sich deshalb den Luxus einer prinzipienfesten
Haltung erlauben (den Tribut „propagandistischen" Rücksichten zahlen), weil
sie schwach ist, weil ihre Beschlüsse keine praktischen Folgen für das Land
haben werden. Die Treue dem Banner des Internationalismus ist demnach eine
Jugendsünde. . . Es wäre interessant zu erfahren, von welchem Moment an die
sozialdemokratische Partei das Recht erhält, auf die Prinzipien des Sozialismus . . .
will sagen, auf „propagandistische" Rücksichten zu verzichten ? Genügt es
dazu, etwa 50 Reichstagsabgeordnete zu haben, oder muß man durchaus min-
destens 110 haben ? Haben ja auch unsere italienischen Genossen in der Kammer
ein halbes Hundert Abgeordnete, und wir selber hatten in der 2. Duma, als es
noch kein allgemeines Wahlrecht gab, über G0 Deputierte, so daß auch wir
vielleicht schon „das Recht auf Opportunismus" haben. Oder vielleicht tritt
196
laut den jetzigen Anschauungen Kautskys das entgegengesetzte Kriterium
in Kraft. Nicht jene sozialdemokratische Partei ist ernst zu nehmen
und stark, die auch in den schwierigsten Zeiten dem Sozialismus treu
bleibt, sondern allein jene Partei darf als solid und stark gelten, die aus
den Schwierigkeiten so hervorgegangen ist, daß sie den Sozialismus durch
Nationalismus ersetzt hatte?
„Er (dieser Unterschied) hat seine Ursache in dem Unterschied und der Größe
des Einflusses der sozialistischen Parteien hüben und drüben. Auf große Parteien
oder auf Parteien mit großem parlamentarischen Einfluß drückt bei Abstim-
mungen das Gewicht der mit diesem Einfluß verbundenen sachlichen Ver-
antwortung. Sie können ihre Stimmangabe nicht so frei vom Zweck der De-
monstration bestimmen lassen, als dies den kleinen Parteien möglich ist, deren
Abstimmung keine unmittelbare Rückwirkung auf den Verlauf der Dinge hat.
Es ist dies die Kehrseite des parlamentarischen Machtzuwachses der Parteien.
Man muß sie mit in den Kauf nehmen, wenn man auf das Wachsen nicht über-
haupt verzichten will. In der Regel beeinträchtigt auf allen Gebieten die Größe
die Elastizität." (E. Bernstein im „Archiv für Sozialwissenschaft und Politik'',
Band 40, Heft 2, S. 306.)
Nicht wahr, wie liefsinnig! Die Größe beeinträchtigt auf allen
Gebieten die Elastizität, das klingt „philosophisch". Die Weisheit dieser
„elastischen" Sozialdemokraten besteht darin, daß, je mehr sozialdemokratische
Abgeordnete die Arbeiterklasse nach schwerem Kampfe in das Parlament hinein-
bringt, umso näher müssen diese Abgeordnete zur Bourgeoisie rücken. Ein
alter abgedroschener, höchst banaler Grundsatz des Revisionismus! Neu ist
dabei das eine; daß heutzutage diese stumpfsinnige bürgerliche Banalität auch
von K. Kautsky wiederholt wird. Neu ist, daß jetzt die überwiegende Mehrheit
der „Führer" der deutschen Sozialdemokratie „elastisch" den Rücken vor den
Hohenzollern und Hindenburgs krümmt.
Man nehme ferner den angesehensten Politiker des Revisionismus, Eduard
David. In seiner „Sozialdemokratie im Weltkriege" widmet er ein ganzes Kapitel
der „russischen Taktik und Theorie". Unter „russischer Taktik und Theorie"
versteht er die Taktik unserer Zentralkomitees. Mit dem heiligen Schreck des
guten und sittsamen Bourgeois zitiert er die „wahnwitzige" These unseres
Zentralkomitees, wonach die Sozialisten danach streben sollen, den jetzigen
imperialistischen Krieg in den Beginn der Epoche der Bürgerkriege umzuleiten.
Er versucht so zu tun, als ob diese These einzig und allein die Frucht der Ge-
dankengänge russischer „Barbaren" sei, vergißt aber, daß der Stuttgarter und
Basler internationale Kongreß in anderen Ausdrücken genau dieselbe Parole
aufgestellt haben. Aber gleich verheddert er sich. Einige Seiten weiter identi-
fiziert er unsere Stellungnahme mit der deutschen Linken und behauptet (zu-
sammen mit seinem neuen Gesinnungsgenossen Plechanow) daß „die Theorie
Lenins, Luxemburgs, Pannekoeks, Radeks" usw. wortwörtlich mit dem Herveis-
mus der alten Schule übereinstimme. (David, S. 176.)
197
Doch glaube man nicht, daß David den Mut hat, direkt zu erklären, er
halte das Verhalten der russischen Sozialdemokratie für falsch, daß auch sie
in Wirklichkeit verpflichtet gewesen wäre, ihr Vaterland zu verteidigen u. a. m.
Mit Nichten! David beeilt sich ebenfalls, seine „tiefe Hochachtung" den russi-
schen Sozialdemokraten auszudrücken, wegen ihres „Mutes und ihrer Auf-
opferungsfähigkeit". Noch mehr. Er schreibt: „Wenn die russischen Sozia-
listen sich also damit begnügt hätten, ihre Taktik als die für Rußland gebotene
zu begründen, so wäre kein Wort dagegen zu sagen. Sie haben aber diese Zurück-
haltung leider nicht geübt, sondern sich für berufen gehalten, den Sozialisten
der anderen Länder, die anders handelten als sie, die richtigen Wege zu weisen.
Sie gehen dabei von der Auffassung aus, daß ihre Taktik nicht nur die für Ruß-
land gebotene, sondern die allein und allgemein richtige sei." („Die Sozial-
demokratie im Weltkrieg", Berlin 1915, S. 163.)
Wenn Sie David fragen würden : warum soll diese Taktik, die für Rußland
brauchbar ist, für Deutschland so ganz und gar unbrauchbar sein ? — so werden
Sie die Antwort hören: „Deutschland ist nicht Rußland". (S. 163.) „Zwar
gibt es einige komische Käuze, die behaupten, die politischen und sozialen Ver-
hältnisse in Preußen-Deutschland seien nicht besser, als die Rußlands . . . Allein
mit solchen Geistern ernsthaft zu diskutieren, hieße sich selbst zum Narren
machen." (Ebenda, S. 163.) Wer weiß denn nicht, daß die wahrhaft preußische
Ordnung von der wahrhaft russischen himmelweit entfernt ist ?
Mag sein. Wir stimmen mit David überein, daß selbst in Preußen das
politische Regime viel besser ist, als in Rußland. Aber bedeutet denn dies, daß
man in Rußland Sozialist sein kann, in Preußen dagegen Sozialchauvinist werden
muß ? Nach dieser Logik würde es heißen : weÜ in Nordamerika das politische
Regime noch besser ist, als in Preußen, so müssen die amerikanischen Sozialisten
im Kriegsfall schon geradezu Schwärze-Hundert werden.
Und was ist das für eine spezifisch „russische" Taktik, die Herr David im
Verhalten unserer Partei erblickt hat? Haben denn die vielen internationalen
sozialistischen Kongresse, die das Ablehnen der Kriegskredite und den
Kampf gegen den Imperialismus forderten, nur Rußland allein und das russische
politische Regime im A uge gehabt ? Wurden denn die Beschlüsse des Essener
und des Chemnitzer Parteitages in Rußland gefaßt, und bezogen sie sich auf
russische Verhältnisse ? Ist denn in Serbien und Italien das politische Regime
ebenfalls schlimmer als in Preußen ?
Selbst für die einfache „Ehrlichkeit sich selbst gegenüber" reicht der Mut
eines Kautsky, Bernstein und David nicht aus. Und sie verwirren die Frage auf
jede Art, um nur eine direkte und ehrliche Antwort auf sie nicht geben zu müssen.
Aber, wenn die Sache keineswegs durch einen besonderen russischen
„Geist" zu erklären ist, wenn wir selbst jede Erklärung ablehnen, die auf den
moralischen Eigenschaften der Führer basiert, — welche sind dann in Wirklichkeit
jene objektiven Verhältnisse, die unsere Partei vor dem Fall gerettet und ihr
geholfen haben, das rote Banner des Sozialismus in der Hand zu behalten ?
198
Diese Verhältnisse sind zweierlei. Das eine wurzelt in der Lage des Prole-
tariats als Klasse im heutigen Rußland. Das andere beruht auf den Entwicke-
lungsbedingungen der Partei der Arbeiterklasse in unserem Lande.
Das junge russische Proletariat hatte soeben eine Revolution durchgemacht.
Das Wüten der Konterrevolution konnte in ihm die revolutionäre Seele nicht
auslöschen. Der Konterrevolution gelang es nicht, eine der drei Grundfragen
des russischen Lebens zu bemeistern: die Arbeiter-, die Bauern-, die allgemein
politische Frage. Die Situation im Lande blieb die ganze Zeit hindurch objektiv
revolutionär. In den letzten zwei Jahren vor dem Kriege verschärfte sich die
innere Krise immer mehr. Den Hauptinhalt unserer Arbeiterbewegung bildeten
in den letzten Jahren die größten revolutionären Streiks in der Welt. Die Arbeiter-
aristokratie stellt bei uns eine ganz dünne Schicht des Proletariats dar. Der
Legalismus vermochte in Rußland, kraft unserer Verhältnisse, nicht die Festig-
keit eines Vorurteils zu erlangen. Der Krieg fand die russische Arbeiterklasse
im schärfsten Kampfe gegen die Zarenmonarchie, einem Kampfe, der bereits
die Form von Barrikadenschlachten angenommen hatte. Infolgedessen
war bei mis die Arbeiterklasse die einzige Klasse, die von der Seuche des
Chauvinismus nur oberflächlich gestreift wurde. Und unsere Partei, die ent-
schlossen gegen den Sozialchauvinismus hervorgetreten ist, bestätigte wieder
einmal indirekt, daß die Russische Sozialdemokratische Arbeiterpartei keine
„intellektuelle" Partei ist, wie es die Liquidatoren behaupteten, sondern
eine wahre Arbeiterpartei, Fleisch vom Fleische und Blut vom Blute der
russischen Arbeiterklasse.
Das ist der erste der genannten Umstände. Der zweite liegt, wie gesagt,
in den Entwicklungsverhältnissen unserer Partei. Ob es gut ist oder böse (wir
glauben, sehr gut), aber die Revisionisten haben in unserer Partei keinen Platz.
Unsere „Quertreiberei", von der die guten Leute in ganz Europa soviel Auf-
hebens gemacht haben, hat der russischen Arbeiterbewegung einen großen
Dienst geleistet. Und nur dank dieser Quertreiberei vermochte unsere Partei
(man vergleiche auch die italienische Partei) eine feste Position gegenüber dem
Sozialchauvinismus einzunehmen, nur dadurch konnte die R. S.-D. Arbeiter-
fraktion die gewaltige antichauvinistische Arbeit leisten, von der der Prozeß
gegen unsere Deputierten ein — aber lange noch nicht vollständiges — Bild
entrollt hatte.
Unsere „Versöhnungspolitiker" reden gerne davon, daß wir anders sind,
als andere Sünder und Frevler, daß wir gar keine Revisionisten haben, und
deshalb sei die Spaltung bei uns ein Verbrechen, eine Sektiererei, ein Frevel, eine
Ketzerei und wie diese schrecklichen Worte alle heißen mögen. Einer der ge-
räuschvollsten Vertreter der Versöhnungspolitik, Trotzki, der die Schädlichkeit
einer Spaltung in Rußland bewies, motivierte seine Ansicht damit, daß „in den
alten sozialistischen Parteien die Internationalisten sich in Minorität befinden,
in Rußland dagegen in offensichtlicher und unzweifelhafter Majorität." („Nasche
Slowo", Nr. 106.)
199
In offensichtlicher und unzweifelhafter Majorität? Ca depend! Das
hängt davon ab, wie mans nimmt. Es ist Trotzki hoffentlich bekannt, daß auch
die Liquidatoren, deren Organ „Nascha Sarja" ist, sich für Sozialdemokraten
halten; daß sich für Sozialdemokraten ganze Schichten der angeblich marxisti-
schen Intellektuellen ausgeben, die sich um „Sowremenni Mir", „Kiewskaja
Mysl" usw. scharen, daß sich als Sozialdemokraten Männer betrachten, deren
Gesinnungsgenossen Prokopowitsch, Akimow-Machnowetz, Frau Kuskowa usw.
usw. sind. Und alle diese zahlreichen auch-Sozialdemokraten sind jetzt im
Chauvinismus verbunden.
Im Laufe einer ganzen Reihe von Jahren führen wir, revolutionäre Sozial-
demokraten, einen Kampf, daß diese angeblichen Sozialdemokraten (in Wirk-
lichkeit aber Liberalen und Revisionisten) unter keinen Umständen als Bestandteil
der R. S.-D. Arbeiterfraktion betrachtet werden. Eigentlich geht der Streit
gerade darum, ob diese namenlos-liberale, liquidatorisch-revisionistische Strömung
als „berechtigte" Schattierung in der sozialdemokratischen Partei anerkannt,
ob ihr das Bürgerrecht in der Partei und die Möglichkeit überlassen werden
soll, von innen heraus die Partei zu zersetzen, indem sie die Arbeiter ins Lager
der Bourgeoisie führt unter der Fahne der Sozialdemokratie. Und nun ? Wessen
Richtlinie haben der Krieg und die damit verbundenen Ereignisse gerechtfertigt ?
Will sich Trotzki nicht erinnern, wie gerade er auf dem Londoner Kongreß
(1907) für die Aufnahme des Herrn Prokopowitsch plädiert hat ? (Vergl. Protokoll
des Londoner Kongresses. Im Protokoll wird Prokopowitsch N. N. genannt,
aber wir werden jetzt keine Indiskretion begehen, wenn wir seinen Namen
nennen, denn mit unserer illegalen R. S.-D. Arbeiterfraktion hat Herr Proko-
powitsch nichts gemein.) Wichtig dabei ist natürlich nicht Herr Prokopowitsch
als Person. Wichtig ist die politische Frage, ob ein ausgemachter Revisionismus
als gerechtfertigte Richtung in unserer Partei bestehen soll oder nicht. Und
Trotzki gibt uns nur recht, wenn er als Argument gegen uns den Umstand
anführt, daß in Rußland die Internationalisten offenkundig und unzweifelhaft
die Majorität bilden.
Im Laufe eines ganzen Jahrzehntes erdröhnte die Luft vom Geklingel
der „Trotzkistischen" Phrasen über unsere Engherzigkeit, Unduldsamkeit und
Quertreiberei, darüber, daß in unserer Partei barbarische Absonderungs-
gepflogenheiten bestehen, daß wir uns vor „Europa" schämen sollten, da wir
es nicht verstanden hätten, eine „Einheit" in Rußland zustande zu bringen.
Und nun kommt die Kriegskrise. Die Geschichte stellt alle sozialdemokratischen
Parteien vor die größte Prüfung der Welt. Unsere Partei besteht diese Prüfung
mit Ehren, was nicht einmal von den chauvinistischen Parteien geleugnet werden
kann, die, dank ihrer gelobten „Einheit" mit den Revisionisten, so stark sind.
Aber Trotzki kommt es nicht einmal in den Sinn, nachzudenken, ob doch nicht
irgend ein Zusammenhang bestehe zwischen dem, daß in Rußland die Inter-
nationalisten „in offensichtlicher und unzweifelhafter Majorität sind", und dem,
daß in Rußland seit mehr als 20 Jahren der beharrlichste, der hartnäckigste
Kampf gegen den Revisionismus (oder Liquidatorentum) geführt wird ? . . .
200
Aber dieser Zusammenhang besteht unzweifelhaft. Freilich auch dabei
waren von grundlegender Bedeutung die objektiven Entwicklungsbedingungen
der Arbeiterbewegung Rußlands. Sie sind es, die dem. Revisionismus feindlich
waren. Sie haben in den Reihen der russischen Sozialdemokratie unversöhnliche
Kämpfer gegen den Revisionismus erzeugt. Aber die Pflicht unserer Partei-
kämpfer war es, auch die in dieser Hinsicht traurige Erfahrung der westeuro-
päischen Arbeiterparteien auszunützen. Die einen zogen daraus den Schluß,
daß wir einfach den sogenannten „Europäismus" nachzuahmen hätten — jetzt
sieht jedermann, daß dieser Europäismus nur ein anderes Wort für Opportunismus
war. Die anderen folgerten daraus, daß wir die „Duldung" des Revisionismus
nicht nachzuahmen hätten, daß wir im Gegenteil mit allen Kräften danach
trachten sollten, dem Revisionismus den Zutritt zu unserer sozialdemokratischen
Partei zu versperren. Der Kampf ging (und geht) darum, daß die Liebhaber
der Einheit unserer Partei zumuteten, sich selbst einen Mühlstein um den Hals
zu hängen, sich mit jenen Revisionisten zu vereinigen, deren Absonderung für
die westeuropäischen Sozialdemokraten, die den Sozialismus nicht preisgegeben
haben, jetzt, nach einer Entwicklung von Jahrzehnten, eine Bedingung
sine qua non (ohne die es nicht gibt) ist für die Hoffnung, daß die sozialdemo-
kratischen Parteien sich endlich aus dem bürgerlich-nationalistischen Bann
befreien würden.
Natürlich, post hoc heißt nicht immer propter hoc.*) Natürlich hat nicht
die Trennung von den Revisionisten allein unsere Partei vor dem sozialchauvi-
nistischen Sündenfall bewahrt. Aber sie hat ihr „viel zur Zierde" gedient.
Nicht Vereinigung mit den Revisionisten, sondern die weitere Säuberung der
sozialdemokratischen Bewegung von dem Revisionismus — das ist die Aufgabe,
die so anschaulich vom Kriege aufgeworfen worden ist.
6. Ist der Sozialchauvinismus mit dem Opportunismus
verknüpft?
Aber ist es richtig, daß zwischen dem Zusammenbruch der II. Internationale
und dem Überhandnehmen des Opportunismus in den meisten europäischen
Parteien irgendein Zusammenhang besteht ? Ist es richtig, daß zwischen Sozial-
chauvinismus und Revisionismus eine unzertrennbare Ideenfolge besteht ? Ist
es richtig, daß der Sturz der II. Internationale den Sturz des Opportunismus
bedeutet ?
Diese Fragen sind schon in einem anderen Aufsatz beleuchtet worden
(Lenin: „Der Zusammenbruch der II. Internationale"). Hier werden wir uns
erlauben, zur Ergänzung nur einige flüchtige Bemerkungen zu dieser Frage
zu bringen.
Vor allem: wie verhält sich die Sache vom Standpunkt der Geschichte,
vom Standpunkt der einfachen Tatsachen ? Im Mittelpunkt der ganzen jetzigen
*) Wenn etwas nach einem Fall geschehen ist, so heißt es nicht immer, daß es
infolge dieses Falles geschehen ist.
' 201
Krise steht die Frage, wie sich der Sozialismus zum Imperialismus verhält,
wie man sich vom Standpunkt des Sozialismus der Kolonialpolitik der regierenden
Klassen gegenüber verhalten soll. Es fragt sich: hat die Internationale vor
dem Kriege diese Frage erörtert? Und wenn ja, — tauchte schon damals die
Trennungslinie zwischen Marxismus und Opportunismus auf?
Die Antwort auf diese Fragen wurde auf dem internationalen sozialistischen
Kongreß in Stuttgart im Jahre 1907 gegeben. Und diese Scheidung hat sich
dort mit voller Klarheit gezeigt. Die Protokolle des Stuttgarter Kongresses
stellen in dieser Hinsicht ein lehrreiches Dokument dar, das studiert und popu-
larisiert werden sollte. Wenn man uns sagt : Was kann das für ein Opportunismus
sein, wenn Kautsky, Plechanow, Guesde . . . usw., so antworten wir: Der
Hinweis auf einzelne Persönlichkeiten ist nicht überzeugend; nicht die Beispiele
von gestern muß man in Betracht ziehen, wo der Krieg schon entbrannt war,
wo unter dem Eindruck der blutigen Schrecken der Verstand vom Gefühl be-
zwungen war; die Beispiele müssen aus der Zeit genommen werden, als die
Katastrophe noch nicht entbrannt war, als jede Richtung richtig und sorgsam
ihre Entschlüsse abwägen konnte, nicht unter dem Drucke der militärischen
Lage, des feindlichen Einfalls, der Exzesse des bürgerlichen Chauvinismus,
nicht nach der ,, Bearbeitung" durch den ungeheuerlichen Apparat von Lüge
und List, der zu gleicher Zeit von der Bourgeoisie aller Länder in Bewegung
gesetzt wurde. Eine solche ruhige Betrachtung der Frage geschah auf dem
Kongresse in Stuttgart.
Die Frage wurde klipp mid klar gestellt: sollen die Sozialisten die
Kolonialpolitik ihrer Regierungen unterstützen und nur für die Milderung der
Formen der kolonialen Unterdrückung eintreten, oder überhaupt eine schroff
negative Stellung einnehmen und die Kolonialpolitik von Grund aus ablehnen ?
Mit anderen Worten: soll man sich auf den Weg des kolonialen Reformismus
begeben oder auf dem Boden der revolutionären Sozialdemokratie bleiben,
die sich als Todfeind jedes Imperialismus, jeder bürgerlichen Kolonialpolitik
erklärt ?
In Stuttgart prallten zwei feindliche, einander ausschließende Welt-
anschauungen gegeneinander — die der Sozial-Demokraten und die der Sozial-
Imperialisten. Wenn man jetzt die Debatten auf dem Stuttgarter Kongresse
von neuem liest, so muß man unwillkürlich ausrufen: „Aber das sind ja lauter
bekannte Gesichter!" Die Motivierung ist Wort für Wort dieselbe, wie sie
Sozialdemokraten jetzt geben; nur hat man sich damals viel diplomatischer,
mit größerer Ruhe ausgedrückt, denn die Leidenschaften waren nicht so ent-
brannt, wie jetzt. Vor allem in den Reden Kautskys, der damals noch Marxist
war und sich nicht zu der Rolle eines Dieners von Südekum und Konsorten
erniedrigte, in den Reden Ledebours, Quelchs, Karskis, Brakes tritt der Stand-
punkt der jetzigen Linken hervor. In den Reden Davids, van Kols, Bernsteins,
Macdonalds ist der jetzige Standpunkt der Südekums und des sich ihnen „an-
gepaßten" Zentrums vertreten.
20J
In der Kommission, die die Resolution für das Plenum des Kongresses
vorbereitete, bildeten die Revisionisten die Mehrheit. Sie konnten freilich die
Mehrheit für den unbedingten Sozialpatriotismus nicht gewinnen. Sie mußten
einige geringe Konzessionen den Pazifisten machen, vor allem der Indep. Labour
Party in der Person Macdonalds und andern. Aber der Entwurf ihrer Resolution
ließ dennoch keinen Zweifel mehr darüber bestehen, daß wir es mit kompletten
Sozialimperialisten zu tun haben.
Der Zentralpunkt des Antrages der Revisionisten lautet:
„Der Kongreß stellt fest, daß der Nutzen oder die Notwendigkeit der
Kolonien im allgemeinen, besonders aber für die Arbeiterklasse stark über-
trieben wird. Er verwirft aber" . . . (das berühmte „aber" unseres großen
Satyrikers Schtschedrin!) „aber nicht prinzipiell und für alle Zeiten jede Kolonial-
politik, die unter sozialistischem Regime zivilisatorisch wird wirken können."
(Prot, des Stuttgarter Kongresses, S. 24.)
Weiter folgen gütige Worte von der übermäßigen Versklavung der Kolo-
nien, den sozialdemokratischen Abgeordneten wird zur Pflicht gemacht, gegen
die „jetzigen Kolonisationsmethoden" {nur gegen die jetzigen) zu kämpfen,
„zu diesem Zwecke" für Reformen einzutreten usw. Und endlich schlug die
Resolution, zur Anlockung der schwankenden Pazifisten so etwas wie die
ominöse Abrüstung und die Schiedsgerichte vor.
„Zu diesem Zwecke sollen die Abgeordneten der sozialistischen Parteien
ihren Regierungen vorschlagen, einen internationalen Vertrag zu schließen,
um ein Kolonialrecht zu schaffen, das die Rechte der Eingeborenen schützt
und von vertragsschließenden Staaten gegenseitig garantiert wird." (S. 24.)
Wenn man die verschwommenen, anscheinend sozialistischen Wörtlein
außer acht läßt, ist das Programm der Revisionisten dem Wesen nach für einen
beliebigen nationalliberalen Imperialisten annehmbar.- Die Kolonialräubereien
verbessern, reformieren, vervollkommnen — davor wird kein kluger Bourgeois
zurückweichen.
Die Marxisten (die Minderheit der Kommission), konzentrierten ihren
Hauptangriff gegen den ersten Hauptpunkt der Revisionisten, den wir oben
angeführt haben {Aber usw.). Sie forderten die Streichung dieses Punktes
(sowie des letzten pazifistischen Punktes, den wir auch angeführt haben) und
das Ersetzen des ersten Absatzes durch den folgenden:
„Der Kongreß ist der Ansicht, daß die kapitalistische Kolonialpolitik
ihrem innersten Wesen nach zur Knechtung und Zwangsarbeit oder Ausrottung
der eingeborenen Bevölkerung der Kolonialgebiete führen muß. Die zivili-
satorische Mission, auf die sich die kapitalistische Gesellschaft beruft, dient ihr
nur für die Erwerbungs- und Ausbeutungsgelüste." (S. 25.)
Der Kampf entbrannte zuerst in der Kommission, wo die Revisionisten-
Imperialisten siegten, und dann auf dem Kongreß selbst, wo die Marxisten mit
unbedeutender Mehrheit siegten, dank den Vertretern der kleinen Nationen.
203
In den Debatten führten die vSozialimperialisten fast buchstäblich die-
selben marxistischen Argumente an, mit denen jetzt Lensch, Plechanow, Scheide-
mann, Maklow und andere den Imperialismus ihres „Vaterlandes" verteidigen.
„Auch die Kolonien müssen durch den Kapitalismus hindurch", sagte
David. „Auch dort springt man nicht aus der Wildheit in den Sozialismus. Der
Schmerzensweg durch den Kapitalismus wird der Menschheit nirgends geschenkt,
und gerade nach der wissenschaftlichen Anschauung von Karl Marx ist dieser
Weg eine Voraussetzung für ein sozialistisch geordnetes Wirtschaftsleben."
(S. 31.)
„Eedebour wird doch auch überzeugt davon sein", sagte ein anderer revisio-
nistischer Führer, van Kol, „daß der Kapitalismus in Europa eine Notwendigkeit
ist, eine notwendige und unvermeidliche Entwicklungsstufe. Sollte das gleiche
nicht auch für den Kapitalismus in den Kolonien zutreffend sein ? Was will
Eedebour mit dem wachsenden Ertrag der europäischen Industrie anfangen,
wenn er ihm nicht in den Kolonien Absatz schaffen will ? Vielleicht sagt er uns
auch, was er mit der Übervölkerung Europas anfangen will?" (S. 26.)
Auf diese Weise verteidigten die internationalen Führer des Revisionismus
mit den „Argumenten über die Entwicklung des Kapitalismus" den Sozial-
imperialismus unter der Maske des Sozialismus. Damals hatten die Vater-
länder einander noch nicht an der Gurgel gepackt, und vorläufig bestand die
Aufgabe nur darin, mit vereinten Kräften gegen die Marxisten das allen „Vater-
ländern" gemeinsame Recht auf Kolonialraub zu schützen.
Die dritte Säule des Revisionismus, Eduard Bernstein, fand, daß nur
sentimentale Menschen von der Selbständigkeit der Eingeborenen sprechen
können und davon, daß die europäische Bourgeoisie die Freiheit der Kolouial-
völker nicht antasten solle. „Wollt Ihr vielleicht Amerika den Indianern zurück-
geben?" rief er geistreich gegen den damaligen Marxisten Kautsky aus.
In der Kommission, sowie auch auf dem Kongreß entpuppte sich ein
überaus klares Bild des Kampfes zweier Richtungen: der Revisionisten aller
Länder für die Kolonialpolitik, der Marxisten dagegen.
Nehmen wir Deutschland. Kautsky und Ledebour dagegen, David dafür.
Und David hatte für sich die Mehrheit der deutschen Delegation. In Stuttgart
bekamen die Gewerkschaften zum ersten Male genau soviel Stimmen, wie die
Partei. Das bewirkte, daß die deutsche Delegation sofort mit Opportunisten
überschwemmt wurde, und David bekam das Übergewicht. Der imperialistische
Antrag wurde auf dem Kongreß auch im Namen der Deutschen eingebracht.
Betrachten wir Frankreich. Die Mitglieder der Kommission, die Gues-
disten Bracke und de la Porte sind gegen den imperialistischen Antrag, der
Jauresist und linke Opportunist Rouanet — dafür.
Betrachten wir England. Der Marxist, und Vertreter der Föderation,
Ouelch, ist gegen den sozialchauvinistischen Antrag (Protokoll S. 32). Macdonald,
der Opportunist, und Vertreter der Unabhängigen Arbeiterpartei ist für ihn,
wenn auch unter pazifistischem Vorbehalt. Er „bittet die Resolution der Mehr-
heit anzunehmen, um wirklich eine praktische Arbeit zu vollführen." (S. 33. )
204
Betrachten wir Belgien. Der Opportunist Tervagne spricht sich ent-
schieden für die Revisionisten aus. „Mit dem starren Prinzip ist nichts zu machen.
Man kann jedenfalls auch nicht sagen, daß sie (die Kolonialpolitik) entbehrlich
ist . . . Die Frage ist die: sollen wir am Kongo alles so lassen wie es ist oder
sollen wir die Zustände dort bessern ?" (S. 111.) Und der Vertreter einer andern
Richtung in der Kommission der Belgier, Popen, erklärt, daß nach der Moti-
vierung von Tervagne er nicht mehr für seinen Antrag stimmen könne. (S. 112.)
Betrachten wir Österreich. Dort war der Opportunismus stets zu Hause.
Sein wahrer Maestro war Viktor Adler. Dort gab es unter den politisch einfluß-
reichen Führern niemals irgend einen festgefügten marxistischen Kern (einzelne
Schriftsteller ändern das politische Bild nicht). Und dort gesellt sich Perner-
storfer im Namen der ganzen Partei zu den Imperialisten. „Ich kann den
Standpunkt Ledebours, der die starre Negation vertritt, nicht teilen . . . Die
Kolonien sind da, und wir müssen uns einmischen und. positive Mitarbeit
leisten." (S. 112).
Die Scheidung auf dem Kongreß selbst ließ gar keinen Zweifel übrig, daß
es sich hier um eine Scheidung zwischen Marxisten und Revisionisten handelt.
Bei der Abstimmung gibt Frankreich 12 Jauresistische Stimmen für den Antrag
der Mehrheit ab (Sozialchauvinistische), 10 Guesdische Stimmen dagegen.
England gibt 14 Stimmen der Unabhängigen Arbeiterpartei und den Gewerk-
schaftler für die Revisionisten ab, 6 von der sozialdemokratischen Fraktion
(Richtung Ouelch) — gegen. Italien gibt 4 Stimmen der zukünftigen Bissolati-
partei — gegen den Antrag ab. Deutschland stimmt ganz für die Sozialchauvi-
nisten, denn im Namen der deutschen „Disziplin" ist die marxistische Minder-
heit gezwungen, sich der Mehrheit zu unterwerfen. Zum ersten Mal bedecken
die Opportunisten auf einem feierlichen internationalen Kongreß die Partei des
deutschen Proletariats mit Schmach. Diese Abstimmung erweist sich als pro-
phetisch für die deutsche Sozialdemokratie . . .
Das endgültige Resultat der Abstimmung auf dem Stuttgarter Kongreß
lautet folgendermaßen: mit 127 gegen 108 bei 10 Stimmenthaltungen wurde
der Antrag der Revisionisten abgewiesen und der der Marxisten angenommen.
Mit großer Mühe gelang es in Stuttgart, die Internationale vom sozialchauvi-
nistischen Brandmal zu befreien.
Aber bemerkenswert ist, welche Länder für die sozialchauvinistische Re-
solution gestimmt haben und welche dagegen. Dafür haben gestimmt: Deutsch-
land, Österreich, England (die Mehrheit), Belgien, Holland, Dänemark, Böhmen
— fast alle Länder West- und Zentral-Europas, alle Länder der alten Arbeiter-
bewegung. Das ist eine bemerkenswerte Tatsache: schon im Jahre 1907 hatte
der Revisionismus (und der Sozialchauvinismus) die Mehrheit fast aller alten
europäischen Parteien für sich. Und nur die Länder der jungen Arbeiterbewegung
konnten zusammen mit den marxistischen Minderheiten Europas die Mehrheit
von wenigen Stimmen gegen die offenkundig bürgerlich-liberale Resolution
bilden. (Gegen die Revisionisten stimmten: Rußland, Polen, Japan, Serbien,
Rumänien, Bulgarien, Norwegen, Finnland, Spanien, Argentinien u. a.)
205
Und eine noch bemerkenswertere Tatsache: für die Kolonialpolitik stimmten
gerade die Parteien solcher Länder, deren Regierungen am imperialistischsten
sind : England, Deutschland, Frankreich, Belgien, Holland, Österreich. Und es ist
charakteristisch, daß von den skandinavischen Parteien gerade Dänemark, das
ebenfalls bedeutende Kolonien (Island, Grönland, die westindischen Besitzungen)
aufweisen kann, für die Kolonialpolitik stimmte, und Belgien! Unter den
franko-russischen Sozialchauvinisten ist es jetzt üblich, vom ,, heldenhaften
Belgien" zu reden und ganz zu vergessen, wie dieses heldenhafte Belgien mit
der Bevölkerung des belgischen Kongo fertig wird. Und was ergab sich ? Der
Verfasser der sozialimperialistischen These, die lautete, daß „der Kongreß die
Kolonialpolitik nicht für alle Zeiten und nicht prinzipiell verwirft", war auf
dem Kongreß niemand anderes, als . . . der Vertreter des heldenhaften Belgiens,
der belgische Opportunist Tervagne. (Protokoll, S. 111.) Und in seiner Rede
machte er offenherzig eine Anspielung darauf, aus welchen Motiven er dies tut.
„Auch bei uns", rief er aus, „auch unser „Vaterland" hat ein Kongo. Wir werden
doch darauf nicht verzichten . . ."
In den Kolonialländern des alten Europas bekam und bekommt eine
kleine Minderheit der Arbeiteraristokratie die Brocken des Mehrwertes, den das
Finanzkapital aus den Kolonien herauspreßt. Mittels dieses dünnen, goldenen
Fadens kettet das Kapitel diesen kleinen Haufen der Arbeiteraristokratie an
den imperialistischen Wagen. Dieser kleine Haufen ist der Nährboden für den
Opportunismus und Sozialchauvinismus, zu üim gesellen sich noch die mannig-
faltigen Schichten der kleinbürgerlichen Weggenossen der Sozialdemokratie.
Das ist es, was uns das Bild des Kampfes der Richtungen und der Scheidung
der Parteien nach den Ländern auf dem Stuttgarter Kongresse im Jahre 1907
bietet.
Man kann sich schwer eine deutlichere und klarere Gruppierung nach
Richtungen vorstellen, als es in Stuttgart der Fall war. Auf der einen Seite
alle, buchstäblich alle Opportunisten aller Länder, die die Kolonialpolitik ver-
teidigen. Auf der anderen Seite — der marxistische Kern und die sich an den
Marxismus anlehnenden Elemente der jungen Arbeiterbewegung, die sich als
kompakte Masse gegen die Kolon ialpolitik wandten. Nun werden unsere Ver-
söhnungspolitiker sagen, daß diese Scheidung eine zufällige war, daß es in Wirk-
lichkeit keinen Zusammenhang gibt zwischen dem Revisionismus und der Ver-
teidigung des Kolonialimperialismus? Die Teilnahme Guesdes am Ministerium
Briand-Millerand ist nicht zufällig, und die Gruppierung aller Parteien auf dem
internationalen Kongreß in der Frage der Kolonialpolitik einige Jahre vor dem
Kriege, als alle sozialistischen Richtungen ruhig ihre Plattform ausgearbeitet
haben — ist das zufällig?
Wenn wir sogar über gar keine anderen Beweise verfügten, als daß der
Revisionismus und der Sozialchauvinismus Kinder einer Mutter sind — allein
die Ereignisse auf dem Stuttgarter Kongresse hätten genügt, um uns das Recht
zu geben, den Zusammenhang zwischen den beiden festzustellen . . .
206
Der Kampf auf dem Stuttgarter Kongreß fand seinen Epilog auf dem
Essener Parteitag der deutschen Sozialdemokratie. Dieser Parteitag fand bald
nach dem Stuttgarter Kongreß statt. Natürlich wurde dort der Streit zwischen
Kautsky und David, zwischen der marxistischen Minderheit der deutschen
Delegation und ihrer opportunistischen Mehrheit weitergeführt. Als Referent
trat P. Singer auf und schlug dem Parteitag vor, sich der Resolution anzuschließen,
die von der Mehrheit des Stuttgarter Kongresses angenommen worden war,
d. h. der Resolution der marxistischen Minderheit. Damit wurde den Revisio-
nisten der Fehdehandschuh geworfen. Aber sie hoben ihn nicht auf. Aus „diplo-
matischen" Rücksichten war es ihnen politisch vorteilhafter, nicht unmittelbar
nach der Niederlage in Stuttgart einen großen Ideenkampf aufzunehmen. Sie
zogen es vor, zu ihrem gewöhnlichen Schachzug Zuflucht zu nehmen: die Re-
solution durch ihren Anschluß an sie zu entwerten. So verfuhren die einfluß-
reichsten Opportunisten sogar auf dem berühmten Dresdner Parteitag, als über
eine Resolution abgestimmt wurde, die direkt gegen den Revisionismus gerichtet
war. So verfuhren sie auch jetzt. David erklärte, daß er und seine Freunde
für den Antrag Singer stimmen.
Da traten Kautsky und Ledebour mit scharfen Beschuldigungen auf und
verlangten, daß eine Frage von solcher Wichtigkeit nicht vertuscht werde, daß
der Kongreß sich äußern möge, auf welchem Standpunkt er schließlich stehe:
auf dem marxistischen oder revisionistischen. Dieser Ansturm prallte aber an dem
Widerstände der Praktiker, besonders dem Bebeis, ab. Bebel hielt augenscheinlich
eine prinzipielle große Diskussion für unzeitgemäß, er erklärte: „Ich halte den
Eingang der Resolution wie sie van Kol vorgeschlagen hat, für falsch und be-
denklich und bin der Meinung, daß diese Fassung beseitigt werden muß. Aber
die Art, wie dagegen gekämpft wird, halte ich für falsch und verkehrt, sie ist es
gewesen, die den ganzen Konflikt unter uns hervorgerufen hat . . . Die Frage,
ob es eine sozialistische Kolonialpolitik gibt, hätte garhicht in eine Erörterung
gezogen werden sollen, weil das ein Streit um des Kaisers Bart ist, eine reine
Zukunftsmusik. Was wir, wenn wir zur Herrschaft gelangt sind, mit unseren
Kolonien anfangen,*) das, ich sage es Ihnen ganz offen, weiß ich nicht," (Im
Saale Lachen und Beifall.) (Essener Parteitag, S. 271/272.)
Bebeis Auffassung entschied, wie gewöhnlich. Singers Resolution (der
Anschluß an den Stuttgarter Kongreß) wurde einstimmig angenommen. Der
Streit war glücklich begraben. Die Partei hatte ihre Meinung nicht deutlich
zum Ausdruck gebracht. Die Taktik des Verschweigens und Vertuschens, die
*) In Wirklichkeit verstanden die Opportunisten unter der „sozialistischen*'Kolonial-
poiitik nicht das, was die Sozialisten in den Kolonien tun werden, nachdem sie die Macht
ergriffen und den Sozialismus in Europa eingeführt haben werden. Sie verstanden darunter
die gemilderte reformistische Kolonialpoliük, die die Sozialisten — jetzt führen müssen,
wenn sie mit „positiver Arbeit" auf die Regierungen ihrer Länder einwirken. Gewiß
ist die Benennung ungenau. Aber vom Standpunkte der Revisionisten ist sie richtig.
Denn sie verstehen eben unter Sozialismus den liberalen Reformismus. Nehmen wir z. B.
das Buch des bekannten Revisionisten Hildebrandt: „Die sozialistische Außenpolitik",
207
dem jetzigen Prophet des „Zentrums", dem neuen Kautsky, so gefällt, hatte
gesiegt. Und diese Art der „Lösung" der akuten Frage durch den Parteitag
der deutschen Sozialdemokratie war Wasser auf die Mühle der Revisionisten.
Wer weiß, ob dieser schmachvolle Verfall der deutschen Sozialdemokratie
möglich gewesen wäre, wenn die Partei sich in Essen nicht mit dem „einstim-
migen" Papierfetzen begnügt hätte, der den Streit im Geiste des „Zentrums"
verwischte, sondern wenn sie klar und unzweideutig erklärt hätte, daß die
Stellungnahme des Revisionismus in Fragen der Außenpolitik nicht Sozialismus,
sondern Nationalliberalismus und Sozialchauvinismus sei.
Die gebildeten Vertreter der Bourgeoisie haben die Bedeutung des Sieges
der Revisionisten in der Frage der Kolonialpolitik sehr gut verstanden und
richtig eingeschätzt. Sie wußten, wie wichtig der Sieg der Sozialchauvinisten
im sozialistischen Lager für den Erfolg ihrer imperialistischen Taktik sei.
Einer der einflußreichsten deutschen Kolonialpolitiker und Gelehrten, der
Verfasser vieler offiziellen Berichte, Projekte usw., Dr. G. Zöpfel, begrüßt in
seiner grundlegenden Arbeit über die Kolonialpolitik mit Begeisterung die
Stellungnahme der Revisionisten in Stuttgart und ihren Sieg innerhalb der
Sozialdemokratie. Er schreibt: „Die Bekämpfung der kolonialfeindlichen
sozialistischen Dogmatik ist bis jetzt in der Hauptsache dem revisionistischen
Flügel der sozialistischen Partei überlassen geblieben, der sich dieser Aufgabe
in hervorragender Weise gewachsen gezeigt hat und für seine realistische Auf-
fassung der Kolonialpolitik anscheinend immer mehr Anhänger unter den
Sozialisten gewinnt." (Dr. G. Zöpfel, Kolonien usw., Seite 958.) Mit besonderem
Lob spricht der Autor über die „glänzenden" Aufsätze über die Kolonialfrage
in den „Sozialistischen Monatsheften".
Die Politiker und Gelehrten der Bourgeoisie (man muß es von Rechts
wegen anerkennen) verstehen viel besser, welch inniger Zusammenhang zwischen
Revisionismus und Sozialchauvinismus besteht, als manche unserer sozialistischen
Versöhnungspolitiker.
Erwin Beiger, Generalsekretär des früheren Vereines zur Bekämpfung der
Sozialdemokratie (im Volksmund „Reichslügenverband" genannt; jetzt hat sich
dieser Verein feierlich als aufgelöst erklärt, da die deutsche Sozialdemokratie sich
gebessert habe), zollt in seiner jüngst erschienenen Broschüre „Die Sozial-
demokratie nach dem Kriege" die nötige Anerkennung dem Revisionismus.
vSie sind es, sagt er, die am meisten dazu beigetragen haben, daß die deutsche
Sozialdemokratie zur Einsicht kam und sich die Verteidigung des Vaterlandes
dessen Hauptthesen jetzt von den Chauvinisten aller Länder wiederholt werden, obgleich
ihr Autor, gerade dieses Buches wegen, aus der sozialdemokratischen Partei ausgeschlossen
wurde. Hildebrandt sagt ganz offen, daß er unter der sozialistiscJien Außenpolitik eine
solche Politik verstehe, die den Dreiverband nicht berührt, die die imperialistische Ex-
pansion Deutschlands nicht hindert, die anerkennt, daß es , .ungerecht" ist, wenn irgend
ein Portugal in Afrika genau so große Kolonien besitze, wie Deutschland (Seite 53 — 60 und
andere des genannten Buches). Eben dasselbe verstanden unter der „sozialistischen''
Kolonialpolitik auch David und van Kol.
208
zum Ziel setzte. „Die Führer selbst sind weit von diesem alten Rüstzeug ab-
gerückt und haben den „Zukunftsstaat" in die Rumpelkammer geworfen.
Besonders seit aus Süddeutschlands Gauen der Revisionismus herauswuchs,
der eine ganz andere Lösung der demokratischen Pläne sucht, als der Radi-
kalismus. Gegen diese abgeklärte Anschauung, die ja auch Dr. Frank vertrat,
stehen die wüsten Revolverschreier nach Rosa Luxemburgs Rezept weit zurück"
(Erwin Beiger, „Die Sozialdemokratie nach dem Kriege", Seite 31).
Ebenso wertet die Lage der kluge konservative Politiker Hans Delbrück,
der die „angeblich revolutionäre", deutsche Sozialdemokratie verlacht, in der
taktisch die Revisionisten dominieren. Im selben Geiste schreibt auch Delbrücks
Kollege, der Revisionist Monitor, der auch an den „Preußischen Jahrbüchern"
mitarbeitet und sich über die „marxistische" Terminologie der deutschen Partei
lustig macht. So schrieb auch unlängst Professor Schmoller,. indem er die Zu-
stände in der deutseben Sozialdemokratie charakterisierte: „Die politische
Partei bat sich in eine Aristokratie und Bürokratie von 5000 bis 10 000 gut
bezahlten Führern ausgebildet, welche in der Partei das ultrademokratische
Prinzip, ohne es zu wollen und zu wissen, ad absurdum führten. . . . Kurz,
die marxistische deutsche Partei ist in einem Auflösungsprozeß, respektive
bürgerlichen Umbüdungsprozeß begriffen, so sehr sie dies auch leugnet"
(Schmollers Jahrb. 1, 1915, Seite 424).
Im selben Geiste beurteilt die Lage auch der deutsche Diplomat Ritzner
(Rüdorfler, s. sein Buch: „Grundzüge der Weltpolitik") und der bürgerliche
Sozialpolitiker Sartorius von Walterhausen (s. sein Werk: „Das volkswirt-
schaftliche System der Kapitalanlage im Auslande") und viele andere Bourgeois.
Der Krieg zeigte, daß die Bourgeoisie leider recht behielt, und daß Wilhelm II.
em zweifelloses Recht zu dem Ausspruche hatte, daß „seine" Sozialdemokraten
nicht so schlimm seien. Der Krieg bestätigte endgültig, daß der Revisionismus
in der deutschen Partei in der Tat gesiegt und daß er die Arbeiterpartei zu
einer Dienerin des Imperialismus gestaltet hatte.
Aber auch die Revisionisten selbst leugneten gar nicht, daß zwischen
dem Revisionismus und dem sogenannten „Patriotismus" ein enger Zusammen-
hang besteht. Da ist z. B. eine kompetente Zeugenaussage von Ed. Bernstein.
Im Jahre 1911 gab er ein Buch heraus unter dem Titel: „Von der Sekte zur
Partei." Das ganze Buch setzt sich das Ziel, zu beweisen, daß in der deutschen
Sozialdemokratie die revisionistischen Anschauungen allmählich die Ober-
hand gewinnen, und daß in dem Maße, wie sich die Sozialdemokratie aus
einer Sekte in eine Partei verwandelt, sie faktisch reformistisch wird. Also in
diesem Buche schreibt Bernstein:
„In den Reihen der sozialdemokratischen Reformisten existiert ein Flügel,
der die Meinung vertritt, . . . daß die deutsche Sozialdemokratie die deutschen
Rüstungen am Lande und am Meere, wenn nicht direkt unterstützen, sich doch
jedenfalls mit viel größerem Wohlwollen, als bisher dazu verhalten soll. Das
Verhalten der Vertreter dieser Richtungen zum Zollsystem des deutschen Reiches
ist auch nicht negativ." („Von der Sekte zur Partei", Seite 66.) Eine andere
14 209
Gruppe der Reformisten tritt in diesen Fragen „orthodox" auf, fügte Bernstein
hinzu, der augenscheinlich einsah, daß die Orthodoxie sich mit Chauvinismus
auf keine Weise verträgt. Wir fürchten, daß diese andere Gruppe nur in Bern-
steins Einbildung existierte. (Vielleicht gab es Einzelfälle.) Was aber die erste
Cruppe betrifft, so hat Bernstein vollkommen recht.
Ein anderer bekannter Revisionist, Paul Kampfmeyer, wies auf diese
Erscheinung schon früher triumphierend hin. Im Jahre 1904 ließ er ein Buch:
„Wandlungen in der Theorie und Taktik der Sozialdemokratie" erscheinen.
Das Buch will denselben Gedanken durchf üliren : Die Sozialdemokratie ver-
handelt sich kraft der Tatsachen aus einer Revolutionspartei in eine Partei
der friedlichen Reformen. Im Kapitel „Militarismus und Sozialdemokratie"
beweist Kampfmeyer, daß dieselbe Entwicklung sich auch in der Stellungnahme
der Sozialdemokratie zum Militarismus vollzogen hat. „Reform oder Sturz
des Militarismus?" — so stand und steht die Frage nach der Meinung des ge-
nannten Autors („Wandlungen", S. 76). Und triumphierend weist unser Autor
darauf hin, daß auch in dieser Frage der Revisionismus siegt, daß auch in
dieser Frage die Sozialdemokratie sich aufs reformistische Gleise begeben hat.
Nur Zentrumsmenschen ohne Rückgrat — die weder warm noch kalt
sind — können den augenscheinlichen und zweifellosen Zusammenhang zwischen
Opportunismus und Sozialchauvinisnus leugnen. Der Nationalismus, der
„Patriotismus", die Unfähigkeit, aus den Grenzen des nationalen Rahmens
des eigenen Vaterlandes herauszukommen, all dies ist nur eins von den Gattungs-
merkmalen einer und derselben Art: des Opportunismus. Sogar ein Mann
solchen Kalibers wie Lassalle machte dem „nationalen" Standpunkte in dem-
selben Maße Zugeständnisse, wie er sie dem Opportunismus machte. Der Na-
tionalismus ist ein Bestandteil des Begriffes Opportunismus, genau so wie die
Taktik der Koalition mit den bürgerlichen Parteien, der Ministerialismus, der
Abgott der Legalität, die Theorie des Zusammenarbeitens der Klassen usw.
alles Bestandteile des Begriffes Opportunismus sind. Dutzende „patriotische"
Erklärungen solcher Führer des internationalen Opportunismus, wie Volmar,
Jaures, Bernstein, Branting, Auer, Troelstra, Vandervelde, van Kol, David
und andere, lassen da keinen Zweifel aufkommen. (Wenn auch bei Bebel Ent-
gleisungen in solchem Geiste vorkamen, so standen sie doch nie im Zusammen-
hang mit seiner allgemeinen Weltanschauung.)
Tausendmal recht haben die Schriftsteller aus den „Soziaiistischen Monats-
heften", wenn sie jetzt über ihren Sieg triumphieren, wenn sie behaupten, daß
der Sieg des Sozial-Nationalismus in den Reüien der europäischen sozialdemo-
kratischen Parteien der Sieg ihrer Richtung ist, der Sieg des Revisionismus.
In der Tat, ist denn die Taktik des „Burgfriedens" nicht ein Triumph des
Grundgedankens des Revisionismus, des Zusammenschlusses aller Klassen?
Ist denn der „sozialistische" Ministerialismus, der jetzt in Frankreich, Belgien,
England praktiziert wird, nicht der Triumph der revisionistischen Idee, für die
Jaures, Bernstein und andere soviel Lanzen gebrochen haben? Ist die Unter-
210
Stützung des Imperialismus und des Militarismus durch die Arbeiterpartei
nicht ein Freudenfest für den Revisionismus ? Und wird der sogenannte „Kriegs-
sozialismus" von den Revisionisten nicht als Sieg ihres Prinzipes gefeiert ?
Der Sieg des Sozialchauvinismus ist der Sieg des Opportunismus. Aus
demselben Grunde wird der Sturz des Sozialchauvinismus den Sturz des Oppor-
tunismus bedeuten. Und daher kann man nicht gegen den Sozialchauvinismus
ankämpfen, ohne zugleich auch gegen den Opportunismus vorzugehen.
7. Sozialchauvinismus in Rußland.
Von den Liquidatoren zu den National-Liquidatoren.
Nehmen wir an, das alles sei richtig, — wird mancher Leser sagen, aber
was hat das alles mit Rußland zu tun? In Rußland gibt es ja bekanntlich
keinen Revisionismus. Hat doch Plechanow auf dem Londoner Kongreß erklärt,
daß es „in unserer Partei keine Revisionisten gibt". Und sogar Axelrod selbst
hatte dieser Tage, schon nach dem Zusammenbruch der II. Internationale,
bestätigt, daß es keinen Revisionismus in Rußland gibt.
Es wäre wahrhaft ein Wunder, wenn in unserem Lande, wo das Proletariat
numerisch so schwach ist, wo das kleinbürgerliche Element auf jeden Tritt und
Schritt fühlbar wird, wo der Kampf nur um die Vollendung der bürgerlichen
Revolution geht — wenn es in unserem Lande keine revisionistische, d. h. klein-
bürgerliche Strömung gäbe, die sich unbedingt zur Sozialdemokratie gesellen
wollte, der einzigen politischen Richtung, die in ihrem Kampf um die politische
Freiheit nicht auf halbem Wege stehen bleibt. Leider! Der Revisionismus ist
in Rußland vorhanden. Und er ist fast ebenso alt, wie die russische Sozialdemo-
kratie selbst.
Natürlich ist der russische Revisionismus nicht in allem mit dem, sagen
wir, deutschen Revisionismus identisch. Er hat seine eigenartigen Züge, seine.«
nationalen Besonderheiten. Äußerlich hat er oft den Anschein, ,, linker" als sein
westeuropäischer Bruder zu sein, was durch die aligemeine politische Lage
leicht erklärlich ist. Bei uns in Rußland trifft- man sogar einen Revisionismus
mit der ,, Bombe" (so die Sozialrevolutionäre), einen Revisionismus, der sich
an die marxistische Phraseologie klammert (Liquidatoren usw.). Aber er ist da
und hat alle Chancen zu gedeihen, denn er hat eine soziale Stütze: das Klein-
bürgertum, die Intelligenz und einzelne kleine Gruppen der untergeordneten
Angestellten und Arbeiter, die zum Ökonomismus und Trade-Unionismus neigen.
Mit vielen seiner großen und kleinen Züge rückte der russische Opportunis-
mus fest an den klassischen Typus des „europäischen Opportunismus" heran,
an den gewöhnlichen schablonenhaften Opportunismus, so wie wir ihn im Westen
kennen. Der Kultus der Legalität, die kleinbürgerliche Überschätzung des
Parlamentarismus, das angestrengte Suchen nach allgemeinen Berührungs-
punkten" mit der Bourgeoisie, die Abneigung gegen den Massenstreik, die
Predigt des „nationalen" oppositionellen Blocks zur Isolierung der Reaktion,
14* 211
„die liberale Auffassung" der Bewaffnung und des bewaffneten Auftretens der
Massen, der Agrarrevisionismus, der bürgerlich neutrale Standpunkt in der
Gewerkschafts- und Genossenschaftsbewegung — alle diese Gattungsmerkmale
des Opportunismus im allgemeinen sind unserem vaterländischen, russischen
Opportunismus längst eigen. Es fehlte nur ein Merkmal: der Nationalismus, der
bürgerliche Standpunkt über die Großmachtaufgaben der eigenen Nation, die
Unterstützung der Auslandspolitik seines „Vaterlandes". Jetzt haben wir auch
dieses Merkmal. Der Zyklus der Entwicklung ist vollendet. Im Jahre 1914/15
erhielt der russische Opportunismus endgültig seine Kriegstaufe. Die russischen
Opportunisten bilden jetzt deutlich eine Filiale, eine russische Sektion des inter-
nationalen Opportunismus. Potressow, Plechanow, Tscherevanin erfüllen in
Rußland dieselbe Mission, wie Südekum, David, Scheidemann, Legien, Heine
in Deutschland . . .
Die Liquidatoren wurden zu National-Liquidatoren. Das ist eine Tatsache
von größter politischer Bedeutung für die russische Sozialdemokratie und die
russische Arbeiterbewegung. Der Leser weiß aus dem Kampfe der „Prawdisten"
mit den „Lutschisten"*), daß wir auch vor dem Kriege pessimistisch genug
das Liquidatorentum beurteilten. Aber die Ereignisse übertrafen den aller-
größten Pessimismus. Hand aufs Herz, wir müssen gestehen, daß, wenn wir
noch so klar den Opportunismus der Liquidatoren beurteilt haben, vor dem
Kriege hätten wir nicht geglaubt, daß das ganze Liquidatorentum als Richtung
imstande sein würde, im vulgärsten Sozialchauvinismus zu versumpfen. Es
hatte den Anschein, daß der Abscheu vor dem elendsten aller Regimes, des
Zarenregimes es davor bewahren würde. Es ist doch ein Unterschied, ob man
sich mit Poincare, Asquith, Bethmann-Hollweg aussöhnt oder aber mit Maklakow,
Purischkewitsch und Goremykin. O weh! die Tatsachen bewiesen, daß wir noch
immer viel zu optimistisch waren.
Der Sozialchauvinismus ist auch in Rußland das Ergebnis des Opportunis-
mus, ein Glied in der Kette des russischen Revisionismus. Der Zusammenhang
des Sozialchauvinismus mit dem Opportunismus ist für Rußland genau so
zweifellos wie für Westeuropa. Bemerkenswert ist, daß z. B. Plechanow diesen
Zusammenhang ... in Deutschland sehr gut sieht. In seinem überaus schmach-
vollen Büchlein „Über den Krieg" versteht Plechanow sehr gut, daß die jetzige
Politik der deutschen Sozialdemokratie „den größten Triumph des Opportunis-
mus darstellt, daß „wir vor uns einen Revisionismus im Quadrat haben; der
revolutionäre Internationalismus verwandelte sich (bei ihnen) in einen nationalen
Reformismus", daß vielleicht hier sich am meisten der Sieg des rechten Flügels
der deutschen Sozialdemokratie über den linken äußerte" usw. („Über den
Krieg", S. 12, 14, 15 u. a.) Die letzten Reste seines ehemaligen marxistischen
Gewissens zwingen Plechanow, den Zusammenhang des Sozialchauvinismus
mit dem Opportunismus in Deutschland zu sehen. Aber die großen Reserven
*) „Prawda" (Wahrheit) — Blatt der Linken, „Lutsch" (Strahl) — Blatt der
Rechten in der russischen Sozialdemokratie. Anm. d. Übers.
212
der sozialchauvinistischen Gewissenlosigkeit zwingen ihn, diesen Zusammenhang
in Rußland zu übersehen*). Und hinter was für einen kläglichen durchlöcherten
Sophismus versteckt sich dazu unser gewesener Marxist und ptz'ger unfreiwilliger
Mitarbeiter der „Nowoje Wremja" ? Hinter dem Sophismus, der von allen
revolutionären Sozialdemokraten bis zu Kautsky, als er noch nicht zu Süde-
kums Füßen lag, weidlich verlacht wurde, — dem Sophismus des Defensiv- und
Offensivkrieges in der imperialistischen Epoche. Deutschland habe eben das arme
zaristische Rußland überfallen, dessen Außenpolitik sich immer durch die Sanft-
mut einer Taube auszeichnete und reiner als der Schnee der Alpenhöhen war!
Welche Schmach! Vor zwölf Jahren reichte Plechanow nur einen Finger den
zukünftigen Führern des russischen Opportunismus und jetzt mußte er schon
die ganze Hand dem Sozialchauvinismus hergeben. Man kann sich schwerlich
einen tieferen Sturz vorstellen ...
Wenn man die Broschüre „Über den Krieg" oder ihren Nachdruck im
„Sowremenni Mir"**) liest, kann man den Gedanken nicht loswerden: ist es
denn wirklich Plechanow. Konnte Plechanow so ernste Fragen mit einer so
vulgären Nichtigkeit beantworten ? . . .
Plechanow hat ein einziges „Argument" in seiner ganzen Broschüre sowie
in seinem neuesten Aufsatz im Sammelbuch „Der Krieg": Sain „Vaterland"
(Rußland), sowie auch Frankreich führe einen „Defensivkrieg". Rußland wäre
angegriffen worden. Und dann „Rußland konnte nicht umhin, Serbien zu unter-
stützen". („Über den Krieg", S. 5.) Als hätte er nie gehört von dem vieljährigen
grandiosen Gaunerspiele des „Zarismus" zum „Schutze Serbiens" oder vom Pan-
slavismus überhaupt. Wie ein neugeborenes Kind nimmt er für echt das, was
die Demagogie der „zaristischen Gaunerbande" „dem Volke" serviert hat.
*) So verfährt auch der Führer der georgischen Sozialchauvinisten An. In seinem
Aufsatz: „Die Taktik der deutschen Sozialdemokratie" (Achali Asri 143) beweist er,
daß das jetzige Verhalten der deutschen S.-D. ein Sieg des Revisionismus ist. ,,An der
Spitze der deutschen S.-D. stehen jetzt die Revisionisten David, Legion usw.", schreibt er.
Aber wenn es sich um Rußland handelt, empfiehlt er dieselbe Taktik, wie David für
Deutschland. Und in seiner Rüstkammer findet sich sogar folgendes merkwürdige Argument :
„Der Unterschied zwischen den beiden Nationen (1)" — der französischen und deutschen —
„wird aus der Tatsache sichtbar, daß die Nationalhymne der ersten die Marseillaise ist,
die den Kampf gegen die Tyrannen bedeutet und die der zweiten „Deutschland, Deutschland
über alles", das den Kampf mit den anderen Nationen bedeutet" (Achali Asri Nr. 151).
Merkwürdig ist die „marxistische" Stellung der Frage! Nachdem An ein vulgärer Chauvinist
wurde, vergaß er, daß die Marseillaise schon seit langer Zeit ein patriotisches, kraß anti-
sozialistisches Lied der reaktionären Bourgeoisie gewesen ist, und daß „Deutschland,
Deutschland über alles" vom Demokraten Hoffmann stammt und einmal ein Ausdruck
des Protestes gegen die Rechte des Feudalismus und der nationalen Zersplitterung war.
Und dann — was sagt An zu der Nationalhymne ,unserer" englischen Bundesgenossen
„Rule Brilania"? Ist sie irgendwie besser als „Deutschland, Deutschland über alles"?
**) Herr Jordanski (Redakteuer des „S. M ") begleitete den Nachdruck mit einer
ganzen Reihe maßlos begeisterter Lobsprüche. Plechanow sei der „tiefste", der „autori-
tärste" Sozialist schier in der ganzen Welt usw. Ein dienstbereiter Freund ist gefährlicher,
als ein Feind. . .
213
Und womit will Plechanow den Pefensivcharakter des Krieges von «eiteu
der Zarenmonarchie beweisen ? Untersucht er die Geschichte der Diplomatie
in den letzten Jahrzehnten ? Wertet er die Mächtegruppierung vor dem Kriege ?
Untersucht er die Außenpolitik des Zarismus vor und nach dem Jahre 1905?
Fragt er nach der Rolle imperialistischer Motive, die wenigstens bei den Bundes-
genossen „Rußlands, Englands und Frankreichs" mitgespielt haben ? Erwähnt
er auch nur mit einem Wort das Grundmotiv der russischen Politik — das
Streben nach der Aufteilung der Türkei?
Nichts dergleichen*. Nicht ein Wort, nicht einen Laut! Den „defensiven"
Charakter des Krieges seitens Rußlands „beweist" Plechanow ausschließlich
damit, daß am Vorabend des Krieges das Zentralorgan der deutschen sozial-
demokratischen Partei („Vorwärts") in Erfüllung seiner sozialistischen Pflicht
die deutsche Regierung angriff und sie überführte, den Krieg provoziert zu
haben. Plechanows Verhalten der damaligen ehrlichen Haltung des „Vorwärts"
gegenüber ist genau so unehrlich und unverschämt, wie die Handlung Süde-
kums, Eberts und Konsorten gegenüber unseren italienischen Genossen jetzt.
Die Italiener stimmen in Erfüllung ihrer sozialistischen Pflicht gegen die Kriegs-
kredite, überführen ihr Vaterland des Imperialismus. Da treten auf die Tribüne
die Eberts und Südekums und verkünden: sie sehen, die italienischen Genossen
selbst haben anerkannt, daß ihre Regierung imperialistische Ziele verfolgt, die
italienischen Sozialisten selbst stimmen gegen die Kredite. Daher . . . daher
stimmen wir für die Kriegskredite, daher unterstützen wir die Imperialisten
unseres „Vaterlandes" . . . Man kann sich schwerlich einen zynischeren, einen
schmachvolleren Verrat am Prinzip der sozialistischen Internationale vor-
stellen .
Wollen wir die Frage des Defensiv- und Offensivkrieges näher betrachten ?
Vor 25 Jahren sprach Wilhelm Liebknecht, als er die Epoche der nationalen
Kriege im Sinne- hatte, vom „gerechten" Krieg und ließ die Teilnahme der
Sozialdemokratie an einem solchen Kriege zu. Nach einem Viertel Jahrhundert,
im Jahre 1015, grub der Sozialchauvinist Plechanow Liebknechts Worte aus, um
auszurufen: „nun ja, wir sind auch für den „gerechten" Krieg, und wir, russische
Sozialdemokraten, müssen Sr. Majestät dem Zaren und seinem „gerechten"
Kriege helfen."*)
Also Nikolaus der Blutige, angetan mit dem Nymbus eines Zaren, der
einen „gerechten" Krieg führt! Soweit hat es Plechanow gebracht. Man kann
sich vorstellen, wie die Zarendiplomaten aus dem „Jesuitenorden" sich jetzt
über Plechanow lustig machen. Mehr als 30 Jahre war Plechanow unversöhnlicher
*) Plechanows Aufsatz „Weiteres über den Krieg" im Sammelbuch „Der Krieg",
Paris 1915. Plechannw wollte die Rede Liehknechts nicht ganz bringen und hat sie damit
verunstaltet. Liebknpcht hat die Rede auf dem Erfurter Parteitag im Jahre 1891 gehalten.
Si*» ist öftren die junp»n Halbana»*« h;s»en und gegen Yolmar, dem jetzigen Gesinnungs-
genossen Plechanows gerichtet Hier wollen wir nur auf die Worte hinweisen: „Unter
gar keinen Umstanden dürfen sich ^ie Sozialdemokraten in den chauvinistischen Strom
hineinziehen lassen." (Protokoll des Erfurter Parteitages, Seite 206/207.)
214
Feind der Zarenmonarchie. Und jetzt spricht er Sasonow nach: unser Zar führt
einen gerechten Krieg. Der Krieg um den Raub der Türkei, um die Unterdrückung
Galiziens, um die Eroberung von Millionen neuer „Untertanen", ist ein „ge-
rechter" Krieg. Ich bin noch nicht in den Dienst der deutschen Imperialisten
getreten, schreibt Plechanow stolz. Gewiß, dies ist sehr lobenswert. Aber warum
behandelt er den Krieg so, als stünde er im Dienste des russischen Zaren und
wäre ein „Sozialdemokrat Sr. Majestät" ?
Plechanow hat mit seinem Hinweis auf den „gerechten Krieg" uns seine
Überführung des Chauvinismus sehr erleichtert. 'In der Tat, worin besteht das
ganze Spiel Plechanows mit dem Kriterium des Defensivkrieges ? Darin, daß er
zwei Epochen verwechselt — die Epoche der nationalen Kriege und die der
imperialistischen.
Konnten „gerechte" Kriege in der Epoche der nationalen Kriege statt-
finden ? Ja. Die Kriege der großen französischen Revolution waren auch
„gerechte" Kriege.
Und können jetzt, in der imperialistischen Epoche die „gerechten" Kriege
Platz greifen ?
Ja. Aber nur in zwei Fällen. Der erste Fall ist der Krieg des siegreichen
Proletariats, der den errungenen sozialistischen Staat gegen andere Staaten,
verteidigt, die das kapitalistische Regime schützen. Der zweite Fall ist ein
Krieg Chinas, Indiens und anderer Länder, die Ausbeutungso^/eA/e des euro-
päischen Imperialismus sind und um ihre Unabhängigkeit gegen die europäischen
imperialistischen Regierungen kämpfen.
Aber ein „gerechter" Krieg zwischen den imperialistischen europäischen
Regierungen ist unmöglich, weil man sich auch vom Standpunkt ehrlicher
Menschen unmöglich einen „gerechten" Kampf zwischen einigen Räubern um
die Teilung der gestohlenen Beute vorstellen kann. Jeder andere Krieg, außer
der von uns genannten zwei Fälle wird zu unserer Zeit unbedingt kein gerechter,
sondern ein „unehrlicher" Krieg der Imperialisten unter sich sein. Ein Krieg
der finanz-plutokratischen und dynastischen Cliquen, ein Krieg, der dem Prole-
tariat aller Länder stets feindlich ist.
Könnte in „gerechten" nationalen Kriegen die Rede sein vom Kampfe
der Bourgeoisie gegen das Proletariat, das den sozialistischen Umsturz auf die
Tagesordnung gesetzt hat ? Nein. Und in den jetzigen imperialistischen Kriegen,
besonders wenn alle europäischen Mächte daran interessiert sind, ist es eine
der Hauptaufgaben der internationalen Bourgeoisie.
In zwei Fällen sind also auch jetzt „gerechte" Kriege möglich. Aber im
Jahre 1915 handelte es sich weder um den ersten noch um den zweiten Fall.
Man sollte annehmen, daß nur ein Söldner der Bourgeoisie den typischen
imperialistischen Krieg von 1914/1915 einen „gerechten" Krieg nennen könnte.
Aber nein — Plechanow nennt gerade diesen Krieg einen „gerechten"! Und
dabei findet er die „Gerechtigkeit" natürlich auf der Seite „unseres" Vaterlandes.
215
Wir führen einen „gerechten" Krieg, rufen Südekum und Hindenburg^
Nein, wir führen einen „gerechten" Krieg, entgegnen Plechanow und
Miljukow.
Dabei berufen sich Südekum und Plechanow auf Liebknecht. Aber mit
Liebknecht hat das wahrlich gar nichts zu tun. . . . Nehmen wir an, daß der
Krieg 1914 in der Tat ein Präventivkrieg seitens Deutschlands ist — es gibt
viele Gründe anzunehmen, daß dies der Fall ist. Was folgt daraus ? Daß sich
die Aufgaben der Arbeiter aller Länder in dem Losungswort „Gegen den
preußischen Militarismus" erschöpfen sollen ?
Durchaus nicht!
Was ist ein Präventivkrieg? Das Wort „Präventivkrieg" beinhaltet, daß
auch ein anderes Land sich zum Kriege vorbereite. Die Koalition A. beginnt
im Jahre 1914 einen Präventivkrieg gegen die Koalition B., weil sie überzeugt
ist, daß die Kriegserklärung seitens der Koalition B. nur eine Frage der Zeit
ist und weil ihr der gegebene Moment mehr Erfolg verspricht.
Man kann sich natürlich in Positur werfen und sagen: Aber vom Stand-
punkte der einfachen Normen der Sittlichkeit und Gerechtigkeit ist es gar nicht
gleichgültig, daß der eine erst angreifen will und der andere schon angegriffen
hat; A. packte als erster B. bei der Gurgel, und er kann sich nicht damit recht-
fertigen, daß andernfalls in ein oder zwei Jahren es B. wäre, der A. an der
Gurgel packen würde.
Gut! Wir stellen uns auf den Standpunkt der einfachen Normen der
Sittlichkeit und der Gerechtigkeit. Es ist richtig, daß der Marxismus die
Anerkennung der einfachen Normen der Sittlichkeit und Gerechtigkeit nicht
ausschließt, sondern im Gegenteil, sie voraus setzt. Nur müssen Sittlichkeit
und Gerechtigkeit nicht dem Kodex der bürgerlichen Imperialisten, sondern
dem Kodex des für den Sozialismus kämpfenden Proletariats entnommen sein.
Setzen wir das Beispiel fort: Wenn wir voraussetzen, daß A. ein Räuber
und B. der tugendhafteste Mann ist, wie es die Bourgeoisie der Koalition B.
behauptet, so gebieten uns die grundlegenden Normen der Gerechtigkeit, daß
wir uns natürlich auf A. werfen und B. verteidigen müssen. Oder wenn wir
annehmen, daß B. ein berüchtigter Räuber und A. der tugendreichste Bürger
ist, wie es die Bourgeoisie der Koalition A. behauptet, so müssen wir uns auf
die Seite des A. stellen und gegen B. kämpfen. Der ganze Unterschied zwischen
den imperialistischen Kriegen beider Koalitionen besteht ja nur darin, daß
jede von ihnen die andere beschuldigt und sich selbst reinzumachen sucht.
Aber stellt Euch für einen Augenblick lang vor, daß wir vom Standpunkte
einer ganz anderen Klasse urteilen, nämlich nicht vom Standpunkte der Bour-
geoisie A. oder B., sondern vom Standpunkte des internationalen Proletariats.
Das internationale Proletariat ist schon längst überzeugt und hat seine
Überzeugung schon tausendmal laut ausgesprochen, daß sowohl A. wie B. Räuber
sind. A. und B. schleifen seit Jahren ihre Waffen, um sich aufeinander zu
stürzen und einander an der Gurgel zu packen um der Beute wegen, die das
216
Leben ganzer Völker verkörpert. A. wetzte als erster sein Räubermesser,
aber B. ist mit dieser ehrenvollen Beschäftigung nicht zur richtigen Zeit fertig
geworden. A. überfiel B. hinterrücks unerwartet, als er noch sein Messer wetzte.
Vom Standpunkte des Räubers B. sind dadurch die grundlegenden Normen der
Gerechtigkeit und Sittlichkeit des räuberischen Gemeinwesens unzweifelhaft
gestört.
Aber es fragt sich, ob sich die Sache auch vom Standpunkte aller ehrlichen
Menschen wirklich so verhält. Wir glauben es nicht. Wir nehmen an, daß die
ehrlichen Menschen nur ein Interesse haben: beide Räuber A. und B. in Ketten
zu legen; sowohl denjenigen, der sich beeilte, sein Messer zu schärfen, wie den
anderen, der versäumt hat, diese Operation zu beenden, — aus Gründen, für
die er selbst nichts kann. . .
Die Sache steht jetzt also so, daß den Anhängern der Theorie des Präventiv-
krieges in der imperialistischen Epoche keine andere Wahl bleibt: entweder
erklären, daß ,, unser'* Imperialismus gar nicht räuberisch ist, daß „unsere"
Imperialisten unschuldige Lämmer sind, und dann unausweichlich den prole-
tarischen Standpunkt verlassen; oder anerkennen, daß vom Standpunkte der
Arbeiterklasse jeder Imperialismus die Politik der gewaltsamen Aneignung,
Unterdrückung und Räuberei bedeutet, dann aber die Theorie des Präventiv-
krieges endgültig aufgeben.
. Man versuche zum Beispiel, einmal das Kriterium des Präventivkrieges
an die Normen des Rechtes und der Gerechtigkeit bei der Teilnahme Italiens
am Kriege im Jahre 1915 heranzuziehen! Wo machten die Herren Imperialisten
mehr Lärm von der nationalen Verteidigung, von der Befreiung der unter-
drückten Brüder (Italia irredenta) und vom gerechten Kriege, als in Italien ? Und
wo waren diese Phrasen falscher, unehrlicher, heuchlerischer, als eben in Italien ?
Angeblich führt Italien den Krieg für die Befreiung der von Österreich unter-
drückten Italiener. In der Tat — das versteht jedes kleine Kind — führt Italien
den Krieg um die Unterwerfung von Millionen von Slawen.
In Italien ist der Wechsel zweier Epochen so augenscheinlich, daß ihn
selbst ein Blinder sieht. Die italienischen Kriege der früheren Epoche gegen
Österreich waren „gerechte", nationale Kriege. Die italienischen Kriege dieser
Epoche, — mit der Türkei wegen Tripolis, mit Österreich wegen Albanien,
Dalmatien, Istrien, der Häfen an der Adria, die Kämpfe um die Trinkgelder
in Kleinasien und Afrika, die Frankreich und England den italienischen Im-
perialisten versprochen hatten, — das alles sind „unehrliche" Kriege, Kriege
einer imperialistischen Epoche.
Nirgends sind die Traditionen der nationalen Kriege so lebendig, wie in
Italien. Hier füllten die nationalen („gerechten") Kriege jahrzehntelang das
ganze öffentliche Leben aus. Dann ging aber ein durchgreifender Umschwung
vor sich. Die Epoche der nationalen Kriege wechselte mit der Epoche der
imperialistischen Kriege ab. Aber die Bourgeoisie und die Regierung wollen
ihrem „Glücke" nicht entsagen. Warum sollen sie denn die Volkstraditionen
nicht ausnützen, warum soll man den unehrlichen, imperialistischen Krieg
217
nicht mit der Ideologie des gerechten, nationalen Krieges umkleiden ? Das ist
doch das einzige Mittel, den Heroismus der Massen zu wecken, sie zu zwingen,
Opfer auf dem Altar des Imperialismus mit Enthusiasmus zu bringen. Denn
wüßten die Volksmassen die ganze Wahrheit, würden sie sich nicht selbst die
Schlinge um den Hals werfen. Daher ist es für die italienischen Imperialisten
eine dringende Notwendigkeit, ihren Krieg als einen gerechten, nationalen Krieg,
als einen Verteidigungs- und Befreiungskrieg hinzustellen. Wenn der unwissende
Kleinbürger und Mittelständler sich von den italienischen Imperialisten betrügen
läßt, so sind sie Opfer*. Wenn aber Bissolati, Mussolini, Plechanow und
Konsorten den Massen einreden wollen, daß Italien jetzt einen „gerechten"
Verteidigungskrieg führe, so sind sie Betrüger, sie begehen ein ungeheuerliches
Verbrechen vor dem „heiligen Geist".
Einfache Normen des Rechtes und der Gerechtigkeit! Man versuche
doch, sie in dem Verhalten Italiens zu finden.
Die diplomatische Methode Italiens in der neuesten Epoche des Imperia-
lismus hat alle Chancen, „Schule zu machen". Die Imperialisten eines Reiches
stellen große geschichtliche Forderungen an die Imperialisten eines anderen
Reiches, aber sie sind außerstande, durch Waffen die Befriedigung dieser For-
derungen zu erreichen. Allein sind sie zu schwach, und selbst im Verein mit
den Feinden ihrer Feinde nicht stark genug. Daher greifen sie zu folgender
Methode. Sie schließen sich ihren Feinden an und treten mit ihnen in ein Bündnis.
Jahrzehntelang werden sie als Bundesgenossen betrachtet, um im entscheidenden
Momente vom Bündnis abzufallen, und somit die Kraft des Freund -Feindes
um die „Hälfte" zu vermindern. Denn nicht nur, daß dem Dreibund die Million
italienischer Soldaten fehlte, Italien verwendete diese Million Soldaten gegen
Deutschland und Österreich, was für diese Länder einen Ausfall von zwei Mil-
lionen Soldaten bedeutete.
Erinnert Ihr Euch, wie der russische adelige Dichter Alexei Tolstoi den
hinterlistigen Verrat der Österreicher an ihiem Bundesgenossen — Rußland —
im Krimkrieg brandmarkte:
„Wer mein Freund war, der bleibt es immer,
Und meine Liebsten laß ich nimmer,
Dem Bundesgenossen meine Hilfe sicher ward
Nach guter österreich'scher Art."*)
Die Dichter des jetzigen Deutschland und Österreich könnten in ähnlichen
bissigen Versen den Verrat und die Hinterlist Italiens brandmarken. Statt
„nach österreich'scher Art" könnten sie mit bitterer Ironie ausrufen: „nach
italienischer Art"\ Diesen Streit der Imperialisten untereinander könnten wir
verstehen. Sie haben das Recht, einander Vorwürfe zu machen und über einander
zu urteilen vom Standpunkte der grundlegenden Normen ihres Rechtes und
ihrer Sittlichkeit. Aber wie können wir Recht und Sittlichkeit dort suchen,
•) Aus einem bekannten Gedicht: „Die Vernunft".
218
wo es nur Blut und Schmutz, Eigennutz der Sklavenbesitzer und imperialistische
Räuberei gibt ? Ist es denn nicht klar, daß die Partei der Sklavenhalter ihre
Normen des Rechtes und der Sittlichkeit hat, die ganz verschieden sind von
denen der Sklaven aller Nationalitäten ?
Nach italienischer Art! — - das ist das Losungswort der Kapitalisten aller
Länder. In ihrem Munde bedeutet es folgendes: es gibt keinen Betrug und
Verrat, keine Lüge und Räuberei, keine so scheinheilige Hinterlist, zu denen
wir nicht fähig wären, wenn es gilt, in Afrika oder Asien etwas zu „mausen",
wenn es gilt, neue Einflußsphären für die Cliquen des Finanzkapitals zu erobern.
Aber zum Glücke kann auch das internationale Proletariat das Losungs-
wort ,,Nach italienischer Art" sich zu eigen machen. Denn die Sozialisten in
Italien zeigten uns, wie die Vertreter unserer Klasse, wie das Proletariat zu
handeln hat. Die Partei der Lohnsklaven in Italien hat die Partei der Sklaven-
besitzer nicht unterstützt, sondern stellte sich ihr mutig entgegen.
Das Kriterium des „Verteidigungskrieges" hat schon lange seine Zeit
verwirkt. Aber wäre das nicht längst vor dem Kriege 1914/15 geschehen, so
müßte es dieser Krieg begraben, unabhängig von der Vergangenheit.
Was zeigte dieser Krieg ? Wer appellierte an das Kriterium des Verteidi-
gungskrieges ? Alle und niemand! Alle, denn die Imperialisten aller Länder,
die Diplomaten und die Regierungen aller Völker, die Gauner der „großen"
europäischen Presse aller Zungen nahmen zu ihm Zuflucht, um ihre Eroberungs-
politik zu rechtfertigen. Niemand, denn keiner nahm dieses Kriterium ernst.
Und die Internationale selbst! Wurde sie durch dieses Kriterium vom
Zusammenbruch gerettet, konnte sie gerettet werden ? Alle offiziellen, sozial-
chauvinistischen Parteien versichern, daß sie sich streng nach dem Kriterium
des Verteidigungskrieges richten. Die Deutschen und die Franzosen, die Öster-
reicher und die Italiener, sie alle versichern, daß sie den Grundsatz des Ver-
teidigungskrieges heilig wahren. Wer von ihnen hat Brecht ? Sie haben alle
Recht und niemand — Unrecht. Denn der Grundsatz selbst taugt jetzt nichts
mehr. Was für einen Nutzen hat das Proletariat von der Anwendung der Theorie
des Verteidigungskrieges, wenn die Folge davon jener Zusammenbruch der
II. Internationale war, der die sozialistischen Parteien im Kriege zu einem
Faktor machte, mit dem man nicht mehr rechnete ?
Und das kann auch nicht anders sein, solange wir ein Kriterium, das für die
eine Epoche taugt, auf eine ganz andere Epoche übertragen. „Vulgus non
distinguit"*) — zitiert Plechanow Feuerbach. Das ist es eben! Deswegen
erscheinen Sie eben als vulgärer Chauvinist, da Sie keinen Unterschied machen
wollen zwischen der Epoche der nationalen Kriege, die schon im Jahre 1871 ihr
Ende nahm, und der jetzigen Epoche der imperialistischen Kriege. Zwischen
den europäischen Großmächten, die alle gleich imperialistische Politik betreiben,
gibt es keine und kann es keine „gerechten" Kriege geben. Der Dreibund und
die Tripleentente waren die zwei wichtigsten Mächtegruppierungen, die den
*) Das Volk macht keine Unterschiede. Anm. d. Übers.
219
ganzen Gang der europäischen Politik bestimmten. Und diese beiden Gruppierun-
gen sind entstanden, lebten und wirkten im Zeichen des Imperialismus, sodaß
nach der richtigen Bemerkung Kautskys heute die eine Regierung als angreifende
auftritt, morgen die andere und umgekehrt.
Bei einer solchen Lage der Dinge waren sogar die Sozialisten, die nicht
einfach „ihrer" Regierung nach dem Mund redeten, sondern ehrlich bestrebt
waren, das Kriterium des Verteidigungskrieges anzuwenden, gezwungen, hilflos
von einer Seite auf die andere zu pendeln.
Diejenigen, die bis jetzt das Kriterium des Verteidigungskrieges für richtig
hielten, müßten sich jetzt, wenn sie fähig wären aus der Geschichte zu lernen,
sagen: „Bis jetzt hielten wir uns an dieses Kriterium und haben eine noch nie
dagewesene unerhörte Schmach erlitten. Alles, was ihr wollt, nur nicht die Wieder-
holung des Alten. Alles was ihr wollt, nur nicht die Schmach vom Jahre 1914/15,
die uns dazu brachte, daß wir, indem wir das Kriterium des Verteidigungs-
krieges anwendeten, zu Verrätern an der Arbeitersache wurden, zu Agenten
der Bourgeoisie im Lager der Arbeiterklasse!"
Es gab eine Zeit, da auch Plechanow einsah, daß man mit dem Kriterium
des Verteidigungskrieges nicht weit kommen wird. Im August 1900 schrieb er:
„Nicht weniger dogmatisch ist auch die Auffassung, daß wir Sozialisten
mit einem reinen Verteidigungskriege sympathisieren können. Eine solche Meinung
ist nur vom Standpunkte des konservativen (Kursiv des Verfassers) suum
cuique (jedem das seine), richtig und das internationale Proletariat, das sich
konsequent an diesen Standpunkt hält, müßte mit jedem Kriege sympathisieren —
oh V erteidigungs- oder Angriff slvrieg, das ist einerlei (Kursiv von uns), insofern
er nur irgend ein Hindernis aus dem Wege der sozialen Resolution zu räumen
verspricht."*)
Plechanows Terminologie ist nicht genau. Er macht keinen Unterschied
zwischen dem Verteidigungskrieg im diplomatischen und im geschichtlichen
Sinne. Aber jedenfalls ist es klar, daß er das ungenügende und falsche der „Theorie
des Verteidigungskrieges" anerkennt, die er jetzt wieder als Alpha und Omega
des sozialdemokratischen Denkens hinstellt. Ob Verteidigungs- oder Eroberungs-
krieg, das ist ganz gleich, sagt Plechanow. Nur ein Dogmatiker kann glauben,
daß die „Verteidigung" oder der „Angriff" die Sache entscheiden. Für uns
Sozialisten ist nicht das das Entscheidende. Für uns sind die Interessen der
soz'alen Revolution entscheidend.
Das ist himmelweit von dem entfernt, was der Plechanow „neuen Schlages"
jetzt propagiert. Man versuche die soeben angeführten Worte Plechanows auf
den jetzigen Krieg anzuwenden, und seine heutige „Theorie" wird sofort wie ein
Kartenhäuschen zusammenfallen. Im Jahre 1905 meinte er: ob Verteidigungs-
oder Angriffskrieg, das ist gleich; nicht das bestimmt unsere Meinung. Im Jahre
1915 baut Plechanow seine ganze Position ausschließlich darauf, daß ,,wir"
einen Verteidigungskrieg führen.
*) S. „Tagebuch des Sozialdemokraten" (russisch) Nr. 2 „Patriotismus und So-
zialismus", die Antwort auf die Rundfrage der Redaktion der „La vie socialiste", S. 7/8.
220
Im Jahre 1905 sagt man uns, daß wir nur mit dem Kriege sympathisieren
müßten, der irgend ein wichtiges Hindernis auf dem Wege der Revolution zu
beseitigen verspricht. Und jetzt ? Welches Hindernis auf dem Wege der sozialen
Revolution wird beseitigt, wenn Galizien, Armenien, Konstantinopel, Persien
in die Hände der russischen Imperialisten fallen werden . . . Durch die imperia-
listischen Kriege wird der endgültige Zusammenbruch des Kapitalismus un-
zweifelhaft näher gerückt, und in diesem Sinne beseitigen die Kriege die Hinder-
nisse auf dem Wege der sozialen Revolution. Wenn Plechanow, so wie Guesde
im Jahre 1885 getan hat, diese Kriege, soweit sie die soziale Revolution näher
rücken, „begrüßen" würde, wäre er ein Sozialist und nicht ein Chauvinist.
Plechanow hat im Jahre 1905 auch über „Vaterlandsverteidigung" andere
Ansichten vertreten. Damals erschienen ihm die Worte des „Kommunistischen
Manifestes": „Die Arbeiter haben kein Vaterland", nicht als „Herveismus",
damals fand er, daß diese These „zur Grundlage der ganzen internationalen
Politik des sozialistischen Proletariats" gemacht werden muß. Damals fand er,
als er gegen Jaurös polemisierte, daß Jaures' Argumente an den Sophismus
erinnern, zu dem die bürgerlichen Ökonomen greifen, wenn sie behaupten, daß
die Vernichtung des Kapitals gleichbedeutend wäre mit der Vernichtung der
Produktion.
„Das Kapital", schrieb Plechanow, „das ist eins, und die Produktions-
mittel — das ist etwas ganz anderes. So sind auch die kulturellen Errungen-
schaften eines Volkes, seine Zivilisation, etwas ganz anderes, als das „Vater-
land". Als notwendige Vorbedingung des Kapitalismus dient das Fehlen
von Produktionsmitteln bei der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung.
Ebenso ist die notwendige psychologische Bedingung für die Liebe zum eigenen
Vaterland eine Mißachtung der Rechte der fremden Vaterländer, was Jaures
selbst sdsGeist derExklusivitätbezeichxiet. Und wenn das revolutionäre Proletariat
in der Tat „alle Freiheiten befreien 1 ' soll, so muß es sich schon aus dem Grunde
allein über die Idee des Vaterlandes erheben." (Kursiv ist überall von Plecha-
now.*)
Das ist etwas ganz anderes, als das, was Plechanow jetzt schreibt.
Mehr als das. Im Jahre 1905 zeigte Plechanow sogar ein gewisses Ver-
ständnis für den Unterschied, der zwischen der Epoche der nationalen Kriege
und der Epoche des Imperialismus besteht, während es jetzt scheinen könnte,
als ob Plechanow sich nie darüber Gedanken gemacht hätte, was Imperialismus
bedeute.
Im Jahre 1905 schrieb er: „Der reine Patriotismus ist nur unter zwei Be-
dingungen möglich. Erstens setzt er einen unentwickelten Klassenkampf und
zweitens das Fehlen jeder großen und auffallenden Ähnlichkeit in der Lage der
unterdrückten Klassen zweier oder einiger „Vaterländer" voraus. Wo der
Klassenkampf einen so schroffen revolutionären Charakter annimmt, daß er die
alten, von früheren Generationen überlieferten Begriffe zerstört, wo die unter-
*) S. „Tagebuch des Sozialdemokraten" Nr. 2 „Patriotismus und Sozialismus", S.5/6.
221
drückte Klasse sich außerdem leicht überzeugen kann, daß ihre Interessen denen
der bedrückten Klassen fremder Länder sehr ähnlich und den Interessen der
herrschenden Klasse ihres eigenen Vaterlandes entgegengesetzt sind, dort verliert
die Idee des Vaterlandes in hohem Maße ihren früheren Zauber."*)
Eben! Jahrzehnte arbeiteten die revolutionären Marxisten, um den
Zauber der Idee des Vaterlandes zu zerstreuen, indem sie die Arbeiter auf
die „auffallende Ähnlichkeit in der Lage der unterdrückten Klassen zweier oder
einiger Vaterländer" hinweisen. Und jetzt, als die Imperialisten aller Länder
sich der Idee des Vaterlandes bemächtigten, um die Arbeiter aller Länder zu
belügen, jetzt begann auch der gewesene Marxist Plechanow, „die Idee des
Vaterlandes" zu propagieren. Welch ein Umschwung mit Gottes Hilfe! . . .
Von Marx und Engels zu Südekum und Heine — das ist der Weg, den der wich-
tigste Vertreter des russischen Sozialchauvinismus zurückgelegt hat.
Indem Plechanow die „Theorie" Südekums und Heines auf die russischen
Bedingungen anwendet, tadelt er voller schwarzen Undanks seine eigenen
Lehrer. Aber diese letzten zeigen ihrem widerspenstigen Schüler gegenüber
eine viel größere Großmut. Sie notieren mit Freude seine Erfolge in der Wissen-
schaft des Sozialchauvinismus. Sowohl David (s. sein Buch, S. 152), wie
Legten (s. seine Broschüre „Warum müssen die Gewerkschaftsfunktionäre sich
mehr am inneren Parteileben beteiligen?" S. 17) und Heine (s. seine Broschüre
„Gegen die Quertreiber" und seinen Artikel in den „Sozialistischen Monats-
heften") und Keü (s. seine Broschüre „Das deutsche Volk im Kriege") und
Karnpfmeyer („Sozialistische Monatshefte" 1915, II, S. 80) und Hugo Poetzsch
(„Sozialistische Monatshefte" 1914, Heft 20, S. 12 — 25) — alle diese heutigen
Lehrer Plechanows erklären mit Vergnügen, daß sie auf einem Boden mit diesem
„Marxisten" stehen, sie alle loben ihn und tragen ihn auf den Händen trotz
seiner Unhöflichkeit ihnen gegenüber. Warum das? WeÜ sie wissen, daß der
Krieg voi übergehen, aber die Frage der beiden Richtungen vom Berg und der
Gironde in der modernen Arbeiterbewegung bleiben wird. Und sie verstehen
sehr wohl, daß derjenige, der heute in Rußland den Sozialchauvinismus ver-
teidigt, morgen Hand in Hand mit dem europäischen Revisionismus gehen
muß, um im entscheidenden Augenblicke als Girondist aufzutreten und die
Revolution der Arbeiterklasse preiszugeben. . .
Alles, was über Plecnanow gesagt wurde, stimmt ganz und gar auch für
den bedeutendsten theoretisch-politischen Stab des Liquidatorentums. Plechanow
erscheint jetzt mehr denn irgend jemand als Theoretiker des nationalen Liqui-
datorentums. Und die Zeitschrift „Nasche Djelo" hat sich beeilt, das öffentlich
zu erklären. „Plechanows Ansichten über den Krieg stimmen in vieler Hinsicht
mit den Ansichten der Redaktion überein", schreibt „Nasche Djelo" (1915,
Nr. 2, S. 103).
Der russische Sozialchauvinismus ist mit dem Liquidatorentum sowohl
durch die Erbfolge der Ideen, wie auch durch die der Personen und Organi-
sationen verbunden.
*) S. „Tagebuch des Sozialdemokraten" Nr. 2 „Patriotismus und Soziaiismus", S.3/4.
222
Die wichtigste politische Idee des Liquidatorentums war unzweifelhaft
die Ansicht, daß die bürgerliche Revolution in Rußland schon vollendet sei,
daß unsere Entwicklung jetzt „preußisch" vor sich gehe, daß die Aufgabe der
Arbeiterklasse nicht in der Vorbereitung einer neuen Revolution bestehe, sondern
im Kampfe um Teilreformen im eigenen Interesse und die konstitutionelle
Konsolidierung des russischen Lebens auf dem Boden des gegebenen Regimes.
Der Sozialchauvinismus fährt diesen ideell-politischen Faden weiter. An welche
neue demokratische Revolution in Rußland kann in der Tat derjenige denken, der
den Sieg der Zarenarmee in diesem Kriege gutheißt ? Wer versteht denn nicht,
daß ein solcher Sieg die Zarenmonarchie stärken würde, wie nichts anderes
auf der Welt? Vom Siege „Rußlands" kann man eine gewisse Stärkung der
Bourgeoisie erwarten und damit, mit einem gewissen Recht, auch eine Be-
festigung der Oktober „konstitution". Nur eins — bei sonst gleichen Bedin-
gungen — ist unmöglich vom Siege zu erwarten, nämlich die Verbesserung der
Chancen für eine siegreiche demokratische Revolution. Seine Sympathie und
seine Hilfe dem Zaren in diesem Kriege angedeihen zu lassen, bedeutet im besten
Falle, seine Kräfte für den Kampf um die Konstitution gegen den revolutionären
Weg hergeben. Die ganze Bourgeoisie, bis zu den , .linken" Liberalen, versteht
ihre Aufgabe ebenso. Sie läßt sich in ihrer Unterstützung des Krieges, abgesehen
von anderen Erwägungen, auch davon leiten. Und die Liquidatoren verbleiben
bei derselben politischen Orientierung. Die subjektiven Wünsche der einzelnen
Persönlichkeiten sind belanglos. Und das politische Liquidatorentum erfüllt
zweifellos eben diese bürgerlich-liberale Aufgabe. Schaut Euch z. B. das
Auftreten unseres gewesenen Genossen und Freundes, des jetzigen offenen
Liquidatoren N. A. Roschkow an. Im „Sowremenni Mir", der im Geiste
Plechanows und „Nowoje Wremja" geschrieben wird, schreibt er:
„In unserem Vaterlande steht jetzt auf der Tagesprdnung der Übergang
zum wirklichen Kulturkapitalismus, dem die rohe Raubgier fremd ist, und die
Entwicklung zu freieren Staatsformen, die dem Kapitalismus mehr entsprechen.
Und in Erwartung dessen ist die Fahne der nationalen Entwicklung erhoben.
Im speziellen drücken sich diese objektiv-notwendigen Aufgaben schon jetzt
deutlich aus in der Abschaffung ( ?) des Weinmonopols, in der unbedingten
Notwendigkeit der Einkommensteuer, in der feierlichen (!) Verkündung der
Reformen in Polen." („Sowrem. Mir", 1915, S. 53.)
Da haben wir das typische Urteil eines ehrlichen und aufrichtigen National-
liquidatoren. Auch vor dem Kriege meinte Roschkow offen, daß in „unserem
Vaterlande" der Übergang zum „Kulturkapitalismus" und den uns eigenen
„freieren Staatsformen" auf der Tagesordnung stehe. In gewöhnlicher mensch-
licher Sprache heißt dies: Nicht Revolution, sondern Konstitution! So sagte
Roschkow ganz einfach: Wir dürfen „nicht einmal an Gewaltanwendung"
und Revolutionskampf denken; der Weg zum „Kulturkapitalismus" und zur
„freieren Konstitution" geht durch Teilreformen. Das war der reinste, un-
geschminkteste Reformismus in seiner Anwendung auf die russischen Ver-
hältnisse.
223
Nun kam der Krieg. Und Roschkow spinnt den Faden des Liquidatorentunis
logisch weiter. „In Erwartung dessen" (der Konstitution und des Kulturkapi-
talismus) ist „die Fahne der nationalen Entwicklung erhoben". Von wem ist
sie erhoben? Klar: von Miljukow, Plechanow, Potressow, Struve, Roschkow.
Denn gerade sie erwarten vom Kriege und Siege Rußlands die nationale Ent-
wicklung des Kulturkapitalismus (eines „wirklichen" Kapitalismus, wie sich
Roschkow ausdrückt) und einen freieren konstitutionell-i echt liehen Rahmen
für ihn. Wenn Plechanow, Maßlow, Potressow und Roschkow sich dabei noch
auf Marx und den Marxismus berufen, — um so besser für Miljukow und Struve,
denn diese „Marxisten" verteidigen ihre, die nationalliberale Sache. . . Aus
den konkreten „Reformen", die der Nationalliquidator Roschkow so feierlich
aufzählt, wird die Sache noch klarer. Die Abschaffung (die Einstellung — nicht
Abschaffung!) des Weinmonopols, die Einkommensteuer (die man übrigens erst
für die ferne Zukunft in Aussicht zu stellen versprach), die feierliche Verkün-
digung von Reformen in Polen (die mehr einem neuen, feierlichen Betrug ähnlich
schaut), das alles geht ja keinesfalls über die Grenzen der liberal-bürgerlichen
Klasse. Wo ist hier auch nur die Spur einer revolutionären Lösung der
Fragen des russischen Lebens, die in den Jahren 1912 — 1914 von Millionen
Arbeitern, den Teilnehmern an revolutionären Streiks, von neuem auf die
Tagesordnung gestellt wurden? . . .
„NaschaSarja" und „Nasche Djelo", die den Grundstock der Nationalliqui-
datoren in Rußland bilden, sind in ihren Schlußfolgerungen (der unbedingten Absage
an den Kampf für was immer, außer für die Konstitution und für den „Kultur-
kapitalismus") nicht so offenherzig. Aber die Gesamtsumme der Ideen ist dieselbe.
„Wir erklären Ihnen, daß wir bei unserer Tätigkeit in Rußland dem Kriege
nicht entgegenwirken", schreibt die bedeutendste Gruppe der Liquidatoren in
Rußland an Vandervelde. Sie sagen nicht: Wir fördern . . ., wie vielleicht der auf-
richtige Roschkow gesagt hätte. Sie sagen nur (nur!) : Wir wirken nicht entgegen.
Aber Miljukow und Purischke witsch sind für den Anfang auch damit zufrieden.
„Ein Sieg Deutschlands ist entscheidend für die ökonomische Abhängigkeit
und Ausbeutung Rußlands, dagegen garantiert ein Sieg des englischen „Im-
perialismus" die volle (!!) Freiheit der Verträge und die volle (!!!) Befreiung
von der Zwangsausbeutung des Landes". Wenn die Zarenarmeen nicht siegen,
das heißt, Galizien nicht erstickt und Konstantinopel bei den Türken verbleiben
wird, so muß es, sehen Sie, unweigerlich „Rußlands ökonomische und politische
Entwicklung aufhalten". „Deutschland wül Rußland in eine Kolonie ver-
wandeln, indem es seine Zölle ändert, seine Industrie vernichtet" (!) usw. So
schreibt der Nationalliquidator Herr Maßlow. („Die ökonomischen Ursachen
des Weltkrieges" (russ.) Moskau 1915, S. 41—42.)
„Europa hat sich gegen den preußischen Militarismus erhoben" und damit
ist der „Zusammenbruch des preußischen Junkertums in diesem Kriege garan-
tiert", stimmt Herr Tscherewanin ein („Nascha Sarja" 1914, 7—9, S. 103—108).
Ein dritter bedauert, daß Jaures jetzt nicht im Ministerium Briand sitzen
kann, um die Interessen der Demokratie und der Arbeiterklasse zu verfechten.
224
,jWäre er am Leben, säße er sicher zusammen mit seinem ständigen Antagonisten
in den Fragen der Taktik, Jules Guesde, in der Regierung als Delegierter „vom
Proletariat" und würde mit ihm zusammen die Interessen der Demokratie und
der Arbeiterklasse verteidigen", so schreibt Herr W. Lewitzki „selbst" (Ibid 110).
Ein vierter versichert: „Die Wahrung der Perspektive verlangt die An-
erkennung, daß der preußisch-deutsche Typus außer den allgemeinen Sünden
der modernen Entwicklung noch seine eigenen spezifischen Sünden hat." (Und
die Zarenmonarchie hat sie nicht ? ?) Derselbe Herr A. P — w wiederholt die
Methoden aller sozialchauvinistischen Falschmünzer, die an dem imperialistischen
Krieg das anwenden, was Marx und Engels in bezug auf die nationalen Kriege
einer ganz anderen Epoche schrieben, und belehrt die russischen Arbeiter, daß
sie im Interesse der Demokratie, der Kultur, der Zivilisation, des Sozialismus,
des Marxismus usw. usw. für den Sieg des Zaren eintreten müssen und also
dem Oberstkommandierenden Nikolai Nikolaje witsch Romanow „nicht ent-
gegenwirken" sollen („Nasche Djelo" Nr. 1).
Ein fünfter, Herr Smirnow, erklärt, daß nach dem Kriege die Sozialdemo-
kratie ihr Verhalten zum Militarismus überhaupt revidieren und aus einer
prinzipiellen Gegnerin zu einer Anhängerin werden müsse. („Russk. Wjedom.")
Und endlich erscheint Nummer 3 und 4 von „Nasche Djelo", das allen
Schwankungen ein Ende macht. Das, was Herr A. P — w verschleiert sagte,
das verkünden die Herren W. Lewitzki und P. Maslow ganz offen, mutig, ohne
das geringste Zaudern.
Im Kriege müssen die Sozialisten „Partei ergreifen" für eine Koalition
der Mächte — verkündet Herr Lewitzki. Und er „ergreift" resolut die Partei
des Dreibundes. Sie (die Demokratie) kann im gegebenen geschichtlichen
Moment nur die Partei des Dreibundes ergreifen." (S. 68.) „Die belgischen und
französischen Sozialisten haben dadurch, daß sie sich auf den Standpunkt der
Vaterlandsverteidigung gestellt haben, sich nicht gegen che Prinzipien der „Inter-
nationalität" versündigt." (S. 67.) Die bekannte chauvinistische Resolution
der Londoner Konferenz, die von Vandervelde und Sembat abgefaßt wurde,
verbindet nach der Meinung des Herrn Lewitzki „die Aufgabe der Vaterlands-
verteidigung . . . mit den Prinzipien der internationalen Entwicklung." (S. 71.)
Die Sozialisten, die nicht so wie Herr Lewitzki der Meinung sind, daß es sich
um die „grundlegende Frage" handelt — der Sieg welcher Koalition vorzu-
ziehen sei, werden als „Anarchisten, Syndikalisten und Herveisten" gestempelt.
(S. 68, 65.) Diese Sozialisten streben „nach allgemeinen Endzielen, abgesehen
von den Teilaufgaben des heutigen historischen Tages, die die Geschichte gestellt
und die der Weltkrieg scharf in den Vordergrund gerückt hat." (S. 62.)
Nicht weniger entschlossen ist auch Herr Maßlow. Zum Trost für Martow
meint er, daß die jetzige Scheidung im sozialistischen Lager nur eine „vorüber-
gehende Scheidung" sei (S. 47), die die übelgesinnten „Liebhaber von Spal-
tungen und Scheidungen" (S. 48) zu vertiefen suchen. Aber er selbst vertritt
den reinsten Sozialchauvinismus im „Geiste Kautskys". Seine Losung ist:
„die prinzipielle, ständige Position des Selbstschutzes . . . um derselben Inter-
im 225
essen bei allen anderen Ländern". (S. 50.) Er billigt vollkommen die „scharf-
sinnigen" und „richtigen" Erklärungen Plechanows. (S. 52.) Er verlacht die
Sozialisten, die sagen, daß alle sozusagen „gleiche Raufbolde sind, und daß man
den Unschuldigen vom Schuldigen nicht unterscheiden kann". (S. 52.) Ganz
im Geiste Cunows und Davids sagt er von den Marxisten, daß sie „eine rein
syndikalistische Schlußfolgerung ziehen von der Notwendigkeit imd Unver-
meidlichkeit, schon jetzt (Kursiv von Maßlow) in die neue ökonomische Ordnung,
d. h. in den Sozialismus hineinzuspringen*). (S. 51.)
Sie kriechen nicht so offen vor der Zarenbande wie es Südekum und Heine
vor „ihrer" Regierung tun. Aber wartet nur, das kommt noch. Aufgeschoben ist
nicht aufgehoben. Vorläufig ist die Zarenbande so heillos dumm, daß sie sogar
ihren besten Freund, Herrn Struve, unlängst zu zwei Monaten Gefängnis ver-
urteilt hat. Ihr genügt nicht der Chauvinismus im Geiste Struve-Potressow, sie
möchte unbedingt den reinen Chauvinismus im Geiste der ^NowojeWremja" haben.
Übrigens, schon jetzt mangelt es nicht an kriechenden Sozialchauvinisten.
Da ist z. B. Herr N. Jordanski, der nächste Gesinnungsgenosse Plechanows.
Bis zu welcher Gemeinheit muß einer gelangen, um imstande zu sein, voller
Entzücken in einer „marxistischen Zeitschrift" zu schreiben:
„Sogar in den Regierungskreisen ist, wie es verlautet, der Vorschlag auf-
getaucht, die Juden, die in der Armee dienen, nach Beendigung des Krieges im
ganzen Reiche wohnen zu lassen. Sogar Purischkewitsch ist unter dem Einflüsse
des Kriegssturmes der Stimme des neuen Lebens zugänglich geworden. Er
hat sich von der Gesellschaft Dubrowins schroff getrennt." Er (Purischkewitsch)
habe gegenüber dem Vertreter der Zeitung „Herold" geäußert, daß in einem
so außergewöhnlichen Augenblick die Hetze der rechten Presse nicht geduld-t
werden dürfe, umsomehr, da die Juden gleich allen übrigen Bürgern sich zur
Verteidigung des Vaterlandes erhoben hätten. Jetzt sei die Einigung aller russi-
schen Bürger notwendig. (Sowr. Mir.", 1915/1. S. 123.)
Wenn Purischkewitsch jetzt den „Burgfrieden" predigt, so verstehen
wir ihn wohl. Er braucht wirklich den „Burgfrieden", damit „unsere Armee"
die große Tat der Erdrosselung Galiziens, der Türkei und Persiens vollenden
könne. Aber wenn der „ Marxist" Jordanski in einer Zeit der größten Juden-
*) Am Anfang des Buches befindet sich eine Erklärung der Redaktion: ,,In An-
betracht der vorhandenen Uneinigkeit in der Redaktion und unter den nächsten Mitarbeitern
von „Nasche Djelo" in der grundlegenden Frage der Gegenwart, öffnet die Zeitschrift
ihre Spalten für Artikel, die diese Frage von verschiedenen Seiten beleuchten." Das ist
ein goldenes Brücklein für Martow und seine Anhänger. In der vorigen Nummer hat die
Redaktion von „Nasche Djelo" direkt erklärt, daß sie ganz auf dem Standpunkte des
Chauvinisten Plechanow stehe. In dieser Nummer finden wir nur Artikel chauvinistischer
Marke. Wir werden ja sehen, wie A. P — w, Maßlow und Lewitzki die Frage von „ver-
schiedenen Seiten" beleuchten. Übrigens ist es ja noch nicht bekannt, was für Uneinigkeiten
unter den Liquidatoren bestehen. Da teilt ja die Redaktion mit, daß sie „aus unvorher-
gesehenen Ursachen" den Artikel des Herrn J. Larin nicht abdrucken konnte. Und Larin
ist ja alles in allem ein ebensolcher Chauvinist wie Lewitzki, nur einer anderen (deutschen)
Marke. — Solche ,. Uneinigkeiten" sind wirklich „vorübergehend". —
226
Verfolgungen, der Pogroms in noch nie dagewesenem Maßstabe, der Ausweisungen
von Juden aus einer ganzen Reihe von Gouvernements und anderer allergemein-
sten Verunglimpfungen entzückt ist, daß, „wie es verlautet" in den Regierungs-
kreisen der Vorschlag aufgetaucht (!) sei, den Juden, die nach dem Gemetzel
am Leben geblieben sind, das „Wohnrecht" zu verleihen, so ist das schon ein
geradezu ekelerregendes Schauspiel.
Da ist noch ein Reptil, Herr L. Kleinbort, aus derselben noblen Zeitschrift.
„Wie auf einen Wink erlosch der Aufruhr in Petersburg, hörten die
Streiks in Moskau und im Bakurevier auf — die Arbeiter, erfüllt vom Bewußt-
sein der historischen Wichtigkeit des Augenblicks, bagriffen. daß es nicht
an der Zeit sei, den inneren Kampf zuzuspitzen." („Sowr. Mir." XII, 1914, S. 135.)
Wie auf einen Wink! Herr Kleinbort hat wahrscheinlich nichts vom
Belagerungszustand, von Verhaftungen Tausender und Abertausender der
Avantgarde der russischen Arbeiter gehört, die nicht im geringsten vom „Bewußt-
sein" durchdrungen waren, wie etwa manche Tintenkulis ... Es wäre überLaupt
besser, wenn die Herren Sozialchauvinisten über russische Arbeiter schweigen
möchten. Dort wird man verstehen, diese Zarenlakaien zu verachten und zu hassen.
Und wenn der Sozialchauvinismus unter den russischen Arbeitern in der Tat stark
wäre, so würde es die korrupte Presse schon verstehen, sich darüber auszulassen.
Da ist ein drittes Reptil — Herr Alexinski. Dieser „gewesene Revolutionär"
(nach dem Zeugnis der „Moskowskije Wjedomosti") schlägt in derselben Zeit-
schrift Purzelbäume zum Ergötzen der „Nowoje Wremja" und „Russkoje
Snamja"*). Und in der Schweizer Zeitschrift „La Revue Politique Inter-
nationale" bringt er einen Artikel, der so schamlos die Auslandspolitik der
Zarendiplomaten in den Himmel hebt, daß es sogar für die guten Schweizer
Bourgeois zuviel wurde, und sie Herrn Alexinski daran erinnerten, wie er früher
von der geheimen Diplomatenkamarilla schrieb, die als die wirkliche Regierung
in Rußland dargestellt wurde. („Revue", 1915, Nr. 14, i77.)
Alle diese Herren haben geistig mit der russischen revolutionären Bewegung
gebrochen. Sie sind in das Lager der russischen Bourgeoisie, der russischen
Reaktion geworfen worden. Der Übergang zum Chauvinismus war für die russi-
schen „gewesenen Revolutionäre" immer der erste Schritt zum völligen Rene-
gatentum. Erinnern wir uns an den Vorfahren der Alexinski und Jordanski —
an Herrn Lew Tichomirow. Womit begann seine „Reue" ? Damit, daß er
unerwartet für sich selbst . .entdeckte":
*) Das skandalöse „Auftreten"' des Herrn Alexinski gibt den ominösen Hetzereien
gegen die Juden des bis zur letzten Stufe hinabgesunkenen Chrustalew in nichts nach.
Sichtlich erlebt auch dieser gewesene Revolutionär seinen Niedergang. Wie tief mußte
Alexinski sinken, wenn er in „Rjetsch" mit einem Brief auftritt, wo er die Zarenband©
versichert, daß die politischen Emigranten sich sofort mit dem Krieg versöhnen würden,
wenn „diesen Elementen die Möglichkeit gegeben wäre, ihrem unfreiwilligen und in der
Kriegszeit moralisch so schwerem Aufenthalte im Ausland ein Ende zu machen und in
die Heimat zurückzukehren" („Rjetsch", 26. Mai 1915). Für wen bemüht sich dieser ge-
wesene Revolutionär? . . . Den endgültigen Rekord schlug Alexinski, als er vor Rodsjank'>
und Purischkewitsch auf die Knie fiel mit der Bitte um Amnestie.
15' 227
„Nie habe ich die russischen, nationalen Interessen vergessen, ich hätte
mich immer für die Einheit und Integrität Rußlands geopfert."
Damit, daß er „die Ausarbeitung eines Planes einer großen nationalen
Partei", die Entstellung einer „nationalen Intelligenz" verlangte. Damit, daß
er über die Behauptungen der Revolutionäre zu lachen begann, „daß Murawiew-
Amurski, der der Selbstherrschaft zum Ruhme der Befestigung Rußlands am
Stillen Ozean verhelfen hatte, ein schädlicher Mensch sei."*)
Einmal hat Plechanow „den Kummer Tichomirows" grimmig verlacht,
aber jetzt ist der wirkliche Kummer der russischen Sozialdemokratie der, daß
der Gründer unserer Partei heute Ideen propagiert, die die „Plechanowianer"
veranlassen, die „Tichomirowiade" direkt nachzumachen.
Einzelne Persönlichkeiten aus der „Intelligenz" konnten in jeder Richtung
„stolpern". Aber bei den Liquidatoren sehen wir etwas anderes. Die ideologischen
Führer von „Nascha Sarja" und „Nasche Djelo" beschritten ohne Zaudern
den Weg des Sozialchauvinismus. Und das konnte nicht anders sein, denn der
Sozialchauvinismus ist ideologisch eine politische Fortsetzung des Liquidatoren-
tums, ist das Liquidator entum in Anwendung auf die Verhältnisse des Krieges
1914/15. Von den vielen (wie es mir erinnerlich ist, ganzen sieben) „Richtungen",
die im Brüssler Liquidatorenblock vertreten waren (die Besprechung in Brüssel
am 3. 6. 1914 unter Vorsitz Vanderveldes) , vertraten den Sozialchauvinismus:
1. die „Richtung" „Nascha Sarja",
2. die „Richtung" des Führers der kaukasischen Liquidatoren, An,
3. die „Richtung" Plechanow,**)
4. die „Richtung" Alexinski,
5. die „Richtung" des Führers der Bundisten Kossowski.
Unter diesen 5 heute rein chauvinistischen „Richtungen" finden wir die
wichtigsten Bestandteile des Liquidatorenblocks in Rußland. Nicht nur ideell,
sondern auch organisatorisch, ist der Sozialchauvinismus das Erbe des Liqui-
datorentums***), das unterliegt keinem Zweifel.
Das russische Liquidatorentum hat sich in Nationalliquidator entum ver-
wandelt.
*) S. „Warum habe ich aufgehört Revolutionär zu sein?" Moskau 1896, S. 27,
32, 37, 66. Dieses Werk empfehlen wir besonders Ropschin, Alexinski, der Redaktion von
„Nowosti", „Sowrem Mir", „Nascha Sarja" usw.
**) Der Unvureiugenommenheit halber müssen wir bemerken, daß von den Sozial-
demokraten, die vor dem Kriege zu Plechanow zählten, bei weitem nicht alle in Rußland
die Schwenkung zum Sozialchauvinismus mitmachten.
***) Es ist bemerkenswert, daß unter den nationalen Parteien, die sich der Partei
der R. S.-D. Arbeiterpartei anschließen, die Gruppierung dieselbe ist. Die lettische S.-D.,
die ihre Liquida loren besiegt hat, stellte sich fest auf denselben Boden, wie unser „Zentral-
komitee" (s. die offizielle Erklärung der lettischen S.-D. auf der Londoner Konferenz).
Die polnische „Opposition" steht demselben Standpunkt nahe. Dagegen stehen der „Bund"
und die polnische Linke („Lewitza") der chauvinistischen O.-K. nahe. In der ukrainischen
S.-D. betreibt Herr Bassok, der frühere nächste Kollege Trotzkis in der Redaktion der
Wiener „Prawda", und and. eine schändliche, rein bürgerliche Politik. In den Spalten
der ukrainischen Blatter dieser Herren spielt Parvus seine Harlekinade.
22fc
8. Das rechte Zentrum oder die Politik der Organisations-
kommission.
Aber wir finden doch auch unter den Liquidatoren Gegner des Sozial-
chauvinismus. Ist denn Martow Chauvinist? Ist denn Axelrod Chauvinist?
Tritt denn die Organisationskommission nicht gegen den Sozialchauvinismus
auf? Welches Recht habt Ihr also zu versichern, daß das Läquidatorentum
sich in Nationalliquidatorentum verwandelt habe ?
Das ist eine berechtigte Frage, und man muß sie untersuchen.
Die Geschichte wiederholt sich. Als unsere Partei von der „Liquidatoren-
krisis" heimgesucht wurde, war die Lage die gleiche. Martow, Axelrod und ihre
nächsten Freunde waren „in vielem" mit „Nascha Sarja" nicht einverstanden.
Sie fanden, daß man die unterirdische Arbeit nicht ganz verleugnen könne.
Martow und andere einflußreiche Vertreter seiner Richtung Unterschrieben
sogar in der berühmten Plenarversammlung des Zentralkomitees (Januar 1910)
die Resolution, wonach eine solche Veileugnung nur ein „Produkt des bürger-
lichen Einflusses auf das Proletariat" sei. Sie verlangten „nur" eins: daß die
liquidatorische Richtung, die die illegale Partei nicht anerkennt, von dieser
illegalen Partei als eine „gerechtfertigte" Schattierung anerkannt werde, daß
Potressow und seine Gruppe, die die Liquidation der alten R. S.-D. A. -Partei
propagieren, von dieser letzteren als vollwertige Mitglieder anerkannt werden.
Nun, und wie vollzog sich der Gang der Ereignisse? Es verging ein Jahr,
zwei. Die Gruppe „Nascha Sarja" in Rußland setzte ihre Linie fort. Martow
und seine Kollegen schwankten nach wie vor. Sie blieben nur in einem uner-
schütterlich: in den Angriffen auf diejenigen, die gegen „Nascha Sarja" kämpften.
Es verging noch einige Zeit, und der „Linkste" von den Schwankenden, Martow,
befand sich ganz im Lager der „Nascha Sarja".
Wollen wir für einen Augenblick annehmen, daß Martow dieses Mal un-
beugsamer sein wird, daß Martow und sogar Axelrod sich in der Tat von „Nascha
Sarja" trennen und einen Kampf gegen sie anfangen werden. Werden wir denn
auch in diesem Falle nicht recht haben, wenn wir behaupten, daß das Liqui-
datorentum sich in Nationalliquidatorentum verwandelt hat? Auch Bernstein
hat sich ja getrennt und ist Sozialchauvinist geworden.
Aber unsere Annahme, daß Martow und Axelrod einen ernsten Kampf
mit „Nascha Sarja" führen werden, wäre auf nichts begründet. P. B. Axelrod
steht auch jetzt viel näher an „Nascha Sarja", als die „Golossisten" (die Redak-
teure des „Golos". Zeitung der Sozialdemokraten in Tarisinden Jahren 1909/10 —
Axelrod, Martow, Dan, Martynow) am Anfange der liquidatorischen Krise standen.
Axelrod selbst ist jetzt zu dreiviertel „Sarja"-Anhänger, denn in allem Wesent-
lichen ist er mit „Nascia Sarja" einverstanden.*) Wenn Axelrod (Sozialdemo-
kratische Tageszeitung „Golos", Nr. 86 und 87) „Vorsicht bei Anklagen wegen
*) Nicht umsonst druckt die liquidatorische Zeitschrift „Nasche Dj^lo"' mit volltser
Sympal lue die Auffassungen P. B. Axelruds über den Krieg ab („Nasche Djelo" Nr. 2,
1915, 107, 110).
229
des Opportunismus gegenüber so „erprobten Marxisten wie Guesde" propa-
giert, wenn er zur Verteidigung von Vandervelde, Sembat und Guesde an die
. formelle Zulassung" der Teilnahme an den Ministerien vom Standpunkte der
Amsterdamer Resolution erinnert, wenn er eben dort schreibt, daß man die
Frage, wer der eigentliche Urheber des Krieges sei, nicht ignorieren dürfe und
damit für alle Länder, die angegriffen wurden, die Notwendigkeit bestehe, ihre
Selbständigkeit zu verteidigen, wenn Axelrod systematisch den imperialistischen
Charakter des Krieges von Seiten der beiden Mächtegruppen ignoriert, so ver-
licht er dieselben sozialchauvinistischen Ideen, wie „Nascha Sarja". Wemi
Axelrod (s. „Nasche Djelo", Nr. 87, 90) erklärt, daß der „Menschewik" (Mensche-
wik, aber nicht Sozialchauvinist!) Plechanow ihm näher stehe, als der Inter-
nationalist Lenin, verfolgt er ganz die Linie von „Nascha Sarja". "Wenn Axelrod
ebendort zu beweisen sucht, daß die heutige Krise der Internationale und die
heutigen Uneinigkeiten mit den Sozialchauvinisten garnicht als Fortsetzung
der Uneinigkeiten der Marxisten mit den Opportunisten zu betrachten seien —
dann verteidigt er ganz die Position Potressows und von „Nascha Sarja."*;
Bernstein ist mit Axelrod „vollkommen einverstanden", wenn Axelrod
den Revisionismus als Richtung reinwaschen will, und unterstellt dem ernsten
Streit über die Richtungen einen inhaltslosen Wortschwall über das Thema, daß
der Mangel an Internationalismus durch . . . den Mangel an Internationalismus,
d. h. durch einen zu geringen „Grad des Internationalismus" erklärt wird. Eine
tiefgründige Wahrheit, das muß man sagen!
Wenn man von Axelrod einen Kampf gegen den Sozialchauvinismus der
„Nascha Sarja" erwarten wollte, hieße es soviel, als wenn man von Miljukow
einen Kampf gegen die Nationalliberalen und von Bernstein einen Kampf gegen
den Revisionismus erwarten wollte.
Aber — Martow! Hat er nicht schöne und talentierte Artikel gegen den
Sozialchauvinismus geschrieben? Gewiß, das hat er getan. Und wir, seine
alten politischen Gegner, haben ihm für diese Artikel als erste im „Sozialdemo-
*) „Die heutigen Uneinigkeiten sind für mich keine Fortsetzung der alten Un-
einigkeiten zwischen den Revisionisten und Marxisten" — schreibt Axelrod („Nasche
Slowo" Nr. 87). Interessant ist es, daß diese Antwort Axelrods . . Eduard Bernstein
sehr gut gefiel. Bernstein verfällt in seiner sozialchauvinistischen Position nicht in
., Extreme". Er steht jetzt Kautsky und der Position des Zentrums nahe. Bernstein als
Vater und Begründer der revisionistischen „Theorie" möchte natürlich nicht, daß man im
Sozialchauvinismus die Fortsetzung des Revisionismus erblicke. Wenn ich auch anerkenne,
sagt er, daß die „überwiegende Mehrheit" der Sozialisten, die als Revisionisten bekannt
sind, auf der Seite derer stehen, die hartnackig verlangen, für die Kriegskredite zu stimmen,
so bin ich (Bernstein) z. B. mit ihnen nicht in allem einverstanden. „Ist es nicht der beste
Beweis, daß man mit H'lfe solcher Schlagworte wie Revisionismus und Marxismus . . .
wenig erklären kann?" Die Unterschiede liegen jenseits des Streites über den
Revisionismus". . . „Axelrod hat ganz recht, wenn er das Problem als die Frage vom
Grade der Internationalisierung der S.-D. formuliert. . . . Darin bin ich mit ihm ganz
einig." (S. Artikel Bernstein: „Revisionismus und Internationalismus" in der „Soz. Aus-
landspolitik", herausgegeben von Breitscheid, unter Mitwirkung von Kautsky, Bernstein u. a.
(16. Juni 1915, Nr. 7).
230
krat" mit Freude Beifall gespendet. Aber was soll man tun, wenn derselbe
Martow, noch bevor die Druckerschwärze von seinen Artikeln getrocknet ist, andere
Artikel schreibt, zur Verteidigung des Sozialchauvinismus der ,,Nascha Sarja" ?
Martow passiert dies lange nicht zum ersten Mal. Wir haben bereits das
Plenum des Z.-K. aus dem Jahre 1910 erwähnt. Wir hätten noch ein Beispiel
anführen können: die Frage des Blocks mit den Kadetten bei den Wahlen für
die 2. Duma. Niemand hat zu Beginn des Streites so glänzende Artikel gegen
die Zulässigkeit dieser Blocks geschrieben, wie Martow. Und derselbe Martow
hat, als seine Fraktion in Gestalt der durch und durch opportunistisch ver-
seuchten Führer endgültig für diese Blocks sich entschieden hatte, — hat Martow
diese Blocks mit allen opportunistischen Recht- und Unrechtmitteln verfochten.
Dasselbe geschieht auch jetzt. Bei den künftigen Biographen Martows wird
das Kapitel: „Martow während des Krieges 1914 — 1915" recht viel Platz ein-
nehmen. Um die Wahrheit zu sagen, schwankt Martow seit Monaten hin und
her wie ein Rohr. De Niedertracht des Sozialchauvinismus ekelt ihn an.
In ihm wird oft das Gefühl des Revolutionärs wach, aber . . . aber er ist
Gefangener des LÄquidatorentums und insofern Gefangener des Sozialchauvinismus.
Zur Rechtfertigung von „Nascha Sarja" und taktisch zur Rechtfertigung
der Führer des internationalen Opportunismus überhaupt, unterstellt er uns
die Erklärung der ganzen Krise durch den „Verrat der Führer". WeÜ er nicht
mit „Nascha Sarja" brechen möchte, sucht er zu beweisen, daß der Bruch mit
dem Opportunismus überhaupt (folglich auch mit dem Sozialchauvinismus)
für die Arbeiterbewegung verderblich wäre.
Am besten wird die Schwingungsamplitüde Martows durch seine zwei
Kundgebungen gemessen, die ein und dasselbe Dokument betreffen, nämlich
den ominösen Brief des russischen Zentrums der Liquidatoren an Vandervelde.
In Nr. 34 des „Sozialdemokrat" haben wir zum ersten Mal dieses Dokument
abgedruckt, das Martow und seine Freunde zu veröffentlichen sich nicht be-
eilten. Anläßlich des Satzes: „Wir arbeiten dem Krieg nicht entgegen" fragten
wir die Verfasser, ob sie merken, wem sie mit dieser Taktik entgegen kommen.
Da ergriff Martow das Wort, aber nicht um die Verfasser des chauvinistischen
Aufrufes anzugreifen, sondern uns. Martow trat mit einer direkten Verteidigung
der Verfasser des Aufrufes hervor. Unter seiner Feder stellte es sich heraus,
daß die „Kritiker" (d. h. der „Sozialdemokrat") die krasse antizaristische
(Kursiv von Martow) Richtung völlig ignorieren, in der das ganze Dokument
gehalten sei, wodurch allein es sich von den sozialchauvinistischen Kund-
gebungen unterscheide („Golos" Nr. 87, Spalte 2).
Und nun vergeht ein halbes Jahr, und Martow veröffentlicht jetzt seinen
Brief an die Verfasser jenes Aufrufes*), den er Ende Dezember vergangenen
Jahres abgeschickt hatte.
*) Leider teilt Martow nicht mit, w Iche Antwort er vom Verfasser des Aufrufes
erhalten hat. . . übrigens ergibt sich die Sache aus der ganzen politischen Situation sonnen-
klar. Schon 1915, lange nach dem Briefe Martows, begann in Rußland die Zeitschrift der
Liquidatoren zu erscheinen, die energisch fottfuhr den Sozialchauvinismus zu verfechten.
231
Und derselbe Martow schreibt: „Eure (d. h. des russischen Zentrums der
Liquidatoren) Worte über den NichtWiderstand gegen den Krieg sind wahrhaft
fatal (so!) und stellen objektiv eine Verurteilung der Stellungnahme der Duma-
fraktion im August dar, einen Verzicht auf unsere ganze Position in bezug auf
den russischen Imperialismus in seiner Balkan- und sonstigen Außenpolitik,
sowie in bezug auf die Taktik des russischen Liberalismus in dieser Politik."
(„Nasche Slowo", Nr. 102.) Ausgezeichnet gesagt. Mit anderen Worten, Martow
nennt jetzt die Grundthese des bekannten Dokuments zaristisch. Das ist sehr
gut. Aber . . . wozu brauchte derselbe Martow dieses selbe Dokument anli-
zaristisch, ja, gar kraß antizaristisch zu nennen? Auch die Martowschen
Schwankungen müssen doch einmal eine Grenze haben. . . .
In den programmatischen Aufsätzen unter dem Strich („Der russische
Marxismus und der Krieg" Nr. 100, 101, 102) fällt die weise Bemerkung auf:
„Vielleicht stecken doch in der illusorischen, französisch-englischen Konzeption
mehr Einzelelemente der Wahrheit". Das ist ein offenes Türchen für Potressow.
Aber bei alledem enthalten diese Aufsätze so viel Gutes, Martow kommt darin
der Konzeption des „Sozialdemokrat" so nahe, daß, wenn dies, endlich, wahr-
haftig das letzte Wort Martows wäre, er nicht länger in der Fraktion Potressow-
Axelrod hätte verbleiben können. . .
Nun bleibt die O.-K. Wir wollen versuchen, auch diese ehrwürdige Fiktion
ernst zu nehmen. Worin fand die „Tätigkeit" der O.-K. während fast eines
Kriegsjahres ihren Ausdruck? Darin, daß sie hinter Potressow die Spuren
verwischte. Über die Haltung Kautskys, die Haltung des Zentrums der deutschen
Sozialdemokratie, dieses gefährlichsten Gegners der Marxisten, verliert die O.-K.
kein Wort. Dafür hören sie Klagen über den „Sozialdemokrat", daß er Kautsky
und seinen Freunden gegenüber nicht genügend höflich sei. Der Hauptvertreter
der O.-K., Axelrod, führt in Nr. 2 der „Iswestija" den Nachweis, daß selbst
des Kampf um den Frieden jetzt verfrüht sei. „Der Plan, jetzt schon anzu-
fangen, die Arbeiter/nassen (Kur-iv von A.) zu Aktionen (Demonstrationen,
politischen Streiks usw.) aufzurufen, erscheint mir (d. h. Axelrod) verfrüht
und höchst riskant." Nach 10y 2 Monaten Krieg fragt er, was sein würde, „wenn
(wenn !) die offiziellen, sozialdemokratischen Parteikreise der kriegführenden
Länder des Westens" in ihrer Abneigung verharren würden, mit internationalen
Mitteln gegen den Krieg zu kämpfen, und er antwortet: Darüber wollen wir
Martow hätte natürlich seinen Brief auch nicht veröffentlicht, wenn er eine einigermaßen
befriedigende Antwort bekommen hätte, d h. wenn das russische Zentrum des Liquidatoren'»
tiiins in der Tat geneigt gewesen wäre, sich vom Sozialchauvinismus abzuwenden. Armer
Martowl Er muß zugleich im ausländischen Sekretariat der ,,Organisalions- Kommission"
sitzen, die ,, Nasche Slowo" auTs schärfste angreift, und dann in der Hedaktion von ,, Nasche
Slowo", die an der O.-K. kein gutes Haar laut. Er muß gleichzeitig, als Hedaklions-
mitglied von ,,N. S. "einen Brief an sich selber als das Mitglied des ausländischen Sekretariats
der O.-K. schreiben, und umgekehrt. Welche Lagel . . . Die von Martow veröffentlichte
Korrespondenz zwischen ihm und dem russischen Zentrum der Liquidatoren ist äußerst
lehrreich. Wird er auch bald seinen Briefwechsel mit ,, Nasche Slowo" veröffentlichen?
232
An andermal reden! Dafür aber hat Axelrod eine 101. lachhafte „Kampagne"
ausgeheckt ■ auf die Südekums einzuwirken mittels einer Unterschriftensammlung
unter den russischen Arbeitern und einer Petition an den Ältestenrat der
Sozialchauvinisten.
Als „Nasche Slowo" mit dem Vorschlag kam, eine Konferenz der Ver-
treter des Zentralorgans, der Organisations-Kommission und „Nasche Slowo"
einzuberufen, zum Zweck eines einheitlichen Vorgehens gegen den russischen
Sozialchauvinismus, da hat die O.-K. geantwortet, sie möchte nicht zu einer
Konferenz gehen ohne die Repräsentanten der sozialchauvinistischen „Strö-
mungen", Plechanow und Alexinski (und überhaupt alle „Strömungen" des
Brüsseler Blocks). Von einem Bruch mit den Sozialchauvinisten will die
O.-K. nichts hören. Weil sie selbst ein Organ — freilich ein ganz untergeordnetes
Organ — der sozialchauvinistischen Richtung ist, die ihren geistigen Ausdruck
in „Nascha Sarja" findet.
Und sehe man doch, wie die Taktik der O.-K. von Realpolitikern des
Sozialchauvinismus gewertet wird. Nehmen wir z. B. Herrn Kossowski. Er
ist ein direkter Verteidiger der deutschen Sozialchauvinisten, dem das „Kautsky-
tum" selbst als zu links erscheint. Dieser Kossowski erklärt direkt: „Die Inter-
nationale kann nur aus denselben Elementen wieder hergestellt werden, aus
denen sie bisher bestand, nämlich aus den alten Parteien. . . Sie haben Fehler
begangen (nur!), die in der beispiellos schwierigen Situation durchaus natürlich
sind (!!!). . . Die deutsche Sozialdemokratie macht eine ernsthafte Entwicklung
durch, die man nicht unterschätzen darf wegen der wenigen (!) irrtümlichen
Aktionen dieser oder jener sozialdemokratischen Führer." Alles ist also aufs
Beste bestellt. „Die wiederhergestellte Internationale wird der Zahl nach nicht
die dritte sein . . . sondern die zweite, die nicht gestorben ist und nur vorüber-
gehend durch die We'.tkatastrophe paralysiert wurde." („Informationsblatt"
des Bundes, Nr. 8, S. 5.)
Der Plan ist klar: die wiederhergestellte Internationale soll von neuem
eine Ansammlung von Südekums aller Länder sein. Sind ja nur kleine „durchaus
natürliche" Fehlerchen begangen worden, nichts mehr. Das „Mitglied des
ausländischen Sekretariats der O.-K." Martow erwidert Kossowski in demselben
unterwürfigen Tone, wie Kautsky Cunow antwortet. Dafür kennt Herr
Kossowski seine O.-K. ausgezeichnet. Er zürnt ihr nicht die Spur,
im Gegenteil, er klopft ihr freundlich auf die Schulter. In der amerika-
nischen „Zukunft" veröffentlicht Herr Kossowski einen Artikel : „Die russische
Sozialdemokratie und der Krieg", darin sind zwei Kapitel dem Z.-K. und der
O.-K. gewidmet. Über das Z.-K. lügt Herr Kossowski wie gewöhnlich (das
Z.-K. soll den „Bürgerkrieg" nicht im weiten historischen Sinne auffassen,
sondern im engeren Sinne einer sofortigen unvorbereiteten „Aktion").*) Dafür
kann Herr Kossowski sich nicht genug tun, seine O.-K. zu bewundern. —
*i Außerdem wird das Z. K. der völligen Solidarität — oh, Entsetzen — mit
Pannekoek beschuldigt („Zukunft**, S. 302).
233
„Während ein kleiner Teil der russischen sozialdemokratischen Emigranten
(gemeint ist auch „Nasche Slowo") die Internationale mit Kot bewirft und
zetert, sie hätte die Prinzipien des Sozialismus mit Füßen getreten, unterscheidet
sich die O.-K. von ihnen durch ihre Stellungnahme, die den Stempel wahrhaft
brüderlicher Solidarität trägt. Sie bezichtigt niemanden des Verrates (ja, ja!),
sie konstatiert nur die traurige Tatsache, daß der Krieg die eine sozialistische
Partei von der anderen entfernt hat, und sie hält es für notwendig, sich zu be-
mühen, daß sie wieder Vertrauen zu einander gewinnen. . . Der brüderliche
Ton der Erklärung der O.-K. " usw. usw. („Zukunft", April 1915, S. 311.)
Der Sozialchauvinist Kossowski ist mit der „internationalistischen"
(hm, hm !) O. K. sehr zufrieden. Wir fürchten nur, daß das russische Zentrum
der Liquidatoren ebenso zufrieden mit ihr sein wird. Es liegt ein Grund zur
Annahme vor, daß in Rußland unter den Liquidatoren der Sozialchauvinismus
Kautskyscher Färbung zum Sieg gelangen wird. (Nicht umsonst druckt jetzt
schon Herr A. P — w in seiner Zeitschrift ganze chauvinistische Broschüren
Kautskys nach.) Mit einem allzu offenen Chauvinismus darf man den russischen
Arbeitern nicht kommen. Da wird die Position des Zentrums, die jetzt schon
von der O.K. durchgeführt wird, eine wahre Fundgrube sein für die Potressow,
Tscherewanin, Jeschow, Lewitzki und Konsorten.
Wenn die „heiße" Zeit um sein wird, wird man mutig in die Kautskysche
Stellung übergehen können. Zwei bekannte Vertreter des Liquidatorentums,
Herr Lurie in den „Russkija Wjedomosti" (Nr. 291) und HerrEnsis in der „Kiews-
kaja Mysl" (Nr. 126) lobpreisen jetzt schon das Kautskyanertum.*) Sie be-
nutzen ihre monopolistische Lage in der legalen Presse und wissen, daß man sie
jetzt schwer entlarven kann, so . . . entstellen sie ungeniert die Wahrheit und
behaupten, Kautsky wäre der Stellungnahme der „Linken" näher gerückt, usw.
Die „Kautskysche Zentrumsposition" wird in Rußland noch mehr Schaden
anrichten, als die offene Position des Chauvinismus. Die O. K. und Axelrod sind
entschieden ihre wichtigsten Vertreter. Sie stehen den russischen Chauvinisten
noch näher als Kautsky und Konsorten den Deutschen. Sie spielen in Rußland
die Rolle des rechten „Zentrums". Je weiter, umso schwieriger wird es, dieses
rechte „Zentrum" vom sozial chauvinistischen Kern zu unterscheiden . . .
Doch es wäre ungerecht, einen anderen Vertreter des russischen „Zentrums",
Trctzki, mit Stillschweigen zu übergehen. Von ihm soll im folgenden Artikel
die Rede sein.
9. Das linkeZentrum oder die Stellungnahme des „Trotzkismus".
Die Stellungnahme Trotzkis ist eigentlich und im wesentlichen die des
„Zentrums". In den Fragen, die tatsächlich die Politik der Parteien und Organi-
sationen im nächsten Zeitabschnitt bestimmen, fokrt Trotzki faktisch der O. K.
*) ,, Kautskys Stellungnahme*', schreibt Herr Ensis, „hat sich in den letzten Monaten
bedeutend geändert in der Richtung jener Stellungnahme zum Kriege, die von den Ge-
sinnungsgenossen Luxemburgs und Mehrings propagiert wird." So verwischen die Ver-
treter des rechten ,, Zentrums' - in Rußland die Spuren.
234
Liese Behauptung mag übertrieben erscheinen angesichts der Polemik, die
momentan zwischen den Repräsentanten der O. K. und Trotzki geführt wird.
Sie ist aber dennoch absolut richtig. Diese Polemik wird mitunter sehr auf-
geregt, beide Seiten sagen einander zweifelhafte, aber von beiden Seiten wohl-
verdiente Liebenswürdigkeiten, die darauf beruhen, daß beide Seiten einander
sehr gut kennen. Doch das Fundament ist bei beiden Seiten das gemeinsame:
der Kampf gegen die Quertreiberei, d. h. der Wunsch, gemeinsam mit den Sozial-
chauvinisten zu leben und zu wirken.
Es sind schon einige Jahre, da Trotzki sich bemüht, innerhalb der Fraktion
der Liquidatoren seine eigene Unterfraktion, die „Fraktion der Nichtfraktio-
nellen" zu bilden, wie sie ganz richtig von der O. K. bezeichnet wird.*) Die
„Fraktion der Nichtfraktionellen" wÜl aber Trotzki nicht gelingen. Aus dem
einfachen Grunde weil diese Fraktion in politischer Hinsicht die geistloseste,
die prinzipienloseste wäre, die je in der russischen Sozialdemokratie bestanden
hat. Ein Stückchen von den Liquidatoren nehmen und ein Stückchen von den
Prawdisten, hindurchrutschen zwischen dem Z. K. und der O. K. — darin liegt
die ganze simple Philosophie des „Trotzkismus". Es ist klar, daß weder die
einen noch die anderen dieses System mit Respekt behandeln können. Man
konnte mit den Liquidatoren anderer Ansicht sein, aber man konnte nicht
ieugnen, daß sie ihre eigene politische Richtung hatten, daß sie eine eigene
Linie verfolgten. Sonst findet in der sozialdemokratischen Partei nur noch
jenes Irrlicht Platz, das in unserer Partei durch den „Trotzkismus" ver-
treten ist.
Der Krieg traf den „Trotzkismus" als besondere Unterfraktion im Lager
der Liquidatoren mit einer eigenen Zeitschrift „Borjba" („Der Kampf"), die
erfolglos bemüht war, die berühmte „mittlere Linie" durchzuführen. Der letzte
Akt des Trotzkismus vor dem Kriege war die Beteiligung an der Brüsseler Kon-
ferenz (3. 7. 1914), dabei spielte natürlich Trotzki mit dem ihm eigentümlichen
Glanz die übliche Rolle des Kamnierpagen der liquidatorischen O. K. Die vom
Krieg geschaffene Lage zwang einstweilen Trotzki nur zu dem einen : den „Trotz-
kismus" an die neue Situation anzupassen und für die russische Sozialdemo-
kratie unter den neuen Verhältnissen eine „mittlere" Linie zu suchen. Das
konnte zu nichts anderem führen, als zu der gedankenärmsten Position des
*) Dem widerspricht keineswegs, daß in der bekannten Resolution der Redaktion
und der Mitarbeiter von „Nasche Slowo" von einer Abneigung gegen eine neue Gruppierung
(oder Fraktion) von Internationalisten die Rede ist. Trotzki braucht wirklich keine neue
Gruppierung von Internationalisten Er braucht eine Fraktion von „Trotzkisten'*, d. h.
eine Fraktion, die zwischen den Internationalisten und Sozialchauvinisten balanciert,
•wie sie früher zwischen den „Prawda""-Anhängern und den Liquidatoren balanciert hat.
Trotzki nimmt es uns krumm, daß wir solche schüchterne Internationalisten, wie die
Franzosen Nicoi und Mouatte, begrüßen, aber ihn, Trotzki, nicht begrüßen. Aber einen —
sei es auch noch schüchternen — Kampl gegen eine ganze chauvinistische Partei anheben,
isteine Sache, und etwas anderes ist, in der Mitte zwischen der sozialchauvinistischen O.-K.
und der internationalistischen Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterl'raktion, in Gestalt
ihres Z.-K , Platz nehmen zu wollen. . .
235
„Kautskyanertums" auf russischem Boden. Die Lage des „Trotzkismus" ist
auch deshalb noch so hoffnungslos geworden, weil für die ehrwürdige Rolle des
„Zentrums" in Rußland sich noch andere Prätendenten eingefunden haben,
nämlich, die Mitarbeiter der O.K. Trotzki bleibt jetzt nichts übrig, als die Rolle
einer „Schattierung" innerhalb des Zentrums selber zu spielen. Wir sehen jetzt
eine gewisse Einteilung in ein rechtes Zentrum und ein linkes Zentrum, etwa
in der Art jener Teilung, wie sie in Deutschland zwischen der Richtung Kautsky
und der Richtung Cunow wahrgenommen wird. Die Vertreter des rechten und
des linken Zentrums messen ihren eigenen kleinlichen Meinungsverschieden-
heiten Gott weiß welche Bedeutung bei. Aber vom Standpunkt unversöhnlicher
Gegner des Sozialchauvinismus spielen diese Meinungsverschiedenheiten eine
ganz geringfügige Rolle.
Vor dem Kriege gewann der Trotzkismus in den Augen der Versöhnungs-
politiker eine gewisse Existenzberechtigung dadurch, daß er behauptete, zwischen
den Prawdisten und den Liquidatoren gäbe es keine grundsätzlichen Meinungs-
verschiedenheiten. In bezug auf die russischen Internationalisten und die russi-
schen Sozialchauvinisten wird dias jetzt sogar Trotzki nicht zu behaupten wagen.
Und dennoch propagiert er nach wie vor „Unfraktionalität" und dennoch er-
blickt er die Aufgabe seiner politischen Tätigkeit in der Durchführung derselben
„mittleren" Linie.
Die Stellungnahme des „Trotzkismus" zum Kriege und Zusammenbruch
der Internationale ist in Trotzkis Broschüre „Der Krieg und die Internationale"
(erschienen in deutscher Sprache) dargelegt und in den Pariser Zeitungen „Golos"
und „Nasche Slowo" ausgedrückt. Der Grundfehler der Broschüre ist der, daß
sie, die der Feder eines russischen Sozialisten entstammt, keine scharfe Kritik
des russischen und französischen Sozialchauvinismus gibt und sich auf die (an
und für sich wichtige und notwendige) Kritik des deutschen Sozialchauvinismus
bescliränkt. Diese Einseitigkeit hat bereits den österreichischen Sozialchauvi-
nisten Georg Ruczka veranlaßt, in einer, nebenbei bemerkt, sehr unklugen
Broschüre über den Krieg und die russischen Sozialisten, Trotzki zu den An-
hängern der Plechanowschen Ideen zu zählen. (Natürlich ganz zu Unrecht.)
Die Zeitung „Golos" begann am 13. September 1914 in Paris zu erscheinen.
Dieser Zeitung gehört der unzweifelhafte Verdienst, daß sie den russischen
Sozialisten im Auslande verholfen hat, gegen den Strom des Sozialchauvinismus
Stand zu halten. Aber die Zeitung selbst (wie ihre Nachfolgerin „Nasche Slowo"),
hat eine lange Etappe der Schwankungen durchgemacht. Nur wenige erinnern
sich jetzt, .daß „Golos" in Nr. 1 anstatt eines Programmartikels von der Re-
daktion als Leitartikel — ohne jede redaktionelle Bemerkung — einen Aufsatz
K. Kautskys („Der europäische Krieg und seine Folgen") abgedruckt hat, der
einer antichauvinistischen Haltung im Kriege ganz fern ist. In Nr. 7 des
„Golos" stand als Leitartikel ein Aufsatz von Vandervelde im Geiste der „Am-
nestierung" und der Verteidigung des frankorussischen Sozialchauvinismus.
Anläßlich dieses Aufsatzes hielt es die Redaktion des „Golos" für notwendig,
in der folgenden Nummer zu erklären, daß sie „jene Vorsicht, jenen Adel
236
im Denken, jene klare Erfassung der entstandenen, sich widersprechenden
Situation hochschätze", die sie bei Vandervelde wahrgenommen habe. In
Nr. 18 des „Golos" fangen — wiederum ohne die geringste Bemerkung von Seiten
der Redaktion — die Aufsätze Kautskys an, die eine offenkundige sozialchauvi-
nistische Stellung einnehmen. In Nr. 55 beginnt eine Serie von Artikeln des
sozialchauvinistischen Alexinski; dabei werden diese Artikel soejar ohne das
Feigenblatt — Rubrik: „Freie Tribüne" — abgedruckt. Am Schluß dieser
Artikel erklärt die Redaktion in einem Aufsatz, daß sie mit Alexinski nicht ein-
verstanden sei, fährt aber fort, in einer Reihe weiterer Nummern die Werke
dieses Herrn abzudrucken. In Nr. 87 und anderen stehen Aufsätze, die sozial-
chauvinistische (fast Plechanowsche) Ansichten Axelrods dartun, dabei erklärt
die Redaktion, daß sie mit „einigen (!) Thesen" nicht einverstanden sei und auf
sie zurückkommen würde . . . um jedoch in Wirklichkeit nimmer auf, sie zurück-
zukommen.
In „Golos" und „Nasche Slowo" gibt es ein Rechts und ein Links. Da
gibt es Elemente, die ehrlich mit dem Sozialchauvinismus kämpfen möchten, aber
auch Elemente (sie leiten die Zeitung), die ihre ganze Aufgabe in der Spielerei
mit der Einheit mit den Sozialchauvinisten erblicken. Im Leitartikel von Nr. 96
des „Golos" lesen wir z. B folgenden Satz:
„Nicht durch das Vertuschen der Gegensätze und Meinungsverschieden-
heiten werden wir die Krise der Internationale überwinden, sondern durch eine
genaue, bestimmte Formulierung unserer Richtlinie und der direkten Abgrenzung
vom offiziellen Quietismus, der sich mit einer „marxistischen" Erklärung der
Gegenwart begnügt, durch den jähen Bruch mit den Elementen des aktiven
Sozialpatriotismus."
Das ist die Stimme von Männern, die einen ehrlichen Kampf mit dem
Sozialchauvinismus aufnehmen wollen.
Aber, kurze Zeit darauf, steht in Nr. 42 von „Nasche 1 Slowo" ein anderer
Artikel „trotzkistischer" Richtung, in dem wir lesen:
„Wenn wir mit dem Opportunismus kämpfen, betrachten wir ihn als
organischen Fehler der Arbeiterklasse selbst und nicht als etwas außerhalb
stehendes, etwas, das durch irgsnd welche Intellektuelle, die sich bald dahin,
bald dorthin werfen, in die orthodox-marxistischen Proletarierreihen verschleppt
wurde ... Es ist nicht schwer, etwas in Stücke zu schlagen, aber man muß
zuerst wissen, was abgeschlagen werden soll, damit nicht Teile des Organismus
absterben."
Das ist schon nicht die Stimme von Männern, die eine entschlossene Trennug
und einen „krassen Bruch" mit den Sozialchauvinisten wünschen. Das ist die
Stimme des Trotzkismus.
Das letzte der angeführten Zitate führt uns zu unserem jetzigen Streit
mit Trotzki. Worin gehen wir mit ihm am meisten auseinander ? In der Auf-
fassung über den Zusammenhang des Opportunismus mit dem Sozialchauvinis-
mus und in der Frage der Trennung von den Sozialchauvinisten. Angefangen mit
seiner Broschüre bis zu seinen Artikeln in „Nasche Slowo" beurteilt Trotzki
237
die Führer des Opportunismus und den Opportunismus selber als gewisse „Opfer
des Regimes". Es handelt sich ja garnicht um den Opportunismus der Führer
und um eine opportunistische Richtung, sondern um den ..Possibilismus" der
ganzen vorhergehenden Epoche selbst. In dieser Gegenüberstellung steckt eine
verklauselierte Verteidigung des Opportunismus. Es unterliegt keinem Zweifel,
daß der Opportunismus, wie überhaupt alles in der Welt, seine objektiven Ur-
sachen im Milieu und der Gesamtheit der Verhältnisse hat. Es wäre ein kindischer
Unsinn, das ganze durch den „Verrat"' einzelner Führer, ihre moralische Labili-
tät usw. erklären zu wollen. Es ist notwendig, jene objektiven Verhältnisse, die
den Opportunismus mehren, zu begreifen (mid in Paranthese bemerkt, haben
nur die Resolutionen der Berner Konferenz diesbezüglich eine klare Antwort
gegeben). Aber in der Politik gilt am wenigsten der Grundsatz: begreifen heißt
verzeihen. Hatte denn der Anarchismus nicht seine objektiven Vorbedingungen
im umgebenden Milieu, als er in der Arbeiterbewegung Spaniens, Hollands, der
vSchweiz, Frankreichs usw. dominierte? Haben denn die russischen Sozial-
revolutionäre, der Terrorismus usw. nicht ihre Wurzeln im Agrarcharakter
Rußlands und der eigentümlichen sozialen Lage der russischen Intellektuellen ?
Werden denn der christliche Sozialismus und der Antisemitismus, die unter den
Arbeitern Österreichs, Deutschlands, Hollands, Belgiens usw. einen gewissen
Erfolg haben, nicht von gewissen sozialen Wurzeln getragen ? Aber was würden
wir von einem Mann sagen, der, wenn die Rede vom Kampfe mit den Anarchisten,
Sozialrevolutionären usw., von der Schaffung einer von ihnen abgesonderten
Arbeiterpartei usw. ist, uns zu belehren anfinge: es handelt sich ja garnicht um
Anarchismus oder um Sozialrevolutionäre, sondern es handelt sich um die Epoche,
um das Milieu, um die Situation ? Wir würden sagen, dieser Mann hat entweder
keine Grütze im Kopf oder er hat ein politisches Interesse daran, die Frage zn
verwirren, um die Einheit mit den Anarchisten, Sozialrevolutionären usw. zu
fördern. Auf Grund der Schriften Trotzkis gelangen wir zu der Überzeugung,
daß sein politisches Interesse, seine politische Richtlinie danach strebt, es 511
einem völligen Bruch mit den Sozialcha uvinisten und Opportunisten nicht kor. 1
zu lassen. Die Lehren des Krieges haben in dieser Hinsicht Trotzki nichts bei-
gebracht. Er bleibt „Trotzkist". Wie er früher für die Einheit mit den Liqui-
datoren eintrat, so tritt er jetzt für die Einheit mit den Chauvinisten ein.
Als der Kampf mit dem Liquidatorentum erst begann, erklärte Trotzki
im „Vorwärts" und in seiner Wiener „Prawda" ebenfalls, daß auch er im Liqui-
datorentum eine gewisse Beschränktheit erblicke. Er billigte „nur" den Kampf
gegen die Liquidatoren nicht {„nicht Kampf, sondern Überwindung" war seine
Formel) und er verteidigte die raison d'ete*) des Liquidatorentums mit den-
selben „objektiven" Argumenten, wie er jetzt den Sozialchauvinismus ver-
teidigt. Die Schuld liege an der historischen Beschränktheit der Epoche der
Konterrevolution usw. Das Liquidatorentum war natürlich in Wirklichk.it
unzweifelhaft ein Resultat der Konterrevolution! Aber bedeutet denn das, daß
*\ Daseinsberechtigung.
238
man zur Bekämpfung der Konterrevolution eine von ihr erzeugte geistige Richtung
verfechten müsse? Ein solcher „Objektivismus" sieht bestenfalls einem Fatalis-
mus ähnlich. Schlimmstenfalls aber ist er eine Haarspalterei zum Schutz einer
verlorenen Sache . . .
Ihr wollt die sozialdemokratische Partei „in Stücke schneiden", Ihr
„schneidet ins Fleisch des Proletariats" usw. — mit solchen wo hl tönenden
Phrasen traktiert uns der Trotzkismus. Welchen Sinn haben diese Phrasen ?
Wir wissen wohl, daß im allgemeinen Einheit — unter übrigen sonst gleichen
Bedingungen — besser ist, als Spaltung. Aber wollt Ihr, meine Herren, damit
sagen, daß, wenn es sich um Arbeiterorganisationen handelt, die Spaltung unter
keinen Umständen zulässig sei ? Geht es um Arbeiterorganisationen, so müsse
man geduldig abwarten, bis die Meinungsverschiedenheiten im Laufe der Zeit
durch das Leben „überwunden" würden? Mit anderen Worten, wollt Ihr sagen,
daß es überhaupt keine Situation gibt, wo die Spaltung zur heiligsten Pflicht des
Revolutionärs wird ?
Aber — wie war es damals mit dem Anarchismus, mit den christlichen
Gewerkschaften, mit den Hirsch-Dunckerschen Gewerkschaften ? Haben sie
nicht Hunderttausende wirklicher Arbeiter ? Und wir, die wir alles mögliche
anstellen, um diese Arbeiter nach und nach zu uns herüberzuziehen — vollziehen
wir nicht die Spaltung in diesen Organisationen gerade im Interesse einer
möglichst schnellen Gewinnung der übrigen Arbeiter für die Sozialdemokratie ?
Folglich gibt es Verhältnisse, und gibt es einen Grad der Meinungs-
verschiedenheit, wo die Spaltung notwendig wird. Es fragt sich also nur
ob im gegenwärtigen Moment solche Verhältnisse in bezug auf die Sozial-
chauvinisten, die die Linie des Opportunismus weiterführen, vorliegen.
Wir „schneiden ins lebendige Fleisch": nicht wir „schneiden", sondern
wir werden geschnitten. Wenn es ums Ganze geht, so ist es um Teile nicht mehr
zu tun! Die Sozialchauvinisten haben der Sozialdemokratie alles genommen.
Die Opportunisten haben die Sozialdemokratie zu einer nationalliberalen
Arbeiterpartei diskreditiert. Es fragt sich, ob wir uns vom Sozialchauvinismus
aufsaugen lassen wollen, ob wir auch jetzt anerkennen wollen, daß ein gemein-
sames Vorgehen mit den Sozialchauvinisten in einer und derselben Partei möglich
sei, oder — ob unser sozialistischer Selbsterhaltungstrieb noch so lebendig in uns ist,
daß wir in uns die Kraft finden werden, mit den bürgerlichen Verderbern des So-
zialismus zu brechen und unsere eigenen Wege einzuschlagen. Es handelt sich darum,
ob der Sozialismus sein soll oder nicht. Nicht mehr und nicht weniger.
Die II. Internationale konnte sich nicht bilden, ohne sich endgültig von
den Anarchisten getrennt zu haben. Nun wird Trotzki leugnen, daß die prin-
zipielle Meinungsverschiedenheit und die psychologische Entfremdung zwischen
den Sozialdemokraten und den Nationalisten und den Sozialchauvinisten jetzt
nicht geringer, ja größer ist, als es in bezug auf die Anarchisten der Fall war,
zur Zeit, als die I. Internationale und die neu entstehende II. Internationale
sich von ihnen trennten ? Oder bleibt die alte Weisheit, die Toleranz nach
rechts und Intoleranz nach links vorschreibt, in Kraft? . . .
239
Die Internationale müsse wieder hergestellt werden aus den alten Parteien
auf dei alten Grundlage. Dann wird es nicht die III., sondern die e'e.che
II. Internationale sein. So piedigt Kautsky, so echot ihm Kossovvski. Wodurch
unterscheidet sich von ihnen Trotzki ? Absolut durch nichts, außer den Phrasen.
„Doch wir lassen „prinzipiell" eine Spaltung zu", erwidern uns die
Trotzkisten (vergl. die Artikelserie „Unsere Position" in „Nasche Slowo*').
Wir behaupten nur, daß dies von der Zweckmäßigkeit abhängt. Es ist zweck-
mäßig, sich von den Sozialchauvinisten zu spalten nur in den Fällen, wo . . .
dies zweckmäßig ist, — das ist die tiefe Weisheit, die uns in den langatmigen
Artikeln serviert wird. Mag sein, antworten wir. Ihr habt eine sehr wichtige
Entdeckung gemacht: die Zweckmäßigkeit sei dann zweckmäßig, wenn sie
zweckmäßig ist. Wir wollen es zugeben. Wir wollen auch zugeben, daß die
Frage nach der Zweckmäßigkeit den Sozialisten jedes betreffenden Randes
überlassen werden müsse — den deutschen Linken in Deutschland*), den
russischen in Rußland usw. Aber nun sind wir doch sozusagen russische So-
zialisten. Über unser Land können wir urteilen. Es ist fast ein Jahr des Krieges
vergangen. Fast alle Richtungen haben sich restlos geäußert. Nun, möchten
Sie nicht die Güte haben, uns zu sagen: ist bei uns in Rußland die Einheit mit
den Sozialchauvinisten und ihren Verteidigern „zweckmäßig" ?
Auf diese einfache und klare Frage werden Sie vergebens eine klare Antwort
von „Nasche Slowo" erwarten. Und das, was Ihnen nach wiederholtem Mahnen
Trotzki vielleicht doch antworten wird, wird Ihnen zum 1001. Mal die feststehende
Wahrheit bestätigen: der Trotzkismus ist an die Organisations-Kommission
und den Sozialchauvinismus gekettet, wie der Galeerensträfling an die Galeere,
oder wie Trotzki vor dem Kriege an das Liquidatorentum gekettet war. . . .
Trotzki behauptet gerne, daß er mit uns nur in Fragen der Organisation
auseinander gehe. Das ist absolut falsch. Wir streiten gar nicht über Formen
und Einzelheiten des organisatorischen Parteiaulbaus. Für die revolutionäre
Sozialdemokratie bestehen jetzt nicht Fragen der Organisation, sondern eine
Organisationsfrage. Das ist die Frage nach dem Sein oder Nichtsein der sozial-
demokratischen Partei, nach dem Bruch mit jenen, die niederträchtig das
sozialdemokratische Banner preisgegeben und die Sozialdemokratie der Schmach
des Sozialchauvinismus ausgeliefert haben. Das ist die Frage nach der Fort-
*) Ein paar Worte über die deutschen Linken. Wir begrüßen von ganzem Herzen
die „Internationale" und die „Lichtstrahlen". Wir äußerten unsere Ansicht dahingehend,
daß die Trennung von den deutscheu Südekums — ganz abgesehen vom Tempo, vom
Termin, von den Formen und Methoden — notwendig ist. Wir hoben hervor, daß unter
den deutschen Linken manche Anhänger der Spaltung sind. Darauf antworteten uns die
„Trotzkisten", daß lange nicht nl',« deutschen Linken für die Spaltung seien. Das wissen
wir sehr wohl. Und wir glauben, um so schlimmer für sie. Du sohst Dir keinen Abgott
schaffen . . . Nach alledem, was geschehen ist, machen wir uns auch aus den deutschen
Linken keine Götzen. Wir streben mit aller Kraft nach einer Annäherung mit ihnen. Wir
wissen, daß davon am meisten abhängig ist, ob die II I. Internationale aus Elementen
gebildet sein wird, die mit dem Opportunismus gebrochen haben. Wir treten für die Schaffung
oiner solchen Internationale vollkommen ein. Die Frage der Zweckmäßigkeit existiert
IAO
setzung und Verzehnfachung des Kampfes gegen die Liquidatoren, die sich
zu Sozialchauvinisten gemausert haben. Darin, im Verhalten der Sozialdemo-
kratie zum Opportunismus, dem Verhalten, das zum Zusammenbruch der
II. Internationale geführt hat, steckt der Kern der Frage.
Trotzki steht in einem kleinlichen unprinzipiellen Gezänk mit den Liqui-
datoren. Aber er ist der ihrige. Er gehört ihnen mit Recht. Heut verteidigt
er noch schamhaft allein die Fraktion Tschcheidse, morgen wird er schon direkt
die O.-K. verteidigen, und übermorgen wird er von neuem hinter „Nascha Sarja"
hertorkerln. So war es, so wird es sein.
Man sehe doch, was dieser „Internationalist" schreibt, um sich mit der
Fraktion Tschcheidse zu „vereinigen". Wir begrüßten diese Fraktion wegen
ihres Ausschlusses von Manjkow. Aber wir sagten, dies allein genüge nicht,
die Fraktion, das einzige öffentliche Organ der Sozialdemokratie, sei verpflichtet,
sich von Plechanow, „Nascha Sarja" usw. abzusondern. Für jeden Internatio-
nalisten ist es klar, daß dies in Wahrheit seine Pflicht ist. Man stelle sich einen
Moment lang vor, die Russische Sozialdemokratische Arbeiterfraktion wäre
nicht verhaftet worden. Man stelle sich vor, daß in unserem Flügel ebenso
verantwortliche Männer wie Plechanow, Potressow, An, Lewitzki, Maßlow
und Tscherewanin im Brüsseler Block sind und eine chauvinistische Linie ver-
folgen. Und man stelle sich vor, daß die R. S.-D. Arbeiterfraktion darüber
schweigt und die Verantwortung für ihre nächsten Organe ablehnt. Was würde
man dazu sagen ?
Allein eine Stimmenthaltung für die Kriegskredite in Rußland genügt
nicht. Wir haben bereits gesehen, daß der Chauvinist Kerenski gegen das Budget
stimmte. Manjkow wollte sogar vom Standpunkt Plechanows und Konsorten
eine Dummheit begehen. Man merke: weder Plechanow noch sonst jemand
hat Manjkow unterstützt. Weshalb ? Deshalb, weil die Sozialchauvinisten
auf die Arbeiter einen Einfluß ausüben wollen und wissen, daß der russische
Arbeiter durch ein zur Schau getragenes sozialchauvinistisches Benehmen nur
abgestoßen wird.
Bemerkenswert ist, daß die Fraktion Tschcheidse selbst von ausgemachten
Sozialchauvinisten aus aller Leibeskraft gelobt wird. Herr Alexinski nimmt
den Delegierten Skobelew in Schutz. Im Plechanowschen Sammelbuch „Der
Krieg" erzählt Kacheli, daß mindestens zwei Drittel der kaukasischen Arbeiter
für uns nicht. Sie ist für uns entschieden. Für uns existiert lediglich die Frage nach der
Realisierbarkeit einer solchen 'Internationale in der nächsten Zeit. Eine solche Inter-
nationale kann (das ist eine Binsenwahrheit) nur in dem Fall geschaffen werden, wenn
für sie eine Basis in den verschiedenen Ländern vorhanden sein wird. Ob sich das jetzt
verwirklichen läßt, wissen wir nicht. Wenn nicht, so bleibt unserer Partei nichts anderes
übrig, als einstweilen die äußerste linke Opposition innerhalb der alten Internationale
zu bleiben. Aber was wir bestimmt wissen, das ist, daß unsere russische Partei in unserem
Lande die ganze Propaganda und Agitation unter unserem russischen Proletariat führen
wird, namentlich in der Richtung des Bruches mit den Opportunisten und der Schaffung
einer marxistischen Internationale.
16 241
dem Sozialchauvinisten An folgen, und daß Tschcheidse, der getreue Wort-
führer dieser kaukasischen Sozialdemokratie, an patriotischen Deputationen
teilnimmt usw. (S. 95, 96). Ein anderer kaukasischer Chauvinist, Maschinadse,
ist in Nr. 2 des Nachrichtenblattes der O.-K. ebenfalls sehr zufrieden mit
Tschcheidse; er erzählt, daß die Polemik mit An in „kameradschaftlicher Form"
geführt werde, und spricht seine völlige Zuversicht aus, daß auf dem Kaukasus
die „Einheit" mit An und seinen Anhängern gesichert sei. Und Plechanow
hat bereits eine „patriotische" Erklärung vorbereitet für die Weigerung der
Fraktion Tschcheidse, die Kriegskredite zu bewÜligen; eine solche Weigerung
sei für „Patrioten" durchaus zulässig, wenn sie überzeugt sind, daß ihre Re-
gierung außerstande sei, ordentlich das „Vaterland" zu verteidigen.
Nicht uninteressant sind auch folgende Blättermeldungen über die Tätigkeit
des Abgeordneten Tschcheidse. „Rjetsch" (Nr. 158) schreibt: „Am 10. Juli
abends fand eine Konferenz der progressistischen Abgeordneten statt; es nahmen
auch die Abgeordneten anderer Fraktionen teil, so Graf Wl. Bobrinski, T. N.
Tschichatschew, Fürst P. P. Schachowskoj, N. N. Opotschinin, M. W. Sawitsch,
P. N. Miljukow, A. I. Schingarew, A. F. Kerenski, N. S. Tschcheidse u. a. m.
Es wurde die Frage der Teilnahme der Abgeordneten an der Versorgung der
Armee besprochen." „Kiewskaja Mysl" (Nr. 167) meldet: „Die progressistische
Fraktion hat den Entwurf zur Organisation eines Verteidigungskomitees aus-
gearbeitet. . . An der Spitze des Komitees steht ein von seiner Majestät ein-
gesetzter Mann, dem das Recht persönlicher Berichterstattung zukommt. Das
projektierte Komitee wurde in der Sitzung beraten, an der Vertreter auch
anderer Fraktionen teilnahmen. Es ist charakteristisch, daß für die Verwirk-
lichung des Projektes sich einerseits Graf W. A. Bobrinski und D. M. Tschi-
chatschew äußerten, und andererseits A. F. Kerenski und N. S. Tschcheidse."
Und in „Kiewskaja Mysl" (Nr. 178) lesen wir schließlich einen Brief an die
Redaktion vom Abgeordneten Tschcheidse anläßlich der Ältestenkonferenz,
worin Tschcheidse eigentümlicherweise nur erklärt, daß er „an den Veränderungen,
die nach der Sitzung vorgenommen wurden", nicht teilgenommen habe und
„diese Veränderungen nur als redaktionelle" nicht anerkennen könne. In Nr. 5
der chauvinistischen Zeitschrift „Sowremenni Mir" schreibt der Abgeordnete
Tschchenkeli :
„Wollte man behaupten, daß die deutsche Sozialdemokratie imstande war,
das militärische Eingreifen ihres Landes zu verhindern und es nicht getan hat }
so würde es bedeuten, daß man entweder heimlich wünscht, daß sie auf den Barrikaden
nicht nur ihren, sondern auch ihres Vaterlandes letzten Hauch ausatme, oder daß
man Dinge, die nah beieinander liegen, durch ein anarchisches Fernrohr betrachtet."
(1915, Nr. 5, S. 148.)
All das weiß Trotzki. Er weiß auch, daß in Petrowskis Tagebuch (einem
Dokument von seltener Aufrichtigkeit) notiert ist: selbst Tschcheidse hält
Reden über den „Befreiungskrieg". Und dennoch erlaubt sich Trotzki eine
offenkundige Unwahrheit zu sagen.
242
Das Verhalten der fünf Abgeordneten hat sich prinzipiell durch nichts (! ! !)
vom Verhalten der anderen Hälfte der Fraktion unterschieden", schreibt Trotzki.
Durch nichts unterschieden ? ! Um es mit den Liquidatoren nicht zu
verderben, machen Sie es sich zugute, daß wir Sie öffentlich nicht stellen können.
Sie wissen wohl, daß die Liquidatoren (und ihre Dumafraktion) prinzipiell
jene Arbeit in den Massen ablehnt, über die der Prozeß gegen unsere Abge-
ordneten den Schleier gelüftet hat. Sie begreifen wohl, warum die Zarenbande
einen Trennungsstrich zwischen der R. S.-D. Arbeiterfraktion und der Fraktion
Tschcheidse gezogen hat. Sie bezweifeln ebenso wie wir, daß die Richtung
von „Nascha Sarja" war, ist und sein wird die Richtung der Fraktion Tschcheidse,
und daß alle kleinen „Korrekturen" daran nichts ändern werden. . .
Der Zusammenschluß der russischen Internationalisten ohne Unterschied
der früheren Fraktionen wird auch entgegen dem „Trotzkismus" stattfinden,
wie der Zusammenschluß von 9 /io der klassenbewußten Arbeiter unter dem
Banner der Petersburger „Prawda" vor dem Kriege stattgefunden hat. Im
gegenwärtigen Augenblick mag es infolge einer optischen Täuschung den Anschein
haben, daß Trotzkis Blatt das Organ einer besonderen selbständigen Richtung
darstellt. Um ein Blatt vom Schlage des „Nasche Slowo" in Paris zustande-
zubringen, bedarf es gar keiner Verbindung mit den russischen Arbeitern. Wenn
es aber zum ernsthaften Kampfe vor den Massen in Rußland kommen wird,
dann wird es sich von neuem zeigen, daß wir nur zwei ernstzunehmende und
selbständige Plattformen haben: die unserer Partei und die der Partei, die
von „Nascha Sarja" geschaffen wird, und hinter der die ganze Zeit hindurch
der Trotzkismus hereilen muß.
10. Der Nationalchauvinismus und die „Niederlage Rußlands".
Bevor wir diesen Aufsatz schließen, müssen wir noch bei der Frage nach
der sogenannten „Niederlage Rußlands" verweilen. In diesem Punkte treten
gegen uns in geschlossener Phalanx hervor: die direkten Sozialchauvinisten
(das Gezeter des Herrn Alexinski wegen des „Defaitismus"), das rechte Zentrum
(Herr Semkowski in Nr. 2 der „Iswestija") und das „linke Zentrum" (siehe
die wenig einleuchtenden Bemerkungen diesbezüglich bei Trotzki in seinem
offenen Schreiben an die Redaktion des „Kommunist").
Wir sind fest überzeugt, daß die Vereinigung des Zentrums mit den Sozial-
chauvinisten in diesem Punkte keineswegs zufällig ist. Est modus in rebus.*)
In seiner Broschüre über den Krieg behauptet G. Plechanow, daß nur die
Liberalen eine Niederlage ihrer despotischen Regierungen herbeizuwünschen
pflegten, in der Hoffnung auf die Erweiterungsmöglichkeit der politischen
Freiheit, für die zu kämpfen sie selber weder Kraft noch Lust hatten. „So argu-
mentieren einstmals unsere Liberalen und sogar die Slavophilen." Während
des Krimkrieges fand Chomjakow,**) . . . daß eine Niederlage Rußlands einen
*) Die Sache hat einen Sinn.
**) Schade, daß Plechanow sich an Chomjakow erinnert, aher nicht an Kerzen und
Tschernyschewski.
16* 243
gesunden Ansporn seiner inneren Entwicklung verleihen würde, schreibt Plecha-
now (S. 25). Als Isgojew diese Stelle bei Plechanow las, bemerkte er ziemlich
mit Recht: Plechanows Seitenhieb auf die Liberalen ist offensichtlich an den
Haaren herbeigezogen; wir Liberalen sind ja ganz und gar mit der Stellungnahme
Plechanows einverstanden und keineswegs mit der „Stellungnahme jener Sozial-
demokraten, die für eine Niederlage sind". („Rjetsch" vom 8. — 21. Februar 1915.)
Plechanow ist natürlich vollkommen im Unrecht. Daß die Niederlage einer
despotischen Regierung im Kriege einer demokratischen Umwälzung im Lande
förderlich sein kann, dieser Gedankengang ist keineswegs dem Liberalismus eigen.
In meinem Aufsatz „Der Krieg und das Schicksal unserer Befreiung"
(Abgedruckt in diesem Buche. Die Uebersetz.), zitierte ich die Meinung eines
solchen „Liberalen" wie Wilhelm Liebknecht, der schrieb: „Hat man denn je
gehört, daß eine despotische Regierung nach einem erfochtenen Sieg liberal
geworden wäre ? Mit besiegten Regierungen geschah das mitunter für kurze
Zeit. Beispiel: Preußen 1806 oder Österreich 1866." Ich will jetzt die Ansicht
noch eines „Liberalen", August Bebeis, zitieren. In seinen Erinnerungen,
die 1910 erschienen sind, schreibt er, daß er und Liebknecht im Kriege 1866
für eine Niederlage ihres „Vaterlandes", d. h. Preußens, waren und er meint dabei :
„Man hat Liebknecht und mir später öfter die Frage gestellt, was ge-
worden wäre, wenn statt Preußen Österreich siegte . . . Meine Ansicht ist, daß
für ein Volk, das sich in einem unfreien Zustand befindet, eine kriegerische
Niederlage seiner inneren Entwicklung eher förderlich als hinderlich ist . . . Das
lehrt uns 1806/07 für Preußen, 1866 für Österreich, 1870 für Frankreich, die
Niederlage Rußlands im Kriege mit Japan 1904. Die russische Revolution wäre
ohne jene Niederlage nicht gekommen, ja sie wäre durch einen Sieg des Zaren-
tums auf lange Zeit unmöglich gewesen." („Aus meinem Leben", Stuttgart
1911, Band 1, S. 164.)
Ich erinnere ferner an die Ansicht eines dritten, ziemlich bekannten „Libe-
ralen" und „Defaitisten", nämlich Friedrich Engel' 's. In einem Brief an K. Marx
vom 2. April 1866 schreibt er aus Anlaß des österreichisch-preußischen Krieges:
„Mein größter Wunsch ist, daß Preußen heillose Prügel bekommt, dann . . .
wird in Berlin eine Umwälzung stattfinden" usw. (Briefwechsel zwischen Marx
und Engels, Band III, S. 306.)
Ich will schließlich daran erinnern, daß während des deutsch-französischen
Krieges vor Sedan viele französischen Sozialisten „Defaitisten" waren. Sie
wünschten eine Niederlage der Armee Bonapartes herbei im Interesse der Be-
freiung Frankreichs vom Bonapartismus. Darüber können unsere jetzigen
„Patrioten" viel interessante Ausführungen finden, sei es auch nur bei ihrem
jetzigen Gesinnungsgenossen Herve in seinem Buch: „Leur patrie".*)
*) Ich möchte noch auf folgendes hinweisen. Die Zeitung „Nasche Slowo" teilt
unsere Auffassung über eine Niederlage Rußlands nicht. Aber diese Zeitung bringt manch-
mal nicht uninteressante Korrespondenzen über die Lage in Rußland, die Stimmung in
der Heimat usw. Und in diesen Korrespondenzen lesen wir in einemfort: der Zarismus
lehrt das russische Volk, eine Niederlage zu wünschen; die Stimmung der Regierung geht
244
So argumentierten Sozialisten sogar in bezug auf die Kriege der vergangenen
nicht imperialistischen Epoche. So argumentierten alle revolutionären Sozial-
demokraten im russisch-japanischen Kriege. Aber im jetzigen imperialistischen
Weltkriege, da von beiden Seiten ausschließlich die Interessen der Magnaten des
Finanzkapitals mitspielen, da von gar keinen Elementen des Fortschritts, der
nationalen Vereinigung oder der Befreiung die Rede sein kann, da können in
keinem der kriegführenden Länder die Internationalisten einen konsequenten
Kampf gegen ihre Regierung und gegen ihre Chauvinisten führen, wenn sie
nicht in ihrer Agitation den Grundsatz verfechten, daß die Niederlage der Im-
perialisten ihres „Vaterlandes" vom Standpunkt der Interessen des Proletariats
das kleinere übel sein würde.
Auf die Frage nach der Niederlage ihres „Vaterlandes" stoßen die Sozial-
demokraten-Internationalisten unvermeidlich überall zu Beginn ihres Kampfes
gegen den Sozialchauvinismus. In der Tat, wie stellen die Sozialchauvinisten
die Frage ? Wie verteidigen sie die Politik des Burgfriedens ? Sie sagen : Gewiß,
wir bleiben Sozialisten, gewiß, wir wissen, daß unsere Regierung und unsere
Bourgeoisie unsere Klassengegner sind, gewiß, wir empfehlen nicht, den Klassen-
kampf für immer einzustellen. Aber was soll man machen, wenn der äußere
Feind vor dem Tore steht ? Soll man den Klassenkampf im Lande fortsetzen, . . .
würde es nicht heißen, die militärische Kraft unserer Regierung schwächen?
Und das wird doch dem äußeren Feinde zunutze kommen.*) Folglich seid Ihr
für eine Niederlage Eures Landes? Sagt: Ja oder Nein? Wenn nein, so müßt
Ihr uns zugeben, daß vorläufig — natürlich, nur vorläufig! — der Klassenkampf
eingestellt und durch eine Politik des Burgfriedens ersetzt werden müsse.
In dieser Fragestellung steckt entschieden Logik. Die Sozialchauvinisten
haben entschieden recht, wenn sie sagen, daß wir dadurch, daß wir den Klassen-
kampf im Kriege fortsetzen, unzweifelhaft die militärische Kraft miserer Re-m Lande wird die Arbeiterpartei sich in nationalem
Rahmen abschließen können. Der Krieg wird zu Ende gehen. Aber die von
ihm aufgeworfenen Probleme werden Jahre, ja vielleicht Jahrzehnte die ganze
Politik des internationalen Sozialismus färben.
Sozialismus für Länder mit fortgeschrittener Entwicklung, demokratische
Umwälzung für sehr rückständige Länder und insbesondere für Rußland, —
das ist unsere Parole.
Die Frage nach dem Kampfe des europäischen Proletariats gewinnt für
die Arbeiterklasse Rußlands das unmittelbarste, brennendste, absolut praktische
Interesse. Von tausend wohltätigen Folgen wird dieser Kampf, — falls er sich
entfalten sollte — auch für das russische Proletariat sein. Infolge des Krieges
ist das Geschick des russischen Proletariats enger und unzertrennlicher denn
je an das Los des Proletariats der fortgeschrittenen, kapitalistischen Länder
geknüpft. Der Kampf der Arbeiter im Westen Europas (und in Amerika) ist unser
Kampf, und umgekehrt, der Kampf der Arbeiter im Osten Europas ist ihr Kampf.
*) Unsere Auffassung über die Friedensparole habe ich ausführlicher dargelegt in
den Aufsätzen: „Die Parole der revolutionären Sozialdemokratie" und: „Pazifismus oder
Marxismus'* (in diosom Buch veröffentlicht. Die Übers.)
250
Sozialismus für alle Länder mit fortgeschrittener kapitalistischer Ent-
wicklung! Aber — sind die ökonomischen Voraussetzungen für den Sozia-
lismus reif?
Wir können hier nicht mit Ziffernmaterial in der Hand auf eine ausführ-
liche Untersuchung dieser Frage eingehen. Wir wollen hier nur die Ansichten
der angesehensten Autoritäten der II. Internationale anführen, die sie vor
dem Kriege geäußert haben.
„Der Sozialismiis ist heute schon eine ökonomische Notwendigkeit geworden,
die Zeit seines Kommens nur noch eine Frage der Macht. Dem Proletariat diese
Macht durch Organisation und Aufklärung zu schaffen, ist heute mehr als je
die wichtigste Aufgabe der Sozialdemokratie. Nichts sonderbarer, als jene So-
zialisten, die glauben, daneben auch noch für eine weitere Machtentfaltung des
Kapitalismus sorgen zu müssen.' [i Das schrieb kein anderer als Karl Kautsky
im Jahre 1907 in seiner Broschüre: „Sozialismus und Kolonialpolitik" (Berlin
1907, S. 37) und ebenda fügt er hinzu:
„Unser Ziel muß sein : Aufgebung der Kolonien, Freigebung der Nationen,
die sie bewohnen. Nur davon kann man vom proletarischen Standpunkt aus
reden" (S. 45).
Die ökonomischen Voraussetzungen für die sozialistische Umwälzung
sind reif, — so sprach Kautsky auch früher, 1903, in seiner bekannten Broschüre:
„Soziale Revolution", so sprach er auch in seiner späteren (1909) Arbeit: „Der
Weg zur Macht".
„Die Antwort des Proletariats auf die Wirtschaftspolitik des Finanz-
kapitals, den Imperialismus, kann nicht der Freihandel, kann nur der Sozialismus
sein. . . Der Sozialismus hört auf, ein fernes Ideal zu sein, hört selbst auf, ein
„Endziel" zu sein, das nur richtunggebend auf die „Gegenwartsforderungen"
einwirkt, und wird zu einem wesentlichen Bestandteil der unmittelbaren prak-
tischen Politik des Proletariats. . . Das Finanzkapital bedeutet seiner Tendenz
nach die Herstellung der gesellschaftlichen Kontrolle über die Produktion.
Es ist aber Vergesellschaftlichung in antagonistischer Form, die Herrschaft
über die gesellschaftliche Produktion bleibt in den Händen einer Oligarchie.
Der Kampf um die Depossedierung dieser Oligarchie bildet die letzte Phase des
Klassenkampfes zwischen Bourgeoisie und Proletariat. . . Die Besitzergreifung
von sechs Berliner Großbanken würde ja heute schon die Besitzergreifung der
wichtigsten Sphären der Großindustrie bedeuten und in der Übergangsform, solange
kapitalistische Verrechnung sich noch als opportun erweist, die Politik des
Sozialismus in ihren Anfängen außerordentlich erleichtern." Das schrieb Rudolf
Hilferding in seinem „Finanzkapital" (Marx-Studien, Wien, 1910, S. 472—473).
„Der Sieg des Imperialismus ist aber eine Niederlage der Arbeiterklasse
in diesen Ländern. . . Auch der imperialistische Weltkrieg der Zukunft wird
zweifellos eine revolutionäre Bewegung auslösen. . . Gerade die imperialistische
Welterschütterung wird die sozialistische Weltumwälzung einleiten". So schrieb
Otto Bauer 1907 in seinem Buch: „Die Nationalitätenfrage und die Sozial-
demokratie" (Wien, 1907, S. 439, 440—441).
251
Der Parteivorstand der deutschen Sozialdemokratie selbst hat in der
offiziellen Parteibroschüre („Imperialismus oder Sozialismus"), die 1912
vom Vorstand in vielen tausend Exemplaren verbreitet wurde, folgendes
geschrieben :
„Wenn die 300 Kapitalmagnaten ersetzt würden durch Vertrauensmänner.
des Proletariats, dann könnte die Produktion ohne weiteres anstatt im Interesse
des Kapitals im Interesse der arbeitenden Klassen geleitet und der Übergang zur
sozialistischen Organisation der Volkswirtschaft begonnen werden. Soweit ist
heute schon die kapitalistische Vorarbeit gediehen.'' („Sozialdemokratische Flug-
schriften" XII. „ T inperialismus und Sozialismus", 1912, S. 3.)
Und man höre, was August Bebel im Reichstag während der Marokko-
Debatte sprach:
„Dann kommt die Katastrophe. Alsdann wird in Europa der große General-
marsch geschlagen, auf den hin 16 bis 18 Millionen Männer, die Blüte der ver-
schiedenen Nationen, ausgerüstet mit den besten Mordwerkzeugen, gegen-
einander als Feinde ins Feld rücken."
„Aber nach meiner Überzeugung steht hinter dem großen Generalmarsch
der große Kladderadatsch . . . Sie werden ernten, was Sie gesäet haben. Die
Götterdämmerung der bürgerlichen Gesellschaft ist im Anzug. Seien Sie sicher,
sie ist im Anzug! Sie stehen heute auf dem Punkte, Ihre eigene Staats- und
Gesellschaftsordnung zu untergraben, Ihrer eigenen Staats- und Gesellschafts-
ordnung das Totenglöcklein zu läuten." („Imperialismus und Sozialismus",
S. H.)
Das ist die Sprache, die die renommiertesten Vertreter der II. Inter-
nationale vor 1914 sprachen!
Wir haben absichtlich die Repräsentanten des „marxistischen Zentrums"
angeführt: Kautsky, Hilferding, Bauer, den Parteivorstand. Wenn Kautsky
jetzt, um den Sozialchauvinismus in Schutz zu nehmen, den deutschen „Linken",
unseren Gesinnungsgenossen Pannekoek u. a., den Kampf um die „sofortige"
Einführung des Sozialismus unterstellt, so sagt er bewußt eine . . . Unwahrheit.
Die Frage ist nicht, in welcher Zeit der Sozialismus eingeführt werden würde.
Die vom Kriege geschaffene Krise kann auch einen qualvoll langsamen Weg
gehen, kann unter gewissen Umständen die Organisation der Arbeiterklasse für
viele Jahre zurückwerfen. Es ist keineswegs die Pflicht der Internationalisten,
die nächste Zukunft im Eichte eines rosigen Optimismus zu sehen. Wir
lassen die Möglichkeit zu, daß unter gewissen Umständen die Kriegskrise
neue, ungeheure Schwierigkeiten auf dem Wege der internationalen Arbeiter-
bewegung schaffen werde. Aber sie kann unter keinen Umständen jene
ökonomischen Voraussetzungen für den Sozialismus zerstören, die von der
ganzen vorhergehenden Periode des Kapitalismus geschaffen worden sind.
Die vom Krieg zerstörten Produktivkräfte werden gleich nach dem Kriege
in allen kapitalistischen Ländern sich fieberhaft erholen. Die Herrschaft des
Finanzkapitals wird bleiben.
252
„Kautsky würde wohl in nicht geringe Verlegenheit geraten, wenn ihn
jemand in aller Höflichkeit am Kragen packen und ersuchen würde. . . . den
Kauz zu nennen, der eine „sofortige Durdiführung" des Sozialismus fordert",
schrieb neulich Genossin Rosa Luxemburg in dem ausgezeichneten Kampf-
blatt „Die Internationale". (Neudruck, Futurus-Verlag, München, S. 94.)
Nichts anderes als das, was Kautsky 1007 sagte, was Hilferding, Bebel, Bauer
sagten, nichts anderes wollen auch wir jetzt. „Der Sozialismus ist heute schon
eine ökonomische Notwendigkeit geworden, die Zeit seines Kommens nur noch
eine Frage der Macht." Das ist unser Grundsatz. Wir wollen dieser Aufgabe
alle unsere Kräfte widmen; wir wollen dieses propagieren, wollen das Proletariat
der vorgeschrittenen Länder dazu aufrufen und die verräterische, bürgerliche
Losung der „Vaterlandsverteidigung" entlarven, die dieser These hohnlacht.
Vielleicht wird manches Jahr oder gar manches Jahrzehnt verstreichen, bis die
„Frage der Macht" entschieden sein wird. Aber — ■ laßt uns Kräfte sammeln
und nicht sie verbrecherisch vergeuden, laßt uns arbeiten in dieser Richtung,
laßt uns jenes große Gebot erfüllen, das unserer Generation durch die ganze
Weltgeschichte überliefert wurde, das längst die großen Lehrmeister der Arbeiter-
klasse Marx und Engels mit ihrem geistigen Auge sahen, für das Tausende
Pariser Kommunards starben, dem unsere besten Kämpfer ihr Herzblut weihten.
Das sagen wir, gemeinsam mit den einzigen Sozialisten in der deutschen Sozial-
demokratie, jenen Genossen, die das Banner des Protestes gegen die Sozial-
chauvinisten und gegen das den Marxismus schändende „Kautskyanertum"
erhoben . . .
Die Frage nach der „Losung" des Sozialismus spielt für die vorgeschrittenen
Länder bereits eine große Rolle und wird auch in unserem Kampfe mit den
russischen Sozialchauvinisten eine große Rolle spielen. Diese Losung muß auch
eine große Rolle spielen in der Richtlinie unserer ganzen Propaganda und Agi-
tation unter dem russischen Proletariat. Der Marxismus internationalisiert
sich, aber — auch der Opportunismus internationalisiert sich. Unsere
Sozialchauvinisten und unser „Zentrum" werden entschieden Kautsky*),
*) Kautsky erlaubt sich in der letzten Zeit eine Fronde gegen die Südekums und
Haase. Kautsky und seine Freunde ahnen den Protest in der Tiefe der Arbeitermassen,
und sie führen einen Scheinkrieg gegen den Parteivorstand, um den Hauptgegenstand
der Meinungsverschiedenheit zwischen den Sozialisten und den Chauvinisten von der
Tagesordnung zu entfernen. Viel Aufsehen erregte die Erklärung von Kautsky, Haase
und Bernstein für den Frieden und gegen Annexionen. Aber — was ist der Sinn dieser
Erklärung? Kautsky und seine Gesinnungsgenossen glauben, der militärische Sieg sei
ihrem Vaterlande gesichert, und Wilhelm II. habe recht viel Chancen, eine Reihe von
Annexionen zu machen. Jetzt, wo das Kapital erworben ist, kann man auch den Un-
schuldigen spielen — kann gegen Annexionen protestieren. Das wird den Südekums miß-
fallen? Aber was soll man machen? Sonst — kann man sich nicht vor der Internationale
zeigen, sonst blamiert man sich vor den Arbeitern.
Daß Kautsky von dieser Voraussetzung ausgeht, wird aus den Worten der Er-
klärung klar: ,,1917 hatten alle Sozialdemokraten in einer ähnlichen Situation, ungeachtet
der Meinungsverschiedenheiten zu Beginn des Krieges", ebenfalls einmütig gegen An-
253
Cunow, Scheidemann und Vandervelde, die auf diese oder jene Art diese
Losung von der Tagesordnung entfernen werden, die Hand reichen, und
reichen sie auch jetzt schon!
Aber noch mehr wird uns von den russischen Nationalliquidatoren die
Frage nach der demokratischen Revolution in Rußland trennen. Nach dem
Kriege wird eine ganze Reihe höchst wichtiger Fragen des internen russischen
Lebens aktuell werden. Wir können die Details noch nicht voraussehen. Aber
das eine können wir mit absoluter Sicherheit sagen: die Nationalliquidatoren
werden alle diese Fragen in reformistischem Sinne beantworten, wir aber im
Sinne des Kampfes für eine neue Revolution in unserem Lande, im Geiste
der Erneuerung unserer Heimat durch einen revolutionären Sturm. Der Zarismus
hat in diesem Krieg viel aufs Spiel gesetzt. Je mehr er verspielen wird, desto
mehr wird es Pflicht der revolutionären Sozialdemokratie sein, Alarm zu
schlagen und die Arbeiterklasse, sowie die ganze russische Demokratie zu revo-
lutionärem Kampfe aufzurufen. Revolution! Revolution! Mit diesem Ruf werden
wir die heimkehrenden Soldaten empfangen. Revolution! Revolution! Das wird
unsere Parole sein, die wir der Romano wschen Monarchie, die ihr Spiel verloren
haben wird, ins Gesicht schleudern werden. Eine neue Revolution, ein neues Jahr-
„fünf" — dieser Ruf muß durch das ganze Land hallen, in allen Städten und
nexionen protestiert. Schweitzer und seine Freunde stimmten bekanntlich zu Beginn
des Krieges 1870 für die Militärkredite. Aber nach Sedan stimmten auch sie „einmütig"
gegen Annexionen ... als die Annexion Preußen bereits gesichert war.
Der Opportunist Heine polemisiert auch so gegen Kautsky und Haase: „Ihr be-
hauptet, unser Vaterland hätte schon gesiegt, aber wir behaupten mit Hindenburg das
Gegenteil — der Kampf ist noch nicht zu Ende. Die Opportunisten aus den „Sozialistischen
Monatsheften" sind jetzt auffallend offenherzig. Die heuchlerische Proklamation des
Parteivorstandes für den Frieden erklären sie als einfache Komödie. Über Kautskys
Ohnmacht machen sie sich geradezu lustig — vergl. z. B. Legiens Artikel im Juliheft der
„Sozialistischen Monatshefte". Wie sollten sie sich auch nicht lustig machen, wenn
Kautsky bisher nicht klipp und klar sagen kann, für was er am 4. August war: für Stimm-
enthaltung oder Bewilligung der Kredite. Die letzte Version Kautskys in seinem Artikel
in der Breitscheidschen „Korrespondenz" ist folgende: Im Herzen war er für Stimm-
enthaltung; aber in der Fraktionssitzung hatte er sich zu spät in die Rednerliste einge-
tragen; vor ihm sprachen viele Redner, und beide Seiten lehnten die Stimmenthaltung ab;
als er dann sah, daß die Stimmenthaltung keine Mehrheit erlangen würde, schlug er vor,
für zu stimmen, aber von der Regierung Garantien zu verlangen, daß sie keine Annexionen
vornehmen würde. Wahrhaftig, kann man sich denn etwas Hilfloseres und Lachhafteres
vorstellen . . . Dafür finden wir in derselben Nummer der „Sozialistischen Monatshefte"
gegen die linke Opposition geradezu einen Wutanfall. Odcrint duum meduant (man mag
uns hassen, aber fürchten) . . .
Die deutsche sozialdemokratische Linke muß natürlich diese Fronde des „Zentrums"
gegen die offenherzigen Sozialchauvinisten ausnützen. Aber jetzt kommt gerade die
schwerste Prüfung. Nach dem Kriege werden natürlich auch die Scheidemänner für die
„Kautskysche" inhaltslose, „linke" Resolution sein, um den Streitpunkt vor den Massen
zu verkleistern. Mit allen Kräften gegen einen solchen faulen Frieden mit den Opportunisten
kämpfen, - ist die Pflicht aller deutschen Linken.
254
Dörfern des weltumfassenden Rußland. Unser „Juri-Tag" *) wird kommen.
Rußland muß sich endlich von der Schmach des Zarismus, vom Joch der Romanow-
schen Leibeigenschaft befreien. Die zweite demokratische Revolution in Rußland
ist im Anzug, sie kommt . . .
In dem Augenblick, wo ich diese Zeilen zu Ende schreibe, bringt der Tele-
graph die Nachricht vom Fall Lembergs . . . Die Geschichte wiederholt sich . . .
Tausende und Abertausende russischer Männer hat die zaristische Bande rings
um diese Stadt niedergelegt. Im Namen wessen ? Im Namen des großen Schwindels
von der „Befreiungsmission" des Zarismus. Im Namen der Interessen eines
Häufleins Missetäter, der schlimmsten Feinde unseres Landes. Tausende
und Abertausende deutscher Arbeiter und Bauern sind von den deutschen
Imperialisten rings um diese Stadt begraben worden. Im Namen wessen ? Im
Namen der Interessen einer kleinen Clique des Finanzkapitals.
Ungefähr anderthalb Millionen russische Soldaten sind von den deutschen
und österreichischen Armeen gefangen genommen worden, während nur eine
Viertel Million Franzosen zu Gefangenen gemacht wurde. Nicht mehr und
nicht weniger als eine Million russischer Soldaten ist gefallen und verwundet
worden. Unter dem hohen Militär- und Ziviladel herrscht nach wie vor Kor-
ruption, Stumpfsinn, Unwissenheit, Schlamperei, Dieberei. Im Generalstab
stellt die eine „Persönlichkeit" der anderen ein Bein und infolgedessen gehen
Hunderttausende von Leben russischer Bauern und Arbeiter im Waffenrock
zugrunde. 25 Jahre lang füttert die französische Plutokratie den Zarismus mit
Anleihen. Eine Milliarde nach der anderen ist von Frankreich nach Rußland
gewandert. So bereitete das bürgerliche Frankreich die russische Armee für die
„Revanche" gegen Deutschland vor. Millionen und Abermillionen hat das
bürgerliche England dem Zarismus zur Kriegführung gegeben. Die gesamte
russische Bourgeoisie, die gesamte „vaterländische" Intelligenz, ja sogar ein
Teü der russischen „Sozialisten" haben den Zaren in diesem Krieg unterstützt.
Und dennoch ! Und dennoch : die masurischen Sümpfe, das Karpathengemetzel,
die galizische Schmach, die Mjassojedow-Af faire **)...
Wird denn auch das nicht jenen Bevölkerungsschichten in Rußland, die
in den chauvinistischen Strudel mit fortgerissen worden sind die Augen öffnen ?
Welche Lektionen braucht man denn noch ? . . .
Die Sozialdemokratie ist verpflichtet, alles zu tun, was in ihrer Kraft
steht, um den breitesten Schichten des Volkes die Augen zu öffnen über die
schweren Lektionen der letzten Monate. Wir drehen der zaristischen Monarchie
einen Strick nicht daraus, daß sie das „Vaterland" schlecht verteidigt, sondern
daraus, daß sie unser Land überhaupt noch durch ihre Existenz schändet.
Schlimm ist nicht, daß wir keine Hindenburgs haben, darüber mögen die russischen
Imperialisten jammern, aber schlimm ist, daß wir einen Nikolai Nikolajewitsch
und einen Nikolai Alexandrowitsch haben.
*) Der Tag des Heiligen Juri, an dem unter Boris Godunow die erste Verordnung
über die Leibeigenschaft erschienen war. Anm. d. Übers.
**) Eine Korruptionsaffäre, deren Held der Offizier Mjassojedow war. Anm. d. Übers.
255
Der militärische Zusammenbruch des Zarismus ist im Anzug. Heran
rückt die fürchterlichste wirtschaftliche Erschöpfung des Landes als Folge des
verbrecherischen Krieges . . . Das Land wird dem Zarismus diese Millionen
Menschenleben, dieses Meer von Blut, diesen Ozean von Tränen nicht ver-
zeihen. Zur Verantwortung mit der Zarenbande! Selbst Elemente, die zu
betören es dem Zarismus und seinen Helfershelfern vorübergehend gelang,
sogar jene Schichten der Bevölkerung, die selbst an die Notwendigkeit des
Krieges glaubten, werden jetzt in diesen Ruf einstimmen.
Die Mülionen Soldaten, die aus der Gefangenschaft und aus den Ueberresten
der geschlagenen Armeen heimkehren werden, werden eine ungeheure revolutio-
näre Gärung mit sich ins Land bringen. Auch unter den russischen Offizieren
werden sich Männer finden, die sich die Frage vorlegen werden, wo die wirk-
lichen Urheber dieser Greuel zu suchen seien. Unter ihnen werden sich Männer
finden, die mit ihren eigenen Augen die Taten jener grauhaarigen Räuber und
altgewordenen Diebe gesehen haben, die in der Zarenarmee leitende Posten
einnehmen. Die revolutionäre Unzufriedenheit wird unter dem gemeinen Volke
Rußlands um sich greifen. Nicht ausgeschlossen ist auch eine vorübergehende
Fronde sogar von seiten eines gewissen Teiles der Bourgeoisie.
Der letzte Einsatz des Zarismus wird verspielen. Wen Zeus zugrunde
richten will, dem nimmt er den Verstand. Der Zarismus hat sich unbesonnen
in das Verzweiflungsspiel gestürzt. Die Nemesis der Geschichte verlangt ihr
Teil. Durch den Donner der Kanonen hindurch hört man jetzt schon das
entfernte Grabgeläute für die Zarenmonarchie.
Unsere heißen, grenzenlosen Sympathien sind auf seiten der unglückseligen
Bevölkerung, die unter den Greueln des Krieges leidet; unser glühender, grenzen-
loser Haß muß der Zarenbande gelten, die Millionen Menschen zur Absclüachtung
geschickt, die viele Millionen Menschen ruiniert hat.
Die Arbeiterklasse Rußlands muß in dem bevorstehenden neuen revo-
lutionären Kampfe die ehrvolle Initiative ergreifen. Zur Verantwortung mit der
Zarenmonarchie! An die Gurgel mit ihr und — Knie auf die Brust! Möge der
Aderlaß, den die Monarchie der Romanows an unserem Lande in den Jahren
1914/1915 unternommen hat, der letzte sein. Es ist an der Zeit, die Rollen zu ver-
tauschen. Es ist höchste Zeit, daß unser Land ein für allemal der Romanowschen
Monarchie ein Ende macht, es ist höchste Zeit, sie ins Grab zu versenken und der
Sicherheit halber einen tüchtigen Holzpflock darüber in die Erde zu schlagen.
Das ist unser Weg, der Weg der revolutionären Sozialdemokratie.
Auf diesem Wege werden wir wiederum auf Hindernisse von seiten des
Nationalliquidatorentums stoßen. Das Liquidatorentum war eine konter-
revolutionäre Strömung. Das iVationa/liquidatorentum ist es im Kriege doppelt
geworden. Wie der Sozialchauvinismus eine konterrevolutionäre Richtung in
Westeuropa darstellt, so ist das Nationalliquidatorentum eine gegenrevolutionäre
Richtung im Osten. . .
256
Gleich zu Beginn des Krieges gab es einen Moment, da es den Anschein
hatte, als ob von den Liquidatoren eine einflußreiche Gruppe, die bereit war,
ernsthaft gegen den Sozialchauvinismus zu kämpfen, abrücken, und dies eine
ganz neue Parteigruppierung ergeben würde. Leider! Diese Hoffnungen sollten
sich nicht verwirklichen. Die Internationalisten wären gerne bereit, einer
solchen Gruppe die Hand entgegenzustrecken. Aber leider existiert eine solche
Gruppe in Wirklichkeit nicht.
Dem revolutionären Marxismus steht ein neues Treffen mit dem russischen
Opportunismus bevor — auf neuem Kampfplatz, unter neuen Verhältnissen,
auf erweiterter Basis. Wir erleben in dieser Hinsicht die Stille vor dem Sturm.
Der Kriegszustand hat das innere Leben der Sozialdemokratie in Rußland
niedergedrückt. . . . Aber dies nur vorübergehend. Vor dem bevorstehenden
neuen Treffen des sozialdemokratischen Berges und der Gironde in Rußland
wird der Kampf der Jahre 1909/1914, der um das Liquidatorentum geführt
wurde, verblassen.
Der bürgerliche Revisionismus hat sich in Rußland während dieses Krieges
endgültig statuiert. Nur derjenige, der Ohren hat, um nicht zu hören, und
Augen, um nicht zu sehen, kann jetzt daran zweifeln, daß die Liquidatoren
Sendboten der bürgerlichen Gesellschaft, der bürgerlichen Politik, der bürgerlichen
Ideologie im Lager der Arbeiter sind. Die Bewegung der Arbeiterklasse Ruß-
lands ist im Vergleich mit der westeuropäischen Bewegung um Jahrzehnte
zurückgeblieben. So wollen wir doch die Erfahrungen dieser letzteren ausnutzen,
um nicht ihre Fehler zu wiederholen. Kampf mit dem Opportunismus, Kampf
auf Leben und Tod — das ruft, das schreit uns diese Erfahrung entgegen.
Jahrzehntelang geht dieser Kampf auch in Rußland vor sich. Ihn fortzusetzen
ist notwendig, ihn zu vervielfachen ist dringend notwendig. Wir dürfen mutig
der Zukunft entgegen sehen. Wir können fest davon überzeugt sein, daß die
ganze Blüte der russischen Arbeiterklasse, daß alle heldenhaften und denkenden
Elemente im russischen Proletariat mit uns sein und die Nationalliquidatoren
mit verdienter Verachtung strafen werden.
G. Sinowjew.
Postscriptum.
Über eine Erfindung Plechanows.
Im russischen Sammelbuch „Krieg" (Paris, 1915) behauptet Plechanow,
daß das Manifest des Braunschweiger Ausschusses der deutschen Sozialdemo-
kratie von 1870 „ebenfalls der Feder Marx' entsprungen ist" (S. 24).
Das ist einfach eine Unwahrheit. „Nachdem ich mit einigen Mitgliedern
des Ausschusses gesprochen hatte, schrieb ich dieses Manifest", — schreibt
W. Bracke, ein Mitglied dieses Braunschweiger Ausschusses (vergl. sein Buch:
„Der Braunschweiger Ausschuß in Lötzen und vor dem Gericht", Braunschweig,
1872, S. 7).
17 257
Das Manifest vom 5. September 1S70 ist also nicht von Marx, sondern
von Bracke verfaßt. Plechanow führt die Leser irre. Im Manifest (am Schluß)
ist nur ein kleines Bruchstück aus einem Briefe von Marx angeführt — sein
Protest gegen die Annexion von Elsaß-Lothringen, die Weissagung, daß diese
Annexion Frankreich in die Arme Rußlands werfen würde usw. Plechanow
möchte gerne zur Verteidigung seiner jetzigen Position die Sache so hinstellen,
als ob Marx 1870 nicht mit Bebel und Liebknecht solidarisch gewesen wäre,
die bekanntlich sogar im nationalen Kriege 1870/71 jede „patriotische" Stellung-
nahme verwarfen, sondern mit dem Braunschweiger Ausschuß, der im ersten
Abschnitt des Krieges nach Schweitzer oder dem jetzigen Plechanow verfuhr.
Der Wunsch ist der Vater des Gedankens. . . Daher auch der Irrtum Plechanows,
der Marx ein Werk Brackes zuschreibt.
Diese Erfindung „aus der Feder" Plechanows wird wohl kaum unserem
gewesenen Marxisten neue Lorbeeren einbringen, ihm, der jetzt nur noch imstande
ist, Marx zu verpetzen.
1915.
Die ehrliche Stimme eines französischen Sozialisten.
In der französischen Schweiz, wo der frankophile Chauvinismus vielleicht
etwas schwächer ist als in Frankreich, ist die Stimme eines ehrlichen Sozialisten
ertönt. In unserer niederträchtigen Zeit ist das ein ganzes Ereignis. Und wir
müssen um so aufmerksamer dieser Stimme lauschen, da wir es in diesem Fall
mit einem Sozialisten typisch-französischen — oder richtiger romanischen,
denn die Italiener z. B. sind genau so — Temperaments und ebensolcher Ge-
sinnung zu tun haben.
Es handelt sich um die kleine Schrift von Paul Golay y des Redakteurs
eines kleinen sozialistischen Blattes in Lausanne. Der Verfasser hielt in dieser
Stadt am 11. März 1915 einen Vortrag über das Thema: „Der sterbende Sozia-
lismus und der Sozialismus, der wieder erstehen muß" und hat ihn dann separat
herausgegeben.*)
„Am 1. August 1914 entbrannte der Krieg. Wochenlang vor und nach
diesem jetzt berühmt gewordenen Datum haben Millionen von Menschen ge-
wartet." So beginnt der Verfasser. Millionen warteten, ob nicht die Resolutionen
und Erklärungen der sozialistischen Führer führen würden „zu einem mächtigen
Aufstand, der in seinem Wirbel die verbrecherischen Regierungen hinwegfegen
würde". Aber die Erwartungen der Millionen wurden betrogen. Wir versuchten,
sagt Golay, „kameradschaftlich" die Sozialisten zu rechtfertigen durch die
„blitzartige Unerwartetheit des Krieges" und mangelnde Informiertheit, aber
diese Rechtfertigungen befriedigten uns nicht. „Wir fühlten uns nicht wohl,
*) Paul Golay: „Le socialisme qui mcurt et le socialisme qui doit rcnaitre", Lau-
sanne 1915.
258
als wäre unser Gewissen in das trübe Wasser der Doppeldeutigkeit und Lüge
getaucht worden." Der Leser kann schon daraus ersehen, daß Golay aufrichtig
ist. Eine in unseren Zeiten fast ungewöhnliche Eigenschaft.
Golay erinnert an die „revolutionäre Tradition" des Proletariats. Er ist
sich dessen völlig bewußt, daß „zu jeder Situation die passende Aktion gehört"
und erinnert daran, daß „für ausschließliche Situationen ausschließliche Maß-
nahmen notwendig sind. Der Krankheit entsprechend muß auch die Arznei sein".
Er erinnert an die „Kongreßbeschlüsse", „die sich direkt an die Massen wenden
und sie zu revolutionären und rebellischen Aktionen aufrufen". Es folgen Zitate
aus den entsprechenden Stellen der Stuttgarter und Basler Resolutionen. Und
der Verfasser hebt hervor, daß „diese verschiedenen Resolutionen keinerlei
Betrachtung über Offensiv- oder Defensivkrieg enthalten und folglich auch
keine besondere „nationalistische Taktik bieten an Stelle der allgemein an-
erkannten Grundprinzipien".
Der Leser, der sow r eit gekommen ist, sieht auch, daß Golay nicht nur
ein aufrichtiger, sondern auch ein überzeugter und ehrlicher Sozialist ist. Eine
schon geradezu selten gewordene Eigenschaft bei „den bekannten Männern
aus der II. Internationale"!
„Das Proletariat wurde von den militärischen Chefs begrüßt, und
die bürgerliche Presse pries in warmen Ausdrücken die Auferstehung dessen,
was sie „nationalen Geist" nannte. Diese Auferstehung kostet uns 3 Millionen
Leichen.
„Und dennoch — niemals hatte die Arbeiterorganisation eine so große Anzahl
zahlender Mitglieder erreicht, niemals hatte es eine solche Fülle von Parlamen-
tariern, eine so ausgezeichnete Organisation der Presse gegeben. Auch niemals
gab es noch eine niederträchtigere Sache, gegen die wir uns zu wenden hätten."
„Unter so tragischen Verhältnissen, wenn es sich um das Sein von Millionen
Menschen handelt, sind alle revolutionären Aktionen nicht nur zulässig, sie sind
berechtigt. Sie sind mehr als berechtigt, sie sind geheiligt. Die gebieterische
Pflicht des Proletariats verlangte, daß Unmögliches versucht werde, um unsere
Generation vor den Geschehnissen zu retten, die Europa mit Blut über-
schwemmen."
„Es gab weder eine energische Handlung, noch Versuche der Empörung,
noch Aktionen, die zum Aufstand führten. . ."
„Unsere Gegner zetern über den Zusammenbruch des Sozialismus. Sie
sind zu flink bei der Sache. Und doch, wer würde es zu behaupten wagen, daß
sie in jeder Hinsicht Unrecht haben ? Was im gegenwärtigen Moment im Sterben
liegt, ist nicht der Sozialismus überhaupt, sondern eine Abart des Sozialismus,
der süßliche Sozialismus, ohne den Geist des Idealismus, ohne Leidenschaft,
mit den Manieren des Beamten und dem Schmerbauch des besorgten Familien-
vaters, der Sozialismus ohne Kühnheit, ohne Wagemut, der Liebhaber von
Statistiken, der bis über die Ohren in freundschaftlichen Abmachungen mit
dem Kapitalismus verstrickt ist, der Sozialismus, der sich allein mit Reformen
n* 259
beschäftigt, der für ein Linsengericht sein Erstgeburtsrecht verkauft hat, der
Sozialismus, der sich der Bourgeoisie als Bändiger der Ungeduld des Volkes
darstellt, als eine Art automatischen Hemmschuhs der kühnen Aktionen des
Proletariats." •
„Eben dieser Sozialismus, der die ganze Internationale zu verseuchen
drohte, ist bis zu einem gewissen Grade für jene Ohnmacht und jene Impotenz
verantwortlich, die uns vorgeworfen werden."
An anderen Stellen der Broschüre spricht Golay offen vom „Reform-
sozialismus" und „Opportunismus" als Entstellungen des Sozialismus.
Golay spricht von dieser Entstellung, erkennt die „gemeinsame Ver-
antwortlichkeit" des Proletariats aller kriegführenden Länder an, betont, daß
„diese Verantwortung" auf jene Führer fällt, denen die Masse das Vertrauen
entgegengebracht hatte und von denen sie eine Losung erwartete". Dann nimmt
Golay, vollkommen mit Recht, als Beispiel gerade den deutschen Sozialismus,
„der am besten organisiert ist, am besten gestaltet ist und am meisten mit
Doktrinen vollgepfropft ist, und „zeigt" seine numerische Stärke und seine
revolutionäre Schwäche."
„Eine vom revolutionären Geiste beseelte deutsche Sozialdemokratie hätte
den militaristischen Unternehmungen einen ausreichend bestimmten und be-
harrlichen Widerstand entgegenstellen können, um das Proletariat der anderen
Länder Zentraleuropas auf diesem einzigen Rettungsweg mit sich fort-
zureißen."
„Der deutsche Sozialismus genoß in der Internationale einen großen
Einfluß. Er konnte das meiste ausrichten. Von ihm wurden die größten Be-
mühungen erwartet. Aber die Zahl ist ein Nichts, wenn die persönliche Energie
durch allzu rauhe Disziplin gelähmt wird, oder wenn die „Führer" ihren Einfluß
ausnützen, um ein Minimum an Aufwand zu erzielen." (So richtig der zweite Teil
des Satzes ist, ebenso unrichtig ist der erste: Disziplin ist eine ausgezeichnete
und notwendige Sache, — z. B. die Disziplin der Partei, die alle Opportunisten
und Gegner der revolutionären Aktion ausschließt.) „Das deutsche Proletariat
hat dank seinen verantwortlichen Führern auf die Stimme der Militärkamarilla
gehört. . . Die anderen Sektionen der Internationale erschraken und taten
genau dasselbe; in Frankreich hielten es zwei Sozialisten für notwendig, an der
bürgerlichen Regierung teilzunehmen, imd so kam es, daß einige Monate nach
der feierlichen Kongreßerklärung, daß die Sozialisten es für ein Verbrechen
halten, aufeinander zu schießen, Millionen von Arbeitern in die Armee eintraten
und dieses Verbrechen auszuüben begannen mit einer solchen Vehemenz, einer
solchen Begeisterung, daß die kapitalistische Bourgeoisie und die Regierungen
ihnen wiederholt ihre Anerkennung aussprachen."
Doch Golay beschränkt sich nicht darauf, den „sterbenden Sozialismus"
schonungslos zu brandmarken. Nein, er offenbart ein absolutes Verständnis
für das, wodurch dieses Sterben erzeugt worden ist, und den Sozialismus, der
den sterbenden ablösen müsse. „Die Arbeitermassen eines jeden Landes erfahren
bis zu einem gewissen Grade den Einfluß der Ideen, die in den bürgerlichen
260
Kreisen verbreitet sind." „Ais Bernstein unter dem Namen des Revisionismus
eine Art demokratischen Reformismus formulierte, da widerlegte ihn Kautsky
mit Hilfe der entsprechenden Tatsachen." „Aber nachdem der Anstand gewahrt
wurde, setzte die Partei nach wie vor ihre „Realpolitik" fort. Die Sozialdemo-
kratie wurde zu dem, was sie jetzt ist. Eine ausgezeichnete Organisation.
Ein mächtiger Körper, aber die Seele hat ihn verlassen." Nicht nur die deutsche
Sozialdemokratie, aber auch alle Sektionen der Internationale offenbaren diese
Tendenzen. „Die wachsende Zahl der Beamten" erzeugt bestimmte Folgen;
das Augenmerk wird nur auf die Regelmäßigkeit der Beiträge gerichtet; die
Streiks betrachtet man als „Kundgebungen, die zum Zweck haben, bessere
Abkommen mit den Kapitalisten zu treffen". „Man gewöhnt sich daran, die
Interessen der Arbeiter an die Interessen der Kapitalisten zu knüpfen, „das
Los des Arbeiters dem Schicksal des Kapitalismus selbst unterzuordnen" und
„eine gesteigerte Entwicklung der einheimischen, nationalen Industrie herbei-
zuwünschen, zum Nachteil der ausländischen."
Der Reichstagsabgeordnete R. Schmidt schrieb in einem Artikel, daß die
Regelung der Arbeitsbedingungen durch die Gewerkschaften auch für die Ka-
pitalisten vorteilhaft sei, denn sie bringe Ordnung und Stabilität in das Wirt-
schaftsleben, erleichtere die Kalkulation der Kapitalisten und arbeite der
Schmutzkonkurrenz entgegen.
„Also", ruft Golay, indem er Schmidts Worte zitiert, „muß es sich die
Gewerkschaftsbewegung zur Ehre anrechnen, daß sie die Profite der Kapitalisten
stabiler macht! Das Ziel des Sozialismus besteht also darin, im Rahmen der
kapitalistischen Gesellschaft ein Maximum von Vorteüen zu fordern, die sich
mit der Existenz des kapitalistischen Regimes selbst vertragen würden ? Wenn
dem so ist, so haben wir einen Verzicht auf alle Prinzipien vor uns. Das Prole-
tariat strebt nicht nach Festigung des kapitalistischen .Regimes, nicht nach
Erzielung der minimalen Bedingungen zugunsten der Lohnarbeit, sondern nach
Beseitigung des Systems des Privateigentums und Aufhebung des Systems
der Lohnarbeit."
„Die Sekretäre der großen Organisationen werden wichtige Personen.
In der politischen Bewegung genießen aber die Abgeordneten, Literaten, Ge-
lehrten, Rechtsanwälte, alle, die mit ihrem Wissen einen gewissen persön-
lichen Ehrgeiz verbinden, einen Einfluß, dermit unter geradezu gefährlich wird."
„Die mächtige Organisation der Gewerkschaften und ihre gefüllten Kassen
entwickelten in ihren Mitgliedern einen Zunftgeist. Eine der negativen Seiten
der Gewerkschaftsbewegung, die an und für sichre formistisch ist, besteht darin,
daß sie die Lage der Lohnarbeiter nach den einzelnen Schichten oder Unter-
schichten verbessert und die eine über die andere stellt. Das zerstört die ur-
sprüngliche Einheit und erzeugt bei den besser Gestellten einen Geist der
Ängstlichkeit, der sie mitunter vor der „Bewegung" zurückschrecken läßt, die
für ihre Lage, für ihre Kassen, für ihr „Aktiv" fatal werden kann. Auf diese Weise
entsteht eine Art Teilung unter den verschiedenen Kategorien der Arbeiter, —
den Kategorien, die von der Gewerkschaftsbewegung selbst künstlich erzeugt
261
worden sind. „Das ist natürlich kein Argument gegen die starken Organisationen",
meint der Verfasser, der wahrscheinlich die Einwände einer gewissen Art von
„Kritikern" voraussieht. Das beweist lediglich die Notwendigkeit des „Geistes"
des Enthusiasmus in den Organisationen.
„Welches sind die Wesenszüge, durch die der Sozialismus von morgen sich
wird unterscheiden müssen ? Er wird international, unversöhnlich und auf-
rührerisch sein.
„Die Un Versöhnlichkeit ist eine Kraft", sagt mit Recht Golay, indem er
den Lesern empfiehlt, einen Blick auf die Geschichte der „Doktrinen" zu werfen.
„Wann waren sie einflußreich? Damals, als sie von den Behörden gezähmt
wurden, oder damals, als sie unversöhnlich waren ? Wann hat das Christentum
seinen Wert verloren? Etwa nicht, als Konstantin ihm Einkünfte in Aussicht
stellte und ihm, anstatt Verfolgungen und Hinrichtungen, das gallonierte Gewand
der Hoflakaien anbot? . . .
Ein französischer Philosoph sagte : „Leblos sind die Ideen, die in elegantem
Gewände, ohne Schwung, ohne Mut sind. Sie sind leblos, weil sie in den all-
gemeinen Verkehr kommen und einen Teil des übrigen Gepäcks der großen Philister-
armee bilden. Stark sind jene Ideen, die vorwärts stoßen und Empörung er-
zeugen, die Unzufriedenheit, Zorn, Erregung bei den einen und Enthusiasmus
bei den anderen erwecken." Der Verfasser hält es für unumgänglich notwendig,
an diese Tatsache der Gegenwart zu erinnern, jene Sozialisten, denen sehr oft
jede „Heftigkeit" der Überzeugung: sie glauben an nichts, — weder an Reformen,
die zu spät kommen, noch an die Revolution, die immer noch nicht da ist — fehlt.
Die Unversöhnlichkeit, die Bereitschaft zum Aufstande „führt keineswegs
zur Träumerei, im Gegenteil, sie führt zu Taten. Der Sozialist wird keine Form
der Tätigkeit vernachlässigen. Er wird neue, den Bedürfnissen und Bedingungen
des Moments entsprechende Formen zu finden wissen. . . Er fordert unver-
zügliche Reformen, er erlangt sie nicht durch das Feilschen mit dem Gegner,
er entreißt sie als eine Konzession der Bourgeoisie, der die von Enthusiasmus
und Mut erfüllte Masse Schrecken einflößt."
Nach der so schamlosen Schändung des Marxismus und Sozialismus durch
Plechanow, Kautsky und Co. atmet man bei der Broschüre von Golay wirklich
auf. Nur zwei Mängel haften ihr an.
Erstens teilt Golay mit der Mehrheit der romanischen Sozialisten, die
jetzigen Guesdisten nicht ausgenommen, eine gewisse Vernachlässigung der
„Doktrin", d. i. der Theorie des Sozialismus. Er empfindet gegenüber dem
Marxismus das bekannte Vorurteil, das sich nur durch die gegenwärtige Herr-
schaft der ärgsten Karikatur des Marxismus, bei Kautsky in der „Neuen Zeit"
und überhaupt bei den Deutschen, erklären, aber nicht rechtfertigen läßt. Wer,
ähnlich wie Golay die Notwendigkeit des Todes des reformistischen Sozialismus
und der Wiedergeburt des revolutionären „aufrührerischen" Sozialismus erkannt
hat, d. h. eines Sozialismus, der die Unumgänglichkeit des Aufstandes anerkennt,
wer ilm verkündet, wer fähig ist, sich ernst darauf vorzubereiten und wer üin vor-
bereitet, der ist in Wirklichkeit dem Marxismus tausendmal näher, als die „Pierren,
262
die auswendig die Texte" kennen, die sich heute beschäftigen mit der Recht-
fertigung („Neue Zeit", 2. Band) des Sozialchauvinismus in irgend einer neuen
Form — bis zur Auffassung, daß man sich jetzt mit dem chauvinistischen
Parteivorstande „verständigen" und „von der Vergangenheit nicht sprechen"
solle.
Aber wiesehr aueh die Verschmähung des Marxismus bei Golay „menschlich"
erklärlich ist, und wieviel Schuld dabei von ihm auf die sterbende und schon
tote Richtung der französischen Marxisten abgewälzt werden kann (Guesdisten),
so bleibt dennoch die Schuld bestehen. Die in der Welt größte Freiheitsbewegung
der unterdrückten Klasse, der in der Geschichte revolutionärsten Klasse, wäre
ohne revolutionäre Theorie unmöglich. Sie kann nicht erfunden werden, sie
wächst aus der Verbindung der revolutionären Erfahrung und des revolutionären
Gedankens aller Länder der Welt heraus. Und eine solche Theorie wuchs aus der
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts heraus. Sie nennt sich Marxismus. Man
kann kein Sozialist, kein revolutionärer Sozialdemokrat sein, wenn man nicht
nach Möglichkeit an der Erörterung und Pflege dieser Theorie und gegenwärtig
an der rücksichtslosen Bekämpfung der Entstellung derselben durch die
Kautsky, Plechanow und Co. Anteil nimmt.
Aus der Mißachtung der Theorie entsteht bei Golay eine Reihe unrichtiger
oder unüberlegter Ausfälle, z. B. gegen den Zentralismus und die Disziplin im
allgemeinen, gegen den „historischen Materialismus", als ob er nicht genügend
„idealistisch" wäre usw. Daraus auch die Unsicherheit in der Frage der Lo-
sungen. Zum Beispiel die Forderung, daß der Sozialismus „aufrührerisch"
werde, ist voll tiefsten Inhalts und erscheint als ein wichtiger Gedanke, außer-
halb dessen alle Phrasen vom Internationalismus der Revolutionisierung und
dem Marxismus — konkreter Blödsinn und öfters auch Heuchelei sind. Aber
diese Idee, die Idee des Bürgerkrieges, sollte man entwickeln, aus ihr den Haupt-
punkt der Taktik machen, doch Golay begnügte sich damit, daß er sie aussprach.
Das ist sehr viel „in gegenwärtigen Zeiten", aber das ist ungenügend vom Stand-
punkt der Forderungen des revolutionären Kampfes des Proletariats. Zum
Beispiel faßt Golay die Frage nach der „Beantwortung" des Krieges mit der
Revolution sehr begrenzt, wenn man sich so ausdrücken darf. Er berücksichtigt
nicht, daß, wenn man den Krieg mit der Revoltution nicht beantworten
konnte, der Krieg selbst den Klassen die Revolution beizubringen begann
und beibringt, indem er revolutionäre Situationen schafft, sie vertieft und
verbreitet.
Den zweiten Fehler Golays illustriert am anschaulichsten folgende Be-
trachtung in seiner Broschüre:
„Wir tadeln niemanden. Die Internationale verlangt, um wieder
aufzuleben, daß der Brudergeist alle ihre Abteilungen beseele; aber es
muß gesagt werden, daß angesichts der großen, durch die kapitalistische
Bourgeoisie uns im Juli und August 1914 auferlegte Aufgabe, der re-
formistische, zentralisatorische ( ?) und hierarchische Sozialismus ein beklagens-
wertes Bild zeigte."
263
„Wir tadeln niemanden" . . . darin besteht Ihr Fehler, Genosse Golay!
Sie haben selbst anerkannt, daß „der sterbende Sozialismus" verbunden ist
mit den bürgerlichen Ideen ( d. h. er wird genährt und unterstützt durch die
Bourgeoisie), mit einer bestimmten Ideenströmung im Sozialismus (Reformis-
mus), mit den Interessen und der besonderen Lage bestimmter Schichten (Parla-
mentariern, Beamten und Intelligenz, manchen besser gestellten Schichten oder
kleinen Arbeitergruppen usw.). Daraus ist unvermeidlich die Folgerung zu
ziehen, die Sie nicht ziehen. Physisch „sterben" Personen den sogenannten
gewöhnlichen Tod, aber ideell-politische Strömungen können so nicht sterben.
Wie die Bourgeoisie nicht sterben wird, bis sie nicht gestürzt worden ist, wird
auch die durch die Bourgeoisie genährte und unterstützte Strömung, die die
Interessen der mit der Bourgeoisie verbundenen kleinen Gruppen der Intellektu-
ellen und der Aristokratie der Arbeiterklasse vertritt, nicht sterben, wenn man
sie nicht „erschlagen" wird, d. h. sie nicht stürzen, ihr nicht jeden Einfluß auf
das sozialistische Proletariat entziehen wird. Diese eben durch ihre Verbindung
mit der Bourgeoisie starke Strömung ist dank den objektiven Bedingungen der
„Friedens"-Epoche 1894 — 1914 zu einer kommandierenden, parasitären Schicht
in der Arbeiterbewegung geworden.
Da ist es unumgänglich notwendig, nicht nur zu „tadeln", aber auch
sturmzuläuten, rücksichtslos bloßzustellen, zu stürzen, diese Parasitenschicht
„von den Posten zu entfernen", ihre „Einigkeit" mit der Arbeiterbewegung zu
zerschlagen, da solche „Einigkeit" tatsächlich die Einigkeit des Proletariats mit
der nationalen Bourgeoisie und Spaltung des internationalen Proletariats, also
die Einigkeit der Lakaien und die Spaltung der Revolutionäre bedeutet.
„Unversöhnlichkeit ist Kraft" — sagt richtig Golay und verlangt, daß
„der Sozialismus, der Wiederaufleben soll", unversöhnlich sei. Ist es aber der
Bourgeoisie nicht ganz gleich, ob das Proletariat sich mit ihr direkt oder indirekt
durch die Vermittlung ihrer Anhänger, Verteidiger, Agenten innerhalb der
Arbeiterbewegung, d. i. der Opportunisten aussöhne ? Das letztere ist sogar
für die Bourgeoisie bequemer, da es ihr einen dauerhaften Einfluß auf die Arbeiter
sichert!
Golay hat tausendmal recht, daß es einen sterbenden Sozialismus gibt,
und einen, der Wiederaufleben soll; dieses Sterben aber und diese Wiedergeburt
stellen die rücksichtslose Bekämpfung des Opportunismus, nicht nur den ideellen
Kampf, aber auch die Entfernung dieses entstellten Auswuchses aus den Arbeiter-
parteien, die Ausschließung gewisser Vertreter dieser unproletarischen Taktik aus
den Organisationen, die vollständige Trennung von ihnen dar. Sie werden
nicht sterben, weder physisch, noch politisch, aber die Arbeiter werden mit
ihnen brechen, sie in den Graben der Liebedienerei bei der Bourgeoisie stoßen
und am Beispiele ihres Verfaulens werden sie das neue Geschlecht erziehen,
oder richtiger: neue Proletarierarmeen, fähig zum Aufruhr!
1915.
N. Lenin.
264
Imperialismus und Sozialismus in Italien.
(Notiz.)
Zur Beleuchtung der Fragen, die der jetzige imperialistische Krieg vor
dem Sozialismus aufgestellt hat, ist es nicht überflüssig, einen Blick auf die
verschiedenen europäischen Länder zu werfen, um die nationalen Modifikationen
und Einzelheiten des Gesamtbüdes vom Wesentlichen und Grundlegenden
unterscheiden zu lernen. Von der Seite, sagt man, sieht man besser. Je geringer
die Ähnlichkeit zwischen Italien und Rußland ist, um so interessanter ist es
daher in gewisser Hinsicht, den Imperialismus und den Sozialismus in diesen
beiden Ländern zu vergleichen.
In dieser Notiz möchten wir nur das Material hervorheben, das in dieser
Frage die nach Kriegsausbruch erschienenen Werke des bürgerlichen Professors
Roberto Michels: „Der italienische Imperialismus" und des Sozialisten T. Barboni:
„Internationalismus oder Klassennationalismus" liefern.*) Der geschwätzige
Michels bleibt hier ebenso oberflächlich wie in seinen anderen Werken. Er streift
kaum die ökonomische Seite des Imperialismus, aber in seinem Buche ist wert-
volles Material gesammelt über den Ursprung des italienischen Imperialismus
und den Übergang, der den Wesenszug der heutigen Epoche darstellt und
der besonders anschaulich in Italien zum Vorschein kommt, nämlich denÜber-
gang von der Epoche der nationalen Befreiungskriege zur Epoche der räuberischen
und reaktionären imperialistischen Kriege. Das Italien, das sich vom Joch
Österreichs befreite, ist revolutionär-demokratisch, d. h. revolutionär-bürgerlich;
Italien aus der Zeit Garibaldis verwandelt sich vor unseren Augen end-
gültig in das Italien, das andere Völker unterdrückt und die Türkei und Öster-
reich ausplündert, in das Italien der groben widerwärtig-reaktionären, schmut-
zigen Bourgeoisie, der der Geifer vor Freude herunterrirnit darüber, daß auch
sie zur Teilung der Beute zugelassen worden ist. Wie jeder anständige Professor,
so hält auch Michels natürlich seine Liebedienerei vor der Bourgeoisie für
„wissenschaftlichen Objektivismus" und bezeichnet diese Teüung der Beute
als „Teilung jenes Weltteiles, der noch in den Händen der schwachen Nationen
zurückgeblieben ist". (S. 179.) Michels lehnt verächtlich als „utopisch" den
Standpunkt jener Sozialisten ab, die sich jeder Kolonialpolitik feindlich gegen-
über verhalten, und wiederholt die Argumente der Leute, die glauben, daß
Italien „die zweite Kolonial- Großmacht werden müsse" und nur England nach
der Bevölkerungsdichte und der Stärke der Auswanderungsbewegung den
Vorrang überlassen dürfe. Aber daß in Italien 40% der Bevölkerung Analphabeten
sind, daß dort bis jetzt noch Cholera-Aufstände vorkommen, usw. usw., —
dieses Argument wird widerlegt mit dem Hinweis auf England: war denn
England nicht das Land der ungeheuren Verarmung, der Not, des Verhungerns
*) Roberto Michels: „L'iinperialismo italiano", Milano 1914. — T. Barboni: „Inter-
nazionalismo o nazionalismo di Classe? (II proletariato d'Italia e la guerra Europea)."
Edito dal' autore a Campione d'Intelvi (Provincia di Como) 1915.
265
von Arbeitermassen, des Alkoholisinus und des ungeheuren Elends und Schmutzes
in den armen Stadtvierteln, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als die
englische Bourgeoisie so erfolgreich den Grundstein zu ihrer jetzigen Kolonial-
macht legte ?
Und man muß schon sagen, daß vom bürgerlichen Standpunkt aus
diese Argumentierung unwiderlegbar ist. Kolonialpolitik und Imperialismus
sind keineswegs krankhafte, heilbare Abweichungen des Kapitalismus (wie
die Philister und Kautsky unter ihnen glauben), sondern die unvermeidliche
Folge der Grundlage des Kapitalismus selbst; die Konkurrenz unter den einzelnen
Unternehmen stellt die Frage nur so: zugrunde gehen, oder andere zugrunde
richten; die Konkurrenz unter den einzelnen Ländern stellt die Frage nur:
im Hintertreffen bleiben und Belgiens Los ewig vor Augen haben, oder andere
Länder ruinieren und erobern und sich ein Plätzchen unter den Großmächten
sichern.
Der italienische Imperialismus erhielt den Namen „Arme Leute-Imperia-
lismus" (L'imperialismo della povera gente) — in Anbetracht der Armut
Italiens und der verzweifelten Not der italienischen Auswanderer. Der italienische
Chauvinist Arturo Labriola, der sich von seinem früheren Gegner G. Plechanow
nur dadurch unterscheidet, daß er nur etwas früher als dieser seinen Sozial-
chauvinismus offenbart hat und zu diesem Sozialchauvinismus durch einen
kleinbürgerlichen Halbanarchismus und nicht durch einen kleinbürgerlichen
Opportunismus gelangt war, dieser Arturo Labriola schrieb in seinem Büchlein
über den Tripoliskrieg (1912) :
„Es ist klar, daß wir nicht allein gegen die Türken kämpfen, . . . sondern
auch gegen die Intriguen, Drohungen, Gelder und Armeen des plutokratischen
Europa, das nicht dulden kann, daß die kleinen Nationen sich zu rühren wagen,
oder nur ein Wort zu sagen, das seine eiserne Hegemonie kompromittiere." (S. 22.)
Und der Führer der italienischen Nationalisten Corradini erklärte: „Wie der
Sozialismus die Methode der Befreiung des Proletariats von der Bourgeoisie
gewesen ist, so wird der Nationalismus für uns Italiener die Methode sein zur
Befreiung von den Franzosen, Deutschen, Engländern, Nord- und Südamerikanern,
die uns gegenüber die Bourgeoisie darstellen."
Jedes Land, das mehr Kolonien, mehr Kapitalien und Armeen hat, als
„wir", entzieht „uns" gewisse Vorrechte, einen gewissen Profit oder Mehrwert.
Wie unter den einzelnen Kapitalisten derjenige am meisten Mehrwert erhält,
der die besseren Maschinen hat oder ein gewisses Monopolrecht besitzt, so
gewinnt auch unter den Ländern dasjenige die größten Profite, das wirtschaftlich
am besten gestellt ist. Es ist Sache der Bourgeoisie, — für die Privilegien und
Vorrechte ihres nationalen Kapitals zu kämpfen und das Volk oder das gemeine
Volk (mit Hilfe Labriolas und Plechanows) irre zu führen, indem der imperia-
listische Kampf um das „Recht", die anderen auszuplündern, für einen nationalen
Befreiungskampf ausgegeben wird.
Bis zum Tripoliskrieg plünderte Italien die anderen Völker nicht —
wenigstens nicht in großen Dimensionen. War das nicht eine unerträgliche
266
Schmach für den nationalen Dünkel ? Die Italiener weiden von anderen Nationen
unterdrückt und erniedrigt. Die italienische Auswanderung betrug zirka
100 000 Mann jährlich in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts und
erreicht jetzt eine halbe bis zu einer ganzen Million. Und all das sind Bettler,
die aus ihrem Lande getrieben werden vom Hunger im buchstäblichsten Sinne
dieses Wortes, all das sind Lieferanten von Arbeitskraft für die am schlechtesten
bezahlten Industriezweige, diese ganze Masse bevölkert die engsten, ärmsten
und schmutzigsten Viertel der amerikanischen und europäischen Städte. Die
Zahl der Italiener, die im Auslande leben, erreichte eine Million im Jahre 1881
und 5% Millionen im Jahre 1910. Dabei entfällt die große Masse auf die
reichen und „großen" Länder, denen gegenüber die Italiener die gröbste,
billigste, bettelarme und entrechtete Arbeitermasse bilden. Das sind -die
wichtigsten Länder, die die billige italienische Arbeitskraft konsumieren:
Frankreich — 400 000 Italiener 1910 (240 000 — 1881); die Schweiz — 135 000
(41 000 — 1881); Österreich — 80 000 (40 000); Deutschland — 180 000 (7000);
die Vereinigten Staaten — 1 779 000 (170 000) ; Brasilien — 1 500 000 (82 000) ;
Argentinien — 1000 000 (254 000). Das „glanzvolle" Frankreich, das vor
125 Jahren für seine Freiheit gekämpft hat und aus diesem Grunde seinen
jetzigen Krieg um sein und Englands Sklavenhalterrecht auf Kolonien einen
„Befreiungskrieg" nennt, dieses Frankreich hält geradezu in besonderen Ghettos
100 000 italienische Arbeiter, von denen das kleinbürgerliche Geschmeiß der
„großen" Nation sich möglichst abzusondern sucht, und die es auf jegliche
Art zu erniedrigen und beleidigen trachtet. Die Italiener werden verächtlich
„maccaroni" genannt (der großrussische Leser kann sich erinnern, wieviel
verächtliche Spitznamen auch in Rußland auf die „Fremden" angewandt
werden, die nicht das Glück haben, mit dem Recht auf hochadlige Privilegien zur
Welt zu kommen, die den Purischkewitsch als Werkzeug der Unterdrückung
sowohl der großrussischen, wie auch aller anderen Nationen Rußlands dienen).
Das große Frankreich schloß 1896 einen Vertrag mit Italien ab, kraft dessen
Italien sich verpflichtete, die Zahl der italienischen Schulen in Tunis nicht zu
vermehren! Aber die italienische Bevölkerung in Tunis vermehrte sich seitdem
um das sechsfache. In Tunis leben 105 000 Italiener neben 35 000 Franzosen,
aber von den ersteren sind nur 1167 Grundbesitzer mit 83 000 Hektar, während
2395 Franzosen in ihrer Kolonie 700 000 Hektar zusammengeräubert haben.
Nun, wie soll man da Labriola und den anderen italienischen „Plechanowisten"
nicht zustimmen, daß Italien ein „Recht" habe auf seine Kolonien in Tripolis,
auf die Unterdrückung der Slawen in Dalmatien, auf die Aufteilung Klein-
asiens usw.!*)
*) Höchst lehrreich ist der Zusammenhang zwischen dem Übergang Italiens zum
Imperialismus und der Bewilligung der Wahlreform von Seiten der Regierung. Diese
Reform vermehrte die Zahl der Wähler von 1 239 000 auf 8 562 000, d. h. gab „fast" das
allgemeine Wahlrecht. Vor dem Tripoliskriege war derselbe Giolitti, der die Reform durch-
führte, ein entschiedener Gegner dieser Reform. „Die Motivierung der veränderten Richt-
linie von Seiten der Regierung" und der gemäßigten Parteien, schreibt Michels, war eigentlich
267
daß des curooäisehc
Rußlands gegen Deutschlands
:t eidigt, so zieht auch der Führer
„Invasion des fremden Kapitals
in der Lombardei, das englische
BS belgische in den Tramway-
kann nicht umhin anzuerkennen
en ungeheuren Nutzen gebracht
***• iiu! ' ich kategorisch vor die Frage
t der Feder, direkt oder indirekt,
r ode
ipt nationalen Interessen oder
Bourgeoisie verteidigen, und
der jeglichen und insbesondere
rtzen zur Entlarvung und zum
Regierung mit Hilfe revolutionärer
i Proletariats. Eine Mitte gibt es dabei
: e mittlere Stellung einzunehmen,
l *^ e '^ r gang auf Seiten der imperia-
:.ur dazu da, um diesen Übergang
i< mausten genau so, wie unser Herr
faesow, indem er meint, man i . internationalen Standpunkt aus
Proletariat nützlicher oder schädlicher
. . Österreich und Deutschland
beantwi gt Barboni der italienischen sozia-
der Arbeiter aller — und vor
len — I ; reklamieren, empfiehlt dann inter-
?dens programm auf Grund der Ab-
'.er nati< .Her Nationen mit der Schaffung
währleistung der Unantastbarkeit
und " rade im Namen dieser Prinzipien erklärt
patrioti> prinzipiellen Abneigung gegen Kolonial-
k. haben die Indus tri mehr die Schwerarbeiter wider Erwarten
g«fe: ken außerordentlich d i willig gekämpft. Ein solches sklavische
\lten gegenüber der Regierung*; lient eine Belohnung, die das Proletariat
: m Parlament erklärte der Vorsitzende
sse durch ihr patriotisches Benehmen
auf d ; mat b- wiesen habe, daß sie von nun ab die
ht 1 Wer imstande ist, sein Leben einem edlen
lie Interessen der Heimat zu wahren, und
- | litisch vollberechtigt halte" (S. 377).
n wd ,, n noch schöner die deutschen „radikalen"
Hantierung wiederholen: „Wir" haben
„^^ rnidl . fremd« Länder auszuplündern, und „im
Preufen geben?" . . .
**
Barboni, daß der Militarismus eine „pa I täre" Erscheinung des Kapitalismus,
aber keineswegs eine Notwendigkeit s ; laß Deutschland und Österreich vom
„militärischen Imperialismus" durchdruren seien, daß ihre aggressive Politik
eine „beständige Bedrohung des europäisien Friedens bilde, daß Deutschland
„stets die von Rußland (sie!!) und I ijand gemachten Vorschläge zur Ein-
schränkung der Rüstungen ablehnte" iw. usw. und daß die sozialistische
Partei Italiens für eine Einmischung Iiliens zugunsten der Tripel-Entente
eintreten müsse!
Es bleibt unbekannt, kraft weld r Prinzipien man dem bürgerlichen
Imperialismus Deutschlands, das sich im wanzigsten Jahrhundert ökonomisch
rascher entwickelt hat, als die übrige iropäischen Länder, und das bei der
Aufteilung der Kolonien zu „knapp" evongekommen ist, den bürgerlichen
Imperialismus Englands vorziehen s Bas sich viel langsamer entwickelte,
eine Unmenge Kolonien eingesteckt hai?, dort mitunter (fern von Europa)
ebenso bestialische Unterdrückungsr eiodeu anwendet wie Deutschland,
und für seine Milliarden Millionenarme I er verschiedenen Kontinentalmächte
dingt zur Ausplünderung Österreichs, c Türkei usw. Barbonis Internatio-
nalismus läuft eigentlich, wie auch der Kutskys, auf ein Lippenbekenntnis zu
den sozialistischen Prinzipien hinaus, wälend unter der Hülle dieser Heuchelei
in Wirklichkeit der Schutz der einhe I eben, italienischen Bourgeoisie ver-
fochten wird. Es muß hervorgehoben wrden, daß Barboni, der sein Buch in
der freien Schweiz (deren Zensur nur c halbe Zeüe auf Seite 75 gestrichen
hat, die scheinbar einer Kritik Österreich gewidmet War) herausgegeben hat,
auf 143 Seiten nicht einmal die Grunc des Basler Manifestes anzuführen
und sie gewissenhaft zu analysieren bei: Dafür aber werden zwei russische
Exrevolutionäre, für die jetzt die ganze frikopliile Bourgeoisie Reklame macht,
der anarchistische Kleinbürger Krapotkiiund der sozialdemokratische Spießer
Plechanow von unserem Barboni mit tiefe Sympathie zitiert (S. 103). Natürlich!
Plechanows Sophismen unterscheiden i eigentlich dem Wesen nach durch
nichts von den Sophismen Barbonis. v reißt die politische Freiheit Italiens
die Larven dieser Sophismen herunter i n stellt Barboni bloß, als Agenten der
Bourgeoisie im Lager der Arbeiter.
Barboni bedauert den „Mangel an .vahrein und echtem revolutionärem
Geist" in der deutschen Sozialdemokrat; (ganz wie Plechanow); er begrüßt
glühend Karl Liebknecht (wie ihn die fr an isiseken Sozialchauvinisten begrüßen,
die den Balken in ihrem eigenen Auge nict sehen); aber er erklärt entschlossen,
daß „von einem Bankrott der Internatioale nicht die Rede sein kann", (S. 92),
daß die Deutschen den Geist der In1 eiationale nicht preisgegeben hätten,
insofern sie in der gewissenhaften Uberzigung gehandelt hätten, daß sie ihr
Vaterland verteidigten. Und in demselfen salbungsvollen Ton wie Kautsky,
nur mit romanischer Schönschwätzerei, edärt Barboni, daß die Internationale
bereit sei (nach dem Sieg über Deutschlad), . . . „den Deutschen den Moment
des Argwolms zu verzeihen, wie Christu Petrus verziehen hat, die vom mili-
taristischen Imperialismus geschlagenen iefen Wunden durch Vergessen zu
269
keilen und ihnen die Hand entgegenzustrecken zu einem würdigen und brüder-
lichen Frieden" (S. 113).
Ein rührendes Bild: Barboni und Kautsky — wahrscheinlich nicht ohne
Teilnahme der Kossowski und Axelrod — verzeihen sich gegenseitig!!
Barboni, der mit Kautsky und Guesde, Plechanow und Krapotkin durch-
aus zufrieden ist, ist mit seiner sozialistischen Arbeiterpartei in Italien unzu-
frieden. Diese Partei, die das Glück hatte, schon vor dem Kriege sich von den
Reformisten Bissolatti und Konsorten zu befreien, hatte eine solche „Atmosphäre"
geschaffen, daß diejenigen, die (wie Barboni) für die Losung der „absoluten Neu-
tralität", d. h. entschlossene Gegner der Kriegseinmischung Italiens waren,
darin nicht atmen können. Der arme Barboni jammert bitterlich, daß man
Männer wie ihn in der italienischen, sozialistischen Partei „Intellektuelle"
nennt oder „Menschen, die den Kontakt mit den Massen verloren haben, Ab-
kömmlinge der Bourgeoisie" oder „Personen, die vom geraden Weg des Sozialis-
mus und des Internationalismus" abgekommen sind. Unsere Partei — ruft
Barboni empört — „phantasiert mehr, als daß sie die Massen erzieht" (S. 4).
Die alte Leier! Eine italienische Variante der bekannten russischen Liqui-
datoren und Opportunisten gegen die „Demagogie" der bösen Bolschewiki, die
die Massen auf die herrlichen Sozialisten aus „Nascha Sarja", der O. K. und der
Fraktion Tschcheidse „hetzen"! Aber welch wertvolles Geständnis des italie-
nischen Sozialchauvinisten, daß in dem einzigen Lande, wo man einige Monate
lang die Plattformen § der Sozialchauvinisten und der revolutionären Inter-
nationalisten frei besprechen konnte, grade die Arbeitermassen, grade das klassen-
bewußte Proletariat sich zu den letzteren bekannt hat, während die kleinbürger-
lichen Intellektuellen und Opportunisten sich auf die Seite der ersteren ge-
schlagen haben.
Neutralität ist ein engherziger Egoismus, ein Verkennen der internatio-
nalen Situation, ist eine Niedertracht Belgien gegenüber, ist eine „Abwesenheit",
und die „Abwesenden haben stets unrecht", argumentiert Barboni ganz im
Geiste Plechanows und Axelrods. Da aber in Italien zwei offene Parteien be-
stehen, eine reformistische und eine sozialdemokratische Arbeiterpartei, da
man in diesem Lande das Publikum nicht irreführen kann, indem man die Blöße
der Herren Potressow, Tscherewanin, Lewitzki und Co. mit dem Feigenblatt
der Fraktion Tschcheidse oder der O. K. zudeckt, so erkennt Barboni offen-
herzig an:
„Von diesem Standpunkt aus sehe ich mehr revolutionären Geist in den
Handlungen der Sozialisten-Reformisten, die rasch erfaßt haben, welch un-
geheure Bedeutung für den künftigen antikapitalistischen Kampf diese Er-
neuerung der politischen Situation haben würde" (infolge eines Sieges über
den deutschen Müitarismus) „und sich ganz konsequent auf die Seite der
Tripleentente gestellt haben, als in der Taktik der offiziellen revolutionären
Sozialisten, die sich wie Schildkröten unter das Schüd der absoluten Neutralität
versteckten" (S. 81).
270
Gegenüber einem so wertvollen Bekenntnis erübrigt es sich nur noch,
den Wunsch auszudrücken, irgend ein Genosse, der mit der italienischen Be-
wegung vertraut ist, möge das umfangreiche und hochinteressante Material
sammeln und systematisch bearbeiten, das von den beiden Parteien Italiens
in der Frage geliefert wurde, welche Gesellschaftsschichten und welche Elemente,
mit wessen Hilfe und mit welchen Argumenten die revolutionäre Politik des
italienischen Proletariats verfochten wurde einerseits, und in der Frage der Liebe-
dienerei vor der italienischen, imperialistischen Bourgeoisie andererseits. Je
mehr Material darüber in den verschiedenen Ländern gesammelt sein wird,
desto deutlicher wird den klassenbewußten Arbeitern die Wahrheit über die
Ursachen und die Bedeutung des Zusammenbruches der II. Internationale
werden.
Zum Schluß sei bemerkt, daß Barboni sich vor der Arbeiterpartei sophistisch
bemüht, auf die revolutionären Instinkte der Arbeiter zu spielen. Er schildert
die Sozialisten-Internationalisten in Italien, diese Gegner des Krieges, der
in Wirklichkeit geführt wird im Namen der imperialistischen Interessen der
italienischen Bourgeoisie, als Menschen, die sich feige zurückziehen, die sich
vor den Greueln des Krieges egoistisch verstecken möchten. „Das Volk, das
in Angst vor den Greueln des Krieges erzogen wurde, wird wahrscheinlich auch
vor den Schrecken der Revolution Angst bekommen" (S. 83). Und neben diesem
widerwärtigen Versuch, den Revolutionär zu spielen, kommt der geschäfts-
macherische Hinweis auf die „klaren" Worte des Ministers Salandra: „Die
Ordnung wird unter allen Umständen gewahrt sein". — „Jeder Versuch eines
Generalstreiks gegen die Mobilmachung würde nur zu einem „unnützen
Gemetzel" führen". — „Wir konnten den Tripolitanischen Krieg nicht ver-
hindern, um so weniger werden wir den Krieg mit Österreich verhindern
können" (S. 82).
Ebenso wie Kautsky, Cunow und alle Opportunisten, unterschiebt Barboni
bewußt, mit der gemeinen Absicht, einen Teü der Massen hinters Licht zu
führen, den Revolutionären den dämlichen Plan, „mit einem Schlage" dem
Krieg ein Ende zu machen und sich in dem für die Bourgeoisie bequemsten
Augenblick niederknallen zu lassen. Barboni tut es, um über die in Stuttgart
und Basel klar aufgeworfenen Probleme hinwegzukommen, wie die revolutionäre
Krise für eine systematische revolutionäre Propaganda und Vorbereitung von
revolutionären Massenaktionen ausgenutzt werden solle. Daß Europa einen
revolutionären Moment erlebt, das sieht Barboni vollkommen klar.
„Es gibt einen Punkt, auf dem zu bestehen ich für notwendig halte, selbst
auf die Gefahr hin, dem Leser auf die Nerven zu fallen, denn man kann nicht
die jetzige politische Situation richtig einschätzen, olme diesen Punkt auf-
geklärt zu haben. Die Periode, die wir erleben, ist eine katastrophale Periode,
eine Periode der Aktion, da es sich nicht um die Erörterung von Ideen handelt,
nicht um die Abfassung von Programmen, nicht um die Festlegung der Linie
für die politische Haltung in der Zukunft, sondern um die Anwendung der
lebendigen und aktiven Kraft, zwecks Erreichung eines Ziels für Monate, ja
271
vielleicht sogar nur für Wochen. Unter diesen Umständen heißt es, nicht über
die Zukunft der proletarischen Bewegung philosophieren, sondern den Stand-
punkt des Proletariats angesichts des gegenwärtigen Moments festigen." (S. 87/88.)
Noch ein Sophismus mit unterstellter Revolutionarität ! 44 Jahre nach
der Kommune, die beinahe ein halbes Jahrhundert der Sammlung und Vor-
bereitung der Massenkräfte hinter sich hatte, soll die revolutionäre Klasse
Europas in einem Moment, da sie eine katastrophale Periode erlebt, daran
denken, wie sie möglichst schnell zum Lakaien ihrer nationalen Bourgeoisie
werden kann, ihr helfen soll, fremde Völker zu plündern, zu vergewaltigen, zu
ruinieren und zu unterwerfen, — aber nicht daran, wie unter den Massen eine
unmittelbar revolutionäre Propaganda und Vorbereitung von revolutionären
Aktionen entfaltet werde.
1915. A\ Lenin.
Der Krieg und die revolutionäre Krise in Rußland.
15 Monate Krieg! Wie im Kaleidoskop passieren vor uns die Geschehnisse
in unserem Lande im Lauf dieser leidensreichen Monate.
Beginn des Krieges. Ausbruch des erzreaktionären Patriotismus. Die
gesamte Bourgeoisie, einschließlich der ganz Liberalen, geht in das Lager der
I/)bsänger der Zarenbande über. Die Presse, die Dumatribüne, die Schule,
die Kirchenkanzel — alles wird in Bewegung gesetzt, um in das tiefste Innere
Rußlands, in den entlegensten Winkel den Schwindel vom „Befreiungs-
krieg" des Zarismus zu tragen, um die Arbeiter, die Bauern, die Masse des
werktätigen Mittelstandes in den Städten mit dem Chauvinismus zu verseuchen.
Alles, was ehrlich ist, alles, was dem Banner der Revolution treu geblieben ist,
wird an Händen und Füßen gebunden. Das Land ist geknebelt durch den
Kriegszustand. Proteste gegen den Krieg werden nur in der Arbeiterklasse laut.
Die kühne Avantgarde der Arbeiter — ihre Russische Sozialdemokratische
Arbeiterfraktion — wird gepackt und in den Kerker geworfen.
Zweites Stadium. Siege der Zarenheere in Galizien. Noch größere Exzesse
des Schwarzen-Hundert-Chauvinismus. Die Bande der Schwärze-Hundert
feiert ihre Orgien nicht allein innerhalb Rußlands, sie plündert, ruiniert, er-
drosselt auch die Bevölkerung Galiziens. Die Bourgeoisie spitzt sich auf die
Profite, die mit der Einnahme der Dardanellen in ihre Taschen fließen würden,
eine Sache, die damals eine Frage der nächsten Zukunft zu sein schien. Der
Liberalismus sinkt demonstrativ noch mehr zu Füßen des Zaren. Die
Demokratie bleibt stumm. Die Konterrevolution tobt mit noch größerem
Zynismus. Sie feiert Feste.
Aber bald verändert sich das Bild. Niederlage der Zarenarmee. Przemysl,
Lemberg, Warschau, Nowogeorgiewsk, Kowno, Brest-Litowsk, Wilna. Fast
ganz Polen, Litauen und Kurland sind in den Händen der Deutschen. Die
Leiden der Bevölkerung jener Gegenden, die die Invasion erfahren, kennen
272
"keine Grenzen. Eine Millioneuwelle von Flüchtlingen ergießt sich in das Innere
des Landes. Es findet eine wahre Völkerwanderung statt. Hunderttausende
von Söhnen Rußlands kommen auf den Schlachtfeldern um. Millionen und
Abermillionen werden ruiniert, verarmen, leiden und ertragen unmenschliche
Qualen. Alles gerät in einen unsicheren Zustand. Niemand weiß, was uns der
kommende Tag bringen wird.
Die Reaktion verliert den Kopf. Es beginnen Intriguen zwischen den
einzelnen einflußreichen Cliquen def Militärpartei. „Das Vaterland ist in Gefahr."
Es findet eine „Mobilmachung der Industrie" statt und eine Mobilmachung
der „gesellschaftlichen Kräfte". In den Hauptstädten werden Reden ge-
schwungen, wird Lärm geschlagen. . . Kongresse, Reden, Resolutionen, De-
peschen, Komitees, Deputationen. Gutschkow*) ist fast „Diktator". Die
Miljukow und Schingarew sind fast Minister. Die Duma greift die Zarenminister
an — hauptsächlich diejenigen, die der Zar bereits nach Hause geschickt hat.
Die Liberalen bilden zusammen mit den Oktobristen und den breiten Kreisen
der nationalistischen Grundbesitzer den „Dumablock". Sie sind dabei, schier
ein Komitee der öffentlichen Rettung . . . will sagen, ein Ministerium der
nationalen Verteidigung zu schaffen. Aber zu dieser Zeit werden sie . . . ganz
unerwartet nach Hause geschickt. Die Duma wird auseinandergejagt. Die
Situation in den Spitzen wird noch verwirrter. Als Antwort auf die Auflösung
der Duma rufen die Liberalen zur „Ruhe und Ordnung" auf. Der Pakt der
Bourgeoisie mit der Monarchie zur „Rettung Rußlands" kam nicht zustande.
Die Zarenbande wird eher mit der deutschen Monarchie paktieren, als daß
sie dem Liberalismus Zugeständnisse machte.
In den Hauptstädten herrscht Lärm, es toben Redeschlachten. . . Aber
welches Glück, daß wir nicht mehr zu schweigen brauchen. Nur dort, im
Innern Rußlands herrscht Grabesstille. . . Nein, die Friedhofsruhe gehört der
Vergangenheit an. Es erdröhnen Proteste, der Kampf reift^ Die Zarenbande
bringt dem Volk „Defaitismus" bei.
Als Erste erheben ihre Stimme wiederum die Arbeiter. Sie werden in
Kostroma dutzendweise erschossen. Sie werden in Iwanowo-Wosnessensk zu
Hunderten niedergemacht, sie werden zu Tausenden verhaftet und in die Ver-
bannung geschickt. Aber sie streiken dennoch zu Zehntausenden, sie habea
es schon bis zum Generalstreik in Moskau gebracht, bis zum Streik von 150 000
Proletariern in Petersburg, ihre Bewegung hat bereits beide Hauptstädte erfaßt,
ist auf die Wolgagegend und auf den Süden übergesprungen und breitet sich
über das ganze Land aus.
Auf dem flachen Lande ist es auch „unsicher". Die Zeitungen brachten
bereits — einstweilen nur vereinzelte — Fälle von Rebellionen unter der weib-
lichen Bevölkerung der Dörfer. Die Männer sind in den Krieg geschickt worden,
aber die Abgaben und Unterdrückungen sind nicht geringer geworden, die
Not drückt, der Gutsbesitzer preßt. Der gottgerechte Bischof Nikon bezeugt,
*] Kadett, war in der ersten Provisorischen Regierung Minister. Anm. d. übers.
18 273
daß in den Dörfern „tödliche" Reden gegen den Krieg gehalten werden. Dasselbe
wird auch von den liberalen Kennerrf des ländlichen Lebens bekundet. Auf
die ländliche Bevölkerung fällt der Krieg am schwersten zurück. Zu Hundert-
tausenden werden aus dem russischen „Hungersdorf" und „Brandhof" die
Bauern zur Schlachtbank geführt: die russische Armee ist eine Bauernarmee.
Und zu Hause herrschen — Not, Hunger, Prügel, Wachleute, Pfaffen, Land-
räte. . .
Die Unzufriedenheit macht sich auch unter den breiten Massen des
städtischen Mittelstandes bemerkbar — die Fronde der Liberalen spiegelt nur
in schwachem Maße diese Unzufriedenheit wider. Wozu dieser Krieg, wozu
diese Meere von Tränen, diese Seen von Blut, die Tausende und Abertausende
von Ermordeten ? Wozu dieser Ruin des Landes, dieser Abgrund von Leiden ?
Diese Fragen tragen jetzt Tausende und Zehntausende Bürger Rußlands auf
den Lippen, bald werden sie Millionen auf den Lippen haben.
Und die Folge ist, daß die revolutionäre Krise wächst. Noch weiß niemand,
mit welcher Schnelligkeit sich die revolutionären Ereignisse entfalten werden.
Doch wird sich niemand wundern, wenn die Ereignisse einen ebenso schnellen
Verlauf nehmen, wie nach dem Fall von Port- Arthur, nach Mukden und Zussima.
Der militärische Zusammenbruch, die Niederlage der Zarenarmeen weckt die
Unbeteiligtesten zur Aktivität, die Nachricht vom Krach dringt in die ent-
legensten Orte. An die Spitze der revolutionären Bewegung wird sich von Neuem
das Proletariat stellen, das mit früherem Heroismus für die demokratische
Republik, den Achtstundentag und die Beschlagnahme des Großgrundbesitzes
kämpfen wird. Die Zeit wird kommen — und wir werden wieder die revolutionäre
Bewegung im Bauerntum wahrnehmen, das durch die Lehren des Krieges
geschult sein wird. Die kleinbürgerlichen Revolutionäre werden schwanken,
die Liberalen werden mit dem Absolutismus feilschen und das Volk verraten.
Auf die revolutionären Sozialdemokraten werden historische Aufgaben von
allergrößter Wichtigkeit fallen.
Die Lage der russischen Sozialpatrioten wird immer zweideutiger, und
immer klarer tritt ihre konterrevolutionäre Rolle hervor. Einzelne Vertreter
des echt-russischen Sozialpatriotismus haben die Losung aufgestellt -.„Revolution
für den Sieg" (über die Deutschen). Doch die Logik der Ereignisse treibt die
Herren Sozialparticten dazu, daß sie in Wirklichkeit die Losung verfechten:
„Konterrevolution für den Sieg", d. h. Verzicht auf jedweden Kampf gegen
den Zarismus — im Namen des „Sieges". Und das ist auch begreiflich. Revolution
für den Sieg? Versucht's doch einmal, Ihr Herren! Fangt mit der Revolution
an, beginnt mit dem Sturz Eures „gerechten" Zaren (sei es auch nur dem „Sieg"
über die Deutschen zuliebe), und wir werden sehen, was dann von Eurem „Burg-
frieden", von Eurem „NichtWiderstand dem Kriege" usw. übrigbleiben wird.
Das ist die Antwort, die den „Patrioten" von der revolutionären Sozialdemokratie
gegeben wurde.
Revolution für den Sieg — sagen als Schlagwort die Kerenski und Ple-
chanow, indem sie sich in die Toga der revolutionären Jakobiner hüllen und
274
leichtsinnigerweise die Schatten der großen Männer aus der Zeit der revolutionären
Kriege aufscheuchen. In Wirklichkeit sind sie — Sklaven der Zarenmonarchie.
Die in Rußland stattfindende Konferenz der Sozialrevolutionäre, der
Trudowiki, und der sogenannten Volkssozialisten nimmt eine Resolution an,
in der sie „die Beteiligung an der Landesverteidigung gegen den äußeren Feind
für unvermeidlich" hält und als notwendig anerkennt, „die Staatsduma, ja
sogar in ihrer jetzigen Zusammensetzung, für die Sache des Volkes zu gewinnen".
Ist das nicht Konterrevolution „für den Sieg" ?
Der Herr Plechanow und Frau Ida Axelrod, Alexinski, Frau Deutsch
und ein paar patriotische Sozialrevolutionäre bringen eine lachhafte „Konferenz"
zusammen und veröffentlichen in ihrem Namen ein pompöses Manifest „an die
zielbewußte werktätige Bevölkerung Rußlands" (mit seinen sozialdemokratischen
Überzeugungen hat Plechanow zugleich auch das Gefühl für das Lächerliche
verloren). In diesem ä la „Nowoje Wremja" gehaltenen Manifest wenden sich
die genannten Herren gegen die Arbeiterstreiks — just in dem Moment wo
der Massenstreik sich über ganz Rußland auszudehnen beginnt. In diesem
Manifest wird als „tief irrtümlich" die Auffassung gestempelt, daß solange
die zaristische Regierung besteht, nicht einmal die ominöse „Vaterlandsvertei-
digung" gelingen könne. Die Plechanow und Konsorten haben nicht einmal
auf ihrer Position: „Revolution für den Sieg" beharren können. Sie rutschten
zur Position herab: „Frieden mit der Konterrevolution — für den Sieg", sie
sind absolut reif dafür, ein Bestandteil des Kadetten-Oktobristen-Nationalisten-
Blocks zu bilden.
Mit einem programmatischen Schreiben an die Genossen tritt das aus-
ländische Sekretariat der Organisations-Kommission hervor, — diese Verbündeten
und Gefangenen der sozialpatriotischen „Nascha Sarja". Diese Leute, die
den „defaitistischen" Ideen Tribut zahlen und sogar die Losung des Bürger-
krieges (Aufstände im Hinterland) einstweilen nur für Deutschland anerkennen, —
sie proklamieren für Rußland die Losung der Konstituierenden Versammlung.
Für die Anhänger der Organisations-Kommission ist dies ein kleiner
Schritt vorwärts. Doch die revolutionären Sozialdemokraten können nicht
umhin, anzuerkennen, daß die Leute von der Organisations-Kommission im
Fahrwasser der liberalen Ideen verbleiben. Sie wählen vorsätzlich Formeln,
die weniger klar sind, die für die Liberalen annehmbarer sind. Die revolutionären
Proletarier in Petersburg stellen in ihren Proklamationen ebenfalls die Forderung
der konstituierenden Versammlung auf. Doch sie ergänzen stets diese Forderung
mit den drei wichtigen Kampfparolen der Zeit: Demokratische Republik,
Achtstundentag, Beschlagnahme des Großgrundbesitzes. Die blanke Losung:
„Konstituierende Versammlung" kann auch auf liberale Art gedeutet werden,
als Konstituierende Versammlung zur Errichtung einer konstitutionellen Mo-
narchie, zur „Einigung zwischen dem Volk und der Krone". Das war der Grund,
warum 1905 auch die russischen Liberalen die Losung der Konstituierenden
Versammlung akzeptierten, doch niemals die Losung der demokratischen Re-
publik und der Beschlagnahme des Großgrundbesitzes akzeptiert hätten. Bis
18* 275
1905 konnte mau sich auf die „volkstümliche Redensart" — „Nieder mit der
Selbstherrschaft" beschränken. Jetzt schleudern wir in die Massen: Nieder
mit der Monarchie. Vor 1905 konnten die Sozialdemokraten mit der Losung
der Konstituierenden Versammlung marschieren, jetzt müssen wir in die Massen
gehen mit der Propagierung der Republik und der Beschlagnahme des Groß-
grundbesitzes.
Im Lager der platonischen Internationalisten („Nasche Slowo") halten
die Schwankungen auch angesichts der eintretenden entscheidenden Er-
eignisse an. Zur Liquidierung der revolutionären Taktik in Rußland gelangt
„Nasche Slowo" vom anderen Ende. Aus der richtigen und wichtigen These,
daß die Geschicke der russischen Revolution jetzt noch enger verknüpft sind
mit dem Schicksal der Weltrevolution des Proletariats, ziehen sie den absolut
irrigen Schluß, daß die Aufgabe der bürgerlich-demokratischen Revolution in
Rußland unzeitgemäß sei. In Rußland sei keine bürgerliche Demokratie vor-
handen, das Bauerntum könne keine revolutionäre Rolle spielen, das russische
Proletariat müsse abwarten, bis es zusammen mit dem Proletariat anderer
Länder imstande sein werde, die Revolution im internationalen Maßstab zu
erringen. („Nasche Slowo" 181/182, Artikelserie der Redaktion „Die Kriegs-
krise".) Das alte trotzkistische Liedlein mit neuer Variation! Eine absolut
schädliche Liquidator enid&z\ Allein die Liquidatoren — Potressow selbst und
Larin selbst — werden aus einer solchen Fragestellung gewinnen, die in Wirk-
lichkeit zu einem Verzicht auf den Kampf um die neue Revolution in Rußland
führt, zu dem Verzicht auf die Aufgabe des Proletariats, die Massen des Klein-
bürgertums in Stadt und Land zum Kampfe für die Republik und für die
"Beschlagnahme des Großgrundbesitzes aufzurütteln. Das ist eben die geistige
Nabelschnur, die Trotzki mit den Liquidatoren verbindet.
Nein, die revolutionäre Sozialdemokratie kämpft nach wie vor für die
demokratische Revolution in Rußland. Der imperialistische Weltkrieg hat die
revolutionäre Krise in unserem Lande mit der wachsenden proletarischen,
sozialistischen Revolution im Westen unzertrennlich verbunden. Schon vor
10 Jahren dachte sich die revolutionäre russische Sozialdemokratie die demo-
kratische Revolution in Rußland als Auftakt zur sozialistischen Revolution
im Westen. Die Entwicklung hat einen mächtigen Schritt vorwärts getan.
Der Prolog rückt zeitlich dem Epilog näher. Noch enger wurde der Zusammen-
hang zwischen der demokratischen Revolution in Rußland und der sozialistischen
Umwälzung in Westeuropa. Aber daraus ergibt sich noch nicht ein Verzicht
auf die Grundforderungen, nicht die Verzichtleistung auf die Losung der demo-
kratischen Revolution in Rußland, sondern ein noch viel energischerer Kampf
für diese Revolution. Die Interessen der vielen Millionen Kleinbürger und
Halbproletarier Rußlands vertragen sich weder mit der Monarchie, noch mit
den Gutsbesitzern aus der Leibeigenschaftszeit. Der Konflikt dieser Interessen
ist nun einmal da. Die Schwankungen der Kleinbourgeoisie waren uud werden
da sein; gestern folgte sie im allgemeinen den Liberalen, heute geht sie mit
den patriotischen Bourgeois. Die Aufgabe des Proletariats ist nicht, die demo-
276
kratischen Interessen der Massen aufzugeben, sondern die Massen vom Einfluß
der Bourgeoisie zu befreien und die Lehren des Lebens auszunutzen zur Bloß-
stellung der gestern noch liberalen und heute patriotischen Illusionen.
Es lebe die zweite, demokratische Revolution in Rußland, die das Zeit-
alter der proletarischen Weltrevolution eröffnet! Es lebe der Sieg über die
Zarenmonarchie, nicht zum „Siege" über Deutschland, sondern zur Fortführung
der proletarischen, sozialistischen Revolution im Westen! Das ist die Standarte
der revolutionären .Sozialdemokratie in Rußland.
11. Oktober 1915. Q Sinowjew.
Der erste Schritt.
Langsam geht zur Zeit der durch den Krieg hervorgerufenen ungeheuren
Krise die Entwicklung der internationalen sozialistischen Bewegung vor-
wärts. Doch sie bewegt sich dennoch gerade in der Richtung des Bruches mit
dem Opportunismus und dem Sozialchauvinismus. Die internationale so-
zialistische Konferenz in Zimmerwald (Schweiz) am 5. — 8. September 1915
hat es deutlich gezeigt.
Ein ganzes Jahr lang konnte man unter den Sozialisten der kriegführenden
und neutralen Länder einen Prozeß des Schwankens und Abwartens wahrnehmen:
man fürchtete sich selber die Tiefe der Krise einzugestehen, man scheute sich,
der Wirklichkeit ins Gesicht zu schauen, man schob durch tausenderlei Methoden
den unvermeidlichen Bruch mit den in den offiziellen Parteien Westeuropas
vorherrschenden Opportunisten und Kautskyanern hinaus.
Doch die Beurteilung der Ereignisse, die wir vor einem Jahre in der
Kundgebung des Zentralkomitees (in Nr. 33 des „Sozialdemokrat") gegeben
haben, erwies sich als richtig; die Ereignisse bewiesen ihre Richtigkeit; die
Ereignisse schlugen namentlich einen solchen Weg ein, daß auf der ersten inter-
nationalen sozialistischen Konferenz vertreten waren die protestierenden Ele-
mente der Minorität (Deutschland, Frankreich, Schweden, Norwegen), die
entgegen den Beschlüssen der offiziellen Parteien handelten, d. h. faktisch sich
als Ketzer und Quertreiber benahmen.
Das Resultat der Arbeit der Konferenz besteht in einem Manifest und
einer Sympathieresolution für die Inhaftierten und Verfolgten. Die Konferenz
lehnte mit 19 Stimmen gegen 12 ab, den Entwurf einer Resolution, die von
uns und anderen revolutionären Marxisten eingebracht worden war, einer
Kommission zu übertragen, und unser Entwurf wurde mit zwei anderen
der Kommission übertragen zur Ausarbeitung eines allgemeinen Manifestes.
Das angenommene Manifest bedeutet faktisch einen Schritt vorwärts
zum ideellen und praktischen Bruch mit dem Opportunismus und dem Sozial-
chauvinismus. Aber zugleich leidet auch dieses Manifest, wie seine Analyse
zeigen wird, an Inkonsequenz und Halbheit.
277
Das Manifest erklärt den Krieg als imperialistischen Krieg und hebt zwei
Merkmale dieses Begriffes hervor: das Streben der Kapitalisten einer jeden
Nation nach Profiten, nach Ausbeutung; das Streben der Großmächte nach
der Aufteilung der Welt und der Versklavung der schwachen Nationalitäten.
Das wesentlichste von dem, was über den imperialistischen Charakter des Krieges
gesagt werden muß und in unserer Resolution gesagt wurde, ist hier wiederholt.
In diesem Teile popularisiert das Manifest bloß unsere Resolution. Populari-
sierung ist entschieden eine nützliche Sache. Doch wenn wir Klarheit
in den Gedanken der Arbeiterklasse anstreben, wenn wir auf eine systematische
und beharrliche Propaganda Wert legen, so müssen wir exakt und vollständig
die Prinzipien feststellen, die popularisiert werden sollen. Wenn wir dies nicht
tun, laufen wir Gefahr, namentlich die Fehler, die Sünden der II. Internationale
zu wiederholen, die ihren Zusammenbruch verursacht haben: wir öffnen Tür
und Tor allen Zweideutigkeiten und falschen Auslegungen. Kann man denn
z. B. leugnen, daß der in der Resolution zum Ausdruck gebrachte Gedanke
von der Reife objektiver Voraussetzungen im Sozialismus von wesentlicher
Bedeutung ist? In der „populären" Darstellung des Manifestes ist dieser Ge-
danke fortgelassen; der Versuch, die klare und deutliche prinzipielle Resolution
mit dem Aufruf zu einem einheitlichen Ganzen zu verschmelzen, ist mißlungen.
„Die Kapitalisten aller Länder . . . behaupten, der Krieg diene der Vater-
landsverteidigung. . . Sie lügen. . ." So fährt das Manifest fort. Diese direkte
Stempelung des Grundgedankens des Opportunismus in diesem Kriege, der
Idee der Vaterlandsverteidigung zu einer „Lüge" ist wiederum eine Wieder-
holung des wesentlichsten Gedankens aus der Resolution der revolutionären
Marxisten. Und wiederum ergibt sich eine ärgerliche Halbheit, eine gewisse
Scheu, eine Angst, die ganze Wahrheit auszusprechen. Wer weiß denn jetzt,
nach einem Jahre Krieg, nicht, daß das wirkliche Unglück für den
Sozialismus die Wiederholung und Unterstützung der Lüge der Kapitalisten
nicht nur von seiten der kapitalistischen Presse war (dazu ist sie eben eine
kapitalistische Presse, um die Lügen der Kapitalisten zu wiederholen), sondern
auch von seiten des größten Teiles der sozialistischen Presse ? Wer weiß denn
nicht, daß nicht die „Lüge der Kapitalisten" die größte Krise des europäischen
Sozialismus hervorgerufen hat, sondern die Lüge der Guesde, Hyndman, Ple-
chanow, Vandervelde, Kautsky ? Wer weiß denn nicht, daß gerade die Lüge
solcher Führer plötzlich die ganze Macht des Opportunismus gezeigt hat, der
sie im entscheidenden Moment mit sich fortgerissen hat ?
Man sehe sich doch an, was da entsteht. Der Popularität halber wird
den breiten Massen gesagt, daß die Idee der Vaterlandsverteidigung in diesem
Kriege eine Lüge der Kapitalisten sei. Aber die Massen in Europa sind ja keine
Analphabeten, und fast alle Leser des Manifestes hörten und hören gerade diese
Lüge aus Hunderten sozialistischer Zeitungen, Zeitschriften und Broschüren,
die diese Lüge nach Plechanow, Hyndman, Kautsky und Konsorten wiederholen.
Was sollen die Leser des Manifestes denken? Welche Gedanken werden ihnen
in den Kopf kommen nach dieser anschaulichen Demonstrierung der Scheu
278
der Verfasser des Manifestes ? Hört nicht auf die kapitalistische Lüge von der
Vaterlandsverteidigung, — lehrt das Manifest die Arbeiter. Schön. Fast alle
werden antworten oder bei sich denken: die Lüge der Kapitalisten irritiert
uns lange nicht mehr, doch die Lüge der Kautsky und Konsorten. . .
Weiter wiederholt das Manifest noch einen wesentlichen Gedanken unserer
Resolution, wenn es sagt, die sozialistischen Parteien und die Arbeiterorgani-
sationen der verschiedenen Länder hätten die Verpflichtungen mit Füßen
getreten, die sich aus den Beschlüssen der Kongresse in Stuttgart, Kopenhagen
und Basel ergeben, ebenso hätte das Internationale Sozialistische Büro seine
Pflicht versäumt; diese Pflichtversäumnis habe sich in der Bewilligung der
Kriegskredite, in der Beteiligung an den Ministerien und der Billigung des
Burgfriedens ausgedrückt. (Das Manifest nennt es sklavisch, d. h. macht Guesde,
Plechanow und Kautsky zum Vorwurfe, daß sie die Propagierung des Sozialismus
durch die Propagierung sklavischer Ideen ersetzt haben.
Es fragt sich, ob es konsequent ist: in einem populären Manifest von
der Pflichtversäumnis einer Reihe von Parteien zu reden — bekanntlich handelt
es sich um die stärksten Parteien der Arbeiterorganisationen aller fortgeschrit-
tensten Länder, wie der Englands, Frankreichs und Deutschlands — und diese
auffallende, unerhörte, nie dagewesene Tatsache ohne Erklärung zu lassen ? Pflicht-
versäumnis von seiten der meisten sozialistischen Parteien und des internationalen
sozialistischen Büros selbst! Was ist das? Eine Zufälligkeit und ein Versagen
einzelner Personen? Oder die Umwälzung einer ganzen Epoche? Ist das
erstere der Fall, lassen wir einen derartigen Gedanken in den Massen zu, so
bedeutet es unseren Verzicht auf die Grundsätze der sozialistischen Lehre.
Ist das zweite der Fall, — warum sagt man das nicht direkt ? Ein historischer
Weltmoment, Zusammenbruch der ganzen Internationale, Umwälzungen einer
ganzen Epoche, und wir fürchten uns, den Massen zu sagen, daß es gelte, die
ganze Wahrheit zu suchen und zu finden und die eigenen Gedanken zu Ende zu
denken, daß es unsinnig und lächerlich sei, den Zusammenbruch des Inter-
nationalen Sozialistischen Bureaus und einer Reihe von Parteien zu vermuten,
ohne diese Erscheinung mit der langen Geschichte der Entstehung, des Wachs-
tums, des Reif- und Üb erreif Werdens der europäischen opportunistischen Strö-
mung in Verbindung zu bringen, die ihre tiefen ökonomischen Wurzeln hat, —
tiefen nicht im Sinne einer unlösbaren Verbundenheit mit den Massen, sondern
im Sinne des Zusammenhanges mit einer bestimmten Gesellschaftsschicht.
Indem das Manifest zum „Friedenskampf" übergeht,erklärt es: „Dieser Kampf
ist der Kampf um die Freiheit und die Brüderlichkeit der Völker, um den Sozialis-
mus", und erörtert des weiteren, daß die Arbeiter im Kriege Opfer bringen müssen
„im Dienste der herrschenden Klassen", man müsse aber Opfer bringen „für die
eigene Sache" (im Manifest zweimal unterstrichen), „für die heiligen Ziele des So-
zialismus"; und in der Sympathieresolution für die verhafteten und verfolgten
Kämpfer heißt es, daß die Konferenz sich feierlich verpflichte, diese lebenden und
toten Kämpfer zu ehren durch die Nachahmung ihres Vorbildes, und daß sie sich zur
Aufgabe stelle, „den revolutionären Geist im internationalen Proletariat zu wecken".
279
Alle diese Gedanken sind eine Wiederholung jenes Grundgedankens
-unserer Resolution, daß der Kampf für den Frieden ohne revolutionären Kampf
eine leere, verlogene Phrase ist, daß der einzige Weg der Erlösung von den Greueln
des Krieges im revolutionären Kampf für den Sozialismus besteht. Und wiederum
Halbheit, Inkonsequenz, Scheu, die Massen aufzurufen, den revolutionären
Kämpfern gleichzutun, zu erklären, daß die fünf Mitglieder der R. S.-D. Arbeiter-
fraktion, die nach Sibirien verbannt wurden, die „glorreichen, revolutionären
Traditionen Rußlands" fortgesetzt haben, die Notwendigkeit zu proklamieren,
den revolutionären Geist zu wecken, und . . . nicht offen, direkt und be-
stimmt von den revolutionären Mitteln des Kampfes reden.
Sollte unser Zentralkomitee das an Inkonsequenz und Scheu leidende
Manifest unterschreiben ? Wir glauben ja. Unsere Meinungsverschieden-
heit, — die Meinungsverschiedenheit nicht nur des Zentralkomitees, sondern
des ganzen linken internationalen revolutionär-marxistischen Teiles der
Konferenz, wird offen bekundet, sowohl in einer besonderen Resolution, wie
in dem besonderen Manifestentwurf und der besonderen Erklärung anläßlich
der Abstimmung für ein Kompromißmanifest. Wir haben von unseren An-
schauungen, unseren Losungen und unserer Taktik kein Jota verheimlicht.
In der Konferenz wurde die deutsche Ausgabe der Broschüre: „Sozialismus
und Krieg" verbreitet. Unsere Anschauungen verbreiteten, verbreiten und
werden wir verbreiten, ebensogut, wie das Manifest verbreitet werden wird.
Daß das Manifest einen Schritt vorwärts tut zum wirklichen Kampf mit dem
Opportunismus, zum Bruch und zur Spaltung mit ihm, — ist eine Tatsache.
Es wäre Sektiererei, Verzicht, diesen Schritt vorwärts zu tun gemeinsam
mit der Minorität der Deutschen, Franzosen, Schweden, Norweger und Schweizer,
wenn wir die volle Freiheit und die absolute Möglichkeit uns bewahren, die
Inkonsequenz zu kritisieren und mehr zu erreichen.*) Es wäre eine schlechte
Kriegstaktik, wenn wir es ablehnen würden, mit der wachsenden internationalen
Bewegung des Protestes gegen den Sozialchauvinismus zu marschieren, nur
deswegen, weil diese Bewegung langsam ist, weil sie nur einen Schritt vorwärts tut
und bereit, ja gewillt ist, morgen schon einen Schritt rückwärts zu tun und
mit dem alten internationalen Bureau Frieden zu schließen. Die Bereitwilligkeit,
mit den Opportunisten Frieden zu schließen, ist einstweilen nur noch ein
frommer Wunsch, nichts mehr. Ob die Opportunisten auf den Frieden ein-
gehen werden ? Ist objektiv ein Friede zwischen den Strömungen des Sozial-
chauvinismus, des Kautskysmus und des revolutionären internationalen Marxis-
mus, die immer mehr und mehr auseinandergehen, möglich? Wir glauben, nein,
*) Daß aber die Organisation- Kommission und die Sozialrevolutionäre dieses Mani-
fest unterzeichnet haben als Diplomaten, indem sie alle ihre Verbindungen — und ihre
ganze Vergangenheit — mit „Nascha Sarja", Rubanowitsch und der Julikonferenz in
Rußland (1915) behauptet haben, — das schreckt uns nicht. Wir haben Möglichkeiten
genug, um die faule Diplomatie zu bekämpfen und sie zu entlarven. Sie selber entlarvt
sich immer mehr und mehr. „Nascha Sarja" und die Fraktion Tschcheidse helfen uns..
Axelrod und Konsorten bloßzustellen.
280
und wir werden auch weiter unsere Linie fortsetzen, ermutigt durch ihren
Erfolg auf der Konferenz vom 5. — 8. Oktober.
Denn der Erfolg unserer Richtlinie ist unzweifelhaft. Man vergleiche
die Tatsachen. Im September 1914 war da^s Manifest unseres Zentralkomitees
gleichsam vereinsamt. Im Januar 1915 fand die Internationale Frauenkonferenz
statt mit ihrer ärmlich pazifistischen Resolution, der die O.-K. blind folgte.
Im September 1915 schließen wir uns zu einer ganzen Gruppe der inter-
3iationalen Linken zusammen, treten mit einer eigenen Taktik hervor, führen
in einem gemeinsamen Manifest eine Reihe unserer Grundideen durch, nehmen
an der Bildung einer Internationalen Sozialistischen Kommission teil, d. h.
eines faktisch neuen Internationalen Sozialistischen Bureaus, gegen den Willen
des alten Bureaus, auf Grund eines Manifestes, daß die Taktik des alten direkt
verurteilt.
Die Arbeiter Rußlands, die in überwiegender Majorität unserer Partei
und ihrem Zentralkomitee schon 1912/14 Gefolgschaft leisteten, werden jetzt
aus der Erfahrung der internationalen sozialistischen Bewegung ersehen, daß
unsere Taktik bestätigt wird auch auf einer breiteren Basis, daß unsere Grund-
gedanken geteilt werden von einem immer größer werdenden und dem besten
Teile der proletarischen Internationale.
11. Oktober 1915. A7 r
iv. Lenin.
Die erste Internationale Konferenz.
(Geschichte ihrer Einberufung, üirer Zusammensetzung, ihr geistiges Antlitz.)
Offiziell gehörte die Initiative der Einberufung der kürzlich stattgefundenen
Konferenz der Italienischen Sozialistischen Partei. Tatsächlich aber lag die
Vorbereitungsarbeit und Einberufung hauptsächlich in den Händen des Genossen
R Grimm, Redakteur der „Berner Tagwacht".
Die erste wesentliche Frage war, welche Zusammensetzung die Konferenz
haben sollte, welches Kriterium bei der Versendung der Einladungen zugrunde
gelegt werden müßte. Ob man danach streben sollte, die wirklich linksstehenden
Sozialdemokraten zu versammeln, die imstande wären, sich zusammenzuschließen
nd das ideelle und geistige Banner des kriegerischen Marxismus zu erheben,
1er — sollte man versuchen, alle Führer der Arbeiterbewegung überhaupt
sammenzubringen, die in höherem oder geringerem Maße die heutige Haltung
■ offiziellen Partei mißbilligen, für den Frieden kämpfen wollen usw.
Der offizielle Beschluß der Italiener lautete: Es sollten jene Parteien
tr jene Teile der Parteien (und überhaupt der Arbeiterorganisationen) auf-
ordert werden, die dem Prinzip des Klassenkampfes und der internationalen
lidarität treu geblieben sind, das Bewilligen der Kriegskredite ablehnen usw.
h die Tendenz der tatsächlichen Urheber der Konferenz ging dahin, ihre
ammensetzung möglichst zu erweitern und unter allen Umständen auch die
281
Repräsentanten des deutschen „Zentrums" einzuladen. Mitte Juli fand die
Vorkonferenz statt. An ihr waren auch Vertreter der liquidatorischen Organi-
sations-Kommission (P. Axelrod) sowie unseres Zentralkomitees (G. Sinowjew)
vertreten. Das war kurz nach der Veröffentlichung der bekannten Kundgebung
Kautskys, Haases und Bernsteins gegen Annexionen und für den Frieden.
Und da stellte es sich mit einem Schlage heraus, daß das Vorhaben der Organi-
satoren darauf hinauslief, weniger eine Konferenz der Linken, als eine Konferenz
des „Zentrums" mit einer gewissen Beimischung der Linken einzuberufen.
Seitens einer angesehenen Vertreterin der deutschen Linken wurde erklärt,
sie stünde für eine Mitarbeit mit der „Richtung" Kautsky. Obwohl wir mit
Kautsky und seinen Anhängern theoretisch auseinander gehen, hoffen wir,
ihn in der Praxis nach links zu stoßen, so lauteten die Worte dieser Sozialistin
in der Wiedergabe eines Einberufers der Konferenz. Die Einberufer waren
unbedingt für eine Einladung des „Zentrums", das von Haase, Kautsky und
Bernstein geführt wird. Es wurden sogar Stimmen laut, man müßte solche
ausgemachten Opportunisten, wie Branting, Troelstra und ähnliche einladen.
Der Vorschlag unseres Zentralkomitees, die Frage, ob das deutsche „Zentrum"
eingeladen werden solle, der Entscheidung der Linken in Gestalt der Anhänger
der „Internationale" und „Lichtstrahlen" zu überlassen — wurde abgelehnt.
Ebenso abgelehnt wurde der Vorschlag desselben Zentralkomitees, zur geplanten
zweiten Vorkonferenz die wirklichen Linken aufzufordern (die holländischen
Tribunisten, den Genossen Höglund aus Skandinavien, die bulgarischen „Eng-
herzigen", die Anhänger der Zeitschrift „Lichtstrahlen", die lettische Sozial-
demokratie usw.). P. Axelrod gab offiziell die Erklärung ab, daß, wenn Haase,
Kautsky und deren „Richtung" nicht eingeladen worden wäre, er, Axelrod,
sich vor die Frage gestellt sehen würde, ob er in diesem Fall an der Konferenz
teilnehmen könnte. Es war klar: es sollte nach rechts, zu einem Bund mit dem
Zentrum, gesteuert werden. Uns blieb nichts anderes übrig, als gegen diesen
Kurs zu protestieren und unsererseits Schritte zu unternehmen, um die Rechte
der wahrhaft revolutionären Elemente zu wahren.
In dieser Richtung, in der Richtung der Annäherung mit dem Zentrum,
wurde unzweifelhaft auch die ganze Vorarbeit geführt in der Zeit zwischen
der Vorkonferenz und der Konferenz selbst. Doch — die Rechnung wurde ohne
den Wirt gemacht! Die Einberuf er der Konferenz hatten zwar großes Ver-
langen, dem Zentrum näher zu kommen, aber welch ein Malheur: das Zentrum
wollte den Einberufern der Konferenz nicht näher kommen. . . Auf der Konferenz
selbst bekam man aus Berichten der Einberufer ein vollkommen klares Bild.
Kautsky, Haase und Bernstein suchten eine Annäherung an die französischen
Sozialpatrioten vom Schlage Renaudels, — was ihnen übrigens auch nicht
gelang, in Anbetracht des gegenseitigen Mißtrauens dieser Nationalisten ver-
schiedener Marke. Aber sie suchten keine Annäherung an die linken, inter-
nationalistischen Elemente.
Auf diese Weise war die Konferenz befreit von der Teilnahme der direkten
„Kautskyaner", die nur einen Scheinkampf gegen die sozialchauvinistischen
282
Parteien führen, in Wirklichkeit aber Diener des Sozialchauvinismus sind.
Die schwankende Haltung der Linken, die sich zum Zentrum hingezogen fühlten,
richtete keinen allzu großen Schaden an, weil das Zentrum, das sich viel ver-
wandter mit den Sozialchauvinisten fühlte, den schwankenden Linken kein
Entgegenkommen zeigte. Das ist ein Zeichen der Zeit. Die objektiven Ver-
hältnisse sind derart, daß alle Illusionen über «das „Zentrum" immer mehr und
mehr zerstreut werden müssen. Kautsky und Konsorten arbeiten für uns,
revolutionäre Marxisten. Die Kautskyaner öffnen die Augen allen anderen
und treiben die unentschlossensten Elemente unter den Internationalisten
in eine unversöhnliche Position. Darin liegt die Gewähr dafür, daß unter
den oppositionellen Elementen früher oder später die entschlossene und un-
versöhnliche internationalistische Richtung den Sieg davontragen wird. Ent-
weder mit dem Sozialchauvinismus, oder mit dem kriegerischen Marxismus —
so wird die Frage vom Leben selbst gestellt.
Die Abschwenkung der Konferenzeinberuf er in derRichtung des „Zentrums"
hat sich dennoch in der Zusammensetzung der Konferenz und vor allem in der
Zusammensetzung der deutschen Delegation ungünstig geäußert. Deutschland
war durch 10 Delegierte vertreten. Aber die ausgesprochen internationalistischen
Elemente hatten darunter nur eine schwache Vertretung. Die deutsche Delegation
war nicht einheitlich. Sie wies drei Schattierungen auf. Die Majorität —
5, 6 Personen — hatte an der Spitze den Abgeordneten Ledebour, der jene
Elemente der Linken vertrat, welche zwischen Liebknecht und Kautsky
schwanken. Ledebour und seine Anhänger stimmen im Reichstag nicht gegen
die Militärkredite, sie enthalten sich der Abstimmung. Ihre Begründung vor
der Konferenz war die: das Stimmen gegen die Kredite von Seiten einer ganzen
Gruppe von Abgeordneten würde eine Spaltung der Parlamentsfraktion be-
deuten und die Spaltung dieser letzteren würde Parteispaltung heißen. Aber
man braucht nur Geduld, und die Linken werden die Majorität innerhalb der
Partei erlangen. Karl Liebknecht hätte durch sein Stimmen gegen die
Kredite und seinen offenen Disziplinbruch nur den Rechtsstehenden geholfen.
Die Verpflichtung, gegen die Kredite zu stimmen, könne er, Ledebour, nicht
übernehmen. Das ist eine Frage, die die Deutschen nur unter sich ent-
scheiden können. Das war die Stellungnahme der Majorität der deutschen
Delegation.
Eine andere Schattierung war durch eine Gruppe von zwei, drei Delegierten
vertreten (Württemberger und in einigen Fragen noch einige andere). Diese
Genossen sind mit der Politik der einfachen Stimmenthaltung für die Militär-
kredite unzufrieden, sie stehen viel näher zu Liebknecht. Aber ihnen fehlt
jede einheitliche theoretische Beurteilung des Moments, sie haben sich zum
endgültigen Bruch mit der offiziellen Partei nicht durchgerungen, obwohl die
letztere sie ausgeschlossen hat; sie sind noch nicht endgültig mit der Tradition
der „alten bewährten Taktik" fertig geworden.
Die dritte Schattierung war nur durch einen einzigen Delegierten vertreten.
Nur dieser Genosse unterstützte rückhaltlos die Taktik Liebknechts. Er allein
283
sprach über die Sozialchauvinisten und das Zentrum in dem Tone, wie die
Zeitschrift „Die Internationale" und die „Lichtstrahlen" zu reden pflegen.
(Die Majorität der deutschen Delegation erlaubte sich als Antwort darauf ein
höchst illoyales Benehmen gegenüber diesem Genossen.)
Die Folge war, daß die deutsche Delegation der Konferenz bedeutend
schlechter war, als wir der Presse nach von den deutschen Linken zu glauben
gewohnt waren. Die Majorität der deutschen Delegation versetzte die Konferenz
in eine unmögliche Situation: eine Konferenz von Internationalisten war nicht
einmal imstande, die für jeden Sozialisten elementare Forderung — das Stimmen
gegen Militärkredite in Parlamenten — durchzuführen. Ledebour erklärte
ultimativ, dies sei für ihn unannehmbar. Es gab Momente, wo es schien, daß
wir in Gestalt von Ledebour und seiner Freunde vor uns die nämlichen Kautsky-
aner hatten.
Es wäre ungerecht, nach Ledebour und seinen Freunden über die ganze
deutsche Linke urteilen zu wollen. Auf der Konferenz wurde das offizielle
Schreiben eines sehr bekannten Vertreters der deutschen Linken verlesen, der
sich gegen Ledebour (ohne ihn zu nennen) wandte, ein „schonungsloses Gericht
über die Überläufer" forderte, auf der Brandmarkung der Schwankenden be-
stand und erklärte, daß die III. Internationale nur auf den „Trümmern" der II.
aufgebaut werden könnte usw. Unter den Delegierten zirkulierte außerdem
ein Privatbrief eines noch angeseheneren Vertreters der deutschen Linken,
der schrieb, ein Annäherungsversuch an Kautsky-Haase-Bernstein würde einen
großen Fehler bedeuten, die Versöhnungsrichtung des „Zentrums" könnte nur
dem linken Flügel schaden.
Es ist möglich, daß die Lage der deutschen Linken im Lande selbst, m
den Organisationen, „unten", bedeutend besser ist, als sie sich im schiefen
Spiegel der Ledebourschen Delegation widergespiegelt hat. Aber das eine
hatte die Konferenz unzweifelhaft gezeigt: die frühere Rolle der deutschen
Sozialdemokraten ist endgültig ausgespielt. Das Erbe der Vergangenheit lastet
noch selbst auf den oppositionellen Elementen der deutschen Sozialdemokratie
allzu sehr, als daß sie Führer der neuen Internationale hätten werden können.
Frankreich war nur durch zwei Delegierte vertreten: den Syndikalisten
Merrheim und den Sozialisten Bourderon. In dieser kleinen Delegation spiegelte
sich wie in einem Wassertropfen die Ubergangslage der französischen Arbeiter-
bewegung wider. Die Arbeiterklasse wird in Frankreich niedergehalten wie
nirgends sonst. Ein Sechstel des französischen Territoriums ist vom Feinde
besetzt. Und diese Tatsache drückt auf das Bewußtsein der breiten Massen.
Nicht nur der offizielle Sozialismus hat Bankerott gemacht, sondern auch der
Syndikalismus und Anarchismus. Die Arbeiter glauben niemandem mehr. Alle
pompösen revolutionären Versprechungen, alle tönenden Phrasen von der
Insurrektion im Kriegsfalle, alles Gerede über eine action directe, all das erwies
sich als leeres Geschwätz. Guesde ist ins Ministerium eingetreten, Herve ist
zum chauvinistischen Marktschreier geworden, Jouhaux ist faktisch ein Agent
der französischen Bourgeoisie.
284
1
Die Opposition in der französischen *\rbeiterklasse ist erst im Entstellen
begriffen. Alles befindet sich noch im Prozeß der Gärung, Die bestehenden
Elemente der französischen Arbeiterbewegung stehen am Scheidewege.
Es beginnt ein ungeheurer Prozeß der Wiedergeburt. Merrheim, der wahre
Sohn der französischen Arbeiterklasse, ihr talentvoller Vertreter, hat durch
seine Gestalt diesen beginnenden tiefen Prozeß verkörpert. Vom Syndi-
kalismus geht er zum Sozialismus über. Aber — geht tastend, vorsichtig, sich
umsehend, und will noch nichts von der marxistischen Theorie wissen (die
„Theorie" war für viele Delegierte der Konferenz geradezu ein Schreckgespenst),
lehnt es noch ab, von einer Wiederherstellung der III. Internationale zu reden.
Die italienische sozialistische Partei hatte vier Delegierte gesandt. Diese
Partei hatte sich bekanntlich schon vor drei Jahren, während des italienisch-
türkischen Krieges von ihren Sozialchauvinisten abgespaltet. Und sie tat es
deshalb, weil die Opportunisten (Bissolati und Konsorten) Chauvinisten ge-
worden waren. Dieser Umstand erleichterte den italienischen Sozialisten
im Kriege 1914/15 eine antichauvmistische Position einzunehmen. Dies umso
melir, da sie Zeit hatten, sich die verderblichen Folgen der sozialchauvinistischen
Taktik anzusehen, sodaß es ihrer Bourgeoisie schwerer fiel, die Arbeiter mit dem
Geschrei von der „Vaterlandsverteidigung" zu hinterführen.
Man soll dennoch nicht glauben, daß die ganze italienische Partei auf dem
Boden der marxistischen Theorie stehe. Die halbe Delegation (zwei von vier)
gehörte zu den linken Reformisten. (Die linken Reformisten sind nach dem
Ausschluß der rechten in der Partei verblieben.) Unter den linken Reformisten
sind pazifistische Tendenzen wach; unter ihnen besteht sogar eine franzosen-
freundliche Schattierung; jedenfalls fehlt ihnen der Mut, gegen den Opportunis-
mus vorzugehen und eine dritte Internationale mitzubauen, ohne die Opportu-
nisten und gegen sie. Die Italiener zeigen viel aufrichtiges sozialistisches Gefühl,
Ehrlichkeit und Treue, aber es mangelt ihnen an einer marxistischen „konse-
quenten" Richtlinie. ^
Von der Balkan-Föderation waren zwei Delegierte gekommen: der bul-
garische „Engherzige" Genosse Kolarow und der Delegierte der rumänischen
Partei Rakowski. Die bulgarischen „Engherzigen" sind Marxisten. Sie führte»
in Bulgarien einen langwierigen Kampf mit den bulgarischen Liquidatoren
(„Weitherzigen") durch, die jetzt die eifrigsten Schüler Plechanows bilden. In
ihrem Lande verfolgen die Genossen „Engherzigen" eine ausgezeichnete Linie,
aber auf dem Forum der Internationale treten sie einstweilen noch nicht so
entschlossen hervor. Rakowski macht in seiner neuen Broschüre Zugeständnisse
an den Gedanken der „Vaterlandsverteidigung"; auf der Konferenz gab er sich
als Anhänger der Wiederherstellung der alten II. Internationale, ohne den
Opportunisten einen entschlossenen Kampf bis ans Ende ansagen zu wollen.
Von Schweden und Norwegen waren die Genossen Höglund und Nehrmann
zugegen. Hinter ihnen stehen große Organisationen. In Schweden haben die
Linken drei Tageszeitungen. In der Kammer hat die Gruppe Höglund 13 Ab-
geordnete. In gewissen Fragen erreicht diese Gruppe die Zahl 30. Mit dem
285
Opportunisten Branting führt die Gruppe Höglund seit Jahren einen sehr er-
folgreichen Kampf. In Norwegen ist die Stütze der Linken die Jugendorgani-
sation. Die Schweden und Norweger haben ausführliche Resolutionen über den
Krieg angenommen im Geiste des Manifestes unseres Zentralkomitees, mit
dem sich die skandinavischen Genossen einmütig solidarisiert haben.
Von Holland war nur die Genossin Roland-Holst anwesend, die in ihrem
Lande eine mittlere Position zwischen den Marxisten („Tribunisten" : Gorter,
Pannekoek) und den Opportunisten (Partei Troelstras) einnimmt.
Polen hatte drei Delegierte : Radek (von der polnischen sozialdemokratischen
Opposition), Warski (Zentralleitung der Polnischen Sozialdemokratie), La-
pinski (Polnische Sozialistische Partei).
Von der Schweiz waren: Grimm, Naine und Platten da.
Rußland war folgendermaßen vertreten: Das Zentralkomitee durch Lenin
und Sinowjew; die Organisations-Kommission (O. K.) durch Axelrod und
Martow; die Redaktion des „Nasche Slowo" (die ebenso wie der jüdische „Bund",
wer weiß warum, getrennt von der O. K. eingeladen worden war) durch Trotzki;
die Partei der Sozialrevolutionäre war durch Bobrow (vom Zentralkomitee)
und Gardenin (Redaktion des Blattes „Schisn") vertreten; die Lettische Sozial-
demokratie durch Genossen Winter, der „Bund" (der einen Delegierten nur zu
Informationszwecken geschickt hatte) durch Klemanski.
Auf diese Weise wurde also die Konferenz ihrer Zusammensetzung nach
ziemlich buntscheckig. Neben überzeugten Sozialisten waren Gefühlssozialisten
da, Elemente, die in der Richtung des „Zentrums" schwanken, Genossen, die
ihre Rechnung mit dem Pazifismus noch nicht abgeschlossen haben, Anhänger
des Reformismus und Syndikalismus, die vom Leben jetzt nach der anderen
Seite getrieben werden, usw.
Auf der Konferenz bildete sich gleich am ersten Tage eine kompakte
Gruppe der marxistischen Linken von sieben bis acht Personen, die mitunter
die Zahl zehn und elf erreichte. Dieser Gruppe gehörten an : die Delegierten des
Zentralkomitees der R. S.-D. Arbeiterpartei, der Delegierte der lettischen Sozial-
demokratie, der der polnischen sozialdemokratischen Opposition, die Dele-
gierten Schwedens und Norwegens und ein linker deutscher Delegierter. Dieser
linke Flügel der Konferenz trat die ganze Zeit einmütig und geschlossen hervor.
Er allein brachte den Entwurf einer marxistischen Resolution und den Entwurf
eines Manifestes ein. Ein deutlich ausgesprochenes und einheitliches Programm
wurde nur von ihm allein verfochten. In allen Fragen ideell-politischen Charakters
fanden auf der Konferenz eigentlich Zweikämpfe zwischen diesem linken Flügel
und der Gruppe Ledebour statt.
Eine Reihe von Beschlüssen wurde von der Konferenz gegen unseren linken
Flügel angenommen. Die Konferenz tat bloß den ersten schüchternen und un-
sicheren Schritt auf dem Wege, auf den wir die internationalistischen Elemente
des Sozialismus rufen. Vor allem wollte die Konferenz keine genaue und klare
Resolution über die Krise annehmen, wollte nicht dem Opportunismus offen
den Krieg erklären und theoretisch die Fahne des Marxismus erheben. Bei der
286
gegebenen Sachlage ist dies vielleicht unvermeidlich. Die Entwicklung geht
ein sehr langsames Tempo. Aber sie geht dennoch vorwärts. Man vergleiche
nur die Resultate der jetzigen Konferenz mit den Resultaten der noch viel zag-
hafteren Konferenz der sozialistischen Frauen.
Das Leben ist auf unserer Seite. Der objektive Gang der Ereignisse wird
das Seine tun. Die Herren Sozialchauvinisten und die Herren aus dem „Zentrum"
werden durch ihr Verhalten selbst dafür sorgen, den schwankenden Internatio-
nalisten die Richtigkeit der von uns vorgeschlagenen unversöhnlichen Taktik
zu beweisen.
Man nehme z. B. nur die Frage nach der III. Internationale. Die Ein-
berufer der Konferenz, die Vertreter ihrer Majorität erklärten und erklären
noch, daß sie eine III. Internationale nicht bauen wollen. „Avanti" (das Organ
der Italiener) und die „Berner Tagwacht" (das Organ R. Grimms) suchen zu
beweisen, daß die von der Konferenz gewählte „Internationale Sozialistische
Kommission" keineswegs zum Ziel habe, das alte Internationale Sozialistische
Büro zu ersetzen und müsse gar zur Wiedergeburt des letzteren beitragen. Aber
— die Geschehnisse haben ihre eigene Logik. Wir wollen sehen, wie die offiziellen,
sozialchauvinistischen Parteien sich zur Wahl der Internationalen Sozialistischen
Kommission stellen werden.
Der objektive Gang der Ereignisse, die Entfaltung des Kampfes der Rich-
tungen haben bereits dazu geführt, daß gegen den Wunsch der Einberufer der
Konferenz ihr Bündnis mit dem „Zentrum" nicht stattgefunden hat. Derselbe
Gang der Ereignisse wird auch dazu führen, daß — gegen den Wunsch der
Majoritätsvertreter der Konferenz — diese Konferenz gerade zum Grundstein
der neuen III. Internationale werden wird. In dieser Richtung werden die
Marxisten geduldig weiter arbeiten ohne ideelle Zugeständnisse zu machen, aber
auch ohne sich der praktischen Bewegung fernzuhalten. Und die Zeit wird
kommen, da alle ehrlichen Sozialisten mit uns in den Ruf einstimmen werden:
„Die II. Internationale ist tot, verseucht durch den Opportunismus, es lebe
die III. Internationale, befreit vom Opportunismus /"
11. Oktober 1915. '_.
G. Smowjew.
Die revolutionären Marxisten auf der Internationalen Sozialistischen
Konferenz am 5.-8. IX. 1915.
Der geistige Kampf auf der Konferenz spielte sich ab zwischen der ge-
schlossenen Gruppe der internationalistischen, revolutionären Marxisten und den
schwankenden fast — Kautskyanern, die die rechte Flanke der Konferenz bildeten.
Der Zusammenschluß der erstgenannten Gruppe bildet eine der wichtigsten
Tatsachen und einen der größten Erfolge der Konferenz. Nach einem ganzen
287
Jahre Krieg erwies sich die von unserer Partei vertretene Richtung als die
einzige Richtung in der Internationale, die mit einer ganz bestimmten Resolution
und ebenso mit einem auf ihr beruhenden Manifesteutwurf hervorgetreten
ist und die konsequenten Marxisten Rußlands, Polens, Lettlands, Deutschlands,
Schwedens, Norwegens, der Schweiz und Hollands vereinigt hat.
Welche Argumente wurden von den Schwankenden gegen uns ins Feld
geführt ? Die Deutschen gaben zu, daß wir revolutionären Schlachten entgegen
gehen, aber — sprachen sie. — von solchen Dingen, wie Verbrüderung in den
Schützengräben, politischen Streiks, Straßendemonstrationen und Bürger-
kriegen dürfe man nicht vor aller Öffentlichkeit reden. Das tue man, aber
davon spreche man nicht. Und andere fügten hinzu: das ist eine Kinderei,
bloßes Verpuffen von Kraft.
Für diese, bis zum Lächerlichen, bis zum Unanständigen sich wider-
sprechenden und schwankenden Reden, haben die deutschen Halbkautskyaner
sich selber bestraft, indem sie eine Sympathieerklärung für die Mitglieder der
R. S.-D. Arbeiterfraktion annahmen und die Notwendigkeit betonten, uns
gleichzutun, während wir ja gerade unser Zentralorgan, den „Sozialdemokrat"
verbreiten, der in die ganze Welt den Bürgerkrieg hinausschreit.
Ihr handelt nach dem schlechten Beispiel Kautskys, antworteten wil-
den Deutschen : Ihr legt ein Lippenbekenntnis für die kommende Revolution ab,
in der Tat aber verzichtet Ihr darauf, den Massen direkt von der Revolution
zu reden, sie zur Revolution aufzurufen und ihnen konkrete Kampfmittel an-
zugeben, die von ihnen im Gang der Revolution geprüft und gerechtfertigt
werden. Marx und Engels riefen aus dem Auslande — den deutschen Spies-
bürgern erschien es entsetzlich, daß man über die revolutionären Mittel des
Kampfes aus dem Auslande reden wollte — riefen 1847 in dem berühmten
„Manifest der Kommunistischen Partei" zur Revolution auf, sprachen offen
und direkt von der Anwendung der Gewalt und bezeichneten das Verheimlichen
der revolutionären Ziele, Aufgaben und Kampf methoden als verächtlich. Die
Revolution von 1848 hat bewiesen, daß nur Marx und Engels mit der
richtigen Taktik an die Ereignisse herangetreten waren. In Rußland schrieb
einige Jahre vor der Revolution 1905 Plechanow, der damals Marxist war,
in der alten ,,Iskra" von 1901 in einem Artikel, der nicht unterzeichnet war,
als Auffassung der ganzen Redaktion, über die kommende Insurrektion
und die Mittel zu deren Vorbereitung, wie Straßendemonstrationen, -ja sogar
über solche technischen Methoden, wie Anwendung von Drahtverhauen im
Kampf mit der Kavallerie. Die Revolution in Rußland hat bewiesen, daß allein
die alten „Iskra"-Leute die Ereignisse mit der richtigen Taktik anpackten.
Und jetzt heißt es: entweder — oder. Entweder wir sind wirklich fest davon
überzeugt, daß die ganze ökonomische und sozialpolitische Situation der imperia-
listischen Epoche zur Revolution des Proletariats führt, dann ist es unsere unbe-
dingte Pflicht und Schuldigkeit, den Massen die Notwendigkeit der Revolution
klar zu machen, zu ihr aufzurufen, die entsprechenden Organisationen zu schaffen
und kein Blatt vor den Mund zu nehmen über die konkreten Methoden des
288
gewaltsamen Kampfes und seiner „Technik". Diese unsere unbedingte Pflicht
hängt nicht davon ab, ob die Revolution genügend stark sein wird, und ob sie
im Zusammenhang mit dem ersten oder dem zweiten imperialistischen Krieg
ausbrechen wird usw. Oder, — wir sind nicht davon überzeugt, daß die Situation
revolutionär ist, und dann braucht man kein Wort zu verlieren über den Krieg
gegen den Krieg. Dann sind wir in Wirklichkeit national-liberale Arbeiter-
politiker vom Schlage Südekums, Plechanows oder Kautskys.
Die französischen Delegierten erklärten ebenfalls, daß ihrer Überzeugung
nach die jetzige Situation in Europa zur Revolution führen muß. „Aber",
sprachen sie, „wir sind hierher nicht gekommen, um die Formel für die III. Inter-
nationale zu finden." Dies erstens, und zweitens glaubt der französische
Arbeiter „niemandem und an nichts" ; er ist verdorben und übersättigt durch
die anarchistische und „Herveistische" Phrase. Das erste Argument ist unver-
nünftig, denn in dem gemeinsamen Kompromißmanifest ist immerhin sine
„Formel" der III. Internationale gegeben, wenn auch eine inkonsequente,
unkomplette, nicht zu Ende gedachte Formel. Das zweite Argument ist sehr
wichtig, als ernsthafter tatsächlicher Einwand, als Berücksichtigung der be-
sonderen Lage Frankreichs — nicht im Sinne der Vaterlandsverteidigung
und der feindlichen Invasion, sondern im Sinne der „wunden Punkte" der
französischen Arbeiterbewegung. Aber aus dieser Tatsache würde sich bloß
ergeben, daß die französischen Sozialisten vielleicht langsamer zu den allgemein
europäischen revolutionärenAktionen des Proletariats gelangten, aber keineswegs,
daß diese Aktionen unnötig wären. Die Frage danach, mit welcher Schnelligkeit,
auf welchem Wege und unter welchen besonderen Formen das Proletariat
der verschiedenen Länder imstande sei, den Übergang zu revolutionären
Aktionen zu vollziehen, diese Frage wurde auf der Konferenz nicht einmal
aufgeworfen, und konnte auch nicht aufgeworfen werden. Dazu fehlen noch
die Unterlagen. Unsere Sache ist einstweilen, — gemeinsam die richtige Taktik
zu propagieren, und dann werden die Ereignisse das Tempo der Bewegung und
die Modifikationen (nationale, lokale, gewerkschaftliche) der gemeinsamen
Richtung anzeigen. Wenn das französische Proletariat durch die anarchistische
Phrase verdorben ist, so ist es auch durch den Millerandismus verdorben; und
es ist nicht unsere Sache, diese Verderbnis dadurch zu steigern, daß wir
im Manifest dieses und jenes verschweigen.
Kein anderer, als Merrheim selbst ließ einen charakteristischen und tief
richtigen Satz fallen: „Die Partei (sozialistische), Jouhaux (Sekretär der C. G. T.)
und die Regierung — das sind drei Köpfe unter einer Haube". Das ist wahr.
Das ist eine Tatsache, bestätigt durch ein Jahr Erfahrung im Kampfe der
französischen Internationalisten, der Partei und des Herrn Jouhaux. Aber
der Ausweg ist hier nur einer: man kann mit der Regierung nicht kämpfen
ohne die Parteien der Opportunisten und die Rädelsführer des Anarchosyndi-
kalismus zu bekämpfen. Aber die Aufgaben dieses Kampfes wurden vom
gemeinsamen Manifest, im Unterschied zu unserer Resolution, erst angedeutet,
aber nicht ausgesprochen.
19 289
Ein Italiener, der gegen unsere Taktik polemisierte, meinte: Eure Taktik
kommt entweder zu spät (denn der Krieg hat schon begonnen) oder zu früh
(denn der Krieg hat die Bedingungen für die Revolution noch n : cht geschaffen) ;
außerdem empfehlt Ihr ja eine , .Änderung des Programms" der Internaten de,
denn unsere ganze Propaganda wurde stets „gegen Gewalt" geführt. Darauf
hätten wir leicht mit einem Zitat aus Jules Guesdes „En sarde" antworten
können, daß noch niemals ein bekannter Führer der II. I iternationale die
Gewaltanwendung und unmittelbare revolutionäre Kampfmethoden überhaupt
leugnete. Immer behaupteten alle, daß legaler Kampf, Pa: 1 unentaristnus
und Aufstand miteinander verknüpft seien und unvermeidlich in einander über-
gehen müßten, je nach der Änderung der Verhältnisse der Bewegung. Nebenbei
führten wir aus demselben Buche „En gar de" ein Zitat aus einer Rede Guesdes
im Jahre 1899 an, wo er über die Wahrscheinlichkeit eines Krieges wegen der
Absatzmärkte, Kolonien usw. schreibt und darauf hinweist, daß es mit der
internationalen Solidarität des Proletariats schlecht bestellt sein würde, wenn
sich in einem solchen Kriege französische, deutsche und englische Millerands
einfinden würden. Guedse hat mit dieser Rede sich selbst von vorne herein
verurteilt. Was aber die „Unzeitmäßigkeit" der Propagierung der Revolution
betrifft, so beruht dieser Einwand auf einer bei den romanischen Sozialisten
üblichen Begriffsverwirrung: sie verwechseln den Beginn der Revolution
mit der offenen und direkten Revolutionspropagierung. In Rußland datiert
niemand den Anfang der Revolution 1905 früher als mit dem 9. Januar 1905;
aber die revolutionäre Propaganda im eigentlichen Sinne, die Vorbereitung
zu Massenaktionen, Demonstrationen, Streiks und Barrikaden, wurde jaJirelang
vorher geführt. So führte z. B. die alte „Iskra" diese Propaganda seit Ende 1900,
wie Marx sie seit 1847 geführt hatte, als von dem Beginn einer Revolution in
Europa nicht einmal die Rede sein konnte.
Wenn die Revolution bereits begonnen hat, dann wird sie auch
von den Liberalen und anderen ihrer Gegner „anerkannt", mitunter
anerkannt, um verraten und preisgegeben zu weiden. Die Revolutionäre
sehen sie vor Beginn voraus, erkennen ihre Unvermeidlichkeit, bringen
den Massen ihre Notwendigkeit bei und klären die Massen über ihre Wege
und Methoden auf.
Die Ironie der Geschichte wollte es, daß gerade Kautsky und seine
Freunde, die versucht hatten, Grimm die Einberufung der Konferenz
aus der Hand zu nehmen, die bemüht waren, die Konferenz der Linken
zunichte zu machen (die nächsten Freunde Kautskys unternahmen sogar
zu diesem Zweck Reisen, was auf der Konferenz enthüllt wurde), gerade
sie die Konferenz nach links trieben. Die Opportunisten und Kautskyaner
bestätigen durch ihre Praxis die Richtigkeit der Position, die von unserer
Partei eingenommen wiid.
11. Oktober 1915.
iV. Lenin.
290
Einige Thesen.
(Von der Redaktion.)
Pas in dieser Nummer des „Sozialdemokrat" gebrachte Material zeigt,
welch gewaltige Wirksamkeit unsere Partei entfaltet hat. Für Rußland und
die ganze Internationale ist das ein wahrhaftes Muster sozialdemokratischer
Arbeit während des reaktionären Krieges unter den schwierigsten Verhältnissen.
Die Arbeiter Petersburgs und Rußlands werden mit allen Kräften diese Arbeit
unterstützen und sie noch energischer und kräftiger auf demselben Wege
weiter führen.
Indem wir den Forderungen der Genossen aus Rußland Rechnung tragen,
formulieren wir einige Thesen über aktuelle Fragen sozialdemokratischer Arbeit:
1. Die Losung „Konstituierende Versammlung" ist als selbständige Losung
unrichtig, denn die ganze Frage besteht fetzt darin, wer sie einberufen würde.
Die Liberalen akzeptierten diese Losung 1905, denn sie konnte im Sinne einer
vom Zaren einberufenen und mit ihm paktierenden Konstituante gedeutet
werden. Am richtigsten sind die drei Parolen: Demokratische Republik, Be-
schlagnahme des Großgrundbesitzes und Achtstundentag mit der Hinzu-
fügung des Appells an die internationale Solidarität der Arbeiter im Kampfe
für den Sozialismus, für den revolutionären Sturz der kriegführenden Re-
gierungen und gegen den Krieg. 2. Wir sind gegen die Beteiligung an den
kriegsindustriellen Ausschüssen, die den imperialistischen reaktionären Krieg
fördern. Wir sind für die Ausnutzung der Wahlkampagne, z. B. für die Be-
teiligung am ersten Stadium der Wahlen nur zu agitatorischen und organi-
satorischen Zielen. — Von einem Boykott der Staatsduma kann nicht die Rede
sein. Die Beteiligung an den Neuwahlen ist unbedingt notwendig. Solange
in der Duma keine Abgeordneten unserer Partei sitzen, muß alles, was in der
Duma vorgeht, vom Standpunkte der revolutionären Sozialdemokratie aus-
genützt werden. 3. Als dringendste und nächstliegendste Aufgaben betrachten
wir die Konsolidierung und Erweiterung der sozialdemokratischen Arbeit unter
dem Proletariat und dann ihre Ausdehnung auf das ländliche Proletariat,
die anne Bauernbevölkerung und die Armee. Die wichtigste Aufgabe der
revolutionären Sozialdemokratie ist, die aufkeimende Streikbewegung weiter-
zutreiben und sie unter dem Losungswort der drei Grundforderungen durch-
zuführen. In der Agitation muß man der Forderung nach der sofortigen Kriegs-
beendigung Rechnung tragen. Unter den anderen Forderungen dürfen die Ar-
beiter auch die Forderung nicht vergessen: die Arbeiterdeputierten, die Mit-
glieder der R. S.-D. Arbeiterfraktion von der Verbannung zurückzubringen.
4. Arbeiterdelegiertenräte und ähnliche Institutionen müssen betrachtet werden
als Organe des Aufstandes, als Organe der revolutionären Gewalt. Diese In-
stitutionen können von sicherem Nutzen sein nur im Zusammenhang mit der
Entfaltung des politischen Massenstreiks und im Zusammenhang mit dem
Aufstand, je nach dem Grad seiner Vorbereitung, seinei Entwicklung und
seinem Fortschritt. 5. Der soziale Inhalt der nächsten Revolution in Rußland
19» 291
kann lediglich die revolutionär-demokratische Diktatur des Proletariats und
des Bauerntums sein. Die Revolution kann in Rußland nicht siegen, ohne die
Monarchie und die feudalen Großgrundbesitzer gestürzt zu haben. Aber man
kann sie ohne eine Unterstützung des Proletariats von seiten des Bauerntums
nicht stürzen. Die Schichtung der Landbevölkerung in „Pächter-Gutsbesitzer"
und Landproletarier, eine Schichtung, die ja einen Schritt vorwärts bedeutet,
hat die Unterjochung der Landbevölkerung nicht aufgehoben. Wir traten
und treten unbedingt, unter allen Umständen für die Notwendigkeit einer
besonderen Organisation der Land Proletarier ein. — 6. Rs ist die Aufgabe des
Proletariats Rußlands, die bürgerlich-demokratische Revolution in Rußland
zu Ende zu führen, um die sozialistische Revolution in Europa zu entfachen.
Diese zweite Aufgabe ist der ersten jetzt außerordentlich nahegerückt, doch
sie bleibt immer und immer noch als besondere und zweite Aufgabe bestehen,
denn es handelt sich da um verschiedene Klassen, die mit dem Proletariat
Rußlands zusammengehen: im ersteren Fall ist es das kleinbürgerliche Bauerntum
Rußlands, im zweiten das Proletariat der anderen Länder. — 7. Die Beteiligung
der Sozialdemokratie an einer provisorischen, revolutionären Regierung ge-
meinsam mit dem demokratischen Kleinbürgertum halten wir nach wie vor
für zulässig, jedoch nicht mit den revolutionären Chauvinisten. — 8. Als revo-
lutionäre Chauvinisten betrachten wir diejenigen, die einen Sieg über den Za-
rismus erstreben zum Sieg über Deutschland, zur Ausräuberung anderer Länder,
zur Festigung der Herrschaft der Großnissen über die anderen Völker Rußlands,
usw. Die Basis des revolutionären Chauvinismus ist die Lage des Kleinbürgertums
als Klasse. Dieses schwankt immer zwischen der Bourgeoisie und dem Proletariat.
Jetzt schwankt es zwischen Chauvinismus (der es hindert, konsequent revo-
lutionär zu sein sogar im Sinne der demokratischen Republik) und proleta-
rischem Internationalismus. Die politischen Wortführer dieses Kleinbürgertums
in Rußland sind im gegebenen Moment die Trudowiki, die Sozialrevolutionäre,
die „Nascha Sarja", die Fraktion Tschcheidse, die O.-K., Herr Plechanow usw. —
9. Würden in Rußland die revolutionären Chauvinisten siegen, so wären wir
gegen die Verteidigung ihres „Vaterlandes" in diesem Kriege. Unsere Parole ist:
gegen die Chauvinisten, seien es auch Revolutionäre und Republikaner, gegen
sie und für die Assoziation des internationalen Proletariats im Namen der
sozialistischen Revolution. — 10. Die Frage, ob eine leitende Rolle des Prole-
tariats in der bürgerlichen russischen Revolution möglich sei, beantworten wir:
Ja, sie ist möglich, wenn das Kleinbürgertum in den entscheidenden Momenten
nach links schwenken wird; und es wird nach links getrieben nicht nur durch
unsere Propaganda, sondern auch durch eine Reihe objektiver Faktoren ökono-
mischer, finanzieller (die Lasten des Krieges), militärischer, politischer und
anderer Art. — 11. Auf die Frage, was die Partei des Proletariats tun würde,
wenn die Revolution sie im jetzigen Krieg ans Ruder bringen würde, antworten
wir: wir würden allen Kriegführenden den Frieden anbieten, unter der Bedingung
der Befreiung der Kolonien und aller abhängigen, unterdrückten und entrechteten
Nationen. Weder Deutschland noch England oder Frankreich würde unter
292
den jetzigen Regieningen diese Bedingung annehmen. Dann müßten wir den
revolutionären Krieg vorbereiten und führen, d. h. wir würden nicht nur mit
den entschlossensten Mitteln unser ganzes Progranminimum weiterführen,
sondern auch alle von den Großrussen jetzt unterdrückten Völker, alle Kolonien
und abhängigen Länder Asiens (Indien, China, Persien usw.) aufrütteln, und vor
allem würden wir das sozialistische Proletariat Europas gegen seine Regierungen,
seinen Sozialchauvinisten zum Trotz, zum Aufstand anstacheln. Es unter-
liegt keinem Zweifel, daß ein Sieg des Proletariats in Rußland ungewöhnlich
günstige Bedingungen für die Entfaltung der Revolution, sowohl in Asien wie
in Europa ergeben würde. Das hat sogar das Jahr 1905 bewiesen. Die inter-
nationale Solidarität des revolutionären Proletariats ist eine Tatsache, ungeachtet
des schmutzigen Abschaums des Opportunismus und Sozialchauvinismus. ,
13. Oktober 1915.
N. Lenin.
Ober zwei Richtlinien der Revolution.
In „Prisyw", Nr. 3, versucht Herr Plechanow die theoretische Grundfrage
nach der kommenden Revolution in Rußland aufzuwerfen. Er nimmt dazu ein
Zitat aus Marx, wo es heißt, daß die Revolution von 1789 in Frankreich sich in
aufsteigender Linie bewegte, die von 1848 aber in absteigender. In dem ersten
Fall ging die Macht allmählich von einer gemäßigten Partei zu einer radikaleren
über: Konstitutionalisten — Girondisten — Jakobiner. Im zweiten Fall sehen
wir das Gegenteil: Proletariat — kleinbürgerliche Demokraten — bürgerliche
Republikaner — Napoleon III. „Es wäre erwünscht", schließt unser Verfasser,
„die russische Revolution in aufsteigender Linie zu lenken", d. h. daß die Macht
zuerst zu den Kadetten und Oktobristen übergehe, dann zu den Trudowiki und
dann zu den Sozialisten. Aus dieser Betrachtung wird natürlich die Schluß-
folgerung abgeleitet, daß die Linken in Rußland unvernünftig seien, die die
Kadetten nicht unterstützen wollen und sie vorzeitig diskreditieren.
Diese „theoretische" Betrachtung des Herrn Plechanow stellt wieder
einmal ein Muster der Verwechslung von Marxismus mit Liberalismus dar.
Herr Plechanow führt die Sache auf die Frage zurück, ob die „strategischen
Begriffe" der fortgeschrittenen Elemente „richtig" oder unrichtig waren. Marx
argumentierte anders. Er wies auf die Tatsache hin: die Revolution verlief in
beiden Fällen verschieden, aber die Erklärung dieses Unterschiedes suchte Marx
nicht v dem „strategischen Begriff". Es ist lächerlich vom Standpunkt des
Marxismus diesen Unterschied in Begriffen suchen zu wollen. Er muß im Unter-
schied des W echsclverhältnisses der Klassen gesucht werden. Derselbe Marx
schrieb, daß 1789 die Bourgeoisie in Frankreich sich mit dem Bauerntum ver-
einigt hatte, und daß 1848 die kleinbürgerliche Demokratie das Proletariat ver-
raten habe. Herr Plechanow kennt diese Ansicht Marx'. Aber er verschweigt
293
sie, um Marx ä la Struve zu frisieren. In Frankreich handelte es sich 1789 um
den Sturz des Absolutismus und des Feuda 1 .adels. Auf der damaligen Stufe der
ökonomischen und politischen Entwicklung glaubte die Bourgeoisie an die
Interessenharmonie, sie war um die Sicherheit ihrer Herrschaft nicht besorgt und
gab sich zu einem Bündnis mit dem Bauerntum her. Dieses Bündnis leistete
Gewähr für einen absoluten Sieg der Revolution. 1818 handelte es sich aber
um den Sturz der Bourgeoisie durch das Proletariat. Diesem war es nicht ge-
lungen, das Kleinbürgertum zu sich herüber zu ziehen, und der Verrat des Klein-
bürgertums hatte eine Niederlage der Revolution zur Folge. Die aufsteigende
Linie war 1789 die Revolutionsform, in der die Masse des Volkes den Absolutis-
mus besiegte. Die absteigende Linie des Jahres 1848 war die Form der Re-
volution, da der Verrat am Proletariat von seiten der Masse des Kleinbürger-
tums eine Niederlage der Revolution hervorbrachte.
Herr Plechanow vertauschte den Marxismus mit einem vulgären Idealismus
und führte die Sache auf „strategische Begriffe", aber nicht auf das Wechsel-
verhältnis der Klassen zurück.
Die Erfahrungen der russischen Revolution 1905 und der darauf folgenden
konterrevolutionären Epoche sagen uns, daß bei uns zwei Richtlinien der Re-
volution wahrgenommen wurden im Sinne des Kampfes zweier Klassen, des
Proletariats und der liberalen Bourgeoisie, um den leitenden Einfluß auf die
Massen. Das Proletariat trat revolutionär auf und leitete das demokratische
Bauerntum zum Sturz der Monarchie und der Gutsbesitzer. Daß das Bauerntum
revolutionäre Bestrebungen im demokratischen Sinne offenbart hat, das haben
in Massendimensionen alle großen politischen Ereignisse geze : gt; sowohl die
Bauernaufstände 1905/06, wie die militärischen Unruhen derselben Jahre, der
„Bauernbund" des Jahres 1905 und die beiden ersten Dumas, wo die Bauern-
Trudowiki sich nicht nur „linker als die Kadetten" benahmen, sondern auch
revolutionärer als die Intellektuellen, nämlich die Sozialrevolutionäre und Trudo-
wiki. Das wird leider oft vergessen, aber das ist eine Tatsache. Sowohl in der
dritten wie in der vierten Duma haben die Z?aae/vi-Trudowiki bei all ihrer Schwäche
gezeigt, daß die ländlichen Massen gegen die Gutsbesitzer gestimmt sind.
Die erste Linie der russischen, bürgerlich-demokratischen Revolution, die
den Tatsachen und nicht einem „strategischen" Geschwätz entsr rangen ist, be-
stand darin, daß das Proletariat entschlossen kämpfte, das Bauerntum aber ihm
zaghaft folgte. Diese beiden Klassen kämpften gegen die Monarchie und gegen
die Gutsbesitzer. Durch den Mangel an Kraft und die ungenügende Entschlossen-
heit dieser Klassen wurde die Niederlage hervorgerufen (obwohl teilweise eine
Bresche im Absolutismus dennoch geschlagen wurde).
Die zweite Linie war das Verhalten der liberalen Bourgeoisie. Wir Bolsche-
wiki behaupteten stets, besonders seit dem Frühling 1906, daß sie von den
Kadetten und Oktobristen als einer einheitlichen Kraft dargestellt wird. Das
Jahrzehnt 1905/1915 hat unsere Auffassung bestätigt. In den entscheidenden
Momenten des Kampfes gaben die Kadetten zusammen mit den Oktobristen
die Demokratie preis und leisteten dem Zaren und den Gutsbesitzern Hilfe.
294
Die „liberale" Linie der russischen Revolution bestand in der „Beruhigung"
und Zerbröckelung des Massenkampfes im Namen der Versöhnung der Bour-
geoisie mit der Monarchie. Sowohl die internationale Situation der russischen
Revolution wie die Kraft des russischen Proletariats machten ein solches Ver-
halten der Liberalen unvermeidlich.
Die Bolschewiki halfen bewußt dem Proletariat, die erste Linie zu ver-
folgen, mit selbstlosem Mut zu kämpfen und der Bauernschaft voran zu schreiten.
Die Menschewiki rutschen beständig auf die zweite Linie hinab und korrum-
pierten das Proletariat durch die Anpassung der Arbeiterbewegung an die Libe-
ralen, angefangen mit der Aufforderung, in die Bulygin'sche Duma einzutreten
(August 1904) bis auf das Kadettenkabinett von 1906 und den Block mit den
Kadetten gegen die Demokratie im Jahre 1907. (In Klammern bemerkt, haben
damals vom Standpunkt des Herrn Plechanow die „richtigen strategischen
Begriffe" der Kadetten und Menschewiki eine Niederlage erlitten. Warum?
Warum haben die Massen auf den weisen Herrn Plechanow und die Ratschläge
der Kadetten nicht gehört, die hundertmal mehr propagiert wurden als die
Ratschläge der Bolschewiki ?)
Nur diese Strömungen, die bolschewistische und menschewistische, haben
sich allein in der Politik der Massen in den Jahren 1901/08, wie auch nachher
in den Jahren 1908/1914 offenbart. Weshalb? Deshalb, weil nur diese Strö-
mungen feste Wurzeln in den Massen hatten, die erstere im Proletariat, die
zweite im liberalen Bürgertum.
Jetzt gehen wir wieder der Revolution entgegen. Das sehen alle. Chwostow
selbst spricht von einer Stimmung der Bauern, die an die Jahre 1903/00 erinnert.
Und wieder haben wir es mit denselben zwei Linien der Revolution und dem-
selben Wechsel der zwei Klassen zu tun, nur verändert durch die veränderte
internationale Situation. 1905 war die gesamte europäische Bourgeoisie für
den Zarismus und verhalf ihm bald zu Milliarden (Frankreich), bald zu der
/Ausrüstung einer gegenrevolutionären Armee (Deutschland). 1914 entbrannte
der europäische Krieg; überall besiegte die Bourgeoisie vorübergehend das
Proletariat und ertränkte es in den trüben Fluten des Nationalismus und Chauvi-
nismus. In Rußland bilden die kleinbürgerlichen Volksmassen, hauptsächlich
das Bauerntum, nach wie vor die Majorität der Bevölkerung. Sie werden vor
allem durch die Großgrundbesitzer unterdrückt. Politisch schlafen sie teilweise
noch und schwanken teilweise zwischen Chauvinismus („Sieg über Deutsch-
land", „Vaterlandsverteidigung") und Revolution. Die politischen Wortführer
dieser Massen und dieser Schwankungen sind einerseits die Narodniki (Trudo-
wiki und Sozialrevolutionäre) und andererseits die Opportunisten unter den
Sozialdemokraten („Nasche Djelo", Plechanow, Fraktion Tschcheidse, die
O. K.), die seit 1910 auf dem Pfade der liberalen Arbeiterpolitik bergab rutschen
und 1915 glücklich beim Sozialchauvinismus der Herren Potressow, Tschere-
wanin, Maßlow, Lewitzki oder bei der Forderung der „Einigkeit" mit ihnen
angelangt sind.
295
Aus dieser faktischen Sachlage ergibt sich die Aufgabe des Proletariats
augenfällig. Restlos kühner, revolutionärer Kampf gegen die Monarchie
(die Losungen der Konferenz vom Januar 1912, die drei Grundforderungen)
ein Kampf, der alle demokratischen Massen, d. h. hauptsächlich die Bauernschaft
mit sich risse. Und zugleich erbarmungsloser Kampf gegen den Chauvinismus,
Kampf für die sozialistische Revolution Europas im Bund mit dessen Proletariat.
Die Schwankungen der Kleinbourgeoisie sind nicht zufälliger Art, sondern un-
vermeidlich, sie ergeben sich aus ihrer Klassenlage. Die Kriegskrise hat die
ökonomischen und die politischen Faktoren verstärkt, die das Kleinbürgertum —
und darunter auch das Bauerntum — nach links treiben. Darin liegt die ob-
jektive Grundlage der absoluten Möglichkeit eines Sieges der demokratischen
Revolution in Rußland. Daß in Westeuropa die objektiven Bedingungen der
sozialistischen Revolution absolut reif geworden sind, das brauchen wir hier
nicht zu beweisen ; das wurde vor dem Kriege von allen maßgebenden Sozialisten
aller Kulturländer anerkannt.
Das Wechselverhältnis der Klassen in der kommenden Revolution fest-
zustellen, darin besteht die Hauptaufgabe der revolutionären Partei. Dieser Auf-
gabe entzieht sich die O. K., die in Rußland eine treue Verbündete des „Nasche
Djelo" bleibt und im Auslande mit nichtssagenden „linken" Phrasen herum-
wirft. Diese Aufgabe wird in „Nasche Slowo" von Trotzki unrichtig gelöst, der
seine „originelle" Theorie von 1905 wiederholt und sich keine Gedanken darüber
machen will, infolge welcher Ursachen das Leben ganze zehn Jahre an dieser
großartigen Theorie vorbeiging.
Die originelle Theorie Trotzkis nimmt von den Bolschewiki den Appell
zum entschlossenen revolutionären Kampf des Proletariats und zur Eroberung
der politischen Macht des Proletariats; und von den Menschewiki die „Negation"
der Rolle des Bauerntums. Das Bauerntum hätte sich geschichtet, differenziert;
seine eventuelle revolutionäre Rolle habe immer mehr abgenommen ; in Rußland
sei eine „nationale" Revolution unmöglich: „Wir leben im Zeitalter des Im-
perialismus", und „der Imperialismus stellt nicht die bürgerliche Nation dem
alten Regime gegenüber, sondern das Proletariat der bürgerlichen Nation."
Da haben wir ein kurioses Beispiel für das Spiel mit dem Wörtchen Im-
perialismus. Wenn in Rußland das Proletariat schon „der bürgerlichen Nation"
gegenübersteht, dann steht also Rußland direkt vor der sozialistischen Revolution !
Da in ist die Losung „Beschlagnahme des Großgrundbesitzes" (die von Trotzki
1915 noch auf der Januarkonferenz 1912 wiederholt wurde) unrichtig, dann
muß man nicht von einer „revolutionären Arbeiterregierung" reden, sondern
von einer „sozialistischen Arbeiterregierung"! Welche Grenzen der Wirrwarr
bei Trotzki erreicht, sieht man aus seinem Satze, daß das Proletariat durch
Entschlossenheit auch die „nichtproletarischen (!) Volksmassen" mit sich
reißen würde!! Trotzki dachte nicht daran, daß, wenn das Proletariat die nicht
proletarischen Dorfmassen zur Beschlagnahme des Großgrundbesitzes mit sich,
reißen und die Monarchie stürzen würde, dies eben die Vollendung der „natio-
296
iialen, bürgerlichen Revolution" in Rußland bedeuten würde, dies eben die
revolutionär-demokratische Diktatur des Proletariats und des Bauerntums
bedeuten würde.
Das ganze Jahrzehnt — das große Jahrzehnt — 1905/1915 hat das Vor-
handensein von zwei und nur von zwei Klassenlinien der russischen Revolution
erwiesen. Die Schichtung des Bauerntums hat den Klassenkampf innerhalb
des Bauerntums verstärkt, hat sehr viele politisch schlafenden Elemente geweckt
und das ländliche Proletariat dem städtischen nahe gebracht (auf einer besonderen
Organisation des Landproletariats bestanden die Bolschewiki seit 1906 und
setzten diese Forderung in die Resolution des Stockholmer menschewistischen
Kongresses). Aber der Antagonismus zwischen dem Bauerntum und den Re-
gierungscliquen hat sich verstärkt, zugespitzt, ist gewachsen. Das ist eine so
offensichtliche Wahrheit, daß sogar Tausende von Phrasen in Dutzenden von
Pariser Artikeln Trotzkis sie nicht widerlegen werden. In Wirklichkeit kommt
Trotzki den liberalen Arbeiterpolitikern Rußlands entgegen, die unter der
„Negation" der Rolle des Bauerntums die Unlust verstehen, die Bauern aufzu-
rütteln !
Und das ist jetzt der ganze Haken. Das Proletariat kämpft und wird
restlos kämpfen, für die Eroberung der Staatsgewalt, für die Republik, für die
Konfiskation der Güter, das heißt, für die Heranziehung des Bauerntums, für
die Ausschöpfung seiner revolutionären Kräfte, für die Beteiligung der „nicht
proletarischen Volksmassen" an der Befreiung des bürgerlichen Rußlands vom
militärisch- feudalen „Imperialismus" (Zarismus). Und diese Befreiung des bürger-
lichen Rußlands vom Zarismus, von der agrarischen Herrschaft der Gutsbesitzer,
wird das Proletariat unverzüglich ausnutzen, nicht um den wohlhabenden Bauern
in ihrem Kampfe mit den Landarbeitern zu helfen, sondern — um die sozialistische
Revolution zu vollziehen im Bunde mit den Proletariern Europas.
20. November 1915. N. Lenin.
Unser Sieg.
In allen kriegführenden Ländern waren die Regierungen und die Bour-
geoisie bemüht, auf diese oder jene Art die Arbeiterklasse zur Sache der „Landes-
verteidigung" heranziehen. Ohne die Arbeiter läßt sich kein Krieg führen, —
das wußte man ebensogut in England, in Frankreich wie in Deutschland. Der
Zarenbande fiel auch diese Weisheit erst ein Jahr nach Kriegsbeginn ein, nachdem
ein Hindenburg ordentlich ihr Gedächtnis aufgefrischt hatte.
Dafür aber begann nun die Bürokratie großen Wert zu legen auf die Heran-
ziehung der Arbeiter zu der „Mobilmachung der gesellschaftlichen Kräfte"
und der „Landesverteidigung". Kaum war der neue Schwarze-Hundert-Minister
Chwostow in sein Amt eingesetzt, so war" seine erste Arbeit, das Ministerium
anzutelephonieren imd sich über den Gang der Wahlen bei den Arbeitern zu
erkundigen.
297
Die r u s si schen Arbeiter für die ,, Vaterlandsverteidigung" gewinnen —
iieses Geschäft wurde im Auftrage der Regierung von der rusri-ohen liberal-
oktobristischen Bourgeoisie mit Gutsehkow, Konowalow und Konsorten an
der Spitze übernommen. Zu diesem Zweck wurde in Peter=hurg eine ganze
Reihe von Arbe i ter V ersammlungen gestattet, und regelrechte Wahlen von
Wahlmännern aus den Arbeitern unternommen. Darauf fand eine Versammlung
von 170 Wahlmännern statt, und im Namen von mehr als 200 000 Petersburger
Arbeitern wurde mit Stimmenmehrheit beschlossen: Die Teilrahme an den kriegs-
industriellen Ausschüssen betrachten die Arbeiter als Verrat.
Ist ein solcher Beschluß richtig ? Das hängt vom Standpunkt ab. Der
Internationalist wird sagen: absolut richtig. Der Sozialchauvinist wird *agen:
absolut verfehlt. Die italienischen Genossen, die gegen die Krieg-ikredite
stimmten, sind auch gegen die Beteiligung der Arbeiter an allen möglichen
Kriegsausschüssen. Die Sozialchauvinisten in England. Frankreich und Deutsch-
land sprechen sich für eine solche Beteiligung aus. Die Herren vom ,, Zentrum",
die Personen, die den Sozialpatriotismus mit dem internationalen Sozialismus
,, versöhnen", sagen weder ja noch nein, helfen aber in Wirklichkeit den Sozial-
patrioten. Eine solche Teilung beobachten wir sowohl in Westeuropa, als auch
bei uns in Rußland.
Die Sozialchauvinisten aller Länder beteuern, daß die Arbeitermassen
ihnen folgen, daß sie nur den Willen der Massen vollziehen, wenn sie das ., Vater-
land" verteidigen und den Burgfrieden proklamieren. In Petersburg mr-mten
wir die erste Erfahrung, als die Arbeitermassen tatsächlich befragt winden.
Nach der ungenauen Statistik nahmen an den Wahlen vom 25. September
171 5S1 Arbeiter teil. Später überstieg diese Ziffer 20OO00. Ihre Antwort
ist die wahre Antwort der Arbeitermassen, nicht allein die Antwort unserer
Arbeiterpartei, sondern auch die Antwort unserer Arbeiterklasse. Und diese
Antwort bedeutet nichts anderes, als eine Ohrfeige für Gutschkow und Ko-
nowalow, die sich so eifrig um diese Wahlen bemühten und glaubten, die Beute
wäre bereits in ihren Händen. Diese Antwort bedeutet auch eine Ohrfeige
für die Herren Plechanow und Potressow. Noch mehr. <^ie ist eine würdige
Antwort an den internationalen Sozialnatriotismu*, an Südekum sowohl wie an
Vandervelde. an Kautsky sowohl wie an Guesde. Der Beschluß der Petersburger
Arbeiter ist streng in internationalistischem Geiste gehalten. Unser Korre-
spondent schreibt uns, daß die Arbeiter bei dei Abfassung der Bestimmungen
die Leitartikel aus dem „Sozialdemokrat" zu Grunde legten. Und zu derselben
Zeit, da alle Autoritäten der II. Internationale mit der Bourgeoisie wieder-
holen- ,,Die Vaterlandsverteid'crunc ist die erste Pflicht der Arbeiter", da
schleudert die junge — aber geistiger Kräfte volle — Arbeiterklasse Rußlands
ihnen allen entgegen: ..Ihr lügt, ihr Herren, die Vaterlandsverte : digung im
imperialistischen Kriege ist ein Verrat am Sozialismus, die Arbeiter haben krin
Vaterland". Und in die-em Sinne hat der historische Beschluß des Petersburger
Proletariats eine tiefe internationale Bedeutung.
2-S
Die bedeutsame Aktion des Petersburger Proletariats unter dem Banner
des revolutionären Internationalismus ist ohne jede Übertreibung das wichtigste
politische Ereignis unserer Tage. Das tatsächliche Milieu der Wahlen, der
ideell-politische Kampf der verschiedenen Richtungen und Gruppen um diese
Wahlen muß mit aller Sorgfalt und Ausführlichkeit wiedergegeben werden.
Wir wollen einstweilen m aller Kürze die drei Stadien skizzieren: vor
den Wahlen, während der Wahlen, nach den Wahlen.
Vor den Waiden traten mit einer offenen Plattform und einem klaren
Standpunkt einerseits nur unsere Partei in Gestalt ihres Petersburger Komitees
hei vor, und andererseits die Sozialchauvinisten in Gestalt der Zeitung ,,Utro",
der Mitarbeiter von „Nasche Djelo" und des Herrn Plechanow.
Das Petersburger Komitee rief die Arbeiter auf, die Wahlkampagne in
ihrem ersten Stadium zu Agitationszwecken auszunützen, aber sprach sich
kategorisch gegen die Beteiligung an den kriegs-industriellen Ausschüssen aus,
indem es sich vom internationalistischen Standpunkt gegenüber der ,. Vater-
landsverteidigung" leiten ließ. Im „Sozialdemokrat" ist auch die Resolution
der Arbeiter des Lessner- Werkes veröffentlicht, die denselben Standpunkt
verficht.
Bine andere Position wurde von den Liquidatoren eingenommen. In
Petersburg erschien zu jener Zeit das legale sozialpatriotische Blatt „Utro".
Diese Zeitung benimmt sich als die geistige Vertreterin der ganzen liquidatorischen
Richtung. Sie betont ihre Verwandtschaft mit der Fraktion Tschcheidse, mit
„Nasche Djelo" usw. Und nun lesen wir in Nr. 2 des „Utro" in der uns in-
teressierenden Frage, folgende Zeilen:
tt Es muß mit aller Bestimmtheit und Klarheit gesagt werden, daß die Arbeiter
in die Industrie- Ausschüsse gehen werden, nicht nur dann, wenn die Unternehmer
vor ihnen entgegenkommend die Türen aufreißen werden, aber auch dann, wenn
diese Türen geschlossen bleiben, und die schwieligen Hände der Arbeiter selbst
ihre Riegel zurückschieben werden müssen' 1 („Utro" Nr. 2, voml9. — 1. September
1915.)
Also — zwei Gesichtspunkte. Von einem dritten war vor den Wahlen
nirgends die Rede. Die Fraktion Tschcheidse schweigt sich aus, während „Utro"
im Namen der ganzen Richtung spricht, zu der diese Fraktion gehört. Die
O.-K. hüllt sich in Schweigen. Ihr ausländisches Sekretariat ebenfalls. Die
„Versöhnungspolitiker" schweigen — sie haben noch che „mittlere" Position nicht
ausgedacht und wissen noch nicht, wo die Majorität ist . . . Das Pariser „Nasche
Slowo" mit Trotzki an der Spitze beschäftigt sich mit der Reinwaschung der
sozialchauvinistischen „Utro", indem es seine Auffassungen als „internationali-
stisch" bezeichnet! ! (Nr. J91).
Das ist das Bild vor den Wahlen.
Das Petersburger Komitee unserer Partei führt mit einer ungeheuren
Anspannung aller Kräfte die Wahlkampagne durch. Gegen das Komitee steht
die ganze bürgerliche Presse, einschließlich der „allerdemokratisciisien".
Dagegen wird die Autorität dei Plechanow, Kerenski, Tschcheidse mobilisiert.
29J
Die durch die zahlreichen Niederlagen der Zarenarmee geschaffene Kriegspanik
erfaßt auch einen Teil der Arbeiter. Die Deutschen stehen vor Riga und Düna-
burg. Eine Flut von Flüchtlingen ergießt sich über Petersburg und Moskau.
Und dennoch — und dennoch bleiben die meisten Arbeiter dem Banner der
revolutionären Sozialdemokratie treu. Das Petersburger Komitee trägt einen
glänzenden Sieg davon.
Es findet die bekannte Versammlung der 170 Wahlmänner statt. Und
da spielt sich das entscheidende Treffen der beiden Lager ab.
Wir kennen den Text der Resolution nicht, die von unseren National-
liquidatoren eingebracht worden ist. Unzweifelhaft ist einstweilen nur, daß
sie alle direkt für die „Vaterlandsverteidigung" sprachen. Die Stimmung der
Arbeiter in Rußland ist anders. Um die Arbeiter nur einigermaßen für sich
zu gewinnen, müssen die Liquidatoren die Meinungsverschiedenheiten ver-
kleistern und die Revolutionäre mimen. In welchem Sinne die Liquidatoren
in Petersburg die Karten mischten, ergibt sich aus demselben Artikel in Nr. 2
des „Utro".
Die Arbeiter werden in die Kriegsindustrie-Ausschüsse „gehen", lesen
wir dort, doch nicht etwa zum Zweck der „Vaterlandsverteidigung", — das
zu sagen fürchtete sieb „Utro". „Wir können hier nicht auf die allgemeine
Frage der Beteiligung an der Landesverteidigung eingehen. Aber nicht diese
Frage, glauben wir, dürfte für die Stellungnahme zu den Industrie- Ausschüssen
entscheidend sein. 11
Wie, nicht diese Frage ? — staunt der Leser. Es unterliegt ja absolut
keinem Zweifel, daß namentlich diese Frage die Stellungnahme der Arbeiter
bestimmen muß. Wenn wir gegen die sogenannte Vaterlandsverteidigung sind,
wenn wir diese Parole für den größten Schwindel unserer Zeit halten, wenn
wir finden, daß dieser Krieg kein „gerechter", sondern ein ehrloser Sklaven-
halterkrieg ist, so ist es natürlich auch für die Frage bestimmend, ob man sich
an den Ausschüssen beteiligen solle, die sich die Vaterlandsverteidigung und
die „Organisierung des Sieges" zum Ziel machen. Man müßte glauben, dies
sei klar, wie „zwei mal zwei ist vier". Doch unsere Nationalliquidatoren haben dies-
bezüglich ihre eigene Auffassung. Die Kriegsindustrie-Ausschüsse sind ihrer
Meinung nach keineswegs Organisationen der russischen Bourgeoisie und der
russischen Gutsbesitzer zur Verteidigung ihres Vaterlandes. Mit nichten, die
Kriegsindustrie-Organisationen müssen betrachtet werden als „der Unruhe-
zustand der bürgerlichen Gesellschaftsschichten (!)... als ein Versuch zur
Aufrechterhaltung der Ordnung" . . . „Sollten denn die Arbeiter nicht am
Mobilisierungsprozeß teilnehmen, um ihre eigenen Kräfte heranzuziehen und
zusammenzuschließen, um ihre eigenen Parolen zu entfalten, um einen Einfluß
auf die 3ewegung und die Organisation der anderen Gesell Schaftsschichten
auszuüben" („Utro" Nr. 2).
Um die Arbeiter in die „Vaterlandsverteidigung" hineinzuziehen, stellen
die Sozialchauvinisten aus den „Utro" fälschlich die Sache so dar, als ob die
300
Kriegs-Ausschüsse für technische Nothilfe dem russischen Generalstab eine
Art von Parlamenten darstellten, wo die . Arbeiter ihre „Parolen" entfalten
könnten.
Durch die Verkleisterung ihrer wahren Ziele haben die Sozialpatrioten
liquidatorischen Schlages die Zwischenschichten und die parteilosen Kiemente
unter den Arbeitern in das Lager der „Patrioten" hinübergezogen. Alle alten
Verbindungen der Liquidatoren wurden für die Sache des Herrn Plechanow
ausgenutzt. Faktisch kam ein Block von Liquidatoren, Plechanowisten, Na-
rodniki, Schwankenden und Parteilosen zustande — gegen unsere Partei.
Um so höher ist unser Sieg einzuschätzen, der Sieg unserer Petersburger Freunde
und Gesinnungsgenossen. . .
Nun betrachten wir, was nach den Wahlen stattgefunden hat.
Die Regierung ist über ihren Durchfall wütend. In Petersburg verbietet
sie den Zeitungen, auch nur ein Wort über die Wahlen zu veröffentlichen Die
Bourgeoisie tobt und rast gegen die Bolschewiki. Natürlich! Die Frage stand
ja eigentlich so: werden die Arbeiter Gutschkow und Konowalow folgen qder —
der revolutionären Sozialdemokratie. An der einen Hand wurden die Arbeiter
von Gutschkow und Konowalow in die Zaren- Ausschüsse eezerrt, an der
anderen Hand zogen Plechanow und Lewitzki, und von hinten wurden sie
behutsam und bedächtig (Vorsicht, Vorsicht, meine Herren!) von Tschcheidse
gestoßen. Das Glück war so nahe, so möglich. . . Und plötzlich. . .
Die „Russkija Wjedomosti" vom 28. Oktober schreiben, daß in der
Wahlmännerversammlung „für die Beteiligung die Menschewiki, die Narodniki
und die Parteilosen waren", die 80 Stimmen gesammelt hatten; gegen die
Beteiligung waren die Bolschewiki mit 90 Stimmen. Unsere Korrespondenzen
aus Petersburg bestätigen dasselbe und heben unsere Majorit ät von 10 Stimmen
hervor. In der russischen legalen Presse, wohin die Liquidatoren tausend Schleich-
wege führen, findet man keine Widerlegung der von „Russkija Wjedomosti"
gebrachten Mitteilung. In der „allerlinkest" stehenden liberalen Presse geht
die grimmige Hetze gegen den Bolschewismus weiter. Die liberalen „Russkija
Wjedomosti" zetern gegen unseren „Anarchismus". In einem Artikel, der
nach den Wahlen schier von einem der bekanntesten Liquidatoren geschrieben
wurde, wird dem Bolschewismus vorgeworfen, er hätte ,,uns"(!) eine negative
Stellungnahme zur wirtschaftlichen „Sklavenhalterei" aufgedrängt, er hätte
die Idee des Arbeiterkongresses negiert, er habe die Benennung „Liquidatoren-
tum" geschaffen und mit diesem verächtlichen Spitznamen das Bestreben der
breiten Arbeitermassen bezeichnet, die unterirdische Arbeit aufzugeben und
„ihre mächtigen schöpferischen Kräfte auf dem Schauplatz der legalen Existenz
anzuwenden". Der Bolschewismus sei es, der „gegen die planmäßige und zweck-
dienliche Arbeit in der Öffentlichkeit rebelliert" (!) (Nr. 288).
Der Bolschewismus — das ist der Feind! . . .
Nun, und was haben die Liquidatoren selbst und ihre Freunde nach den
Wahlen getan?
301
In Petersburg tat sich in der liberalen Presse Herr Gwosdew, ein bekannter
Liquidator, mit e ; ner direkten . . . Denunziation hervor. (Die Taktik der
Scheidemänner führt auch zu den Methoden der Scheidemänner.) Wie es heißt,
s^ll ein Wähler aus den Putilow-Werken seine Eintrittskarte einem Kollegen
und Gesinnungsgenossen von der sozialdemokratischen Partei gegeben haben.
Dies ist — wenn das stattgefunden haben soll — eine vollkommen berechtigte
Methode vom Standpunkt einer illegalen, verfolgten Partei, die auf anderem
Wege einen Verfechter ihrer Anschauungen in die Versammlung nicht hinein-
bringen kann. In der Versammlung der städtischen Wähler für die Staatsduma,
wohin der Zutritt nur Inhabern von Vorladungen gestattet war, kamen alle
P.edner der sozialdemokratischen Partei unter fremden Namen hinein. Unter
fremden Namen waren auch iti die entscheidende Versammlung der Wahlmänner
bei den Wahlen in die zweite Duma die bekanntesten Vertreter der Menschewiki,
Bolschewiki und Sozialrevolutionäre hineingekommen. Und nun müssen wir
es erleben, daß ein Vertreter der Liquidatoren, Herr Gwosdew (natürlich mit
Wissen seiner Freunde), in der Kadettenpresse — Schmach und Schande! —
den Arbeiter Kudrjaschow aus dem Putilow- Werke denunziert, der seine
Einladungskarte „sogar einem Nichtarbeiter" abgegeben hat. Und auf Grund
dessen verlangen die Liquidatoren zusammen mit den Kadetten Neuwahlen.
Weiter kann man nicht gehen. . .
Und im Auslande ? Hier nahm erst gestern das „Ausländische Sekretariat"
der O.-K. in der ,, Berner Tagwacht" die Leute aus „Nascha Saria" in Schutz.
(Und Axelrod persönlich tat dasselbe in „Nasche Slowo".) Was soll man machen ?
Wie soll man sich da heraus winden ? Wie soll man die Wahlen in Petersburg
deuten ?
Die offiziellen „Diplomaten" der O.-K. schweigen sich aus. Dafür läßt
ein gewisser Anonymus („aus Kopenhagen") in der deutschen Presse folgende
Version zirkulieren. Die Anhänger der O.-K. wären in Petersburg — staune,
oh Leser! — zu rabiaten Boykottisten geworden. Sie hätten 35 000 Stimmen
(genau gezählt, man frage Larin selber) für den Boykott im ersten Stadium
gesammelt, in der Versammlung der 170 wären ihre Wahlmänner nicht vertreten
gewesen.
„Diese Richtung (der O.-K.) lehnte die Teilnahme an den Wahlen der
Wahlmänner vollkommen ab . . . Ohne Koalitionsfreiheit. . . können solche
Wahlen die Arbeiter nur irreführen. Nur in einer allgemeinen Arbeiterkonferenz
. . . hätte man die Stellungnahme des russischen Proletariats zum Kriege be-
stimmen können", so stellt der eifrige Korrespondent „aus Kopenhagen" die
prinzipielle Position der O.-K. dar.
Es genügt, diese Zeilen zu lesen, um zu sehen, daß der „Korrespondent
aus Kopenhagen" ... die schlechte Fabel schlecht erfindet. In der Tat, man
bedenke doch diese Version. Wir sind über den geistigen Horizont der Anhänger
der O.-K. nicht allzu hoher Meinung, aber wir haben keinen Grund, die O.-K.-
Leute für ausgemachte Idioten zu halten. Auf die Beteiligung an den Wahlen,
an denen 200 000 Arbeiter teilnahmen, verzichten wir nur aus dem Grunde,
302
weil wir noch keine Koalitionsfreiheit haben, fördern dadurch faktisch die
Plechanowisten und Gutschkow - Leute, die nur darauf warteten, daß die
internationalistischen Arbeiter an den Wahlen nicht teilnehmen und den „Pa-
trioten" und schwankenden Elementen das Feld räumten. Aber das ist ja eine
offenkundige Karikatur ! Das ist ein politischer Scherz, zu dem bloß Leute
ohne Grütze im Kopf fähig wären.
Doch werden alle Zweifel durch Nr. 1 des Liquidatorenblattes „Rabotscheje
Utro" zerstreut (erschienen in Petersburg am 15. Oktober 1915, schon nach
den Wahlen). Diese Zeitung entlarvt schonungslos den „Kopenhagener" . . .
Erfinder.
„ Vereinzelte Vorschläge, auf die WaJü der Wahlmänner zu verzichten, zeitigten
keinen merklichen Erfolg'', schreibt „Rabotscheje Utro", Nr. 1. Von keinerlei
53 000 Stimmen und keiner dritten Plattform ist in der Zeitung die Bede. Der
Plan einer Arbeiterkonferenz war also der Plan einer Gruppe von Wahlmännern,
der es gelang, 81 Wähler zu sammeln, — doch diese Gruppe knüpfte die Be-
teiligung an den Kriegsindustrie-Ausschüssen an den „Beginn eines viel weiteren
organisatorischen Prozesses, nämlich des Kampfes um die Arbeiterkonferenz''.
Von einer Meinungsverschiedenheit der Fraktion Tschcheidse mit der Position
der 81 ist in dem soziaipatriotischen „Rabotscheje Utro" ebenfalls kein Wort
zu lesen. Mit dem Schreiben des Denunzianten Gwosdew, des „Genossen" (!)
Gwosdew erklärt sich „Rabotscheje Utro" in einer besonderen Erklärung der
Redaktion solidarisch. Das Blatt teilt das „Gefühl der Empörung" des Herrn
Gwosdew über die nationalistischen Arbeiter, und findet nur, man hätte nicht
den Protest an den Zentral-Kriegsindustrie- Ausschuß richten sollen.
Das Bild ist klar, wie man es nicht besser wünschen kann. Wir haben
es mit zwei Lagern zu tun, und nur mit zwei. In dem einen sind unsere Ge-
sinnungsgenossen, die den Internationalismus verfechten, in dem anderen die
Leute, die die Plechanowerei wollen. Die Fraktion Tschcheidse hielt den
letzteren und deckt sie. Die O.-K.-Anhänger ebenfalls. Aber der Kopenhagener
Korrespondent . . . lügt einfach für zwei.
Wie alle großen Ereignisse im Arbeiterleben ergaben die Wahlen von
zweimalhunderttausend Arbeitern in Petersburg eine neue, sehr anschauliche
Illustration unserer Lage als Partei. Ungeachtet der größten Verfolgungen
hat unsere Organisation ihre geschlossene und gut gestaltete Organisation,
die das Losungswort der Revolution und des Internationalismus verficht. Die
Liquidatoren, die durch Jahre hindurch von der „Einigkeit" reden, negieren
wieder zynisch den Willen der Arbeiter und paktieren von neuem im wichtigsten
Moment mit einer fremden Partei: den chauvinistischen Narodniki, gegen
die R. S.-D. Arbeiterpartei. Der Trotzkismus, die Versöhnungspolitik erwies
sich wiederum als blanke Null. Er hat keinen Platz in der lebendigen Arbeiter-
bewegung Rußlands. Entweder mit Tschcheidse und folglich auch mit Plechanow
und Gutschkow, oder — mit der R. S.-D. Arbeiterpartei und folglich gegen
Tschcheidse. So wird die Frage vom Leben gestellt.
303
Aus dem, was in Petersburg stattgefunden hat, ergeben sich wichtige
politische Folgerungen. Wir wissen nicht, ob sich die „patriotische" Minorität
entschließen wird, dem Willen der Arbeiter weiter entgegenzuarbeiten und in
die Kriegs-Ausschüsse zu gehen — zu Herrn Gutschkow in die Lehre. Schon
nach der Beschlußfassung der Arbeiter sind, wie die Zeitungen melden, in den
Kriegs-Ausschuß eingetreten: Herr Prokopowitsch und der Narodnik Herr
Tschajkowski. Jedenfalls sind sie von den meisten Arbeitern von vorneherein
als Verräter gebrandmarkt. Die Ablehnung der Beteiligung an den Kriegs-
Ausschüssen hat zur Vorbedingung: die Weiterführung des revolutionären
Kampfes, die Enfaltung des Massenstreiks, den Kampf unter den drei Haupt-
parolen. Die Arbeiter haben der Bourgeoisie ein Schnippchen geschlagen,
indem sie die ihnen zur Verfügung gestellte Möglichkeit benutzt haben zu der
Festigung ihrer Organisation und dem politischen Zusammenschluß ihrer Reihen.
Nachdem sie sich zusammengeschlossen haben werden, werden sie ihren Kampf
stärken und entfalten und die Bewegung auf die anderen Städte, auf das flache
Land, auf die Armee ausdehnen.
12. November 1915. „ _.
G. bvnowjew.
Am letzten Strich.
Die Mauserung einzelner Personen aus radikalen Sozialdemokraten und
revolutionären Marxisten zu Sozialchauvinisten ist eine Erscheinung, die allen
kriegführenden Ländern eigen ist. Der Strom des Chauvinismus ist so reißend,
stürmisch und mächtig, daß überall eine Reihe von charakterlosen Sozial-
demokraten oder solchen, die sich überlebt haben, von ihm fortgerissen wird.
Parvus, der sich schon in der russischen Revolution 1905 als Abenteurer entpuppt
hatte, ist nun in dem von ihm herausgegebenen Blättchen,, Die Glocke" ge-
sunken . . . bis zum letzten Strich. Er verteidigt die deutschen Opportunisten
mit unsagbar frecher und selbstzufriedener Miene. Er hat alles verbrannt,
was er angebetet hatte; er „vergaß" den Kampf zwischen der revolutionären
und opportunistischen Richtung und ihre Geschichte in der internationalen
Sozialdemokratie. Mit der Fixigkeit eines Feuilletonisten, der des Lobes der
Bourgeoisie gewiß ist, klopft er Marx auf die Schulter und „korrigiert" ihn
ohne jede Spur gewissenhafter und aufmerksamer Kritik. Aber einen gewissen
Engels behandelt er geradezu mit Verachtung. Er nimmt die Pazifisten und
Internationalisten Englands, die Nationalisten und Hurrapatrioten Deutschlands
in Schutz. Er beschimpft die englischen Sozialpatrioten als Chauvinisten und
Schleppenträger der Bourgeoisie, aber tituliert die deutschen Sozialpatrioten
revolutionäre Sozialdemokraten und tauscht mit Lensch, Haenisch und
Grunwald den Kuß aus. Er leckt Hindenburg den Stiefel, versichert den Lesern,
der deutsche Ge^ialstab kämpfe für die Revolution in Rußland, und druckt
pöbelhafte Lobeshymnen für diese Verkörperung der deutschen „Volksseele"
304
und ihr „mächtiges revolutionäres Empfinden". Er verheißt Deutschland
einen schmerzlosen Übergang zum Sozialismus durch ein Bündnis der Konser-
vativen mit einem Teil der Sozialisten und durch die Brotkarten. Als kleinlicher
Feigling billigt er wohlwollend die Zimmerwalder Konferenz und tut so, als
würde er im Zimmerwalder Manifest die Stellen übersehen haben, die sich
gegen alle Schattierungen des Sozialchauvinismus richten, von Parvus und
Plechanow bis auf Kolb und Kautsky.
In den 6 Nummern seines Blättchens gibt es keinen einzigen ehrlichen
Gedanken, kein ernsthaftes Argument, keinen anständigen Artikel. Eine un-
unterbrochene Kloake des deutschen Chauvinismus, verdeckt durch das läppisch,
grob ausgemalte Aushängeschild: im Namen der angeblichen Interessen der
russischen Revolution! Begreiflich, daß diese Kloake von den Opportunisten,
von Kolb und der „Chemnitzer Volksstimme" belobigt wird.
Herr Parvus entblödet sich nicht, öffentlich seine „Mission" zu verkünden,
als geistiges Bindeglied zwischen dem bewaffneten deutschen und dem revo-
lutionären russischen Proletariat zu dienen. Es genügt, diese possenhafte Phrase
dem Hohn der russischen Arbeiter zu überlassen. Wenn der „Prisyw" der
Herren Plechanow, Bunakow und Konsorten durchaus die Billigung der Chau-
vinisten und Chwostow in Rußland verdient hat, so ist die „Glocke" des Herrn
Parvus ein Renegatenorgan der schmutzigsten Liebedienerei in Deutschland.
Man kann nicht umhin, bei dieser Gelegenheit noch eine nützliche Seite
des jetzigen Krieges hervorzuheben. Nicht allein, daß er durch seine „Schnell-
feuerkanene" den Opportunismus und Anarchismus tötet, er entlarvt auch
ausgezeichnet die Abenteurer und Irrwische des Sozialismus. Für das Proletariat
ist es im höchsten Grade vorteilhaft, daß die Ocsrl ächte mit dieser Reinigung
seiner Bewegung schon knapp vor der sozialistischen Revolution begonnen hat,
und nicht während ihres Verlaufes.
20. November 1915.
N. Lenin.
Bemäntelang der
sozialchauvinistischen Politik durch internationalistische Phrasen.
Wie verhalten sich die politischen Tatsachen zur politischen Literatur ?
Die politischen Ereignisse zu den politischen Parolen ? Die politische Realität
zu der politischen Ideologie ? Diese Fragen sind momentan von grundsätzlichster
Bedeutung für das Verständnis der ganzen Krise in der Internationale, denn
jedwede Krise, ja jede Umwälzung in der Entwicklung führt unvermeidlich
zu einer Abweichung zwischen der alten Form und dem neuen Inhalt. Wir
sprechen garnicht davon, daß die bürgerliche Gesellschaft beständig solche
Politiker züchtet, die sich als außerhalb der Klassen stehend bezeichnen, und
solche Opportunisten, die sich Sozialisten zu nennen lieben, die absichtlich
und systematisch die Massen mit den üppigsten und radikal klingenden Worten
20 305
irre führen. Aber zur Zeit der Krise nehmen wir sogar bei gewissenhaften Personen
fortwährend einen Mißklang zwischen Wort und Tat wahr. Und die große
fortschrittliche Bedeutung aller Krisen, ja sogar der schwersten, schwierigsten
und schmerzlichsten besteht u. a. gerade darin, daß sie mit wunderbarer
Schnelligkeit, Kraft und Anschaulichkeit die faulen — wenn auch gewissen-
haften — Worte, sowie die faulen Institutionen blosstellen und hinwegfegen,
auch wenn sie auf dem allerbesten Vorhaben basieren.
Das größte Ereignis im Dasein der russischen Sozialdemokratie sind
jetzt die Wahlen der Petersburger Arbeiter für den Kriegsindustrie- Ausschuß.
Zum ersten Mal im Verlauf des Krieges haben diese Wahlen allein die Massen
der Proletarier tatsächlich zur Diskussion und Beschlußfassung über die Grund-
frage der heutigen Politik herangezogen und uns das wahre Bild dessen gezeigt,
was in der Sozialdemokratie als Massenpartei vorhanden ist. Es hat sich heraus-
gestellt, daß nur zwei Richtungen vorhanden sind; die eine, die revolutionär-
internationalistische wahrhaft proletarische, von unserer Partei organisierte
Richtung kämpft gegen die Landesverteidigung. Die andere, die sozialchauvinistiscl e
Richtung bildet den Block der „Nasche Djelo" -Anhänger (d. h. des Grundkerns
der Liquidatoren), der Plechanowisten, der Narodniki und Parteilosen; dabei
wurde dieser Block von der gesamten bürgerlichen Presse und allen Reaktionären
Rußlands unterstützt, wodurch der bürgerliche, aber nicht proletarische Sinn
der Politik dieses Blockes erwiesen war.
Das sind die Tatsachen. Das ist die Wirklichkeit. Und die Parolen und
die Ideologie? Das Petersburger „Rab. Utro" Nr. 2, das Sammelbuch der
O.-K.-Leute („Die Internationale und der Krieg" Nr. 1.30, XI, 1915), die letzten
Nummern des „Nasche Slowo" geben eine Antwort, über die sich jedermann,
der sich nur einigermaßen für Politik interessiert, nachdenken sollte.
Betrachten wir den Inhalt und die Bedeutung dieser Ideologie.
Das Petersburger „Rab. Utro" ist hier das wichtigste Dokument. Hier
sitzen die Häuptlinge des Liquidatorentums und Sozialchauvinismus nebst
dem Denunzianten, Herrn Gwosdew. Diesen Leuten ist alles, was den Wahlen
vom 27. XI. voranging und was in diesen Wahlen geschah, wohlbekannt. Diese
Leute konnten einen »Schleier werfen über ihren Block mit den Plechanowisten,
Narodniki und Parteilosen, und sie warfen einen Schleier darüber, sie sagten
kein Wort über die Bedeutung dieses Blocks und das numerische Wechsel-
Verhältnis seiner verschiedenen Elemente. Eine solche „Kleinigkeit" verheim-
lichen, war für sie vorteilhaft, und sie verheimlichten sie (Daten darüber hatten
Herr Gwosdew und seine Freunde aus „R.Utro" gewiß doch bei der Hand).
Aber eine dritte Gruppe, außer der 90 und 81, konnten sie nicht ausdenken;
an Ort und Stelle, in Petersburg, vor dem Angesicht der Arbeiter lügen und
eine „dritte" Gruppe ausdenken, von der der Anonymus „Aus Kopenhagen"
in den Spalten der deutschen Presse und des „Nasche Slowo" faselt, ist eine
Sache der Unmöglichkeit, denn Menschen bei gesundem Verstand lügen nicht,
wenn sie wissen, daß sie sofort der Lüge überführt werden würden. Deshalb
veröffentlicht „R. Utro" den Artikel K. Oranskis (ein alter Bekannter!): „Zwei
306
Positionen". Er behandelt aufs Ausführlichste beide Positionen, die Gruppen
90 und die Gruppen 81 und erwähnt mit keinem Worte eine dritte Gruppe.
Nebenbei bemerkt, hat die Zensur die Nr. 2 des „Utro" fast vollkommen ent-
stellt: weiße Stellen gibt es beinahe mehr als stehengebliebene, aber von den
Artikeln sind nur zwei unberührt geblieben: „Zwei Positionen" und das
Feuilleton, das auf liberale Art die Geschichte des Jahres 1905 verballhornt,
und worin die Bolschewiki beschimpft werden wegen ihres „Anarchismus"
und „Boykottismus". Die zaristische Regierung hat ein Interesse daran, daß
derartige Dinge geschrieben und veröffentlicht werden. Es ist kein Zufall,
daß derartige Paeden das Monopolrecht der Legalität genießen, überall, im des-
potischen Rußland sowohl wie im republikanischen Frankreich!
Mit welchen Argumenten verteidigt „R. Utro" seine Position der „Landes-
verteidigung" und des „Sozialchauvinismus" ? Einzig und allein mit Aus-
flüchten, ausschließlich mit internationalistischen Phrasen!! Unsere Position
ist ja halt garnicht „nationalistisch", garnicht für die „Landesverteidigung",
wir drücken blcß „die in der ersten Position unterdrückte nicht unparteiische
.Stellungnahme zu der Lage des Landes", „zu der Rettung des Landes vor
Debacle und Untergang" aus. Unsere Position war ja „wahrhaftig international",
sie wies die Mittel und Wege zur „Befreiung" des Landes; wir beurteilten genau
so ( ! ! wie die erste Position) den Ursprung des Krieges und seine sozialpolitische
Wesenheit, wir skizzierten ebenso (! ! wie die erste Position) das allgemeine
Problem der internationalen Organisation und der internationalen Arbeit des
Proletariats (wer lacht da?) sowie „der Demokratie während des Krieges, in
allen Entwicklungsperioden des internationalen Konfliktes ohne Ausnahme".
Erklärten wir doch in unserer Deklaration, daß „in der gegebenen gesellschaft-
lichen und politischen Situation die Arbeiterklasse keine Verantwortung über-
nehmen kann für die Landesverteidigung"; wir „schlössen uns vor allem kate-
gorisch den internationalen Aufgaben der Demokratie an". „Wir" verliehen
dem lebendigen Strom der Bestrebungen die in Kopenhagen und Zimmerwald
ihre Etappen hatten, die innere Logik" (so sind wir!) Wir sind für die Losung:
„Frieden ohne Annexionen' 1 (gesperrt von „R. U."). Wir „setzten der Ab-
straktion und dem kosmopolitischen Anarchismus der ersten Richtung den
Realismus und die Internationalität unserer Position, unserer Taktik gegenüber."
Nicht wahr, das sind ja lauter Perlen ? Aber in diesen Perlen steckt außer
der krassen Umbildung und dem albernen Geflunker eine ganz nüchterne
und vom Standpunkte der Bourgeoisie richtige Diplomatie. Um auf die Arbeiter
wirken zu können, müssen die Bourgeois sich als Sozialisten, Sozialdemokraten,
Internationalisten usw. verkleiden, sonst bleibt die Wirkung aus. Und „R. Utro"
verkleidet sich, schminkt sich, färbt sich, putzt sich, verdreht die Augen, schreckt
vor nichts zurück! Wir sind ja bereit, auch hundertmal sowohl das Zimmer-
walder Manifest zu unterschreiben (eine schöne Ohrfeige für jene Zimmer-
walder, die dieses Manifest unterschreiben, ohne gegen seinen zaghaften Ton
vorzugehen und ohne Vorbehalte zu machen!), wie jede beliebige Resolution
über den imperialistischen Charakter des Krieges zu unterzeichnen und jeden
307
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reibt: „Wir, die mir uns dem August-Block an-
läßlich zu erklären: Die Organisation „Prisyw''
;:5li_-.-.-.rr. - 15 11 1 1-1 Tel 1 ir.el Irilil ■:'. V rllrl
e Mitglieder jener Gruppen, die „Prisyw" fordern,
des August-Blockes keinen Platz finden." Das
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das „Ausländische Sekretariat" der O.-K. bilden,
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7.-11111- •:-.— - r: 11 - - 1: lllll. -11-1-
XH
stisdienBolschewiki),aberda sie die Arbeiter fürchten und ihr Renommee nicht
verderben wollen, so schweigen sie lieber darüber und lassen dennoch einen
oder den anderen Anonymen los, um mit ihrem billigen gefahrlosen
Internationalismus zu stolzieren . . .
Einerseits polemisieren einzelne Sekretäre, A. Martynow, L. Martow,
Astrow gegen „Nasche Djelo", und Martow spricht sich sogar persönlich gegen die
Beteiligung an den Kriegsindustrie-Ausschüssen aus. Andererseits aber sehen
wir, wie der Bundist Jonow, der sich für „linker" hält, als der die tatsächliche
Politik des „Bund" widerspiegelnde Kossowski, und daher von den Bundisten
zur Bemäntlung ihres' Nationalismus benutzt wird — wie Jonow die „Weiter-
entwicklung der alten Taktik" (der II. Internationale, die zu ihrem Zusammen-
bruch geführt hat), aber „keineswegs ihre Liquidierung" fordert. Die Redaktion
bringt zweideutige, nichtssagende, diplomatische Ausflüchte und Ausreden zu
Jonows Artikel, aber sagt nichts gegen ihren Inhalt, gegen die Verteidigung des
faulen und opportunistischen Elements in der „alten Taktik". Die Anon/men
A. M., die sich dem Augustblock „anschließen", verteidigen „Nascha Sarja"
direkt: sie wäre zwar von der internationalistischen Position abgewichen, hätte
aber die Politik des Burgfriedens für Rußland ,abgelehnt" (?), hätte die Not-
wendigkeit der Wiederaufnahme von internationalen Beziehungen anerkannt
und soweit „uns" bekannt ist, hätte sie den Ausschluß Manjkows aus der Duma-
fraktion gebilligt. Eine ausgezeichnete Verteidigung! Auch die kleinbürger-
lichen Narodniki sind für eine Wiederaufnahme der Beziehungen, auch Kerenski
ist gegen Manjkow, und von Personen, die sich für einen „Nicht-Widerstand
dem Kriege" ausgesprochen hatten, behaupten, daß sie die Politik des Burg-
friedens ablehnen, heißt, die Arbeiter mit leeren Phrasen beschwindeln.
Die Redaktion des von der O. K. herausgegebenen Sammelbuches produ-
ziert sich mit einem Artikel: „Gefährliche Tendenzen". Das ist ein Musterbild
politischer Geschmeidigkeit! Einerseits tönende, radikale Phrasen gegen die
Verfasser der patriotischen Aufrufe (von Moskauer und Petersburger Sozial-
chauvinisten). Andererseits heißt es dann: „Es ist schwer zu sagen, welchen
Parteikreisen die beiden Deklarationen entsprungen sindW" In Wirklichkeit
unterliegt es nicht dem geringsten Zweifel, daß sie den „Kreisen" von „Nasche
Djelo" entsprungen sind, obwohl die Mitarbeiter einer illegalen Zeitschrift
natürlich an der Abfassung einer illegalen Deklaration unschuldig sind . . .
Die O. K.-Leute ersetzen die Frage nach dem geistigen Ursprung dieser De-
klarationen, nach der absoluten Identität dieses Ursprungs mit der Richtung
des Liquidatorentums, des Sozialchauvinismus, des „Nasche Djelo" durch eine
sinnlose Haarspalterei und die Frage, die niemanden außer der Polizei interessiert,
wer persönlich die Mitglieder dieses oder jenes Zirkels seien. Einerseits schreit die
Redaktion Zeter und Mordio : wir wollen die Reihen schließen, Internationalisten
des Augustblockes, zum „energischsten Kampf gegen die Tendenzen der Landes-
verteidigung", zum „unversöhnlichen Kampfe" ; und andererseits lesen wir gleich
danach den schwindelhaften Satz : „Die Richtlinie der von der O. K. unterstützten
Dumafraktion stieß" (bisher) „auf keine offene Opposition"!!
309
Aber diese Richtlinie besteht, wie dies den Verfassern selbst wohl bekannt
ist, im Fehlen einer Richtlinie und in der verkappten Verteidigung von „Nasche
Djelo" und „R. Utro" . . .
Man nehme den „radikalsten" und „prinzipiellsten" Aufsatz des Buches,
den von L. Martow. Es genügt, den Satz des Verfassers zu studieren, der den
Hauptgedanken zum Ausdruck bringt, um sich davon zu überzeugen, wie weit
es mit seinen Prinzipien steht. „Es versteht sich von selbst, daß, wenn die
jetzige Krise zu einem Sieg der demokratischen Revolution, zur Republik führen
würde, der Charakter des Krieges sich grundsätzlich verändern würde." Das ist
eine ununterbrochene schreiende Lüge. Martow mußte wissen, daß die demo-
kratische Revolution und die Republik eine bürgerlich demokratische Revolution
und Republik sind. Der Charakter des Krieges zwischen den bürgerlichen und
imperialistischen Großmächten würde sich nicht. um eine Jota ändern, wenn
in einem dieser Länder der militärisch-absolutistisch feudale Imperialismus
rasch hinweggefegt worden wäre, denn dadurch würde der rein bürgerliche
Imperialismus nicht verschwinden, sondern sich nur verstärken. Da erklärte
auch unser Blatt in Nr. 47, These 9, daß die Partei des Proletariats Rußlands in
diesem Kriege nicht einmal das Vaterland der Republikaner und Revolutionäre
verteidigen würde, solange sie Chauvinisten sind, wie Plechanow, die Narodniki,
Kautsky, die Leute aus „Nasche Djelo", Tschcheidse, die O. K. u. a. m.
Martow rettet keineswegs die doppelzüngige Phrase in der Fußnote auf
S. 118, wo er entgegengesetzt seinen Ausführungen auf S. 116 „bezweifelt",
ob eine bürgerliche Demokratie „gegen den internationalen Imperialismus"
kämpfen könne (kann natürlich nicht); „bezweifelt", ob die Bourgeoisie die
Republik vom Jahre 1793 in eine Republik Gambettas und Clemengeaus ver-
wandeln würde. Die grundlegende theoretische Lüge bleibt hier die: im Jahre
1793 führte die fortschrittliche Klasse der bürgerlichen Revolution in Frankreich
Krieg mit den vorrevolutionären Monarchien Europas. Das Rußland des Jahres
1915 führt aber Krieg nicht mit rückständigeren, sondern mit fortgeschritteneren
Ländern, die sich knapp vor der sozialistischen Revolution befinden. Die Rolle
der Jakobiner von 1793 kann also im Kriege 1914/15 nur vom Proletariat gespielt
werden das die siegreiche sozialistische Revolution vollzieht. Folglich könnte das
russische Proletariat im jetzigen Kriege nur dann das „Vaterland" verteidigen
und den „Charakter des Krieges als grundsätzlich verändert" betrachten,
wenn die Revolution namentlich die Partei des Proletariats ans Ruder ge-
bracht hätte und namentlich dieser Partei erlaubt hätte, die ganze Kraft des
revolutionären Elans und des Staatsapparates auf die sofortige und unmittel-
bare Verwirklichung eines Bündnisses mit dem sozialistischen Proletariat
Deutschlands und Europas zu richten.
Martow schließt seinen mit effektvollen Phrasen jonglierenden Artikel
mit dem höchst effektvollen Appell an die „Russische Sozialdemokratie", „gleich
zu Beginn der politischen Krise eine klare revolutionär-internationalistische
Position einzunehmen." Wenn der Leser prüfen will, ob hinter diesen effekt-
vollen Aushängeschildern nicht etwas stinkfaul ist, so stelle er sich die Frage:
310
was heißt überhaupt in der Politik eine Position einnehmen? 1. Eine fertige
Beurteilung des Momentes in der Taktik und eine Reihe von Resolutionen
liefern im Namen der Organisation (sei es auch nur der fünf Sekretäre); 2. die
Kampfparole des Momentes aufgeben; 3. das eine und das andere mit den Ak-
tionen der proletarischen Massen und ihrer klassenbewußten Avantgarde ver-
binden. Nicht nur, daß Martow und Axelrod, die geistigen Führer der „Fünf",
weder das erste noch das zweite noch das dritte geben, aber sie gewähren faktisch
in allen drei Punkten eine Unterstützung der Sozialchauvinisten, deren Bemänte-
lung! In den 16 Kriegsmonaten haben die fünf ausländischen Sekretäre weder
eine „klare", noch überhaupt irgend eine programmatisch taktische Position
eingenommen. Martow pendelt bald nach links, bald nach rechts. Axelrod
schwankt nur nach rechts. Nichts klares, nichts geformtes, nichts organisiertes,
keinerlei Position! „Die kardinale Kampflosung des Momentes", schreibt Martow
von sich aus, „muß für das russische Proletariat die Allrussische Konstituierende
Versammlung zur Liquidierung sowohl des Zarismus wie des Krieges werden".
Diese Losung ist nichts wert, sie ist weder eine Kardinal-, noch eine Kampflosung.
Denn sie enthält nicht den wichtigsten, klassensozialen und politisch bestimmten
Inhalt dieser doppelten „Liquidierung". Das ist eine vulgäre bürgerlich-demo-
kratische Phrase, aber keine Kardinal-, keine Kampf-, keine proletarische Losung.
Im wichtigsten Punkt endlich, in der Frage der Verbundenheit mit den
Massen in Rußland, ergeben Martow und Konsorten nicht nur Null, sondern
Minus. Denn hinter innen steht nichts. Die Wahlen haben erwiesen, daß die
Massen hinter dem Block der Bourgeoisie und des „R. Utro" stehen; aber der
Hinweis auf die O. K. und die Fraktion Tschcheidse ist bloß eine verlogene
Bemäntelung dieses bürgerlichen Blocks.
21. Dezember 1915. JV. Lenin.
Zu Tode gemartert. . .
W. Lomtatidse ist in buchstäblichem Sinne des Wortes von der zaristischen
Regierung zu Tode gemartert worden. Mehr als acht Jahre lang (seit dem Juni
1907) wurde er in Haft gehalten, ohne daß er die Luft der Freiheit selbst noch
vor seinem Tode atmen durfte. Zuerst in der Katorga, in Ketten geschmiedet,
dann in verschiedenen Gefängnissen des russischen Zaren und schließlich im
Gefängnisasyl zu Saratow unter Elend, Entbehrungen, in Einsamkeit erlosch
langsam unser todkranker Genosse. . .
W. Lomtatidse („Chassan") war ein Revolutionär, der der Sache der
Befreiung unseres Landes tief ergeben war. Dafür hat ihn Nikolaus der Blutige,
der jetzt einen „gerechten" Krieg führt, durch langsame Folter zu Tode gemartert.
Die russischen Arbeiter werden das einsame Grab des ehrlichen Revo-
lutionärs W. Lomtatidse nicht vergessen, der sein Leben hingegeben hat im
Dienste für die Sache der Freiheit. . .
21. Dezember 1915. C. S.
311
Hineingerutscht in Legalität!
Die Partei der russischen Sozialchauvinisten ist in die Legalitat hinein-
gerutscht. Die Liquidatoren haben sich endgültig als Chwostowsche Arbeiter-
partei formiert. Das ist der politische Sinn der letzten Ereignisse in der
Arbeiterbewegung unseres Landes.
Seit 1910, seit den ersten Jahren der Konterrevolution zieht sich dieser
Prozeß hin. Der Grundstock des Menschewismus entwickelt sich glücklich
bis zum Liquidatorentum. Die Liquidatorenpartei wird in Wirklichkeit zur
Stolypinschen Arbeiterpartei. Im Jahre 1912 war das Liquidatorentum derart
„reif" geworden, daß die Januarkonferenz die Liquidatoren aus der Partei
ausschließen mußte — und wie jetzt jedermann einsieht, mit vollem Recht.
Und wenn es den Liquidatoren bis 1915 nicht gelingen will, sich endgültig zu
legalisieren und endgültig in das Regime einer anerkannten Partei hineinzu-
rutschen, so ist es nur deshalb der Fall, weil die verblödete und stumpfsinnige
Reaktion nicht einmal diesen liberalen Arbeiterpolitikern entgegenkommen will.
Jetzt ist das Bild verändert. Koch niemals bedurfte die Zarenmonarchie
so sehr der Unterstützung von Seiten auch nur eines kleinen Teiles der Arbeiter,
wie jetzt im europäischen Kriege. Die bittere Notwendigkeit macht sie ge-
fügiger. In der Not frißt der Teufel Fliegen. . . Und so sehr auch die Reprä-
sentanten der Schwarze-Hundert-Monarchie toben mögen — alle diese Chwostow^
Stürmer, Rasputin und Konsorten — , sie können jetzt ein Bündnis mit der
liberalen Arbeiterpartei nicht ohne weiteres von der Hand weisen.
Andererseits aber sanken auch die Liquidatoren noch niemals so tief
wie jetzt, sie erreichten noch niemals einen solchen Grad von politischer Minder-
wertigkeit, Liebedienerei und Pöbelhaftigkeit, wie jetzt, wo das Liquidatorentum
sich zum Sozialpatriotismus entwickelt hat, wo vor aller Welt sich die schmähliche,
schmutzige Denunziantenpolitik der Chwostow abspielt. Und daher waren
die Liquidatoren noch niemals so erwünschte Bundesgenossen für die Zaren-
monarchie, wie in unseren Tagen.
Die Geschichte wollte es, daß die endgültige Formierung der Stolypinschen
(oder Chwostowschen) Arbeiterpartei in Rußland gerade im Moment des Krieges
stattfinde, wo der Kriegszustand und die Militärzensur herrschen, wo die Arbeiter-
klasse an Händen und Füßen gebunden ist, wo die Reaktion mit noch nie dage-
wesener Vehemenz rast. Und das ist kein Zufall. Die Kriegskrise hat in ganz
Europa mit ungewöhnlicher Anschaulichkeit dasselbe Büd gezeigt. Noch
niemals war es so augensichtlich, so greifbar klar, daß die Revisionisten, die
Opportunisten, die Sozialpatrioten sowohl in Deutschland, wie in Frankreich,
wie in England einfach Agenten der Bourgeoisie und der Regierung darstellen.
In allen kriegführenden Ländern ist die Lage genau dieselbe. Ja sogar in
Amerika, sogar in Australien nehmen wir dieselbe Erscheinung wahr: sämtliche
Opportunisten sind als direkte Verräter an der Arbeitersache, als direkte Werk-
zeuge der chauvinistischen Bourgeoisie aufgetreten, überall und allerorts hat
sich die Arbeiterbewegung in zwei Lager geteüt: Sozialpatrioten, die sieb
312
endgültig zur Bourgeoisie geschlagen haben, und revolutionäre Sozialisten, die
gezwungen sind, gegen die Sozialchauvinisten genau so zu kämpfen, wie gegen
die Bourgeoisie.
Wir sehen in den letzten Monaten, wie in Rußland der Sozialchauvinismus
sich konsolidiert, organisiert und immer offener, immer frecher auftritt. Man
kann nicht leugnen, daß er auch in Rußland eine gewisse Macht gewinnt. Das
läßt sich sehr einfach erklären. Die Liquidatoren allein wären in der Arbeiter-
bewegung machtlos. Die reaktionäre Regierung allein wäre mit ihrer Propaganda
unter den Arbeitern ebenfalls ohnmächtig. Aber als das Liquidatorentum sich
in dieser oder jener Form mit der zaristischen Regierung vereinigt hat; als der
Chwostow den Sozialchauvinisten die Hand reichte; als der Pakt der
Opportunisten mit der Regierung zur Tatsache wurde und die Unterstützung
dieses Paktes von seiten der liberalen Bourgeoisie noch nie dagewesene Dimen-
sionen angenommen hat; — da gewann dieser Pakt natürlicherweise eine gewisse
Bedeutung auch in der Arbeiterbewegung Rußlands, da vermochte er vorüber-
gehend die rückständigen Schichten der Arbeiter mit fortzureißen.
Daß dem so ist, hat das Bild der Wahlen für die Kriegsindustrie-Ausschüsse
in Petersburg und Moskau anschaulich gezeigt. Hier einige Ziffern über die
Moskauer Wahlen: In der Schraderfabrik sind 1105 Arbeiter beschäftigt, der
Wähler erhielt 59 Stimmen; bei Girod arbeiten 3268 Arbeiter, 198 Stimmen
wurden abgegeben; im Moskauer Metall werk sind 3048 Arbeiter, abgegebene
Stimmen 102/128; bei Postawstschik — 8557 Arbeiter, abgegebene Stimmen —
120/295; Dynamo — 1500 Arbeiter, 74 abgegebene Stimmen, usw. In Petersburg
hat die genaue Stimmenzählung unwiderlegbar bewiesen, daß die Majorität
hinter den Internationalisten steht. Sowohl in Moskau wie in Petersburg
leistete sogar im jetzigen schweren Augenblick nur die Minorität der Arbeiter
den „Landesverteidigern" Gefolgschaft. Und dennoch haben sie „gesiegt".
Warum ? Darum, weil sie von der gesamten Bourgeoisie und der gesamten
zaristischen Regierung unterstützt worden sind. Darum, v/eil unsere Presse
unterdrückt ist, während ihre Presse das Monopol der Legalität besitzt.
Darum, weil unsere Partei mit Feuer und Schwert verfolgt wird, sie aber
Feste feiern. Darum, weil die Ideen der „Vaterlandsverteidigung" jetzt von
der ganzen Regierungs-, der ganzen bürgerlichen und der ganzen Liquidatoren-
presse verbreitet werden und den Arbeitern dieses „patriotische" Opium in
Gestalt von sozialdemokratischen Ideen kredenzt wird.
Man stelle sich einen Augenblick lang vor, daß zu den Zeiten Subatows*)
der ganze rechte Flügel der Sozialdemokratie sich der Regierung angeschlossen
hätte, man stelle sich vor, daß zu den Namen Subatow sich solche Namen
gesellten, wie Plechanow, Potressow, Vera Sassulitsch, Prokopowitsch, Maßlow,
Tscherewanin, Axelrod. Kuskowa und andere. Natürlich wäre es der zaristischen
*) Urheber der provokatorischen Methoden im Kampfe gegen die Arbeiterbewegung.
Die Subatow-Politik ging soweit, daß die Regierung selbst Gewerkschaftsverbände gründete;
aber bald wandte sich die Gewerkschaftsbewegung gegen die Regierung. Anm. d. Übers.
313
Regierung auch dann bedeutend leichter geworden, einen Teil der Arbeiter
wenigstens für die erste Zeit irre zu führen. Und gerade ein solches Bild nehmen
wir jetzt wahr. Das Verhalten der offiziellen sozialpatriotischen Parteien West-
europas und der Zusammenbruch der II. Internationale erleichtern den russischen
Liquidatoren ihr schmutziges Geschäft des Verrates am Sozialismus außer-
ordentlich.
In der Budgetkommission der zweiten Duma erklärte der Schwarze-
Hundert-Minister Chwostow direkt, daß, obwohl die Regierung wohl wisse, daß
die Arbeiter, die an den Kriegsindustrie-Ausschüssen teilnehmen, in Opposition
zu ihr stehen, sie dennoch sich ihnen gegenüber ganz anders verhalte, als zu
den „defaitistischen" Arbeitern. Die Regierung erlaubt ihnen offen, ihre Gruppen
zu organisieren, Agitationsreisen in der Provinz zu unternehmen usw. Noch
mehr, sie war nicht abgeneigt, ihnen einen Arbeiter-Reichskongreß zu gestatten.
In Frankreich fanden in den siebziger Jahren in Zusammenhang auch mit
dem wachsenden Nationalismus unter den französischen Arbeitern Arbeiter-
kongresse statt, auf denen ein Teil des französischen Proletariats offen auf den
Sozialismus verzichtete. Solche Arbeiterkongresse schweben jetzt der Phantasie
der Chwostows vor. Und es unterliegt keinem Zweifel, daß, wenn die Sache
allein von den Liquidatoren abhinge, wenn unter den Arbeitermassen Rußlands
nicht revolutionäre Traditionen lebendig wären, wenn nicht unter den vor-
geschrittenen Arbeitern der Haß und die Verachtung gegenüber den Chwostow-
Wolfen im „sozialistischen" Fell wach wären, die Hoffnungen der Schwarze-
Hundert-Regierung nicht unbegründet wären.
Es bedurfte 1% Jahre Krieg und einer Reihe grimmiger müitärischer
Niederlagen, bis die Schwarze-Hundert-Regierung den liberalen Arbeiter-
politikern Rußlands entgegengekommen ist. Auch jetzt sind noch Schwankungen
und Kursveränderungen möglich. Auch jetzt hat Chwostow ihnen noch nicht
die Zügel abgetreten. Aber der Prozeß ist deutlich skizziert. Ob eine offizielle
und offene Legalisierung der Liquidatorenpartei stattfinden wird, ist unwichtig.
Die Kadettenpartei ist bisher offiziell ebenfalls nicht legalisiert. Doch es ist
Tatsache, daß im Kriege die Liquidatoren in die Legalität hineingerutscht sind,
genau so wie die Kadetten vorher in sie hineingerutscht waren. „Nasche Djelo",
das Sammelbuch „Selbstschutz", „Nasch Golos", „Rab. Utro", — das sind die
legalen Organe der Chwostowschen Arbeiterpartei heute. Morgen kann es ihrer
mehr geben. Die Gruppen in den Kriegsindustrie-Ausschüssen sind die Stütz-
punkte dieser Partei. Morgen können ihrer weniger sein; ein Teil der Arbeiter
wird sicherlich den Schwindel durchschauen. Diese Stützpunkte können auch
eine andere Form annehmen, aber sie werden sowohl im Lande, wie in der Duma
bleiben. Gegenüber der Fraktion Tschcheidse verhält sich die Bourgeoisie und
die Regierung deshalb wohlwollend, weil diese Fraktion ihrerseits die Chwostow-
sche Arbeiterpartei mit Wohlwollen behandelt.
Die Moskauer Sozialpatrioten erklärten offen : Wir treten in die zaristischen
Ausschüsse ein, weil wir für die „Vaterlandsverteidigung" in diesem Kriege
sind. Den Diplomaten des Liquidatorentums mißfiel diese offene Erklärung.
.314
Ihnen gefällt die Erklärung der Petersburger Sozialpatrioten besser, die in der
Wahlmännerversammlung dasselbe sagten, aber in der Erklärung sich hinter
dem Satze verschanzten: Wir lassen die Frage der „Landesverteidigung" offen,
wir treten in die Ausschüsse ein, bloß zum Zweck der Organisierung unserer
Kräfte und deren Ausnützung."
Das ist ein doppelter Schwindel. Südekum und Legien ließen zu Beginn
des Krieges ebenfalls durchblicken, daß sie nur im Interesse der „Organisation",
zwecks Erhaltung der Arbeiterzeitungen, der Parteikassen usw. dem Kaiser
entgegenkommen. Als Millerand und Briand ins bürgerliche Ministerium ein-
traten, sagten sie auch nicht, daß sie sich der Bourgeoisie verkauft hatten,
sondern versicherten, daß sie ins Ministerium eintreten, um für die Arbeiter-
interessen zu kämpfen. Das Gerede, daß die Liquidatoren in die Kriegsaus-
schüsse eintreten, um sie „auszunutzen", ist ein niederträchtiger Betrug der
Arbeiter. Es ist ja sonnenklar, daß die Zarenausschüsse in Wirklichkeit die
Arbeiter ausnutzen werden, und nicht umgekehrt. Die „Ausnutzung" hat ihre
Grenzen. Man kann nicht in die Ochrana eintreten, um sie „auszunutzen" . . .
Die Arbeiter brauchen die Organisation, sie ist ihnen teuer. Aber die Organi-
sation ist zum Kampfe gegen den Imperialismus da und nicht zur Unterstützung
der Imperialisten, nicht zur Liebedienerei bei der Zarenbande . . .
Wer hat Chwostow und Gutschkow jene Arbeitergruppen geliefert, über
die sie jetzt verfügen? Nicht Plechanow, niclit die Prisyw-Leute. Plechanow
hat natürlich durch sein offenes Renegatentum die „Geburtswehen" der Chwostow-
sclien Arbeiterpartei erleichtert. Gewiß, aber Organisationen hatte er und seine
Anhänger in Rußland niemals. Diese Organisationen bekamen auch Chwostow
und Gutschkow vom Augustblock, von den O.-K.-Leuten, von „Nascha Sarja",
von der Gruppe der alten Legalisten und der durch sie korrumpierten Arbeiter,
unter den Auspizien der Fraktion Tschcheidse.
Der August-Block mit „Nascha Sarja" an der Spitze, das ist der Kern der
Chwostowschen Arbeiterpartei. Im Hintergrund dieser Partei trottet die „linke"
Gruppe (mit Martow), die an Zimmerwald teilnimmt, „internationalistische"
Phrasen drischt usw. Auf den ersten Blick ist das eine für die Chwostowpartei
ungewöhnliche Erscheinung. Aber darin steckt System. Ma,rtow und Kon-
sorten spielen dieselbe Rolle gegenüber dem offenen „Vaterlandsverteidiger",
wie der „oppositionelle" Longuet gegenüber dem amtlichen Patrioten Renaudel,
wie der „Friedensanhänger" Huysmans gegenüber dem „Durchhalter" Vander-
velde. Objektiv genommen ist das einfach eine Arbeitsteilung zum Zweck
einer erfolgreicheren Irreführung der Arbeiter. Es ist ein Blitzableiter gegen
die wahre Arbeiteropposition.
Ein offenherziger — und nicht dummer — Sozialpatriot, der aus Rußland
eintraf (s. Interview in „Nasche Slowo", Nr. 417) sagt:
„Nein, mit Ihnen machen wir nicht mit, aber mit Axelrod, Martow usw.,
das ist etwas anderes . . . Manchmal ist es nicht übel, sie (die offiziellen Organe
des August-Blockes) hinter sich zu haben . . Für sie sind wir bereit, gewisse
315
Zugeständnisse zu machen . . . Wir haben nichts gegen Zimmerwald usw. Wir
wollen mit ihnen nicht brechen — im Namen der Zukunft."
Auch unsere russischen Longuets wollen mit den Sozialpatrioten nicht
brechen. Die „Mission" Axelrods und Martows besteht darin, irgendwie im
Kriege durchzuhalten und dann im Namen der „Einigkeit" und auf Grund dessen,
daß der Krieg beendet und die brennenden Fragen von der Tagesordnung ver-
schwunden sein werden, wieder ruhig mit den Verrätern am Sozialismus, mit
den jetzigen „Augustisten" (oder richtiger : Ohtobristen) zusammen zu marschieren.
Deshalb lesen wir in Nr. 3 der „Iswestija", wie Martow, gleichsam seine „linken"
Freunde verhöhnend, ihnen rät, mit „Nascha Sarja" nicht zu brechen und . . .
den Kongreß und die Konferenz des Augustblockes nicht abzuwarten. Das
heißt mit anderen Worten, den wirklichen Kampf mit den Chwostowisten aus
„Nascha Sarja" ad calendas graecas (auf nimmerdar) verschieben.
Die Schraubenwindungen der einzelnen Gruppen, die kleinlichen Tricks
der einzelnen Führer haben eine ganz untergeordnete Bedeutung. Die grund-
sätzliche Tatsache, die der ganzen nächsten Geschichte unserer Arbeiterbewegung
ihre Färbung verleihen wird, besteht darin, daß die Liquidatoren in die Legalität
hineingerutscht und zu einer ChwostowscJien Arbeiterpartei geworden sind. Je mehr
es ihnen gelingen wird, einen Teil der Arbeiter jetzt irre zu führen, umso ent-
schlossener wird der Kampf gegen sie sein, umso größer wird der Haß und die
Verachtung in den Arbeitermassen ihnen gegenüber sein, wenn diesen Arbeitern
in der nächsten Zeit die Augen aufgehen werden.
Zwei Parteien haben sich endgültig in Rußland gebüdet. Zwischen unserer
Partei und der der liberalen Arbeiterpolitiker liegt ein Abgrund. Der Kampf
gegen diejenigen, die in Legalität hineingerutscht sind, muß genau so unver-
söhnlich geführt werden, wie gegen die Schwarzen Hundert und die Bourgeoisie —
das ist die Parole unserer Partei.
18. Februar 1916. _ _.
G. Sinowjew.
Haben die O.-K. und die Fraktion Tschcheidse eine eigene Richtung?
In ihrem Sammelbuch und noch bestimmter in ihrem Bericht an die
Internationale Kommission, der am 27. XI. 1915 in deutscher Sprache er-
schienen ist, versuchen die O.-K.-Anhänger dem Publikum weiß zu machen,
daß die Fraktion Tschcheidse eine eigene Richtung habe, die durchaus inter-
nationalistisch und von der Richtung des „Nasche Djelo" verschieden sei.
Diese Behauptungen stellen eine blanke Lüge dar. Erstens sahen wir seit der
Entstehung der O.-K. (im August 1912) durch viele Jahre hindurch die völlige
politische Solidarität in allen Grundfragen und die engste politische Zusammen-
arbeit der Fraktion Tschcheidse und der O.-K. mit der Gruppe „Nascha Sarja",
wobei nur diese Gruppe eine systematische Arbeit (Tageszeitungen der Li-
quidatoren) in den Massen führte. Das Vorhandensein von wesentlichen
316
Meinungsverschiedenheiten unter so nahen „Freunden" muß nicht mit Worten,
sondern mit ernsten Tatsachen bewiesen werden. Es gibt keine einzige solche
Tatsache. Zweitens spielte während einer Reihe von Jahren 1912/1914 die
Fraktion Tschcheidse die Rolle von Schachfiguren der „Nascha Sarja", sie
verfocht systematisch ihre Politik, was ja den Arbeitern Petersburgs und
anderer Orte wohlbekannt ist, und übte kein einzigesmal irgend einen Einfluß
auf die veränderte Politik von „Nascha Sarja", „Lutsch" usw. aus.
In der Politik, die die Massen betraf, z. B. in der Bekämpfung des „Streik-
fiebers", in den Wahlen der Gewerkschaftsführer und der Leiter der Ver-
sicherungsgesellschaften trat die Gruppe „N. Sarja" und nur sie allein selb-
ständig auf, die O.-K. und die Fraktion Tschcheidse leisteten ihr nur Helfers-
dienste und dienten ihr treu und heilig. Drittens gibt es in diesen 1% Jahren
Krieg keine einzige Tatsache, die eine Änderung dieses durch Jahr und Tag
gefestigten Verhältnisses zwischen der Fraktion Tschcheidse und der O.-K.
zvb „Nascha Sarja" bekundete. Im Gegenteil, es liegen gegensätzliche Tat-
sachen vor, sogar solche, die publiziert werden können (die meisten dieser
Tatsachen können nicht publiziert werden). Tatsache ist, daß weder von Seiten
der O.-K. noch von Seiten der Fraktion Tschcheidse ein einzigesmal gegen
die Politik von „N. Djelo" vorgegangen wurde, aber damit eine Änderung in
ihrer Politik erreicht werde, hätte es eines langwierigen und siegreichen Kampfes
bedurft, denn „Nasche Djelo" ist eine politische Größe, die von liberalen Kon-
nexionen getragen wird, während die O.-K. und die Fraktion Tschcheidse
eine politische Staffage sind. Tatsache ist, daß die Zeitungen „Utro", und
„R. Utro". die ganz und gar die Politik des „N. Djelo" verfolgen, sogar äußerlich
ihre politische Nähe an die Fraktion Tschcheidse hervorheben und im Namen
des ganzen August-Blockes sprechen. Tatsache ist, daß die Fraktion Tschcheidse
Geldsammlungen für „Rab. Utro" veranstaltet und daß die ganze Fraktion
Tschcheidse in der sozialchauvinistischen Zeitung von Samara „Nasch Golos"
mitzuarbeiten begonnen hat. Tatsache ist, daß ein sehr angesehenes Mitglied
der Fraktion Tschcheidse, nämlich Tschchenkeli in der Presse, in der Zeitschrift
der „Landesverteidiger" oder Sozialchauvinisten „Sowr. Mir", in der Zeitschrift
der Herrn Plechanow und Alexinski sich hervorgetan hat mit prinzipiellen
Auseinandersetzungen durchaus im Geiste von Plechanow, „Nasche Djelo",
Kautsky und Axelrod. Wir haben schon längst die Erklärung Tschchenkelis
zitiert, aber weder die O.-K. in ihrem Sammelbuch, noch Trotzki in seinem
„Nasche Slowo" bekannten sich zu dieser Erklärung, obwohl sie die Fraktion
Tschcheidse zu verteidigen und zu reklamieren suchen. Viertens beweisen
die direkten Kundgebungen im Namen der ganzen Fraktion Tschcheidse und
der ganzen O.-K. nur unsere Behauptungen. Nehmen wir die wichtigste Kund-
gebung, die im Sammelbuch der O.-K. abgedruckt ist; die Erklärung von
Tschcheidse und Konsorten und die der O.-K. Der Standpunkt dieser beiden
Dokumente ist der gleiche, die Stellungnahme dieselbe. Da die O.-K. die höchste
leitende Instanz des „August-Blockes" gegen unsere Partei ist, und da die O.-K.
eine illegale Proklamation herausgegeben hat, d. h. freier und direkter sprechen
317
konnte als Tschcheidse in der Duma, so wollen wir namentlich diese Proklamation
betrachten.
Es ist übrigens interessant, daß in der deutschen sozialdemokratischen
Presse, in der Berner sozialdemokratischen Zeitung über diese Proklamatnn
gestritten wurde. Der Berner Mitarbeiter bezeichnete sie als „patriotisch".
Das Ausländische Sekretariat der O.-K. war empört, veröffentlichte eine
Erwiderung und erklärte, daß auch „wir, das Ausländische Sekretariat, an
einem solchen Patriotismus leiden", appellierte gewissermaßen als Richter an
die Redaktion der Zeitung und stellte ihr die vollständige deutsche Übersetzung
der Proklamation zu. Wir bemerken unsererseits, daß die Redaktion dieses
Blattes zu der O.-K. sich durchaus sympathisierend verhält und sie fördert.
Was hat nun diese Redaktion erklärt ?
„Wir haben von der Proklamation der O.-K. Kenntnis genommen",
schreibt die Redaktion (Nr. 250), „und müssen gestehen, daß ihr Text un-
zweifelhaft dazu angetan ist, Mißverständnisse hervorzurufen und dem Ganzen
einen Sinn beizulegen, der den Verfassern der Proklamation fern war".
Warum haben die O.-K.-Leute in ihrem Sammelbuch diese Äußerung
der Redaktion nicht veröffentlicht, die sie selber als Richterin anrufen ? Darum,
weil es ein Urteil von Freunden der O.-K. ist, die sich weigerten, öffentlich die
O.-K. zu verteidigen! Das Urteil ist mit gesucht diplomatischer Höflichkeit
abgefaßt, die besonders den Wunsch der Redaktion hervorhebt, Axelrod und
Martow eine „Annehmlichkeit" zu sagen. Aber die größte „Annehmlichkeit"
war also: „vielleicht" {nur „vielleicht"!). Die O.-K. hätte nicht das gesagt,
was sie sagen wollte; aber, das was sie gesagt hat, könne unzweifelhaft
Mißverständnisse erzeugen!!
Wir fordern unsere Leser inständigst auf, die Proklamation der O.-K.,
die auch im Blatt des Bundes abgedruckt ist, kennen zu lernen. Jedem auf-
merksamen Leser wird die einfache und klare Tatsache aufgehen: 1. Die Pro-
klamation enthält kein einziges Wort, das jede Landesverteidigung in diesem
Kriege prinzipiell ablehnt. 2. In der Proklamation steht nichts, absolut nichts,
was für Sozialchauvinisten unannehmbar wäre. 3. Eine ganze Reihe von
Aussprüchen der Proklamation sind mit „Landesverteidigung" durchaus identisch,
so: „das Proletariat kann sich zu dem kommenden Debakel nicht gleichgültig
verhalten" (fast buchstäblich dasselbe steht in Nr. 2 des „Rab. Utro": „Das
Interesse an der Rettung des Landes vor dem Debakel"); „das Proletariat ist
an der Selbsterhaltung des Landes tief interessiert"; eine „Volksrevolution"
müsse das Land „vor dem äußeren Zusammenbruch" re ";en usw. Einer, der
dem Sozialchauvinismus wirklich feindlich gegenüber stünde, müßte anstatt
solcher Aussprüche sagen: die Gutsbesitzer, der Zar und die Bourgeoisie lügen,
wenn sie die Erhaltung der Unterdrückung Polens durch die Großrussen,
diese gewaltsame Erhaltimg als Selbsterhaltung des Landes bezeichnen;
sie lügen, wenn sie mit Phrasen über die Rettung des „Landes" vor dem Zu-
sammenbruch die Bestrebungen bemänteln, ihre Großmachtprivilegien zu
„retten", und so das Proletariat vom Kampfe gegen die internationale Bourgeoisie
318
ablenken. Gleichzeitig die internationale Solidarität des Proletariats der krieg
führenden Länder im räuberischen, imperialistischen Kriege anerkennen und
Phrasen über die Rettung „vor dem Debakel" des einen dieser Länder zulassen,
heißt heucheln, heißt alle diese Erklärungen zu einem hohlen, verlogenen Wort-
geklingel machen. Denn das heißt, die Taktik des Proletariats in Abhängigkeit
bringen von der militärischen Lage des betreffenden Landes im betreffenden
Moment, und wenn dem so ist, so haben auch die französischen Sozial-
chauvinisten recht, die Österreich oder Frankreich „vor dem Debakel" zu
retten helfen.
Das Ausländische Sekretariat der O.-K. stellte in der deutschen sozial-
demokratischen Presse (im Berner Blatt) noch einen Sophismus auf, der so
schamlos, so plump, so sehr „abgerichtet" ist, um speziell die Deutschen zu
fangen, daß die O.-K.-Männer so vernünftig waren, diesen Sophismus dem
russischen Publikum vorzuenthalten.
„Wenn das Patriotismus ist", schreiben sie vor den Deutschen im Ton
edler Empörung, „wenn man dem Proletariat die Revolution empfiehlt, als das
einzige Mittel zur Rettung des Landes vor dem Untergange, so sind auch wir
solche Patrioten. Wir wünschten nur, die Internationale hätte mehr solche
„Patrioten" in der sozialistischen Partei. Wir drücken unsere Überzeugung
aus, daß Liebknecht, Rosa Luxemburg, Merrheim sehr gerne um sich mehr
solche „Patrioten" sehen würden, die an die deutschen und französischen
Arbeiter solche Proklamationen richteten."
Das Schwindelmanöver ist klar: die fünf Sekretäre wissen wohl, daß in
Frankreich und in Deutschland, den Ländern, die der sozialistischen Revolution
entgegen gehen, nicht die Spur eines bürgerlichen revolutionären Geistes, nicht
die Spur einer bürgerlichen Gesellschaftsbewegung vorhanden ist, die die
Revolution im Namen des Sieges über den Feind anstrebte. Aber in Ruß-
land ist gerade deshalb, weil es einer bürgerlich demokratischen Revolution
entgegengeht, eine solche Bewegung entschieden da. Die fünf Sekretäre
beschwindeln die Deutschen mit dem lächerlichsten Sophismus: die O.-K.
und Tschcheidse u. Co. könnten nicht revolutionäre Chauvinisten in Rußland
sein, denn in Europa sei die Verbindung vom revolutionären Geist und Chau-
vinismus ein Nonsens!
Ja, in Europa ist es ein Nonsens. Aber in Rußland eine Tatsache. Ihr
könnt den Mitarbeitern des „Prisyw" vorwerfen, daß sie schlechte bürgerliche
Revolutionäre sind, aber Ihr könnt nicht leugnen, daß bei ihnen sich auf ihre
Art Chauvinismus mit revolutionärem Geist paart. Die Juli-Konferenz der
Narodniki in Rußland, „Nasche Djelo" und „Rabotscheje Utro" stehen in
dieser Hinsicht ganz und gar auf dem Standpunkt des „Prisyw", sie verbinden
bestenfalls Chauvinismus mit revolutionärem Geist.
Die Fraktion Tschcheidse und ihre Deklarationen haben dieselbe Position
eingenommen. Bei Tschcheidse finden wir dieselben chauvinistischen Phrasen
über die „Gefahr des Zusammenbruches", und wenn er den imperialistischen
319
Charakter des Krieges zugibt, den „Frieden ohne Annexionen", „die gemeinsamen
Aufgaben des ganzen internationalen Proletariats", „den Kampf um den Frieden"
usw. usw. anerkennt, so erkennt es ja auch „R. Utro" an, erkennen es ja auch
die russischen Narodniki, also die Kleinbürger an. Im Sammelbuch der O.-K.,
auf Seite 146 kann man lesen, daß die kleinbürgerliche Narodniki sowohl den
imperialistischen Charakter des Krieges, wie den „Frieden ohne Annexionen"
und die Pflicht der Sozialisten „zur möglichst baldigen Wiederherstellung der
internationalen Solidarität der sozialistischen Organisationen zwecks Friedens-
schluß" usw. anerkannten. Bei den Narodniki — diesen Kleinbürgern — dienen
alle diese Phrasen zur Bemäntelung der Losung der „nationalen Verteidigung",
die sie direkt aufstellten, doch bei Tschcheidse und der O.-K. sowie bei „Rab.
Utro" wird dieselbe Losung als „Rettung des Landes vor dem Zusammenbruch"
bezeichnet ! !
Im Resultat bekommt man, daß sowohl Tschcheidse wie die O.-K. einen
Haufen von revolutionären Phrasen von sich gaben, die rein zu nichts ver-
pflichten und die sachliche Politik der Leute aus dem „Prisyw" und „Nasche
Djelo" ungeschoren lassen, aber diese Politik verschwiegen haben. Die Beteiligung
an den Kriegsindustrie- Ausschüssen wird von ihnen in dieser oder jener Form
unterstützt.
Weniger Phrasen über Revolution, Ihr Herren, mehr Klarheit, Geradheit
und Ehrlichkeit in der sachlichen Tagespolitik. Ihr versprecht, Revolutionäre
zu sein, aber helft jetzt den Chauvinisten, der Bourgeoisie, dem Zarismus, indem
Ihr entweder die Beteiligung der Arbeiter an den Kriegsindustrie-Ausschüssen
gutheißt, oder stillschweigend die Beteiliger deckt und sie schont.
Martow mag anstellen, was er will. Trotzki mag gegen unsere „Frak-
tionalität" zetern und mit diesem Gezeter die Tatsache bemänteln (das alte
Rezept des Turgenewschen . . . Phraseurs!), daß der und der aus der Fraktion
Tschcheidse mit Trotzki „einverstanden" sei und auf Linksorientierung, Inter-
nationalismus usw. schwöre. Tatsachen bleiben Tatsachen. Es gibt keine Spur
ernsthafter politischer Meinungsverschiedenheit nicht nur zwischen der O.-K.
und der Fraktion Tschcheidse, sondern auch zwischen diesen beiden Institutionen
und dem „Rab. Utro" oder „Prisyw".
Deshalb marschieren sie tatsächlich alle zusammen, gegen unsere Partei,
für die bürgerliche Politik der Beteiligung der Arbeiter an den Kriegsindustrie-
Ausschüssen, gemeinsam mit den parteilosen Arbeitern und den Narodniki.
Aber die Ausreden und die Beteuerungen der „Ausländischen Sekretäre", daß
sie „nicht einverstanden" seien, bleiben leere Phrasen, von denen die tatsächliche
Politik der Massen ebenso unberührt bleibt, wie die Beteuerungen der Südekum,
Legien und David, daß sie „für den Frieden" und „gegen den Krieg" seien,
sie nicht vom Chauvinismus reinwaschen.
19. Februar 1916.
N. Lenin.
320
Weiteres über den Bärgerkrieg.
„Ich entsinne mich keines Beispiels in der Geschwhte, daß eine Kriegs-
erklärung mit einer Insurr elüion im eigenen Lande beantwortet worden wäre/' Das
schreibt der bekannte Theoretiker der II. Internationale, K. Kautsky. („Neue Zeit" ,
1916, Nr. 18, S. 567.) Das schreibt Kautsky nicht etwa zu Beginn des Krieges,
sondern 18 Monate nach diesem Beginn. Das schreibt Kautsky schon im Moment,
wo er als Prediger der „Disziplin" in bezug auf die Beschlüsse der Scheidemänner
and Südekums auftritt; das schreibt Kautsky im Moment, wo er anfängt, wieder
den Mantel nach dem Winde, nach links, zu hängen, da er als Anwalt der Gruppe
der zwanzig Abgeordneten auftritt, die mit halbpatriotischer Motivierung gegen
die Kredite stimmten.
Für uns liegt der Kern des Kautskyanertums wie auf der flachen Hand,
zerfressen vom wurmstichigen „historischen" Fatalismus, bedeckt mit dem
Schimmel des tötenden Opportunismus. Er „kann sich keines Falles in der Ge-
schichte besinnen", dieser Theoretiker der II. Internationale! Und auf Grund
dessen leugnet er die Möglichkeit revolutionärer Aktionen gegen die imperia-
listischen Kriege 1914/16!! Ist das nicht die Grenze „historischer" Philister-
haftigkeit ?
Aber vielleicht wird sich Kautsky „eines Beispiels in der Geschichte ent-
sinnen", da einer kleinen regierenden Minorität eine Zehnmillionenmasse organi-
sierter Arbeite. Sozialisten gegenüber gestanden hatte — wie es vor dem Zerfall
der II. Internationale war? Vielleicht wird sich Kautsky „eines Beispiels in
der Geschichte entsinnen", da eine Handvoll imperialistischer Räuber sich ent-
blödete, einen Krieg anzuzetteln, der den Interessen von hundert Millionen
Menschen dermaßen feindlich, dermaßen blutig wäre, dermaßen reaktionär,
dermaßen unverschämt sklavenhalterisch, dermaßen schwanger mit unsagbaren
Leiden und Schmerzen für die breitesten Massen der Bevölkerung ? Vielleicht
wird sich Kautsky „eines Beispiels in der Geschichte entsinnen", da der Welt-
krieg entfacht wäre, während die materiellen Voraussetzungen für eine sozia-
listische Umwälzung in den Produktiwerhältnissen der größten Länder Buropas
und der Vereinigten Staaten von Amerika herangereift waren ?
Er könne sich „keines Beispiels in der Geschichte entsinnen"! Aber dann
könnte Kautsky selbst die Möglichkeit der Verwirklichung des Sozialismus
als Hirngespinst betrachten. In der Tat. Wo hatten wir bisher „ein Beispiel
in der Geschichte", daß der Sozialismus bereits verwirklicht worden wäre ? . . .
Kautskys Ausspruch führt uns sofort in das Wesen des Streites über die
Losung des „Bürgerkrieges" ein, d. h. über die Möglichkeit von revolutionären
Aktionen gegen den imperialistischen Krieg, in Verbindung mit den Kriegen,
im Verlauf des Krieges selbst.
Um sich vor den Sozialchauvinisten zu rechtfertigen, schreibt Kautsky
in demselben Aufsatz: „daß der ausbrechende Krieg die Revolution bringen
werde, habe ich ebensowenig wie Bebel erwartet, und wir beide waren stets
bestrebt, von unserer Partei jede Verpflichtung auf revolutionäres Tun beim
21 321
Kriegsausbruch fern zu halten, weil wir der Überzeugung waren, eine solche
Verpflichtung könne doch nicht innegehalten werden" (ebenda, S. 567). Mit
diesen Worten sagt Kautsky einfach eine . . . Unwahrheit. In seiner Broschüre
„Der Weg zur Macht" (1908), diesem Schwanengesang Kautskys als revolutio-
närem Marxisten, brachte er die Revolution in direkte Verbindung mit dem Kriege
und sprach direkt von dieser Epoche der Kriege und Revolutionen. Unwahr ist
auch, daß Bebel und die deutsche Sozialdemokratie die Verpflichtung auf
revolutionäres Tun bei einem Kriegsausbruch abgelehnt hätten. Die deutsche
Sozialdemokratie Übernahm diese Verpflichtung sowohl in Stuttgart (1907), wie
in Kopenhagen (1910) und in Basel (1912). Sie übernahm diese Verpflichtung
auf den eigenen Parteitagen: in Mainz (1900), in Essen (1907), in Jena (1911),
in Chemnitz (1912). Sie erkannte es als unzweckmäßig, auf eine der Formen des
revolutionären Kampfes, den Militärstreik, zu schwören. Aber sie begründete
es gerade damit, daß sie vielleicht über den Streik hinausgehen und mit allen
Mitteln, bis zum Aufstand, kämpfen würde. So begründete stets die deutsche
sozialdemokratische Majorität, die als revolutionär gelten wollte, ihr Verhalten.
Plechanow, der noch auf dem Züricher Kongreß 1893 sich als eifriger Ver-
fechter der Stellung der deutschen Sozialdemokratie in der Frage der Bekämp-
fung des Krieges gebärdete, schrieb nach dem Kopenhagener Kongreß, 1910:
„die deutsche Sozialdemokratie hatte Recht, wenn sie meinte, daß der Kongreß
sich mit der Stuttgarter Resolution begnügen könnte. In der Tat besagt sie,
daß die sozialistischen Parteien nötigenfalls verpflichtet sind, alle Mittel in
Bewegung zu setzen, die ihnen zur Verhinderung des Krieges am passendsten
erscheinen. Diese algebraische Formel verallgemeinert alle Möglichkeiten, d. h.
unter anderem auch die Möglichkeit nicht nur des Generalstreiks, sondern auch
des bewaffneten Auf Standes (Kursiv von Plechanow) . Und das genügt." („Sozial-
demokrat", Nr. 17). Indem Vandervelde in Stuttgart die Stellungnahme der
deutschen Sozialdemokratie verteidigte, sprach er: „Wir brauchen den Anti-
militarismus nicht am Tage nach der sozialen Revolution, sondern jetzt . . .
im kapitalistischen Militarismus ist die Pflicht, das Vaterland zu verteidigen,
weniger wichtig für den Soldaten als die, auf Vater und Mutter zu schießen"
{Protokoll, S. 94, 67). Derselbe Vandervelde verteidigt in Kopenhagen die
Stuttgarter Resolution und spricht mit Begeisterung von der russischen Sozial-
demokratie, die „als der Krieg mit Japan ausbrach, nicht bloß zum General-
streik, sondern zur Revolution" aufrief (Protokoll, S. 41), und somit in dem-
selben Geiste handelte, der in Stuttgart gebilligt wurde.
Kautsky sagte die Unwahrheit. Als der Stuttgarter Kongreß einstimmig
erklärte, die Sozialisten müßten die durch den Krieg hervorgerufene ökonomische
und politische Krise ausnutzen, um das Volk aufzurütteln, und damit den
Sturz des Kapitalismus zu beschleunigen, bedeutete dies, daß die Sozialisten
die Losung proklamierten: Überleitung der imperialistischen Kriege in den
Bürgerkrieg. Und als der Kongreß in Basel die Arbeiter aller Länder an die
Kommune von 1871 erinnerte, bedeutete es denn nicht, daß er den Bürgerkrieg
proklamierte ? Oder als ebenfalls in Basel der Kongreß den Arbeitern die Revo-
322
lution von 1905 als Beispiel vorhielt, bedeutete es denn nicht, daß die Inter-
nationale und folglich auch die Deutschen die „Verpflichtung auf revolutionäres
Tun beim Kriegsausbruch" übernahmen?
Stuttgart „anerkennen" und zu gleicher Zeit den „Bürgerkrieg" ab-
lehnen, heißt daher entweder Schlaumeierei oder Beschränktheit.
Als 1914 der Krieg ausbrach, stellte unsere Partei die Parole auf: Bürger-
krieg! Überleitung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg! Deswegen
erfuhren wir viele Anfechtungen, angefangen vom extremen Sozialchauvinisten
Eduard David bis zum russischen „linken" Kautskyaner L. Trotzki. Doch
was meinten wir, als wir diese Parole aufstellten ? Wir wollten damit sagen,
daß die Sozialisten aller Länder im Interesse der Arbeiterklasse verpflichtet
seien, ehrlich der Verpflichtung nachzukommen, die sie in Stuttgart und Basel
übernahmen. Wir wollten dasselbe sagen, was in den Jahren vor dem Kriege
sämtliche Führer der II. Internationale hundertmal anerkannten, nämlich, daß
die objektiven Verhältnisse unserer Epoche den Krieg und die Revolution mit-
einander in Zusammenhang bringen!
Der Hauptpunkt der Stuttgarter Resolution wurde vom Kongreß an-
genommen auf Antrag unserer Partei und der polnischen Sozialdemokraten.
Rosa Luxemburg brachte diese „Korrektur" (in Wirklichkeit ist dies die Seele
der ganzen Resolution) im Namen unserer Partei und im Namen der Polen ein.
In der Subkommission des Kongresses, die den Text der Resolution ausgearbeitet
hatte, war Rosa Luxemburg*) als Vertreterin der Bolsc